Dierk Schaefers Blog

Kinderrechte sollen ins Grundgesetz

Ja, aber ich glaub’s erst, wenn sie drin sind. Beurteilen kann man sie erst, wenn man sie sich kritisch anschaut: 1. Welche Kinderrechte kommen ins Grundgesetz? 2. Welche Chancen haben ihre Umsetzung in Politik, Justiz und Verwaltung? Es wird also noch dauern.

Als jahrelanger Beobachter der Situation kann ich nur gequält schmunzeln über den Fortschritt, der bekanntlich eine Schnecke ist – und ob’s ein Fortschritt wird, sehen wir erst später.[1]

Nun endlich nimmt sich die Politik auf höherer Ebene (Koalitionsvertrag) des Themas an. Eine Zusammenfassung gab es gestern in der Sendung „Hintergrund“ des Deutschlandfunks. Man lese nach![2]

Ob es zu einer 2/3-Mehrheit im Bundestag reichen wird, halte ich für fraglich, denn – wie üblich – werden die Kinder nicht nach ihren wohlverstandenen Interessen gefragt, sondern die Vertreter der Interessen anderer:

  • Elternverbände
  • Männervereinigungen
  • Frauenvereinigungen
  • Kirchen
  • Parteien
  • Sozial- bzw. Jugendhilfeträger

und am wichtigsten:

  • die Länder und ihre Kommunen

Die Liste ist wohl nicht vollständig, so habe ich z.B. die Rechtsdogmatiker nicht erwähnt.

Wenn einer Personengruppe, die bisher nur im Paket „Familie“ mitgemeint war, eigene Rechte eingeräumt werden sollen, schmälert das die Rechte und den Einfluss anderer – oder deren Finanzen. Diese anderen werden alle Möglichkeiten nutzen, um ihren Besitzstand zu wahren.

Die Eltern und ihre Verbände werden auf das Elternrecht pochen und darauf verweisen, dass für deren Missbrauch der Staat ein Wächteramt habe. Es ist ja auch richtig, dass der Staat nicht ohne Anlass, also willkürlich/ideologisch in die Familien hineinregieren soll. Autoritäre Staaten in Vergangenheit und Gegenwart sind ein abschreckendes Beispiel, die Hilflosigkeit von Kindern in unserem System in bekanntgewordenen Extremfällen allerdings auch. Es wird also darum gehen müssen, Elternrechte gegen die wohlverstandenen Interessen des Kindes abzuwägen und passende Maßnahme durchzusetzen, wobei unbedingt die Meinung der Kinder erfragt werden muss. Richter sind oft dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das sollte also eine unabhängige Fachkraft tun, die den Kindern ihre Entscheidungsmög­lich­keiten und auch die Folgen freundlich vor Augen führt. Das bedeutet: qualifizierte Einzelarbeit, die ist teuer. Sind uns die Kinder das wert? Wer soll das bezahlen?

Fragen in Zusammenhang mit Inobhutnahme sind besonders schwierig. Kinder sind zuweilen hinundhergerissen zwischen der Liebe zu ihren Eltern, selbst wenn diese drogenabhängig sind [Parentifizierung] oder sie gar mißhandeln einerseits und andererseits ihren wohlverstandenen Interessen. Hier ist sehr viel Einfühlungsvermögen vonnöten, um den Kindern die Last der Verantwortung und die Schuldgefühle abzunehmen. Zu beachten ist der Zeitfaktor bei einer Unterbringung in einer Pflegefamilie. Oft ist hier eine Bindung entstanden, die stärker ist als manche Vorstellung von Blutsverwandtschaft. Die Vorstellung, dass soziale Elternschaft wichtiger ist als leibliche, ist vielen Menschen fremd. Sie denken nicht daran, dass es Aufgabe jeder Elternschaft ist, eine soziale zu werden.

Kinder bei Trennung und Scheidung sind dann besonders schlecht dran, wenn der Partner­schafts­krieg auf dem Rücken der Kinder ausgefochten wird. Im Hintergrund machen sich Männervereinigungen und Frauenvereinigungen stark. Auch sie folgen zumeist biologischen Denkmustern. Ein Kind gehört zur Mutter/zum Vater oder es hat Anrecht auf beide. Alles ist verheerend für Kinder, wenn die Eltern für das Kind nicht in erster Linie Eltern sein wollen – und es auch können. Zurzeit versuchen – vornehmlich – Männer, die oft unhaltbaren Ent­scheidungen der Familiengerichte auszuhebeln durch ein im Regelfall verpflichtendes Dop­pelresidenzmodell. Ob diese Aufteilung der Kinder von Fall zu Fall von den Kindern gewünscht wird und ob es für sie praktikabel ist, diese Frage interessiert nicht. Es kann und sollte in solchen Fällen immer darum gehen, im Einvernehmen mit den Kindern – möglichst auch mit den Eltern – eine kindgerechte, alltagstaugliche Lösung zu finden, die nach Kindes­bedarf Flexibilität ermöglicht und auf Wunsch des Kindes auch wieder neu verhandelbar ist. Auch hier ist die Beratung und Begleitung von ideologisch unabhängigen Fachpersonal nötig. Mit der psychologisch-pädagogischen Fachkompetenz der Richter wird man wohl auch zukünftig nicht rechnen können.

Die Kirchen und andere Religionsverbände werden das Elternrecht in dem Sinne verteidigen wollen, dass diese das Recht auf religiöse Erziehung bis zur Religionsmündigkeit behalten sollten. Das ist problematischer als es aussieht. Denn es beinhaltet das Recht auf Beschnei­dung minderjähriger Jungen, was eindeutig dem Kinderrecht auf Unversehrtheit entgegen­steht. Von dort ausgehend machen manche Agitatoren auch Front gegen die Kindertaufe; ein Kind solle unbehelligt von jedweder Religion aufwachsen, bis es sich selber entscheiden kann. Das ist völlig lebensfremd.[3]

Die Parteien sind, wie der Rundfunkbeitrag zeigt, unterschiedlicher Meinung.[4] Nach meiner Einschätzung haben alle kein besonderes Interesse an Kindern, sondern nur an ihren Wähler­gruppen. Das ist systembedingt. Sie werden jeden Entwurf für Kinderrechte im GG in ihrem Interesse beeinflussen, verwässern und Hintertürchen aufhalten[5]. Gummiparagraph.jpgAlso brauchen wir nicht nur die Kinderrechte im GG, sondern auch Wahlrecht für Kinder, das zunächst wohl eine Art Familienwahlrecht wäre bis die Kinder eigene politische Vorstellungen haben. Dann, aber erst dann würden die Parteien Familien und Kinder umwerben und ihnen die Aufmerk­samkeit geben, die ihnen gebührt.

Ein schwieriges Kapitel sind die Sozial- bzw. Jugendhilfeträger, denn die Rechte dieser Lobby sind festgezurrt. Ich habe es in einem Beitrag hier im Blog dargestellt.[6]

Am übelsten jedoch ist die Lobby der Länder und ihrer Kommunen, denn die sind – wie die Elternrechte – schon im Grundgesetz verankert und sie wollen nicht zahlen. Darum hinter­treiben sie seit Jahrzehnten alle kostenträchtigen Gesetze, auch die, die für das Kindeswohl förderlich sind. Und sie achten auf ihre Hoheit. Besonders sie also sind der Hauptgegner, wenn es um die Umsetzung von Kinderrechten im Grundgesetz geht.

Das sind die Neben­wirkungen des Föderalismus; wir kennen sie aus verschiedenen Bereichen. Ich nenne nur die Schulpolitik und mag gar nicht weiter darauf eingehen. Auch die Pflegeschlüssel sind von Land zu Land unterschiedlich. Ist doch logisch, dass der Pflegebedarf in Bayern ein anderer ist als in Meck-Pomm.

Fußnoten

[1] Einen Katalog von Defiziten und Forderungen habe ich schon in meiner Tagungsreihe Kinderkram publiziert und später, 2011 in meinen Blog gestellt:Dierk Schäfer, Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/10/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[2] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242 Sonntag, 22. April 2018

[3] Dierk Schäfer, Die Zurichtung des Menschen – auch ohne Religion https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/04/18/die-zurichtung-des-menschen-auch-ohne-religion/

[4] http://www.deutschlandfunk.de/nach-jahrzehntelanger-debatte-kinderrechte-sollen-ins.724.de.html?dram:article_id=416242

[5] „Also, Herr Referent, der Gummizug ist schon ganz nett, vergessen Sie aber nicht die Verwässerungsanlage und das Hintertürchen.“ Fund: Archiv Dierk Schäfer

[6] Dierk Schäfer, Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

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Orthodoxe Prügel, eine Herausforderung für die Ökumene?

Es darf misshandelt werden, alles bleibt in der Familie, soweit das Opfer keine sichtbaren Schäden erleidet oder mehr als einmal im Jahr verprügelt wird. Gewalttaten in der Familie werden in diesem Fall lediglich als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit einem Bußgeld von umgerechnet bis zu 470 Euro bestraft. Bislang waren dafür Strafen von bis zu zwei Jahren Gefängnis vorgesehen. … 380 der 450 Duma-Abgeordneten stimmten in Moskau in dritter Lesung für das Gesetz, nur drei Abgeordnete mit Nein. Der Text muss noch den Senat passieren, bevor es von Präsident Wladimir Putin unterzeichnet werden kann. Der hatte bereits seine Zustimmung signalisiert… In der russischen Gesellschaft ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 19 Prozent der befragten Russen der Ansicht sind, dass Gewalt gegen Kinder oder Partner unter gewissen Umständen akzeptabel ist.[1]

Weder schön, noch gut. Das Abstimmungsergebnis lässt tief in die russische Seele blicken und bestätigt die Redensart: Mein Mann liebt mich nicht mehr, er hat mich schon vier Wochen nicht geschlagen.[2]

Ist es unter diesen Umständen erstaunlich, dass auch die Russische Orthodoxe Kirche zu den Lobbyisten des Gesetzes gehört?[3] Sie betrachtet die körperliche Züchtigung als einen traditionellen Vorzug russischer Kindererziehung. Die gleiche Auffassung vertritt die konservative Volksfront „Allrussischer Elternwiderstand“, die obendrein davor warnt, leichte körperliche Bestrafungen, die für Kinder oft nützlich und vollkommen unschädlich seien, mit elterlicher Grausamkeit zu verwechseln. Tatjana Borowikowa, die tiefgläubige Leiterin von „Viele Kinder, das ist gut!“ (einer Vereinigung kinderreicher Familien), bezeichnet es gar als elterliche Liebesbezeugung, ein Kind zu verdreschen, wenn es etwas geklaut oder pornographische Videofilme geschaut hat. [4]

 

Die Russische Orthodoxe Kirche ist Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen[5], wenn auch die Orthodoxen Kirchen eine gewisse Distanz halten.[6] Es geht dabei nicht nur um den „westlichen Lebensstil“, sondern um Menschenrechte.

Damit hat die Russische Orthodoxe Kirche grundlegende Probleme. Sie distanziert sich in ihren ökumenischen Kontakten von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben.[7]

In der „Russische[n] Erklärung der Menschenrechte“ werden diese an zusätzliche Grundlagen gebunden. Dort heißt es: „Die Rechte und Freiheiten des Menschen können nicht getrennt werden von Verantwortlichkeit und Zurechenbarkeit. Bei der Verfolgung seiner Interessen ist das Individuum angehalten, dies in Korrelation mit den Interessen seiner Nachbarn, seiner Familie, seiner Gemeinde, seiner Nation und der Menschheit zu tun. Und weiter: …….Es ist gefährlich „Rechte“ zu „erfinden“, die ein Verhalten legalisieren, das von der traditionellen Moral und allen historischen Religionen mißbilligt wird. [8]

Die traditionelle Moral kann vieles umfassen, würde notfalls auch die Blutrache legitimieren. Im Ansatz unterscheidet sich die Russische Erklärung der Menschenrechte nicht von der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.[9] Hier wie dort stehen die Menschenrechte unter Vorbehalt, im Islam ist es die Geltung der Scharia; z.B. „Artikel 7 definiert Rechte zwischen Kindern und ihren Eltern. Eltern steht das Recht auf die Wahl der Erziehung ihrer Kinder nur in dem Umfang zu, wie diese mit den „ethischen Werten und Grundsätzen der Scharia übereinstimmt“. [10]

Die Russische Orthodoxe Kirche meint einen feinen Unterschied machen zu können zwischen Menschenrechten und Menschlichkeit.[11] Dabei will sie ein „besonderes Augenmerk legen auf das Schützen der Rechte von Kindern.“ Ein Hohn angesichts der Zustimmung zur Gewalt in der Familie.

Es wird in Russland also weiter misshandelte Kinder geben, misshandelte Frauen und eheliche Vergewaltigungen, so lange es keine bleibenden Schäden gibt.

 

Sollte der Ökumenische Rat der Kirchen der russischen Orthodoxie nicht deutlich entgegen­treten, auch auf die „Gefahr“ hin, dass die ihre Mitgliedschaft aufgibt? Menschenrechte sind unteilbar und auch nicht ökumenisch zu verwässern.

Meine Meinung: Schmeißt sie raus.

Fußnoten

[1] http://www.deutschlandfunk.de/russland-schlaege-zu-hause-nur-noch-eine-ordnungswidrigkeit.1818.de.html?dram:article_id=377480

[2] In Russland werden jedes Jahr 12.000 Frauen von ihrem Partner oder Verwandten getötet, 36.000 werden täglich verprügelt. Die meisten von ihnen reden allenfalls mit Freunden darüber. Nur wenige gehen zur Polizei. Die meisten fürchten, das mache die Lage nur schlimmer. Eine Frau aus dem zentralrussischen Orjol, die im vergangenen November die Polizei anrief, weil ihr Exfreund sie bedrohte, bekam zu hören, man werde nur kommen, wenn sie umgebracht würde – was dann auch geschah. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/soll-haeusliche-gewalt-strafbar-sein-russland-diskutiert-14826380.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[3] s. Anmerkung 1

[4] s. Anmerkung 1

[5] Der Ökumenische Rat der Kirchen / ÖRK (auch Weltkirchenrat; englisch World Council of Churches, WCC) wurde am 23. August 1948 in Amsterdam gegründet[1] und gilt seitdem als zentrales Organ der ökumenischen Bewegung. Er ist ein weltweiter Zusammenschluss von 348 Mitgliedskirchen (Stand: 2016) in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96kumenischer_Rat_der_Kirchen,

[6] Die Orthodoxen Kirchen haben den ÖRK u.a. wegen der von ihnen empfundenen Dominanz von liberal-protestantischen Themen wie Frauenordination und positive Bewertung der Homosexualität in den letzten Jahren mehrmals scharf kritisiert, haben sich aber zunächst zur Fortführung ihrer Mitgliedschaft entschieden. s. Anmerkung 4

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche#Im_neuen_Russland

[8] beschlossen beim X. Weltkonzil des Russischen Volkes in der Christus-Erlöser-Kathedrale zu Moskau vom 4. bis 6. April 2006, https://antifo.wordpress.com/2009/03/14/russische-erklarung-der-menschenrechte/

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Kairoer_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte_im_Islam

[10] s. Anmerkung 9.

[11] Die Verwendung von Doppelstandards im Bereich der Menschenrechte weisen wir zurück … Wir sind bereit zur Kooperation mit dem Staat und allen wohlmeinenden Einrichtungen, um die Rechte der Menschlichkeit zu schützen.

Soll das ein Witz sein? Frauenzonen in Bussen?

Posted in Gesellschaft, Kriminalität, Kriminologie, Parteien, Politik, Psychologie, Staat by dierkschaefer on 20. Januar 2016

Israels Ultraorthodoxe treten auch dafür ein. In den USA mussten die Schwarzen früher in den Bussen hinten sitzen.

Sind wir auf dem Weg zu einer Apartheid-Gesellschaft? Diesmal unter dem Gefährdungs-Label? Die Frauenparkplätze in den Parkhäusern reichen eigentlich schon. Nun diskutiert man in Regensburg über Sicherheitszonen für Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln, gelabelt als „Lady-Zonen“.[1]. Vielleicht auch für Senioren, soweit sie jenseits von gut und böse sind? Da ist der Weg nicht weit zum behördlich angeordneten Einbau eines panic room in den Wohnungen, denn dort passieren wohl die meisten Übergriffe – auf Frauen, Kinder und alte Leute.

Wie steht es mit der Sicherheit vor manchen Pflegern in Altenheimen?

Auch Polizisten und Rettungsleute, immer wieder Angriffen ausgesetzt, brauchen ihre Sicherheitszonen.

 

Da plädiere ich doch eher dafür, den Bundestag als Sicherheitszone gegen Lobbyisten einzurichten.

Und ohnehin: Wer sichert uns vor dem Griff der Parteien in unseren Geldbeutel?

 

Sicher: Sicher ist sicher, warb vor Jahren die SPD im Wahlkampf[2]. Mit Sicherheit lassen sich Stimmen fangen und Geschäfte machen. Auch Busse müssen sicherlich auf „sicher“ erst umgebaut werden.

 

Und wie schützt man Domspatzen?

 

In dieser Gesellschaft läuft einiges schief und wir, die Gesellschaft und die Politiker sollten andere Antworten darauf finden als irgendwie definierte gated communities.

[1] http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/01/19/sicherheit-gegen-uebergriffe-regensburg-beraet-ueber-lady-zonen-in-bussen/

[2] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46273350.html

Manche Männer morden lächelnd

Posted in Gesellschaft, Kriminalität, Kriminologie, Psychologie, Religion, Terrorismus by dierkschaefer on 24. März 2015

Die Religion der Mörder aus Überzeugung ist austauschbar, meint Klaus Theweleit in seinem Buch „Das Lachen der Täter: Breivik u. a. Psychogramm der Tötungslust“[1]. Das ist nicht neu. Neu ist, dass Theweleit die Lust in den Augen dieser Täter, das Lächeln in ihren Gesichtszügen und die Feierlaune ihrer Unterstützer umfassend unter die Lupe nimmt. Das Psychogramm der Tötungslust ist ein interessanter Forschungsansatz.

Dass Männer und Mord in dieser Kombination häufiger auftreten, ja, ohnehin Verbrechen und Mann, sagt ein Blick in die Kriminalstatistik, ist also auch nicht neu. Auch nicht die Männerdomäne, in der Frauen nur dienende Funktion haben. Doch wie war es in den KZ oder in den Kinderheimen mit der Lust der Frauen am Quälen bestellt? Wie mit ihrem Überzeugungshintergrund? Waren sie „Mannweiber“? Für eine Garçonne waren sie zu stabil gebaut.

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/klaus-theweleit-ueber-sein-buch-das-lachen-der-taeter-13498074.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Großartige Frauen im Schatten der Medien

Posted in Journalismus, Medien, Politik by dierkschaefer on 7. Januar 2014

Großartige Frauen im Schatten der Medien

 

Denn die einen stehn im Dunkeln

Und die andern stehn im Licht.

Und man sieht nur die im Lichte,

die im Dunkeln sieht man nicht.

Bertold Brecht

15 Kommentare! Mit gemischten Gefühlen nahm ich die Resonanz zur Kenntnis. Wozu der Hype? hatte ich geposted[1] und damit selber im Rahmen meines kleinen Blogs so etwas wie einen Hype ausgelöst. Doch die Kommentare lösten sich schließlich von der Person, deren Unfall den Hype ausgelöst hatte und kamen zum für mich interessanten Thema:

O   Wie funktioniert die Entstehung einer Nachrichtenwelle?

O   Wie kommt ein Thema ganz nach vorn?

O   Im Hintergrund die Frage: Warum hat es das Heimkinderthema nicht geschafft, ganz nach vorn zu kommen, im Gegensatz zum isolierten Mißbrauchsthema?

O   Auch die Frage, warum ein selbstverliebter Bischof mit einer vergleichsweise lächerlichen Schadenssumme wochenlang eines der Top-Themen lieferte, – getoppt nun allerdings von einem Rennfahrer auf Skiern.

Unabhängig von der medialen Aufmerksamkeit ist die Frage nach ihrer Wirkung zu stellen. Da kann nicht nur die Rennfahrerstory schnell abgehakt werden. Denn es geht, ähnlich wie bei Lady Di oder anderen (warum auch immer) Publikumslieblingen um das ergreifende Schicksal. Prominenz im Scheinwerferlicht bietet Identifikationsmöglichkeiten, positive oder auch negative, wie im Fall des Bischofs. Je nach Fall werden Mitleid und Anteilnahme ausgelöst oder auch Haß, je nach Disposition des gaffenden Publikums. Bedeutende politische Konsequenzen sind in der Regel nicht zu erwarten, doch die Neugier des Publikums wird bedient, zuweilen auch erst geweckt, wenn es sich um ein sensationelles schicksalhaftes Szenario von Nobodies handelt, die erst durch das Unglück ins Licht der Öffentlichkeit geraten, so beim Zugunglück von Eschede, das auch schon lange abgehakt ist. „Jahrestage“ bieten dann die Gelegenheit für einen „Wiederaufguß“ in den Medien – und wir nehmen zur Kenntnis, wie die Zeit vergeht: Was, ist das schon so lange her?

Die Interessen und die Neugier von Publikum und Medien bedingen und bedienen sich gegenseitig und greifen ineinander. Als mein Kollege der Familie Bischof die Todesnachricht überbrachte, hingen, als er aus dem Haus kam, die Bäume und Büsche voller Fotografen. „It’s history, Madam“, sagte der Fotoreporter, als er die Witwe Kennedy beiseite drängte, um ein Bild von der Leiche zu schießen. Doch Sensationslust beim Gladbecker Geiseldrama hatte keine historische Legitimation. Tödliche Sensation als Entertainment – die Spiele zum Brot. Wenn das Interesse von Medien und Öffentlichkeit bedient ist, wandert es weiter und zurück bleiben die Betroffenen mit ihrem nun uninteressanten Schicksal, das sie lebenslänglich belastet.

 

Wie kommt es, daß die Medien manchmal nur versteckt oder gar nicht berichten? Dann merken wir nur durch Zufall, daß da was war. So ging es mir vor wenigen Tagen mit Liberia. Vor vielen Jahren war ich für sechs Wochen in Monrovia, so daß Liberia für mich bis heute einen gewissen, wenn auch begrenzten Aufmerksamkeitswert hat. Ich lese nicht nur die Nachrichten, soweit das Land in den Medien überhaupt auftaucht. Auch das Buch der derzeitigen Präsidentin, Ellen Johnson-Sirleaf,[2] habe ich interessiert gelesen.[3] Vor ein paar Tagen sah ich mir den Film über die Frauen Liberias und ihre Rolle bei der Befriedung dieses vom Krieg zerfressenen Landes an[4] – und war erstaunt. So erstaunt, daß ich trotz vorgerückter Stunde, es war kurz vor Mitternacht, im Buch der Präsidentin nachlas. Denn was der Film zeigte, schien mir neu – oder hatte ich es nur vergessen? Die Präsidentin hatte gemeinsam mit Leymah Gbowee, der Protagonistin des dokumentarischen Films, den Friedensnobelpreis erhalten.[5]+[6] Im Register des Buchs taucht der Name aber nicht auf. Auch im Kapitel über die Friedensverhandlungen in Accra, der Schlüsselszene im Film, ist nichts vom maßgeblichen Einsatz der liberianischen Frauen zu lesen. Merkwürdig! Laut Information auf der Hülle der DVD hat die Regisseurin ein besonderes Interesse, die positive Rolle von Frauen hervorzuheben. Bin ich etwa einem feministischen Fake aufgesessen? Der Film endet mit der Wahl der Präsidentin – und der Enttäuschung, daß die Warlords mit Ämtern bedacht werden und damit, daß Leymah Gbowee sagt, die Wahl von Ellen Johnson-Sirleaf[7] sei nur der Zuckerguß auf dem Kuchen. – Ich nehme mir vor, am nächsten Tag das Bonusmaterial der DVD anzuschauen.

Das bot dann eine doppelte Überraschung. Eine eher banale. Alle drei Beiträge kamen aus Tübingen, aus dem mir gut bekannten „Arsenal“, ein kleines Programmkino mit Ausschank. Dort hatte „TERRE DES FEMMES“ 2009 eine Veranstaltung mit Leymah Gbowee zu diesem Film organisiert. In zwei Diskussionsrunden gab sie Auskunft zu der Friedensaktion der Frauen in Liberia. Der lag eine Strategie zugrunde. Die Friedensdemonstration einer kleinen Gruppe aus der Evangelisch-lutherischen Kirche[8] in Monrovia war der Beginn: „Wir beten für den Frieden.“ Beim zweiten Mal war die Gruppe schon größer. Dann wandte man sich erfolgreich an die Bischöfe und an den Imam mit der Bitte, ihren Aufruf zu unterstützen, und fünfzehntausend Frauen machten mit. Zum ersten Mal Christinnen und Musliminnen gemeinsam. Sie zogen singend, betend und tanzend zum Präsidentenpalast – und konnten nun nicht mehr ignoriert werden. Der Diktator Charles Taylor[9] nahm ihre Forderung nach Frieden öffentlich entgegen. Er war der Drahtzieher des Krieges in Westafrika. Er war verantwortlich für die Bewaffnung der RUF[10], für die Kindersoldaten, für die Gemetzel in Sierra Leone, und das alles für Diamanten, die als „Blutdiamanten“[11] bekannt wurden. Doch nun willigte er – auch auf internationalen Druck – in eine Friedenskonferenz in Accra ein. Da saßen sie nun, die verschiedenen Warlords im besten Konferenzhotel und genossen das Leben. Sie hatten keine Eile. Die Verhandlungen kamen ins Stocken. Die Frauen aus Liberia sahen den Frieden verraten und blockierten das Hotel. Sie erhielten Zusagen, zudem platzte in die Konferenz die Nachricht von der Anklage gegen Charles Taylor vor dem internationalen Gerichtshof. Er ist der erste amtierende Staatschef, dem die Immunität nicht half. Der Friede wurde geschlossen. Die Warlords teilten die Ministerämter als Beute unter sich auf, aber Ellen Johnson-Sirleaf ging als Siegerin aus den Wahlen hervor.[12]

Leymah Gbowee war in beiden Diskussionsgruppen sehr beeindruckend[13]. Der dritte Beitrag im Bonusmaterial war eine Diskussion zwischen Irene Jung[14] und der Journalistin Sabine Freudenberg[15]. Da lag meine zweite Überraschung. Denn das Ausmaß der liberianischen Frauen am Friedensschluß, ja deren Mitwirkung überhaupt, war auch der Journalistin neu, so wie mir auch.[16] Wie kommt es, fragten sich die beiden Frauen, daß nichts davon in unseren Medien stand. Es gab, wie eine von beiden sagte, auch kaum authentisches Filmmaterial von der Beteiligung der Frauen aus Liberia. Ist dieser „Dokumentarfilm“ eine Geschichtsfälschung? Hypothesen wurden angeboten, glaubwürdig zwar, aber nur Hypothesen. Kriegsberichterstattung sei wie der Krieg überhaupt Sache von Männern. Die Kriegsberichterstatter seien aufs Kampfgeschehen konzentriert, nicht auf gewaltlosen Widerstand. An ihre Kunden, also letztlich an uns!, könnten sie auch nur Berichte über Kriegsgewalt verkaufen und ohnehin seien sie innerlich wie auch real den Kampfhandlungen näher. Das mag so sein. Aber reicht das als Erklärung aus?

Warum haben deutsche Medien nicht wenigstens die publikumswirksame Lysistrata-Strategie der liberianischen Frauen aufgegriffen? Beim Googeln fand ich auf den ersten drei Link-Seiten nur eine deutschsprachige Veröffentlichung[17].

Als ich dann wegen des Massakers in Conakry recherchierte, es wurde von in der Diskussion erwähnt, war es das gleiche Bild: Fast ausschließlich englischsprachige Artikel[18].

„Wenn hinten, fern in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen“ …zu Goethes Zeiten war die Berichterstattung offensichtlich besser. Bei uns ist und bleibt Schwarz-Afrika ein schwarzer Kontinent, von dem wir durch unsere Medien kaum etwas erfahren, jedenfalls nicht in Artikeln, die der Größe des jeweiligen Massakers angemessen sind.

Dafür erfahren wir aber alles über Schumi und neuerdings über den Skiunfall von Angela.

 

Warum lassen wir uns das gefallen?


[3] Ellen Johnson Sirleaf, Mein Leben für Liberia – Die erste Präsidentin Afrikas erzählt

[4] Gini Reticker, Zur Hölle mit dem Teufel – Frauen für ein freies Liberia, Zweitausendeins Edition, 23

[8] In einer Information über Leymah Gbowee wird sie auch als „Kirchenpräsidentin“ bezeichnet.

[12] Wenn man inzwischen ihren Namen in Verbindung mit „Korruption“ googelt, wird man leider fündig. Sie hat ihren Söhnen gut dotierte Posten verschafft – doch das kennen wir aus Deutschland ja auch. Nur daß es hier eher um verdiente Parteimitglieder geht, die weiterhin gut verdienen wollen.

[13] Eine Zusammenfassung der Diskussionen: http://www.frauenrechte.de/film/2009/de/r-diskussion.htm

[14] Irene Jung, Leiterin des Filmfestes FrauenWelten von TERRE DES FEMMES, http://lokalmagazin.wueste-welle.de/wp-content/uploads/2010/11/P1000107.jpg

[16] Die Nachrichten gab es, aber gut versteckt: http://www.gwi-boell.de/downloads/Leitstern_Liberia.pdf Seite 2