Dierk Schaefers Blog

Präsident Macron und seine theologischen Qualitäten

Posted in Geschichte, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 27. Juli 2017

»Macron betonte, dass die Heldengeschichte der Jungfrau von Or­leans zum historischen Erbe aller Franzo­sen gehöre und sie erleben lasse, dass sie eine gemeinsame Geschichte hätten, eine Geschichte, „die uns zusammenhält“. Und weiter: „Die großen Gestalten der Vergan­gen­heit sprechen nicht zu uns. Niemals haben sie versucht, uns eine Botschaft zu sen­den. Nur wir selbst bringen sie zum Spre­chen. Nur wir selbst konstruieren ihre Legenden, auf die wir uns stützen. Aus unse­rer Geschichte erwachsen unsere Hoffnun­gen und unsere Kraft zu handeln.“«

So wird aus einer Rede von Macron zitiert. Er hat sie am 8. Mai 2016 – noch als recht unbekannter Wirtschaftsminister unter Hollande – zu Ehren der Jeanne d’Arc bei den jährlichen Feierlichkeiten in Orleans auf Einladung der Stadt gehalten.[1]

Das ist ein beachtliches Zitat. Die beiden Theologen meiner Familie haben unabhängig voneinander sofort die Parallele zur Theologie gezogen, zur liberalen Theologie natürlich. Denn es geht um den berühmt-berüchtigten „garstigen, breiten Graben“, den Lessing zwischen Zeugnissen aus der Vergangenheit und der Gegenwart ausgemacht hat,[2] – eine Erkenntnis, die bis heute die Theologen beschäftigt, mit unterschiedlichen Ergebnissen.[3]

Macron scheint dieser Graben keine Probleme zu bereiten und setzt auf das sinnstiftende Potential historischer Personen (und Ereignisse). »Aber ist der Rekurs auf historische Größe noch zeitgemäß? Macron sagte in Orleans: „Die Franzosen brauchen Jeanne d’Arc, weil sie uns zeigt, dass das Schicksal nicht festgeschrieben ist.“«

Dieser Satz lässt sich auch für den Umgang mit Personen aus jedweder (Religions)-Geschichte nutzen. Macron hat eine vorzügliche, auch theologisch-nützliche Interpretation vorgelegt.

Übrigens: Jeanne d’Arc[4] wurde heiliggesprochen. Ihre Skulptur steht in vielen französischen Kirchen. Und: Frankreich ist ein betont säkularer Staat.

 

[1] Zitate aus GERD KRUMEICH, Macron über Jeanne d’Arc, Ihm wächst ein Wortfeld, FAZ, 26. Juli 2017, S. N3

[2] http://www.zeit.de/1980/25/anti-goeze/komplettansicht Achtung: Unkorrierter Scan!

[3] Nur ein Beispiel: http://www.theologiestudierende.de/2015/03/09/moment-mal-lessings-garstiger-graben/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Jeanne_d%E2%80%99Arc

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„Die Muslime als starkes Argument für den christlichen Religionsunterricht“

Nicht nur das, sondern auch für die theologischen Fakultäten. Was manche angesichts der Probleme mit islam(ist)ischer Enkulturation begreifen, hat auch bei den Christen gewirkt: Die weithin gelungene Zähmung von Religion, die eigentlich nicht gezähmt werden kann, weil Gottes Wille über menschlichen Gesetzen steht. Das will ich an dieser Stelle nicht vertiefen. Aber die Säkularisierung war wirkungsvoll und nun erhofft man mit einem solchen Prozess einem „aufgeklärten“ Euro-Islam den Weg bereiten zu können. Die Aufklärung hat bei den Kirchen recht lange gedauert.

Es ist geradezu belustigend zu sehen, wie dank des Islam Religionsunterricht für Leute akzeptabel wird, die ihn bisher verkannt haben. Da war von Indoktrinierung die Rede, noch dazu vom Staat finanziert.[1] Die meisten dieser Leute haben wohl nie einen Lehrplan für Religionsunterricht in der Hand gehabt. Selbst viele „Gebildete“ meinen, im Religions­unterricht werde doch nur die Bibel gelesen.

Nun schreibt die Süddeutsche, der der Titel dieses Posts entnommen ist, über den Religions­unterricht und wie er sich verändert habe.[2] Das ist einerseits informativ, andererseits eher oberflächlich, denn eine echte Kritik des Religions­unterrichtes findet nicht statt. Eher naiv wird referiert: Es hat sich ja auch sehr geändert, das Fach, sagen viele Religionslehrer selbstbewusst: Wir bringen in die Schule, was sonst keiner leisten kann. Wir unterrichten authentisch über unseren Glauben. Bei uns kommen die existenziellen Themen zur Sprache – und unser Unterricht dient der Persönlichkeits­ent­wicklung, bei der es nicht nur auf die Noten ankommt.

Religionsunterricht hat deutlich mehr zu sein als das, um im allgemeinen Bildungsplan seine Berechtigung zu finden.[3] Es wird Zeit, dass die Religionslehrer vermitteln, welche Bedeutung Religion[4] für den Zusammenhalt einer zivilisierten Gesellschaft haben kann und sollte. Am französi­schen Beispiel kann man sehen, was man versäumt, wenn man die religiöse Bindung von Menschen ignoriert und meint, mit einem laizistischen Staatskult könne eine pluralistische Gesellschaft zusammengehalten werden.[5]

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/29/das-marchen-von-der-zwangsmissionierung-deutscher-kinder-im-staatlichen-religionsunterricht/

[2] http://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-wie-sich-der-religionsunterricht-in-deutschland-veraendert-hat-1.2987758

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

[4] natürlich nicht nur die christliche

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/02/01/laizismus-als-losung-vieler-probleme-anscheinend-nicht-hatte-ich-argumentiert/

Himmel, hilf!

Posted in Kirche, Religion by dierkschaefer on 20. Oktober 2014

Glaubwürdig wird die Geschichte nur durch ihn selbst. Joseph ist ein Freund unserer Familie. Durch einen Schüleraustausch meiner Frau haben wir ihn kennengelernt. Wie bei nicht wenigen Lehrern in Frankreich hat sein Laïzismus eine massiv antiklerikale Grundlage. Das macht die Glaubwürdigkeit der Geschichte aus und es spricht für seine Toleranz, dass er sie mir, einem Pfarrer erzählt hat. Und für mich selber sollte ich hinzufügen, dass ich nicht an ein Wunder in dieser wunderhaften Geschichte glaube.

Joseph wohnt in einem kleinen Dorf in Lothringen. Dort gelten die für Frankreichs Innenpolitik fundamentalen Gesetze aus dem Jahr 1905 nicht. Elsass-Lothringen hatte sich bei seiner Wiederangliederung gegen die Übernahme der strikten Trennung von Staat und Kirche erfolgreich gewehrt. Kein Laïzismus! Und so ist das Dorf von Joseph weiterhin gut katholisch. Man hält die kirchlichen Feiertage ein und besucht den Gottesdienst.

Heute, am Pfingstsonntag sägt Joseph sein Holz, mit der Motorsäge. Die macht Krach. Das ist sein Beitrag zum Gründungsjubiläum der Kirche. Ohne Regung lässt er die Kirchgänger an sich vorüberziehen, auch wenn sie ihn missbilligend ansehen. Er hat sogar ein gutes Gewissen dabei. Ein Werk der Nächstenliebe sei es gewesen, sagt er, denn er sägte das Holz für seine verwitwete Schwester und war damit der bessere Christ,[1] doch das hat er nicht gesagt

Er sägt so lange, bis die Säge ihren Dienst versagt und nach vergeblichen Versuchen nicht wieder anspringt. Also stapelt er gerade sein Holz, als die Gottesdienstbesucher nach der Kirche wieder an seinem Grundstück vorbeigehen. Sie schauen ihn, wie er meint, merkwürdig an, mit einer gewissen Scheu.

Verwandte, die im Gottesdienst waren, steckten es ihm bei nächster Gelegenheit. Er hatte die Messe mit seinem Lärm wirklich sehr gestört, den ganzen Gottesdienst über. Kurz vor dem Segen erwähnte der Pfarrer das Sägen. Im Gebet flocht er die Bitte ein, und bewahre uns vor diesem infernalischem Lärm. Genau in diesem Moment verstummte die Säge.

[1] Doch da ich ihm den Namen Joseph gegeben habe, fällt mir der diensteifrige Heilige Joseph vom Bad Wildunger Altar ein. Der hat sich auch ums Brennholz gekümmert: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6273027637/in/set-72157627961292072

Laïcité mit religiöser Formsprache

Posted in Geschichte, Weltanschauung by dierkschaefer on 28. August 2014