Dierk Schaefers Blog

»Für mich stellt sich nicht die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, sondern ob Gott Sinn macht«

Posted in Christentum, Ethik, Kirche, Leben, Moral, Philosophie, Recht, Religion by dierkschaefer on 16. Juli 2017

So ein Kommentar[1]. Das ist richtig gesehen und steht in guter Tradition zur Ringparabel[2] von Lessing. Für dieses Leben ist eher wichtig, was eine Gottesvorstellung (Gott?) bewirkt. Wer ihn für ein nächstes Leben braucht, mag das anders sehen. Wer ihn braucht, um Hass gegen andere zu säen, verrät sein Ideal. Wer ihn braucht, um selber gut zu leben und selber ein sattes Gewissen zu haben, ist unglaubwürdig.

Manche Leute sind auch ohne Gott(esvorstellung) glaubwürdig.

Gerade lese ich ein Beispiel dafür bei Fritz Reuter[3]. Er schreibt in seinem Roman „Ut mine Stromtid“ am Ende vom 40. Kapitel:

bräsig

Ich habe die hochdeutsche neben die original-plattdeutsche Fassung gestellt. Aber man kann Fritz Reuter eigentlich nicht übersetzen. Der hier zitierte „Bräsig“ hat jedenfalls nicht als Christ Gutes getan, sondern in seiner Rolle im Ehrenamt als „Akzesser“. Er hat also nicht auf sein Wohlergehen im Himmel geschielt. Somit ist er das, was man früher einen ordentlichen Christenmenschen nannte. Und ein „ordentlicher“ Mensch kann man auch ohne Gott sein, wenn man tut, was anderen hilft.

Fußnoten

[1] Kommentar zu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/07/08/warum-sollte-es-herrn-kronschnabel-interessieren-dass-gott-aus-der-kirche-ausgetreten-ist/

[2] Ringparabel https://de.wikipedia.org/wiki/Nathan_der_Weise#Ringparabel

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Reuter

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Die Sache mit Gott werden wir in diesem Leben wohl nicht mehr gebacken kriegen,

Posted in Theologie by dierkschaefer on 10. Juli 2017

lieber Herr Kronschnabel.

Dabei ist alles ganz einfach, wenn man es sich nicht zu einfach macht. Die ersten russischen Kosmonauten meldeten triumpfierend, da oben nur Weltall, aber keinen Gott gesehen zu haben. Das hätte ihnen jeder anständige Theologe schon vorher sagen können. Denn der bärtige alte Mann in den Wolken[1] ist nur ein Bild. Darum unterscheiden die Engländer auch zwischen sky und heaven. Den atheistisch indoktrinierten Kosmonauten galt alles gleich: Es gibt ihn nicht da oben, also gibt es ihn nicht. War ja lange Zeit auch das übliche abgestufte Weltbild, wir auf der Erde, oben Gott [2] und unter uns, nach dem Sündenfall, die Hölle. Ist aber seit der Aufklärung passé [3]. Bei den Aachenern (Öchener) hatte sich das 1766 rumgesprochen. [4] Also: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. So habe ich bereits am 23. Februar 2011 als Antwort auf einen Kommentar von Frau Tkocz geschrieben [5].

Doch die Frage ist immer wieder virulent – wenn auch nicht für Sie – und es gibt verschiedene glaubhafte Antworten darauf. „Gottes Sein ist im Werden“, sagt der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel und zielt auf Gottes Dynamik. Darüber ließe sich viel schreiben. Schließlich ist es nicht die Dynamik einer bestimmten Person (Gott), sondern derer, die von ihm fasziniert sind, die ihn „erkannt“ haben. So gehört es zu den grandiosen Leistungen der frühen Christenheit, im Rückblick auf das Wirken und Leiden Jesu von Nazareth und mit Rückgriff auf die Facetten des alttestamen­tarischen Gottes eine Gottesvorstellung entwickelt zu haben, die mit der Figur des Heiligen Geistes zukunftsoffen ist, zukunftsoffen auch über unsere Endlichkeit hinaus.

Doch das ist nicht alles. Eli Wiesel schreibt:

Als wir eines Tages von der Arbeit zurückkamen, sahen wir auf dem Appellplatz drei Galgen. Antreten. Ringsum die SS mit drohenden Maschinenpistolen, die übliche Zeremonie. Drei gefesselte Todeskandidaten, darunter der kleine Pipel, der Engel mit den traurigen Augen.

Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgens bedeckte es ganz.
Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle.
Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schling eingeführt.

„Es lebe die Freiheit“ riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg.

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir.

Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um.

Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter.

„Mützen ab!“ brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten.

„Mützen auf!“

Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr… Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch …

Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeischritt. Seine Zunge war noch rot, seine Augen noch nicht erloschen.
Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen:
“Wo ist Gott?“

Und ich hörte eine Stimme in mir antworten:

„Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen…“ [6]

Eine starke Geschichte. Es geht auch kleiner, und das nicht nur im Leiden, sondern auch im Tun. Zum Beispiel die vielen kirchlichen Gemeinden, die sich für Flüchtlinge einsetzen, haben eine Gottesvorstellung, der sie folgen. Geht Gottseidank auch ohne, ich weiß. Doch es trifft zu. Kann man wissenschaftlich erklären mit dem Thomas-Theorem. [7]

Es gibt auch falsche Gottesverstellungen, denen zum Beispiel manche Erzieher in den Kinderheimen gefolgt sind: Schläge im Namen des Herrn. Die glaubten wahrscheinlich, in Gottes Sinn zu handeln. Die Kinderficker jedoch hatten ganz sicher nichts mit irgendeinem Gott zu tun. Ich bezweifle, dass die Mafiosi von Staat und Kirche am Runden Tisch eine christliche Gottesvorstellung hatten. Die dachten eher an den Mammon und die vermeintliche Ehre ihrer Institution. Und manchmal wünscht man sich – ganz vermessen – es gäbe tatsächlich so etwas wie ein „Jüngstes Gericht“ [8], aber nur für die Anderen.

Wenn ich geschrieben habe, wir beide würden die Sache mit Gott wohl in diesem Leben nicht mehr gebacken kriegen, so rechne ich nicht auf eine Chance im nächsten. Ich denke, wir haben nur dieses eine Leben und sollten etwas draus machen, was vor Gott und unseren Nächsten (ganz wie Sie wollen) bestehen kann. Eine zweite Chance kriegen wir nicht. Doch wir müssen die Sache mit Gott auch nicht fertig kriegen. Gott ist ohnehin unfertig.

Was ich nicht verstehe, lieber Herr Kronschnabel, ist, dass Sie Hüsch nicht verstanden haben. Hätte jemand wie Sie gesagt, Gott sei aus der Kirche ausgetreten, wäre niemand überrascht gewesen. Aber wenn Hüsch das vorträgt, ein engagierter Christ, »der stets für christliche Toleranz eintretende Hüsch …« [9], wenn der sagt, Gott sei ausgetreten, dann ist das das stärkste Verdikt über diese Kirche.

Aber da ging der Hass mit Ihnen durch und Sie machten tabula rasa.

Schade.

[1] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8127249983/in/album-72157622399669449/

[2]

[3]

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5828132702/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/02/22/%c2%bb-religion-wird-nach-der-konzeption-unserer-verfassung-als-prinzipiell-positive-mogliche-ressource-angesehen-%c2%ab/

[6] http://www.k-l-j.de/besinn5.htm

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas-Theorem

[8] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Dieter_H%C3%BCsch

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Warum sollte es Herrn Kronschnabel interessieren, dass Gott aus der Kirche ausgetreten ist?

Posted in Kirche, News, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 8. Juli 2017

Ich habe es schon am 10. April 2014 hier im Blog verkündet, gleich als ich es erfuhr.[1] Hanns Dieter Hüsch hat es am 1.11.2012 auf youtube veröffentlicht, er weiß es aber spätestens seit 1988. Doch auf meinen post hat – entschuldigen Sie, Herr Kronschnabel – kein Schwein reagiert. Mehr Kirchenkritik geht doch eigentlich nicht. Zu viel Humor?

Nun erreicht mich heute die Nachricht vom Kirchenaustritt Gottes ein weiteres Mal.[2]

Mich hatte natürlich interessiert: Wo isser denn hingetreten? Hüsch wußte das nicht so genau. Man meint ja meist, Gott sei im Himmel, no church area. Doch zuweilen, so meint Hüsch, ruhe der sich vom Himmel auch mal aus. Wo nimmt Gott seine Aus-Zeit? Am Niederrhein. Hier, so Hüsch, »geht selbst der liebe Gott von Zeit zu Zeit spazieren. Er hat am Niederrhein ein Haus und ruht sich dort vom Himmel aus.« Gott ruht sich dort vom Himmel aus.jpgEs sei ihm gegönnt. Dauerpräsenz im Himmel, Ewigkeit genannt, mag selbst für Gott zu anstrengend sein, und auch wir, so wir dort landen, wollen auch nicht ständig „Luja“ singen.[3]

Vielleicht konnte Hüsch ja inzwischen selber feststellen, ob es stimmt, was er gesagt hat. Denn er ist wohl mittlerweile selber dorten. Seit Nikolaus 2005 weilt Hanns Dieter Hüsch nicht mehr auf Erden.[4]

Interessiert wohl alles nicht. Schade. Kein Humor.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/10/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/  https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/10958684993/in/set-72157637867592835   ow.ly/vDagA

[2] http://tobiasfaix.de/2017/07/gott-ist-aus-der-kirche-ausgetreten/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=FW6P_crgp8M

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Dieter_H%C3%BCsch

Wenn man schon sterben muss: Einfach wegdämmern …

… wer möchte das nicht nach einem weithin zufriedenstellend gelebten Leben? Auch wenn’s kein „erfülltes“ war, aber keine Erfüllung mehr zu erwarten ist. Wir müssen ohnehin einmal sterben, dann doch lieber so. Besser als der letale Schlaganfall, denn das Fallen könnte man noch merken. Doch nur wenige möchten, dass ihr Dämmerzustand über Wochen hinweg verlängert wird durch die künstliche Aufrechterhal­tung ihres Stoffwechsels. Einfach wegdämmern können ist angesichts der Alternativen die beste aller denkbaren Möglichkeiten.

Schlimmer noch, wenn der Dämmerzustand von schmerzhaften Phasen unterbrochen wird und man nicht mehr die Kraft hat zu rufen: Schwester, ich habe Schmerzen! Oder wenn die Ausweglosigkeit bei vollem Bewusstsein durchlitten werden muss.

Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts[1] hat die Periletalexperten aufgescheucht. Die EKD-Mitteilung nennt sie und schreibt vorsichtshalber, sie wolle »zu dem Fall erst dann Stellung neh­men, wenn der Text des Urteils vorliegt. Generell wies eine Sprecherin darauf hin, dass die evange­lische Kirche das menschliche Lebens als Gabe Gottes betrachte, das auch bei starken Ein­schrän­kungen und Leiden seine Würde nicht verliere. Wichtig sei zudem, die palliativme­di­zi­nische Versorgung von schwer kranken und sterbenden Menschen zu verbessern. Auch die Kirche stehe vor der Herausforderung, die „Seelsorge an Schwerkranken und Sterbenden zu verstärken“« [2].

Was hat die Periletalexperten so aufgescheucht? Es ging um die Frage der professionellen Beihilfe zum Suizid. Der „Zugang zu einem Betäubungsmittel, das eine schmerzlose Selbst­tötung ermöglicht, darf in extremen Ausnahmesituationen nicht verwehrt werden“, so der Tenor der Gerichtsentscheidung. Die verknüpft damit das allgemeine Persönlichkeitsrecht[3]. Dieses umfasse „auch das Recht eines schwer und unheilbar kranken Patienten, zu entschei­den, wie und zu welchem Zeitpunkt sein Leben beendet werden soll, vorausgesetzt, er kann seinen Willen frei bilden und entsprechend handeln. Daraus kann sich im extremen Einzelfall ergeben, dass der Staat den Zugang zu einem Betäubungsmittel nicht verwehren darf, das dem Patienten eine würdige und schmerzlose Selbsttötung ermöglicht.“

Die Menschenwürde, auch die des Sterbenden, ist kein unbestimmter Rechtsbegriff wie das vielstrapazierte Kindeswohl. Doch es wird versucht, Menschenwürde besserwisserisch oder gar im eigenen Geschäftsinteresse gegen den Willen des Würdeträgers zu definieren und diese Definition auch durchzusetzen. Dies geschah am 3. Dezember 2015 durch ein Änderungsge­setz zu Paragraf 217 StGB, seit dem 10. Dezember ist es in Kraft. [4]

»Das Gesetz hat damals die Debatte um die Sterbehilfe, Suizidbeihilfe und Palliativmedizin zu beenden versucht, indem es von allen diskutierten Vorschlägen den restriktivsten, freiheits­feindlichsten und obrigkeitsstaatlichsten umsetzte. Wie üblich geschah dies unter großem Moralin- und Argumentationsaufwand und natürlich mit den allerbesten Absichten. Es gab (mindestens) drei Gesetzesvorschläge mit unterschiedlich restriktiver Handhabung. Der am meisten rückwärtsgewandte, am meisten bevormundende, am wenigsten menschenfreundliche wurde Gesetz. Eine breite Mehrheit der Bürger hätte sich – laut zahllosen Umfragen und Untersuchungen – anders entschieden. So viel Vertrauen in die Vernunft ihrer Untertanen aber wollten die GesetzgeberInnen nicht aufbringen.«[5]

Und nun stört das Bundesverwaltungsgericht den gegen die Bürger durchgesetzten Rechts­frieden – die Moralinstanzen und Geschäftsinteressenten maulen.

Klar, dass sich die verfasste Ärzteschaft wehrt; auch die Palliativmediziner sehen ihr Geschäfts­modell bedroht[6], doch manche Ärzte werden sich nicht dadurch vertreten sehen.[7]

Geschäftsmodelle sind ethisch zunächst neutral zu bewerten. Wer wird einem Bäcker vor­werfen wollen, dass er mit unserem Hunger sein Geld verdient. Wir als Kunden von wem auch immer können für unser gutes Geld eine professionelle Dienstleistung bzw. qualitativ gute Ware und ein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis erwarten. Das gilt auch für die Begleitung in der Lebensendphase. Die Palliativmedizin ist ein wichtiger Dienstleister, der allerdings Mühe hatte, sein Geschäftsmodell durchzusetzen.[8] Eine beabsichtigte Lebens­verkürzung wurde jedoch zugunsten des assistierten Dahindämmerns ausgeschlossen.[9]

Die anerkannten Dienstleister dulden keine Konkurrenz, jedenfalls keine geschäftsmäßige, also professionionelle, die – horribile dictu – vielleicht noch durch die Stiftung Warentest zertifiziert werden könnte. Doch warum eigentlich sollen wir nicht nur bei der palliativen Sterbebegleitung, sondern auch bei der Suizidassistenz  Professionalität einfordern?[10] Schließlich soll auch der Suizid „gelingen“, wenn ich ihn denn schon will und akzeptable Gründe dafür habe?

In meine Vorstellungen von Menschenwürde mischen sich ungefragt Moralinstitutionen ein, die mir sagen wollen, wie ich würdig zu sterben habe. Die evange­lische Kirche betrachtet das menschliche Lebens als Gabe Gottes, heißt es in der EKD-Mitteilung. Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat erklärt, er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten. Er distanziert sich damit privat von dem, was die Kirchen gern als absolute Schöpfungs­ord­nung hinstellen.[11] »Das Leben, das Gott gegeben hat, dürfe der Mensch nicht beenden. Das sei „Gottes gnädigem Ratschluß“ vorbehalten, wie es immer noch in Traueranzeigen heißt. Diese Meinung ist zu respektieren. Wer aber diese Sicht anderen aufoktroyieren will, egal mit welchen Methoden, der ist nicht ehrlich, wenn er nicht zugleich deutlich macht, daß in der Geschichte der Menschheit bis in unsere Tage diese Sicht der „letzten Dinge“ zumeist keine Berücksichtigung fand beim von oben verordneten Tod. Die Machthaber aller Zeiten spielten Potentaten-Schach und opferten ihre „Bauern“ ganz nach Kalkül und Bedarf im Krieg. Die Justiz verhängte Todesurteile, nicht nur in Hexen- und Ketzerprozessen. Kriege und Todes­urteile, diese Todeszuteilung von oben bekam in aller Regel Zustimmung und Assistenz durch „Feldgeistliche“, und auch keine Hinrichtung ohne seelischen Beistand eines Priesters. Über das Lebensende wurde nicht von ganz oben, durch den Allmächtigen verfügt, sondern durch die „Oberen“ in Staat und Justiz.«[12]

Ich vermisse in der Kirchenmeinung den Respekt vor dem Menschen, der sterben will und dazu in seinem „Angewiesensein als Grunddimension des Menschseins“ die Hilfe verstän­diger Mitmenschen erbittet. Sicherlich wird man nicht jeden Sterbewunsch unverzüglich erfüllen wollen und können. Sicherlich wird man auch fragen müssen, wer sonst noch aus einer wie auch immer unerquicklichen Situation „erlöst“ wird (Mitleiden, Pflegeaufwand, Kosten, Erbschaft). Doch nach reiflicher Überlegung wird man das „Mach End, o Herr, mach Ende“ auch ganz innerweltlich verstehen und den Arzt um Hilfe bitten dürfen.

Der „Tod als Erlösung“ brachte am 5. März 2017 bei Google „10.500 Ergebnisse“.

„Die letzten drei Monate hätten nicht mehr sein müssen“, sagten die Angehörigen. „Da hat er sich nur noch gequält“.

Gott sei uns gnädig und gebe uns einen gnädigen Arzt.[13]

 

Nachtrag 1

Philipp Greifenstein referiert in seinem differenzierten Beitrag[14] auch die Veröffentlichung von Friedrich Wilhelm Graf, emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik.[15] Die Frist für den kostenlosen Download habe ich leider verpaßt. (Wer ihn hat, schicke ihn mir bitte per Mail!) Doch die Web-Seite des Merkur spendiert immerhin einige Zitate aus dem Essay: „In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Reinhard Kardinal Marx, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, ernsthaft gesagt: »Gebt uns die Sterbenden, denn wir sind ganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da.« Warum eigentlich? Weil Jesus von Nazareth einen grausamen Kreuzestod gestorben ist? Oder weil Caritas und Diakonie sich einbilden, in Sachen palliativer Sterbebegleitung kompetenter zu sein als andere Akteure, etwa säkulare Hospizvereine? Sind »die Leidenden und Sterbenden« vielleicht auch aus finanziellen Motiven für Caritas und Diakonie eine interessante Klientel?“ (Hervorhebung von mir)

 

Nachtrag 2

Ein Kollege kommentiert das Verwaltungsgerichtsurteil unter dem Titel Ein seltsames Urteil zur Suizidhilfe.[16] Merkwürdig, weil nicht berücksichtigt worden sei, dass andere, legale Möglichkeiten bestanden hätten, den gewünschten Tod herbeizuführen. Ich schickte ihm einen schon älteren Leserbrief, den ich im Pfarrerblatt zum Thema geschrieben hatte, und leitete provozierend ein mit den Worten: „man muss sich schon auskennen, im irrgarten zur korrekten selbsttötung. da sind doch das gute alte aufknüpfen am fensterkreuz oder der sprung vom dach übersichtlicher gewesen. wer hat, der nimmt ein schießeisen und steckt es in den mund.“

Das war ihm wohl zu starker Tobak. Er hat meinen Kommentar nicht freigeschaltet.

Nachtrag 3

Aus unserer Patientenverfügung: Generell erscheint uns beiden der Zustand eines Wesens, das auf die Aufrechterhal­tung seines Stoffwechsels reduziert ist, ähnlich wie bei einem Baby, doch ohne Perspektive, menschenunwürdig.

Fußnoten

[1] http://www.bverwg.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung.php?jahr=2017&nr=11

[2] http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2017_03_03_03_verbaende_kritik_sterbehilfe-urteil.html

[3] Art. 2 Abs.1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG

[4] § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung
(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäfts­mäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht. – zitiert nach: Fischer im Recht, http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-02/sterbehilfe-vom-leben-und-vom-tod-fischer-im-recht/komplettansicht

[6] https://www.tagesschau.de/inland/kritik-urteil-bverwg-101.html

[7] http://www.zeit.de/2015/09/sterbehilfe-aerzte-brechen-tabu/komplettansicht

[8] Ich hatte die Ehre, eine Podiumsdiskussion mit Cicely Saunders, der „Urmutter“ der Hospizbewegung zu moderieren. Sie hätte den Begriff Geschäftsmodell sicherlich zurückgewiesen. Doch wie wohl alle humanitär inspirierten Initiativen unterliegt auch die Hospizbewegung den Gesetzmäßigkeiten und Zwängen der Institutionalisierung. Man wehrt sich gegen Konkurrenz.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hospizbewegung

[10] Ob man effektive Schmerzmittel bekommt, ist ohnehin nicht gesichert: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[11] Das tun auch andere frei denkende, dem christlichen Glauben verbundene Zeitgenossen: https://www.publik-forum.de/Wissen-Ethik/prominente-theologen-fuer-sterbehilfe#. Den hier genannten wäre auch Prof. Friedrich Wilhelm Graf hinzuzufügen.

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/28/gott-sei-uns-gnaedig-und-gebe-uns-einen-gnaedigen-arzt/

[14] Wie hältst Du es mit dem Sterben? http://www.theologiestudierende.de/2015/06/20/wie-haeltst-du-es-mit-dem-sterben/

[15] Friedrich Wilhelm Graf, Apodiktische Ethik mit Lügen . Die deutschen Kirchen und der ärztlich assistierte Suizid: Merkur, Jahrgang 69, Heft 792, Heft 05, Mai 2015.

[16] https://einwuerfe.wordpress.com/2017/03/02/ein-seltsames-urteil-zur-suizidhilfe/ Veröffentlicht am 2. März 2017 von michaelcoors

Das Reden von Gott in Zeiten des Internet.

»Redet man seit dem Internet anders über Gott als vorher?« fragte Antje Schrupp kürzlich über Twitter.

Die Frage ist so ungezielt wie komplex.

Wer ist man, der sich im Internet äußert, und wo im Internet?

Wer hat sich vor den Zeiten des Internet wo und wie über Gott geäußert?

Schließlich: Ist es mit der Beschränkung auf „Gott“ getan? Muss die Frage nicht ausgeweitet werden auf: Christentum und Religion überhaupt, spezifiziert nach den Themenbereichen „Kirche“, „Kirche und Staat“, „Religion und Gewalt“, „Islam“, „Säkularisierung“? Kurz: Allah hat viele Namen, Gott hat viele Facetten, Anhänger und Gegner, und viele Gleichgültige.

Wer Antje Schrupps Frage wissenschaftlich seriös beantworten will, sollte Geld für ein umfangreiches Forschungsprojekt beantragen. Säße ich im Bewilligungsgremium, würde ich ablehnen, so wie ich auch jeden Promovenden bedauern würde, der sich an dieser Frage nur verheben kann, auch Promovendinnen stemmen das nicht. Das Internet ist schließlich ein globaler Stammtisch, besser: viele Stammtische, auf die dann jeweils ein Themenschild gesetzt wird – und jeder, der will oder zu müssen meint, setzt sich dazu.

Antje Schrupp ist arbeitet journalistisch. Darum will ich auch eher journalistisch mit der Wiedergabe meines persönlichen Eindrucks antworten, aber inhaltliche Festlegungen zu Gott & Co. vermeiden.

Doch zunächst die Einschränkungen. Ich überblicke das Internet nicht, wer kann das schon. Meine Erfahrungen beschränken sich auf

  • aktuelle Meldungen einiger Online-Magazine,
  • Twitter, dazu gehört auch das „EvPfarrer’s Daily“ des Kollegen Ebel. »Diese Online-„Zeitung“ versammelt hauptsächlich Beiträge, die evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf Twitter verbreitet oder in ihren Blogs veröffentlicht haben. Ergänzend fließen Meldungen von Einrichtungen der verfassten Kirche mit ein.« Dort wird natürlich besonders viel über Gott und die Welt getwittert. Diese Tweed-Sammlung ist aber geeignet, den Blick auf die Bedeutung Gottes im Internet quantitativ zu verzerren.
  • Foren meide ich meist, weil dort zu oft völlig undifferenziert und uninformiert nur „Meine Meinung, deine Deinung“ ausgetauscht wird, mit neckischen Nicknames und ohne Rücksicht auf Argumente.
  • Schließlich bekomme ich in meinem Blog Kommentare, in denen ehemalige Heim­kinder sich über Gott, Christentum und Religion äußern – so wie das halt in Foren üblich ist, hier aber hasserfüllt. Doch diese Klientel hat Grund dazu, wurden sie doch in kirchlichen Einrichtungen am Leben geschädigt und zuschlechterletzt von der Pfarrerin Antje Vollmer über den Runden Tisch gezogen.

Nun meine Antwort auf die Frage.

Sicherlich wird im Internet anders über Gott geredet, als zuvor anderswo. Wer hat früher öffentlich über Gott geredet? Lassen wir die Religionswissenschaftler außen vor. Es waren im weitesten Sinne Kirchenleute, Theologen, aber auch Menschen mit engen Bindungen an Christentum und Kirche.

Es gab auch schon immer Kirchenkritiker, die nicht nur im kleinen Kreis, sondern auch mit Öffentlichkeitswirkung über Gott redeten und schrieben, z.B. Herr Deschner mit seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“.

Zu nennen ist auch die Indienstnahme Gottes zur Sicherung der Sterbebereitschaft von Soldaten und Opferbereitschaft der Bevölkerung in vielen Kriegen von allen Kriegsteilnehmern – bis hin zum Gefallenendenkmal.

Sicherlich wurde auch an manchem Stammtisch, wenn nicht über Gott, so doch über den jeweiligen Herrn Pfarrer geredet, insbesondere, wenn der Anlass dazu bot.

Die Säkularisierung hat manchen naiven Glaubensinhalten den Garaus gemacht. Die Köpfe wurden frei für religionskritische Ansichten.

Nun, in Zeiten des Internet, nutzen viele – meist anlassbezogen – die Möglichkeit, ihre Mei­nung zu Kirche und Gott zu publizieren.

Die Anlässe liegen im eigenen, realen Erfahrungsraum, sind vielfach aber auch durch Mel­dun­gen im Netz angeregt. Zum jeweiligen Anlass/Thema gibt es Echoräume von vielen Gleichge­sinnten und wenigen Vertretern abweichender Meinungen, doch die haben so gut wie keine Chance, die Stimmung umzudrehen.

Themen sind Kirche und Staat, besonders die Kirchensteuer, die „Macht“ der Kirchen, kirchliche Verfehlungen (z.B. Misshandlungen und Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, Geldverschwendung à la Limburg u.a.m.). Da trifft es dann nicht nur die Einzelpersonen oder die Kirche, sondern Gott bekommt auch noch sein Teil ab, wie die Religion überhaupt. War sie nicht immer schon gewalttätig? Dann kommt der pauschale Verweis auf „Religionskriege“ oder etwas aktueller auf den Islam.

So und in dieser Häufigkeit wurde früher wohl nicht über diese Themen publiziert, wenn man von ideologischen Kriegen gegen die Religion absieht, wie sie von den Nazis geschürt wur­den oder auch vom real existierenden Sozialismus. Allerdings gab es nicht nur den „Pfaffen­spiegel“. Die erotischen Fehltritte des Klerus waren schon immer ein literarischer Topos, geradezu ein Schmankerl, wenn auch eher als eine Art Untergrundliteratur, wohin sexuelle Dinge früher ganz generell gehört haben.

Hin und wieder taucht in Eigenberichten im Netz auch das Problem der Theodizee auf, das schon manche Menschen aus der Glaubensbahn geworfen hat.

Dann sind noch die Theologen selbst zu nennen, die das Netz missionarisch nutzen oder ihre mehr oder weniger vom theologischen Mainstream abweichenden Meinungen publizieren. Sie sind letztlich auch „Bekenner“, wie sie mit anderem Vorzeichen in manchen Foren als Ver­fech­ter des „wahren“ Glaubens zu finden sind: Bibelfundis.

Nur hinzuweisen ist auf die Präsenz islamischer/islamistischer Internet-Nutzer, die auf ihre Art über Allah schreiben. Doch da fehlt mir jede Beurteilungsgrundlage, wäre aber wichtig, um Herausforderungen zu begegnen.

Gott und Religion werden wohl weiterhin bedeutsame Themen sein. Der Islam rettet zurzeit nicht nur den christlichen Religionsunterricht vor dem missionierenden Atheismus, sondern stellt unserer Gesellschaft religiöse Fragen, die sie nicht hören will, denen sie aber nicht mit atheistischer Contra-Haltung oder denkfauler Gelassenheit begegnen sollte. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/06/ohne-religionsgeschichte-wird-es-nicht-gehen/

„Das Christentum führt offenbar zu Mißverständnissen, wenn man sich nicht klarer ausdrückt.“

Posted in Christentum, Theologie by dierkschaefer on 28. Mai 2016

So schrieb Uta Ranke-Heinemann. Ihre „Rezension“ des Filmes von Martin Scorsese, „Die letzte Versuchung Christi“, ist immer noch lesenswert[1], auch auf dem Hintergrund des immer wieder aufflammenden Streites um die Bedeutung des Kreuzestodes, ein Streit der Theologen, der aber auch viele „einfache“ Gläubige nicht unbeteiligt lässt. Für alle anderen ist es eher ein Streit um des Kaisers Bart. Sie müssen sich nicht daran beteiligen. Es geht um eine christlich-theologische Antwort auf den Zustand dieser Welt. Wer bei dieser Frage Gott oder Gottesvorstellungen beiseite lassen will, wird andere Antworten finden (müssen), es sei denn, er ist trotz dieses Zustandes der Welt satt und zufrieden.

Der Theologe Ottmar Fuchs bestreitet jede Sinnhaftigkeit des Leidens, wenn er schreibt: »Kein Schmerz ist den Himmel wert. Alles ist zu teuer erkauft und erlitten. Hier ist kein Einverständnis möglich, sondern nur das ›Empört Euch‹, der Aufstand gegen Gott«[2]

Ich finde diese Position theologisch stimmig, auch wenn mir sicher viele Theologen nicht zustimmen werden.

Vor neun Jahren machte ich in diesem Zusammenhang eine Art theologisches Gedankenexperiment: gott denken

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531237.html

[2] Matthias Zeindler, Sühne für Gottes Zumutungen? – Zu einer neueren Diskussion um den Opfertod Jesu, Evang. Theol. 76. Jg., Heft 2, S. 101-110, zitiert nach http://www.degruyter.com/dg/viewarticle.fullcontentlink:pdfeventlink/$002fj$002fevth.2016.76.issue-2$002fevth-2016-0204$002fevth-2016-0204.pdf/evth-2016-0204.pdf?t:ac=j$002fevth.2016.76.issue-2$002fevth-2016-0204$002fevth-2016-0204.xml

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Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch

Posted in Kriminalität, Psychologie, Religion, Seelsorge, Täter, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 25. Januar 2016

Dieses Buch ist notwendig, schreiben die Autorinnen im Vorwort zu ihrem Buch Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch. Sie haben Recht damit. Ihre Begrün­dung: Seelsorger/innen sind unsicher. Sie trauen sich die seelsorgliche Begleitung Trauma­tisierter oft nicht zu und reagieren hilf- und ratlos. Sie fürchten, dem Opfer sexueller Gewalt nicht gerecht werden zu können. Noch immer werden Opfer von sexueller Gewalt von der Seelsorge nicht wahrgenommen oder gar abgewehrt.

 

Die Autorinnen sind mutig. Schließlich sind die beiden großen Kirchen in Miss­brauchs­skandale ver­strickt und machen dabei keine gute Figur. Die Frage ist, ob Missbrauchsge­schädigte überhaupt Zutrauen fassen zu Seelsorgerinnen[1], die im kirchlichen Dienst stehen. Zudem dürften Seelsorger die einzige Gruppe sein, die von ihrem beruflichen Selbst­ver­ständnis her bereit ist, missbrauchten Men­schen unentgeldlich zuzuhören und hilfreiche Gespäche zu führen.[2] Die kostenfreie Zuwendung ent­bindet nicht von Anforderungen an die Professionalität der Gespräche. Die soll durch dieses Buch gefördert werden.

 

Die Autorinnen können offenbar auf große Erfahrung im seelsorglichen Umgang mit miss­brauchten Menschen zurückblicken und aus diesen Erfahrungen schöpfen.

Die genannten Zielgruppen für dieses Buch sollten aber erweitert werden. Nicht nur Opfer von Miss­brauch sollten es lesen (als Einschränkung wird auf mögliche Retraumatisierungen hingewiesen), nicht nur die Seelsorgerinnen, an die sich solche Menschen wenden, nein – und zuallerst, denke ich – sollten Kirchenleitungen das Buch lesen, angefangen vom Bischof persönlich und den Spitzen der Kirchen­ver­waltung bis zu den mit diesen Fragen beschäftigten Mitarbeitern. Doch sie werden es wohl nicht tun. Sonst könnten sie – endlich – die betroffe­nen Menschen verstehen und angemessen mit ihnen umgehen (lassen)[3].

 

Von diesen Menschen und den Umgang mit ihnen handelt das Buch. Aus eigenen Erfahrungen kann ich bestätigen: Dieses Buch ist notwendig. Auch habe ich viel Neues gelernt.

  1. Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt.

Die Autorinnen zeigen Möglichkeiten auf, die missbrauchten Menschen Mut machen können, Ver­trauen zu fassen und Seelsorge zu suchen. Den Seelsorgerinnen wird Mut gemacht, indem sie mit diesem Buch auf solche Begegnungen sachkundig vorbereitet werden. Die vielen Redundanzen sollten dafür sorgen, dass jeder am Schluss weiß, was Missbrauch bedeutet und wie Missbrauchten ange­messen seelsorglich zu begegnen ist.

  1. Was mir bisher überhaupt nicht deutlich war: Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen. Zum ersten Mal habe ich die fürchterlichen Hass-Bezeugungen in manchen Psalmen verstanden. Auch die angewandte Form der biblischen Exegese[4] war mir neu – und hilfreich. Mein Theologiestu­dium liegt nun schon lange zurück, doch ich kann mir vorstellen, dass auch jüngere Kollegen hier etwas lernen können.

Hilfreich für die Seelsorge im kirchlichen Rahmen dürfte die nach Themen differenzierende Liste brauchbarer Bibelstellen im Anhang des Buches sein.

 

Nun zu den Opfern. Auch hier sollte man die Zielgruppe erweitern. Beim Lesen ging mir die ganze Zeit der Spruch von Jean Améry durch den Kopf: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Zitiert wird er erst gegen Ende des Buches. Doch diese Erkenntnis ist charakte­ristisch auch für Missbrauchte und erweitert das Thema auf alle, die in einer überwältigenden Gewalt­situation in Todesängsten waren und diese nicht vergessen können, weil überall, oft unerwartet und auch unverstanden, Trigger das Trauma neu auslösen können[5]. In diesen Menschen ist etwas unwider­ruflich zerbrochen: Das Grundvertrauen in die Zuverlässigkeit der (normalen) Welt. Für uns „Normalos“ ist das schwer vorstellbar und wir meinen, irgendwann müssten solche Erlebnisse doch einmal abgelegt und vergessen werden können. Diese Erwar­tung ist genau die Zumutung, die trauma­tisierte Menschen sofort auf Distanz gehen lässt. Nur sie haben zu entscheiden, was sie für überwun­den halten können – und sie sind überrumpelt, wenn der nächste Trigger wieder funktioniert.

 

Das Buch behandelt zielgruppengemäß zwei Aspekte: Die psychische Situation der Missbrauchten und die Herausforderung der Seelsorgerinnen.[6] Die Seelsorger müssen ihre Grenzen erkennen, heißt es, sie müssen wissen, wann eine Psychotherapie erforderlich ist.

Ein dritter Aspekt wird nur angedeutet: Der forensische.

Das dürfte seinen Grund in der zu Recht geforderten Parteilichkeit haben. Die Seelsorgerin hat fest auf der Seite der missbrauchten Person zu stehen, sie darf keine Zweifel anmelden, niemanden entschul­digen, hat nicht einmal Erklärungen für den Missbrauch anzudeuten. Dies ist erforderlich, um das Vertrauen nicht zu stören oder gar zu zerstören. Obwohl ich auch Fälle kannte, in denen ein behaup­teter Missbrauch nicht stattgefunden hatte, hat mir ein jahrelanger Briefwechsel mit einer missbrauch­ten jungen Frau gezeigt, wie wichtig Parteilichkeit für das Vertrauen ist, ein Vertrauen, das bis zur Übersendung der Tagebücher reichte. Dennoch müssen Seelsorgerinnen auch darauf vorberei­tet sein, dass ein Miss­brauchs­erlebnis auch suggeriert sein kann, zuweilen therapieinduziert als die logische Erklärung für bestimmte Diagnosen.

Der Seelsorger hat hier gewiss nicht zu explorieren. Auch ein vermeintlicher Missbrauch ruft seelische Not hervor. Doch zuweilen steht am Ende der Wunsch nach gerichtlicher Klärung, strafrechtlich wie auch zivilrechtlich mit dem Ziel von Entschädigung. Richterinnen sind keine Seelsorger. Sie achten auf die Verjährungsgrenzen, dann auf die Beweisbarkeit und Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Der angefor­derte Gutachter geht, sofern er professionell arbeitet, von der „Nullhypothese“ aus: der Miss­brauch habe nicht stattgefunden. Nun sucht er nach Gründen, um diese Hypothese zu widerlegen. Der Gutachter Max Steller sieht haupt­sächlich zwei Ursachen für die falsche Wahrnehmung/­Erinne­rung vermeintlicher Opfer. Da ist a) die Suggestion, vornehmlich bei Kindern, und b) psychische Stö­rungen, vornehmlich bei Personen, die schließlich dank Therapie oder eigener „Einsicht“ Missbrauch für die Ursache ihrer Störungen halten[7], schließlich gibt es c) Menschen, die keinen sexuellen Missbrauch erlebt haben, ihre Not aber so benennen, d.h. sex. Missbrauch ist die Chiffre für ihre reale Not, die aber andere Ursachen hat. Das Terrain ist also schwierig – und steckt voller Minen. Glücklicherweise ist die Überprüfung der Richtigkeit der Eigenaussagen des Opfers nicht Aufgabe der Seelsorge. Doch sollte das Opfer die Sache gerichtlich klären wollen, muss es vorbereitet werden. Zunächst auf die Enttäuschung, wenn der Fall verjährt sein sollte, dann auf den Richter, der nach Beweisen fragt oder nach einem Sachverständigen-Gutachten. Damit wird alles wieder aufgerollt – auch die Emotionen. Hält das Opfer das durch?

 

Ein wirklich weites Feld. Das Buch will Mut machen und helfen, es zu betreten, damit diese Menschen aus ihrer Isolation und ihren Selbstvorwürfen herausfinden.

Dazu ist es sehr gut geeignet.

Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8, erscheint im Februar 2016, 19,99 €

[1] Die Autorinnen benutzen fast durchgängig „gendergerechte“ Benennungen (Seelsorger/innen). Mich stört das beim Lesen ungemein. Um den Sachverhalt klarzustellen: Missbraucher sind zumeist männlich – es gibt auch Ausnahmen; die Opfer sind meist Kinder, weiblich oder männlich. Menschen, an die sich Missbrauchte wenden, dürften wohl eher weiblich sein. Da das im Ansatz ökumenische Buch aber durchgehend auf katholische Normalität rekurriert, kommt über das Beichtsakrament den Pfarrern, also Männern, eine Bedeutung zu, die man im evangelischen Raum kaum finden wird. Ich schreibe in dieser Rezension demnach abwechselnd von Seelsorgern und Seelsorgerinnen.

[2] Sicherlich gibt es auch außerhalb des kirchlichen Rahmens Einzelne und Gruppen, die für solche Menschen da sind. Vergleichsweise sehen wir das an der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Hier stechen auch die Kirchen als Organisationen positiv heraus. Es ist allerdings leichter, Hilfe für Menschen anzubieten, die nicht kirchlich vorgeschädigt sind.

[3] Das gilt auch für den kirchlichen Umgang mit den gedemütigten, misshandelten und ausgebeuteten ehemaligen Heimkindern.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Materialistische_Bibellekt%C3%BCre

[5] Von „Flashbacks“ berichten auch Unfallopfer und Notfallseelsorger.

[6] Dazu wird auch mehrfach die Rücksichtnahme auf die Institution Kirche, die Arbeitgeberin der Seelsorger genannt. Ich habe das zunächst für ein eher katholisches Problem gehalten; für mich als Protestanten ist die Kirche ein Ding von dieser Welt und darum eher und heftiger kritisierbar, als das für Katholiken denkbar ist. Doch das scheinbar loyale Wegducken meiner Kollegen, oder auch das Ausweichen wegen der Peinlichkeit, Missbrauch und Kirche zusammenzubringen und zu thematisieren, [Dierk Schäfer, Scham und Schande, Die Kirchen und die Heimkinderdebatte, https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf] hat mich an die Ökumenizität des Phänomens erinnert.

[7] mehr dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/

Seinen Gott unter Kontrolle bringen – Ja, geht denn das?

Posted in Kirche, Menschenrechte, Theologie by dierkschaefer on 27. April 2015

»Der Journalist und langjährige Nord­afrika-Korrespondent der ARD Samuel Schirmbeck formulierte es überspitzt so: „Der Islam hat es, anders als das Christentum, nicht geschafft, seinen Gott unter Kontrolle zu bringen.“ Er meinte damit eine theologische Weiter­entwicklung des Islams, die versucht, den Glauben so weit wie möglich in Ein­klang zu bringen mit den humanisti­schen Werten der Aufklärung in Euro­pa. Stattdessen befinde sich die islami­sche Theologie in einer tiefen Krise.«[1]

Die Formulierung ist interessant. Es stimmt ja auch, Religion und Gewalt hängen – wie auch immer – zusammen. . »„Alle soge­nannten heiligen Schriften haben starke Gewalt­abschnitte, nicht nur der Is­lam.“«[2] Diese „Gewalt­abschnitte“ wurden durch die Theologie gebändigt, unter Kontrolle gebracht, aber auch Gott?

Wer ist Gott, dass man ihn unter Kontrolle bringen könnte? Und selbst wenn, stimmt die Aussage? Sicherlich hat die Theologie einiges dazu beigetragen, dass die Bibel als eine der „soge­nannten heiligen Schriften“ zu einem anderen, einem sanfteren Gottesbild beigetragen hat. Doch Theologie und Kirche sind zweierlei. Die Kirchen haben lange gebraucht, um die theologischen Erkenntnisse in ihr Selbstverständnis aufzunehmen. Der „Einklang mit den humanisti­schen Werten der Aufklärung in Euro­pa“ wurde erst sehr spät hergestellt. Noch während des Ersten Weltkriegs gab es nicht nur Kriegspredigten, die nichts mit der Aufklärung und den Menschenrechten zu tun hatten, sondern die Kirchen haben sich auch mitschuldig gemacht am Genozid der Armenier durch die Türkische Regierung.[3] Es waren einzelne Christen, die sich nicht von der Kontrolle Gottes durch die Kirchenleitungen irritieren ließen.[4]

Wer ist Gott, dass man ihn unter Kontrolle bringen könnte? Wir sehen zurzeit die Gotteseiferer unter den Islamisten, die im Namen ihres Gottes Grausamkeiten begehen, wie sie auch bei uns noch nicht so lange her sind. Wir denken aber auch an die wahren Märtyrer, die „ihrem Gott“ gehorsam waren und andere Menschen vor Unrecht und Vernichtung zu retten versuchten. Unser „alter ego“ im Himmel ist so, wie wir sind, aber auch wie wir gerne wären. Doch da dieser Gott unsere Züge trägt, muss er in Schach gehalten werden können. Da er auch unsere guten Wünsche, das, was wir Humanität nennen, verkörpert, dürfen wir ihn nicht lähmen.

Der Ring aus der Ringparabel solle die Eigenschaft haben, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt.[5] Damit ist kein everybody’s darling gemeint, sondern auch Widerstand gegen das Unrecht, gerade wenn Unrecht mehrheitsfähig wird. Die Eidesformel So wahr mir Gott helfe meint einen Gott, der sich nicht der Kontrolle von Diktatoren unterwirft, auch nicht der ihrer Helfershelfer in religiösen Institutionen.

[1] JULIAN TRAUTHIG, Seinen Gott muss man in Schach halten können, Das Heilige und die Gewalt: Die Frankfurter Römerberggespräche fragen nach der Rolle des Islams, aus: FAZ Montag, 27. April 2015

[2] s. Anmerkung 1

[3] »Noch bedeutsamer war das Verhalten der evangelischen Kirche. Ihre Hilfswerke in der Türkei taten alles, um das Leid der Armenier zu mildern. Und sie berichteten sehr genau über den Völkermord, wie auch Lepsius in Geheimtreffen seine evangelischen Brüder sehr genau informiert hatte. Aber was taten die obersten deutschen Protestanten? Nichts.« http://www.wolfgang-gust.net/armenocide/gusthome.nsf/d3cb8075f11223b4c12572ef004f2e81/bb415519c63cfd8ec12575a5006f39ae!OpenDocument auch: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/04/25/das-christliche-deutschland-gab-es-schon-1896-nicht-mehr/

[4] »Wäre nur von jeder zehnten Kanzel die Botschaft von Lepsius in kurzen aber eindringlichen Worten verkündet worden, dann wäre die wichtigste politische Kraft in Deutschland, die westliche Werte akzeptiert hatte, die Sozialdemokraten, alarmiert worden – und damit sehr viele Deutsche. Nicht die böse preußische Zensur verhinderte also die Verbreitung der Wahrheit über den Genozid noch während des Krieges, sondern die gute protestantische Kirche. „Jedes deutsche Pfarramt müßte im Besitz meines Berichtes sein“, schrieb Lepsius selbst dazu, „wenn die Superintendenten und Vertrauensmänner, denen die Pakete zugingen, ihre Schuldigkeit getan hätten.“« http://www.wolfgang-gust.net/armenocide/gusthome.nsf/d3cb8075f11223b4c12572ef004f2e81/bb415519c63cfd8ec12575a5006f39ae!OpenDocument

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Nathan_der_Weise

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Wäre ein Gott, ein Gott, … Silvester 2014

Posted in Kunst, Theologie by dierkschaefer on 31. Dezember 2014

 

Vom Sturmwind zerzaust,

gebeutelt, gebeugt,

vom Leben gezeichnet.

 

Seine Zweige,

sind sie Ausdruck der Sehnsucht

nach besseren Welten für Bäume?

 

Das ganze Gedicht: silvester 2014

 

 

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Kriegsbegeisterung

Posted in Geschichte by dierkschaefer on 11. September 2014

Krieg à la card: Einen Eindruck von der Kriegsbegeisterung bekommt man beim Betrachten dieser Postkartenserie https://www.flickr.com/photos/patriotic-ww1/7289647594/in/photostream/

Die Fülle der Postkarten zeugt von großer Nachfrage: Mit Gott für Volk und Vaterland.

Zum Glück ist das Geschichte.