Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXI

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

          die keine Kindheit war

Einunddreißigstes Kapitel

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett. Ich war wirklich gewillt mein Versprechen wahr zu machen, nämlich sie nicht anzurühren. Doch das war so gar nicht in ihrem Sinne. So nahm sie denn das Heft in die Hand und vergewohltätigte mich! Mir blieb gerade mal noch ein Auge voll Schlaf zu nehmen, musste ich doch meinen Sohn für die Schule fertig machen, vor allem aber musste ich ihm erklären was denn die für ihn wildfremde Frau in meinem Bett zu suchen hatte. Nachdem auch das erledigt war, wir beim gemeinsamen Frühstück saßen, musste ich ihr auch noch verklickern, dass ich noch an diesem Tage um 17 Uhr nach London fahren müsse. Auch das stieß bei ihr auf Unglauben. Sie war der Meinung, dass dies nur ein Vorwand sei, um sie recht schnell und elegant loszuwerden. Erst als ich ihr den bereits gepackten Koffer vorwies und das Busticket zeigte glaubte sie mir. Bestand aber auch noch darauf mich zum Bus zu begleiten. Dagegen hatte ich keine Einwände.

Und nach London mitfahren wollte sie auch

Obwohl sie mich ziemlich, ja, höchstpersönlich in Richtung London abfahren sah, stand ja groß vorne dran geschrieben, war ihr Misstrauen immer noch nicht beseitigt. Ich musste ihr versprechen eine Ansichtskarte zu schreiben. Auch diesem Wunsch kam ich nach. Nur, ich war viel früher wieder in Hannover als die Karte. Natürlich wartete sie bei meiner Ankunft am Busbahnhof. Sie begleitete mich nach Hause. Und dort blieb sie auch. Obwohl sie ja ihre eigene Unterkunft vom Sozialamt bezahlt bekam. Kann ich ja auch in etwa verstehen, wenn man wie ich mal einen Ein­blick in ihre Behausung hatte und diese mit meiner Wohnung verglich. Jetzt hatte ich aber ein Problem. Wie sollte ich meinen Geschäften nachgehen, ohne dass sie etwas davon mitbekam? Mit Ausreden schloss ich mich im Kinderzimmer ein, sortierte die Münzen. Aber abends mit einer großen Sporttasche und der Umhängetasche das Haus verlassen? Ich behauptete einer Schwarz­arbeit nachzugehen. Aber welch ein Kellner ging so bepackt aus dem Haus? Obwohl ich sogar mit weißem Hemd, Fliege und schwarzer Hose die Wohnung verließ, konnte ich ihr Misstrauen nicht zerstreuen. Hatte die vielleicht eine Ausdauer, solange vor der Glotze zu sitzen. Das Versteckspiel dauerte dann auch nur ein paar Tage. Nachts mit der prallgefüllten Tasche schlich ich mich in meine eigene Wohnung. Als ich wohl oder übel mit der Wahrheit herausrücken musste, zeigte sie sich empört. Empört nicht darüber, dass ich unredlichen Geschäften nachging, sondern weil ich kein Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Schließlich sei sie ja auch nicht von Gestern. Ganz im Gegen­teil. Mit ihrem Verflossenen wäre sie schließlich auch fast jede Nacht unterwegs gewesen, um zu prüfen, ob auch ja alle Autotüren gut verschlossen seien. War dies nicht der Fall, hatte man eben nachgeschaut, ob die Leichtsinnigen nicht etwa auch noch irgendwelche verwertbaren Gegen­stände im Auto hatten liegen lassen. Auf diese Weise hatten sie sich ihre mageren Sozialhilfe­bezüge etwas aufgefrischt. Letztendlich bestand sie darauf, an meinen nächtlichen Streifzügen teilzunehmen. Und nach London mitfahren wollte sie auch.

Nicht dass sich dadurch unbedingt mein Umsatz steigerte bei der geringen Menge an Münzen, die sie tragen konnte, aber zumindest hatte ich immer Unterhaltung auf meinen Reisen. Allerdings machte ich dann in London einen Fehler. Ich nahm sie überall mit dorthin, wo ich mit Vorliebe nach meinen Bankbesuchen mein Guinness und Malt Whisky trank. So ging ich auch in einen Pub, wo ich eine süße Bierzapferin kennengelernt hatte und bei der ich manchmal schlief, wenn gerade Saison und selbst das billigste Hotelzimmer nicht mehr frei war. Dieses Pubgirl begrüßte mich wie gewohnt freundlich mit einem Schmatzer auf die Wange. Da aber lernte ich das Temperament meiner Zukünftigen erst so richtig kennen. Wie eine Furie sprang sie auf und nach dem Motto: Was machst du da mit meinem Mann, riss sie der Bedienung gleich ein ordentliches Haarbüschel aus. Dabei hatten wir, ich sage ganz bewusst WIR, noch gar nicht über eine Heirat gesprochen. Bisher hatte ich sie immer abbremsen können, wenn sie dieses Thema aufs Trapez brachte. Wenn ich mich recht erinnere war dieser Pub die einzige Kneipe, wo ich jemals Lokalverbot bekommen habe.

Ich männliches Weichei habe es nie gelernt, mit Frauen richtig umzugehen. Schon bei meiner ersten Scheidung, wo ich mit Handschellen aus der U-Haft vorgeführt wurde, musste ich und meine begleitenden Beamten, sowohl auch die Rechtsanwälte mit anhören, wie meine Frau auf dem Gerichtsflur laut und deutlich sagte: „Du Idiot, hättest du mir manchmal was auf die Fresse gehauen, dann hättest du die beste Ehefrau der Welt haben können!“ Trotz dieser Belehrung bin ich bis heute kein Frauenversteher geworden. Ich glaube immer nur an das Gute im Menschen. Zumindest was das schwache Geschlecht angeht. Aber wie ich leider immer wieder feststellen musste, haben es gerade die faustdick hinter den Ohren. Gegen die Schauspielkünste ist bei mir immer noch kein Kraut gewachsen.

Nachdem sie sich auch noch als Räuberbraut geoutet hatte und wir im Allgemeinen ganz gut harmonierten, sprachen wir auch über unsere Zukunft. Wobei das Thema überhaupt wieder von ihr angeschnitten wurde. Schon des Jungen wegen wäre es nicht verkehrt, wenn wieder eine Frau im Hause wäre. Meine Rücklagen waren ganz schön angewachsen, ein Auto hatte ich auch wieder.

Ich traute mich sogar als Festland-Europäer mit dem Auto nach London zu fahren. Ich sage dazu nur – London-Linksverkehr, zig-Millionenstadt! Nicht dass eine Reise mit dem Auto nach London billiger gewesen wäre. Nur konnte ich jetzt von jeder Reise 20.000 und mehr Münzen auf einmal mitbringen. Ich war ja auch schon in Verhandlungen ein Bistro zu pachten. Nachdem es beschlos­sene Sache war, dass wir heiraten werden. Ich selbst hätte ja gar keine Konzession bekommen, als Vorbestrafter. Meine Frau konnte mich aber als Koch einstellen. Ich hatte sämtliche Zeugnisse, sie aber musste erst noch einen Schnellkurs bei der IHK machen. Von wegen Hackfleischverordnung und so.

da flog mein „Geschäft“ auf

Aber noch bevor es zur Vertragsunterzeichnung kam, hatte unser Rechtsstaat etwas gegen meine Konkurrenz, die ich ihm mit meinen englischen billigen Markstücken machte. Allerdings machte ich auch einen Riesenfehler. Noch war weder Bistro-Pachtvertrag noch Ehevertrag unterschrieben, da flog mein „Geschäft“ auf.

Die erste Schuld traf sie! Sie konnte sich einfach nicht an das halten, was ich ihr beigebracht hatte. Bei unseren nächtlichen Touren hatte ich sie immer wieder darauf hingewiesen, nicht zu gierig zu werden. An jedem funktionierenden Automaten nie mehr drei bis vier Schachteln Zigaretten auf einmal ziehen. Weitergehenden nächsten Automaten aufsuchen und erst nach Ablauf einer gewissen Zeit zum Ausgangspunkt zurückkehren, um das gleiche Spiel zu wiederholen. Niemals stellte ich das Auto so ab, dass mich jemand, falls er mich an einem Automaten gesehen hatte, dorthin gehen sehen konnte. In der bewussten Nacht, wo sie erwischt wurde, hatte ich schon aus Routine so gehandelt. Wir teilten uns die Ortschaft auf. Um eine bestimmte Zeit wollten wir uns an einer ausgemachten Stelle wieder treffen. Wenigstens an solche Abmachungen hielt sie sich. Nur eben in dieser Nacht nicht. Nachdem sie meine Toleranzgrenze überschritten hatte, ging ich zum Auto und wollte die Strecke abfahren, die ich ihr vorgegeben hatte. Kaum war ich in die Straße abgebogen, wo sich der erste Automat auf ihrer Strecke befand, kam hinter einer dunklen Hecke eine Gestalt hervor und schwenkte eine rote Kelle. So eine wie sie wohl jeder Autofahrer schon einmal gesehen hatte. Beim Näherkommen entpuppte sich wie vermutet der Kellenträger als Polizist. Etwas weiter dahinter, genau unter einer Straßenlaterne tauchte ein weiterer Uniformierter auf. Aber nicht alleine. Er schob, nun raten Sie mal, ja, meine Zukünftige vor sich her.

„Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“

Wie immer bei brenzligen Situationen wurde ich innerlich kalt wie Hundeschnauze. Ich hielt brav an, drehte das Seitenfenster herunter. Der Kellenmann beugte sich zu mir ans Fenster, fragte gar nicht wie sonst allgemein üblich nach den Papieren, sondern wollte wissen, ob ich die Frau kennen würde, die dort bei seinem Kollegen stehen würde. Jetzt hieß es für mich blitzschnell abzuwägen, welche Antwort die beste wäre. Sooo gut kannte ich sie nun auch wieder nicht, wie sie in solch einer Situation reagieren würde. Sagte ich Nein, konnte es sein, dass sie sich verraten fühlte und sie alles ausbaden müsste, deshalb sauer werden könnte. Sagte ich die Wahrheit, gab zu, sie zu kennen, waren wir beide am Arsch. Entschuldigung! Wären wir beide für den Rest der Nacht in einer Polizeizelle gelandet.

Was half’s, ich spielte carte blanche! Sehr interessiert schaute ich mir die angeblich fremde Frau an, sagte: „Nö, tut mir leid. Hübsch ist sie ja, würde sie gerne kennenlernen!“ Mein Glück war, dass diese Nachtschicht zwei noch ziemlich junge, unerfahrene Hüter des Gesetzes hier zum Ein­satz gekommen waren. Denn der Kerl bemerkte noch nicht einmal das eine Damenhandtasche auf dem Beifahrersitz lag, ebenso wenig sah er die Stöckelschuhe, die auf der Fußmatte abgelegt waren. Und dann erst der riesige Plastikkorb auf der Rückbank, lediglich eine darübergelegte Wolldecke verbarg den Inhalt. Etwa 400 Schachteln Zigaretten. Die Ausbeute dieser Nacht.

Ich vermute mal, dass es der große Altersunterschied zwischen der jungen Frau und mir war, der dem jungen Polizisten nicht vermuten ließ, dass wir zusammen gehörten. Mit einem „Na, dann auch gute Fahrt noch!“ erlaubte er mir die Weiterfahrt. Im Schritttempo legte ich die nächsten 20 Meter zurück. Bei dem Polizisten, der meine Zukünftige am Arm festhielt, hielt ich noch einmal an fragte: „Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“ Damit hoffte ich ihr einen Hinweis gegeben zu haben, dass ich mich kümmern würde. Ihr Bewacher meinte nur, dass ich weiterfahren solle und mich um nichts zu kümmern brauche. Wie ich noch erkennen konnte, hatte sie anscheinend reiche Beute gemacht. Ihre grüne Tasche von Harrods war prall gefüllt. Also war sie auf frischer Tat ertappt worden. Ich musste in dieser Kleinstadt noch einige Male abbiegen, um auf die Hauptstraße zu gelangen. Zu dieser späten Stunde begegnete mir auf dieser kurzen Strecke meiner Meinung nach ungewöhnlich noch dreimal ein Passat, wo eigenartigerweise jedes Mal vorne zwei Männer saßen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste sagte ich mir. Zu Hause angekommen ließ ich erst mal alles ver­schwin­den, was mich mit den englischen Münzen in Zusammenhang bringen könnte. Die noch etwa 2000 restlichen Münzen, die von unserer letzten Londonreise noch verblieben waren, verstaute ich in einem Leinenbeutel, diesen wiederum unten im Haus in unserem Briefkasten. Den noch zu verkaufenden Zigarettenvorrat brachte ich zum Kofferraum meines Wagens und brachte sie noch in der Nacht zu einem meiner Großabnehmer in die Stadt. Nachdem nun jedwedes Belastungs­ma­terial beiseite geschafft worden war, versuchte ich den Anwalt anzurufen, der schon mal für mich in anderer Sache tätig gewesen war. der Anrufbeantworter jedoch sagte aus, dass die Bürostunden erst um 9 Uhr Morgens beginnen würden. Ein Anwaltnotdienst wurde erst einige Jahre später in Hannover ins Leben gerufen.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin

Aber genau das war ja mein Fehler, den ich eingangs erwähnte. Nämlich der, dass ich einen Anwalt so schnell einschaltete. Die Kleinstadt Pattensen gehörte zum Polizeibezirk der Stadt Springe. Die Herren Polizisten wunderten sich nicht schlecht als kaum 10 Stunden nach der Festnahme ein Anwalt aus Hannover dort in Springe auftauchte und verlangte seine Mandantin zu sprechen. Selbst bei mir, der ich nur sechs Jahre lang die Grundschule besucht hatte, hätten sämtliche Alarmglocken geschrillt. Woher sollte der Anwalt von der Verhaftung wissen, hatte die Inhaftierte doch noch überhaupt kein Telefongespräch geführt. Man vermutete nicht zu Unrecht, dass da irgendwelche Mittäter dahinter stecken mussten. Natürlich war die Sache zu unbedeutend und zu geringfügig, als dass man vor dem Untersuchungsrichter einen Haftbefehl erwirken konnte. Ein paar Stunden später befand sie sich wieder auf freiem Fuß. Aber erst nachdem man ihre Sozialwohnung, wo sie ja immer noch gemeldet war, durchsucht und über­haupt nichts gefunden hatte, was sie hätte belasten können. Und, man fand auch nichts, was uns beide in Verbindung brachte.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin. Dachten wir doch die ganze Angelegenheit wäre ausgestanden. War doch auch der Anwalt der Ansicht gewesen, weil der Haftbefehl ganz simpel auf Betrug erlassen worden war. Natürlich hatten wir lediglich einen Betrug begangen. Schließlich hatten wir einen Gegenwert von etwa 60 Pfennige in den Automaten geworfen und dafür Ziga­retten für DM 3 herausbekommen. Obwohl vermeintlich Ruhe eingekehrt war, ließ ich die rest­lichen Münzen erst mal weiter im Briefkasten ruhen. Ich kümmerte mich intensiv um das zu pachtende Bistro. Außerdem stand der Hochzeitstermin an.

14 Tage später juckte es mich in den Fingern. Ich wollte nun auch die restlichen Münzen los­wer­den. Kaum war der Junge im Bett packte ich die Münzen ins Auto und wir fuhren los. Ich hatte schon in den letzten Tagen tagsüber einen Probelauf gemacht. Ausprobiert welche Automaten in einem noch nicht besuchten Stadtteil meine Münzen schluckten. Hatte allerdings nicht eine Schachtel wirklich rausgezogen, sondern die Münzen per Rückgabeknopf zurückgeholt. So sollte es etwas leichtes sein die restlichen „Markstücke“ in einer Nacht zu verarbeiten. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt!

Meine clevere Frau, neben mir sitzend, machte mich darauf aufmerksam, dass es ihr komisch vorkomme, dass uns nun schon zum soundsovielten Male ein und derselbe Passat den Weg kreuzte. Natürlich hörte ich auf sie. Ich fuhr deshalb noch eine ganze Weile in dem Bezirk herum. Und siehe da, tatsächlich, wo wir auch immer eine Straße kreuzten, tauchte ein Passat auf. Deren drei hatten wir inzwischen ausgemacht. Für einen Polizeieinsatz zwar ziemlich ungewöhnlich, dass jeder Wagen immer nur mit einem Mann besetzt war, aber dennoch ließ ich Vorsicht walten. Ich hielt kackfrech direkt vor einen Zigarettenautomaten, stieg aus und sah mich dabei ganz genau um, ob uns einer der Wagen folgen würde. Einer der drei Passat kam dann auch ganz schnell vorbeigefahren. Er hielt ca. 100 Meter weiter entfernt an, ein Mann stieg aus, ging schräg über die Straße und verschwand ziemlich schnell in einem Haus. Ich nehme heute an, dass er geklingelt, seine Polizeimarke vorgezeigt hatte und somit schnell eingelassen wurde. Ich war mir noch nicht ganz sicher, was da ablief. Ich zog dennoch ganz provozierend eine Schachtel Zigaretten. Aller­dings mit echten Deutschen Markstücken. Sollten sie doch den Automatenaufsteller benachrichti­gen und sich davon vergewissern, dass keine faulen Münzen drin waren. Ich setzte mich ins Auto. Wir steckten uns jeder eine Zigarette an, damit es aussehen sollte, als hätten wir echt Schmacht gehabt. Im Rückspiegel sah ich auch dann bald einen weiteren von den drei Passats an uns vorbeifahren. Seltsam, seltsam! Was war also zu tun?

Wo kam der Bulle plötzlich her?

Ich informierte meine Frau von meinem Vorhaben. Wir verließen diesen Stadtteil, befuhren eine relativ wenig befahrene Straße in Richtung des Stadtteils, wo meine Mutter bis zu ihrem Tode gewohnt hatte. Zum einen konnte ich auf der Strecke sehr gut im Rückspiegel erkennen, ob uns jemand folgte, zum anderen kannte ich mich dort besonders gut aus. Hier war kein Wohngebiet. Rechts und links nur Gartenkolonien. Kein Autoscheinwerfer hinter uns zu erkennen. Auch nicht als wir die Brücke über den Südschnellweg überquerten. Ich hatte vor, die am Eingang des neuen Stadtteils stehende Telefonzelle aufzusuchen. Von dort hätte ich einen guten Rundblick gehabt, während ich so tat als würde ich telefonieren. Ja, Sie haben richtig gelesen! Ich hätte einen guten Rundblick gehabt, wäre ich denn bis zur Telefonzelle gekommen. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, wo plötzlich der Bulle herkam, der mir durch die heruntergedrehte Fensterscheibe den kalten Lauf seiner Pistole an den Hals drückte. Ist schon ein blödes Gefühl, so ein kaltes Metallteil auf der warmen Haut zu spüren. Mein mulmiges Gefühl verstärkte sich noch dadurch, dass der Halter der Waffe ziemlich nervös zu sein schien. Anscheinend hatte der alte Knacker noch nie solch ein Erfolgserlebnis in seiner Laufbahn gehabt, indem er höchstpersönlich einen Ganoven verhaften durfte. Der Waffeneinsatz, so erfuhr ich später, war dadurch bedingt, dass man, bevor man uns zu observieren begann, meine Polizeiakte studiert hatte. Darin wurde ich als gefährlich eingestuft, weil ja schon einmal ein Mensch durch mich ein vorzeitiges Ende gefunden hatte. Auch dass die beiden Bäckersöhne mit den Köpfen zusammengerasselt waren, hatte meine Gefährlichkeit noch unter­mauert. Mit der Rechten hielt mir der fast aus dem Polizeidienst ausrangierte Dickwanst mit seiner zitternden Hand den Lauf an den Hals, mit der Linken hielt er sich sein Funkgerät vor den Mund und schrie fast mit überschlagender Stimme: „Ich hab ihn, ich hab ihn!“ Kaum dass er seinen Standort durchgegeben hatte, waren auch schon die anderen beiden Passats und weitere zwei richtige Streifenwagen vor Ort. Ich wurde „ganz liebevoll“ aus dem Wagen gezerrt, gegen mein Auto geschleudert, man trat mir gegen die Fußknöchel damit ich auch ja die Beine schön breit machte. Würde ich auf Männer stehen könnte ich ja sagen, dass es mir gefiel, als sie mir beim Durchsuchen unter anderem auch die Eier kraulten. Aber ich stehe nun mal nicht auf Männer. Außerdem, wenn schon Eierkraulen angesagt war, dann viel zärtlicher. Na ja, vielleicht hatte ja der Durchsuchende seinen Abgang dabei. Autos waren ja genügend zur Stelle. So wurden wir dann auch getrennt zur Polizeiwache verbracht. Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, wurden wir einem Haftrichter vorgeführt. In diesem Falle handelte es sich allerdings um eine Richterin. Genauer gesagt eine gelernte Familienrichterin. Sie war eben turnusgemäß zum Notdienst eingeteilt worden. Wie jeder weiß, schert sich kein Ganove darum, welcher Wochentag gerade ist. So musste dann wegen der 24 Stunden Regelung eben immer ein Haftrichter seinen Dienst tun. Meine Frau wurde ihr als erste zugeführt. Ihr gegenüber triefte die Richterin fast vor Mitleid. Wie ich später von meiner Frau erfuhr.

„Mädchen, wie kannst du das nur machen, einen 27 Jahre älteren Mann zu heiraten?“ hatte sie meiner Frau vorgehalten und sie von den Folgen gewarnt, was solch ein Altersunterschied nach sich zieht. Diese Blöde Kuh, die hätte mal lieber mich warnen sollen. Vor dieser meiner Frau, und den Folgen, die ich zu tragen hatte. Zumindest hob sie den Haftbefehl gegen meine Frau auf, so dass wenigstens jemand zu Hause bei meinem Sohn war. Um mich dagegen machte sich die Rich­terin überhaupt keine Sorgen. Sie kanzelte mich ganz schön ab, nannte mich einen Kinderver­füh­rer. Sie ließ mich ins U-Gefängnis überführen.

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal, wenn man in solch eine hineingeschoben wird. Da ich im Laufe meines Lebens die wenigste Zeit im Luxus gelebt hatte, viel mehr Tiefen als Höhen durchgemacht hatte, erschütterte es mich nur bedingt, was ich diesmal vorfand. Viel mehr Sorgen machte ich mir wegen meines Sohnes. Doch am darauf folgenden Dienstag war ich auch schon wieder bei meinem Sohn. Am Montag schon war mein Anwalt zur Stelle. Er riet mir soweit alles zuzugeben, den Polizisten einige Automaten zu zeigen, die ich betrogen hatte, damit die Kripo auch mal wieder ein Erfolgserlebnis vorzeigen könne. Es mache bei der Urteilsfindung ohnehin kaum einen Unterschied, ob sie mir nur einen Automaten nach­weisen könnten, den ich geplündert hätte oder eben hundert. Das fiele dann eben unter fort­lau­fende Handlungen. Würde ich allerdings hinter dem Berg halten, würde die Polizei notgedrun­gen weiter ermitteln. Und dann müsste ich mit jeder Menge Einzelstrafen rechnen. So fuhr ich denn am Montag mit zwei Kripobeamten eine Strecke ab, zeigte ihnen 83 Automaten, woran ich mich betätigt hatte. Als ich sie dann auch noch weiterführen wollte, aus dem Großraum Hannover hinaus, da hatten sie gar kein Lust mehr. Nicht unser Zuständigkeitsbereich, da sollen sich die Kollegen drum kümmern. Anscheinend haben sie ihre Kollegen noch nicht einmal davon unter­richtet, welchen Fang sie gemacht hatten. Somit wurden ihre Kollegen um den ihnen zustehenden Lorbeer gebracht. Jedenfalls hörte ich nie mehr etwas davon. Die für sie erfolgreiche Tour wurde fein säuberlich zu Protokoll gebracht. Da nun ein Geständnis vorlag, ich einen festen Wohnsitz und dazu noch einen schulpflichtigen Sohn zu Hause hatte, sollte der Haftbefehl auch gegen mich aufgehoben werden. Jedoch wollte der zuständige Richter keine Minute länger als bis 16 Uhr darauf warten. So sehr die Kripobeamten ihn auch bedrängten und versprachen das Protokoll sofort mit einem Kurier zu ihm zu schicken damit er den Haftbefehl aufheben konnte, gab der verrohte Kerl nicht nach. Somit verschob sich meine Entlassung und ich musste eine weitere Nacht auf einer stinkenden Seegrasmatratze verbringen.

Die Polizei war zufrieden mit ihrem Erfolg. Konnte sie doch mal wieder, wenn auch durch wochen­lange Observation, einen Erfolg auf ihre Fahnen schreiben. Immerhin hatten gleich mehrere konkurrierende Automatenaufsteller Anzeige bei der Polizei gestellt. Nun konnte man denen berichten, dass der Übeltäter gefasst sei. Zufrieden waren sie auch mit mir, weil ich ja so schön kooperativ mitgearbeitet, ihnen gleich über 80 Automaten gezeigt, an denen ich mein schmales Arbeitslosengeld aufgebessert hatte. Dafür wollten sie mich ja auch belohnen. Doch der zuständige Richter war nicht bereit gewesen, auch nur 10 Minuten an seine Arbeitszeit dranzuhängen, ließ mich also noch eine Nacht in der Zelle schmoren. Bei dem stundenlangen Polizeiverhör hatte ich etwas Neues dazugelernt. Die Beamten mussten mich immer wieder mal mit meinem Anwalt alleine lassen. Dann ging auch mal mein Anwalt zu den Kripobeamten in den Nebenraum, um einen Deal auszuhandeln. Während ich so alleine im Büro des Betrugsdezernates saß, hatte ich genügend Zeit die auf dem Schreibtisch liegenden Akten etwas zu studieren. Und was lernte ich dabei?

 

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Vendetta

Posted in Justiz, Kriminalität, Soziologie by dierkschaefer on 29. Januar 2013

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/tod-nach-brust-op-narkoseaerztin-gesteht-fehler-ein-12042228.html

Dieser Link führt nur zum Prozeßbericht, nicht zum Bild der Zeichnung aus dem Gerichtssaal. Dort sieht man die angeklagte Narkoseärztin und links den Nebenkläger, beide vor ihren Mikros. Das ist unauffällig. Im Gerichtssaal darf nicht photographiert werden, also schickt die Zeitung eine Zeichnerin.

Der Nebenkläger ist nicht nur als solcher gekennzeichnet, sondern trägt am Hals den Schriftzug „Vendetta“. Das wirft Fragen auf.

War das die Idee der Gerichtszeichnerin? Falls ja, wäre das skandalös. Denn eine Gerichtszeichnung sollte die Situation meinungsfrei wiedergegeben, darf keine Karikatur oder ein Kommentar sein. Dann würde die Zeichnerin dem Nebenkläger in diesem Fall, vielleicht auch Nebenklägern überhaupt unterstellen, sie seien auf einem Rachefeldzug und stünden außerhalb unserer Rechtsordnung. – Ich vermute jedoch, daß der Nebenkläger ein Tattoo „Vendetta“ trägt.

Dann ist zu fragen, ob er dieses Bekenner-Tattoo schon vor dem Tötungsdelikt trug – problematisch genug. Hat er es erst für seine Rolle als Nebenkläger anbringen lassen, dann ist die Frage, ob er das Urteil akzeptieren wird, besonders falls es milder ausfallen sollte, als er erhofft. Eine solche Demonstration wäre nicht akzeptabel. Es wäre Aufgabe des Gerichts, die offen zur Schau getragene Rechtshaltung des Nebenklägers zu thematisieren, ihn gegebenenfalls auszuschließen und für den Schutz der Angeklagten nach dem Prozeß zu sorgen.

Ansonsten fragt man sich natürlich bei diesem Prozeß um die Brustvergrößerung und der Fülle von Fehlern, die der Angeklagten vorgeworfen werden, in welcher Klitsche die OP vorgenommen wurde.