Dierk Schaefers Blog

Ein Theologe, er spricht vom „Symbolcharakter“

Posted in Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 15. Juli 2014

»Wenn juristische Ansprüche verjährt und die Täter nicht mehr zu ermitteln sind oder diese nicht mehr leben, zahlen die beiden evangelischen Landeskirchen 5.000 Euro an die jeweiligen Opfer. Die Geldzahlung habe „Symbolcharakter“, sie sei „ein Element in einem Gesamtsystem von Unterstützung“, sagt Albert Henz, theologischer Vizepräsident der EKvW. Das Leid der Opfer lasse sich „nicht entschädigen und nicht wiedergutmachen“. Es gehe darum, sie „ernst zu nehmen, anzuerkennen und ihr Schicksal zu würdigen“«[1].

 

Wenn ein Theologe vom Symbolcharakter spricht, weiß er wohl, welchen Begriff er benutzt.   Symbolum ist die kirchenlateinische Bezeichnung für das christliche Glaubensbekenntnis, ist Synonym, gleichbedeutend für Credo.[2]Wie vielfältig die Glaubensbekenntnisse sind und welche Wirkungen sie gegeneinander entfaltet haben, mag man bei Wiki nachlesen.[3]

Was mag nun das Glaubensbekenntnis des theologischen Vizepräsidenten der Evangelischen Kirche von Westfalen (EkvW) sein?

Da ist zunächst der Glaube an die Verjährung, also der Glaube an die Normen des säkularen Rechtsstaates, die seine Kirche von Rechtsfolgen befreien. Verjährt ist verjährt. Er denkt wohl nicht daran, daß diese Einstellung auch theologische Implikationen haben könnte.[4]

Kann ihm vorwerfen, daß er an den schnöden Mammon glaubt? Geld, sagt er, habe Symbolcharakter, sei als solches ein Element in einem Gesamtsystem von Unterstützung. Das Gesamtsystem von Unterstützung bleibt nebulös? Wie sieht die denn aus? Ist sie auch reine Glaubenssache? Immerhin kann er mit diesen beiden Bekenntnissätzen viel Geld sparen.

Er bewegt sich mit seinem sonstigen Glauben in traditionsbewährten Bahnen. Die sexuellen Übergriffe in kirchlichen Gefilden sind die ganz schlimmen, die Gewalt nicht so sehr. Das Klingelbeutelgeld als Geste gibt es nämlich ausschließlich für sexuelle Übergriffe von Einzeltätern in kirchlichem Anstellungsverhältnis. Es geht nicht um die Strukturen, die  Mißhandlungen und Ausbeutung in diversen Erziehungseinrichtungen förderten, erst recht nicht um eine fehlgeleitete Theologie. Diese Mißhandlungen sind nicht einmal finanziell-symbolisch anerkennenswert.[5]

Damit bekundet er auch seinen Glauben an die Kirche, an die real existierende Kirche Jesu Christi in evangelisch Westfalen. Er schützt ihre Strukturen samt ihren Heimen und deren Vergangenheit.

Hierzu gehört auch sein Glaube an die Verfahren der Antragstellung bei der Anlaufstelle. Seine „Troika“, gebildet von der Evangelischen Kirche von Westfalen, der lippischen Landeskirche und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, besteht auf einem persönlichen Antrag und ausführlicher Fallschilderung durch die traumatisierten Opfer. Zum anonymisierten Fall, der eine individuelle Problematik verdeutlich, wurde ganz deutlich eine Stellung- oder gar An-nahme verweigert.[6]

Ja, man kann ihm im Blick auf sein Gewissen und das Kirchenbudget nur zurufen: Sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Das sagte Jesus nach Matthäus 9;20. An Kirchenfunktionäre hat er dabei wohl nicht gedacht – glaube ich.

 

[1] http://www.lz.de/owl/11182331_Spaete_Zahlungen_an_Missbrauchsopfer.html Dienstag, 15. Juli 2014

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Symbolon_%28Begriffskl%C3%A4rung%29

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Christliche_Glaubensbekenntnisse

[4] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/02/08/betr-anerkennung-leid/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/05/28/klartext-wenn-auch-pseudonymisiert/

Klartext, wenn auch pseudonymisiert

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Menschenrechte by dierkschaefer on 28. Mai 2014

Wer sich mit den Schicksalen ehemaliger Heimkinder auskennt, weiß von der Verletzbarkeit, weiß auch, daß manche es nicht schaffen, Klartext zu reden über ihre Erlebnisse.

Wenn sie Vertrauen schöpfen, dann können sich manche öffnen.

Und manchen kann geholfen werden, zumindest „logistisch“ bei der Antragstellung[1], wie in diesem Fall. Die Troika derEvangelischen Kirche von Westfalen, der lippischen Landeskirche und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe [2] besteht allerdings auf persönlichem Antrag und ausführlicher Fallschilderung.

Andere Kirchen sind großzügiger und lassen Hilfestellung zu.

Der hier wiedergegebene Brief ist mit Ausnahme aller Namen (Personen, Orte, Einrichtungen) original. Die Klarnamen sind mir bekannt, ich habe sie pseudonymisiert.

Doch ansonsten lesen Sie Klartext.

 

 

An die

Evangelische Landeskirche

z.Hd. Frau Conradi

 

Sehr geehrte Frau Conradi;

 

die Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder in Ihrem Bereich verwies Herrn Georg Ahrenholz mit der Bitte an mich, ihm bei der Antragstellung auf Leistungen aus dem Kirchenfonds für Opfer sexualisierter Gewalt behilflich zu sein.

 

Der Antrag sollte Ihnen bereits zugegangen sein.

 

Ergänzend dazu möchte ich Ihnen und der Unabhängigen Kommission die bei der Antragsausfüllung gewonnenen Eindrücke schildern.

 

Herr Ahrenholz ist ein sehr introvertierter Mann, der offensichtlich sein Leben lang in psychischer Angst aus dem im Heim Erlebten litt und leidet. Das zeigte sich schon dadurch, dass er sich bis heute nicht von der Dominanz des Täters Wrede befreien konnte. Institutionen und deren Mitarbeiter ängstigen den Mann auch heute noch. Frau Braukmann von der Anlaufstelle erkannte das ebenfalls und schickte Herrn Ahrenholz zu mir, in der Hoffnung, dass der sich mir gegenüber öffnen würde.

 

Bei einem Erstkontakt auf einem Autohof merkte ich die Verschlossenheit und die Ängste des Herrn Ahrenholz. Zur Antragsausfüllung suchte ich ihn auf dem Campingplatz bei Neustadt auf, wo er den Sommer verbringt. Nachdem ich ihm meinen eigenen Beschluss der Unabhängigen Kommission zu lesen gab, taute er merklich auf. Er saß einem „Schicksalsgenossen“ gegenüber, sein „Schutzwall Schweigen“ brach ein.

 

Ich erlebte ein Lebensdrama, wie ich es in solcher Wucht noch nicht erlebt hatte – und Sie alle wissen, dass ich in dieser Hinsicht reichlich Erfahrungen sammelte. Ein Pastor nutzte das ganze Gewicht seiner Position aus, um das Opfer gefügig zu machen. Wer Herrn Ahrenholz erlebt, merkt auch heute noch unschwer, wie unterwürfig er ist, wie obrigkeitshörig, wie angepasst. Die Heimleitung, der Täter als Pastor der Kirchengemeinde in der Herr Ahrenholz beim Bauer als Billigsklave geparkt war und der Bauer selbst sahen im Opfer keinen Mensch. Sie benutzten ihn schamlos als Arbeits- und Sexsklave, vorweg die als Pastoren agierenden Schweinehunde in Gestalt des Täters und des Heimleiters des Knabenstiftes.

 

Diese Clique zerbrach den Mann, machte ihn zum Opfer auf Lebenszeit!

Zu allem Überfluss verlor der Mann bei der Arbeit als Sklave des Vertragsbauern auch noch den gesamten Daumen an einer Kreissäge.

Das schloss ihn für immer von dem Erlernen eines handwerklichen Berufes aus, machte ihn zum Hilfsarbeiter auf Lebenszeit. Die Wundversorgung war mehr als mangelhaft, weil es die Heimleitung einen Dreck interessierte, ob der Mann richtig versorgt wurde.

 

Die aus den sexuellen Mißbräuchen resultierenden seelischen Schäden sind furchtbar. Der Mann brach völlig zusammen, ich unterließ es bewusst, dieses Elend detailliert im Antrag festzuhalten, weil Herr Ahrenholz den Antrag dann niemals abgeschickt hätte. Trotz antrainierter Härte durch erlebte Opferschicksale hatte auch ich einen mehr als bösen Tag, als ich Herrn Ahrenholz‘ Antrag ausfüllte.

 

Herrn Ahrenholz‘ erste Ehe zerbrach an den Auswirkungen der erlebten sexuellen Mißbräuche, er zerbrach wiederum an den Folgen der Scheidung. Seine zweite Ehe wurde ebenfalls durch die psychischen Folgeschäden aus den Mißbräuchen belastet. Viele in der Jugend mißbrauchte Männer haben nicht heilbare Potenzprobleme im Zusammenleben mit Frauen, weil die Erinnerungen Tribut fordern, zeigen meine Erfahrungen mit Opfern. Die Lebensqualität in dem Sinn existiert überhaupt nicht.

 

Wenn ich dann die häufig von Seiten der Täternachfolger benutzten Sprüche wie „Geld kann geschehenes Übel nicht heilen!“ lese oder höre, empfinde ich diese Unverfrorenheit als zusätzlichen Schlag in die Gesichter der Opfer!

 

Zerstörte Psyche, zerstörtes Leben, Leben in prekärsten Verhältnissen, weil psychische Schäden sich im Laufe der Jahrzehnte potenzierten und Berufserfolge unmöglich machten. Bei Herrn Ahrenholz führte das zu ständiger Erhöhung des Schwerbehindertengrades, der bis auf 60% anstieg! Wohlgemerkt als Folge der Mißbräuche, die den Mann seelisch zerstörten.

 

Der Landeskirche stünde es gut zu Gesicht, wenn sie im Fall Ahrenholz diese lächerliche Täterschutzbehauptung des nicht mit Geld heilbaren Schadens in der Schublade lassen würde! Der Täter wurde mit voller Pension „belohnt“, genau das ist die Kirche den Opfern auch schuldig!

Ahrenholz war bis zum 21. Lebensjahr Sklave des kirchlichen Kinder-KZ Knabenstift in Neustadt, musste unbezahlt schuften, wurde bei dem Sklavendienst auch noch zum körperlichen Krüppel – und musste dem Pastor Wrede als Sexsklave dienen.

 

Wer von der Unabhängigen Kommission hat die Unverfrorenheit, diesen heute 75-Jährigen mit der Klingelbeutelsumme von 25.000,- abzuspeisen??? Ich erlebte diesen zerstörten Menschen und frage Sie, wie Sie mir und anderen Opfern erklären wollen, dass ein Kinder schändender Pfaffe Hunderttausende an Pension in den feisten Hintern geschoben bekam, sein Opfer aber mit lächerlichen „Entschädigungen“

abgespeist wird.

 

Mit besten Grüßen

Weißleder

 

[1] Es ist zu vermuten, daß diese logistische Hilfe auch eine gewisse Tiefenwirkung hat.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/tag/diakonie-rheinland-westfalen-lippe/ https://dierkschaefer.wordpress.com/tag/tater-und-taternachfolger/

Betr.: »Anerkennung Leid«

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 8. Februar 2014

Betr.: »Anerkennung Leid«

 

»Die Evangelische Kirche von Westfalen, die lippische Landeskirche und die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe übernehmen Verantwortung in Anerkennung des Leids Betroffener sexualisierter Gewalt, das in ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern zugefügt und erlitten wurde.«

»Die finanzielle Leistung in Anerkennung des Leids wird in Höhe von 5.000,00 Euro gewährt. Diese Leistung erfolgt unabhängig von Art und Schwere des Unrechtes, das die Betroffenen erlitten haben. Die Leistung versteht sich weder als Wiedergutmachung noch als Entschädigung, sondern erkennt symbolhaft das zugefügte Leid an.«

»Leistungen in Anerkennung des Leids sind freiwillige Leistungen, die ohne Anerkenntnis einer Rechtspflicht erfolgen. Für diese freiwilligen Leistungen ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Aus der Gewährung dieser freiwilligen Leistungen können keine neuen Rechtsansprüche hergeleitet werden oder etwa aus der Gewährung der freiwilligen Leistungen entstehen.«[1]

 

»Voraussetzungen

Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids können von Personen geltend gemacht werden,

a) wenn sie von sexualisierter Gewalt durch Mitarbeitende einer kirchlichen Körperschaft oder Einrichtung im Bereich der beiden Landeskirchen oder einer diakonischen Körperschaft oder Einrichtung im Bereich des Diakonie RWL e.V. betroffen sind,

b) sie zum Tatzeitpunkt minderjährig waren und

c) wenn zusätzlich ein institutionelles Versagen kirchlicher Verantwortungsträger ursächlich oder mitursächlich für das erlittene Leid war.« [2]

 

Es geht also ausschließlich um sexuelle Übergriffe von Einzeltätern, nicht um die Strukturen, die  Mißhandlungen und Ausbeutung in diversen Erziehungseinrichtungen förderten, erst recht nicht um eine fehlgeleitete Theologie. Diese Mißhandlungen sind nicht einmal finanziell-symbolisch anerkennenswert. Die schriftführenden Kirchen schützen  ihre Heime und ihre Vergangenheit. Was soll falsch gewesen sein?

 

Und damit die Bittsteller ihre Kindheitserlebnisse noch einmal so richtig nachkosten können, geht das Antragsformular ins Detail: »Bitte benennen Sie die Tatzeit so genau wie möglich. Es ist auch die Angabe eines Zeitraums möglich. Bitte machen Sie deutlich, wenn es sich um mehrere Mißbrauchsfälle gehandelt hat. … Bitte schildern Sie die Umstände und den Hergang der Missbrauchstat. Sie können ein Zusatzblatt verwenden.«[3]

 

Vielleicht sollten die Opfer selber eine Frage anfügen, ob nämlich die Mitglieder der Kommission beim Lesen ihrer Sexualreports irgendwelche Regungen gehabt haben – „und wenn welche? Bitte beschreiben Sie sie so genau wie möglich. Sollte der Platz nicht ausreichen, nehmen Sie ein Zusatzblatt. Ihre Angaben sind mir wichtig; sie helfen mir für die Gestaltung der weiteren Kommunikation mit Ihnen.“