Dierk Schaefers Blog

Die methodische Zurichtung des Menschen

Posted in Ethik, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Leben, Pädagogik, Psychologie, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 18. Februar 2016

Was für eine Aufregung! Ich hatte in ein Wespennest gestochen, als ich den Hinweis auf youtube[1] kommentierte mit: „klar, das ist umprogrammierung. wenn’s hilft, so what?“ Ich hatte auf einen Tweed geantwortet. Dann lief’s twittertypisch frei nach Schiller „Und, wie im Meere Well auf Well, so läuft’s von Mund zu Munde schnell“. Die Tweeds und Retweets eroberten mein Postfach. Das Gute an Twitter: Es regt an, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Das Schlechte: Nach dem Freund-Feind-Schema wird man schablonenhaft eingeordnet – und läuft Gefahr, dieses auch zu tun.

Es ging um eine behavioristische Behandlungsmethode[2] für autistische Kinder, um sie aus ihrer krankheitsbedingten Abkapselung herauszuholen.

Was war bei youtube zu sehen? Eine nervige Therapeutin, nein, eine Therapeutin mit nerviger Methode war bemüht, dem Kind Aufmerksamkeit abzuverlangen und Interaktion aufzudringen; es sollte aufmerksam sein und ihre Gesten nachmachen. Das Ganze sehr hektisch, das Kind eher langsam, doch es wirkte nicht unglücklich. Ich bin kein klinischer Psychologe, darum muss ich mich auf die Ergebnisse solcher Therapien konzentrieren – und die auch kritisch betrachten. Das soll hier angesichts der Vielfalt und Komplexität des Krankheitsbildes Autismus[3] nicht geschehen. Doch der Schlagabtausch auf Twitter wurde grundsätzlich – und ideologisch: »„Programmierung“ ist Mind Control und niemand sollte dieser Gewalt ausgesetzt werden! #noABA / @_Kinderrechte_ @dierkschaefer @QuerDenkender

Zunächst zu Programmierung und Mind Control. Da gibt es tatsächlich Überschneidungen.

Das Stichwort Programmierung erinnerte mich an die 70er Jahre, in denen Jugendliche in die Fänge von „Jugendreligionen“ geraten und dort völlig umgepolt waren mit Methoden, die man Gehirnwäsche [4] nannte. Es kam vor, dass Eltern daraufhin ihre Kinder kidnappten und Fachleuten übergaben, um diese Programmierung durch Umprogrammierung rückgängig zu machen.[5]

Das Bild von einem programmierbaren Menschen hat etwas Unheimliches an sich.[6]

Doch wenn es um anerkannte Krankheiten geht und man keinen anderen Zugang findet, könnte Programmierung ja eine Möglichkeit sein, wenn sie es ermöglicht, ein zufrieden­stellendes Leben in dieser Gesellschaft zu führen. Schließlich ist Programmierung keine Lobotomie. Doch die Fundamentalkritik richtet sich nicht nur an die bewußt-gezielte Formung menschlichen Denkens. So hat Snowweird einem grundlegenderen Tweed zustimmt: Wenn doch Erwachsene Erwachsene heißen u. nicht Erzogene, können wir dann aufhören, Kinder zu erziehen, u. sie dafür einfach wachsen lassen?“[7]

Dahinter stecken romantisch-naturverbundene Vorstellungen, ein Kind entwickele sich (wie ein Tier?) von allein. Einfach wachsen lassen … nicht einmal pädagogische Anregun­gen und Förderungen sind vorgesehen. Man muss das Kind wohl nur satt und sauber halten. Das reicht. Damit kann man sich nicht einmal auf Rousseau berufen, der immerhin meinte, man müsse ein Kind „durch die Notwendigkeit der Dinge erziehen“.[8] Zur Notwendigkeit der Dinge zähle ich auch manches, was Kinder nicht mögen und noch nicht verstehen, wie z.B. Impfungen, Operationen, den Zahnarzt, aber natürlich nicht Beschneidungen oder Ohrstechen, auch nicht das forcierte Training für sportliche oder musikalische Höchstleistungen.

Schwierig wird’s mit den Themen 1. Behinderungen und 2. psychiatrische Diagnosen. Manche fassen diese Dinge ja auch als Auszeichnung auf.

Ad 1: Da wird die Tochter zur „Trägerin des Down-Syndroms“ stilisiert.[9] Ja, geht’s denn noch? Ich komme regelmäßig in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung und sehe was dort los ist: Überwiegend sympathische Menschen unterschiedlichen Alters, die mich teils mit großem HALLO begrüßen, manche reagieren auch gar nicht. Doch auch die Freundlichkeit hat mit den Einschränkungen, hat mit Distanzlosigkeit zu tun. Sie leben in einem Schonraum. Wer Inklusion fordert, ist ahnungs- oder herzlos.

Ad 2: Macht man sich auf die Suche nach Therapiemöglichkeiten für psychisch Kranke, wird man schnell entmutigt. Es gibt eben nur das, was sich auch rechnet. Angefangen von Medikamen­ten für seltene Krankheitsbilder[10] bis zur Findung einer erkennbar dafür fachkundigen Thera­peu­tin, die nicht nach Beginn der Therapie im ihr zustehenden Mutterschutz verschwindet. Die prinzipielle Austauschbarkeit behavioristischer Therapeuten hat auch ihre Vorteile, – doch auch diese sind ausgebucht. – Kommen aber geistige Behinderung und psychiatrische Erforder­nisse zusammen, wird man kaum jemand finden, der hinreichend sachkundig ist. Und wenn, dann beträgt die Wartezeit zuweilen zwei Jahre.

 

Wozu erziehen wir Kinder – wenn wir sie denn erziehen wollen?[11] Sie sollen lebensfähig gemacht werden für die Welt, in die sie hineinwachsen. Die hat sich gegenüber früher deutlich verändert. Aber immer sind es wirtschaftliche Notwendig­keiten, die über eine erfolgreiche Anpassung entscheiden, früher wie heute.

Entwicklung der Moderne am Beispiel der Lebensgemeinschaft… Hier ist viel Platz und Notwendigkeit für Systemkritik.[12]

Doch abgesehen von den Notwendigkeiten geschieht Erziehung auch unbemerkt. Die Formung der Persönlichkeit beginnt bereits während der Schwangerschaft. Das muss hier nicht näher ausgeführt werden; darüber wurde in der letzten Zeit viel publiziert, angefangen vom Speisezettel bis hin zum Musikgeschmack der werdenden Mutter. Einschneidender ist ihr Drogenkonsum. Die Tatsache, dass kaum noch Trisomiekinder geboren, weil sie abgetrieben werden, ist als Negativauswahl und damit Vorläufer des Designer-Babys[13] zu sehen. Da dürfte in absehbarer Zukunft die Auswahl schwierig werden für das Nobelpreis-Komitee und für die Miss-Germany-Wahl, an die Miss-World gar nicht zu denken.

Wie Kinder für unsere Gesellschaft passend gemacht werden, mit unserem Zutun aber ohne bewußtes Ziel, zeigen die Wissenssoziologen Berger und Luckmann an einem banalen Beispiel. Wie lernt ein Kind, dass es mit der Suppe nicht kleckern soll?[14] Ich weiß; manche Eltern meinen, ihr Kind dürfe, ja müsse mit allem rumschmieren – und machen sich zum Sklaven. Auch das ist Erziehung – aber keine gute. Doch man kann jedes andere Beispiel nehmen: Die Kinder ahmen nach, was man ihnen vorlebt, im Guten wie im Schlechten. Das wird erst mit der Pubertät anders – und diese Freiheit sollte im Erziehungsverständnis enthalten sein, was allerdings in fundamentalistischen Familen recht selten sein dürfte. Fundamentalismus hat viele Spielarten, nicht nur klassisch religiöse.

Selbstverständlich übernehmen unsere Kinder auch unser Wertesystem und unsere Weltan­schauung, sei sie liberal, sozial, konservativ, fromm, bigott – oder wie auch immer. Sie lernen an unserem Vorbild und wir freuen uns, wenn sie so werden wie wir. Das ist normal; so reproduziert sich Gesellschaft.

 

Die Spitze war, dass jemand dieser namhaften Twitterer[15] in meinem Profil gesehen hatte, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Eine gewisse Angie R.[16] twitterte:

„Kinder sollten überall auf der Welt geschützt werden von Religion, Politikern & Pädophilen“. Damit war alles klar und ich fand mich in illustrer Gesellschaft. Pfarrer sind wie Pädophile. Sie missbrauchen Kinder[17], wenn nicht körperlich, so doch seelisch mithilfe von Religion. Religion formt, sie deformiert das Kind, und das darf nicht sein. Wenn schon Religion, dann soll das Kind später selber entscheiden können, ob und wie religiös es sein will. Denn Religion ist Entscheidungssache wie der Kleiderkauf. Paßt der Islam zu mir, oder der Buddhismus, vielleicht Hindu oder Stammesreligion, wenn Islam, dann Sunna oder Schia, oder vielleicht doch das Christentum, aber welche Konfession? [18]Bei der unübersichtlichen Auswahl, lassen wir’s vielleicht doch lieber gleich ganz. – Ich vermute Zustimmung.

Zu dieser Naivität, fast hätte ich gesagt sancta simplicitas, gesellt sich seit einiger Zeit und besonders im Netz, eine Geisteshaltung, die ich nur als gruppenbezogene Menschenfeind­lichkeit auffassen kann.[19] Wurden Pfarrer früher eher als weltfern-fromme Naivlinge hingestellt, so begegnet uns im Netzdiskurs zudem eine zunehmende Feindseligkeit, die sich nicht nur auf die Rolle der Kirchen beschränkt, sondern Christentum und Religion allgemein ins Fadenkreuz nimmt. Die Diffamierung im genannten Tweed ist aber nicht weiter erstaunlich. Da sehr viele, wenn nicht die meisten Menschen, von Religion und Theologie wenig oder keine Ahnung haben, können sie nicht wissen, dass ein Theologiestudium eine gute Grundlage abgibt, ideologiekritisch zu werden, auch gegenüber der eigenen Weltanschauung.

So bastelt man naiv und munter seine eigene Ethik, völlig unbeleckt von der Spannung zwischen Gesinnung und Verantwortung: Es komme nicht auf den Erfolg einer Therapie an, sondern auf ihre Ethik. Es ist ja lobenswert, dass Ethik als nötig erachtet wird. Selbstverständlich rechtfertigt der Zweck nicht jedes Mittel. Wenn man aber erfolgreiche Alternativen hat, die ethisch besser sind, um so besser – doch nur dann.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SLBLnNxzftM

[2] „Applied Behavior Analysis“ (ABA), https://de.wikipedia.org/wiki/Applied_Behavior_Analysis Man beachte den Hinweis auf die Diskussionsseite

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus Ich zitiere Wikipedia, von dort aus kann man weitersuchen.

[4] Gehirnwäsche https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirnw%C3%A4sche

[5] Hier greife man auf ein Beispiel von programmierenden Erziehern zurück: https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_F%C3%A4ngen_einer_Sekte

[6] Die scientologische Parallelwelt: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

[7] Glory Illmore@_machtworte 18. Dez. 2014

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_oder_%C3%BCber_die_Erziehung

[9] Defizite darf man nicht sehen oder gar als solche ansprechen. Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Ableism .

[10] Es geht nicht nur um Ökonomie. So werden für Kinder die Medikamente der Erwachsenen meist nur unter Berücksichtigung von Alter oder Körpergewicht angepasst, also off label angewendet, denn an Tests mit Kindern wagt man sich heute nicht mehr heran.

[11] »Hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in den Höhlen befinden.« Leszek Kolakowski

[12] Empfohlen sei: Hubert Treiber/Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen – Über die „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, München 1980, neu: Münster 20051

[13] Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening könnten zu einer regelrechten sexuellen und genetischen Selektion führen (sog. Designer-Babys). Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. : https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

[14] Die primäre Sozialisation bewirkt im Bewußtsein des Kindes eine pro­gressive Loslösung der Rollen und Einstellungen von speziellen Anderen und damit die Hinwendung zu Rollen und Einstellungen überhaupt. Für die Internalisierung von Normen bedeutet zum Beispiel der Über­gang von »Jetzt ist Mami böse auf mich« zu »Mami ist immer böse auf mich, wenn ich meine Suppe verschütte« einen Fortschritt. Wenn weitere signifikante Andere – Vater, Oma, große Schwester und so wei­ter – Mammis Abneigung gegen verschüttete Suppe teilen, wird die Gültigkeit der Norm subjektiv ausgeweitet. Der entscheidende Schritt wird getan, wenn das Kind erkennt, daß jedermann etwas gegen Sup­peverschütten hat. Dann wird die Norm zum »Man verschüttet Suppe nicht« verallgemeinert. »Man« ist dann man selbst als Glied einer All­gemeinheit, die im Prinzip das Ganze einer Gesellschaft umfaßt, soweit diese für das Kind signifikant ist. Das Abstraktum der Rollen und Ein­stellungen konkreter signifikanter Anderer ist für die Sozialpsychologie der generalisierte Andere9. Das Zustandekommen solcher Abstraktion im Bewußtsein bedeutet, daß das Kind sich jetzt nicht nur mit kon­kreten Anderen identifiziert, sondern mit einer Allgemeinheit der An­deren, das heißt mit einer Gesellschaft. Nur kraft dieser allgemeinen Identifikation gewinnt seine eigene Selbstidentifikation Festigkeit und Dauer. Es hat nun nicht nur eine Vis-à-vis-Identität diesem oder jenem signifikanten Anderen gegenüber, sondern überhaupt Identität, die es subjektiv als gleichbleibend erfährt, welchen anderen, signifikant oder nicht, es auch begegnet. Diese von nun an kohärente Identität vereinigt in sich all die verschiedenen internalisierten Rollen und Einstellungen – unter anderem auch die Selbstidentifizierung als jemand, der seine Suppe nicht verschüttet. Das erwachende Bewußtsein für den generalisierten Anderen markiert eine entscheidende Phase der Sozialisation. Sie bedeutet, daß die Gesell­schaft als Gesellschaft mit ihrer etablierten objektiven Wirklichkeit internalisiert und zugleich die eigene kohärente und dauerhafte Iden­tität subjektiv etabliert wird. Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses. Diese Kristallisation ergibt sich im Gleichschritt mit der Internalisierung von Sprache. Sprache ist aus Gründen, die nach unseren ein­schlägigen Erörterungen evident sein dürften, sowohl der wichtigste Inhalt als auch das wichtigste Instrument der Sozialisation. – aus: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Eine Theorie der Wissenssoziologie, in der Reihe: Conditio humana, Ergebnisse aus den Wissenschaften vom Menschen, Herausgegeben von Thure von Uexküll, Ilse Grubrich-Simitis, Frankfurt 19744

[15] Da gibt es ganz ehrenwerte Namen wie: Erdrandbewohner, Sandra M., Butterblumenland, Querdenkender, AleksanderKnauerhase, AnitaWorks, Phodopus Sungorus, Sternensucher, Aad Aspie, Robo, Martschl, Denise Linke, Fusselchen, Herr Bräsicke, Laura Gentile, Snowweird, die Buddy-Photos wie auch die Twitter-Adressen sind in hohem Grade aussagekräftig.

[16] Ihr Profil bei Twitter zeigt ein Ei auf grünem Hintergrund, die Angabe weiblich, NRW und ihre Tweed-Adresse: https://twitter.com/Libelle2000R . Dort kann man auch ihre sonstigen Beiträge sehen.

[17] Das lesen wir ja fast täglich in der Zeitung und die katholische Kirche darf man sogar ungestraft Kinderficker-Sekte nennen. http://www.vaticanista.info/2012/02/16/katholikenfeindliches-urteil-rechtskraftig/

[18] Ich bitte um Entschuldigung, dass ich nicht alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aufgeführt habe, und gebe zu, dass dies Diskriminierung zugunsten der Mainstream-Religionen ist.

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit

Gefangen in der Parallelwelt

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Politik, Religion by dierkschaefer on 2. September 2013

Gefangen in der Parallelwelt

Spannend! Jenna wächst in einer Parallelwelt auf. Schon als Kind hat sie einen Vertrag unterschrieben. Für eine Milliarde Jahre hat sie sich verpflichtet, im Dienst der Church an der Erlösung des Planeten, seinem clearing mitzuarbeiten. Sie selbst? Nein, der Thetan in ihr, der wie schon seit Millionen von Jahren immer wieder in einem neuen Körper lebt, diesmal ist er in Jenna. Ihre Eltern gehören zur Führungsspitze der Church. Doch die sind der großen Aufgabe verpflichtet und haben kaum Zeit für ihre Kinder. Nur selten ist die Familie beieinander. Jenna wächst also wie die anderen Kinder der Church in deren Einrichtungen auf, bestimmt durch ständige Gedankenkontrolle per Lügendetektor und harte Kinderarbeit; Kost und Logis sind spartanisch karg, schließlich braucht die Church viel Geld und Ressourcen, um die Welt zu retten. Jenna kennt nur diese Welt und hat den Willen, hier ihren Aufstieg zu machen. Und doch hat sie ganz normale Wünsche: nicht so viel und so harte Arbeit. Sie weiß auch, daß sie später wird heiraten dürfen, aber Kinder kriegen ist verboten, notfalls eine Zwangsabtreibung. Wird sie aus diesem realen Albtraum aufwachen und aus der Parallelwelt herausfinden?

 

Zwei aktuelle Ereignisse machen gerade auf die Scientology-Church aufmerksam. Kürzlich wurde das Buch von Jenna Miscavige Hill, Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht in der FAZ vorgestellt, und heute bringt die SZ einen Bericht über Scientology und Hollywood – Massenexodus der Prominenz[1].

 

Der Name Miscavige war mir geläufig und machte mich neugierig. Darum las ich das Buch. Jenna Miscavige Hill[2] ist die Nichte des Nachfolgers von Lafayette Ronald Hubbard (L. Ron Hubbard)[3], dem Gründer der Scientology-Church. Seit seinem Tod leitet ihr Onkel David (Dave) Miscavige[4] die Einrichtung, die seit langem umstritten ist. Ihr wird Gehirnwäsche vorgeworfen und in Deutschland wird ihr der Status als Kirche verwehrt. Der Verfassungsschutz beobachtet sie und eine zeitlang gab es im Stuttgarter Kultusministerium eine Stelle, die sich speziell mit Scientology beschäftigte. Ich habe mehrfach erlebt, daß ich in meinen Weiterbildungsveranstaltungen für den Öffentlichen Dienst schriftlich versichern mußte, nicht nach den Methoden von Hubbard zu arbeiten.

Seit ich mich in den 70er Jahren an der Uni mit „Sekten“ (ein kirchlicher Kampfbegriff) beschäftigt habe, interessieren mich solche Weltanschauungsgruppen, die es schaffen, ihre Mitglieder in eine Parallelwelt zu locken und in ihr festzuhalten.

Wir wachsen zunächst alle in unserer eigenen Welt, der unserer Familie auf. Doch dann öffnet sich der Kreis. Kindergarten und Schule, Freunde und Medien zeigen uns, daß die Welt größer ist als unsere Familie. Dann sind wir in der „Normalwelt“ angekommen, wenn auch diese weithin nur auf einer Übereinkunft ihrer Bewohner beruht, die reale Welt zu sein. Die „Gemachtheit“ dessen, was wir als Realität erfahren, erklärt uns die Wissenssoziologie.[5] Da geht es mitunter recht bunt zu. Scientology sticht hervor durch seine Science-Fiction-Grundlage und seine Öffentlichkeitsarbeit. Die Leute verkaufen eine Art von Psycho-Kursen und benutzen für die Anwerbung und auch später im Verlauf ein E-Meter, ein simpel konstruierter Lügendetektor. Wer ihnen ins Missionsnetz geht, verliert viel Geld und Lebenszeit.

Jennas Buch berichtet bedrückend vom Aufwachsen in der Scientology-Version eines Bootcamps[6], schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Man lese und staune.

Staunen mußte ich auch, weil mir manches aus einem anderen Kontext bekannt vorkam. Die Kinderarbeit, die harten Strafen, die Kontrolle und die Indoktrination. So funktionierten die kirchlichen Erziehungseinrichtungen, so funktionierten manche Klöster und manche „Mutterhäuser“.

In diesem Jahr besuchte ich ein Zisterzienserkloster in Belgien. Dabei fiel mir auf, wie das ora et labora verteilt war. Beten und studieren taten die Patres, die einfachen Arbeiten verrichteten die Konversen[7], das sind die Laienbrüder, die Fratres. Und so wie in den Kinderheimen die Erzieher beim Essen unter sich blieben, so waren auch in diesen Klöstern die Speisesäle – und die Schlafsäle – fast apartheidmäßig getrennt. Auch die eigene Gerichtsbarkeit von Scientology findet ihre Parallele in der Zeit, in der die Kirchen noch Zähne hatten. Zur Klosterzucht lese man die Nonnen von Sant’Ambrogio[8] oder die Fabrikation des zuverlässigen Menschen.[9] Die Autoren dieses Buches, Treiber und Steinert ziehen die Entwicklungslinie von der klösterlichen Erziehung und Zurichtung der Menschen bis hin zu ihrer Verwendung in Fabriken.[10]

Es ist viel darüber geschrieben worden, ob Scientology eine Kirche oder nur eine skurrile Geldmaschine ist. Nach meiner Lektüre bin ich überzeugt: Beides trifft zu. Dafür sprechen die Skurrilität und die Rigorosität der Scientology-Routine, einschließlich des Gebrauchs einer Sondersprache. Das Dummhalten der Mitglieder, ihre Gedankenkontrolle, die Abschottung von störenden Einflüssen und die Bewertung der Außenwelt als feindlich, all dies sind in vielen Fällen Merkmale von Religion[11] und wurden in der Kirchengeschichte immer wieder praktiziert. Die Ausbeutung von Menschen und gar von Kindern dagegen ist keine religiöse Spezialität, sondern entspringt der allgemeinen Habgier und Rücksichtslosigkeit der Menschen, die sich religiös tarnen kann – wie auch bei Scientology.

Was lehrt uns das alles? Totale Institutionen[12] werden sehr leicht zu totalitären, mit all dem, was wir aus Kinderheimen, Altenheimen, Gefängnissen und Krankenhäusern u.a.m. kennen. Dies besonders, wenn der Zweck ein „guter“ ist. Wir kommen ohne solche Einrichtungen zwar nicht aus, aber sie und ihr Personal brauchen regelmäßige Kontrolle, die von außen kommen muß. Dagegen wehren sich diese Einrichtungen – und man muß sie dazu zwingen – und angemessen bezahlen.

 

PS: Falls jemand zum zweiten Mal diesen Beitrag liest und irritiert ist: Ich habe ihn überarbeitet.


[5] Ein wahrer Augenöffner ist Berger, Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt a.M., 1969. Wer dieses Buch gelesen hat, ist weitgehend immun gegen eindimensionale Weltanschauungen. (s. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_gesellschaftliche_Konstruktion_der_Wirklichkeit )

[9] Hubert Treiber, Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen, Über die  „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, Münster 2005

[10] „Die Regel des Ordens verlangte eine strenge Disziplin, der Tagesablauf war genau vorgeschrie­ben, und ein Abweichen von der Regel wurde bestraft. All dies erinnert in einem gewissen Sinne an die Arbeitsvorschriften, die Henry Ford für seine Fließbandarbeiter erließ.“ Jean Gimpel über die Cistercienser, zitiert bei Treiber/Steinert. Die heutigen Formen der Zurichtung des Menschen laufen subtiler und ausgefeilter. Es ist meist eine Zurichtung ohne Zwang, sondern läuft freiwillig über Trends, die man befolgt, um in zu sein.

[11] Auch von absolutierten politischen Weltanschauungen.

Bootcamps und ähnliche Einrichtungen

Antwort auf einen Kommentar

Herzlichen Dank, für Ihren Kommentar und die Erinnerung an eine gemeinsame Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Ich erinnere mich noch sehr gut an Ihren Beitrag über die brutalen Umerziehungsmethoden im Jugendwerkhof Torgau[1] und an die Folgen für die Opfer. Sie sagten, alle, die dort waren und die sie kennen, seien Halb- oder Vollinvalide.

Das Verrückte an der Sache ist, daß auch der Unrechtsstaat DDR nicht nur von seelenlosen Funktionären getragen wurde, sondern auch von glühenden Idealisten des Kommunismus, die als überzeugte Politruks meinten, daß jedes Mittel geheiligt sei, das zum Ziel zu führen versprach.

Leider finden wir die Parallele, bzw. den Vorläufer dazu in vielen christlichen Erziehungsanstalten, die auch noch in der BRD, die sich für einen Rechtsstaat hält, mit politischer Unterstützung und öffentlichem Desinteresse ihr menschenverachtendes Werk tun konnten.

Heute finden wir solche Methoden in pseudo-psychologischem Gewand von Bootcamps und ähnlichen Einrichtungen[2], die von Politikern hofiert und von Jugendämtern beliefert werden. Aufsicht findet nur über die dort inhaftierten Jugendlichen statt, nicht aber über die Einrichtungen. Das gilt auch für viele Auslandsprogramme.

Und daß heute noch Sozialeinrichtungen äußerst gewinnbringend betrieben werden können, habe ich am Beispiel des „Priorats für Kultur und Soziales gemn. e.V.“ aufgezeigt.[3]

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrem Einsatz im Rahmen der „Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau“ und denke, daß Sie damit einen Weg gefunden haben, mit Ihrer persönlichen Geschichte konstruktiv umzugehen.