Dierk Schaefers Blog

Dieulefit – Gott hat’s gemacht

Das total laisierte Frankreich mit seiner strikten Trennung von Kirche und Staat steckt voller Orte mit Namen von Heiligen. Wohl jeder kennt „Les Saintes Maries de la Mer“, ein Ortsname, der eine ganze Heiligenlegende erzählt.

Aber „Gott hat’s gemacht“? Da müssten doch jedem französischen Citoyen die Haare zu Berge stehen.

Mich hatte der Name schon lange gereizt.[1] In diesem Jahr habe ich bei Wikipedia nachge­schlagen, wurde noch neugieriger und bin auf der A 7 bei der Ausfahrt Montélimar/­Dieulefit abgebogen und die ca. 30 km über D 540 bis in dieses Dorf im Département Drôme gefahren.

Eher durch Zufall fand ich einen Parkplatz gleich vorm Keramik­mu­seum. Da wollte ich hin, weil dort das Denkmal für die bewundernswerte Geschichte von Dieulefit steht: „Dieulefit – wo niemand Ausländer ist“. P1020006 bd 2Von hinten sieht das Denkmal ganz bescheiden aus. Doch auch die Rückseite hat Symbolkraft: Lauter einzelne Bruchsteine, jeder steht für sich allein und zusammen bilden sie eine Abschirmung, einen Schutz.P1020010 b2

 

 

 

 

 

 

 

Für wen? Für viele Menschen:P1020004 b

Sie erinnern an ihre Geschichte. Der Ort hatte damals, in den dreißiger und vierzi­ger Jahren, etwa drei­tau­send Einwohner. Die Hälfte dieser Zahl, über 1500 Men­schen fanden in der Gemeinde und ihrer Umgebung Zuflucht vor Verfolgung. Da kamen „spanische Repu­blikaner, Resi­stants, Juden, von den Nazis oder Vichy-Verfolgte, zahlreiche Intellektuelle“.[2] All diesen gab man Schutz, versteckte und ernährte sie. Wir nennen sie im Amtsdeutsch „umF“ – unbeglei­tete minderjährige Flüchtlinge. Die wurden wie selbstverständlich in die Familie aufgenommen und gingen zur Schule. Wer sie brauchte bekam falsche Ausweise auf dem Bürgermeisteramt, auch Lebensmittelkarten wurden gefälscht.[3] „Das Internat beherbergte in jenen Jahren rund 100 Kinder, das waren doppelt so viele wie vor dem Krieg. Mehr als vier Jahre lang haben es die guten Feen von Beauvallon [die Schule] geschafft, diese Kinder von denen viele völlig mittellos waren, zu beschützen, zu ernähren, zu kleiden und einen einigermaßen normalen Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.“

Die Einwohner von Dieulefit und Umgebung haben ihr Leben riskiert für den Schutz der Flüchtlinge, denn die Nazis hätten den ganzen Ort abgebrannt und seine Bewohner liquidiert, wenn sie davon gewusst hätten, zumal sich die Bewohner und auch die Flüchtlinge aktiv am Widerstand gegen die Besatzung beteiligt haben.[4] Alle im Ort hielten dicht. Niemand wurde verraten!

Woher der Mut?

„Dieulefit ist seit den Religionskriegen eine Hochburg der protestantischen Minderheit Frank­reichs.“ „Nach Überzeugung des Historikers, Bernard Delpal, war für den erfolgreichen Rettungswiderstand die Tatsache wichtig, dass viele Schlüsselstellen im gesellschaftlichen Leben von Dieulefit damals von Mitgliedern der protestantischen Gemeinde eingenommen wurden.“ Die Hugenotten hatten ihre Verfolgungen nicht vergessen.

Es waren übrigens nicht ausschließlich eher unbedeutende Flüchtlinge. „Während der deutschen Besatzung gab es in Frankreich drei intellektuelle Zentren: Paris, Lyon und Dieulefit.“[5]

Wie geht die Gemeinde mit diesem Erbe um?

„Die Gemeinde hielt es lange Zeit nicht für angezeigt, an die „selbstverständliche“ Aufnahme der Flüchtlinge zu erinnern. Die meisten waren „anonyme“ Helfer/innen, eine Nennung einzelner Namen galt als unschicklich und ungerecht. Erst nachdem die israelische Gedenk­stätte Yad Vashem einige Bewohner/innen als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet hatte[6], wurde 2008 im Rathaussaal eine Urkunde angebracht (Rue Justin Jouve). Es dauerte bis 2014, bis zum 70. Jahrestag der Befreiung der „Résistance civile et des résistants sans armes“ („dem zivilen Widerstand und den waffenlosen Widerständlern“) ein Denkmal errichtet wurde.“[7]

Nur Erinnerung?

„In den aktuellen Engagements der Bürger von Dieulefit finde man durchaus eine Resonanz der Vergangenheit, meint der Historiker Bernard Delpal und Marguerite Soubeyrans Enkeltochter weiß, dass es in Dieulefit auch heute Familien gibt, die bereit sind, illegal Ausländer ohne gültige Papiere zu beherbergen und zu verstecken.“ „Einmal im Monat veranstaltet ein sogenanntes Bürgerkollektiv eine Schweigerunde auf dem Hauptplatz der Stadt als Zeichen des Protestes gegen den Umgang mit Asylsuchenden im Land.“

 

Und der Name Gott hat’s gemacht? Die Laizisten können beruhigt sein. Es war nicht der Seigneur, der himmlische Gott, sondern ein irdischer. Madame le Maire, die Bürgermeisterin gab auf Anfrage Auskunft über den Namen: „Dieulefit. Im 12. Jahrhundert als Genesungs- und Erholungsort für heimkehrende Kreuzritter gegründet. Der Grundbesitzer stiftete den Boden für die Gründung der erforderlichen Gebäude. Im 13. Jahrhundert verschmolzen im Volk „Le Seigneur“ und „Dieu“, der ja auch „Seigneur“ genannt wird. Daraus wurde provençalisch: „Deo lou fe“, daraus „Dieu l’a fait“ und schließlich „Dieulefit“.

Doch an wen mögen die tapferen Bürger von Dieulefit gedacht haben? An einen Grundbesitzer aus dem 12. Jahrhundert? Doch wohl eher an Dieu, den Seigneur, dem sie folgten.

 

Papst Urban II [8] hatte einst mit seinem „Deus lo vult!“[9] zum Kreuzzug aufgerufen. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass kriegsmüde Kreuzritter in „Dieu l’a fait“ ihre Leiden kurieren sollten.

 

Bei uns in Deutschland steht die Abwehr von Flüchtlingen hoch oben auf der Agenda. Erinnern wir an unsere Flüchtlinge nach ’45? kein platz für flüchtlinge

Lieber nicht. Das könnte zu mehr Menschlich­keit verpflichten.

Dafür haben wir jetzt einen „Heimatminister“, Dieser Seigneur wird’s schon richten.

 

Herr, schmeiß Herz ra!

 

Fußnoten

[1] Soweit nicht anders ausgewiesen sind viele Informationen in diesem Artikel der ausgezeichneten Sendung des Deutschlandfunks entnommen und nicht im Detail belegt. http://www.deutschlandfunk.de/dieulefit-refugium-in-zeiten-der-barbarei-spurensuche-in.media.44c3176f29c3cb3c7fa9e021c983a78d.pdf

[2] Namen auf http://www.ajpn.org/commune-Dieulefit-en-1939-1945-26114.html).

[3] „Die Gemeindesekretärin Jeanne Barnier stellte falsche Ausweise her.“ – und der Vichy-Bürgermeister wusste Bescheid. Zu Jeanne Barnier: http://www.ajpn.org/juste-Jeanne-Barnier-141.html

[4] „Dieulefit war eine wichtige Basis für Fallschirmabwürfe. Hier landeten sowohl Agenten, wie auch Material. Oben in Comps war das Gelände, wo viele wichtige Offiziere des Widerstands und Zivilpersonen mit dem Fallschirm gelandet sind.“ – „Der Protestantismus hier im Dauphiné ist ein Protestantismus, der den Israeliten, wie man die Juden damals nannte, nahe stand. Diese Nähe beruhte unter anderem auf ähnlichen historischen Erfahrungen. Schließlich handelt es sich um zwei verfolgte Minderheiten. Die Protestanten waren ja während der Religionskriege und unter Ludwig XIV. verfolgt worden. Das heißt, rund 2 Millionen Menschen hatten nach dem Widerruf des Edikts von Nantes keinerlei legalen Status mehr. Sie konnten fliehen und viele haben das getan, gingen nach Preußen. Die zweite Möglichkeit war, sich zu bekehren. Und die dritte Lösung war der bewaffnete Widerstand. Diese Tradition des bewaffneten Widerstands lebte während des 2. Weltkriegs neu auf. Es gab hier ein Netzwerk von Widerstandsgruppen mit sehr starken protestantischen Traditionen und als einzelne Pastoren zum Widerstand aufriefen, da stieß das bei den Protestanten hier auf offene Ohren.“

[5] so der Historiker, Pierre Vidal – Naquet, der als Jugendlicher mehrere Monate in der Stadt verbrachte.

[6] „Neun Einwohner/innen wurden als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet: neben Jeanne Barnier und den Leiter/innen der zwei genannten Schulen die Landwirte Elie und Emilienne Abel, die Familienmitglieder von René Cassin schützten, und der Besitzer der Textilfirma von Dieulefit, Henri Morin, der Isaac Fabrikant aufnahm, dessen Eltern aus Belgien geflohen und 1942 nach Auschwitz deportiert worden waren.“ https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/406/

[7] https://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/406/

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_II. + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2560206821/in/photolist-4UeJhV + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6074437976/

[9] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6074437976/

alle Photos: dierk schäfer

 

Advertisements

Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

Posted in BRD, Politik by dierkschaefer on 25. September 2017

Die Funktionseliten unseres Landes haben im Rausch der wirtschaftlichen Erfolge die Kollateralschäden übersehen, die der korrumpelhafte Erhalt und Ausbau ihrer Macht bewirkt hat. Sie sonnten sich im Lichte und sahen die im Dunkel nicht. Wer Einblick in prekäre Verhältnisse hat, wer trotz aller Großbauprojekte die marode Infrastruktur dieses Landes sieht, wundert sich nicht über die Quittung, die leider nicht nur die Funktionseliten, sondern wir alle mit dieser Wahl bekommen haben. Das Ressentiment der Modernisierungsverlierer hat den Wahlkampf bestimmt und die AfD in Sachsen an die Spitze getragen. Ohnehin: Es begann mit dem Anschluss des Ostens an die wirtschaftlichen Interessen der westdeutschen Konzerne, zuvor der Versicherungen. Es folgte der Auszug der leistungsbereiten jungen Generation in den Westen – zurück blieben die weniger fitten und die Alten, dafür haben wir ihnen die maroden Städte denkmalsgeschützt restauriert – doch wer will schon Statist im Freilichtmuseum sein? Überlagert wurde die innerdeutsche Entwicklung durch die Globalisierung. Das Prekariat der Welt produzierte billiger als das unsere. Wer nicht einmal Hungerlohnarbeit fand machte sich auf den Weg, denn unser Wohlstand überstrahlte die Gefahren. Damit war der Verteilungskampf um Geld und Aufmerksamkeit eröffnet. „Die kriegen alles in den Arsch geschoben!“ Das wurde angeheizt durch Sprüche von Besserverdienenden: „Hättste was ordentliches gelernt, bräuchteste keine drei Minijobs.“ Wer so abgefertigt wird, geht entweder gar nicht zur Wahl oder wählt Protest – meist rechts. Vorher hat er schon gesehen, wie Banken gerettet wurden – aber er nicht, gesehen, wie die Autoindustrie als kriminelle Vereinigung den Staat vorgeführt hat. Nur die Autoindustrie? Sofern er sich überhaupt noch politisch informiert, hat er auch gesehen, dass die Parteien Transparenz fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

Nicht nur die Infrastruktur dieses Landes ist marode, sondern auch seine politische und seine Sozialstruktur. Hoffentlich sind die verdientermaßen gebeutelten Funktionseliten jetzt lernfähig und fügen die auseinanderstrebenden Schichten wieder zusammen. Sonst siegt das Ressentiment. Es äußert sich beängstigent.

Das Magazin der Stuttgarter Staatstheater gibt in seiner Herbstausgabe einen Blick in den Abgrund frei: mordgesindel

Thomas Hetze, Leiter der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz: „An alle: Habt keine Angst vor der Obrigkeit!

Posted in Deutschland, Gesellschaft, Kriminalität, Kriminologie, Kultur, Politik, Psychologie, Staat by dierkschaefer on 21. Februar 2016

„An alle: Habt keine Angst vor der Obrigkeit! Sagt, was ihr denkt und tut, was ihr sagt.“[1]

Wenn man schon Hetze heißt, muss man seinem Namen alle Ehre erweisen. Doch Hetze ist nicht die einzige Fehlbesetzung im Fall #Clausnitz.

Da gibt es noch den Chemnitzer Polizeipräsidenten Uwe Reißmann. Nein, nicht noch einmal etwas über Familiennamen, obwohl auch der es nicht reißt.

Reißmann sagte am Samstag, »bei drei Flüchtlingen sei es zum Einsatz von einfachem unmittelbaren Zwang gekommen. Dieser sei „absolut notwendig“ und „verhältnismäßig“ gewesen. Reißmann betonte, Flüchtlinge hätten aus dem Bus heraus provozierende Gesten gemacht. „Aus meiner Sicht gibt es für das Vorgehen der Polizei keinerlei Konsequenzen“«[2]. Den Quellen nach war die Brisanz der Situation vorhersehbar – wohl auch für die Polizei. Die Flüchtlinge, noch im Bus, wurden von einer aufgebrachten Menge empfangen. Wer das Video gesehen hat, kann die Situation verstehen. „Wir sind das Volk“, rief der Pöbel und umringte den Bus. Reißmann dazu: »Die Flüchtlinge hätten sich auch „nach intensiven Verhandlungen“ mit einem Dolmetscher nicht dazu bewegen lassen, den Bus zu verlassen. … Polizisten hatten am Donnerstagabend einige Flüchtlinge mit Gewalt aus einem Bus gezerrt, der die Asylsuchenden zu einer Unterkunft in Clausnitz gebracht hatte. Anders hätte die Situation nicht bewältigt werden können, sagte Reißmann. Ein Junge habe den Mittelfinger gezeigt. Die Beamten hätten befürchtet, dass sich die Situation durch diese und andere provozierende Gesten aufschaukele und in Gewalt entlade. „Wir hatten befürchtet, dass aus Menschenmenge Steine oder Böller in Richtung des Busses geworfen werden“, sagte Reißmann«.[3]

Die Gefahr der Eskalation ging also eindeutig vom Stinkefinger eines Flüchtlingsjungen aus. Da musste die Polizei schützend eingreifen und die Flüchtlinge aus dem Bus zerren und ins Heim schubsen, durch den grölenden rechten Pöbel hindurch, wohl in die Arme eines Unterkunftsleiters mit Namen Hetze, der auch aufgehetzt hatte.

Ich war 15 Jahre als Polizeipfarrer und nebenbei auch als Polizeipsychologe tätig und habe Einsatzerfahrung. Warum frage ich, ist nicht ein Beamter, bevor der Bus in die Straße einbog, auf den Beifahrersitz gestiegen und hat den Busfahrer veranlasst, noch etwas durch den Landkreis zu fahren, damit die Polizei nach Personalverstärkung die unangemeldete, allerdings vorhersehbare Demonstration der Flüchtlingsgegner auflöst bzw. so weit abdrängt, dass die Flüchtlinge schließlich den Bus vor der Unterkunft hätten verlassen können ohne durch die anscheinend typisch sächsische Willkommenskultur bedroht zu werden? Der verantwortliche Einsatzführer hat sich dienstrechtlich zu verantworten und ein Polizei­präsident, der einen solchen Einsatz – sorry: dermaßen dämlich – rechtfertigt, gehört suspendiert.

Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt man. Dazu wird man noch weiter nach oben schauen müssen.

»Marian Wendt aus dem Wahlkreis Nordsachsen rund um die Kreisstadt Torgau. Der 30-jährige CDU-Politiker nannte es „engstirnig und ideologisch verbrämt“, im Zusammenhang mit politischer Gewalt und Hass den Blick nur nach rechts zu richten. Es gebe in Deutschland auch viele linksextremistische Gewalttaten. Dann warb er für den Dialog mit Pegida: Man dürfe Menschen nicht pauschal für ihre Gedanken verurteilen. „Wir müssen mit ihnen sprechen. (…) Die Menschen haben Fragen, und diese Fragen müssen wir beantworten. Die Frage ist doch: Warum gehen die Menschen zu Pegida und nicht zur CDU?“[4]

Dies ist offenbar auch die Grundhaltung der Landesregierung von CDU und SPD unter Ministerpräsident und Regierungschef Stanislaw Tillich/CDU. Sie tut wenig bis nichts gegen rechte Gewalt. So versteht sie Artikel 3 Absatz 1 der sächsischen Verfassung, nach der alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Sie tut recht(s) daran, damit der Pöbel bei der nächsten Wahl wieder CDU wählt und nicht die AfD. Dann hätte der Pöbel nach toleriertem Griff zur Gewalt auch vollends die Macht ergriffen – Einfluss hat er ja schon hinreichend, wie man an der sächsischen CDU sieht. Ochlokratie[5] nennt man das, wohl nicht erst dann.

 

[1] http://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenhass-in-deutschland-warum-clausnitz-uns-alle-angeht/12991914.html

[2] http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-protest-in-clausnitz-polizei-zwang-gegen-fluechtlinge-absolut-notwendig/12992394.html

[3] Anmerkung 2

[4] http://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenhass-in-deutschland-warum-clausnitz-uns-alle-angeht/12991914.html

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Ochlokratie

Die Lilien auf dem Felde und das Dilemma des Predigers

Posted in Theologie by dierkschaefer on 14. September 2015

Gestern waren sie Predigttext[1], die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel, die sich nicht um den morgigen Tag sorgen, denn der Vater im Himmel nähret sie doch.[2] Meine Frau und ich sahen uns an: Was macht man heute mit solch einem Text?

Der Text selbst ist von poetischer Schönheit. Und im Paradies muss er gestimmt haben. Darf man ihn zerstören? Oder muss man es sogar?

Der Text entzieht jedem Versicherungsvertreter die Geschäftsgrundlage. Das wäre zu verkraften, wenn man nicht zu dieser Gruppe gehört. Doch das ist zu oberflächlich. Ich frage mich, wie schon in früheren Jahrhunderten darüber gepredigt wurde, wo es doch jedem Bauern klar war, dass die Scheuer für den Winter gefüllt sein muss, wenn er überleben will. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Herren Hand.“ Also selbst mit diesem Vorbehalt göttlichen Wirkens: Erst musste der Bauer geackert haben und in Vorleistung getreten sein.

Und heute? Die Lilien auf dem Felde sind dem Unkrautvernichtungsmittel geopfert. Hätten wir diese Mittel nicht, sähe es mit dem Hunger auf der Welt[3] noch schlimmer aus. Um die anderen „Lilien“, soweit es Zierpflanzen sind, kümmern sich die Gärtner und verdienen damit ihre Brötchen für den morgigen Tag.

Und überhaupt: Gibt es nicht unzählige Menschen, die vergeblich auf einen gütigen himmlischen Vater setzen würden, der ihren Hunger stillt?

Wieder daheim und am PC sehe ich, dass sich ein Kollege die Mühe gemacht hat, die im Netz zu diesem Bibeltext vorfindlichen Predigten durchzusehen. Dabei hat er festgestellt: „Keine Predigt erwähnt das Thema Flüchtlinge.“[4] Er sieht das Dilemma: „Ob in der Zeitung, im Fernsehen, im Internet: Bilder von Flüchtlingen. Menschen, die sich auf der Flucht in Lebensgefahr begeben. In seeuntüchtigen Boten auf dem Mittelmeer. Manche schaffen es nicht bis an die Küste. Das Foto eines toten Kindes am Strand gab dem Flüchtlingselend einen Namen: Aylan, der dreijährige Junge war mit seiner Familie aus dem syrischen Kobane geflohen. Er ertrank auf der Flucht und wurde tot an die türkische Küste gespült. Andere Flüchtlinge haben es bis zu den Außengrenzen der europäischen Union geschafft, nun lagern sie in Zelten, die Temperaturen sind bereits herbstlich kühl und die Menschen haben keine angemessene Kleidung. – Wie können wir angesichts dieser Bilder über den Predigttext sprechen? Menschen, die vor Krieg, Bürgerkrieg oder Hunger fliehen. Die ihr Leben riskieren, um das Leben ihrer Angehörigen bangen. Die nicht wissen, wo sie bleiben werden. Auf diese Menschen den Predigttext zu beziehen, wäre zynisch.“

Doch er will den Text retten: „Diese Woche war ich auf der Schulpflegschaftssitzung in der Schule unserer beiden ältesten Töchter. Die Schule nimmt Flüchtlingskinder auf – sie besuchen Regelklassen und erhalten zusätzlichen Deutsch-Unterricht. Niemand weiß, wie viele Kinder in den nächsten Wochen hinzukommen werden. Schon jetzt herrscht an der Schule Lehrermangel. Allen – Eltern und Schulleitung – war klar, dass die Situation nicht planbar ist. Anstatt auf das Morgen zu schauen, richteten alle den Blick auf das Hier und Jetzt. … vor lauter Sorgen und Planen können wir das Wesentliche vergessen: Menschen Zuflucht gewähren, die als Flüchtling in unserem Land ankommen.“

Das ist zwar sehr herzig, aber intellektuelle Mogelei. Schließlich setzt der Text Daseinsfürsorge gegen Dortseinsfürsorge und sagt eindeutig: »Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.« Wenn’s aber offensichtlich nicht zufällt? Hat es dann an falscher Prioritätensetzung gelegen? Das wäre nun nicht mehr herzig-naiv, sondern unbarmherzig.

Dieser Text ist für mich ein Paradebeispiel, um die Säkularisierung zu erklären, die Entzauberung der Welt. Wir wissen zwar nicht alles, bei weitem nicht, aber viele Zusammenhänge sind nunmehr klar und werden von den großen Agrarunternehmen genutzt. Auch wenn sie damit mehr für ihre Zukunft sorgen, so sorgen sie doch für eine verbesserte Ernährungssituation[5].

Bei all diesen Entzauberungen haben wir jedoch unsere Seele verloren, das Trachten nach dem Reich Gottes[6] und seiner Gerechtigkeit. Oder doch nicht ganz? Die vielfache Hilfe für die Flüchtlinge zeigt, dass unsere Seele doch nicht ganz verloren gegangen ist.

Der Schwerpunkt des Textes liegt auf Gottes „Gerechtigkeit“. Die umfasst sicherlich auch die Daseinsfürsorge für unsere Nächsten und sollte keine Vertröstung auf den Himmel sein.

[1] Es gibt eine „Perikopenreihe“, die im Verlauf von sechs Jahren für jeden Sonntag einen Predigttext vorschlägt. Diese Vorschläge sind nicht verbindlich, doch meist hält man sich daran.

[2] Matthäus 6,25-34, 25 Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Schaut auf die Vögel des Himmels: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen – euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht mehr wert als sie? 27 Wer von euch vermag durch Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen? 28 Und was sorgt ihr euch um die Kleidung? Lernt von den Lilien auf dem Feld, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht, 29 ich sage euch aber: Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn Gott aber das Gras des Feldes, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! 31 Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen? 32 Denn um all das kümmern sich die Heiden. Euer himmlischer Vater weiss nämlich, dass ihr das alles braucht. 33 Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden. 34 Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Last.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Welthungerhilfe

[4] http://theonet.de/2015/09/12/refugeeswelcome-aber-leider-nicht-in-unseren-predigten/

[5] die allerdings uns in den reichen Ländern besonders nützt.

[6] Die Entwertung des Diesseits zugunsten eines nebulösen Jenseits hat auch fürchterliche Folgen gehabt, wie es die ehemaligen Heimkinder aus kirchlichen Einrichtungen bezeugt haben. Diesen Aspekt falscher Prioritätensetzung sollten wir nie aus den Augen verlieren.

Wer Augen hat zu lesen, der lese …

Posted in Bürokratie, Deutschland, Geschichte, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 8. September 2015

… und ihm werden die Augen aufgehen. Ein emeritierter Professor[1] für alte Sprachen (Richard) gerät eher zufällig, dann aber recherchierend in Kontakt mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen. Er entdeckt dabei nicht nur sie, ihre Länder und die dortigen Lebens- und Fluchtbedingungen, entdeckt nicht nur die hiesigen Lebensbedingungen für schwarzafrikanische Flüchtlinge, sondern er entdeckt auch seine Lebensbedingungen in diesem immer merk- und fragwürdiger erscheinenden Deutschland.

Von Jenny Erpenbeck sachkundig und faszinierend geschrieben. Sollte man unbedingt lesen, denn dabei gehen einem die Augen auf – Zyniker und andere Menschenverächter ausgenommen.

[1] (mit DDR-Hintergrund)

Hier ein Auszug:

Jenny Erpenbeck

GEHEN, GING, GEGANGEN

Roman

Die Afrikaner müssen ihre Probleme in Afrika lösen, hat Ri­chard in letzter Zeit häufig Leute sagen hören. Hat Leute sagen hören: Dass Deutschland überhaupt so viele Kriegsflüchtlinge aufnehme, sei sehr großzügig. Im gleichen Atemzug sagen sie: Aber wir können nicht ganz Afrika von hier aus ernähren. Und sagen außerdem: Die Armutsflüchtlinge und Asylbetrü­ger nehmen den wirklichen Kriegsflüchtlingen, das heißt also den Kriegsflüchtlingen, die auf direktem Wege nach Deutsch­land kommen, die Plätze in den Asylbewerberheimen weg.

Die Probleme lieber in Afrika lösen. Richard stellt sich einen Moment lang vor, wie ein Erledigungszettel für die Männer, die er in den letzten Monaten hier kennengelernt hat, dann aussehen müsste.

Während auf seinem eigenen Zettel zum Beispiel stünde:

  • Monteur für Reparatur Geschirrspüler bestellen
  • Termin beim Urologen ausmachen
  • Zähler ablesen

würde auf der Erledigungsliste für Karon stattdessen stehen:

  • Korruption, Vetternwirtschaft und Kinderarbeit in Ghana abschaffen

Oder bei Apoll:

  • Klage gegen den Konzern Areva (Frankreich) einreichen
  • neue Regierung in Niger einsetzen, die sich durch aus­ländische Investoren nicht bestechen oder erpressen lässt
  • unabhängigen Tuareg-Staat Azawad gründen (mit Yussuf besprechen)

Und bei Raschid stünde da:

  • Christen und Muslime in Nigeria miteinander versöhnen
  • Boko Haram davon überzeugen, die Waffen niederzu­legen

Zuletzt sollten Hermes, der Analphabet mit den goldenen Schuhen, und Ali, der zukünftige Krankenpfleger, sich ge­meinsam um diese beiden Aufgaben kümmern:

  • Verbot von Waffenlieferungen an Tschad (USA und China)
  • Verbot, im Tschad Erdöl zu fördern und außer Landes zu bringen (USA und China)

Sag einmal, fragt Richard Karon, wie groß müsste ein Grund­stück in Ghana sein, von dem sich deine Familie dort selb­ständig ernähren könnte?

Karon überlegt einen Moment und sagt dann: Ein Drittel vom Oranienplatz etwa.

Und wieviel würde das kosten?

Karon überlegt wieder und sagt: Ich denke, zwischen 2000 und 3000 Euro.

Noch im Sommer vor anderthalb Jahren hätte Richard sich beinahe ein Surfbrett gekauft (1495,- Euro), aber be­vor er sich hatte entscheiden können, war schon der Herbst dagewesen, und im letzten Sommer, nachdem der Mann im See ertrunken und nicht mehr aufgetaucht war, hatte ihm natürlich nichts ferner gelegen als der Kauf eines Surfbretts. Dagegen wäre der Kauf eines staubsaugenden Roboters (799,- Euro) sicher auf jeden Fall eine gute Idee, auch einen …

S. 252f

Knaus-Verlag, München, 2015

Unterschiedliches Tempo für Asylanträge?

Posted in Politik by dierkschaefer on 24. August 2015

Das ist nichts Neues. In den 80er Jahren fuhr ich den ghanaischen Bischof Sarpong durch einige Aufnahmelager zu Gesprächen mit Asylbewerbern aus Ghana. Er wurde dort freundlich begrüßt und traf auch auf einige seiner ehemaligen Firmlinge.

Die Lage war recht eindeutig. Ganze Dörfer hatten Geld zusammengelegt, damit jemand aus ihrem Dorf nach Europa gehen und mit Geld zurück kommen kann.

Nun saßen sie im Aufnahmelager gemäß dem kolonial-rassistisch gefärbten Ausspruch von Lothar Späth: „Die Buschtrommeln werden in Afrika signalisieren – kommt nicht nach Baden-Württemberg, dort müßt ihr ins Lager.“[1]

Doch schon in den 80er Jahren verstanden viele Afrikaner „die Trommel nicht mehr“[2]. Ein Vater schrieb seinem Sohn, wenn es in Deutschland mit dem Geld nicht klappe, solle er doch versuchen, nach England zu gehen.

Und so hatten „meine“ Polizisten in einem neu eingerichteten Lager zusätzliche Aufgaben. Der dem Lager nächst gelegene Supermarkt beklagte die Diebstähle der männlichen Ghanaer, während manche Ghanaerinnen dem ältesten Gewerbe nachgingen. Auf Sprachbarrieren stießen nur die Polizisten. Also brauchten wir einen kommunikationsfähigen Ghanaer.

Über das Tübinger Tropeninstitut konnte ich den Bischof „organisieren“. So kam ich dazu, als evangelischer Polizeipfarrer einen katholischen Bischof zu chauffieren. [3]

Als Ergebnis konnte ich formulieren: Angesichts der Lagermentalität der Politiker (Späth) sehe ich zwei Wege. Die Anträge von Asylbewerbern aus Ländern mit geringer Anerkennungswahrscheinlichkeit sollten – ohne Verkürzung des Rechtsweges – beschleunigt bearbeitet werden. Wer dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Asylantrag bewilligt bekommt, wird eher bereit sein, das Lager durchzustehen, ohne Probleme zu schaffen.

Das konnte ich damals nicht so recht verständlich machen, weder der Polizei, noch meinen Kollegen.

[1] http://www.lotta-magazin.de/ausgabe/51/selbstherbeigef-hrter-unterbringungsnotstand

so auch: http://www.freiburger-forum.net/aktuell/page/2/ http://nolagerfreiburg.blogsport.de/2015/07/17/gegen-jede-diskriminierende-sonderbehandlung-von-personengruppen-gegen-die-unterbringung-von-gefluechteten-in-sammellagern-fuer-die-dauerhafte-aufnahme-von-gefluechteten/

[2] Den Kulturbruch beschreibt bereits 1973 eindrucksvoll John Gay in „Red Dust on the Green Leaves“.

[3] Ein Schmankerl nebenbei: Wir unterhielten uns in meinem „Bully“ über vieles. Ich sagte ihm, es wäre gut, wenn der nächste Papst auch äußerlich ein Schwarzer sei. Da lachte der Bischof. Ich setzte nach: Der übernächste Papst könnte doch auch gut eine Frau sein. Da lachte der Bischof nicht mehr. – Wie ich jetzt las, hat er sich von einem liberalen Theologen zu einem konservativen entwickelt – da war er aber auch Erzbischof geworden. http://www.ghananation.com/biography/17126-archbishop-peter-kwasi-sarpong.html

Zwei Pfingstbotschaften gehen aneinander vorbei …

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 25. Mai 2015

… just like two ships passing in the night[1].

Beide sind etwa gleich lang.

Die eine kommt „von oben“, die andere aus unberufenem Munde, wie man meinen könnte, von Uwe Werner, einem „Laien“, der weithin unbekannt sein dürfte.

Die andere wird von der Pressestelle der EKD[2] verbreitet. Sie informiert über die Pfingstpredigt des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Professor der Theologie[3].

So etwas steht Herrn Werner nicht zur Verfügung. Er wendet sich auch nicht an die Allgemeinheit, sondern an ausgesuchte Adressaten:

  • Sehr geehrte Damen und Herren
  • sehr geehrter Mitglieder im Lenkungsausschuß
  • sehr geehrter Ombudsmann Prof. Schruth
  • sehr geehrter Bischof Ackermann
  • sehr geehrter Präses der EKD, Herr Bedford-Strohm
  • Liebe ehemalige Heimkinder in Ost und West

Die Pressestelle hingegen nennt keine Adressaten. Sie referiert und die Botschaft klingt wie eine Verlautbarung von oben: »Auf die Bedeutung des Heiligen Geistes für Kirche und Gesellschaft hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, angesichts des bevorstehenden Pfingstfests hingewiesen. Die Trinitätslehre vom dreieinigen Gott als untrennbare Einheit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei kein „theologisches Glasperlenspiel“, sondern entscheidend für den christlichen Glauben, so Bedford Strohm in einer vorab veröffentlichten Pfingstpredigt. „Es ist der Heilige Geist, durch den Jesus sagen kann, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“«

Ein theologisches Glasperlenspiel ist die Trinität auch für Herrn Werner nicht und kommt zur Sache: »Nach theologischer Ansicht gilt der Heilige Geist als Medium für die Kommunika­tion zwischen Gott und den Menschen. Wurden die Apostel seinerzeit vom Heiligen Geist inspiriert, so wünsche ich Ihnen, und ganz besonders den Vertretern beider grossen Kirchen im Lenkungsausschuß, und allen, welche mit dem Fond Heimerziehung Ost u. West politische Verantwortung tragen, lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.«

Sieht das auch der Ratsvorsitzende so? „Als Kirche brauchen wir einen Geist, der Scheuklap­pen wegfegt und eingefahrene Denkschemata durchmischt“.

Seine Sache ist aber eine andere: »„Der Heilige Geist macht uns neu, er bewegt uns und wirbelt uns manchmal ganz schön durcheinander“. Dies gelte auch für die verschiedenen Frömmigkeitsformen in der Kirche, die lange in Schubladen gesteckt worden seien: „Hier ist etwas in Bewegung geraten. Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können.“«

Immer mehr Christen merken, dass sie etwas voneinander lernen können – das könnte den Horizont weiten. »Lassen Sie sich neu vom Heiligen Geist inspirieren.« ist bei Herrn Werner zu lesen. »Lassen Sie zukünftig mehr den Geist der Seelsorge, als den der Finanzen sprechen, wenn Sie Beschlüsse fassen, welche bisher verhehrende Auswirkungen auf tausende ehema­lige Heimkinder in Ost und West nach sich gezogen haben.Die Apostel wurden mit der Fähig­keit ausgestattet, in verschiedenen Sprachen mit den Menschen zu kommunizieren. Dies führte dazu, dass sich tausende der Kirche zugewandt und nicht wie heute, viele sich von der Kirche abgewandt haben. Man verstand die Apostel, weil sie den Menschen aus der Seele gesprochen haben, mit schlichten, klaren und in einfachen Worten.«

Die Worte des Ratsvorsitzenden sind denkbar klar, doch sie haben ein anderes Ziel: »Aber auch in der Gesellschaft habe der Heilige Geist etwas in Bewegung gebracht: So würden Menschen nicht mehr hinnehmen, dass Flüchtlinge beim Versuch nach Europa zu gelangen sterben. „Wir brauchen den Heiligen Geist, damit Weisheit und Liebe in die Herzen der Verantwortlichen überall in Europa, in unser aller Herzen einziehen und wir gangbare Lösungen finden, um das Sterben zu beenden.“

Nun könnte man ein einfaches Fazit ziehen: Herr Werner spricht für seine Gruppe, die der ehemaligen Heimkinder, der Bischof spricht für Andere, für die Flüchtlinge, also honorig.

Doch so einfach ist es nicht. Herr Werner spricht von denen, die den Heiligen Geist als Ungeist wahrnehmen mussten. Die ehemaligen Heimkinder bekamen in den Einrichtungen der Kirchen ihre Schläge „im Namen des Herrn“[4]. Das ist doch Vergangenheit, die Flüchtlinge ertrinken jetzt. Das stimmt, aber nicht ganz.

Die Vergangenheit lebt fort. Sie wurde wiederbelebt durch den großen Betrug an den ehemaligen Heimkindern am Runden Tisch, orchestriert von den Interessenvertretern von Staat und Kirche. Sie ist Gegenwart in den Menschen, die kirchlich traumatisiert wurden, viele sind unterstützungsbedürftig, nicht zuletzt weil über ihre „Seelen“ auch ihre Erwerbs­biographie eher unselig ausfiel.

So gewinnt man den Eindruck, dass der heilige Pfingstgeist nicht weht, wo er will, sondern da, wo die beiden Kirchen mit ihren Bischöfen und Vorsitzenden ihn wehen lassen wollen.

Pfingsten 2015 – zwei Schiffe begegnen sich bei Nacht. Zur Kollision kommt es nicht. Sie fahren jedes dem eigenen Tag entgegen.

O komm, du Geist der Wahrheit,

und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit,

verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer,

rühr Herz und Lippen an,

daß jeglicher Getreuer

den Herrn bekennen kann.[5]

 

Den Text der Pressemitteilung finden Sie unter http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

den Text von Herrn Werner hier: Pfingstbotschaft uwe werner

[1] Henry Wadsworth Longfellow, Tales of a Wayside Inn, part 3, section 4: „Ships that pass in the night, / and speak each other in passing, / Only a signal shown and a distant voice in the darkness; / So on the ocean of life we pass and speak one another, / Only a look and a voice, then darkness again and a silence”. http://en.wiktionary.org/wiki/ships_that_pass_in_the_night

[2] Evangelische Kirche in Deutschland

[3] »Pfingstbotschaft des EKD-Ratsvorsitzenden – Der Heilige Geist bringt Bewegung« http://www.ekd.de/presse/pm80_2015_pfingstbotschaft_des_ekd_ratsvorsitzenden.html

[4] Die Erziehungseinrichtungen des Staates waren nicht besser. Dort gab es die Schläge im Namen des Rechtsstaats, ansonsten war man – wie die Kirchen – auf die Finanzen bedacht. Dem Staat waren die Kinder egal und die Kirchen wollten sie „zu Jesus Christus“ führen. Ich weiß nicht, was im Endeffekt schlimmer war.

[5] Evangelisches Gesangbuch, Nr. 136. Ein als „ökumenisch“ gekennzeichnetes Lied.

Unser aller Mitschuld

Posted in Kriminologie, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 20. April 2015

»An den europäischen Außengrenzen ist ein darwinistisches System entstanden: Nur wer genügend Geld hat, um Schlepper zu bezahlen, wer zäh genug ist, immer wieder gegen die Zäune aus Stahl und Stacheldraht anzulaufen, hat überhaupt eine Chance, in Europa Asyl zu beantragen. Arme, Kranke, Alte, Familien, Kinder bleiben meist ihrem Schicksal überlassen. Das europäische Asylsystem ist die Pervertierung des Asylrechts.«[1]

[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/kommentar-fluechtlingssterben-im-mittelmeer-a-1029537.html

Tagged with: ,

Der Triumph der Nazis

Posted in Gesellschaft, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 4. April 2015

Hätte man sich ja denken können, dass Nazis und simple Pegidas es sich zur Ehre gereichen lassen, in Tröglitz ein Exempel zu statuieren.[1] Es gibt gute Sicherheitseinrichtungen, die zumindest dafür sorgen, dass die Täter auf frischer Tat erkannt werden, wenn man sie schon nicht verhindern kann. Aber nein. Zunächst hieß es noch, ein fremdenfeindlicher Hintergrund könne nicht ausgeschlossen werden. Selten so bitter gelacht. Da kommt mir doch das Unwort von „Sesselfurzern“ in den Sinn. [1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/troeglitz-ex-buergermeister-bietet-wohnungen-an-13521761.html

Kirchenasyl – Der eiskalte Innenminister

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kirche, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 12. Februar 2015

»Nur ein Bruchteil der 200.000 Flüchtlinge, ein paar Hundert Menschen, findet derzeit in deutschen Kirchen Asyl und damit für eine Zeit Schutz vor Abschiebung. Etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder.

Weil diese Zahl höher ist als in den vergangenen Jahren, streitet jetzt die Politik darüber. Innenminister Thomas de Maizière (CDU), selbst Protestant, hat die Kirchen gerügt und die Praxis sogar mit der Scharia verglichen. Und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) will den Kirchen die Praxis nun erschweren, indem es Flüchtlinge, die dort beherbergt sind, als untergetaucht betrachtet.«[1]

 

Es knirscht zwischen Kirche und Staat.[2] Es ist gut, dass es Organisationen gibt, die unseren Politikern auf die Finger schauen – und notfalls auch klopfen. Warum Kirchenasyl? »Diese Menschen sind da, weil Gemeindemitglieder von ihren Einzelschicksalen erfahren haben, sie für glaubwürdig halten und die Not für groß. Solches Mitgefühl und Engagement machen eine gute Gesellschaft aus – und sind ein Korrektiv. Denn Behörden sind nicht unfehlbar, wenn sie über Abschiebung entscheiden. Härtefälle werden oft gar nicht mehr bearbeitet.«[3]

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/warum-thomas-de-maiziere-beim-kirchenasyl-falsch-liegt-kommentar-a-1017876.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/02/04/kirchenasyl-es-knirscht-zwischen-kirche-und-staat/

[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/warum-thomas-de-maiziere-beim-kirchenasyl-falsch-liegt-kommentar-a-1017876.html