Dierk Schaefers Blog

Zermürbungskrieg – In Korntal nichts Neues.

Nach wie vor liegen sich die „Brüder“ der Brüdergemeinde Korntal und ehemalige Kinder aus dieser Einrichtung im Stellungskampf gegenüber. In solchen Abnutzungskriegen gibt oft nur Verlierer – auf beiden Seiten.

Die Position der Landeskirche

Die Brüdergemeinde hat sich eingeigelt, ihre Gegner erscheinen hilflos und haben sich in der letzten Zeit darauf beschränkt, die Brüdergemeinde zu verbellen. Darüber hinaus nehmen sie auch den Landesbischof der Württembergischen Landeskirche ins Visier. Der soll eingreifen. Doch der wird ’nen Teufel tun, soweit man einen Landesbischof mit dem Teufel in einem Atemzug nennen darf. Über die behauptete völlige Unabhängigkeit der Brüdergemeinde von der Landeskirche lachen zwar die Hühner, die Bischof July bei seiner letzten Visitation öffentlichkeitswirksam gefüttert hat.[1] Doch warum sollte er sich in der Pflicht sehen? Täte ich auch nicht. Das sollen die Brüder selber ausbaden.

Hinzu kommt die starke Stellung der Pietisten in der Landeskirche. Selbst wenn er wollte, er kann gar nicht anders. »Frank Otfried July, Landesbischof der Württembergischen Landeskirche, sieht die Pietistische Frömmigkeit als Aufgabe kirchenleitenden Handelns“ und [sein Beitrag im Pfarrerblatt] trägt den für manche verwirrenden aber treffenden Untertitel „(K)ein Kirchlein in der Kirche?“. Zum Verständnis mag ein Zitat aus dem FOCUS helfen: „Nur wenige Landes­kirchen sind so stark vom meist strikt konservativen Pietismus geprägt wie die württember­gische. ›Sie durchsetzen die Württembergische Landeskirche wie die Hefe den Teig‹, sagt der Schorndorfer Dekan Volker Teich.« July sieht den Pietismus als „Herausforderung für kirchenleitendes Handeln“. »Das „Pietisten-Reskript 1993“ sei Ausdruck des Gelingens dieser Aufgaben. Dort heißt es einleitend: „Das Reskript hat dem sich immer weiter ausbreitenden Pietismus ein verant­wortliches Eigenleben innerhalb der Kirche ermöglicht und dadurch einer separatistischen Absonderung gewehrt. Der Pietismus bekam offiziell Heimatrecht in der Landeskirche (…) und wurde zu einem Element württembergischen Kirchenwesens, das sich auch in den späteren Phasen der Geschichte in seiner belebenden und aufbauenden Kraft bewährt und als tragfähig erwiesen hat.“ Doch manche Grundlinien seien gleichgeblieben: so »die Abwehr separatistischer Absonde­rung pietistischer Gruppen und die Vitalisierung der Kirche durch die ›belebende Kraft‹ des Pietismus.« [2] Nicht nur July steckt in der Zwickmühle, seine Landeskirche auch. Würde July – wenn er es denn wirksam könnte – in den Streit mit der Brüdergemeinde eingreifen, bekäme er Streit mit den Pietisten in der Landeskirche. Die haben längst Parallelstrukturen zur Landeskirche aufgebaut und brauchen diese Kirche nicht unbedingt. [3]

 

Die Position der Ankläger

Seit einigen Wochen gab es nur ein eher hilfloses Gekeife. Das können die Brüder ruhig aussitzen. Nun gibt es einen neuen Ansatz vom Netzwerk BetroffenenForum e.V. mit der Überschrift: Wir reden Klartext.[4] Dort heißt es abschließend: » … fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!« Denn, so die strategische Überlegung: »würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!«

Was ist davon zu halten?

Dem Aufruf zur Anzeige werden nur wenige Betroffene folgen. Weiß denn die nächste Polizeidienststelle oder die zuständige Staatsanwaltschaft mit dieser psychologisch wie rechtlich heiklen Materie umzugehen?

Der Aufruf ist nicht dazu geeignet, dass alles bekannt wird. Da müssen die Betroffenen schon selber ran. Sie sollten eine unbefangene Vertrauensperson finden, zu der die „Opfer“ Vertrauen aufbauen können. In einer Reihe von Gesprächen kann der jeweilige „Fall“ rekonstruiert werden, kann Mut gemacht werden, offen zur Aussage zu stehen: Ich, N.N., war von — bis in einer Einrichtung der Brüdergemeinde und habe dort folgende Übergriffe von XY und YZ erlebt. Ich halte es für verfehlt, die Organisation anzuklagen, sondern immer nur den oder die Täter. Ansonsten gilt: Wer mehr als einen warmen Händedruck will, muss aus der Anonymität heraustreten – anders geht es in einem Rechtsstaat nicht. Die Opfer sollten sich nicht absprechen, denn das Gedächnis ist nicht immer zuverlässig und ist vor allem formbar. Lediglich das Prozedere muss mit der Vertrauensperson abgesprochen werden. Man sollte möglichst viele Details nennen, die von der Vertrauensperson gesammelt und sortiert werden. Wenn’s zu Anzeigen reicht, dann los. Wenn es lediglich Erlebnisberichte sind, die leicht angezweifelt werden können, oder für die Verjährung gilt, dann muss man sich eine andere Öffentlichkeit suchen. Ich würde ein öffentliches Tribunal in Korntal veranstalten. Die Presse wird Interesse haben.

Die Position der Brüdergemeinde

Man muss deutlich unterscheiden zwischen Tätern und Vertuschern. Selbst die Vertuscher können guten Glaubens sein, dass diese „ungeheuerlichen“ Vorwürfe erfunden sind. Für diese Personen müssen die Vorwürfe glaubhaft gemacht werden. Darum: keine inhaltlichen Absprachen unter den Opfern! Darum: eine seriöse Person als Faktensammler!

Zur Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe: Für die meisten Mitglieder der Brüdergemeinde sind diese Vorwürfe unvorstellbar. Sie widersprechen dem eigenen Lebensentwurf – und der ist fromm, gottgefällig und bibeltreu. Das Verhältnis zur Sexualität ist nicht offen – verklemmt wäre das falsche, weil diskriminierende Wort. Für diese Gläubigen ist der Herrjesus immer dabei, auch im Ehebett[5]. Und bevor meine Leser jetzt breit grinsen: Ich hoffe doch für sie und ihren Partner, ihre Partnerin, dass sie im Bett nicht einfach die Sau rauslassen, sondern auch dort nicht gegen ihre Wertevorstellungen handeln und auf die Menschenwürde beider Partner achten.

Diese Gläubigen glauben noch an das Jüngste Gericht[6] (Mt 25,31-46). Die meisten sind keine Missbraucher. Sie werden jedoch mitschuldig, das sagt auch der Text der Betroffenen deutlich. Biblisch gesprochen: Ich bin missbraucht worden, und du hast meine Klage beiseite geschoben.[7]

 

Nun ist das Netzwerk der Betroffenen am Zuge. Viel Erfolg!

Übrigens: Die Leute mögen ja komisch wirken, aber es gibt gute Gründe, den Pietismus und seine Gläubigen sachgerecht zu verteidigen.

 

Fußnoten

[1] „Auf dem Schulbauernhof füttert auch der Bischof die Hühner – Landesbischof Frank Otfried July besucht die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal“ https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/31/blieb-der-juli-ohne-july-korntal-war-keine-chefsache/

[2] Zitate in diesem Absatz aus: Dierk Schäfer, Nachgedanken zu den Aufsätzen von Hans-Martin Barth, Christoph Dinkel und Frank Otfried July im »Deutschen Pfarrerblatt 2/2016« – Ekklesiologische Schlaglichter – http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4037

[3] Es sollte hinzugefügt werden: Diese Parallelstrukturen wurden von unseren Evangelikalen selber finanziert, neben der regulären Kirchensteuer.

[4] Wir reden Klartext!

Wer jetzt im Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal wegschaut und diese „bibeltreue, evangelikale“ Gemeinde gewähren lässt oder sie gar unterstützt, macht sich mitschuldig!

Die Brüder haben in der Vergangenheit, als wir Betroffenen noch Kinder waren, alles vertuschen können – nun sind andere Verantwortliche zuständig. Die Strukturen der Brüdergemeinde HYPERLINK „http://www.heimopfer-korntal.de/“Korntal haben sich jedoch nicht verändert.

Wir sind heute erwachsene Menschen mit eigenen Biographien, doch die Brüder glauben, uns heute noch behandeln zu können, wie ihre ehemaligen Heimkinder, denen von einigen ihrer „christlichen“ Mitarbeiter auf das übelste sexuelle Gewalt angetan worden ist. Heute beginnt der Missbrauch erneut, mit anderen, nicht weniger perfiden Mitteln!

Klaus Andersen, der Laienvorsteher der Brüdergemeinde Korntal betreibt nur Symbolpolitik. An einer unabhängigen, und umfassenden, sowie nachhaltigen Aufklärung und Aufarbeitung ist er und seine evangelikale Gemeinde überhaupt nicht interessiert. Er beauftragt für viel Geld Menschen, die den Auftrag haben, aktive Betroffene bewusst zu verletzen, vorzuführen und menschenverachtend zu behandeln, mit dem Hintergrund, diese mundtot zu machen, damit nicht alles an Perversionen dieser „Christen“ auf den Tisch kommt.

Denn würde alles bekannt werden, müssten die Jugendhilfeeinrichtungen der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal auf den Prüfstand und gegebenenfalls einem anderen Träger übertragen werden!

Andersen schaut diesem Treiben in seiner „evangelikalen“ Gesinnung strahlend zu.

Wir werden dafür Sorge tragen, dass alles schonungslos offengelegt wird, dass der evangelikalen Brüdergemeinde Korntal die Verantwortung zur „Aufklärung“ von höchster Stelle entzogen wird. Denn die Täterorganisation hat nur ein Ziel: Ihre Einrichtungen vor der Insolvenz zu bewahren und ihre Gemeinnützigkeit zu schützen!

Ihr Bestreben ist, möglichst viele Informationen, Daten und Fakten von Betroffenen zu erhalten, um damit eine selbstgemachte „Aufklärung“, möglichst ohne Schäden an der Organisation, ablaufen lassen zu können.

Deshalb rufen wir alle Betroffenen/Opfer auf, sich nicht bei der Täterorganisation Brüdergemeinde Korntal zu melden und auf kein Treffen zu gehen, das von der Brüdergemeinde Korntal und der AG Heimopfer Korntal geplant ist.

Wir warnen ausdrücklich vor diesem Vorgehen, denn die evangelikalen Brüder wollen gemeinsam mit ihren Beratern und der AG Heimopfer Korntal, ein beschleunigtes Verfahren. Damit möchte man auf die Schnelle den Betroffenen/Opfern, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, einen lächerlichen Betrag von bis zu 5.000 € bezahlen. Andere Betroffene/Opfer von körperlicher, psychischer Gewalt erhalten nichts!

Wir haben aus den Fehlern in der Vergangenheit gelernt; die aktuellen Entwicklungen zeigen ganz deutlich, dass unser Weg richtig ist.

Der „Aufklärungsprozess“ der evangelikalen Brüder ist erneut gescheitert. Ohne Betroffene/Opfer wird und kann es im Missbrauchsskandal der evangelikalen Brüder keine Aufklärung/Aufarbeitung geben!

Wenn sich die evangelikalen Brüder, sowie deren Beauftragte, nur ansatzweise vorstellen könnten, was es heißt, als kleines Kind von einem Erwachsenen anal missbraucht zu werden, Sperma ins Gesicht zu bekommen, Fremdkörper (Schraubenzieher) in den Anus eingeführt zu bekommen, würden sie ganz anders vorgehen, denn wir sind überzeugt, die evangelikalen Brüder und ihre Beauftragen würden uns verstehen – wären es dann doch auch ihre Schmerzen, mit denen wir täglich zu kämpfen haben.

Zum Schluss fordern wir alle Missbrauchsopfer der Brüdergemeinde Korntal, gleich ob sie sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt unterzogen waren, auf, unbedingt und sofort, unabhängig von eventuellen Verjährungsfristen, Anzeige bei der nächsten Polizeidienststelle oder der zuständigen Staatsanwaltschaft zu erstatten. Die Anzeige soll gegen die Organisation gestellt werden und darin können evtl. einzelne Personen genannt werden. Eine Ablehnung der Protokollierung ist nicht zulässig. Lassen Sie sich die Anzeige bestätigen!

Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Detlev Zander Betroffener, Sprecher Netzwerk BetroffenenForum e.V.

Kontakt: dzander@aufarbeitung-korntal.de   0172 / 4714 241   Plattling 19.03.2017

[5] Man muss sich vor Augen führen, dass das Verhältnis zu Jesus für viele Gläubige eine sublime erotische Komponente hat. Das wird deutlich – und funktioniert bei vielen Kirchenliedern, wenn man mal versuchsweise nach jeder Zeile „unter der güldenen Decke“ einfügt. Wie soll ich dich empfangen … und wie begegn’ ich dir, …. Es macht einerseits die Innigkeit der Beziehung deutlich, zeigt aber auch, welch Sakrileg mit jeder „Unkeuschheit“ verbunden ist. Man kann darüber Witze machen, doch die fallen auf den Witzbold zurück. Es wird ja niemand gezwungen, diese Frömmigkeit zu übernehmen.

[6] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/

 

Korntal und die Vorverurteilung

Ein Beschuldigter ist bis zu seiner gerichtsfesten Verurteilung als unschuldig nicht nur anzusehen, sondern zu behandeln. Das Urteil über Rechtsanwalt Weber ist in Korntal schon gefällt.

Es hat zwar auch noch keinen Prozess über die Missbrauchsvorwürfe gegen Verantwortliche in Korntal gegeben; dank der Verjährungsfristen wird es wohl auch nicht dazu kommen. Dennoch ist ein öffentlicher Druck entstanden, aufgebaut worden, die Vorwürfe zu klären und die Vergangenheit – wie auch immer – aufzuarbeiten.

 

»Eigentlich hätte Weber vor wenigen Tagen offiziell als Aufklärer beauftragt werden sollen. Die Mediatoren, die Brüdergemeinde und Opfervertreter bis zu einer Beauftragung begleiten sollten, stoppten das Verfahren vorerst. Als Grund wurde ein Medienbericht angegeben, demzufolge der Anwalt in eine Korruptionsaffäre verwickelt sein könnte.«[1]

»Weber selbst wies die Berichte zurück: „Es wird nicht gegen mich ermittelt“, sagte der Anwalt, der zuvor auch die Missbrauchsvorwürfe bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet hatte. … Opfervertreter Detlev Zander erklärte nach den Gesprächen: „Die Wünsche der Opfer werden hier überhaupt nicht mehr berücksichtigt.“ Er selbst hatte den Missbrauch im Sommer 2014 öffentlich gemacht. Der heute 55-Jährige war in den 1960er und 70er Jahren im Heim. Seinen Angaben zufolge werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in den zwei Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Der Versuch einer Aufarbeitung war Anfang 2016 schon einmal gescheitert. Eine neuer Versuch, die verhärteten Fronten zu überwinden, soll bei einer weiteren Gesprächsrunde am 25. März unternommen werden.«[2]

»Bei seiner Absage übt der Rechtsanwalt scharfe Kritik an den Mediatoren. …Weber begründet seine Entscheidung mit inhaltlichen Differenzen mit der auftraggebenden Brüdergemeinde. Wohl war der Vertrag zwischen ihm und den Pietisten weitgehend ausgehandelt. Doch „eine explizit von mir geforderte Erklärung­, dass die Brüdergemeinde von einem Einflussrecht auf meine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess Abstand nimmt, ist bisher nicht erfolgt. Ein unabhängiges Arbeiten wäre unter diesen Umständen nicht möglich“, sagt Weber. Er greift in seiner Absage zudem die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz scharf an. „Die Einflussnahme der Mediatoren, speziell deren Kommunikationsverhalten in den letzten Tagen, zeugte von fehlendem Respekt, da Inhalte und Entwicklungen über meine Verpflichtung, ohne mich vorab zu informieren, in die Öffentlichkeit getragen wurden.“«[3]

Aufgrund des Berichts über die Verwickelung in den Korruptionsskaldal »verkündete die Mediatorin im Korntaler Missbrauchsskandal – ohne Rücksprache mit den ehemaligen Heimkindern – die Wahl Webers könne nicht stattfinden. Stattdessen solle Weber zunächst die Möglichkeit gegeben werden, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Die Betroffenen erfuhren davon aus der Presse. Weber sagte am Samstag, er habe eine „gebotene Stellungnahme“ zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen abgegeben. „Ich werde nicht verdächtigt, und gegen mich wird auch nicht ermittelt.“ Über die dennoch erfolgte Berichterstattung sagte er: „Für die Motivlage hier wie dort habe ich keine Erklärung.“«[4]

»Vertreter der Opferorganisationen hielten trotz der Meldungen an dem Juristen fest, der auch die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen leitet.Weber fürchtet nach eigenen Worten, dass ein unabhängiges Arbeiten in Korntal nicht möglich wäre. Die Brüdergemeinde habe keine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, seine Veröffentlichungen im Aufklärungsprozess nicht zu beeinflussen. Den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz wirft er „fehlenden Respekt“ vor. Sie hätten Informationen über seine Verpflichtung in die Öffentlichkeit getragen, ohne ihn vorher zu informieren. Ehemalige Korntaler Heimkinder berichteten von sexueller und körperlicher Gewalt sowie Zwangsarbeit in Brüdergemeinde-Einrichtungen insbesondere in den 60er und 70er Jahren. Ein erster Versuch der Aufklärung scheiterte im vergangenen März, nachdem die Betroffenen dem Team um die Landshuter Sozialwissenschaftlerin Mechthild Wolff das Vertrauen entzogen hatten.«[5]

»Im Ringen um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal (Kreis Ludwigsburg) fordern Opfervertreter nun ein Krisengespräch mit Vertretern der Landeskirche Württemberg. „Es ist höchste Zeit für ein Signal an die Missbrauchsopfer, dass sich etwas bewegt“, sagte Netzwerk-Sprecher Detlev Zander. … Der Anwalt habe „aufgegeben, weil die Brüdergemeinde ihn nicht unabhängig arbeiten lassen will, doch wir kämpfen weiter für Weber“, sagte Zander. Die Brüdergemeinde wies das zurück. …

Nach Angaben des Betroffenen-Netzwerks werfen mehr als 300 ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde vor, in den 1950er bis 1980er Jahren in deren zwei Kinderheimen sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden zu sein. Ob es tatsächlich zu dem geforderten Krisentreffen kommt, war zunächst nicht absehbar.«[6]

 

Man sagt, die Hoffnung sterbe zuletzt. Hier sieht es nach einem langen Würgetod aus.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsfall-korntal-rechtsanwalt-ulrich-weber-lehnt-zusammenarbeit-ab.ca296589-346e-4655-ad50-778bef7c75e5.html

[2] http://www.swr.de/swraktuell/bw/missbrauchsfaelle-in-korntal-aufklaerung-verzoegert-sich-weiter/-/id=1622/did=18999174/nid=1622/1yhc7ht/

[3] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-bruedergemeinde-ulrich-weber-wirft-in-korntal-hin.d7619177-34c4-4648-a9bf-501d60334fc4.html

[4] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.missbrauchsskandal-korntal-die-kuer-webers-scheitert-an-den-pietisten.5ff393ec-2b0d-49d7-8dc6-2848b9d682af.html

[5] http://www.epd.de/landesdienst/landesdienst-s%C3%BCdwest/jurist-weber-nicht-zur-aufkl%C3%A4rung-von-missbrauch-korntal-bereit

[6] http://www.zvw.de/inhalt.korntal-missbrauchsopfer-fordern-krisengespraech-mit-kirchenfuehrung.12d5e93f-d3c8-4a3a-8796-3fc827fee3b9.html

Die geschickt taktierenden und unbeugsamen Brüder von Korntal

Sie kegeln den zur Wahl stehenden Regensburger Rechtsanwalt Weber aus dem Verfahren, wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht.

Sollten sie Einsicht entwickeln und Sinn für Fairness, wäre es wohl ein Wunder.

 

Hier die beiden Pressemitteilungen.

pmvork12-02-2017   gerald-kammerlvors-pm213-02-2017

Betr. Brüdergemeinde Korntal, Pressemitteilung

Pressemitteilung des Netzwerk Betroffenen Forum e.V.

Von Betroffenen für Betroffene – Kongress „MitSprache“  tagte vom 18.11.2016 – 19.11.21016 mit internationaler Beteiligung in Berlin. Der Pressesprecher des Netzwerks BetroffenenForum e.v. stellt Aufarbeitungskonzept vor.

Plattling, 21.11.2016 Der Betroffenenrat um  den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig hatte zum Kongress MitSprache in  Berlin eingeladen. Anlässlich des 2.Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch, wurde von sexualisierter Gewalt Betroffenen und Unterstützer/innen, unter dem Arbeitstitel „MitSprache“ eine Bühne geboten, sich gegenseitig zu ermutigen, politisch zu vernetzen und gemeinsam Aufsehen zu erregen.

Betroffene im Missbrauchs,- und Misshandlungsskandal der E.v. Brüdergemeinde Korntal (Stuttgart) nahmen teil an diversen Podiumsdiskussionen und Workshops, in denen vielfältige Themen fachlich diskutiert und weiterentwickelt wurden. Diesen Rahmen nutzte der Sprecher des Netzwerk  BetroffenenForums e.V. Zander um das mühevoll mit Leidensgenossen/innen und dem Verein BetroffenenForum e.V. erarbeitete Aufarbeitungskonzept zur Aufklärung der Missbrauchsfälle in der E.v. Brüdergemeinde Korntal, vorzustellen und erhält dafür große Zustimmung. Das fachkundige Publikum und höchste politische Kreise um den unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Rörig beschreiben das Konzept als richtungsweisend und zielführend und loben dieses Konzept und die sich daraus entwickelnden weiteren Schritte der Aufklärung genauso, wie die ungebremste Tatkraft und den ungebrochenen Willen zur Aufklärung der Handelnden des Netzwerk BeroffenenForums e.V. um den Frontmann Zander.

Detlev Zander Vereinssprecher: „ Der Schutz von Kindern und Jugendlicher ist elementar. Zugleich müssen die Belange all derer, die in der Vergangenheit von Staat und Gesellschaft nicht geschützt wurden, endlich Beachtung finden. Es braucht funktionierende begleitende Hilfesysteme, denn Betroffene sexualisierter Gewalt haben nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft.“

In zahlreichen Gesprächen und Erfahrungsaustausch mit  bundesweiten  agierende und anerkannten Fachleuten konnte auf diesem Kongress, auf den Missbrauchs,-und Misshandlungsskandal in der E.v. Brüdergemeinde Korntal (bei Stuttgart) aufmerksam gemacht werden und gleichzeitig ein Feedback zum Aufklärungskonzept des Netzwerk BetroffenenForums e.V.  eingeholt werden. Gespräche mit überregionalen Vertretern sämtlicher Medien waren zu dem für die Erweiterung des Netzwerkes von herausragender Bedeutung und zeigten eindrucksvoll das bundesweite Interesse und die große Anteilnahme am Schicksal der Betroffenen. Die große Wertschätzung, der Respekt und die Anerkennung der Leistung der Handelnden des Netzwerk BetroffenenForums e.V. um Zander wurde ebenso deutlich wie der Zuspruch den eingeschlagenen Weg trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse weiterzuverfolgen.

Für den Verein Netzwerk BetroffenenForum e.V. dem sich zahlreiche Betroffene im Misshandlungs-und Missbrauchsskandal der Brüdergemeinde Korntal angeschlossen haben, steht längst fest: „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist kein individuelles Schicksal. Kindesmissbrauch ist weltweit ein Bestandteil gesellschaftlicher Strukturen. Kindesmissbrauch betrifft alle sozialen Umfelder, Familie genauso wie, Bildungseinrichtungen, Jugendhilfeeinrichtungen und religiöse Gemeinschaften. Die Dunkelziffer von Missbrauch in all seinen Varianten ist seit Jahren unverändert hoch. Diese Tatsache muss gesellschaftlich und vor allem auch politisch endlich anerkannt werden und zur Grundlage weiteren gemeinsamen Handelns werden.“

www.heimopfer-korntal.de

Ansprechpartner:

Detlev Zander

dzander@aufarbeitung-korntal.de

Fon: 0172 / 47 14 240

 

 

Voller Zorn und voller Scham

Sehr gut auf den Punkt gebracht wird mit dieser Überschrift die Lage der ehemaligen Heimkinder, in diesem Fall in Korntal.

Die Brüdergemeinde in Korntal bei Stuttgart war schon mehrfach Thema in diesem Blog.

Die Hängepartie dauert an. Da ist die Rede von Gesprächsangeboten »der verantwortlichen Brüder, … in E-Mails versprochen, die aber nie Wirklichkeit wurden. „Das ist wie früher in Korntal, außer leeren Versprechungen ist nichts gewesen.“«

Wenn da nicht der Korntaler Anspruch wäre, besonders fromm zu sein. Doch vielleicht ist das der Grund, der Realität auszuweichen. Angemessene Konsequenzen kosten nicht nur Geld, sondern Einbußen am überhöhten Selbstbild. „Der Hauptpunkt von Korntal sind für mich die unendlichen Demütigungen, Missachtung und Nichtbeachtung, das ,Nichtsehen’ der Kinder. Du kennst ja als Mutter, wie das wichtig ist für die Kinder, dass sie den ,Glanz im Auge der Mutter’ erfahren. Aber wenn ich an die ‚Schwarzen Raben’ (= schwarz gekleidete Diakonissen) im Kleinen Kinderheim denke, erinnere ich da nur Dunkles, Ungeduldiges und ,Schwarzes’ in ihren Augen. Der seelische Missbrauch ist schon unerträglich. Wie schlimm ist dann erst der körperliche??!!!“.

Da meinet man demütig sein zu müssen vor seinem Gott und hat es mit Demütigungen verwechselt.

Alle Zitate aus: http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/276/voller-zorn-und-voller-scham-3757.html?pk_campaign=KONTEXT-per-EMail&pk_kwd=Ausgabe-276

 

Kloster Ettal hat seine Hausaufgaben gemacht

Posted in Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Uncategorized by dierkschaefer on 9. Juli 2016

So jedenfalls das Ergebnis, das im Deutschlandfunk präsentiert wurde.

»Auch die Missbrauchsopfer sind weitgehend einverstanden damit, wie Ettal sich seiner Vergangenheit gestellt hat.«[1]

Man lese und vergleiche.

Eine Lektüre für die Brüdergemeinde in Korntal.

[1] http://www.deutschlandradiokultur.de/missbrauch-und-misshandlung-aufarbeitung-im-kloster-ettal.1001.de.html?dram:article_id=349352

Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 28. Juni 2016

Ja – aber warum?

Die Leser meines Blogs werden aufgemerkt haben, als ich erstmals und ohne weiteren Kommentar einen Text von Erich Kronschnabel auf die Ebene eines förmlichen Blog-Artikels gehoben habe. Lediglich von „Gossensprache“ schrieb ich warnend für empfindliche Gemüter.[1]

Die Obszönität ist bei Kronschnabel die Methode, mit der er die eigentlichen Obszönitäten geißelt: 1. Die Verbrechen an Kindern in kirchlichen Einrichtungen und 2. der Betrug und Heuchelei bei der Verweigerung einer realistischen Entschädigung.

Heinrich Bedford-Strohm, derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt über Bonhoeffer:

»Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.«[2]

Was hat das mit der Heimkinderfrage zu tun?

Es geht zunächst nicht um die Frage, ob man „dem Rad in die Speichen fallen“ soll. Dieser Wagen, von Staat und Kirchen gesteuert, hat längst seine Opfer hinter sich gelassen. Nun ist das dran, was Bedford-Strohm so kurzweg die zweite Aufgabe nennt: der diakonische Dienst an den Bedürftigen, der ohnehin bleibe. Das ist allzu simpel.

Hier setzt Kronschnabel ein und kommt, sprachlich völlig realistisch, auf die für die Kirchen unbequeme Gegenwart. Es geht eben nicht um Bonhoeffers „Verantwortlichmachung des Staates“, sondern um die der Kirche. Die aber kümmert sich lieber um die „kirchliche Außenpolitik“ und verdeckt damit die interne Fäulnis. Das mit dem Frieden und den Flüchtlingen ist ja richtig und wichtig, doch wenn’s nur zur Camouflage dienen soll, ist’s Heuchelei, naiv oder absichtlich.

Bonhoeffer kann man als Blutzeugen leicht auf den Denkmalsockel stellen, – gut für Sonntagsreden. Doch im Alltag gerät Bonhoeffer der Kirche zur Peinlichkeit. „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ Mir wird so kannibalisch wohl, wenn ich an diesen wohlfeil gebrauchten Trost denke, für den die Kirchen im Unterschied zu Bonhoeffer nicht habhaft einstehen wollen.[3]

Herrn Kronschnabel sei Dietrich Bonhoeffer an Herz gelegt[4] und der Gedanke, dass organisierte Mitmenschlichkeit über die gleichen Probleme stolpern kann, wie sie vielen Organisation eigen sind, die sich am Markt behaupten müssen. Die Organisation läuft und läuft und läuft – zuweilen bis ihre kriminellen Methoden publik werden – und sie läuft dennoch weiter. Oder glaubt irgendjemand, dass VW vom Markt verschwindet?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[2] http://www.zeit.de/2015/15/dietrich-bonhoeffer-todestag-protestantismus-widerstand/komplettansicht

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer

„Geistliche Aufarbeitung“?

Die Aufarbeitung von physischer und psychischer Gewalt in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal in den 1940er Jahren bis in die 70er Jahre steht wieder am Anfang. Aber die ehemaligen Heimkinder lassen sich nicht beirren, sie halten an der Aufarbeitung der Vorfälle in den Kinderheimen fest, auch wenn das Projekt zunächst gescheitert ist.

»Die Betroffenen hatten nicht nur die historische Aufarbeitung gefordert, sondern etwa auch die Pietisten zu einer geistlichen Aufarbeitung gedrängt. Diese stimmten zu – ehe dann diese Woche in weiten Teilen die Rolle rückwärts folgte. Erst warfen Wolff und ihr wissenschaft­liches Team hin, dann erklärte die Brüdergemeinde die Aufarbeitung für gescheitert. Schuld seien allein die Betroffenen, stellten die Pietisten ihre Sicht der Dinge dar.«[1]

 

Zum ersten Mal lese ich von einer „geistlichen Aufarbeitung“. Ist damit eine theologische Aufarbeitung gemeint? Die vermisse und fordere ich schon lange. Was ist das, was soll das bringen?

All die Misshandlungen, die Demütigungen, die Ausbeutung, soweit sie in kirchlichen Einrichtungen geschahen, müssen sich am theologischen Konzept dieser Einrichtungen messen lassen. Nun mag der Begriff Konzept zu hoch gegriffen sein. Die Einrichtungen wurden betrieben aufgrund von und mit christlichen Überzeugungen. Als Beispiel sei die Inschrift über der Eingangstür zum evangelischen Frauenheim Himmelsthür genannt: Wer aus- und eingeht durch die Tür / Der soll bedenken für und für / Dass unser Heiland Jesus Christ / Die rechte Tür zum Himmel ist. [2]

Nach theologischen Gründen für Missbrauch muss man nicht fragen. Die gibt es nur für Schwarze Messen. Davon ist mir jedoch aus christlichen Einrichtungen nichts bekannt. Eine Integration solcher Messen in christliche Theologie wäre auch unmöglich.

Aber die Themen Demütigung, „Arbeitstherapie“, pädagogische Härte und ständige Überwachung hatten einen theologischen Hintergrund.

Wie bei den islamistischen Selbstmordattentätern ist das jenseitige Leben das ausschlaggebende, ist bedeutender als das irdische Leben, immerhin dauert es eine Ewigkeit. Das Ziel rechtfertigt jeden Einsatz. Die Kinder, zumal wenn sie „Kinder der Sünde“ waren, mussten hier auf Erden notfalls gewaltsam für das ewige Leben zugerichtet und mussten gedemütigt werden, um Demut zu lernen.

Wer dieses „gottgefällige“ Werk an den Kindern tat, vergrößerte auch seine himmlischen Chancen, wenn auch im Widerspruch zur reformatorischen Rechtfertigungslehre. Mindestens ebenso wichtig erscheint mir, dass die Gründer und Betreiber solcher Einrichtungen ihr bürgerliches Ansehen durch „selbstlose“ Liebestätigkeit an den Kindern vermehrten, die am Rand der Gesellschaft standen und für die sich niemand sonst einsetzte. Doch narzisstisches Ego wird durch keine Theologie gerechtfertigt.

Es bleibt also das „Ewige Leben“, das theologisch zu überdenken ist: seine Implementierung in den Köpfen und seine Rolle für die Rechtfertigung diverser Misshandlungen, die nicht nur konträr zu den damals noch recht neuen Menschenrechten standen, sondern auch nichts zu tun hatten mit dem Bild von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und nichts mit dem Jesuswort bei Matthäus 18,6 + 10: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist. Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit in das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Schließlich die uneingestandene theologische Hilflosigkeit, wenn – gar nicht so untypisch – der Pfarrer einer Einrichtung auf die Frage: Warum bin ich behindert?Weil Gott Dich prüfen will antwortet. Damit ist das Thema Leiden anzusprechen. Zumindest im Traditionsgut wird es immer noch in Anlehnung an das Leiden Jesu wertgeachtet.[3]

 

Abgesehen von der Denk- und Hoffnungsfigur des ewigen Lebens sind die damaligen Anschauungen auch theologisch überholt. Was fehlt ist die eingestandene Verknüpfung von damaliger Theologie und menschenrechtswidrigem Verhalten.[4] Mit dem Versuch, die Institution Kirche zu schützen schützt man auch die Gründerväter und ihre Theologie. Auch an evangelische Heiligenlegenden darf nicht gerührt werden.

Eine „geistliche Aufarbeitung“ tut not.

Was kann sie bewirken? Ehrlichkeit und Vertrauen.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.missbrauchsskandal-in-korntal-das-spiel-mit-der-macht-page1.c42b94da-9d0c-4ba7-b126-60e77afe1442.html

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf

[3] Aus dem Adventslied: Es kommt ein Schiff geladen die Strophen 5 und 6:

5 Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will, / muß vorher mit ihm leiden / groß Pein und Marter viel, – 6 danach mit ihm auch sterben / und geistlich auferstehn, / das ewig Leben erben, / wie an ihm ist geschehn.

[4] Ich sehe auch nicht, dass die Universitätstheologie diese Thematik aufgreift, mag mich aber irren.

Brüdergemeinde Korntal: Hotline für missbrauchte Heimkinder

Posted in Kinder, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 4. November 2015

»Nach dem Missbrauchsskandal in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal will die Diakonie der Gemeinde eine Telefon-Hotline für Betroffene einrichten.

Die telefonische Meldestelle wird an der Hochschule Landshut eingerichtet werden. Betroffene sollen sich unter der Telefonnummer melden und mitteilen können, ob sie zu ihren Erlebnissen befragt werden möchten oder nicht. Darauf hat sich die Steuerungsgruppe zur Aufklärung der Vorfälle in den Korntaler Kinderheimen verständigt, teilte deren Sprecherin Mechthild Wolff mit. Wolff ist Professorin an der Hochschule Landshut.«[1]

[1] http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/stuttgart/bruedergemeinde-korntal-hotline-fuer-missbrauchte-heimkinder/-/id=1592/did=16415472/nid=1592/hxc87v/

Hilfsbereite Damen erfüllen auch ausgefallene Wünsche …

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 19. April 2015

»Hilfsbereite Damen erfüllen auch ausgefallene Wünsche wie den eines Missionars.«

Ein Schelm, der schlecht darüber denkt. Er hatte sich den Tee nach Japan nachschicken lassen, der ihm im Korntaler Israelladen so gut geschmeckt hat.[1]

Ach ja, das Heilige Korntal lässt inzwischen allerdings an vieles denken, was nicht so harmlos ist wie die Tee-Gelüste eines Missionars. Da wollen sich tatsächlich 200 ehemalige Heimkinder aus Korntal zwölf Millionen Euro Entschädigung „nachschicken“ lassen, Entschädigung für ausgefallene Wünsche. Das sollen erzwungene sexuelle Dienstleistungen gewesen sein, auch Missbrauch genannt. Während der fromme Missionar seinen Tee wohl bezahlt haben dürfte, verweigert die Brüdergemeinde Korntal die Zahlung. Sie ist »nach Angaben eines Sprechers noch mit der Aufarbeitung der Ereignisse beschäftigt«[2]

Die Zahlung der Rechnung für die ausgefallenen Wünsche soll anscheinend ausfallen: »Die Brüdergemeinde schließt nach Angaben von Freitag jegliche Zahlungen aus.«

Frage: Welche Ereignisse werden im Heiligen Korntal eigentlich aufgearbeitet, wenn man schon weiß, dass es Zahlungen nicht geben wird? Die Doktorlesspiele des damaligen Heimpersonals scheinen noch harmloser gewesen zu sein als die ausgefallenen Teewünsche eines Missionars.

Die Betroffenen auf der anderen Seite sehen das anders: »„Die Forderung werden wir auch durchsetzen“, sagte ein Sprecher der früheren Heimbewohner am Freitag.«

Die Betroffenheit der Brüdergemeinde scheint sich in Grenzen zu halten, wenn man von der finanziellen Seite absieht. Für die hat man bestimmt einen ganz ausgefallenen Joker im Ärmel: Verjährung.

Wenn das die „Seele“ der Brüdergemeinde unangefochten überstehen sollte, gäbe das den Blick auf eine Seele ganz ausgefallener Art frei: frisch, fröhlich, fromm. Da hätte ich einen ganz ausgefallenen Wunsch: Mitglied werden in dieser frommen Gemeinde, in der es hilfsbereite Damen gibt, die uns sogar den Tee nachschicken ins nicht so fromme Exil.

[1] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Das-heilige-Korntal-entstand-1819;art4319,1771116

[2] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/suedwestumschau/Missbrauchsvorwuerfe-gegen-Heim-Millionenentschaedigung-gefordert;art1157835,3169931