Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXI

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

          die keine Kindheit war

Einunddreißigstes Kapitel

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett. Ich war wirklich gewillt mein Versprechen wahr zu machen, nämlich sie nicht anzurühren. Doch das war so gar nicht in ihrem Sinne. So nahm sie denn das Heft in die Hand und vergewohltätigte mich! Mir blieb gerade mal noch ein Auge voll Schlaf zu nehmen, musste ich doch meinen Sohn für die Schule fertig machen, vor allem aber musste ich ihm erklären was denn die für ihn wildfremde Frau in meinem Bett zu suchen hatte. Nachdem auch das erledigt war, wir beim gemeinsamen Frühstück saßen, musste ich ihr auch noch verklickern, dass ich noch an diesem Tage um 17 Uhr nach London fahren müsse. Auch das stieß bei ihr auf Unglauben. Sie war der Meinung, dass dies nur ein Vorwand sei, um sie recht schnell und elegant loszuwerden. Erst als ich ihr den bereits gepackten Koffer vorwies und das Busticket zeigte glaubte sie mir. Bestand aber auch noch darauf mich zum Bus zu begleiten. Dagegen hatte ich keine Einwände.

Und nach London mitfahren wollte sie auch

Obwohl sie mich ziemlich, ja, höchstpersönlich in Richtung London abfahren sah, stand ja groß vorne dran geschrieben, war ihr Misstrauen immer noch nicht beseitigt. Ich musste ihr versprechen eine Ansichtskarte zu schreiben. Auch diesem Wunsch kam ich nach. Nur, ich war viel früher wieder in Hannover als die Karte. Natürlich wartete sie bei meiner Ankunft am Busbahnhof. Sie begleitete mich nach Hause. Und dort blieb sie auch. Obwohl sie ja ihre eigene Unterkunft vom Sozialamt bezahlt bekam. Kann ich ja auch in etwa verstehen, wenn man wie ich mal einen Ein­blick in ihre Behausung hatte und diese mit meiner Wohnung verglich. Jetzt hatte ich aber ein Problem. Wie sollte ich meinen Geschäften nachgehen, ohne dass sie etwas davon mitbekam? Mit Ausreden schloss ich mich im Kinderzimmer ein, sortierte die Münzen. Aber abends mit einer großen Sporttasche und der Umhängetasche das Haus verlassen? Ich behauptete einer Schwarz­arbeit nachzugehen. Aber welch ein Kellner ging so bepackt aus dem Haus? Obwohl ich sogar mit weißem Hemd, Fliege und schwarzer Hose die Wohnung verließ, konnte ich ihr Misstrauen nicht zerstreuen. Hatte die vielleicht eine Ausdauer, solange vor der Glotze zu sitzen. Das Versteckspiel dauerte dann auch nur ein paar Tage. Nachts mit der prallgefüllten Tasche schlich ich mich in meine eigene Wohnung. Als ich wohl oder übel mit der Wahrheit herausrücken musste, zeigte sie sich empört. Empört nicht darüber, dass ich unredlichen Geschäften nachging, sondern weil ich kein Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Schließlich sei sie ja auch nicht von Gestern. Ganz im Gegen­teil. Mit ihrem Verflossenen wäre sie schließlich auch fast jede Nacht unterwegs gewesen, um zu prüfen, ob auch ja alle Autotüren gut verschlossen seien. War dies nicht der Fall, hatte man eben nachgeschaut, ob die Leichtsinnigen nicht etwa auch noch irgendwelche verwertbaren Gegen­stände im Auto hatten liegen lassen. Auf diese Weise hatten sie sich ihre mageren Sozialhilfe­bezüge etwas aufgefrischt. Letztendlich bestand sie darauf, an meinen nächtlichen Streifzügen teilzunehmen. Und nach London mitfahren wollte sie auch.

Nicht dass sich dadurch unbedingt mein Umsatz steigerte bei der geringen Menge an Münzen, die sie tragen konnte, aber zumindest hatte ich immer Unterhaltung auf meinen Reisen. Allerdings machte ich dann in London einen Fehler. Ich nahm sie überall mit dorthin, wo ich mit Vorliebe nach meinen Bankbesuchen mein Guinness und Malt Whisky trank. So ging ich auch in einen Pub, wo ich eine süße Bierzapferin kennengelernt hatte und bei der ich manchmal schlief, wenn gerade Saison und selbst das billigste Hotelzimmer nicht mehr frei war. Dieses Pubgirl begrüßte mich wie gewohnt freundlich mit einem Schmatzer auf die Wange. Da aber lernte ich das Temperament meiner Zukünftigen erst so richtig kennen. Wie eine Furie sprang sie auf und nach dem Motto: Was machst du da mit meinem Mann, riss sie der Bedienung gleich ein ordentliches Haarbüschel aus. Dabei hatten wir, ich sage ganz bewusst WIR, noch gar nicht über eine Heirat gesprochen. Bisher hatte ich sie immer abbremsen können, wenn sie dieses Thema aufs Trapez brachte. Wenn ich mich recht erinnere war dieser Pub die einzige Kneipe, wo ich jemals Lokalverbot bekommen habe.

Ich männliches Weichei habe es nie gelernt, mit Frauen richtig umzugehen. Schon bei meiner ersten Scheidung, wo ich mit Handschellen aus der U-Haft vorgeführt wurde, musste ich und meine begleitenden Beamten, sowohl auch die Rechtsanwälte mit anhören, wie meine Frau auf dem Gerichtsflur laut und deutlich sagte: „Du Idiot, hättest du mir manchmal was auf die Fresse gehauen, dann hättest du die beste Ehefrau der Welt haben können!“ Trotz dieser Belehrung bin ich bis heute kein Frauenversteher geworden. Ich glaube immer nur an das Gute im Menschen. Zumindest was das schwache Geschlecht angeht. Aber wie ich leider immer wieder feststellen musste, haben es gerade die faustdick hinter den Ohren. Gegen die Schauspielkünste ist bei mir immer noch kein Kraut gewachsen.

Nachdem sie sich auch noch als Räuberbraut geoutet hatte und wir im Allgemeinen ganz gut harmonierten, sprachen wir auch über unsere Zukunft. Wobei das Thema überhaupt wieder von ihr angeschnitten wurde. Schon des Jungen wegen wäre es nicht verkehrt, wenn wieder eine Frau im Hause wäre. Meine Rücklagen waren ganz schön angewachsen, ein Auto hatte ich auch wieder.

Ich traute mich sogar als Festland-Europäer mit dem Auto nach London zu fahren. Ich sage dazu nur – London-Linksverkehr, zig-Millionenstadt! Nicht dass eine Reise mit dem Auto nach London billiger gewesen wäre. Nur konnte ich jetzt von jeder Reise 20.000 und mehr Münzen auf einmal mitbringen. Ich war ja auch schon in Verhandlungen ein Bistro zu pachten. Nachdem es beschlos­sene Sache war, dass wir heiraten werden. Ich selbst hätte ja gar keine Konzession bekommen, als Vorbestrafter. Meine Frau konnte mich aber als Koch einstellen. Ich hatte sämtliche Zeugnisse, sie aber musste erst noch einen Schnellkurs bei der IHK machen. Von wegen Hackfleischverordnung und so.

da flog mein „Geschäft“ auf

Aber noch bevor es zur Vertragsunterzeichnung kam, hatte unser Rechtsstaat etwas gegen meine Konkurrenz, die ich ihm mit meinen englischen billigen Markstücken machte. Allerdings machte ich auch einen Riesenfehler. Noch war weder Bistro-Pachtvertrag noch Ehevertrag unterschrieben, da flog mein „Geschäft“ auf.

Die erste Schuld traf sie! Sie konnte sich einfach nicht an das halten, was ich ihr beigebracht hatte. Bei unseren nächtlichen Touren hatte ich sie immer wieder darauf hingewiesen, nicht zu gierig zu werden. An jedem funktionierenden Automaten nie mehr drei bis vier Schachteln Zigaretten auf einmal ziehen. Weitergehenden nächsten Automaten aufsuchen und erst nach Ablauf einer gewissen Zeit zum Ausgangspunkt zurückkehren, um das gleiche Spiel zu wiederholen. Niemals stellte ich das Auto so ab, dass mich jemand, falls er mich an einem Automaten gesehen hatte, dorthin gehen sehen konnte. In der bewussten Nacht, wo sie erwischt wurde, hatte ich schon aus Routine so gehandelt. Wir teilten uns die Ortschaft auf. Um eine bestimmte Zeit wollten wir uns an einer ausgemachten Stelle wieder treffen. Wenigstens an solche Abmachungen hielt sie sich. Nur eben in dieser Nacht nicht. Nachdem sie meine Toleranzgrenze überschritten hatte, ging ich zum Auto und wollte die Strecke abfahren, die ich ihr vorgegeben hatte. Kaum war ich in die Straße abgebogen, wo sich der erste Automat auf ihrer Strecke befand, kam hinter einer dunklen Hecke eine Gestalt hervor und schwenkte eine rote Kelle. So eine wie sie wohl jeder Autofahrer schon einmal gesehen hatte. Beim Näherkommen entpuppte sich wie vermutet der Kellenträger als Polizist. Etwas weiter dahinter, genau unter einer Straßenlaterne tauchte ein weiterer Uniformierter auf. Aber nicht alleine. Er schob, nun raten Sie mal, ja, meine Zukünftige vor sich her.

„Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“

Wie immer bei brenzligen Situationen wurde ich innerlich kalt wie Hundeschnauze. Ich hielt brav an, drehte das Seitenfenster herunter. Der Kellenmann beugte sich zu mir ans Fenster, fragte gar nicht wie sonst allgemein üblich nach den Papieren, sondern wollte wissen, ob ich die Frau kennen würde, die dort bei seinem Kollegen stehen würde. Jetzt hieß es für mich blitzschnell abzuwägen, welche Antwort die beste wäre. Sooo gut kannte ich sie nun auch wieder nicht, wie sie in solch einer Situation reagieren würde. Sagte ich Nein, konnte es sein, dass sie sich verraten fühlte und sie alles ausbaden müsste, deshalb sauer werden könnte. Sagte ich die Wahrheit, gab zu, sie zu kennen, waren wir beide am Arsch. Entschuldigung! Wären wir beide für den Rest der Nacht in einer Polizeizelle gelandet.

Was half’s, ich spielte carte blanche! Sehr interessiert schaute ich mir die angeblich fremde Frau an, sagte: „Nö, tut mir leid. Hübsch ist sie ja, würde sie gerne kennenlernen!“ Mein Glück war, dass diese Nachtschicht zwei noch ziemlich junge, unerfahrene Hüter des Gesetzes hier zum Ein­satz gekommen waren. Denn der Kerl bemerkte noch nicht einmal das eine Damenhandtasche auf dem Beifahrersitz lag, ebenso wenig sah er die Stöckelschuhe, die auf der Fußmatte abgelegt waren. Und dann erst der riesige Plastikkorb auf der Rückbank, lediglich eine darübergelegte Wolldecke verbarg den Inhalt. Etwa 400 Schachteln Zigaretten. Die Ausbeute dieser Nacht.

Ich vermute mal, dass es der große Altersunterschied zwischen der jungen Frau und mir war, der dem jungen Polizisten nicht vermuten ließ, dass wir zusammen gehörten. Mit einem „Na, dann auch gute Fahrt noch!“ erlaubte er mir die Weiterfahrt. Im Schritttempo legte ich die nächsten 20 Meter zurück. Bei dem Polizisten, der meine Zukünftige am Arm festhielt, hielt ich noch einmal an fragte: „Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“ Damit hoffte ich ihr einen Hinweis gegeben zu haben, dass ich mich kümmern würde. Ihr Bewacher meinte nur, dass ich weiterfahren solle und mich um nichts zu kümmern brauche. Wie ich noch erkennen konnte, hatte sie anscheinend reiche Beute gemacht. Ihre grüne Tasche von Harrods war prall gefüllt. Also war sie auf frischer Tat ertappt worden. Ich musste in dieser Kleinstadt noch einige Male abbiegen, um auf die Hauptstraße zu gelangen. Zu dieser späten Stunde begegnete mir auf dieser kurzen Strecke meiner Meinung nach ungewöhnlich noch dreimal ein Passat, wo eigenartigerweise jedes Mal vorne zwei Männer saßen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste sagte ich mir. Zu Hause angekommen ließ ich erst mal alles ver­schwin­den, was mich mit den englischen Münzen in Zusammenhang bringen könnte. Die noch etwa 2000 restlichen Münzen, die von unserer letzten Londonreise noch verblieben waren, verstaute ich in einem Leinenbeutel, diesen wiederum unten im Haus in unserem Briefkasten. Den noch zu verkaufenden Zigarettenvorrat brachte ich zum Kofferraum meines Wagens und brachte sie noch in der Nacht zu einem meiner Großabnehmer in die Stadt. Nachdem nun jedwedes Belastungs­ma­terial beiseite geschafft worden war, versuchte ich den Anwalt anzurufen, der schon mal für mich in anderer Sache tätig gewesen war. der Anrufbeantworter jedoch sagte aus, dass die Bürostunden erst um 9 Uhr Morgens beginnen würden. Ein Anwaltnotdienst wurde erst einige Jahre später in Hannover ins Leben gerufen.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin

Aber genau das war ja mein Fehler, den ich eingangs erwähnte. Nämlich der, dass ich einen Anwalt so schnell einschaltete. Die Kleinstadt Pattensen gehörte zum Polizeibezirk der Stadt Springe. Die Herren Polizisten wunderten sich nicht schlecht als kaum 10 Stunden nach der Festnahme ein Anwalt aus Hannover dort in Springe auftauchte und verlangte seine Mandantin zu sprechen. Selbst bei mir, der ich nur sechs Jahre lang die Grundschule besucht hatte, hätten sämtliche Alarmglocken geschrillt. Woher sollte der Anwalt von der Verhaftung wissen, hatte die Inhaftierte doch noch überhaupt kein Telefongespräch geführt. Man vermutete nicht zu Unrecht, dass da irgendwelche Mittäter dahinter stecken mussten. Natürlich war die Sache zu unbedeutend und zu geringfügig, als dass man vor dem Untersuchungsrichter einen Haftbefehl erwirken konnte. Ein paar Stunden später befand sie sich wieder auf freiem Fuß. Aber erst nachdem man ihre Sozialwohnung, wo sie ja immer noch gemeldet war, durchsucht und über­haupt nichts gefunden hatte, was sie hätte belasten können. Und, man fand auch nichts, was uns beide in Verbindung brachte.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin. Dachten wir doch die ganze Angelegenheit wäre ausgestanden. War doch auch der Anwalt der Ansicht gewesen, weil der Haftbefehl ganz simpel auf Betrug erlassen worden war. Natürlich hatten wir lediglich einen Betrug begangen. Schließlich hatten wir einen Gegenwert von etwa 60 Pfennige in den Automaten geworfen und dafür Ziga­retten für DM 3 herausbekommen. Obwohl vermeintlich Ruhe eingekehrt war, ließ ich die rest­lichen Münzen erst mal weiter im Briefkasten ruhen. Ich kümmerte mich intensiv um das zu pachtende Bistro. Außerdem stand der Hochzeitstermin an.

14 Tage später juckte es mich in den Fingern. Ich wollte nun auch die restlichen Münzen los­wer­den. Kaum war der Junge im Bett packte ich die Münzen ins Auto und wir fuhren los. Ich hatte schon in den letzten Tagen tagsüber einen Probelauf gemacht. Ausprobiert welche Automaten in einem noch nicht besuchten Stadtteil meine Münzen schluckten. Hatte allerdings nicht eine Schachtel wirklich rausgezogen, sondern die Münzen per Rückgabeknopf zurückgeholt. So sollte es etwas leichtes sein die restlichen „Markstücke“ in einer Nacht zu verarbeiten. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt!

Meine clevere Frau, neben mir sitzend, machte mich darauf aufmerksam, dass es ihr komisch vorkomme, dass uns nun schon zum soundsovielten Male ein und derselbe Passat den Weg kreuzte. Natürlich hörte ich auf sie. Ich fuhr deshalb noch eine ganze Weile in dem Bezirk herum. Und siehe da, tatsächlich, wo wir auch immer eine Straße kreuzten, tauchte ein Passat auf. Deren drei hatten wir inzwischen ausgemacht. Für einen Polizeieinsatz zwar ziemlich ungewöhnlich, dass jeder Wagen immer nur mit einem Mann besetzt war, aber dennoch ließ ich Vorsicht walten. Ich hielt kackfrech direkt vor einen Zigarettenautomaten, stieg aus und sah mich dabei ganz genau um, ob uns einer der Wagen folgen würde. Einer der drei Passat kam dann auch ganz schnell vorbeigefahren. Er hielt ca. 100 Meter weiter entfernt an, ein Mann stieg aus, ging schräg über die Straße und verschwand ziemlich schnell in einem Haus. Ich nehme heute an, dass er geklingelt, seine Polizeimarke vorgezeigt hatte und somit schnell eingelassen wurde. Ich war mir noch nicht ganz sicher, was da ablief. Ich zog dennoch ganz provozierend eine Schachtel Zigaretten. Aller­dings mit echten Deutschen Markstücken. Sollten sie doch den Automatenaufsteller benachrichti­gen und sich davon vergewissern, dass keine faulen Münzen drin waren. Ich setzte mich ins Auto. Wir steckten uns jeder eine Zigarette an, damit es aussehen sollte, als hätten wir echt Schmacht gehabt. Im Rückspiegel sah ich auch dann bald einen weiteren von den drei Passats an uns vorbeifahren. Seltsam, seltsam! Was war also zu tun?

Wo kam der Bulle plötzlich her?

Ich informierte meine Frau von meinem Vorhaben. Wir verließen diesen Stadtteil, befuhren eine relativ wenig befahrene Straße in Richtung des Stadtteils, wo meine Mutter bis zu ihrem Tode gewohnt hatte. Zum einen konnte ich auf der Strecke sehr gut im Rückspiegel erkennen, ob uns jemand folgte, zum anderen kannte ich mich dort besonders gut aus. Hier war kein Wohngebiet. Rechts und links nur Gartenkolonien. Kein Autoscheinwerfer hinter uns zu erkennen. Auch nicht als wir die Brücke über den Südschnellweg überquerten. Ich hatte vor, die am Eingang des neuen Stadtteils stehende Telefonzelle aufzusuchen. Von dort hätte ich einen guten Rundblick gehabt, während ich so tat als würde ich telefonieren. Ja, Sie haben richtig gelesen! Ich hätte einen guten Rundblick gehabt, wäre ich denn bis zur Telefonzelle gekommen. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, wo plötzlich der Bulle herkam, der mir durch die heruntergedrehte Fensterscheibe den kalten Lauf seiner Pistole an den Hals drückte. Ist schon ein blödes Gefühl, so ein kaltes Metallteil auf der warmen Haut zu spüren. Mein mulmiges Gefühl verstärkte sich noch dadurch, dass der Halter der Waffe ziemlich nervös zu sein schien. Anscheinend hatte der alte Knacker noch nie solch ein Erfolgserlebnis in seiner Laufbahn gehabt, indem er höchstpersönlich einen Ganoven verhaften durfte. Der Waffeneinsatz, so erfuhr ich später, war dadurch bedingt, dass man, bevor man uns zu observieren begann, meine Polizeiakte studiert hatte. Darin wurde ich als gefährlich eingestuft, weil ja schon einmal ein Mensch durch mich ein vorzeitiges Ende gefunden hatte. Auch dass die beiden Bäckersöhne mit den Köpfen zusammengerasselt waren, hatte meine Gefährlichkeit noch unter­mauert. Mit der Rechten hielt mir der fast aus dem Polizeidienst ausrangierte Dickwanst mit seiner zitternden Hand den Lauf an den Hals, mit der Linken hielt er sich sein Funkgerät vor den Mund und schrie fast mit überschlagender Stimme: „Ich hab ihn, ich hab ihn!“ Kaum dass er seinen Standort durchgegeben hatte, waren auch schon die anderen beiden Passats und weitere zwei richtige Streifenwagen vor Ort. Ich wurde „ganz liebevoll“ aus dem Wagen gezerrt, gegen mein Auto geschleudert, man trat mir gegen die Fußknöchel damit ich auch ja die Beine schön breit machte. Würde ich auf Männer stehen könnte ich ja sagen, dass es mir gefiel, als sie mir beim Durchsuchen unter anderem auch die Eier kraulten. Aber ich stehe nun mal nicht auf Männer. Außerdem, wenn schon Eierkraulen angesagt war, dann viel zärtlicher. Na ja, vielleicht hatte ja der Durchsuchende seinen Abgang dabei. Autos waren ja genügend zur Stelle. So wurden wir dann auch getrennt zur Polizeiwache verbracht. Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, wurden wir einem Haftrichter vorgeführt. In diesem Falle handelte es sich allerdings um eine Richterin. Genauer gesagt eine gelernte Familienrichterin. Sie war eben turnusgemäß zum Notdienst eingeteilt worden. Wie jeder weiß, schert sich kein Ganove darum, welcher Wochentag gerade ist. So musste dann wegen der 24 Stunden Regelung eben immer ein Haftrichter seinen Dienst tun. Meine Frau wurde ihr als erste zugeführt. Ihr gegenüber triefte die Richterin fast vor Mitleid. Wie ich später von meiner Frau erfuhr.

„Mädchen, wie kannst du das nur machen, einen 27 Jahre älteren Mann zu heiraten?“ hatte sie meiner Frau vorgehalten und sie von den Folgen gewarnt, was solch ein Altersunterschied nach sich zieht. Diese Blöde Kuh, die hätte mal lieber mich warnen sollen. Vor dieser meiner Frau, und den Folgen, die ich zu tragen hatte. Zumindest hob sie den Haftbefehl gegen meine Frau auf, so dass wenigstens jemand zu Hause bei meinem Sohn war. Um mich dagegen machte sich die Rich­terin überhaupt keine Sorgen. Sie kanzelte mich ganz schön ab, nannte mich einen Kinderver­füh­rer. Sie ließ mich ins U-Gefängnis überführen.

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal, wenn man in solch eine hineingeschoben wird. Da ich im Laufe meines Lebens die wenigste Zeit im Luxus gelebt hatte, viel mehr Tiefen als Höhen durchgemacht hatte, erschütterte es mich nur bedingt, was ich diesmal vorfand. Viel mehr Sorgen machte ich mir wegen meines Sohnes. Doch am darauf folgenden Dienstag war ich auch schon wieder bei meinem Sohn. Am Montag schon war mein Anwalt zur Stelle. Er riet mir soweit alles zuzugeben, den Polizisten einige Automaten zu zeigen, die ich betrogen hatte, damit die Kripo auch mal wieder ein Erfolgserlebnis vorzeigen könne. Es mache bei der Urteilsfindung ohnehin kaum einen Unterschied, ob sie mir nur einen Automaten nach­weisen könnten, den ich geplündert hätte oder eben hundert. Das fiele dann eben unter fort­lau­fende Handlungen. Würde ich allerdings hinter dem Berg halten, würde die Polizei notgedrun­gen weiter ermitteln. Und dann müsste ich mit jeder Menge Einzelstrafen rechnen. So fuhr ich denn am Montag mit zwei Kripobeamten eine Strecke ab, zeigte ihnen 83 Automaten, woran ich mich betätigt hatte. Als ich sie dann auch noch weiterführen wollte, aus dem Großraum Hannover hinaus, da hatten sie gar kein Lust mehr. Nicht unser Zuständigkeitsbereich, da sollen sich die Kollegen drum kümmern. Anscheinend haben sie ihre Kollegen noch nicht einmal davon unter­richtet, welchen Fang sie gemacht hatten. Somit wurden ihre Kollegen um den ihnen zustehenden Lorbeer gebracht. Jedenfalls hörte ich nie mehr etwas davon. Die für sie erfolgreiche Tour wurde fein säuberlich zu Protokoll gebracht. Da nun ein Geständnis vorlag, ich einen festen Wohnsitz und dazu noch einen schulpflichtigen Sohn zu Hause hatte, sollte der Haftbefehl auch gegen mich aufgehoben werden. Jedoch wollte der zuständige Richter keine Minute länger als bis 16 Uhr darauf warten. So sehr die Kripobeamten ihn auch bedrängten und versprachen das Protokoll sofort mit einem Kurier zu ihm zu schicken damit er den Haftbefehl aufheben konnte, gab der verrohte Kerl nicht nach. Somit verschob sich meine Entlassung und ich musste eine weitere Nacht auf einer stinkenden Seegrasmatratze verbringen.

Die Polizei war zufrieden mit ihrem Erfolg. Konnte sie doch mal wieder, wenn auch durch wochen­lange Observation, einen Erfolg auf ihre Fahnen schreiben. Immerhin hatten gleich mehrere konkurrierende Automatenaufsteller Anzeige bei der Polizei gestellt. Nun konnte man denen berichten, dass der Übeltäter gefasst sei. Zufrieden waren sie auch mit mir, weil ich ja so schön kooperativ mitgearbeitet, ihnen gleich über 80 Automaten gezeigt, an denen ich mein schmales Arbeitslosengeld aufgebessert hatte. Dafür wollten sie mich ja auch belohnen. Doch der zuständige Richter war nicht bereit gewesen, auch nur 10 Minuten an seine Arbeitszeit dranzuhängen, ließ mich also noch eine Nacht in der Zelle schmoren. Bei dem stundenlangen Polizeiverhör hatte ich etwas Neues dazugelernt. Die Beamten mussten mich immer wieder mal mit meinem Anwalt alleine lassen. Dann ging auch mal mein Anwalt zu den Kripobeamten in den Nebenraum, um einen Deal auszuhandeln. Während ich so alleine im Büro des Betrugsdezernates saß, hatte ich genügend Zeit die auf dem Schreibtisch liegenden Akten etwas zu studieren. Und was lernte ich dabei?

 

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Mißbrauch Behinderter – Ein Fall, der Fragen aufwirft

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kriminalität, Menschenrechte, Pädagogik, Psychologie by dierkschaefer on 3. Mai 2014

»Der 14-jährige Tobias gab seiner Mutter nach einem Vormittag mit einem Betreuer zu verstehen, dass sexuelle Handlungen vorgefallen waren – aber die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs ein und verzichtete auf eine Anklage«[1].

Hier nur kurz die Falldarstellung, wie sie sich aus dem Zeitungsbericht ergibt, Zitate in kursiv:

Tobias kann nicht sprechen. Er versteht, was man ihm sagt, verständigt sich aber nur mit Lauten, den Händen, den Augen und einem Sprachcomputer. Als seine Mutter an diesem Vormittag zurückkam, wollte er ihr zeigen, was er gelernt hatte. Er sah sie an, dann griff er sich zwischen die Beine und rieb durch die Hose an seinem Geschlechtsteil, ging zum Betreuer und fasste auch ihm in den Schritt. „Tobias hat mich strahlend und stolz angesehen“, sagt die Mutter. Er habe das als Spiel begriffenbis die Mutter das „Spiel“ unterbrach. Tobias verstand nicht und fing an zu weinen.

 

Die Mutter schaltete die Polizei ein und erhob Anzeige. Die Staatsanwaltschaft wusste nicht so recht mit Tobias’ Behinderung umzugehen und beauftragte eine Rechtspsychologin, die den Jungen einschätzen sollte. Gute zwei Stunden beobachtete sie ihn – ohne ihn nennenswert zu testen. Die meiste Zeit spielte er mit ihrem Handy. Danach sprach sie nochmals mit der Mutter und fällte ihr schriftliches Urteil auf knappen neun Seiten: Tobias könne wegen der geistigen Behinderung „keine verlässlichen Angaben“ machen.

Cornelia Orth, selbst Gutachterin und im Vorstand der Sektion Rechtspsychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (sagt): Fünf- bis zehnmal so viele Seiten, umfassendere Erörterungen und Vergleichsproben wären nötig für eine schlüssige Begründung, warum Tobias nicht aussagetüchtig sei – das nämlich sei sehr selten. Und bei geistig Behinderten müsse man den Anspruch senken. „Es ist ähnlich wie mit kleinen Kindern“. Zeit aber haben sich weder die Staatsanwaltschaft noch die Rechtspsychologin genommen. Deren dünne Beurteilung reichte der Behörde schließlich, um auf eine Anklage zu verzichten – trotz all der Hinweise auf einen möglichen Missbrauch.

Soweit der Fall, und nun zu den Fragen

1. Die Justiz

Hier wurde die Sorgfaltspflicht verletzt. Die Staatsanwaltschaft hat den bequemen Weg gewählt, einen komplizierten Fall vom Tisch zu bekommen. Sie war nicht in der Lage oder nicht willens, die Dürftigkeit des Gutachtens zu erkennen. Genauer noch: Sie hat von Beginn an, schon bei der Auswahl der Gutachterin, sachunangemessen entschieden und nicht erkannt, daß auch ein Mensch mit Behinderung vor dem Gesetz gleich sein sollte, auch wenn es schwieriger ist, mit ihm zu reden. Fremdsprachlern stellt man ja auch einen Dolmetscher, weil dies zu den Grundrechten gehört, nämlich einem Verfahren folgen und sich selbst verständlich machen zu können. Das Denken, nach dem Inklusion Aufwand und Kosten verursachen darf, ist bei dieser Staatsanwaltschaft noch nicht angekommen.

 

2. Die Psychologen/Gutachter

Wer je auf der Suche nach Psychologen oder Gutachtern für spezielle Fallkonstellationen war, kennt das Problem. Man muß sich selber ein Bild zu machen versuchen, wer für den jeweiligen Fall infrage kommen könnte. So kenne ich es von der Suche nach speziell qualifizierten Traumatherapeuten, aber auch von der Suche nach Therapeuten, die sich mit Menschen mit geistiger Behinderung auskennen. Es gibt nur Selbstauskünfte, aber keine unabhängigen Qualifikationshinweise, verbunden mit der Verpflichtung zu einschlägiger Fortbildung, wie wir es immerhin bei den Fachanwälten haben. Hier ist der Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen aufgerufen, Transparenz zu schaffen[2]. Bis dahin können sich Staatsanwaltschaften und Gerichte darauf berufen, jeden psychologischen Gutachter nach eigenem Gusto für qualifiziert zu halten.

 

3. Nun kommt der heikelste Punkt. Darum eine Vorbemerkung: Nach dem Zeitungsbericht gehe ich davon aus, daß ein Mißbrauch stattgefunden hat und daß er sanktioniert gehört. Daß die Staatsanwalt hier nicht mit der nötigen Sorgfalt ermittelt hat, ist nicht hinnehmbar, ist skandalös. Unabhängig davon ist zu fragen, ob die Mutter nicht für die größere Verstörung gesorgt hat. „Tobias hat mich strahlend und stolz angesehen“, sagt die Mutter. Er habe das als Spiel begriffen … Es wäre in einem Fall wie diesem vielleicht besser gewesen, sie hätte es dabei belassen und der Lebenshilfe einen Hinweis auf ihren ehrenamtlichen Helfer gegeben.

Was mir wichtiger erscheint ist die Frage, wie wir als Gesellschaft, wie wir in den Familien mit der Sexualität von Menschen mit Behinderung umgehen. Das wird besonders schwierig, bei geistigen Behinderungen. Da können wir nicht ohne weiteres „Beglückungsprogramme“ starten. Schwierig aber auch bei Menschen mit Behinderungen, die von ihrer Mobilität her nicht in der Lage sind, ohne Hilfe sexuelle Befriedigung zu erfahren, dazu gehört auch die Finanzierbarkeit sexueller Dienstleistungen. Es scheint uns noch nicht hinreichend bewußt zu sein, daß wir von solchen Menschen eine Art Zwangszölibat erwarten, obwohl auch sie ein Recht auf sexuelle Erfüllung haben[3], denn dieses Recht gehört zu den Grundrechten, niedergelegt in der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung: „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“. „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen wurden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, darunter Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“[4] Diese Frucht der Aufklärung stieß und stößt zwar immer noch auf den Widerstand von Religion und Kirche, doch das sollte uns nicht abhalten, sie einzufordern, auch für Menschen mit Behinderung, soweit diese es wollen.

 

 

[1]http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/rechtspsychologin-keine-verlaesslichen-angaben-page2-id9296135.html

[2]Unabhängig davon: Hat man schließlich einen vermutlich qualifizierten Menschen gefunden, so stößt man oft (meist?) auf eine Warteliste von bis zu zwei Jahren.

[3] Helmut Jacob, Dierk Schäfer, Unfreiwillig im Zölibat, wird demnächst veröffentlicht.

[4] Hervorhebung vom Verfasser

Haasenburg und kein Ende?!

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 7. April 2014

Ostern steht vor der Tür, aber auch die Neueröffnung der Haasenburg? Das doch hoffentlich nicht. Lutz Adler bat mich um Veröffentlichung seines Mails, was ich gern tue, denn so etwas wie die Haasenburg gehört vor Gericht. Eine Neuauflage dieses Geschäftsmodells sollten wir Kindern und Jugendlichen nicht zumuten.

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Veröffentlicht am 7. April. 2014

Eine mutige junge Frau, Christina Witt, die, so denke ich, unsere Hochachtung und jede Unterstützung verdient hat, gibt nicht auf. Sondern im Gegenteil.

In 48 Stunden ist es Ihr gelungen mit der Online-Petition

„Nie wieder Haasenburg, Herr Woidke!“

in den sozialen Netzwerken mehr als 20.000 Unterschriften zu sammeln. Toll und – ja, mehr als ein Achtungszeichen!

Wer ist Frau Witt?
Eine ehemalige Insassin der im Sommer letzten Jahres in die Schlagzeilen geratenen Einrichtung unter der Nicht-Aufsicht einer Ministerin des Landes Brandenburg, die bis heute nicht einmal die richtigen Worte der Entschuldigung – ganz zu schweigen eine Entschädigungslösung für die Betroffenen Opfer gefunden hat.

Das allein ist offensichtlich in Brandenburg aber noch nicht genug
Es war im Abschlussbericht der nur auf öffentlichen Druck und mehr als widerwillig eingerichteten Untersuchungskommission damals die Rede von einer nicht Reformierbarkeit der Haasenburg. Das – so nun der Eindruck – soll plötzlich vergessen sein und das Land strebt eine Einigung vor Gericht mit dem damaligen Betreiber an und will eine erneute Lizenzerteilung überdenken. Da kann es der jungen, mutigen Frau nicht hoch genug angerechnet werden, die Öffentlichkeit zu informieren. Bei mehr als 20.000 Unterschriften dürfte ihr dies gelungen sein!

Will man in Brandenburg die Dinge nicht begreifen oder ist der entgangene Gewinn, der mit Kindern in solchen Einrichtungen gemacht wird, das Thema? Das alles wirft ein sehr zweifelhaftes Licht auf die Verantwortlichen.

Bis heute – und auch das sei nicht verschwiegen – ist kein einziges Ermittlungsverfahren gegen die damalig Verantwortlichen für schwerste Verletzungen der Rechte und der Würde von Menschen abgeschlossen. Kein einziger Verantwortlicher und auch niemand im Ministerium ist bis heute vor ein ordentliches Gericht gestellt worden. Die damaligen Vorwürfe sind nicht aufgeklärt und schon überlegt man in Brandenburg ,wie es zu einer Wiedereröffnung und erneuten Belegung kommen könnte. Nein, mir fehlen gerade an dieser Stelle nicht die Worte, sondern das Gegenteil ist der Fall.

 

Ich muss gestehen, dass ich den Eindruck habe, in Brandenburg ticken nicht nur die Uhren anders sondern dort werden die Zeichen der Zeit dann vernommen, wenn ein gewaltiger Donner über das Land fegt. Verwundert bin ich allerdings, dass die Brandenburger Bürger selbst so etwas in Ihrem Nahmen von der verantwortlichen Politik machen lassen. Dass die Bürger von Brandenburg die ich im Übrigen besser aus den Jahren 1989 – 1990 kenne, da keine Stimme haben, oder kann ich die nur nicht vernehmen? Damals waren auf dem Weberplatz in Babelsberg nur einige wenige und in Wochenfrist gingen gegen eine Regierung – und es war nicht nur eine Landesregierung sondern eine Diktatur der SED – Tausende auf die Straße. Es erfüllt mich noch heute mit Stolz dabei gewesen zu sein!

Alles vergessen in Brandenburg?
Ich hoffe, dass den Worten des Herrn Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, der ja in der letzten Sitzung des Landtages von erheblichem Handlungsdruck, was die Opfer der SED-Diktatur – aber eben nicht nur dieser – angeht, auch Taten folgen werden. Opfer sind auf den besonderen Schutz der Verantwortlichen in der Politik angewiesen, Kinder in der Rolle von Opfern und das in einem Rechtsstaat, der im Falle der Haasenburg nun auf ganzer Linie versagt hat, umso mehr.

Will man nun endlich in Brandenburg mit der unrühmlichen Vergangenheit als „kleine DDR“ brechen, bedarf es, so denke ich, nach so vielen Jahren der Untätigkeit und es Abwartens endlich Taten, die die Opfer auch als ehrliches Bemühen erkennen können, Herr Ministerpräsident Woidke.

Schauen Sie, Herr Ministerpräsident, in die Gerichte und auf den Umgang mit den betroffenen ehemaligen Heimkindern der Diktatur der SED im Heute und Jetzt in Brandenburg und Ihnen wird nicht gefallen, was Sie sehen. Erneut traumatisiert, gedemütigt, der Lüge bezichtigt und, was sich nun anzubahnen scheint, mit System um Ihre gerechten Ansprüche durch die Staatsanwaltschaften erneut betrogen. Machen Sie dem endlich – 24 Jahre nach der Wende – ein Ende und kümmern Sie sich um die Betroffenen der ersten und nun leider in Brandenburg entstandenen zweiten Generation Kinderopfer von geschlossener Unterbringung!

Lutz Adler