Dierk Schaefers Blog

150 Jahre Bethel – Ein chrismon spezial

»„Für Menschen da sein“: Das ist so ein einfacher Satz.« So begrüßt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die liebe Leserin und den lieben Leser.

Und dann schreibt sie von der außerordentlich segensreichen Entwicklung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel seit den allerersten Anfängen.

Nun darf man von der ersten Frau der westfälischen Kirche nicht erwarten, dass sie mit ihrer Gratulation die Festharmonie stört. Aber chrismon hätte wenigstens auf einer Seite an die nicht so segensreichen Momente in dieser Entwicklung erinnern müssen. Ich, der ich viele Kontakte mit ehemaligen Heimkindern habe, fühle mich an den Film von Thomas Vinterberg erinnert. Dort wird auch ein Fest gefeiert, ein Familienfest. Und dann geschieht das Schockierende. Der Jubilar sieht sich mit den Vorwürfen konfrontiert, zwei seiner Kinder missbraucht zu haben.[1] Unter der Oberfläche der Harmonie einer funktionierenden Familie taucht das Grauen auf.

Sicherlich ist Bethel eine hilfreiche Einrichtung und nur weltferne Idealisten werden von einem Sozialkonzern mit Eigeninteressen sprechen. Doch wenn das Grauen keinen Platz im Festkalender bekommt, wird das Fest zur Lüge. In der Infographik auf Seite 22f taucht auch das Schild „Freistatt“ auf. Die „Moorsoldaten“ aber werden beschwiegen. Doch vielleicht ist es ja ein versteckter Hinweis, dass zwischen der heutigen Bezeichnung Bethel im Norden und Freistatt Welten liegen. Damals war es brutale Ausbeutung der jungen Schutzbefohlenen, die man beim besten Willen nicht „Arbeitstherapie“ nennen konnte. Der Film „Freistatt“ wurde auf „arte“ gezeigt und ist – in schlechter Bildauflösung – auf youtube verewigt. Den Link dazu findet man in meinem Blog in einem Kommentar.[2] Der Film ist preisgekrönt: »Drehbuchpreis für „Anstalt Freistatt, Moorhof zur Hölle“«[3], unter diesem Link auch der Kommentar von Martin Mitchell, einem ehemaligen „Moorsoldaten“ vom 3. August 2016. Er zitiert aus der Braunschweiger Zeitung.

Hier ein Auszug:

»Sechs Wochen lang hat [der im Jahre 1923 geborene] Erich Helmer 1968 als Pfarrer IM DIAKONISCHEN HEIM IN FREISTATT IM KREIS DIEPHOLZ gearbeitet. Dort waren Jugendliche untergebracht, die als kriminell galten, und Jugendliche, die von ihren Eltern abgeschoben wurden. Helmers Auftrag lautete, die Jugendlichen zu betreuen und mit ihnen Wege aus der Kriminalität zu finden. Dazu kam er aber nicht. Die Jugendlichen mussten von mor­gens bis abends im Moor schuften. Freizeit gab es nicht, Räume für Einzelgespräche oder einen Hauch von Privatsphäre auch nicht. Helmer erlebte, wie die Jugendlichen geschlagen und getreten wurden, wie sie mit Zahnbürsten den Boden schrubben und sich abends damit die Zähne putzen mussten.«

Zum chrismon-spezial hätte auch ein kurzer Blick auf diesen Teil der Jubelvergangenheit gehört. Nichts davon, auch kein Hinweis auf den Vortrag von »Pas­tor Friedrich von Bodelschwingh, theologischer Vordenker, Gründungsvater und Chef in Bethel. [Er] behauptete: Die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. von Bodelschwingh wört­lich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“«[4]

Ist Bethel heute ganz anders? Sicherlich. Aber die FAZ vom 27. Januar 2017 berichtet unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [5]

Spenden für Bethel? chrismon-spezial druckt den Aufruf von Pastor Ulrich Pohl,Vorsitzender des Vorstandes der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel samt Überweisungsträger ab. Der Kollege Pohl zählt zu den Geschäftsleuten des Evangeliums und macht das recht professionell. Hat auch schon einen Platz in meinem Blog samt vielen Kommentaren.[6] Alles lesenswert. Ich beherzige das.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_(Film)

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/18/drehbuchpreis-fur-anstalt-freistatt-moorhof-zur-holle1/

[4] so Alexandra Galle in einem Kommentar von 17. Juli 2015 in https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/12/27/hephata-aus-tradition/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/24/5764/

Willkommen, Arbeit macht frei!

Das KZ von Bethel mit Anstaltsgottesdienst hieß Freistatt. Noch 23 Tage können Sie in der arte-Mediathek die bigotte Vergangenheit von Bethel nacherleben: http://www.arte.tv/guide/de/048779-000-A/freistatt .[1] Ziehen Sie mit den Moorsoldaten und ihren Spaten ins Moor und erleben Sie mit den geschundenen Zöglingen einen zu Herzen gehenden Weihnachtsgottesdienst: o du fröhliche!

Heute ist Bethel natürlich ganz anders. Bethel im Norden nennt es sich nun und »hat starke Wurzeln. Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln auf und entwickeln eine gemeinsame christliche Identität, um ein starker Partner zu sein, der die Herausforderungen der Zukunft annimmt.«[2]  Das ist doch ein Angebot.

Über Bethel heute lesen wir heute in der FAZ unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [3]

Zur Vergangenheit von Bethel sei empfohlen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/10/jetzt-wissen-wir-wer-schuld-ist-allein-der-bose-staat/

Eine sehr differenzierte, geradezu decouvrierende  Würdigung der Forschungsergebnisse zu Freistatt finden Sie hier: freistatt_kappeler

Fußnoten

[1] Film – 98 Min. – 58802 Aufrufe.

[2] http://www.bethel-im-norden.de/ueber-uns.html

[3] FAZ, Donnerstag, 26. Januar 2017, S. 6

„Was ist das für eine dreckige Welt. Ich habe noch nie so eine schlimme Geschichte gehört.“

Posted in Geschichte, Gesellschaft by dierkschaefer on 19. Juni 2015

Das erzählt der Regisseur Marc Brummund über sein Spielfilmdebüt „Freistatt“ und die Misshandlungen in einer kirchlichen Fürsorgeanstalt.[1]

Extrem schlimme Geschichten – wie wappnet man sich dagegen?

Er sagt im Interview: „Ich habe versucht, mir einen Schutzmantel anzuziehen, damit es mir persönlich nicht zu nahe kommt“.

Schutzmäntel gibt es verschiedene. Ich selber war mit vielen schlimmen Geschichten konfrontiert, als Polizeipfarrer, später mit dem Thema Notfallseelsorge[2], noch später mit den Heimkinderangelegenheiten. Als Pfarrer muss man in der Lage sein, von einem Trauergespräch kommend ein Traugespräch zu führen. Und dies ohne Schauspielerei. Man muss in beiden Fällen dicht bei den Leuten sein, so schlimm die Trauer der einen und so zukunftsfreudig die Stimmung der anderen auch sein mag. Warum ich das konnte, das Einstimmen in die Situation und auch das echte Mitfühlen, das weiß ich nicht. Vielleicht habe ich als Kind zu oft und zu viele schlimme Geschichten gehört. Von schlimmen Geschichten geht ja auch eine gewisse Faszination aus. Wer sie konsumierend goutiert, ist widerlich. Man muss also schon genau hinschauen und sich einfühlen können.

Der Regisseur Marc Brummund zeigt sich fasziniert von der „Diskrepanz zwischen der neuen Bewegung der 68er, Liberalisierung in Politik, Sexualität, Rockmusik – und innen drin in dieser Gesellschaft haben sozusagen die Nazis weitergemacht.“ Es gibt auch einen persönlichen Bezug. „Freistatt“[3], lag im Moor bei Diepholz, „wo ich geboren und bis zum zehnten Jahr aufgewachsen bin, und auch als Schüler Ausflüge in genau dieses Moor gemacht habe. Das hat mich wahnsinnig berührt und bewegt, als ich mir vorgestellt habe: Irgendwo hier haben vor noch nicht langer Zeit Kinder und Jugendliche ganz heftig gelitten.“ Aber: „Ich habe versucht, mir einen Schutzmantel anzuziehen, damit es mir persönlich nicht zu nahe kommt“. Ob ihm der Versuch geglückt ist?

Ich erinnere mich an einen Zeitungsreporter. Er musste für seine Zeitung auch die schlimmen Verkehrsunfälle aufnehmen. „Ich war froh“, erzählte er, „dass ich zwischen dem Geschehen und mir die Kamera hatte“. So ein Foto-Objektiv kann tatsächlich „objektivieren“.

Und wer zufassen muss? Der Leichensachbearbeiter der Mordkommission, der Sanitäter, der Anatom? Ich habe mit vielen gesprochen.[4] Die Kripo zeigt sehr schnell die Bildmappen, Fotos, die nicht an die Öffentlichkeit kommen dokumentieren grauenvolle Details. Die Botschaft: „Schau her, das ist mein Job.“ Einer sagte, seine Hände vorzeigend: „Wenn meine Frau wüsste, was die anfassen, dürfte ich sie nicht mehr anfassen.“ Ein anderer, wir standen am Fenster und sahen einen Bauern am Pflug: „Der hat es gut, der kann was wachsen lassen, aber wir …“. Ein anderer kam von einer Leiche, die rund zwei Wochen im Wasser gelegen hatte, mehrere Stunden Arbeit im Regen. Er war sichtlich froh, dass ich in seiner Gegenwart das Gespräch mit den Eltern übernahm.[5]

Einen Schutzmantel anziehen – Der Regisseur sagt: „Ich glaube, wenn man liest, worum es geht, denken viele: Das tue ich mir nicht an.“ Ich tue meinen Kollegen vielleicht unrecht. Aber ich habe den Eindruck, dass sie einen Bogen um die schlimmen Geschichten der ehemaligen Kinder in kirchlichen Heimen machen. Bei mir jedenfalls fragt niemand nach. Wenn ich das Thema anspreche, ist man eher peinlich berührt oder wehrt ab.Vielleicht muss man die „Stories“ anders aufbereiten und einen Film draus machen wie Marc Brummund: „Die Resonanz von denen, die den Film gesehen haben, war Begeisterung und eine große Gebanntheit. Wahrscheinlich wird man danach mit einem Schlucken rausgehen. Es ist inhaltlich die ganz harte Kost. Aber in einer Art und Weise erzählt, dass man sagen kann: Das kann man sich angucken.“

O.k., das ist sein Film und wir können ihn uns angucken. Aber was dann?

[1] http://www.choices.de/das-war-bis-mitte-der-70er-gang-und-gaebe

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/03/notfallseelsorge2.pdf

[3] Man assoziiert unwillkürlich „Arbeit macht frei“. Wer bei diesem Slogan nicht an Auschwitz denkt, der lese bei Wiki nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeit_macht_frei , dort steht auch mehr, als ich bisher wusste. So wird das „Dachaulied“ genannt http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/soyferdachaulied.pdf , doch im Kontext von Freistatt passen die „Moorsoldaten“ besser. Es lohnt sich, nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Moorsoldaten , der Text: http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/BereichInfo/BereichPublikationen/Friedenserziehung/Handreichungen/0095_Moorsoldaten_lied.pdf

[4] mehr zum Thema: Dierk Schäfer und Werner Knubben, in meinen Armen sterben? – Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod. VDP-Sachbuch

[5] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/03/notfallseelsorge1.pdf

Drehbuchpreis für: »ANSTALT FREISTATT – MOORHOF ZUR HÖLLE[1]«

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 18. Juli 2013

»Kurzinhalt: Es ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die oft unvorstellbaren Lebensbedingungen, unter denen Tausende von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Heimen und Fürsorgeanstalten aufwuchsen. Eines dieser Häuser war die Anstalt Freistatt im Kreis Diepholz.«1

»Dramaturgin Nicole Armbruster und der Dokumentarfilmer und Regisseur Marc Brummund sind mit dem Deutschen Drehbuchpreis 2013 ausgezeichnet worden. Sie erhielten die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung für das Drehbuch zu „Freistatt“ beim Berlinale-Empfang des Verbands Deutscher Drehbuchautoren. Freistatt“ erzählt die Geschichte eines Heimzöglings im Nachkriegsdeutschland. Der Preis ist die wichtigste und höchstdotierte deutsche Ehrung für Filmautoren«.[2]


Tagged with: ,