Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXII

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Zweiunddreißigstes Kapitel

„Hotel zur silbernen Kugel“

Ich erfuhr aus den Akten, dass noch andere mit falschen Münzen unterwegs waren. Nein, nicht mit meiner Sorte. Vielmehr konnte ich lesen, dass die schwedischen 5-Oere Münzen identisch mit unseren 5-Markstücken waren. Ein anderer hatte sich das zunutze gemacht und damit ausschließ­lich Spielautomaten geplündert. Später zu Hause rechnete ich nach. Der Umtauschkurs war in etwa der gleiche, als würde ich fünf 5-Pence Münzen wechseln. Nur der Weg nach Schweden war natürlich etwas weiter. Würde ich mich darauf umstellen wollen, hätte ich ganz andere Reisekosten gehabt und hätte auch ein wenig schwedisch lernen müssen. [1]

Solche Gedanken legte ich aber schon bald ad acta. Waren wir doch nun endlich Pächter eines wunderschönen Bistros. Bei ziviler Arbeitszeit hatten sich meine Frau und ich auf eine Arbeitsteilung geeinigt. Ich spielte als ihr Angestellter den Koch, während sie sich um die Gäste kümmerte. Ob es nun an meinen Kochkünsten lag oder an meiner gesprächsfreudigen Frau, die sehr gut bei den Gästen ankam, der Laden brummte. Bei gerade mal vier 4er Tischen und sechs Plätzen am Tresen machten wir sehr guten Umsatz. Niemand, der das riesige Einkaufszentrum, worin sich unser Bistro befand, besuchte konnte uns übersehen. Statt der üblichen Wände war alles aus Glas. Das innere Ambiente war in schneeweiß gehalten. Auch die Türe zur Küche hin bestand aus Glas. So konnte jeder zusehen, wie ich die Mahlzeiten zubereitete. Sie erinnern sich, dass ich erwähnt habe, dass ich wegen meiner Vorstrafen keine Konzession erhielt? Somit war meine junge Frau die offizielle Chefin. Das ließ sie natürlich auch richtig dick heraushängen. Nicht im Geschäft selbst, mir oder den Gästen gegenüber. Im Laufe der Zeit wurde sie immer übermütiger. Sie nahm von den etwa sechs bis siebenhundert Mark Umsatz fünfhundert heraus und wollte sich mal wieder mit Freundin­nen treffen. Und das immer öfter! Dass schon ein gutes Drittel an fixen Unkosten von den Einnah­men draufging, ich ja auch immer wieder neue Ware einkaufen musste, das ließ sie sich nicht verklickern. Sie verließ immer öfter den Laden noch vor dem eigentlichen Ladenschluss, tauchte erst wieder am Morgen zur Eröffnung auf. Wenn überhaupt. Sie rief gegen 9 Uhr am Morgen vorsichtshalber an und fragte nach, ob ich schon den Laden geöffnet hätte. Dass ich irgendwann die Schnauze voll hatte, kann wohl jeder nachvollziehen!?

Eines Tages, als sie wieder einmal die Nacht woanders verbracht hatte, dachte ich gar nicht daran in dem Laden für Lau zu arbeiten. So blieb das Geschäft eben ohne Vorwarnung geschlossen. Einige Monate später traf ich in der Stadt zufällig den Spielautomatenaufsteller, der bei uns zwei Automaten aufgestellt hatte. Der wollte doch tatsächlich 6000 Mark von mir haben. Hinter meinen Rücken hatte meine Frau, die ja Chefin war, sich einen Kredit in dieser Höhe von dem Aufsteller geben lassen. Natürlich fiel ich aus allen Wolken als ich dies hörte. Meine Frau jedenfalls hatte mir davon nichts gesagt. Da ich ja in keiner Weise zu irgendetwas unterschriftsberechtigt war, riet ich dem Mann, sich das Geld auch daher zu holen, wohin er es gegeben hatte. Jetzt wissen Sie auch, warum ich meinte, die Familienrichterin hätte lieber mich vor dieser jungen Frau warnen sollen, anstatt der armen jungen Frau Vorwürfe zu machen so einen alten (Trottel!) heiraten zu wollen. Ein verliebter alter Trottel war ich ja wohl oder? Ja, war ich denn überhaupt verliebt? Nachdem sie quasi bei mir eingezogen war, sich wunderbar mit meinem Sohn verstand, der ja mal gerade 7 Jahre jünger als sie war, da begann ich rational zu denken. Wieder eine Frau im Haus zu haben hieß ja, dass ich mich wieder um ehrliche Arbeit kümmern konnte. Dass diese Überlegungen sogar in die Selbstständigkeit führten, umso besser. Die Folgen konnte ich ja nicht im voraussehen.

So kam mein Sohn schließlich doch in ein Heim!

Ich weiß bis heute nicht, ob und wann meine Frau erfahren hat, dass wir ein gutes Jahr später schon wieder geschiedene Leute waren. Beim Scheidungstermin glänzte sie jedenfalls durch Abwe­senheit. Jahre später, ich hatte meine Münzgeschichte im Knast schon längst abgebüßt, fand ich einen dicken Brief in meinem Briefkasten. Darin enthalten war ein dickes Packet von Fragebögen. Frau Schulz sollte darin genau auflisten, wie es zu dem Unfall genau gekommen war, weswegen sie die Krankenkasse belastet hatte. Ich rief sofort den Arzt an, der mir diese Unterlagen zuge­schickt hatte. Dieser Arzt hatte seine Praxis ganz weit im Süden von Deutschland. Die Sprechstun­den­hilfe, die meinen Anruf entgegen nahm, fiel aus allen Wolken, als ich ihr den Grund meines Anrufes erklärte. Als sie erfuhr, dass besagte Frau Schulz schon längst nicht mehr mit mir ver­heiratet sei, somit auch nicht mehr bei mir versichert, jammerte sie, woher den nun ihr Doktor die aufgewendeten Behandlungskosten bekommen solle. Immerhin hätte er eine Operation an ihrem zerschlagenen Knie vornehmen müssen. Das hätte sie gerne früher gewusst. Gestern noch wäre sie meiner Frau beim Überqueren eines Zebrastreifens in der Stadt begegnet. Was gingen mich die Probleme anderer Leute an? Hatte ich doch selbst genug davon. Dadurch dass ich nun niemanden mehr hatte, der sich während meiner Abwesenheit, sprich Knastaufenthalt, um meinen Sohn sorgen würde, traf genau das ein was ich fünf Jahre vorher unbedingt vermeiden wollte. Er kam in ein Heim! Sollte ich da noch Mitleid mit dem zerschundenen Knie meiner Ex oder wegen der unbegli­chenen Rechnung eines Arztes entwickeln?

Im Knast ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch!

Ich hatte im Knast jeden Pfennig für die Zeit nach meiner Entlassung gespart. Wie bereits erwähnt hatte ich keine Lust, nach einem Knastaufenthalt als Penner auf der Straße zu landen. Dafür hatte ich gespart, für einen ordentlichen Neuanfang. Das Wichtigste aber war nach der Entlassung immer ein Dach über den Kopf zu haben. In den 80er Jahren wehrte sich unser Anstaltsleiter noch vehement dagegen, den Gefangenen ein eigenes Fernsehgerät in der Zelle zu gestatten. Deswe­gen verlegte ich mich wieder aufs Lesen, um die langen Abendstunden und Wochenenden rumzubekommen. Im Knast kann man aber nicht nur aus Büchern etwas lernen. Wenn mal wirklich mal jemand unschuldig darin landet, was natürlich auch vorkommt, dann kommt er nicht mehr so unbedarft dort heraus, wie er hineingegangen ist. Tipps und Tricks hört man allenthalben, ob man will oder auch nicht. Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch! Thema Nummer Eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen. Nur all diese Schlaumeier saßen trotzdem alle im gleichen Boot, recitive im Knast. Das einzig Sinnvolle, was ich von dem Gehörten annahm, war, dass ich mir eine Samstagsausgabe der hiesigen Presse besorgte und mir eine Kontaktanzeige heraus suchte, die mir zusagte. Von da an hatte ich eine weitere Freizeitbeschäftigung. Ich hatte einen regen Brief-Ver­kehr. Sie haben schon ganz richtig gelesen, es war nicht nur ein profaner Briefwechsel. Man(N) gönnt sich ja sonst nichts – im Knast. Aus dem Brief-Verkehr wurde dann auch bald richtiger Ver­kehr. Im Rahmen der Strafvollzugsreform wurden geprüften Gefangenen schon Ausgänge, ja sogar Urlaub gewährt. Hatte man draußen eine unbescholtene Kontaktperson, umso leichter wurden solche Lockerungen gewährt. Aber nicht erst die Frau hatte mir diese Lockerungen ermöglicht. Mein 13 jähriger Sohn hatte seinem Heimleiter die „Pistole“ auf die Brust gesetzt und verlangt, dass er mit dem Boss vom Jugendamt reden wolle. Dort wurde mein Sohn gefragt, ob er das gut finde, seinen Vater im Knast zu besuchen. „Besser im Knast als überhaupt nicht sehen!“ hatte er darauf bestanden, mich besuchen zu dürfen. Ohne die geringste Ahnung zu haben, was mich erwartete, nahm ich die Unterbrechung meiner Arbeit hin, als es hieß: „Schulz! Sie haben Besuch!“. Ich wurde allerdings nicht in den eigentlichen Besuchsraum geführt, wo ansonsten die Gefangenen ihre Angehörigen oder Freunde empfingen, der natürlich überwacht wurde. I wo! Man führte mich in einen der Räume, wo eigentlich nur Rechtsanwälte sich mit ihren Mandanten zusammensetzten oder wenn die Kripo zu einer weiteren Vernehmung antanzte. Weder hatte ich einen Termin mit meinem Anwalt, noch konnte ich mir denken, dass die Kripo noch Interesse an mir zeigte. Vielleicht, und das schien mir am Wahrscheinlichsten, war es auch nur eine Verwechs­lung. Schließlich gab es unter den 1100 einsitzenden Gefangen fünf Mal den Namen Schulz. Das wusste ich, weil es schon oft vorgekommen war, dass Post vertauscht worden war. Schon auf dem Flur vor der Zimmertüre, erwartete mich ein freundlich grinsender Mann. „Sie sind Herr Schulz?“ damit reichte er mir die Hand, zog mich ins „Besucherzimmer“. Während er mich fragte, ob ich eine Ahnung hätte warum er mich sprechen wolle, stieß er die Türe ins Schloss. Daran zurück denkend bekomme ich noch heute einen ganz engen Hals. Hinter der Türe stand doch leibhaftig mein Sohn!

Es war keine Einbildung von mir, er war in diesem einen Jahr, um einen ganzen Kopf größer als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Mann vom Jugendamt hielt sich dezent zurück, während ich mit meinem Sohn händchenhaltend mir alles anhörte, was so aus ihm heraussprudelte. Unter Berufung auf einen Psychologen erreichte das Jugendamt, dass ich fortan mit meinem Sohn jeden Monat einen gemeinsamen Tag verbringen durfte. Für die ersten dreimal machte die Anstalt die Auflage, dass mein Sohn mich zwar am Sonntag vom Knast abholen durfte, aber nur in Begleitung eines Erziehers.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen.“

Ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass jeden Monat ein Erzieher seine Freizeit opferte, meinen Sohn nach Hannover brachte und sich an der Pforte auswies, dass er als Erzieher dazu berechtigt sei, mich zum Freigang abzuholen. Es musste für den Mann ziemlich nervend gewesen sein, den ganzen Sonntag mit mir und meinem Sohn in Hannover zu verbringen, während seine eigene Familie den Sonntag alleine zu Hause in Barsinghausen[2] saß. Weil nun aber mein Anlaufpunkt Barsinghausen war, welches außerhalb der 50 Km Grenze lag, bekam ich im Gegensatz zu den in Hannover Ansässigen 2 Stunden länger Ausgang. Das hieß, ich brauchte erst um 24 Uhr wieder in der Anstalt zu sein. Beim ersten Ausgang noch bat der begleitende Erzieher mich schon vor 22 Uhr zur Anstalt zurück bringen zu dürfen. Ich würde es hoffentlich verstehen. Eigene Familie und so. Natürlich wollte ich seine Freiwilligkeit nicht überstrapazieren. Zumal er ja noch den Jungen im Heim abliefern musste und fast eine Stunde Fahrt vor ihm lag. Der Erzieher hatte wohl den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie diese „Zwangsehe“ zu umgehen sei. Vor dem „Hotel zur silbernen Kugel“[3] parkte er auf dem weitentferntesten Parkplatz ein, machte mir folgenden Vorschlag.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen. Dafür hätten Sie auch heute im Laufe des Tages genügend Möglichkeiten gehabt. Sie waren ja nicht an mich angekettet. Wollen wir mal was testen? Sie gehen jetzt mal ganz alleine zur Pforte. Wenn man fragt, wo ihre Begleitperson ist, dann winken Sie mich heran. Lässt man Sie aber auch so ein, dann können wir es uns in Zukunft ersparen, dass ich Sie den ganzen Tag begleite. Und, Sie können Ihre Zeit bis 24 Uhr voll ausnutzen!“

Gesagt getan. Anscheinend schien man an der Einlasspforte immer nur froh zu sein, wenn alle Probanden pünktlich wieder eintrafen. Schon der Statistik wegen. Es gab immerhin Intuitionen [?], die nur darauf warteten, dass diese Art der Resozialisierung in die Hose ging. In den nächsten beiden Monaten kam ich zwar auch nur auf freien Fuß, wenn mich der ausgewiesene Erzieher mit meinem Sohn abholte, dann aber lenkte er sein Auto auch schon wieder nach Hause. Meinen Sohn brachte ich gegen 20 Uhr zum Zug und hatte dann noch einige Stunden ganz für mich alleine. Schrieb ich gerade alleine? Natürlich nahm ich die Gelegenheit wahr, meinen Brief-Verkehr etwas zu vertiefen. Was mich aber nicht davon abhielt, mich wieder pünktlich an meinen Bestimmungsort bringen zu lassen. Mit dem Taxi fuhr ich direkt bis vors Fenster der Eingangspforte. Bloß, diesmal fragte mich doch der Beamte, wo denn meine Begleitperson sei. Das war aber ein hundertprozentiger. „Wie? Sie sind der Erste der danach fragt. Haben Sie nicht gesehen dass im Taxi hinten noch jemand saß? Er hatte keine Lust zu warten, er hat mich doch hier korrekt abgelie­fert und mich reingehen sehen. Hat somit seine Pflicht erfüllt. Aber wenn Sie wollen, können wir ja herausfinden, welches Taxi mich hergebracht hat und es nochmal herkommen lassen!“ Meine Unruhe konnte ich ganz gut verbergen und trat so selbstbewusst auf, wie es unter diesen Umstän­den eben ging. Dem Beamten schien meine vorgebrachte Erklärung plausibel zu klingen, was ihn aber nicht davon abhielt, mich ins Röhrchen pusten zu lassen. Auf dem Ausgangsschein war nämlich der fettgedruckte Vermerk: „Alkohol und Drogenverbot!“ Ich hatte etwas Besseres zu tun gehabt, als mich mit Alkohol zu betäuben. Drogen kannte ich bis dato nur dem Hörensagen nach.

Eigentlich hätte ich ja nach drei korrekt abgewickelten Ausgängen Anspruch auf Urlaub gehabt. Doch dagegen hatte mein Abteilungsleiter sein Veto eingelegt. Er konnte es nie überwinden, dass ich mal eine Beschwerde gegen ihn an die Strafvollstreckungskammer geschrieben hatte, worauf­hin er sich rechtfertigen musste. Was wiederum seiner Personalakte nicht gut tat. Kurz bevor ich zu der Konferenz gerufen wurde, wo alle wichtigen Leute saßen, die darüber zu entscheiden hatten, ob mir nun Urlaub gewährt werden könnte, hatte ich beim Stationsbeamten schon nach eingehen­der Post gefragt. Ja, für mich war ein Brief dabei. Mein beleidigter Abteilungsleiter hatte schon längst das übrige Gremium davon überzeugt, dass ich noch nicht für einen Urlaub geeignet sei. Am runden Tisch, direkt neben dem Anstaltsleiter sitzend, verkündete mir der Sicherheitschef der Anstalt das Ergebnis der Abstimmung dieser Runde. Nämlich das mein Urlaubsgesuch abgelehnt sei. „Ach, wissen Sie, ihr Urteil tangiert mich nur peripher,“ sagte ich, dabei den schadenfroh grinsenden Abteilungsleiter ganz bewusst ins Auge fassend, und reichte dem Anstaltsleiter neben mir einen blauen Brief, wie er von der Justiz verwendet wird, hin. Es war eben jener Brief, den ich kurz zuvor von meinem Stationsbeamten erhalten hatte. Den Brief hatte der Staatsanwalt geschrieben. Darin verfügte er das Herrn Dieter Schulz vom……bis zum…… Haftunterbrechung gewährt wurde. Das schadensfrohe Grinsen meines Abteilungsleiters war seinem Gesicht entglitten. Eher schon funkelte Hass in seinen Augen. Aber gegen den Staatsanwalt kam er nicht an. Nach­dem ich auch die siebentägige Haftunterbrechung nicht missbraucht hatte, mich außer wie schon bei meinem eigentlichen Haftantritt als Selbststeller resozialisierungswillig gezeigt hatte, verfügte die Strafvollstreckungskammer das mir von nun an auch ein Regelurlaub zustehe. Pünktlich, ohne dass ich einen Antrag schreiben musste wie noch 1970, wurde ich zum Gericht gerufen, wo darüber entschieden wurde, ob meine Prognose gut genug sei, um nach Verbüßung von zweidrittel meiner Haftstrafe vorzeitig entlassen zu werden. Der mich anhörende Richter wollte bei meiner Anhörung auch meine Brieffreundin dabei haben. Ja, auch solche Nebensächlichkeiten waren in meinem Führungsbogen vermerkt. Natürlich wollte auch sie, dass ich so schnell als möglich für immer in ihrer Nähe sei. Vor kurzem war ihr jüngster Sohn in den Ehestand getreten und somit war ein Zimmer in ihrer Wohnung frei. Die Entscheidung des Gerichts passte meinem Abteilungsleiter zwar überhaupt nicht, musste sich aber fügen. So wurde ich dann am 10. Oktober 1986 mit einer Reststrafe von 11 Monaten und zehn Tagen entlassen.

Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte.

Im Laufe der Jahre ging es auf dem Arbeitsmarkt immer enger zu. Das Arbeitsamt arbeitete inzwischen mit einem Computer. Zum einen wurde darin vermerkt, dass ich die letzten beiden Jahre im Knast verbracht habe, zum anderen auch, dass ich mangels fahrbaren Untersatzes nicht gerade beweglich war. Mir kam es vor als sei der Beruf des Kellners inzwischen ausgestorben. Ich durfte, nein musste mich alle drei Monate beim AA vorstellen, bekam aber nicht eine einzige Stelle zugewiesen. Nichtsdestotrotz wollte ich nicht untätig bleiben und von mageren knappen 1000 Mark im Monat leben. Zumal meine neue Braut auch nicht gerade auf Rosen gebettet war. Hatte sie doch bei einem teuren Autokauf bei ihrem Ex-Mann gebürgt. Der hatte sich als unpfändbarer Frührentner aus der Affäre gezogen und seiner Frau die Schulden überlassen. Zwar hatte sie schon seit 17 Jahren einen festen Job bei einer Firma, verdiente auch gar nicht so schlecht im Schicht­dienst, trotzdem blieb ihr nur das Geld, was die Pfändungsgrenze ihr übrig ließ. In ihrer Wohnung war alles pikobello sauber, aber die alten Möbel waren eher für den Sperrmüll geeignet. Daran hätten sich die Türken noch nicht einmal vergriffen. Die Frau ging arbeiten, Schulz saß zu Hause? Kam gar nicht in Frage. Ich war doch kein Zuhälter!

Am 10ten Oktober mit knapp 2000 Mark entlassen, hatte ich zu Weihnachten wieder ein Auto vor der Türe stehen. Zwar nur ein kleiner Polo, aber ein Auto. Ein Auto brauchte ich aber auch. Wollte ich mich bei meinen Londonreisen nicht immer nur mit 5-6000 Münzen abrackern.

Lieber Leser, Du ahnst wohl schon dass ich wieder rückfällig geworden bin? Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte. Nur, ich mied natürlich die Stadt Hannover. Wäre auch nur eine einzige Anzeige bei der Polizei eingegangen, dass wieder ein Auto­mat mit englischen Münzen gefüttert worden wäre, wären die Bullen sofort bei mir eingeflogen. So verlegte ich dann mein Betätigungsgebiet abwechselnd zwischen Kassel, Dortmund, Düsseldorf und weitere Städte. Am liebsten aber fuhr ich nach Berlin. Diese Stadt bzw. deren Hauswände waren regelrecht mit Automaten gepflastert. Alle paar Meter eine Kneipe mit jeweils zwei Spielauto­maten. Hatte ich beim ersten Mal noch ein Pensionszimmer für eine ganze Woche gebucht, so genügten danach ganze 5 Tage. Da war ich auch schon meine gesamten 20.000 Münzen los. Dafür durchstreifte ich aber auch jeden Tag 16-18 Stunden die Berliner Straßen. Ich holte mir bei der Post die fertigen Pakete wo, ganz genau 222 Schachteln Zigaretten reinpassten. Jeden Morgen brachte ich solch ein Paket zur Post. Sobald alle Münzen verarbeitet waren, fuhr ich nach Hanno­ver. Dort stapelten sich schon die Pakete. Diverse Kioskbesitzer und private Freunde warteten schon sehnsüchtig auf die verbilligten Zigaretten.

Fußnoten

[1] Ein Tipp von Dieter Schulz: Übrigens, auch jetzt gibt es wieder in einem entfernten Land wertgleiche, aber viel viel billigere, 2-€ Münzen. Es sollte ja auch noch eine ganze Weile dauern, bis auch in die Zigarettenautomaten 5-Mark-Oere-Münzen passten. Aber da war ich schon längst im Bau. Nur so aus Spaß erwarb ich mal bei einem Fernfahrer 20 5-Oere Stücke. Und siehe da, auch damit konnte man eine gute Mark machen.

[2] Barsinghausen ist eine Stadt in der Region Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Barsinghausen

[3] Euphemismus für die JVA in Hannover. Benannt nach dem nahegelegenen silbrigen, kugelförmigen Gasbehälter. Für Uneingeweihte missverständlich, die dann nach Aufklärung auch noch falsche Herleitungen angeben: https://www.thieme.de/viamedici/klinik-faecher-neurologie-1538/a/der-patient-aus-der-silbernen-kugel-33065.htm

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

Betroffene, die sich freigeschwommen haben, reden Klartext, ohne Schaum vorm Mund.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVI

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Sechzehntes Kapitel

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Die Grenze war nicht weit und wir würden es auch ohne die Hilfe des Onkels schaffen. Es wäre doch gelacht. Was der konnte, schafften wir schon lange. Die Alteingesessenen im Schlaf­­saal wollten natürlich Einzelheiten über uns erfahren. Wir logen ihnen einfach die Hucke voll. Sie gaben sich mit dem, was sie über uns erfahren hatten, zufrieden und schliefen auch bald ein. Wir auch. Wer weiß, wann wir wieder in solch frischgemachten Betten schla­fen würden. Nach der halb durchwachten vergangenen Nacht schliefen wir auch bald den Schlaf der Gerechten. Die anderen mussten in die Schule, wir waren davon befreit. Dafür durften wir uns im Tagesraum mit Mikado, Halma oder Schach die Zeit vertreiben. Wie wir so schön beisammen saßen, konnte ich meine Kumpane mit meinem neuen Fluchtplan über­raschen. Nach der zweiten großen Pause unten auf dem Schulhof begaben wir uns wieder in den Schlafsaal mit dem Hinweis, dass wir Schlaf nachzuholen hätten. Es wurde uns auch gestattet. Wir wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass sich für den Nachmittag einige Herren angemeldet hätten, die noch einige Fragen an uns haben würden. Auch gut. Sollten die fragen, wen sie wollten. Am Nachmittag wollten wir schon über alle Berge sein. Ach so, hier gab es nur Flachland? Egal, dann eben an der Grenze. Ich hatte mich am Stand der Sonne orien­tiert und erkannte, wo Westen lag. In diese Richtung mussten wir, um an die Grenze zu kommen. Aus dem Haus und über die Mauer waren wir schnell. Direkt zwischen dem Haus und der Mauer wuchs nämlich eine mächtige Eiche. Deren Äste dienten uns als Brücke. Klar, etwas Mut musste man schon aufbringen, um die etwa anderthalb Meter freien Raum zu überspringen und sich an einem Ast festzuhalten. Nur dem Mutigen gehört die Welt! Wir hatten die weite Reise doch nicht unternommen, um sie hier schon wieder enden zu lassen. Oder? Herz gefasst, gesprungen, rübergerobbt. Über die Mauer und nichts wie weg! Die Richtung, in der wir uns bewegten war richtig. Bald sahen wir die ersten Hinweisschilder. Halberstadt[1]. Das musste doch schon in der Nähe der Grenze liegen, wenn ich die Deutsch­land­karte richtig im Kopf hatte? Ausgelassen vor Freude darüber, wieder in Freiheit zu sein und den anderen wieder mal ein Schnäppchen geschlagen zu haben, hüpften, ja tanzten wir fast die Straße entlang. Wir hätten ja auch vom Bahnhof aus (wer hätte uns schon so nahe beim Heim gesucht?) einen Zug in Richtung Halberstadt nehmen können. Der Schienenstrang wies zumindest in die Richtung.

Ein „Zimmer“ mit schwedischen Gardinen

Doch gewitzt durch die innerdeutsche Grenze zu Berlin konnte ich mir denken, dass auch hier in dieser Grenznähe ähnliche Kontrollen stattfinden könnten. Auf ein paar Stunden kam es jetzt auch nicht mehr an, bis wir „Drüben“ sein würden. Oh, kindliche Unbeschwertheit. Du kennst nicht die Fallstricke, mit denen Erwach­sene dir das Leben zur Hölle machen. In unse­rer Ausgelassenheit zeigten wir mehr oder weniger den vorbeibrausenden, meist LKW-Fah­rern, unseren Daumen. Was wir gar nicht zu hoffen gewagt hatten, traf dann aber doch ein. Einer der vorbeifahrenden ging vom Gas auf die Bremse. Wir liefen schnell hin. „Wo soll es denn hingehen?“ „Halberstadt!“ „In Ordnung Jungs! Springt hinten drauf!“ Ein oben offe­ner, mit grünen Kübeln beladener Kasten nahm uns auf. Und ab ging die wilde Fahrt. Wir ließen uns ordentlich den Wind um die Nase wehen, als wir über das Führerhaus gebeugt den Weg verfolgten, den der Wagen nahm. Das war dann aber auch schon die letzte Nase voller Wind, den wir in Freiheit genossen. Denn zu unserem Entsetzen, bog der Wagen nicht nach links ab, wo das Schild nach Halberstadt wies, sondern brauste mit fast unverminderter Geschwindig­keit in die Rechtskurve. Wir brauchten nicht allzu lange nachgrübeln, wohin die Fahrt uns führen würde. Rechts freies Feld, links freies Feld. Doch nur wenige hundert Meter wuchs in dieser Landschaft ein Gebäudekomplex heraus. Umgeben von einer grün gestriche­nen Mauer. Durch das weit geöffnete Tor brauste der Wagen auf den Hof. Hatten wir ein „Glück“! Unser freundlicher Fahrer brachte gerade das Mittagessen aus irgendeiner Groß­küche zu seinen Kol­legen von der Grenzpolizei. Soweit konnte diese also gar nicht mehr entfernt sein. Das nützte uns aber herzlich wenig. Für uns war die Grenze wieder einmal unerreichbar geworden. Natürlich beka­men wir von den Bullen kein Mittagessen ab. Das mussten wir unter hämischem Grinsen der Anderen im Heim einnehmen. Mahlzeit! Durch diesen Vorfall gewarnt kamen wir nicht wieder in unseren alten Schlafsaal. Man hatte hier vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit anderen Aspiranten gemacht. Für solche Kunden hatte man sogar ein „Zimmer“ mit schwedi­schen Gardinen[2]. Durch das Hinein­zwängen von vier Betten wurde es ziemlich eng. Für uns aber sehr gemütlich. Außer dass sich mehrere Herren die Zähne mit ihren Fragen an uns aus­bissen und wir ein Spielemagazin zu Verfügung hatten, gab es kaum Abwechslung. Wir waren selbst sehr gespannt darauf, wann man endlich dahinter kommen würde, wohin wir gehörten. Unter den Bullen, die uns bisher vergeblich in dieser Beziehung vernommen hatten, musste doch ein etwas helleres Köpfchen dabei gewesen sein. Zwei von uns sächselten aber zu sehr, als dass das nicht auffallen konnte. Man hatte anscheinend ganz richtig in diese Rich­tung recherchiert. Nach ca. drei Wochen kam einer der Herren uns im Tages­raum triumphie­rend entgegen, als hätte er eine Glanztat voll­bracht, dabei war es nur reine Routinearbeit gewe­sen, und verkündete mit vor Stolz geschwell­ter Brust, dass man nun wisse, woher wir ‚Früchtchen’ (also doch ein Standardsatz, der bei der Polizeischule gelehrt wurde) kämen. Eine komplette Namensliste mit Heim und Heimanschrift las er uns vor. Na bitte, dann konnte unsere Rückreise ja beginnen! Mehr als von meinem Onkel, dass wir auf den Weg nach „Drüben“ waren, konnten sie in ihren Akten nicht vermerken. Waren die vielleicht blöd!? Nach einer weiteren Wartezeit von zwei Tagen hatte man endlich eine Tante vom Jugendamt aufgetrieben, die uns zurück nach Dönschten bringen sollte. Die Trapo[3] in Leipzig sei auch schon informiert teilte sie uns mit. Dort würden wir bis zum Weitertransport unsere Zeit über­brücken. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Von denen hatte ich schon längst die Schnauze gestrichen voll.[4]

Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen

Ich hatte schon gar keine Lust mehr, überhaupt so weit mitzufahren. Auch diese Dame hatte einen Vierkantschlüssel, womit sie Zugabteiltüren öffnen und schließen konnte, ganz nach Belieben. Sobald einer von uns musste, bemühte sie den Schaffner, der uns bis an die bewusste Tür begleiten musste. Ich hatte sehr bald bemerkt, dass die Dame aus einer besseren Familie stammen musste. Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen und bekam einen puterroten Kopf. Das reizte mich dazu, mit den anderen Jungs ein wirklich schlüpfriges Gespräch zu beginnen. Die schliefen ja auch nicht auf einem Baum. In ihrer Stimme lag überhaupt keine Autorität, als sie uns aufforderte, solch schmutzige Worte zu unterlassen. Besonders reißfest waren ihre Nerven nicht gerade. An ihrem Verhalten merkten wir Schlingel, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie wusste, je länger es dauerte schon gar nicht mehr, wohin sie in ihrer Verlegenheit noch schauen sollte.

Mit fahrigen Bewegungen zupfte sie an ihrem Rock herum und hielt dabei die ganze Zeit den Vierkantschlüssel, das Objekt unserer Begierde, – nicht ihr Körper, wie sie zu glauben schien – zwischen ihren Fingern fest. Irgendetwas musste geschehen. Wir näherten uns Leipzig mit D-Zug-Geschwindigkeit. Draußen lief der Schaffner vorbei und verkündete den nächsten Zug­halt. Ich glaube, will es aber nicht beschwören, es war Schkeuditz[5]. Unsere Begleitdame, so sehr sie sich auch unserer Gegenwart schämte, schien nicht bereit zu sein, uns aus dem Abteil zu werfen. Etwas nachhelfen mussten wir schon noch. Während Peter einen besonders schmut­zigen Witz erzählte, den ich sogar behalten habe, hier aber nicht wiedergeben kann, lauschten sie meinem leisen Vorschlag, den ich ihnen zu machen hatte, um aus diesem Abteil und rechtzeitig in Schkeuditz (?) aus dem Zug zu kommen. Das sei ein tolles Stück, fanden sie. Ich auch. Aber nur am Tage war ich Narr. Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen, war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? Alles, was ich an Männlichkeit zu bieten hatte, holte ich, mich direkt vor die Dame aufbauend, aus meiner Hose. Meine Güte, machte die ein Wesen daraus. Wie nur würde sie reagieren, wenn ihr mal was Richtiges unter die Augen kam und nicht nur so ein kleiner Zipfel, wie ich ihn zu bieten hatte. Sie hätte ja rein­beißen können, dann hätte sie ihre Ruhe vor mir gehabt. Dicht genug stand ich ja vor ihr. Aber nein, sie fuchtelte wild mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum und strampelte mit ihren Füßen. Warum nicht gleich so? Der Schlüssel flog ihr aus der Hand, einer der Jungen fing ihn geschickt auf, öffnete die Schiebetüre. Ich musste nur noch den kleinen Zipfel weg­stecken und mich den anderen anschließen. Wegstecken musste ich ihn schon, soviel Zeit musste sein. Ich wollte mich ja schließlich nicht zum Gespött der Leute machen, die uns im Zug begeg­neten. Ach ja, ich hatte mir auch noch die Zeit dazu genommen, die Abteiltür von außen zu verriegeln. Auch das musste sein, weil gerade jetzt der Zug seine Geschwindig­keit zu ver­mindern begann. Wir kamen unbehelligt aus dem Zug und von ihm weg. Nicht dass wir uns auf direktem Wege auf Leipzig zu bewegten. Oh nein! So leicht wollten wir es den Bullen nun doch nicht machen! Für die restlichen ca. 20 km ließen wir uns zwei Tage Zeit und mach­ten dabei eine Menge Lauben unsicher. Um uns zu ernähren, hatten wir ja unsere Notgroschen noch in der Hose. Das Geld konnte ja nicht ewig reichen. Deshalb verblödete ich mich nicht, in Leipzig wieder für Nachschub zu sorgen. Für dubiose Diebstähle, wie vorgeschlagen wurde, hatte ich nicht viel übrig. Ich war in diesem Metier nicht sehr bewandert und es schien auch nicht kalkulierbar genug, die Beute, die man dabei machte. Wir brauchten Bargeld und nicht irgendwelchen Tand, der erst noch verhökert werden musste. Solange wir uns nicht gerade alle auf einem Haufen aufhielten, und somit unnötig auffallen mussten, sah ich kaum Gefahr darin, erwischt zu werden. Ich fand in der Höhle des Löwen seien wir am besten geschützt. Deshalb hielten wir uns auch ganz kackfrech auf dem Hauptbahnhof in Leipzig auf. Leipzig sollte angeblich der größte Sackbahnhof Europas sein (?). Wie dem auch sei, ich wusste jedenfalls, dass jeder Zug, der hier eintraf, immer auch russische Offiziere ausspuckte. Aus allen Richtungen der DDR kamen sie hier an. Viele davon kamen hauptsächlich nur des­halb hierher, weil sie vor ihrem Heimaturlaub noch schnell ein paar Dinge einkaufen wollten, um ihren Frauen, Müttern und sonstigen Lieblingen etwas Besonderes mitzubringen. Nähere Einzelheiten über mein „Geschäft“ werden an anderer Stelle eingehender behandelt, ohne das ich deswegen Geheimnisse preisgebe, die nicht schon längst überholt wären. An guten Tagen, wenn ich nur intensiv genug arbeitete, vorausgesetzt, es war genügend Soore[6] auf dem Markt, konnte ich mit Leichtigkeit an so einem Tag mehr verdienen, als der Monatslohn eines Bullen ausmachte.

Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

An den nächsten Tagen lief alles wie geschmiert. Übermütig geworden, nicht ich, aasten die Bengels mit dem Geld herum. Wir dachten uns nicht viel dabei, als eines Abends S. nicht zu unserer Laube zum Schlafen kam. Er war wohl wieder mal bei seinem Bruder. Er stammt aus Leipzig. Unsere Alarmglocken schlugen erst an, als es bereits zu spät war. Grelles Scheinwer­fer­licht und hereinstürmende, bewaffnete Bullen (oder war es umgekehrt?) rissen uns aus dem wohlverdienten Schlaf. Den Grund unseres Entdecktwerdens sahen wir dann auf dem Polizei­revier, wohin wir gebracht wurden. Nein, nicht angetrunken, nicht betrunken, sturzbesoffen war unser lieber Mitausreißer S., den wir dort wiederfanden. Ich wunderte mich nur, wie die Bullen etwas aus diesem Suffkopp hatten herausbekommen können, vor allen die präzise Lage unserer Laube. Zu seiner Schande gestand er uns, dass er es selbst nicht mehr wüsste, wo man ihn aufgelesen, was er ihnen alles erzählt hatte. Schicksal! Das Kind war in den Brun­nen gefallen. Da half auch kein Vorwurf etwas. Mit Hallo und der obligatorischen Ver­haue wur­den wir wieder in Dönschten empfangen.

Peter und ich passten uns danach wieder dem Heimleben an, bemühten uns die Dinge für den kommenden Weihnachtsmarkt fertig zu machen. Ich war glücklich Monika, wieder zu sehen und schmachtete zu ihrem Fenster hinauf.

Nur zwei aus unserer 27er Kindergruppe durften über Weihnachten nach Hause fahren. Wir restlichen verbliebenen erlebten ein ziemlich trost­loses Weihnachtsfest. Briefe von zu Hause wurden so oft gelesen, bis sie von den Tränen sich aufzulösen begannen. Natürlich sah das niemand. Ausheulen tat man sich nicht vor den Augen anderer. Selten dass man solch einen Intimfreund hatte, dem man auch seine wahren Gefühle anvertrauen konnte. Es war schon ein Kreuz mit den Gefühlen. Zur Härte erzogen, sich gegen jeden und alles stellend, um sich einigermaßen durchsetzen zu können, waren wir doch alle nur kleine Jungs, die sich viel lieber mal an die Mutterbrust gekuschelt hätten, als den starken „Mann“ vorzukehren. Ob einer Rücksicht auf die Gefühle anderer genommen hätte? Nicht einmal Kinder untereinander akzeptierten die Gefühle des anderen. Gefühle wur­den als Schwäche ausgelegt. Schwäche erbarmungslos ausgenutzt. Solange man sich nicht selbst bei einer Gefühlsduselei erwischen ließ. Nach außen hin ließ man sich eher auseinan­der­reißen als Gefühle zu zeigen. Zusammenbrechende Herzen ließen keine Geräusche nach außen dringen. Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

Tja, man muss manchmal im Kreis laufen, um auf den richtigen Weg zu gelangen. Ich habe begonnen mein Leben zu beschreiben an einer Stelle, die viele Fragen offen lässt, wie es zu diesem Leben überhaupt kommen konnte. Ich habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Wie mich meine Erinnerungen eingeholt haben, so habe ich es angefangen niederzuschreiben. Bewusst auf meine Vergangenheit gelenkt gaben dann in der Folgezeit die Hirnzellen noch viele Erinnerungen preis. Nebelschleier hoben sich, gaben längst vergessen Geglaubtes wie­der frei. Manche gravierende Vorfälle wurden hinter diesem Vorhang deutlich sichtbar, andere nur verschwommen. Um das Bild aber abzurunden, so finde ich, muß der Hintergrund noch weiter aufgehellt werden. Wenn ich so daran zurück denke wie meine Jungs groß gewor­­den sind, glaube ich schon, dass meine Kindheit etwas Besonderes war. Diese aufzuzeigen, ob das etwas bringt? In dem Sinne, dass es Menschen zur Besinnung bringt, und davon über­zeugt, wie sinnlos Kriege sein können, MÜSSEN! Bevor ich schildere, wie es mir dann doch gelungen ist in den „goldenen Westen“ zu flüchten, was mich dort erwartete, möchte ich doch zuerst noch mehr von mir berichten.

Vater, du Arsch hast nur vom Krieg und den Puffs geschwärmt.

Zu dem Zeitpunkt, als ich gebohrt [sic![7]] wurde, hatte Großdeutschland schon damit begon­nen, sein Tausendjähriges Reich wieder zu zerstören. Meiner Rechnung nach muss das im April 1940 geschehen sein. Mir ist nicht bekannt (solch ein gutes Verhältnis konnte ich zu meinem Vater nie aufbauen), ob ihn seine Beschäftigung zum Zeitpunkt meiner Geburt – 27.01.41 – ebenso viel Freude bereitet hat, wie die, als ich von ihm gebohrt wurde. Das Wenige, was ich in der Folgezeit über meinen Vater erfuhr, war, dass er in seinem Beruf keine Perspektive mehr sah. Er war Schweitzer von Beruf[8], wie er seine Kuhbauerntätigkeit zu beschönigen versuchte. In Deutschland scheint dieser Berufsstand ausgestorben zu sein, sofern es ihn überhaupt mal gab. Tatsache ist, dass er auf einem großen Rittergut (wir waren aber keine Rittersgutbesitzer, wie sich viele geflüchtete Ostpreußen damit schmückten, als der Zusammenbruch perfekt war und sie, ohne dass es groß nachgeprüft werden konnte, sich als solche ausgaben) haufenweise Kühe gemolken hat, auch etwas von der Behandlung kranker Kühe verstand und Milch zu Butter verarbeiten konnte. Kuh-Schäfer, würde ich sagen, wäre der richtige Ausdruck für seine Beschäftigung gewesen. Für seine Tätigkeit, und dafür, dass der Rest der Familie im Laufe des Jahres bestimmte Tage des Jahres dem Junker seine Felder zu bestellen hatte, Kinder nicht ausgenommen, dafür durften sie im Winter ja auch zur Schule gehen, bekam er eine Behau­sung gestellt und ein paar Morgen Land[9] zur eigenen Nutzung. Kötter[10], nannte man wohl solche billigen Arbeitskräfte. Wie dem auch sei, ich habe eine sehr, sehr schwache Erinnerung daran, dass mein Vater mal als Weihnachtsmann verkleidet bei uns zu Besuch war. Es kann sich dabei nur um das Weihnachtsfest 1942 oder 1943 gehan­delt haben. Mein größerer Bruder bekam einen Panzer geschenkt. Aufgezogen rasselte er durch die Wohnstube und aus seinem Rohr vorne kamen kleine Blitze. Richtig stilgerecht zu dama­liger Zeit. Was ich erhielt, dass entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Fasziniert hat mich eben nur der Panzer. Ich weiß nur noch, dass ich mehr schlecht als recht das Weih­nachts­gedicht „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich bitte nicht…..“ aufsagte und mei­nen eigenen Vater dabei nicht unter seiner Maske und Verkleidung erkannte. Ich kannte ja noch nicht einmal seine Stimme. Die hörten wohl mehr seine Untergebenen, die er an seiner Flak befehligte. Mein Vater hatte rechtzeitig erkannt, dass es doch besser sei, sich dem Her­ren­menschentum anzuschließen und auch dabei helfen, den Krieg zu gewinnen, damit auch er, der Kuhjunge, ein Stück vom Braten abbekam. Nur verdiente Helden sollten damit belohnt werden, einmal über andere Menschen zu herrschen. Armer alter Narr. Gegen Kriegsende hast du dir einen Bauchschuss eingehandelt. Du hattest Glück im Unglück. Du kamst in amerika­nische Gefangenschaft und nicht in russische, was wohl Sibirien bedeutet hätte. Ich habe später viele von daher wiederkehren sehen. Denen ging es gar nicht so gut, wie dir, als ich dich nur wenige Jahre später vorfand. Aber ich will nicht vorgreifen. Zunächst ging es uns ja auch ganz gut. Obwohl kein Vater im Haus war, brauchte Mutter keine Hand zu krümmen, um das Land und den Stall zu bewirtschaften. Dafür bekamen wir polnische Kriegsgefan­gene.[11] Du, Vater, hast meiner Mutter zum Vorwurf gemacht, anscheinend nur, um deine eigenen Unzulänglichkeiten zu verdecken, sie hätte sich mit diesen Plenjis ins Heu gelegt. Du Arsch hast gar nicht gemerkt, wenn du bei den wenigen Gelegenheiten, die wir miteinander verbrachten, vom Krieg und den Puffs schwärmtest, dass du dich doch selbst widersprochen hast. Dir kann ich den Segen nicht geben, den ein Toter sonst von seinen Kindern bekommt. Später, Vater, werde ich noch mehr mit dir ins Gericht gehen müssen!

Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten.

Bilder aus der Zeit, die nur an mir vorüber huschen, die ich versuche einzufangen, um sie naturgetreu wiedergeben zu können, kommen auf mich, desto mehr ich in meiner Vergan­genheit grabe. Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten. Nicht, dass sie dafür eine besondere Begabung gehabt hätte oder eine Zirkusnummer einstudieren wollte. Eines dieser Mistviecher war aus dem Stall ausgebüchst und trieb sich im Obstgarten herum. Das Fallobst war viel zu kostbar, so fand es wohl meine Mutter, als dass es von Schweinen aufgefressen werden sollte. Sie jagte das Schwein aus dem Obstgarten. Versuchte es zumindest. In seiner eigenen Panik lief das Vieh meiner Mutter genau zwischen die Beine. Die Beine meiner Mutter waren nicht gerade die längsten. So kam es, dass sie das Schwein, oder das Schwein meine Mutter, durch den Obstgarten ritt. Nichts Weltbewegendes, werden Sie jetzt sagen. Für mich schon! Das sind nur ganz wenige Augenblicke meiner Kindheit, der ich mich erfreuen konnte. Alles was danach kam, war nur noch Stress und Kampf ums Überleben. Wofür eigentlich?

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Halberstadt

[2] Falls der Begriff inzwischen veraltet sein sollte: Gemeint sind Gitter vor dem Fenster. Schweden war als bedeu­tender Eisenexporteur bekannt.

[3] Die Transportpolizei (Trapo) war die Bahnpolizei der Deutschen Demokratischen Republik. https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[4] Schulz: Das Warum erfahren sie in einem der nächsten Kapitel.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Schkeuditz

[6] Sore steht für ein Wort der deutschen Gaunersprache für (Hehler-)Ware, Diebesgut oder Beute, das aus Jiddisch sechoro „Ware“ entlehnt ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Sore

[7] Kein Druckfehler. Schulz meint damit den Geschlechtsverkehr, der zur Zeugung führt..

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_(Beruf)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Morgen_(Einheit) https://www.aid.de/forum/index.php/forum/showExpMessage/id/47131/page1/3/searchstring/+/forumId/3

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6tter

[11] Der dürfte so ausgesehen haben:                             panzer                     Quelle: NSDAP, Weihnachten, „Kinder malen“, S. 9a

[12] http://www.expolis.de/schlesien/texte/maas.html

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, Von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/           PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/              PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!   https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                           PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: 15 spurensuche

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                                  PDF: 16 Was also blieb uns übrig

 Wie geht es weiter?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

             die keine Kindheit war

 

 

 

Fünfzehntes Kapitel

Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Weißwasser. Viel hatte sich an und in diesem Haus nicht verändert, musste ich 1990 im Juli feststellen. Nur viel vergammelter und verfallener war alles. Die Kinder etwas jünger gewor­den. Alles bot einen traurigen Anblick. Traurig waren auch die derzeitigen Erzieher in dem Haus. Sie wussten nicht, wie es nach der Wende weitergehen sollte. Ich bemühte mich dann, weil ich es versprochen hatte, wieder zu Hause angekommen, eine Partnerschaft für das Heim herzustellen. Nach vielen Telefonaten hatte ich dann auch die Stadt Neuß dafür gewonnen, diesem Heim mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen. Warum ich das tat? Was konnten denn die Kinder dafür? Warum ich wieder in Weißwasser auftauchte? Vielleicht suchte ich nachträglich immer noch meine Kindheit zu finden? Ich war überall dort, wo ich längere Zeit meiner Kindheit verbracht hatte. Meine letzte Station war Dönschten, genauso wie Dönschten auch meine letzte Heim-Stätte gewesen war, bevor mir die Flucht in den Westen gelang. Was ich 1990 in Dönschten vorfand, habe ich ja schon kurz geschildert. Zuerst durchfuhren wir Dönschten im Schritttempo. Zu dieser Zeit fiel ein Auto auch in Dönschten nicht mehr auf. Schnell konnte ich feststellen, dass das Heim, bis auf ein Gebäude von sechsen, gar nicht mehr in der Form existierte. Ich selbst hatte gleich am Ortseingang in Haus 1 fast ein ganzes Jahr verbracht, außer der Zeit, wo ich auf der Flucht war. Dort war nun, wie erwähnt, ein Restaurant eingerichtet. Doch schnell erfuhr ich auch, dass ausgerechnet der Heimleiter mit Frau noch in der gleichen Wohnung lebte. Gleich das Haus daneben. Diese herzliche Ein­ladung, die wir, meine Lebensgefährtin, meine Schwester und ich, 1990 erhielten, fiel ganz anders aus, als meine Begrüßung 1954. Der Heimleiter und seine Frau, die damals die Büro­arbeiten und die wirtschaftliche Seite erledigten, waren schon in den 80ern. Das Gedächtnis der Frau war bewunderungswürdig. Meinen Namen nennend erinnerte sie sich sofort an weitere Einzelheiten, die damit zusammenhingen. Sie konnte mir auf den Tag, ja sogar die Uhrzeit benennen, seitdem wir, Peter H. (ja auch er war wieder dabei!) und Klaus … sowie meine Wenigkeit vom Heim in Dönschten abgängig gemeldet wurden. Es waren alle Akten eingezogen worden. Aber die Frau hatte noch ein kleines Büchlein in ihrem Besitz. In dem Büchlein, man staune, befand sich sogar noch ein Bild von mir. Dieses Bild hat sie mir freund­licherweise und aus Dankbarkeit über den Besuch, und weil ich auch gar nicht mehr nachtragend war, überlassen. So bin ich an mein einziges Kindheitsfoto gekommen. In Weiß­wasser befand sich zwar auch noch eines, welches mich mit dem Fanfarenzug zeigte, hinter einer Glasscheibe, aber das wollte man mir partout nicht geben. Vielleicht hätte ich später, nachdem ich meine Loyalität bewiesen hatte und die Partnerschaft mit Neuss herstellte, auf mehr Verständnis stoßen können. Aber für eine nächste Reise blieb mir keine Zeit mehr. Bullen machten mir einen Strich durch die Rechnung.[1] Wie gesagt, die Begrüßung in Dönschten 1954 fiel nicht so herzlich aus, wie die 1990.

Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war.

Von Weißwasser nach Dresden. Von Dresden nach Dippoldiswalde. In Dippoldiswalde in die Bimmelbahn Richtung Zinnwald. Es war ja ganz romantisch, die Fahrt mit dieser Bahn. Ich hätte unterwegs aussteigen, Blumen pflücken und wieder zusteigen können. Natürlich wurde ich mit Argusaugen bewacht. Also machte ich erst gar nicht den Versuch. Außerdem fand ich damals schon, dass Blumen am schönsten anzusehen waren, wenn man sie in der Natur bewun­dern konnte. Es gab nur eine Ausnahme. Das freudige Aufleuchten der Augen meiner Mutter, wenn ich ihr einen Strauß schenkte, dafür frevelte ich schon mal an der Natur. In Schmiedeberg[2] wurden wir nebst meiner paar Sachen, die auf eine Handkarre geladen wurden, vom Bahnhof abgeholt. Etwa drei Kilometer Fußmarsch lagen vor uns. Diese Berge und eben dieser Wald, der hier wuchs, waren schon etwas anderes als das Flachland der Niederlausitz. Ein Fuchs schnürte über unseren Weg. Ich nahm mir vor, diesen bei passender Gelegenheit zu jagen. Aber dieser Fuchs war noch etwas schlauer als ich. Er ließ sich nie wieder in meiner Nähe blicken. Mein Begleiter zog sich mit dem Heimleiter ins Büro zurück, wo sicherlich über mich hergezogen wurde. Ich wurde als 27stes Mitglied der Gruppe vorgestellt. Mir wurde das ungeliebte Bett direkt an der Tür zugeteilt. Die einzelnen Räume und deren Funktionen wurden vorgezeigt. Einige Typen wollten mir auch gleich erklären, wo und wie es hier lang ging. Wer das Sagen hatte. Mit der Zurückhaltung eines Neulings, ließ ich deren Gequatsche über mich ergehen, nickte auch zustimmend zu allem, was sie so sagten. Die Einführung hatte schon bald ein dazu bestimmter Junge übernommen, weil der Erzieher ebenfalls im Büro erscheinen musste. Bei seiner Rückkehr sah er mich schon mit ganz anderen Augen an.

Beim Abendbrot, wir nahmen es an drei langen Tischen ein, am mittleren saß der Erzieher, am Kopfende, wo sonst? Ein anderer Junge musste seinen angestammten Platz für mich räumen. Ich konnte mir schon denken, warum. Mit der Redefreiheit wurde es hier im Gegensatz zu Weißwasser nicht so genau genommen. Dafür hatte der Erzieher, Herr K., ein anderes Faible. Wo es hier lang ging und um seine Macht zu demonstrieren, nehme ich jedenfalls an, machte ich auch recht bald mit seiner Vorliebe Bekanntschaft. Ohne dass ich es bemerkt hatte: Herr K. hatte die Angewohnheit, seine Befehle mit den Augen zu geben, schon hatte sich einer seiner „Radfahrer“ von hinten an mich herangeschlichen, mein Handgelenk gepackt, den Arm kurz angehoben und mir somit den Ellenbogen auf die Tischkante gestoßen. Waau! Das war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen genommen. Herrn K.’s Methode, seinen Kindern abzugewöhnen, mehr als nur das Handgelenk auf den Tisch zu legen. Beim Essen zumindest! Danke mochte ich für die freundliche Erziehungsbeihilfe nicht sagen, dafür ließ ich bei passender Gelegenheit im Wald einen starken Zweig unverhofft zurückschnellen, als sich der Spezi dicht hinter mir befand. Ich glaube, dass er immer noch eine interessante Narbe auf der Wange hat. Er könnte sie ja so erklären, dass er in seiner Studentenzeit einer schlagenden Verbindung angehört hätte. Als er mich nach der ärztlichen Behandlung bezichtigte, dies mit Absicht getan zu haben, habe ich ihn vom Geländer in den damals noch vorhandenen und fließenden eiskalten Bach geschubst. So, jetzt konnte er seinem Mentor ruhig erzählen, dass ich etwas mit Absicht getan hätte. Bloß, er fand keinen Zeugen dafür.

Inzwischen hatte ich schon Einige auf meiner Seite. Das kam daher, dass in der heimeigenen Schule alle sechs Häuser zusammenkamen. Auf die anderen Häuser verteilt waren wiederum einige ehemalige Waldheim-Kameraden aus guten alten Zeiten. Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war. Eigenartig, dass in der Welt, auch bei den Kindern, die Gewalt am meisten akzeptiert wird. Ansonsten könnten die Erwachsenen ja auch kaum Macht über sie ausüben. Militär und Justiz übernehmen wiederum das Machtmonopol den Erwachse­nen gegenüber ein. Tja, so ist die Welt, in der wir nun mal leben müssen! Müssen?

Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht.

Ich war nie suizidgefährdet, glaube ich zumindest. Ein Junge unserer Gruppe, der eher als Mädchen durchgegangen wäre mit seinen femininen Gesichtszügen, war es aber im höchsten Maße. Nur, es merkte keiner. Noch nicht einmal die dafür zuständigen Erzieher. Bei den wenigen Versuchen es den Erziehern beizubringen, was ihn bedrückte, wurde er abgewiesen. So etwas gab es nicht. Hatte es einfach nicht zu geben! In Dresden hatte ich ja die gleiche Erfahrung in dieser Beziehung machen müssen. Weiß der Himmel, wo der Bengel die Schlaf­tabletten her hatte, aber als man sie bei ihm fand, da war es bereits zu spät. Ich dachte von Schlaftabletten schläft man ganz fest? Der Bengel musste sie wohl im Baderaum geschluckt haben und sich danach in Bett gelegt haben, wie immer. Da er aber etwa 30 Minuten später die restlichen 16 Jungen im Schlafsaal damit aufweckte, als er sich wie wild im Bett herum­warf, konnte keiner ahnen, dass er das Betäubungsmittel eingenommen hatte. Wir dachten schon, dass er genau so ein Epileptiker war, wie wir einen im anderen Schlafsaal hatten. Der herbeigerufene Erzieher, der direkt über unserem Schlafsaal sein Zimmer hatte, meinte des­halb auch nur, nachtschlafend mürrisch, „Ach der, der soll sich nur nicht so anstellen. Viel­leicht täte ihm eine kalte Dusche ganz gut!“ Damit begab er sich wieder in seine Furzmolle. Am nächsten Morgen wollte der Junge überhaupt nicht aufstehen und am Frühstück teil­neh­men. Wutentbrannt riss der Erzieher und Vorturner dem Jungen die Bettdecke, die er sich über den Kopf gezogen hatte, weg. In der Bettdecke blieben aber die Zähne des Jungen haften und sein Kopf wurde mit der Bettdecke hochgerissen. Da erst dämmerte es dem Erzieher und uns, die wir wie neugierig in der Türe standen, was wirklich los war. Sein Gesicht, das des Erziehers, das des Jungen war es bereits, nahm die Farbe des Bettlakens an. Frühsport fiel aus. Frühstück gab es verspätet. Die Schule fiel ganz aus. Es waren doch tatsächlich ein paar neu­gierige Zivilisten gekommen, die von UNS wissen wollten, was geschehen war!? Ja, was war geschehen? Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht, das war sicher. Doch wer genau, das erfuhr auch die schlaue Polizei nicht. Ohne genaue Angaben, die sie nur noch zu notieren brauchten, den Täter festnehmen und die Lorbeeren einheimsen, lief gar nichts. Nicht umsonst hat die Sendung XY[3] sich solange auf dem Bildschirm behaupten können. Der Polizei muss unter die Arme gegriffen werden, damit sie auf die Beine, sprich auf den Täter kommt. Die mögen zwar jedweden Mist auf der Polizeischule lernen, logisch denken auf keinen Fall. Entweder man hat’s, oder hat’s nicht. Ohne Mithilfe der Bevölkerung sind sie machtlos wie ein Schnullerbaby. Wir alle wussten auch nichts Genaues. Die Bengels hatten es natürlich nicht an die große Glocke gehängt. In Frage, das war uns allen klar, kamen eigentlich nur unsere „Spritzer“. Die etwas größeren, älteren, die durch Sitzenbleiben immer noch die 7. Klasse durchliefen. Auf diese Idee, die Verursacher des Selbstmordes in diesem relativ kleinen Kreis zu suchen, kamen diese geistigen Tiefflieger von Bullen nicht. „Also tschüß dann, und haltet immer schön die Augen offen!“ Wir, wir Kinder sollten uns deren Augen verderben?

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen

Verdorben wurden wir ja schon von den Erziehern genug. Die Parole: Wer beim Onanieren erwischt wird, bekommt Kollektivkeile!, trug manchmal sogar Früchte. Jeder tat es. Ließ er sich aber dabei erwischen, schrie mit Sicherheit einer der „Radfahrer“ Zeter und Mordio. Es fanden sich dann immer welche, die mit Gürteln und dem bereits bekannten „Ochsen­schwanz“ auf dieses arme Würstchen eindroschen. Der so Verdroschene revanchierte sich dann postwendend bei nächster Gelegenheit mit vermehrter Wut. Wenn die Erzieher zu etwas Pfui sagten und dafür die Jagd freigaben, fanden sich immer welche, die Pluspunkte sam­meln wollten. Durch vieles Petzen und Arschkriechen glaubten sie, Lobenswertes in ihren Akten vermerkt zu bekommen, was eine baldige Rückkehr in den Schoß der Familie bedeu­tete. Ohne Rücksicht auf Verluste. Von solchen Typen lebte der sozialistische Staat DDR. Die Aufarbeitung der Ex-DDR Geschichte beweist dies wohl am besten. Nicht dass ich dem Erzie­her oder gar der Polizei die Arbeit abnehmen wollte, um somit diesem System zu dienen; ich setzte alles daran einem der Verdächtigen auf die Schliche zu kommen. Ich fand nur, dass die Schuldigen einfach zu wenig, bzw. keine Reue zeigten. Zumindest hatten sie eine kleine Aufmische nötig. Um wenigstens ein paar überzeugte Helfer auf meiner Seite zu haben, musste ich zu einer List greifen. Ich wusste ja schon längst, dass ER einen viel größeren als ich hatte. Er zeigte IHN mir ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Glaubte dieses Arschloch etwa, dass er mich damit hinter dem Ofen hervor locken konnte? Davon dem Erzieher über­haupt Mitteilung zu machen, widerstrebte mir aus vorgenannten Gründen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, pflegte meine Mutter oft zu sagen. Ich hatte mir diese Devise eingeprägt. Wie jeder andere, so half auch ich mir selbst. Aber nicht mehr so vorsichtig, wie es eigentlich gebo­ten schien. Ganz bewusst benutzte ich ein paar Tage lang mein Bettlaken und kein Taschentuch. Oh ja, Betten bauen hatte ich gelernt. Da ohnehin alle gleich akkurat auszusehen hatten, fiel es dem Betroffenen auch gar nicht weiter auf, dass er sich eines Abends auf meinem präparierten Laken zu Ruhe legte. Jeder hatte sich seine eigene Atemtechnik zurechtgelegt, sofern er das vor dem Einschlafen betrieb, was eigentlich gesundheitsschädlich sein sollte. Seine Atemtechnik hatte ich bald raus. Ich hatte inzwischen auch das Bett getauscht. Von der Türe weg, in das, welches der „Abgänger“ freigemacht hatte. So lag ich nun direkt neben meiner Zielperson, die ich zu observieren hatte. Um auch ganz sicher zu sein, dass er auch „mit was in der Hand “ erwischt wurde, ließ ich ihn eine Weile gewähren. Er hätte es wohl am liebsten gehabt, wenn ich dies für ihn erledigte. Nach wenigen Abenden schon gab er sich keine allzu große Mühe mehr es vor mir zu verbergen, wenn er es mit sich selbst trieb. Er glaubte wohl, weil ich so klein und mickrig auf der Brust war, könnte ich einen Beschützer gebrauchen. Durch die Blume hatte er es mir ja schon angeboten. Ich ließ ihn aber links lie­gen. Auf der linken Seite lag er nun an diesem bewussten Spätabend und hatte sein Gesicht zu mir gedreht. So urplötzlich, wie ich losschrie, dass die meisten Schlafgenossen beinahe aus den Betten fielen, so schnell bekam der Bursche vor Schreck gar nicht seine Hand von seiner Stromleitung. Ich hoch, Bettdecke zur Seite reißen und mit dem Finger auf seine Erektion wei­send war alles eins. Ein gehorsamer Schüler unseres Erziehers wusste nun sofort, was seine Pflicht war. Gegen die Masse, die auf ihn einstürmte, hatte der Bengel nichts einzusetzen. Ich machte die Jungs auch noch so richtig schön scharf auf ihn, indem ich auf das Bettlaken wies, wo ja noch mehr Beweise vorlagen. Durch den Lärm geweckt kam dann auch der eigentliche Anstifter solcher nächtlichen Ruhestörungen in den Schlafsaal. Einer seiner Lieblinge war in flagranti erwischt worden, das Bettlaken erbrachte den eindeutigen Beweis. Er konnte und wollte einem seiner besten „Radfahrer“ nicht beistehen. Da gerade dieser Bursche sich jedes Mal besonders hervor getan hatte, wenn es darum ging, andere ertappte Sünder zu züchtigen, fielen seine eigenen Prügel besonders schön aus. Aus meiner Sicht gesehen. Von einem längeren Krankenhausaufenthalt kam er nicht wieder in dieses Heim zurück. Vorn am Eingang unseres Hauses war ein Schild angebracht, darauf stand: Kinderheim für schwererziehbare Kinder, Haus 1. Ich glaube kaum, dass die Behörden ihn nach Hause geschickt haben in der Meinung, dass diese Prügel ihn hinreichend erzogen hätten. Schade! Ich hätte mich gerne noch weiter mit seiner Erziehung beschäftigt. Ja, so grausam können Kinder untereinander sein.

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen. Das waren ja der Kinder Vorbilder. Woher sollten sie für ihren weiteren Lebensweg sonst ihr Rüstzeug erhalten?[4] Für den zweiten, den wir im Verdacht hatten, der aber im anderen Schlafsaal lag, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Man konnte mir einige Schlechtigkeiten nachsagen, aber nicht, dass ich kein Kämpferherz hätte. Der zweite Aspirant hatte doch tatsächlich den Nerv, obwohl er sich seiner Größe und Stärke vollkommen bewusst war, mich Wurzelzwerg an einem der Schlechtwettertage, an denen wir dann im Haus Tischtennis oder andere Spiele, sowie auch Ringen veranstalteten, zu einem Ringkampf herauszufordern. Er mochte mich anscheinend nicht besonders, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, weil ich einfach nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte. Endlich, so glaubte er, wollte er mir mal vor versammelter Mannschaft zeigen, wie stark er war und mich demütigen. Mit Verwunderung hörten die anderen, dass ich seine Herausforderung annahm. Ich hatte nicht nur in meinem Schwager einen guten Lehr­meister gehabt, was das Lernen von Tricks beim Nahkampf anging, sondern auch meine Freunde, die russischen Soldaten, hatten mir einiges gezeigt. Was viel später erst durch die Filmindustrie allgemein zugänglich gemacht wurde, das wurde bei jeder guten Soldaten­aus­bildung schon längst praktiziert. Wenn man sich nicht unbedingt an die olympischen Regeln hielt, konnte man den stärksten Mann aufs Kreuz legen. ICH nahm mir vor, IHN zu demüti­gen. Immer das Gleiche. Meistens hielten die Jungs es schon für einen Ringkampf, Kampf überhaupt, wenn sie sich nur kräftig genug an den Klamotten zerrten. Davon gab es doch zu jener Zeit wirklich nicht in Hülle und Fülle. Gab es nichts an den Klamotten zu zerren, wie in unserem Fall, weil wir nur Turnzeug anhatten, versuchte man es mit dem Schwitzkasten. Das kennen wir ja schon. Ich erdreistete mich ihm in die Weichteile zu fassen, was er bei dieser Gelegenheit anscheinend gar nicht als sehr angenehm empfand. Oder hatte ich einfach nur nicht zärtlich genug zugegriffen? Er verzichtete zunächst einmal auf den Schwitzkasten. Mich wild anstierend kam er mit Armen, die wie Dreschflegel in der Gegend rumfuchtelten, auf mich zu. Einer der Russen hatte mir mal ganz plastisch vorgeführt, wie die menschliche Hand beschaffen war. Durch ihn wurde mir erst bewusst, dass der Mittelfinger immer weiter heraus­ragte, als die übrigen. Wenn man die Hand also mit etwas Anstrengung ganz ausstreckte, ein einigermaßen gutes Augenmaß hatte (hatte ich beim Schießen bewiesen), und diesen Mittelfinger mit der übrigen Hand dran, versteht sich, blitzschnell dem Gegner auf den Solarplexus (den Ausdruck habe ich nicht von den Russen, der soll nur meine Weiterbildung anzeigen) platziert, dann haut es den stärksten Mann um. Wovon ich mich in diesem Falle überzeugen konnte. Ich hatte mich ganz genau an die Anweisungen gehalten. So bekam kaum einer mit, wie ich dieses Großmaul auf die Matte geschickt hatte. Besorgt tuend beugte ich mich zu ihm herunter. Es war ihm vorläufig nicht möglich ein Wort herauszubringen, zuhören, dass wusste ich, konnte er aber. „Paß auf mein Freund, ich habe gehört, du sollst nachts schnarchen und mit offenem Mund schlafen. Wenn du mich auch nur noch mal schief anguckst, werde ich eines Nachts kommen und dir ins offene Maul scheißen! Ist dir das ver­ständlich genug?“ Um ihn von meiner Fähigkeit zur Brutalität dieser Art zu überzeugen, drückte ich dem Burschen zwei meiner Finger auf seine beiden Augenlider und drückte nur ein ganz wenig zu. Von da an brauchte er bei mir seine Kraft nicht mehr unter Beweis stellen. Kraft haben und sie auch richtig einsetzen, dass sind zwei verschiedene Schuhe. Nur einmal noch versuchte er seine Scharte bei mir auszuwetzen. Als ich Anfang Februar mit Peter H. von unserer Flucht zurückkehrte und er dabei war, als die Meute auf uns losgelassen werden sollte. Er sah darin wohl seine Chance, sich für seine Niederlage rächen zu können. Er war einer von denen, die dann dafür auch das Stuhlbein küssen durften. Für den Rest meiner dortigen Anwesenheit (August) hatte er dann wirklich seine Lektion gelernt.

„Was glaubst du, was es uns kostet, dich immer wieder einzufangen?“

Von der Heimleitung her war für die Heimkinder Beschäftigungstherapie angesagt. Es begann damit, dass nach dem Mittagessen nur Schulaufgaben, von denen es immer reichlich gab, gemacht wurden. Ein Tintenklecks oder gar liederlich geschrieben bedeutete alles noch einmal von vorne. Jede Matheaufgabe wurde nachgerechnet. Man kam erst gar nicht dazu, falsche Hausaufgaben überhaupt in der Schule vorzuzeigen. Die Schüler, die in einem Fach besonders gut waren, waren verpflichtet, den schwächeren zu helfen. Der Erzieher saß vorne an der Tür und ließ nichts durchgehen, was nicht seine Billigung fand. Gehen durfte nur der, der auch seine Aufgaben zu dessen Zufriedenheit gemacht hatte. Die Freizeit hing also im Wesentlichen von den schulischen Leistungen ab. Die Schule selbst hatte sich anscheinend ein Soll gesetzt. Jeder Lehrer gab in seinem Fach eine gewisse Anzahl von Nachhilfestunden für diejenigen, die nicht alles restlos begriffen hatten. Somit schaffte es auch keiner in dieser Heimschule sitzen zu bleiben.

Dann gab es von der Heimseite her noch die Altpapier-, Altglas- und Buntmetall-Sammelaktionen. Alles für die Gemeinschaftskasse. Wie es aussah finanzierte sich das Heim fast selbst damit. Schon kurz nach meiner Ankunft in Dönschten wurde damit begonnen für den weihnachtlichen „Striezelmarkt[5]“ in Dresden zu produzieren. Von Krippenspielen, die mit Kerzenlicht angetrieben wurden, über Laubsägearbeiten und Hirsch- und Rehgeweihen, deren Rosetten zu Zierknöpfen oder ganze Stücke zu Messer­griffen und ähnlichem verarbeitet wurden, reichte die Palette, die wir anfertigten. Die aber auch reißenden Absatz in Dresden fanden. Es kam nichts davon zurück. Das Weihnachtsfest, bzw. die Feier fiel dagegen recht dürftig aus. Ich habe auch nicht einmal drei Mark Taschen­geld erhalten, die mir zugestanden hätten. „Was glaubst du, was uns das Einfangen immer kostet, wenn du mal auf Reisen gehst? Willst du das alles bezahlen?“ hielt man dagegen, als ich mal danach fragte. Na, wenn das so war, dachte ich schon im Oktober 1954 dran, dann würde es aber wieder mal höchste Zeit, dass ich auf Reisen ging. G. und M. hatten so etwas schon vermutet, dass ich mit der alten Tour weitermachen würde. Sie hatten mich sogar danach gefragt, und ich hatte ebenso ehrlich geantwortet, dass es mich nicht lange an einem Ort mehr halten würde. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich bei ihnen in Leipzig jederzeit einen Anlaufpunkt hätte, und gaben mir sogar 50 Mark Reisegeld. Mit dem, was ich noch von den Russen aus Weißwasser hatte, kamen über 100 Mark zusammen. Ich hatte aber keines­wegs vor, das Polizistenpaar in Gewissenskonflikte mit ihrem Berufsstand zu bringen. So weit ging mein Vertrauen zu der Polizei nun auch wieder nicht.

Längst hatte ich mein Herz an Monika verloren. Ich schmachtete danach, sie auch nur aus der Ferne sehen zu können. Ihre Schillerlocken, ihre sanften Augen, die feine Röte, die ihr Gesicht jedes Mal zeigte, wenn ich sie mal aus der Nähe ansehen konnte, und sie meinen Blick bemerkte. Ihre Grübchen, wenn sie lächelte, all das wollte ich erst gar nicht aufgeben.

Außer zu den Sammelaktionen kamen wir ja kaum vom Heimgelände. Vielleicht einmal in der Woche der Aufstieg in 800 Meter Höhe, wo die einzige einigermaßen ebene Fläche war, wo wir dann meist nur Handball spielen durften, weil die eine Seite so steil abfiel, dass das Ball-Zurückholen das eigentliche Spiel um mehrere Minuten unterbrach. Eines der schönsten Täler des Osterzgebirges, wie uns gesagt wurde. Wir durften stundenlang Blüten an den Hän­gen der Berge sammeln. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, es war Finger­hut, der getrocknet von einer Pharmafirma abgeholt und auch gut bezahlt wurde. Von der gleichen Firma wurden auch die Kreuzottern aufgekauft, die wir gefangen hatten. Man zeigte uns sogar, wie man ihnen das Gift aus den Zähnen holte, und erklärte auch, dass es zu einem bestimmten Serum verarbeitet wurde, das Kranken zugute kam. Uns kam nichts davon zugute. Das einzig bleibende Andenken an meine Arbeiten dort habe ich bereits erwähnt. Der Dau­men­nagel. Wie ich mich also so umhörte und erfahren musste, dass es mit großen Schwie­rig­keiten verbunden war, überhaupt aus dem Bannkreis des Heimes zu kommen, obwohl noch nicht einmal der kleinste Zaun ein Hindernis darstellte, sondern die geographische Lage des Heims, machte ich mir so meine eigenen Gedanken. Und mir fiel auch wieder etwas ein. Das einzige kulturelle Ereignis, zu dem wir geführt wurden, war ein Fußballspiel in Schmiede­berg. Klein Kleckersdorf gegen Schienbein 04, oder so ähnlich. Jetzt war ich schon 3 km von Dönschten entfernt, auch in der richtigen Richtung reichte dieser Ausflug aber nur dazu aus, wenigstens schon mal was für die Fluchtvorbereitungen zu tun. Peter H. und noch zwei andere hatten sich für meinen Plan schon erwärmt. Alleine auf Wanderschaft gehen machte keinen Spaß. So hatte ich die drei also eingeweiht. Vor dem eigentlichen großen Spiel trat eine Schülermannschaft an. Diese Schülermannschaften zogen sich nach dem Spiel um und wollten anschließend von ihren größeren Vorbildern das Kicken noch besser erlernen. Bei der ungeheuren Zuschauerkulisse von mindestens 100 Personen, wovon die Hälfte unser Heim stellte, fiel es gar nicht weiter auf, dass wir uns an die Beutel der Gastschüler ranmachten, die so schön abseits auf einem Haufen lagen. Die erbeuteten Trikots unter unsere Sachen ziehend hatten wir die beiden Toiletten einige Zeit in Beschlag genommen. Jeder von uns war beim Abmarsch vom Heim mit einem Brotbeutel versehen worden. In diesen Beuteln konnten wir die Schuhe unterbringen. So ausgestattet gelang es uns dann wenige Tage später, weil die Trikots auch noch so schön schmutzig waren, auch den Busfahrer zu täuschen, der uns gegen seine Vorschrift aus diesem Gebiet rausbrachte.

Geldkatzen angeln

Einer der Jungen, der mitreiste, hatte ebenfalls Verwandte im Westen. Sein brennenster Wunsch war es nach „Drüben“ zu gehen. In Dresden besserten wir wie ein eingespieltes Team unser Reisegeld einigermaßen auf. Was die Frauen aber auch für einen Mist in ihren Hand­taschen hatten! Die Portemonnaies enthielten meistens auch nicht viel. Das lag anscheinend daran, dass wir immer erst zu spät an diese Dinger rankamen. Die Einkaufstaschen mussten schon etwas voller sein, wo die Frauen ihre Geldkatzen drauflegten und wir sie uns dann besser angeln konnten. Dementsprechend wie die Einkaufstasche voller wurde, wurde aber auch das Portemonnaie leerer. So mussten wir schon ziemlich oft zugreifen, um eine zufrie­denstellende Summe zusammen zu bekommen. Drei von uns schirmten das Opfer mit ihren Körpern ab, während der Vierte seine Finger spielen ließ. Nicht dass jetzt immer nur einer zulangen durfte. Jeder von uns wollte und konnte auch seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Opfer waren ja genügend vorhanden.

Ein einziges Mal mussten wir die Beine unter die Arme nehmen und zeigen, dass wir auch gut laufen konnten. Aber bevor die Frau noch genau erklärt hatte, was ihr widerfahren, und wer ihr das angetan hatte, waren wir schon längst weg. Beim Überschlagen unserer Ausbeute kamen wir zu dem Schluss, dass es ruhig etwas mehr sein könnte. Frech wie Rotz suchten wir die Markthalle wieder auf. Wir hatten dann auch noch das unverschämte Glück eine Frau mit einem Hunderter bezahlen zu sehen. Bevor der Verkäufer das Geld aus der Hand der Kundin nehmen konnte, hatte ich ihm die Arbeit schon abgenommen. Ich kenne die rechtlichen Ver­hältnisse nicht so genau. Hatte die Kundin nun schon bezahlt? Oder trug sie den Verlust, weil der Geldschein noch nicht in der Kasse des Verkäufers geklingelt hatte? Wie auch immer. Wir waren für’s erste saniert. Sollten sich doch die Köpfe zerbrechen, die die Schuld daran trugen, warum wir Kriegsopferkinder unsere Kriegsopfer eintrieben.

Über die grüne Grenze in den Westen?  „Wir werden euch schon noch weich kochen!“

Wir kamen gut in Leipzig an. In Dresden hatten wir fünf Lauben aufbrechen müssen, bis wir die passende für uns gefunden hatten. Schließlich wollte jeder seinen eigenen Schlafplatz haben. So trugen wir Sofas und Decken zusammen und verbrachten eine geruhsame Nacht.

Ich konnte in Leipzig ja wohl schlecht mit der ganzen Gesellschaft bei meiner Schwester auftauchen. So kümmerten wir uns zunächst um neue Laubenschlafplätze, bevor ich über meine Schwester Verbindung zu meiner Mutter aufnahm. Die erste Nacht verbrachten wir gemeinsam wach bleibend und Pläne schmiedend, wie wir am besten über die Grenze kom­men könnten. In Schönebeck bei Magdeburg hatte Mutter eine Schwester wohnen, eine von 17, wovon nur vier den Krieg überlebt hatten. Ich war schon mal mit dort gewesen. Mein Cousin wurde, glaube ich, konfirmiert, es kann aber auch schon die Jugendweihe gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Zu diesem Anlass waren wir dort zu Besuch gewesen. Wir hatten hinten im Garten zusammen unsere erste Zigarre gepafft und waren auch sonst ganz gut zurecht gekommen. Aus Platzmangel hatten wir Jungs in einem Bett geschla­fen. Er war ja bereits drei Jahre älter als ich und meinte mir beweisen zu müssen, dass er zu Recht aus der Kindheitsphase ausgetreten sei, indem er diese Weihe, welche es auch immer war, erhalten habe. Er zeigte mir im Bett seine Männlichkeit und auch das Produkt, was daraus entstehen konnte, wenn man es nur richtig anstellte. So gute Freunde waren wir also geworden. Vom Schwager selbst hatte Mutter erfahren, dass er sich ein Zubrot dadurch ver­diente, indem er einige Male im Monat, die „Grüne Grenze“ überschreite und Dinge herüber holte, die hier Mangelware wären. Dieser Onkel nun, da er ja die Grüne Grenze so gut kannte, sollte uns Bengels dazu verhelfen, nach „Drüben“ zu kommen. Um alle unsere Mäuler zu stop­fen und auch gut mit Reisegeld ausgestattet zu sein, nahm ich wieder meine Geschäfts­verbindungen in Leipzig in Anspruch. Gut abgeschirmt durch das Frühwarnsystem meiner Kum­pane begab ich mich wieder in das Viertel, wo ich meine Geschäfte zu machen pflegte. Nach zwei Tagen schon hatten wir mehr als genug. Jeder musste sich seine Geheimtasche am Hosenschlitz anfertigen und einen Teil des Geldes verstecken. Nach herzzerreißendem Abschied von Mutter und Schwester bestiegen wir den Zug gen Magdeburg. Mitten in der Nacht trafen wir in Schönebeck ein. Mag es sein, dass wir zu nachtschlafender Zeit kamen, und einen gar nicht gutgelaunten Onkel antrafen, oder konnte es sein, dass er zum „Wendehals“[6] geworden war?

Ich bekam es nie so genau heraus. Ich wurde noch an der Türe abgefertigt. Mir wurde, nach Vortragen meiner Bitte um Fluchthilfe unter Vorzeigen eines Briefes meiner Mutter rund­weg abgeschlagen, diese Bitte zu erfüllen. Onkel P. hätte damit längst aufgehört und wir soll­ten lieber zusehen, dass wir nach Hause kämen. Peng! Da war die Türe auch schon vor der Nase zugeschlagen. Ratlos schauten wir uns an, wir, die wir alle Hoffnungen auf diesen Onkel gesetzt hatten. Noch nicht einmal auf die eigenen Verwandten konnte man sich in solchen Zeiten verlassen. Wir trotteten wieder in Richtung Schönebecker Bahnhof. Ich erkannte noch nicht einmal meinen eigenen Cousin wieder, der uns auf der anderen Straßenseite folgte. Ich beging den Fehler die Person, die uns zu beobachten schien, nicht zu beachten. Wenn wir mal stehen blieben und diskutierten, blieb auch die Person auf der anderen Straßenseite stehen oder versteckte sich sogar in einem Hauseingang. Es mag meiner Erregung zugute gehalten werden, dass ich damals solche „Kleinigkeiten“ übersah. Wieso das so war weiß ich nicht, aber der kleine Bahnhof hatte einen Wartesaal, der die ganze Nacht über geöffnet zu haben schien. Wir gingen dort hinein. In dem Mitropa[7]-Restaurant befanden sich nur wenige Gäste. Beim Ober bestellten wir vier Hühnersuppen mit Brötchen. Wir bekamen je eine Tasse mit etwas Heißem drin, worauf ein paar Fettaugen schwammen. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit, die die Suppe mit einer Hühnerbrühe hatte, wie sie auf der Karte angeboten worden war. Wir brauchten der Sache auch gar nicht erst weiter auf den Grund zu gehen, den Boden der Tasse zu erforschen, ob sich da etwas Hühnerfleisch abgelagert haben könnte; der Mühe wurden wir enthoben. Aus dem Nichts waren plötzlich vier uns bekannte Uniformen aufgetaucht. Wir saßen an einem runden Tisch in einer Ecke (das Flüchtlinge sich aber auch immer in eine Ecke setzen müssen!). Ohne dass wir ihre Annäherung bemerkt hatten waren sie plötzlich vor uns aufgetaucht. „Eins, zwei, drei, vier, aufstehen und mitkommen!“ Das war unmissverständlich. Die grimmigen Gesichter machten es ganz deutlich. Uns war ohnehin der Appetit vergangen. Also standen wir folgsam auf und ließen uns in die Mitte nehmen. Unmiss­verständlich hatten die Ordnungshüter auch ihre Hände auf die bereits geöffneten Pistolentaschen gelegt. Beim Rausgehen dann erkannte ich die Person wieder, die uns auf dem Weg hierher gefolgt war. Es war niemand anders als mein lieber Cousin. Im Vorbei­gehen zuckte er bedauernd die Schulter und sagte, dass sein Vater ihm aufgetragen hätte, uns zu verfolgen und bei passender Gelegenheit die Polizei zu verständigen. Das war das letzte Mal, dass ich diesen und die andere Schönebecker Verwandtschaft zu Gesicht bekam.

Wieder lernte ich ein neues Heim kennen. Wobei es im Prinzip doch immer das Gleiche blieb. Nur das Geld, das wir in den Taschen hatten, konnte man uns abnehmen. Einer der Beamten, der einigermaßen menschlich vernünftig dachte, gab Anweisung uns für diese Nacht mit Ver­nehmungen zu verschonen, da wir ziemlich geschafft aussahen. In einem Kellerverlies auf eingebauten Betonpritschen verbrachten wir den Rest der Nacht. Es war klar, dass keiner die Vorgeschichte unserer Flucht, und wie wir es bewerkstelligt hatten, preisgab. Nicht einmal unsere richtigen Namen erfuhren sie. „Wir werden euch schon noch weich kochen!“ Mit dieser Drohung im Rücken wurden wir in einem Heim abgeliefert. Ein Heim von einer hohen Mauer umgeben. Auch so etwas kannte ich schon von Leipzig und Rummelsburg her. Parterre und in der ersten Etage waren schon die größeren Burschen untergebracht, die draußen entwe­der einer Arbeit nachgingen oder aber eine Lehrstelle hatten. Wir wurden in die zweite Etage verfrachtet, damit wir nicht so leicht wegkämen, wie wir erfahren durften. Dabei stand für mich schon nach dem ersten Blick aus dem Fenster fest, wie wir hier wieder wegkommen würden. Ich sah die Mauer, das Tor darin, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwas schräg links eine Brücke und einen Bahnhof. Keine blasse Ahnung, welchen Stadtteil von Magdeburg wir die Ehre gaben. Aber auch der Rest, den ich gesehen hatte, machte mich zuversichtlich, dass wir hier auf keinen Fall bis zum nächsten Bettwäschetausch verbleiben würden.

Fußnoten

[1] Dazu später im Kapitel zu Eisenhüttenstadt

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schmiedeberg_(Dippoldiswalde)

[3] Aktenzeichen XY … ungelöst https://de.wikipedia.org/wiki/Aktenzeichen_XY_%E2%80%A6_ungel%C3%B6st

[4] Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, Der Schüler lernt alles, was nötig ist, um im Leben vorwärts zu kommen. Es ist dasselbe, was nötig ist, um in der Schule vorwärts zu kommen. Es handelt sich um Unterschleif, Vortäu­schung von Kenntnissen, Fähigkeit, sich ungestraft zu rächen, schnelle Aneignung von Gemeinplätzen, Schmei­chelei, Unterwürfigkeit, Bereitschaft, seinesgleichen an die Höherstehenden zu verraten usw. usw.

[5] Striezelmarkt, https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Striezelmarkt

[6] Schulz verwendet den Wendehals, bevor dieser seine später bekannte Bedeutung bekam. https://de.wikipedia.org/wiki/Wendehals_(DDR)

[7] Mitropa

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/  PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/  PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: 15-spurensuche 

Wie geht es weiter?

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                die keine Kindheit war

 

 

 

Vierzehntes Kapitel

 

 

Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden.

Aus diesem Paradies wurde ich aber gleich zu Beginn des Jahres gerissen. Mit trauriger Miene, es war auch noch eine andere Person vom Jugendamt dabei, wurde mir mitgeteilt, dass die Behörden nun doch anderweitig über mich entschieden hatten. Höheren Orts wollte man dem Frieden nicht so recht trauen und war auch der Meinung, dass mein früheres Verhalten gegenüber der Obrigkeit eine Strafe verdient hätte. Ich müsste mich ein halbes Jahr lang erst noch bewähren, bevor man mich endlich zu G. und M. lassen würde. Man hatte auch schon ein passendes Heim für mich gefunden. Wie gesagt würde ich dort bis zu den großen Ferien, ohne einmal auszureißen und mit guten Zensuren aufwarten können, stünde einer Rückkehr hierher zu G. und M. nichts im Wege. Machtlos, dennoch mit besten Vorsätzen ließ ich mich nach Weißwasser[1] verfrachten. Es flossen ein paar Tränen und auch etwas Wodka, dann ging es los.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Bei meiner Ankunft im Pestalozzi-Heim war mein Ruf mir schon vorausgeeilt. D.h. etwa acht oder neun der Kinder aus Revolutionszeiten waren schon vor mir da. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden. Ich war aufmerksam in der Schule, schrieb die besten Aufsätze, zeichnete am besten und vertrat sogar den Russisch­lehrer, der überlastet war, da er auch noch eine Schule in Weißwasser selbst mit seinem Gefangenschaftsrussisch beglückte. Ich durfte aktiv an der Wandzeitung mitwirken, welche sogar vom Kreis der Stadt prämiert wurde, wofür ich prompt bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde.

Ich beteiligte mich an der Volkstanzgruppe, mit welcher wir beim Weltpioniertreffen in Berlin-Wuhlheide im Sommer sogar vierter wurden. Zweiter wurden wir mit unserem Fanfarenzug. Ich bastelte mit an einem Paddelboot, dass wir nur aus Zeitungspapierstreifen, Leim und Lack herstellten, nachdem wir lediglich den Kiel vom Schreiner erhalten hatten.

Ich baute brav und korrekt mein Bett, zeigte jeden Morgen saubere Hände und Fingernägel, helle Socken und tadellos geputzte Schuhe vor dem allmorgendlichen Fahnenappell vor. Ich wurde zum Zirkelleiter gewählt und erhielt bald darauf das rote Halstuch der jungen Pioniere der Sowjetunion als besondere Auszeichnung auf Intervention des russischen Stadtkomman­danten von Weißwasser.

Diese winzig kleine Garnison russischer Soldaten hatte mich samt Ihren Offizieren ins Herz geschlossen. Es begann eigentlich ganz harmlos. Ich wollte nur einen losen Kontakt knüpfen, um meine Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und eventuell auch mal ein paar Mark abstauben. Das Heimgelände war so gut wie offen. Kein Mensch kümmerte sich groß um einen, wenn man nur seine Schulaufgaben vorgezeigt hatte, und andere Gruppenverpflichtungen nicht darunter litten.

Kurz vor dem 8. Mai trat ich dann an den Fanfarenzugleiter, der auch gleichzeitig einer unserer Erzieher war, heran und bat ihn unseren sowjetischen Freunden doch eine angenehme Überraschung bereiten helfen. Unser Fanfarenzug bestand zu derzeit aus: Zwei Landsknecht- und zwei Flachtrommeln, sechs Fanfaren (ohne Ventil) und einem Tambourmajor. In diesem Fanfarenzug, der noch im Aufbau begriffen war, versuchte ich mich zunächst beim Blasen der Fanfare. Aber ich war damals schon ein wenig schwach auf der Brust.[2] So schleppte ich dann eben mit nicht weniger stolzgeschwellter Brust eine Landsknechttrommel mit mir herum. Dafür durfte ich auch gleich in der ersten Reihe marschieren, hinter dem Tambourmajor her. Wir durften im Kulturhaus den Ernst Thälmann Film[3] einweihen. Wir waren ja Ernst Thälmann Pioniere![4]

Am 1. Mai 1954 wurden wir von Birkenlaubblättern grünumkränzten Treckern mit Anhän­gern, die trotzdem furchtbar nach frischem Mist stanken, abgeholt. In Allerhergottsfrühe wurden wir über die umliegenden Dörfer gekarrt, um die Einwohner mit unserer Blechmusik und Trommelwirbel aus ihrem Feiertagsschlaf zu holen, damit sie ja auch nicht die Maikund­gebung versäumten. Es war schon ein erhebendes Gefühl, wie wir, die jungen Pimpfe …. Pardon, habe ich Pimpfe geschrieben? Stammte dieser Ausdruck nicht aus einer anderen Zeit?[5] Aber, wenn ja, was unterschied uns Junge Pioniere denn von denen? Sicher die Uniformen waren etwas anders geschneidert und hatten auch eine andere Farbe. Die Koppel waren anders geprägt, die Parolen lauteten anders,…. Was noch? Wir halfen den Erwachsenen das Aufstehen erleichtern!? Weil mir das ganze so viel Spaß gemacht hatte und ich den Russen außerdem eine Freude bereiten wollte, bat ich also unseren Chef darum, am 8. Mai den Fanfarenzug für deren Zwecke einzusetzen. Das Ehrenmal habe ich 1990 dort gleich wieder gefunden, die Garnison allerdings nicht mehr. Bei dem Ehrenmal standen an ihrem größten Feiertag nach der Oktoberrevolution sämtliche russischen Soldaten und Offiziere und gedachten ihrer gefallenen Krieger des zweiten Wertkrieges. Wir hatten es geschafft, uns unbemerkt von den Russen im Hintergrund zu verstecken. Gleich nach der Ansprache des Stadtkommandanten ließen wir unser „Brüder zur Sonne…“[6] erschallen. Keiner der dort Anwesenden konnte sich seiner Tränen erwehren. Ich heute, beim Schreiben der Zeilen und der Erinnerung daran, auch nicht! Diese Herzlichkeit für so einen kleinen Gefallen hatten wir nun doch nicht erwartet. Wir wurden in das Haus (Kaserne konnte man das nicht nennen) der Soldaten gebeten und bewirtet. Das hatte schon nichts mehr mit Kommunismus oder großer Politik zu tun, dass war eine menschliche Regung. Bei allen Beteiligten. Die Presse machte da natürlich mehr draus. Aber das kümmerte uns nicht. Wir waren nur etwas traurig, als ein paar Tage später unser Heim-Mal-Fest stattfand, und der fest versprochene Gegenbesuch nicht anrollen wollte. Während wir noch bei den Vorbereitungen waren, fuhren die paar Jeeps und Lastwagen in rasender Fahrt an unserem Grundstück vorbei. Noch nicht einmal gewunken haben sie, als sie in Richtung polnischer Grenze vorbei brausten. Viel später kamen sie dann doch noch. Es kam aber keine rechte Stimmung auf. Wie ich erfahren konnte, hatten sie einen Kameraden (Deserteur) an der Neiße jagen müssen. Es ist auch geschossen worden. (Ich roch sachverständig an ihren Gewehrläufen.) Es wurde aber nicht gesagt, ob die Jagd in irgend­einer Weise erfolgreich gewesen war. Um auf unseren eingeseiften Maibaum raufzuklettern waren sie zum einen nicht in der richtigen Kleidung, zum anderen nicht so recht in Stimmung nach dem Vorfall. Dabei hatten wir extra für sie ein paar schöne Würste besonders hoch am Kranz angebracht, wo nur Männerarme hinreichen konnten, sofern sie den glitschigen Stamm erklimmen würden. In einer wurstähnlichen Verpackung hatten wir als besondere Über­raschung sogar eine Pulle Korn versteckt, in der Hoffnung, dass der Kommandant dafür ein Auge zudrücken würde. Schade, dass unsere Revanche nicht in dem Maße angenommen werden konnte, wie wir sie uns gewünscht hatten. Dafür revanchierten sich die Russen wiederum bei uns. Eines Tages bat der Stadtkommandant unseren Heimleiter darum, mich, Mischa, mit nach Dresden nehmen zu dürfen, weil er, wie er angab mich dort als Dolmetscher benötigen würde. Dieser ungeschickte Lügner! Er selbst sprach so gut Deutsch, wie ich Rus­sisch. Zu unser beider Glück bemerkte der Heimleiter diesen Schwindel nicht. Ich durfte mit nach Dresden. Wer wagte auch schon einem Stadtkommandanten eine Bitte abzuschlagen, und sei der Grund auch noch erschwindelt? Anfangs glaubte ich ja, dass die Fanfaren und Trommeln, die er mit meiner Hilfe aussuchte, dafür dienen sollten, um in seiner Garnison selbst einen derartigen Musikzug aufzustellen. Ich glaubte das übrigens bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends aufs Heimgelände fuhren. Als dann aber ein Begleitoffizier und der Soldaten­fahrer die Instrumente abzuladen begannen, da dämmerte es mir. Heimleiter, die Kinder und ganz besonders der Leiter unseres Musikkorps, die vom Motorenlärm angelockt auf dem Vor­bau standen, bekamen ihre Münder vor Staunen gar nicht mehr zu. Was sind dagegen die 100 Mäuse, die ich im Winter 1990 für die Russlandhilfe einzahlte, wie ich sie eben erübrigen konnte? Erst mit so vergrößertem Fanfarenzug konnten wir ein paar Monate später die End­kämpfe unter den besten 28 Fanfarenzügen der DDR als Zweiter verlassen. Dass wir nicht den ersten Platz belegten, lag an mir. Hätte ICH Dussel nicht gepatzt, wären wir locker Erster geworden. Unsere Musik, d.h. unser Solobläser war einsame Spitze. Keiner der Anwesenden konnte die Oktavenleiter so hoch hinaufklettern wie er. Aber nicht nur die Musik alleine wurde gewertet. Im großen Stadionrund mussten wir einmal die Außenbahn umrunden und dabei drei Stücke vortragen. Die Jury achtete dabei auch sehr auf Disziplin. Nicht dass ich nicht inzwischen keine Disziplin angenommen hätte. Nein! Ich war einfach zu nervös, so plötzlich im Mittelpunkt von zigtausenden von Menschen zu stehen. Bei der „Lok“, einem rasanten Trommelwirbel, flog mir doch eine der Filzkugeln vom Schlegel. Ich Idiot! Anstatt ein paar Takte auszusetzen, den Reserveschlegel aus der Spannschlaufe zu ziehen und einen geeigneten Moment abwartend bis ich wieder sicher war den Takt zu treffen, sause ich der entspringenden Filzkugel hinterher, stecke sie wieder auf den Stock und komme prompt auch noch in den falschen Takt hinein. Ich kann mich kaum erinnern, mich in meinem Leben noch einmal derartig geschämt zu haben. Ich hatte in Weißwasser soviel um die Ohren, war der­maßen ausgelastet mit Dingen, die mir auch Spaß machten, weil ich endlich mal beweisen konnte, dass etwas in mir steckt, wenn man mich nur forderte, das ich gar nicht an Flucht­pläne dachte. Außerdem hatte ich ja auch eine Perspektive, sobald ich mich unter Beweis gestellt haben würde. Die Umgebung Weißwassers war damals zumindest noch sehr natur­belassen. Ich lernte etwas vom Angeln, Schlittschuhlaufen, Eishockey, und noch mehr von der Natur kennen.

Ich lernte auch wieder mal erkennen, dass, wenn Erwachsene etwas ver­sprachen, nicht unbedingt darauf Verlass war. Dass man mir während der Osterferien noch nicht die Reise nach Leipzig erlaubte, konnte man mir gerade noch plausibel machen. Die großen Ferien wurden lange vorher verplant. Für alle, die nicht nach Hause konnten oder durften, war ein Ferienlager vorgesehen. Ein Ferienlager in einem staatlichen Forst.[7] Weitab von der nächsten Ortschaft, die nur über einen riesigen, ehemaligen Braunkohleabbau-See zu erreichen war. Es wurde das Gelände auf einer Karte vorgezeichnet. Ein Voraustrupp sollte dort die Wasserab­zugs­gräben, Latrinen und die obligatorische Fahnenstange für den allmorgendlichen Fahnen­appell installieren und für genügend Frischwasser sorgen. Ich fühlte mich geehrt, dem Vor­aus­trupp beigeordnet zu sein, reklamierte aber doch das Versprechen ein.

                                                           Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen.

Meine Zeugnisse waren trotz Versäumnissen sehr gut ausgefallen. Ich hatte mir nur ganz selten bei den oben beschriebenen Appellen einen Minuspunkt eingehandelt, war zu jeder Sonderveranstaltung mitgenommen worden, was ja wohl auf gute bis sehr gute Führung schließen ließ. Ja doch, ich hätte ja in allen Punkten recht, nur diese Tatsache müsste in Leipzig bei der Jugendbehörde erstmal zur Kenntnis genommen werden, was während der großen Ferien ja kaum möglich wäre. Auch die Behörden würden jetzt größtenteils Ferien machen. Nach den Ferien, wurde ich vertröstet. So lernte ich noch das urwüchsige Lager-Zeltleben kennen. Auch nicht schlecht, dachte ich. Schrieb einen lieben Brief an meine Mutter und einen an G. und M., verbrachte ein Zeltlagerleben mit nächtlicher Wache am Dauerlager­feuer mit einem Luftgewehr bewaffnet, lernte Uferschwalben und deren riskante Bauweise kennen, durfte ihre stoische Ruhe bewundern, wie sie unverdrossen wieder neue Höhlen bau­ten sobald eine ganze Wand voller Nester ins Wasser abgerutscht war. Ich fing den ersten (einzigen) Hecht meines Lebens und Barsche jede Menge. Ruderte kilometerweit übers Wasser, um Frischwasser in Tonnen zu holen. Konnte mich an der Rettungsaktion beteiligen, um einen Erzieher und eines unserer kleinsten Mädchen aus dem Wasser zu fischen, weil das selbstgebastelte Paddelboot eben nur ein Paddelboot, aber nicht zum Segeln ausgetrimmt war. Oder einfach nur die Segel falsch bedient wurden? Wer kann das schon sagen. Der Erzieher, der die Blamage nicht eingestehen wollte, meinte jedenfalls, dass der Kiel des Bootes daran schuld sei, dass er das Boot zum Kentern brachte. Na ja, die Erwachsenen haben ja immer Recht. Sollen sie ja auch haben, ihr Recht. Nur, immer auf Kosten der Kinder, die sich dagegen schlecht wehren können? Gegen ihr Recht! Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen, damit es ihnen persönlich am besten be-(kommt!). Meine Hasskappe hatte ich bei G. und M. wieder abgelegt. Bald nach der Rückkehr vom Ferienlager begann ich wieder danach zu schielen.

Ich war hart gegen mich selbst.

Die wenigen, die über die Ferien nach Hause gedurft hatten, sofern sie eines hatten, ein Zuhause, schwärmten uns anderen davon vor. Merkten gar nicht, wie weh sie all den anderen taten, die keine Eltern(teile) mehr hatten. Oder, wie ich, nicht gedurft hatten. Die Schule begann wieder. Ich begann zu quengeln. Alles half nichts. Ich wurde vertröstet. Der russische Stadtkommandant, der seine Familie bei sich hatte, der sich kaum noch vorstellen konnte, wieder von seiner Familie getrennt leben zu müssen, der Krieg hatte ihn lange genug davon getrennt, über diesen Mann ließ ich meine diesmal unkontrollierte Post laufen. Mutter heulte sich die Augen aus, wie sie mir schrieb. G. und M. wurden schon etwas konkreter in ihrem Brief. Auch sie bemühten sich in Leipzig um meine Rückkehr. Wie es aber schien, ließ man mich wissen, hatten die Behörden gar nicht im Sinn, ihr Versprechen einzulösen. Man ließ G. gegenüber durchblicken, dass meine gute Führung lediglich zweckgebunden gewesen sei und keineswegs zu erwarten sei, dass ich im geordneten Leben bei einer Familie diese Führung auch bestätigen würde. Von daher sei es geboten, mich mindestens noch ein Jahr lang zu erproben. G. und M. besuchten mich dann kurz darauf auch noch heimlich in Weißwasser. Tatsache, so führten sie persönlich aus, sei aber, das hatte G. in der Eigenschaft als Polizistin erfahren, ohne dass die Auskunftsperson von unserem Verhältnis (der familiären Bindung, was dachten Sie denn?) wusste, man eigentlich nur noch eine geeignete Strafmaßnahme für mich suche. Das, was ich bisher angestellt hätte, könne ja letztendlich nicht auch noch belohnt werden. So! Jetzt wusste ich wenigstens, wo der Hase lang lief. Warum nur glaubten die Erwachsenen bei Kindern mit Lügen besser ihre Ziele erreichen zu können?

Und wieder die Hasskappe aufgesetzt

„Was, du willst nicht essen? Dann, bitte, blühe, wachse und gedeihe!“ Dieser Spruch, vom Tischende kommend, wo der jeweilige Erzieher saß, der gerade Dienst hatte, kam immer dann, wenn einer am Tisch quatschte oder sonst einen Unfug anstellte. Der so Aufgeforderte durfte dann den Rest der Mahlzeit hinter dem Stuhl stehend verbringen, egal ob er nun schon satt war oder gerade erst mit dem Essen begonnen hatte. Dieser Spruch erreichte mich in den letzten sieben Tagen bei allen drei Mahlzeiten. Ich durfte hinter dem Stuhl stehend mit ansehen, wie die anderen sich die Bäuche mit Essen voll schlugen, während ich der Heim­leitung noch nicht einmal die Genugtuung gab, mich bei Wassersaufen auf der Toilette erwi­schen zu lassen. Ich war hart gegen mich selbst. Ich hoffte, damit endlich etwas zu erreichen. Zumindest eine klare Aussprache über meinen weiteren Weg. Pustekuchen. Die waren ja noch sturer als mein ostpreußischer Dickschädel. Die zogen noch nicht einmal einen Arzt zu Rate. Am siebten Tag wurde es Ihnen anscheinend dann doch zu bunt. Zu jeder Mahl­zeit mussten wir uns gruppenweise in Reih und Glied aufstellen und im Gänsemarsch, sobald der Befehl dazu gegeben wurde, in den Speisesaal begeben. Es ging natürlich nicht an, dass etwas im Heim geschah, was dessen Ruf geschädigt hätte. Im Sozialismus wurden alle Kinder zu ordent­lichen Menschen erzogen, ohne dass sie einen Grund zur Klage hatten.

„Radfahrer“ fanden sich überall, wie es auch korrupte Beamte immer geben wird. Solch einen „Radfahrer“ hatten wir auch in unserer Gruppe. Den „Goldenen Lenker“ hatte er schon, jetzt wollte er sich nur noch die Pedale vergolden. Dieser Fiesling stand am siebten Tag beim Aus­rücken zum Abendessen in der Reihe direkt vor mir. Ein kurzer Ellenbogencheck nach hinten, genau in meine Magengrube, ließ mich die ganze Welt nur noch in rosa Licht erleben. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Hätte ich noch was im Magen gehabt, ich glaube ich hätte mich ausgekotzt. Ich schlief bis zum nächsten Morgen durch. Beim Frühstück hatte ich keine Widerstandskraft mehr. Man hatte mich wieder zur Räson gebracht. Alles stand wieder zum Besten. Glaubte man. Da ich mir bisher noch keine Gedanken über eine Flucht gemacht hatte, begann ich nunmehr darüber nachzudenken. Ich wollte aber nicht verduften, ohne mich für den gemeinen Ellenbogencheck revanchiert zu haben. Ich hatte noch einen ganz miesen Trick drauf, womit ich selbst den stärksten Mann dazu bringen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen. Ich erwähnte ja bereits, dass man im Leben manchmal ein wenig brutal sein muss, um sich durchboxen zu können. Ich wusste aber auch von der schwachen Blase, die mein erklär­ter Feind hatte. Dieses Wissen machte ich mir zunutze. Ich hielt mich bewusst eines nachts solange wach, bis mein Spezi zum Klo musste. Ich schlich hinter ihm her. Entschul­digen Sie bitte meine Hinterlist. Aber ich war gerade in die siebte Klasse versetzt, der Gegner aber hatte schon zweimal die gleiche Klasse durchlaufen und war bereits in der achten Klasse. Bedeu­tend größer und stärker. Kurz vor dem Klo trat ich ihm von hinten auf den Pantoffel, er kam ins Straucheln, ich gab ihm noch einen Schubs, er verlor das Gleichgewicht und seinen Haus­schuh, wie ich auch beabsichtigt hatte, ohne den mein Trick nicht geklappt hätte, und ich stürzte mich auf seinen nackten Fuß. Blitzschnell, anders geht es meistens schief, griff ich mit Mittel und Zeigefinger seinen großen „Onkel“ und umklammerte diesen fest. Etwas daran drehen, wie man das manchmal scherzhaft mit der Nase eines Kindes tut, und schon hatte ich einen ganz lammfrommen Bengel an meiner „Angel“. So, fest im Griff, konnte ich dem Bur­schen sogar verbieten zu jammern. Seine Tränen, die ihm aus den Augen schossen, gönnte ich ihm. Aufstehen lassen durfte ich ihn allerdings nicht. So musste er mit Hilfe seiner Hände und des einen freibeweglichen Fußes eben sehen, wie er meinen Wünschen nachkam. Ich musste ihn unbedingt nach draußen bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wirklich, nur ganz leise wimmernd, folgte er mir auf dem Fuße. Pardon! Auf zwei Händen und einem Fuß. Die Fahnenstange[8] auf dem Appellplatz war sehr solide gebaut. Mit einem zusätzlichen Strick, den ich dort schon wohlweislich versteckt hatte (es geht doch nichts über eine gute Planung vor der Tatausführung!) band ich den Bengel dort fachgerecht an der Fahnenstange fest, ohne zu vergessen, seine beiden großen Zehen, diesmal mit Schnürsenkeln, am Fahnenaufzugsseil zu befestigen. Damit er auf keine dummen Gedanken kommen konnte, stopfte ich ihm auch noch einen alten Socken ins Maul, verschnürte diesen mit einem weiteren Schnürsenkel um seinen Kopf. Den Socken spuckte er nicht aus! Davon konnten wir uns dann am nächsten Morgen alle überzeugen. Bevor ich ihn noch etwa zwanzig Zentimeter an der Fahnenstange hochzog, pisste ich ihn noch an. Ich wollte den Weg zur Toilette ja nicht noch einmal machen. Mein bisschen Urin macht den Kohl auch nicht fett. Am nächsten Morgen, als er von der ersten Erzieherin, die ihren Dienst antrat, gefunden wurde, hatte er sich selbst bepisst und seinen Schlafanzug vollgeschissen. Der darauffolgende Morgenappell fiel diesmal ganz anders aus als üblicherweise. Anstatt wie an jedem Morgen mit dem Pioniergruß – die rechte Hand alle fünf Finger geschlossen schräg über den Kopf[9] – dem Heimleiter zu melden, dass alle Kinder zum Appell angetreten seien, den Spruch des Tages vorlesen, und den „Fähn­richen“ zuzurufen „Hisst die Fahne“, worauf ein Fanfarenbläser losschmetterte und die Fahne hochgezogen wurde, anstatt den Tag damit zu beginnen, wurde ich in die Mitte des Karrees gerufen. Mir wurde das Rote Halstuch abgenommen und ich in aller Öffentlichkeit aus dem Verband der Thälmann-Pioniere verstoßen. Der Stadtkommandant soll geheult haben, als er davon erfuhr. Ich selbst habe das nicht mehr miterlebt. Schon am nächsten Tag, bis dahin wurde ich in der fensterlosen Wäschekammer eingesperrt, hatte man für mich eine neue Bleibe gefunden. Komisch, erst konnte man gar kein Heim für mich finden, dann stand plötzlich ganz schnell eines zu meiner Verfügung.

Im stillen Kämmerlein, wo es nach muffiger Wäsche roch, konnte ich mich schon mal innerlich von Weißwasser verabschieden.

  • Ein paar gute Freunde hatte ich gewonnen. Auch wenn ich ihnen mal die Bretter, die als Betteinlage dienten, des Abends so schräg gelegt hatte, dass sie nach ein paar Drehungen im Bette unweigerlich durchbrechen mussten. Was zur allgemeinen Erheiterung beitrug, selten bei dem Betroffenen selbst.
  • Man war auch schon mal unter eine andere Bettdecke gekrochen, hatte sich im Dunkeln Geschichten erzählt und … am Piephahn gespielt.
  • Man hatte den Mädchen im Dunkeln Fledermäuse in den Schlafraum geschmuggelt. Einer musste deswegen mal fast eine Glatze geschnitten werden, weil die arme verängstigte Fleder­maus sich mit ihren kleinen Krallen in ihrer Mähne verfangen hatte.
  • Man hatte fast allen Mädchen schon unter den Rock geschaut und mehr. Je nach Temperament hatte man etwas auf die Finger bekommen, oder auch nicht!
  • Die Lagerfeuerwache, zwischen zwei und vier, wo man beinahe eingeschlafen wäre, hätte es das Mädchen nicht so spannend gemacht, doch wach zu bleiben.
  • Die kleinen Zettelchen, die man hier und da erhielt, worauf meistens das gleiche stand – „Willst du mit mir gehen?“ oder –   „Ich liebe dich!“… Unterschrift. Ja, Monika Feurig (so hieß sie wirklich!), Brigitte Zabel und und … ich habe euch alle geliebt! Auf meine Art. Meine kindhafte Art! Diese Art von Liebe, die nur in der Kindheit so problemlos ist, wie sie ist!
  • Auch dich, kleiner Wolle, habe ich geliebt. Du hattest niemanden mehr auf der Welt. Du warst eines von den Vollwaisenkindern in Weißwasser. Du liefst mir überallhin nach. Ich habe dich beschützt, weil du, zwar schon 15, aber noch kleiner warst als ich. Ich konnte deine Liebe verstehen, die du den Tieren entgegen gebracht hast. Woran solltest du deine Liebe sonst hängen? Du bekamst keins dieser Zettelchen von einem der Mädchen. Weißt du, die Mädchen schauen zu oft nur nach dem Äußeren, oder auf das, was du bist. Deine inneren Werte wurden übersehen. Aber auch ich musste schon mal über dich lachen. Du hattest dir eine Ringelnatter als Haustier erkoren, diese des Nachts sogar in dein Bett geschmuggelt. Hast Fakir mit ihr gespielt, sie dir um den Hals gewickelt. Eine Zeitlang hast du mit der Schlange sogar etwas Eindruck bei den Mädchen gemacht. Bis sie erfahren mussten, dass dieses Reptil vollkommen ungefähr­lich ist. Zumindest solange, wie man nicht allergisch dagegen ist. Durch den direkten Hautkontakt mit der Schlange, jemanden anders hattest du ja nicht zum Berühren, sahst du bald wie ein Streuselkuchen aus. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich jemals über dich gelacht habe.
  • Bald würdet ihr den besten Luftgewehrschützen unter euch ausmachen können. Gegen mich hattet Ihr keine Chancen. Ich traf einfach alles, ob es eine Streichholzschachtel war, oder einen hüpfenden Frosch, die Wachskugeln schlugen überall dort ein, wo ich hinschaute. Ein Naturtalent nannte man mich.

In der Wäschekammer, wo ich eine fast schlaflose Nacht verbrachte, setzte ich auch wieder meine Hasskappe auf. Hass in mir auf die Erwachsenen im Allgemeinen, kam hoch. Kaum einer hatte etwas dagegen unternommen dem Schleckelhuber[10] das Handwerk zu legen. Ohne die Millionen Mitläufer wäre es nicht zu dem gekommen, dass ich aus meiner behüteten Familie und meiner angestammten Umgebung, Heimat genannt, gerissen worden wäre. Mir wäre eine normale Entwicklung meiner Kindheit beschieden gewesen. Eure Herrenmenschen­träume sind zusammengebrochen, aber die Manieren nach dieser katastrophalen Niedertage habt ihr nicht abgelegt. Wenn ihr schon nicht andere Völker unterdrücken konntet, so konntet ihr doch wenigstens euer Mütchen an den unschuldigen Kindern auslassen, die ihr erst in diese Lage gebracht hattet. Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich und raubten mir den Schlaf.

Verabschieden von meinen Leidensgenossen konnte ich mich am nächsten Tag auch nicht mehr. Sie waren in der Schule, als ich abgeholt wurde. Viele aber hatten sich am Abend und bis in die Nacht hinein an meine Türe geschlichen und mir alles Gute gewünscht.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwasser/Oberlausitz  hier: http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/15487-Wei%C3%9Fwasser-Kinderheim-Makarenko/ oder hier: http://www.kinder-heim.de/board1818-virtuelle-stadt-der-heimkinder/board1851-wohngebiet/board1732-spezialkinderheime-der-ehemaligen-ddr/board1735-spezialkinderheime-von-r-bis-z/board1804-spezialkinderheim-wei-wasser-maxim-gorki/

[2] Schulz: Später wird man lesen können, dass ich mit offener TBC und drei Löchern in der Lunge in einer Heilstätte landete.

[3] http://www.zeit.de/1954/13/der-ostzonale-thaelmann-film https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann_%E2%80%93_F%C3%BChrer_seiner_Klasse

[4] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[7] Schulz: Woanders sonst, als eben staatlich?

[8] Schulz: Die stand 1990 bei meinem Besuch immer noch dort.

[9] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html

[10] gemeint ist Schicklgruber, eine Lächerlichmachung Adolf Hitlers mit Bezug auf den ursprünglichen Namen seines Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/ 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/ PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/     PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/ PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/ PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/     PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                           PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                            PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                                PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Wie geht es weiter?

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

          Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war

 

 

 

Dreizehntes Kapitel

Von Auerbachs Keller in den Venusberg[1]

„Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt: Wir werden dich vorläufig oder auch für immer bei uns aufnehmen. Das liegt ganz bei dir!“ Bloß gut, dass ich gerade nichts weiter im Mund hatte, außer einem Schluck Rotwein. Die Tischdecke sah nach ihrem Vortrag ein wenig rotgesprenkelt aus. Ich? Ich sollte bei/von Bullen großgezogen werden? In meinem Kopf hatten schon die ersten hundert Gramm Wodka in Verbindung mit dem Rotwein zu wirken begonnen. Sonst hätte ich spätestens jetzt einen Wodka benötigt.

Wie genau ich zu den Bullen stand, davon musste wohl nichts in meinen Akten gestanden haben. Sie schrieb meinen unverhofften Erstickungsanfall wohl der freudigen Überraschung zu, die sie mit der Eröffnung ihres Vorschlages in Verbindung brachte. Eine Überraschung war es auf jeden Fall für mich. Wie sie es auch auffassen mochte. Ich glaube, ich hätte sie sehr in Verlegenheit gebracht, hätte ich ihren Vorschlag schlichtweg abgelehnt. Was mir ja auch fast aus dem Mund gerutscht wäre. Wäre da nicht der Rotwein in die falsche Kehle gerutscht und hätte mir etwas Bedenkzeit verschafft. Hatte sie nicht selbst gesagt, dass kein Heim bereit wäre mich aufzunehmen? Wohin also sonst mit mir, wenn ich auch nicht zu meiner Mutter durfte?

Verschiedene Gründe, eigentlich nur zwei, waren dafür ausschlaggebend, dass ich mich auf ihren Vorschlag einließ. Zum einen, ich blieb in Leipzig, somit in der Nähe meiner Mutter und Schwester. Zum zweiten, die Frau selbst zog mich wie schon erwähnt in ihren Bann. Was bisher noch keine Erzieherin von sich hätte behaupten können. Ich wollte dann auch gar nicht mehr erfahren, welche Alternative es für mich sonst noch gäbe. Wie sie so ihre Augen in die meinen versenkte und in mir forschte, wie ich mich wohl entscheiden würde, konnte ich einfach nicht mehr nein sagen.

„Als wäre ich ihr Liebhaber …“ Er wird es!

Als wäre ich ihr Liebhaber oder ähnliches zahlte ich die nicht gerade geringe Zeche, legte ein generöses Trinkgeld dazu, und wir konnten aufbrechen.

Ganz ohne irgendwelche Formalitäten durfte ich mit zu ihr nach Hause gehen. Man stelle sich mal vor, in der Wohnung gab es sogar schon ein Telefon. Während des langandauernden Gesprächs, welches sie gleich nach unserer Ankunft zu führen begann, durfte ich mich völlig frei im Wohnzimmer bewegen. Ziemlich eingeschüchtert alleine von der luxuriösen Einrichtung (einschließlich Telefon) im Gegensatz zu der bei uns Zuhause, wagte ich mich aber kaum zu bewegen. Ich stand die ganze Zeit am Fenster und starrte auf die Straße hinab. Bis sie ins Zimmer kam. „So, alles in bester Ordnung. Wir werden gleich nochmal in die Stadt gehen und für dich zunächst einmal die wichtigsten Sachen einkaufen. Erstmal aber werde ich dir dein Zimmer zeigen.“ Sie nahm mich bei der Hand. Wie? Ich und ein eigenes Zimmer? So etwas hatte ich ja noch nicht einmal bei Muttern gehabt. Überhaupt konnte mich gar nicht daran erinnern, jemals zuvor ein eigenes Zimmer gehabt zu haben. Außer dem Arrestzimmer im Heim. „Weißt du, wir beide, mein Mann und ich, wir haben uns immer so sehr Kinder gewünscht. Wir haben leider erfahren müssen, dass wir nie welche miteinander haben werden!“, wurde ich über das Vorhandensein eines Kinderzimmers aufgeklärt. Bei der Noch-Nachkriegszeit herrschte ja eigentlich noch enorme Wohnungsnot. 1953 gab es meiner Ansicht nach immer noch mehr Trümmer als geeigneten Wohnraum. Über soviel Fürsorglichkeit geriet ich geradezu in Verlegenheit. Von meiner sonst gewohnten Kaltschnäuzigkeit war nichts mehr vorhanden. Ich war einfach nur ergriffen. Dies war eine ganz neue Erfahrung für mich, von Fremden derart fürsorglich als Kind behandelt zu werden. Und das gerade in dem Augenblick wo ich mich mitten in der Pubertät[2] befand und mich schon fast als ganzer Mann fühlte.

Zahnbürste und Nachtzeug, etwas Unterwäsche, ein neues Hemd und Hosen sollten fürs erste reichen. Als wir vom Einkauf zurück kehrten, war auch schon mein Ersatzvater in der Wohnung. Er war in der Polizeifunkzentrale in Leipzig im Drei-Schichtdienst eingesetzt, erfuhr ich auch sogleich. Diese Woche war Frühschicht angesagt. Ich wurde eingehend in Augenschein genommen und für gut befunden. Was die Bemerkung GUT für eine Bedeutung hatte, erfuhr ich etwas später. Genauer gesagt am nächsten Tag. Zu der Zeit, als dies alles geschah, wäre es undenkbar gewesen, die folgenden Einzelheiten überhaupt am Rande zu erwähnen. Die Zeit an sich war viel zu prüde. Ich finde es heute aber für unerlässlich, dieses einschneidende Erlebnis zum besseren Verständnis meines Lebensweges mit aufzuführen. Deshalb vermeide ich es auch hier Namen zu nennen. Wenn du, liebe Monika[3], bisher noch nicht schockiert genug über meinen Lebenswandel bist, so solltest du aber jetzt, wie ich es dir angekündigt habe, dieses Manuskript aus der Hand legen. Es liegt mir sehr viel daran, dass wenigstens du mich (wenn überhaupt jemals) mit der Reinheit deines Herzens in Erinnerung behältst. Ich wurde, besser gesagt ich ließ mich von den beiden zu Sexspielen verführen. Ich befriedigte mich schon seit Jahren selbst (was wieder einen anderen Ursprung hatte), war auch ansonsten (zwangsläufig durch die Nachkriegszeit) bestens aufgeklärt worden vom Leben selbst. Ich war elf, als eine 20jährige Freundin meiner Schwester eine zeitlang bei uns wohnte, weil sie Zuhause rausgeflogen war. Sie zeigte mir alles. Den gewissen „Kick“ also kannte ich schon. Zunächst noch trocken, aber immerhin!

Spricht man mich heute, 65 jährig, auf meine Ähnlichkeit wegen meines zerknitterten Gesichtes, mit Charles Bronson[4] an, so heißt das noch lange nicht, dass ich damals nicht ein hübsches Kerlchen war. Ein Foto aus der Zeit, das einzige übrigens, welches mir aus der Zeit meiner Kindheit geblieben ist, bekam ich erst 1990, als ich nach der Maueröffnung nach Dönschten fuhr, um Erinnerungen aufzufrischen. Und siehe da, der damalige Heimleiter wohnte immer noch im Dachgeschoß des damaligen Heimes mit seiner Frau. Im hohen Alter freuten sich beide über meinen Besuch. Die Frau kramte ein Tagebuch hervor. Aus diesem las sie mir vor, wann ich genau für immer aus dem Heim verschwunden war. Und, in dem Tagebuch war sogar noch ein Passfoto von mir eingeklebt. Dieses Foto schenkte sie mir. Somit habe ich nun wenigstens einen Beweis in Händen, dass auch ich mal ein hübsches Kerlchen war.

keine Umschreibungen wie im Kamasutra

Als süßer Bengel bezeichnet zu werden war ich ja schon gewohnt. Dass man mich aber gleich so süß fand, dass man(N) mich gleich als Dritten im Bunde haben wollte, merkte ich gleich am nächsten Tag nach meinem Einzug bei der Bullenfamilie, die ja eigentlich noch keine richtige Familie war, da ja zu einer richtigen Familie meiner bescheidenen Meinung nach ein Kind fehlte. Aus heutiger Sicht betrachtet war das mehr oder weniger eine Sexgemeinschaft zwischen den beiden mit gleichen Vorlieben. Beide liebten nämlich kleine Jungs. Zum einen produzierten die beiden sich gerne vor deren, z.B. meinen Augen, zum anderen spielten sie beide gerne an meinem kleinen „Knorpel“ herum. Na ja, wenn schon, denn schon! Dann muss ich wohl auch noch hinzufügen das ER es gerne hatte, dass ich sein Glied in den Mund nahm, und SIE es furchtbar gerne sah, wenn ICH es tat. Noch irgendwelche Fragen? Klar, dass Sie jetzt neugierig geworden sind und nun auch wissen möchten, wie es dazu kam. Keiner kommt doch so einfach daher und sagt tu dies oder das. Wenn die Zensur diesen Absatz nicht gerade streicht, will ich Ihnen den Gefallen tun und darüber berichten. Verlangen Sie aber bitte nicht, dass ich solch schmeichelhafte Umschreibungen, wie sie im Kamasutra vorkommen, benutze. Bitte denken Sie immer daran, dass ich kein Schriftsteller im klassischen Sinne bin. Dafür reichen meine sechs Volksschuljahre bei weitem nicht aus. Zum Dichter nicht geboren, nicht ausgebildet. Das mögen Sie bestimmt schon an meiner eigenwilligen Schreibweise längst erkannt haben. Ich habe auch nicht vor, mit diesem Manuskript ein großes Werk zu präsentieren. Mit meinen begrenzten Mitteln will ich Ihnen lediglich das nackte, wahre Leben schildern, in das ich in einer Zeit hineingeboren wurde, die ich keiner zukünftigen Generation noch einmal zu erleben wünsche. Man stelle sich nur mal vor, dass unsere Computergeneration plötzlich ohne Strom und Heizung dasteht, statt Fun blanker Überlebenskampf angesagt wäre.

Wie bereits eingangs erwähnt soll dies ein mahnend Zeichen sein, sich gegen jedwede Kriegstreiber zu wehren.

Sicher gibt es Menschen mit einem bewegterem Lebenslauf. Doch ich bin der Meinung, nach dem, was ich so im Laufe des Lebens erfahren musste, leben viele am Leben vorbei. Das heißt: es ist überhaupt kein Leben drin in ihrem Leben. Alles tröpfelt nur so dahin, an ihnen herunter. Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, glaubten doch allen Ernstes, dass sie schon etwas Besonderes in ihrem Leben erlebt hätten, nur weil sie schon mal in Italien, Griechenland, der Türkei oder auf einer der angesagten Modeinseln gewesen sind. Manche betrachten es schon als Sensation, wenn sie einmal in ihrem Leben die Wohnung oder gar den Wohnort gewechselt haben. Die Spießbürger, die sich über jede Art von Verbrechen so schön entrüsten können, im gleichen Atemzug sich aber den Film aussuchen, wo es am blutrünstigsten zugeht, sich ausschließlich Krimis und Actionfilme reinziehen. Herrschaften, ein paar Ganoven muss es schon geben, damit die Drehbuchschreiber das Ganze schön aufbauschen können. Das wirkliche Leben gibt dafür viel zu wenig her. Aber das alles, was in diesen Filmen so schön als Tatsachen verkauft wird, wird dann auf den kleinen Ganoven projiziert. Aus eigenem Erleben aber kann ich hier berichten, dass gerade die brutalsten Verbrecher in der Knasthierarchie ganz oben stehen. Ja, sie bekommen zum Teil sogar Fan-Post.

Warum also, so habe ich mir gedacht, soll ich nicht ein wenig dazu beitragen, das reale Leben anderen Leuten ins Haus zu bringen, wo ich doch hier im Knast reichlich Zeit zum Schreiben habe?

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“

Zeit dazu ließen mir meine „Pflegeeltern“, wie sie sich zu bezeichnen pflegten, nicht viel, um sich mit mir zu amüsieren. Bis man mich in der Schule angemeldet haben würde, so wurde mir gesagt, könne ich nach Belieben ausschlafen. An alles hatte man ja gedacht, was meinen Einzug betraf. Eine Bettdecke zu kaufen hatte man allerdings vergessen (?). Mir wurde deshalb gestattet, die erste Nacht im gemeinsamen Ehebett zu übernachten. Mir waren vor Müdigkeit schon die Augen zugefallen. Ein Zeichen für meine besorgten Pflegeeltern mich ins Bett zu schicken. „Wir gehen auch gleich zu Bett, M. muss morgen auch wieder früh raus!“; damit wurde ich liebevoll zugedeckt und mit einem Kuss versehen. Die Müdigkeit war da, aber der Schlaf wollte sich trotzdem nicht einstellen. Zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf herum. So tat ich nur so als ob ich schliefe, als die beiden dann auch ins Bett kamen. Ich bekam recht schnell nackte Tatsachen zu sehen. G. vergewisserte sich, dass ich schlief und ließ noch vor dem Bett ihre Hüllen fallen. Nicht dass ich noch keine nackte Frau gesehen hätte. Aber unter diesen Umständen? Auch M. stand bald wie Gott ihn erschaffen hatte vor dem Bett.

Und als er drin war, wurde ich so Zeuge ehelicher Leidenschaft. Mir schaffte dies auch Leiden! Wie ich mich schon bei anderen Gelegenheiten dem nicht entziehen konnte, so wuchs auch bei mir etwas heran, was ich bei dieser Gelegenheit allerdings zum Teufel wünschte. Ich konnte den beiden wohl schlecht zu erkennen geben, dass ich noch hellwach war und Probleme mit meinem Piephahn hatte. Ich war kaum mehr in der Lage abzuwarten bis nun meine Pflegeeltern ihrerseits eingeschlafen waren, um mich eines gewissen Drucks zu befreien. Dann aber schlief auch ich erschöpft ein. Mit der immer noch gleichen Erektion, mit der ich eingeschlafen war, wachte ich am nächsten Morgen auch wieder auf. Schon beim geringsten Geräusch, außer den typischen Schlafgeräuschen, wurde ich wach. So als sich M. morgens zur Arbeit fertig machte. Ich ließ ihn erst aus dem Haus gehen, und lief dann ganz schnell zur Toilette, um meine Stange Wasser ins Klo zu entlassen. Meine Pflegemutter war alles andere als ein Morgenmuffel. Sie selbst hatte zwar wegen mir extra arbeitsfrei bekommen, war aber dennoch mit ihrem Mann zusammen aufgestanden. Sie bot mir gleich eine Tasse (echten!) Bohnenkaffee an, als sie mich im Flur sah. „Wir können uns ja gleich wieder hinlegen und ausschlafen. Das bisschen, was wir für dich noch besorgen müssen, schaffen wir auch am Nachmittag spielend!“ erklärte sie mir. Ich hatte ja wenigstens noch einen Schlafanzug an, der aus Baumwolle zu sein schien. Ihr Nachthemd dagegen war so gut wie aus Nichts. Sie bemerkte meine verstohlenen Blicke sehr wohl. Beim Einschenken des Kaffees ließ sie mich auch noch sehen, dass sie unten auch nichts weiter drunter hatte. Meine Verlegenheit schien sie aber nur zu amüsieren. Wieder im Bett wollte sie dann auch recht bald wissen, welche Erfahrungen ich schon mit Mädchen gemacht hätte. Ich verschwieg ihr natürlich die Episode mit der 20 jährigen Freundin meiner Schwester, ebenso wie ich oftmals Zeuge von Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit geworden war. Auch dass ich genau wusste, was die Frau in Dresden Hellerau mit den drei Russensoldaten angestellt hatte. Ich gab lediglich die üblichen Doktorspiele mit etwa gleichaltrigen Mädchen zu.

Ich sollte so etwas, was sich zwischen Mann und Frau abspielte, nur immer als etwas ganz natürliches, von der Natur Gegebenes betrachten, riet G. mir. Sie und M. hielten es jedenfalls seit Beginn ihrer Beziehung so. G. erklärte mir dann auch, dass das ein körperliches Bedürfnis wie allen anderen, wie etwa Essen und Trinken sei. Mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen kochte sie mich langsam weich. Oder hart? Wie man(N) es nimmt! Wenn der Körper danach verlange, soll man erst gar nicht dagegen ankämpfen. Sie ließ mich dann auch ganz unverblümt wissen, dass M. heute morgen schon am liebsten eben diesem Bedürfnis nachgekommen wäre. Verschwieg aber das vom Vorabend. M. hätte es sich dann aber doch nicht gewagt, weil ich ja noch mit im Bett gelegen hätte und die dabei entstehenden Geräusche mich geweckt und erschreckt haben könnten. M. wäre nun mal so gestrickt, dass er diese schönste Nebensache der Welt am liebsten dreimal am Tage betreiben würde. Bei einem solch offenen und direkt geführten Aufklärungsgespräch hatte ich natürlich Schwierigkeiten, meine Latte, die ja schon längst keine Wasserlatte mehr war, im Zaum zu halten. Peinlich wäre es mir gewesen, wenn meine „Biologielehrerin“ dies bemerkt hätte. Sie war aber eine zu gute Psychologin, um mich merken zu lassen, dass sie längst wusste, wie es um mich stand. Heute weiß ich natürlich, dass das volle Absicht von ihr gewesen war, dieses Gespräch in diese Richtung zu lenken. Erstmal Pause. G. erhob sich lasziv aus dem Bett, führte mir so wieder ihren Körper vor, in dem Nachthemd, welches mehr zeigte als dass es verbarg, und ging zur Toilette. Ich denke heute noch manchmal daran zurück, wie und was mir bei diesem erneuten Anblick alles wehtat. Als sie danach wieder unter die Bettdecke krabbelte, gab sie sich nicht die geringste Mühe mir gegenüber zu verbergen, wie genau es in ihrem Schritt aussah. Von wegen ausschlafen. Sie schien so gar nicht müde zu sein. Nun, auch mich hinderte etwas daran, wieder einschlafen zu können.

Geschickt brachte sie gleich wieder ihr Lieblingsthema aufs Trapez[5]. „Wir werden dir heute gleich ein schickes Steppbett, oder magst du lieber ein Federbett? kaufen. Dann können M. und ich uns wieder lieben wie wir es gewohnt sind. Weißt du, das ist dann für uns alle besser so. Unsere Körper brauchen das nun mal jeden Tag!“ ließ sie mich tief in ihr Intimleben blicken. „Du hast damit wohl noch keine Schwierigkeiten oder?“ Was sollte ich sagen ? Mir wurde es ganz schön mulmig unter der Bettdecke. „Sag schon! Haben so kleine Jungs schon Schwierigkeiten damit?“ G. schaute mich genau an bei dieser so eindringlich gestellten Frage. Ich versuchte mich einer ehrlichen Antwort zu entziehen indem ich so tat, als wüsste ich gar nicht, was sie mit „Schwierigkeiten“ meinte. Die 27 jährige Frau ließ dies aber nicht als Antwort gelten. „Du wirst doch wohl wissen, ob dein Puller manchmal schon hart und groß wird!?“ wurde sie schon etwas direkter.

„Ja schon,“ musste ich jetzt schon etwas näher bei der Wahrheit bleiben. „Was du nur für ein Geheimnis daraus zu machen versuchst. Ich sagte doch bereits, dass das etwas ganz natürliches ist, wenn der Körper sich meldet!“ sprach sie beruhigend auf mich ein. Ob es oft passiere, wann und bei welchen Gelegenheiten im Besonderen, begann sie immer weiter in mich zu dringen. Meine Peinlichkeit nahm überhaupt kein Ende, weil ich ihr einfach nicht die Wahrheit sagen konnte, wie es wirklich um mich bestellt war, was sie gerne hören wollte. Hinterher ist man immer schlauer!

„Was meinst du? würde dein kleiner Mann da unten steif werden wenn M. und ich uns lieben würden?“ „Ich weiß nicht!“ log ich. „Wir könnten es ja mal ausprobieren!?“ schaute sie mich lauernd an. Meine Güte, ich konnte noch nicht einmal mit einer Hand unter die Bettdecke um IHN wenigstens ein wenig zu besänftigen.

So, wie G. mich belauerte, wusste sie sofort, was wirklich mit mir los war. Anscheinend aber kam ich ihr nicht in dem Maße entgegen, wie sie es sich erhofft hatte. Deshalb ging sie zu einer anderen Taktik über. „Also gut, du willst sicherlich noch ein wenig schlafen. Ich sage dir nur noch, dass du jederzeit mit irgendwelchen Problemen zu einem von uns kommen kannst. Auch wenn du mal ein Mädchen mitbringen willst. Wir wollen uns dann nur davon überzeugen, dass dies auch sauber ist.“ Damit drehte sie sich auch schon auf die Seite, wobei sie mich noch ihr Hinterteil sehen ließ. Um meine Aufmerksamkeit auch ja auf sich zu lenken, bemerkte sie, dass es doch recht kühl wäre, um ohne Bettdecke zu schlafen. Am liebsten würde sie ja ganz eng an M. angekuschelt schlafen, weil es dann so schön warm an ihrem Hintern wäre. „Willst du nicht zu mir rüber rutschen und mich ein wenig wärmen?“ fragte sie mich mit lockender Stimme. Bloß das nicht! Ich würde gar nicht nahe genug an sie herankommen, ohne dass sie nicht sofort bemerken würde, wie es wirklich um mich stand.   „Du hast wohl Angst das M. eifersüchtig werden könnte, was?“ hielt sie so gar nicht ihr Versprechen, was das Weiterschlafen betraf. „Na warte, wenn du nicht zu mir kommst, dann komme ich eben zu dir.“ Damit rutschte sie auch schon auf meine Bettseite herüber. Meinetwegen, dann sollte sie sich eben an mich kuscheln. Jedoch drehte auch ich mich herum, so dass sie sich an meinen Rücken wärmen konnte. Es reichte ihr aber noch nicht, ihre handvoll Quarktaschen an die Schulter zu pressen. Sie legte auch noch einen Arm um mich. Dass sie auch noch ihren warmen Unterleib gegen mich drückte, gehört wohl auch mit zum Kuscheln, nahm ich an. Ich wagte kaum noch zu atmen, als ihre Hand immer tiefer rutschte. Nur noch wenige Zentimeter und ich wusste nicht mehr wohin ich mich mit meiner Scham verkriechen sollte. Dabei machte ich mir aber selbst nur etwas vor. Ich wusste längst, dass ich mir eine direkte Berührung herbeisehnte. Hatte ich doch schon früher, bei der Freundin meiner Schwester, ganz andere Freuden genossen, als ich sie mir mit der eigenen Hand bewirken konnte.

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“ flüsterte sie mir besänftigend ins Ohr, als sie ihr Ziel erreicht hatte und ich vor Schreck (?) zu atmen vergaß und dicke Backen machte. Diese Hand ging damit ganz anders um, als ich von meiner eigenen gewohnt war. G. drückte ihren Unterleib gegen meinen Po, so dass ich ihr eine größere Angriffsfläche bieten musste. Das war ja grausam … schön! – was die erfahrene Frau da mit mir anstellte. Ihre freie Hand nahm meine oben liegende und führte diese zwischen ihre warmen Schenkel.

Gut, also das soll es gewesen sein, wie ich zum ersten Mal als reifer Jüngling von einer Frau verführt wurde. Weil mich das irgendwie süchtig gemacht hatte, ging ich auch darauf ein, ihren Mann in unser Geheimnis mit einzubeziehen.

Würde ich mich in noch mehr Einzelheiten verlieren, müsste ich dieses Buch (ich hoffe, dass es eins wird) einem Pornoverlag anbieten.

Neben diesem Aufklärungsunterricht bekam ich dann auch wenig später meinen normalen Unterricht in der Schule. Es war soweit alles wunderschön. Ich durfte alle 14 Tage meine Mutter besuchen, und wir feierten zusammen ein tolles Weihnachtsfest. Ich rutschte wie nie ins neue Jahr, und ein paarmal dabei auch mangels Masse wieder raus und ich dachte gar nicht an irgendeine Flucht aus diesem Paradies.

Fußnoten

[1] Die Erlebnisse von Dieter Schulz in diesem Kapitel riefen dem Editor den Aufenthalt des noch sehr simplen Simplizius Simplizissimus im Venusberg in Erinnerung. Grimmelshausen geht allerdings nicht dermaßen ins Detail, wie auch die Bibel, nicht so prüde wie oft vermutet, die Avancen von Potiphars Frau gegenüber Joseph nur nennt und nicht groß ausschmückt. Genesis 39. Das tat dann die Nachwelt https://de.wikipedia.org/wiki/Potifar#/media/File:Gem%C3%A4ldegalerie_Alte_Meister_(Dresden)_Galeriewerk_Heineken_047.jpg . Schulz war nun kein Joseph und kann in diesen Dingen so ganz simpel nicht mehr gewesen sein. Zu viel hatte er schon gesehen und erlebt; diese Art von „Verwöhnung“ allerdings noch nicht. http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/94 gutenberg.spiegel.de http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/95 Sonntag, 29. Januar 2017

[2] Schulz: Diesen Ausdruck – Pubertät – kannte ich damals allerdings noch gar nicht!

[3] Monika aus Dönschten. Kapitel 2

[4] Welchen meint er, diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson_(H%C3%A4ftling) oder eher diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson#/media/File:Charles_Bronson_1961.JPG

[5] Statt der Wendung „etwas aufs Tapet bringen“ wird fälschlicherweise oft auch „etwas aufs Tablett bringen“ oder „etwas aufs Trapez bringen“ benutzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tapet

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/

PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Wie geht es weiter?

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

 

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Zwölftes Kapitel

Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Ihr Armleuchter! dachte ich nur. Ich wusste ganz genau in welche Richtung ich mich bewegen musste, um eine Suche nach mir scheitern zu lassen. In Leipzig, noch dazu in Zoonähe, kannte ich mich bestens aus. Ich verschwand gut sichtbar für die Erzieher im nahe gelegenen Gebüsch in Richtung Zoo. Kurz davor jedoch schlug ich in Hasenmanier einen Haken. Jetzt, vom Heimgelände aus nicht mehr sichtbar zu erkennen, ging ich auf dieses direkt wieder zu. Ich wusste von der Brücke in der Nähe. Diese überquerte ich fast zur gleichen Zeit wie die Polizei bei dem Heim eintraf. Aber damit befand ich mich auch schon in deren Rücken. Soll­ten sie mich doch im Zoo-angrenzenden Wald suchen. Das Heim war wie beschrieben am vorderen Eingang mit einer hohen weißen Mauer umgeben. Eine relativ schmale Straße führte von der Brücke her kommend dorthin. Genau gegenüber allerdings begann schon eine größere Gartenkolonie. Wie jeder weiß, kannte ich mich in Leipzigs Gartenkolonien bestens aus.

Also, während die Vopo’s sich im Heim Informationen holten, saß ich schon längst auf einem Laubendach und beobachtete von meinem Logenplatz aus die Aktivitäten der Bullen.

Sollten sie mich doch bei meiner Mutter suchen, nachdem sie mich weder im Wald noch im Zoo gefunden hätten.

Frechheit siegt, sagte ich mir.

Ich schwöre, ich hatte bis dahin weder einen Krimi gelesen, noch im Kino gesehen. Alles was ich so professionell (?) tat war einfach nur eine Eingebung aus dem Moment geboren. Ein guter Schlagballwerfer hätte ohne weiteres einen Ball von „meiner Laube“ aus über die Heim­mauer werfen können. Nachdem die Polizei wieder abgezogen war, um die Suche nach mir aufzunehmen, kroch ich vom Laubendach herunter, um mich auf einem Sofa in der Laube selbst von meinen Strapazen zu erholen. Von meiner letzten Flucht (Berlin, Sie erinnern sich?) hatte ich immer noch einen Notgroschen bei mir. Zwischen den Knöpfen meines Hosen­schlitzes hatte ich einen kleinen Einschnitt mit einer Rasierklinge gemacht und in dieser so entstandenen Tasche hatte ich 20 Mark versteckt. Das hatte ich von je her bei jeder meiner Hosen gemacht und war so somit durch alle Filzen gekommen. Frechheit siegt, sagte ich mir, und ging abends gegen 21 Uhr einfach in ein Restaurant und gab meine Bestellung auf. Moch­ten die anwesenden Gäste denken was sie wollten. Ich hatte Kohldampf! Übrigens hatte ich solche Restaurantbesuche gemacht, ohne jegliche Beanstandung noch zu den guten Zeiten, wenn meine Geschäfte mal wieder gut gelaufen waren. Ich war dann ins Theater gegangen, hatte mir, ich weiß gar nicht mehr wie oft, den Diener zweier Herren[1] angesehen, sowie Egmont[2] oder Hamlet. Niemals erregte ein 11-13 jähriger besonderes Aufsehen, wenn er nach der Theatervorstellung (ca.23 Uhr!) noch in einem Restaurant auftauchte.

Man säuft eben kein Bier während der Arbeit.

Vor genau diesem Lokal stand am nächsten Morgen, als ich mich auf dem Laubensofa gut ausgeruht, und im Bewusstsein meiner Freiheit auf dem Weg zu meiner Schwester machte, ein Brauereiauto. Der Fahrer hatte dummerweise, aber nur für ihn selbst dummerweise, während er im Lokal sein verdientes Trinkgeld vom Wirt in Form eines Bierchens gleich vertrank, welches ich ihm natürlich von Herzen gönnte, also, er hatte die Fahrertüre offen gelassen. Nein, nicht nur nicht abgeschlossen meine ich damit, sondern richtig weit offen gelassen. So sah ich an der Rücklehne seines Fahrersitzes eine größere Tasche hängen. Ähnlich wie sie die damals noch kassierenden Straßenbahnschaffner trugen[3]. Darin waren, wie ich aber erst später feststellte, erstmal musste ich mir die Tasche greifen und ein Stück damit weg sein, darin waren alle Einnahmen der Tour, die er bisher abgefahren hatte. Ein­schließlich der Lieferscheine der noch zu beliefernden Kunden. Mit dem Geld konnte ich schon etwas anfangen, Lieferscheine aber brauchte ich nicht. Wollte ja auch nicht seine weitere Arbeit behindern. Nachdem ich das Geld fein säuberlich auf meine Taschen verteilt hatte, brachte ich die für mich aber nicht für den Fahrer nutzlos gewordene Tasche wieder zum Auto zurück. Er wird sich wahrscheinlich beim nächsten Kunden gewundert haben, dass noch alles in seiner Tasche war, nur eben das Geld fehlte. Sollte er sich doch seinen Kopf darüber zerbrechen, wie das möglich war. Man säuft eben kein Bier während der Arbeit. Schon gar nicht, wenn man auch noch Auto fahren muss. Sollte er das eben als Bußgeld dafür verbuchen. Er hätte sich das Trinkgeld ja anders geben lassen können, um es dann nach Feier­abend zu verprassen. Wo doch soviele Ganoven in der Welt herumlaufen, lässt man doch nicht einfach sein Geld so offen im Auto rumhängen. Du mein Bierfahrer hattest dein Auto in Gegenrichtung zum Verkehr und halb auf dem Bürgersteig stehend geparkt. Alles Verkehrs­ver­gehen, die ein Bußgeld erfordern. Ich jedenfalls auf dem Trottoir gehend kam an deinem Auto kaum vorbei. Die offenstehende Wagentüre versperrte mir den Weg vollends. Was hast du dir nur dabei gedacht? Ich musste ja zwangsläufig auf deine Geldtasche aufmerksam wer­den. Dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen. Du wirst es schon irgendwie verkraftet haben, wie ich, dem man sein Auto im Laufe der Zeit mehrmals aufgebrochen und ausgeraubt hat. Vielleicht war es ja sogar einer deiner Söhne. So wäre dann eben ausgleichende Gerech­tig­keit geschehen.

Meine Schwester war zwischenzeitlich unweit meiner Mutter in eine eigene Wohnung gezo­gen. Sie war mit einem Leutnant der NVA[4] verheiratet und hatte auch schon zwei Kinder. Wir waren eine Familie, in der Zusammenhalt noch groß geschrieben wurde. Die Kriegs – und Nachkriegszeiten, die wir auf der Flucht gemeinsam durchgemacht hatten, verbanden uns sehr stark. Ihr Mann sah es natürlich nicht besonders gerne, dass ich mich bei ihnen aufhielt, bes­ser gesagt versteckte. Soviel ich mitbekam, drohte meine hübsche Schwester ihm mit Liebes­entzug im Falle, dass er sich gegen ihren Bruder stellen würde. Er machte gute Mine zum bösen Spiel und beließ es dabei. Seiner Karriere hat es nicht geschadet. Als ich 1990 bei ihm in Leipzig zu Besuch war, hatte er es jedenfalls bis zum ABV[5] geschafft. Genau in Reudnitz, dem Stadtteil, wo er mich damals immer beherbergen musste, wenn ich mal wieder „Urlaub“ aus einem Heim genommen hatte.

Jetzt komme ich etwas durcheinander. Ich glaube die NVA gab es 1953 noch gar nicht[6]. Es muss wohl die KVP, die Kasernierte Volkspolizei[7] gewesen sein, deren Uniform und Rangab­zeichen er damals trug. Nur, mein Schwager war nicht kaserniert. Er ging am Morgen zum Dienst aus dem Haus und kam am Abend wieder. Jedenfalls war ich in der Wohnung meiner Schwester so sicher wie in Abrahams Schoß. Meine Mutter ergriff trotzdem immer besondere Vorsichtsmaßnahmen bevor sie mich besuchte. Erst wenn sie sich sicher war, nicht verfolgt worden zu sein, kam sie in die Wohnung meiner Schwester und schloss mich weinend in ihre Arme.

Tagsüber war ich sowieso immer auf Trebe[8], ging meinen Geschäften bei den Russen nach. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Fernsehen hielt einen zu damaligen Zeiten noch nicht von nützlichem Tun ab. Ich las viel. James Cook[9], „Mit vollen Segeln um die Welt“, hatte es mir besonders angetan. Mein Gott, dass war Freiheit und Abenteuer pur.

Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus.

Ansonsten war ich immer in Action. Die Polizei schien es zu nerven, dass sie mich nicht aufgreifen konnte. Jetzt durchsuchten sie auch schon regelmäßig Keller und Dachboden bei meiner Mutter. Sogar nachts standen sie sich ihre Plattfüße noch platter vor Mutters Haus. Sollen sie doch, dachte ich mir, wenn meine Mutter davon berichtete. Meine Mutter kam nun langsam zu der Einsicht, dass es wohl das Beste sei, wenn ich mich in den Westen zu meinem Vater absetzen würde. Ich bekam von Mutter auch noch einen Tipp, wie das zu bewerk­stelli­gen sei. Aber noch bevor ich von diesem Tipp Gebrauch machen konnte (vorläufig!) trat etwas ein, was meine Zukunftspläne wieder einmal zunichte machte. Bei der Zivilpolizei war eine kleine findige Person, die meine Akten anscheinend gut studiert hatte, auf einen besonde­ren Dreh gekom­men, wie man meiner habhaft werden konnte. Ich sage ja immer, die Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus. Die Polizei kann zunächst immer nur reagieren. Irgendwann jedoch lernen auch die dazu. In meinem Fall war es eine weibliche Person, die sich meine Akten etwas genauer angesehen hatte. Hatte auch folgerichtig ihre Schlüsse gezo­gen. Deswegen war ich dann auch eines Tages ganz schön überrascht, als mir in der Nähe des Rathauses, ich war gerade mit einem russischen Offizier am Verhandeln, jemand eine Hand auf die Schulter legte. Eine weibliche Stimme, wirklich sehr freundlich, sagte: „So Mischa (das war mein Spitzname bei den Russen), dann wollen wir mal!“ Der Offizier, der brennend daran interessiert war, etwas durch mich zu erwerben, was es nur in Leipzig zu erwerben gab, dafür war er schließlich eigens von Wittenberge nach Leipzig gereist, wollte es nicht wahr haben, dass mich diese freundliche Person einfach von seiner Seite zog. Ich brauchte ihm auch gar nicht zu dolmetschen, weswegen man unser Geschäft platzen ließ. Die weibliche Zivil­polizistin wies sich als solche aus und sprach dabei ebenso gut russisch wie ich auch. Der Offizier zog notgedrungen den Schwanz ein, als er mit dem Polizeiausweis konfrontiert wurde. Schließlich wusste er, dass der Erwerb von französischem Samt oder Schweizer Uhren etc. illegal war.

Ich bedauerte es genauso wie der Russe, dass aus unserem Geschäft nichts mehr wurde. Für die Provision, die ich bei diesem Geschäft bekommen hätte, so hatte ich mir schon im stillen ausgerechnet, hätte meine Mutter länger als eine Woche im Akkord als Trümmerfrau arbeiten müssen. „Scheiße!“ dachte ich nur, jetzt geht die ganze Prozedur mit einer Heimeinweisung wieder von Vorne los. Freiheit Ade.

Ich feierte meine erneute Verhaftung ganz legal mit einer hübschen Frau.

Zunächst aber nahm die Festnahme zivile Formen an. Eine ganz neue Masche der Polizei? Ich dachte angestrengt darüber nach, welcher Pferdefuß dahinter stecken mochte. Wollte das Weib mich nur in Sicherheit wiegen, damit ich keinen Fluchtversuch unternahm, wobei sie sich nicht sicher zu sein schien, wer von uns beiden der schnellere war? Es gab gar keinen Pferdefuß. Ich durfte mir das Lokal aussuchen, wo die Frau mit mir in aller Ruhe über meine Probleme reden wollte. Ohne diesen polizeiüblichen bösen „du-Früchtchen- Blick“ lächelte sie auch noch bei meinem Wunsch, in Auerbachs Keller[10] gleich hinter uns in der Mädler Passage zu gehen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Sanft aber bestimmt sich bei mir einhakend steuerte sie mit mir das Kellerlokal an.

In dieser Umgebung, wo ich schon des öfteren mit Offizieren diverse Geschäftsabschlüsse gefeiert hatte, fühlte ich mich besonders wohl. Ich fand es in dem Lokal besonders anhei­melnd. Wusste ich doch, dass schon Goethe hier gesessen und an seinem Faust geschrieben hatte.[11] Trotz meiner geringen Größe und meines Alters war ich doch bereits empfänglich, was die Schönheit einer Frau betraf. Diese Frau, deren Namen ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte, faszinierte mich. Erstens weil sie eine Schönheit ausstrahlte, die mich in ihren Bann zog, zweitens weil die Frau mit mir zu reden verstand, mich als vollwertigen Men­schen behandelte. Ich wollte ihr Budget nicht strapa­zieren, ich hatte ja immerhin in der letzten Zeit wirklich gute Geschäfte abgeschlossen. Auch an diesem Tage schon vor meiner Fest­nahme. Mit hochgezogener Augenbraue, unnachahm­lich wie sie das machte, warf sie mir einen prüfenden Blick zu, und erklärte sich schließlich bereit, sich von mir einladen zu lassen. Ich ließ so ziemlich das Beste auffahren, was das Restaurant zu bieten hatte. Bald schon, so glaubte ich, würde ich mich wieder mit der eintönigen Heimkost begnügen müssen. Also feierte ich ganz legal meine erneute Verhaftung mit einer für meine Begriffe hübschen Frau.

Wie? Noch nie etwas von einem Mini-Playboy gehört? Mit Galgenhumor sagte ich ihr, dass dies wohl wieder einmal meine Henkersmahlzeit sein würde, bevor es wieder an den Einheits­fraß in irgendeinem Heim ging. Da legte dieses Wesen von einer Frau mir doch, wie ich es später noch oft in Filmen sehen sollte, eine Hand auf die meine: „Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Mischa! Es ist richtig, dass wir dich gesucht haben, aber wir haben dennoch ein Problem mit dir. Wir können vorerst kein Heim für dich finden, welches bereit wäre dich aufzunehmen!“ Na, dass war doch mal eine gute Nachricht, schoss es mir durch den Kopf. „Frei rumlaufen, bzw. bei deiner Mutter, die offensichtlich keine Macht über dich Rumtreiber ausüben kann, können wir dich aber auch nicht lassen!“ schickte sie aller­dings gleich einen Dämpfer hinterher. So jetzt kam wohl auch gleich der Pferdefuß zum Vor­schein. Ich schluckte. Ich muss gestehen, mir wurden die Augen feucht. Sie müssen wissen, dass ich trotz des widersprüchlichen Lebens eine sensible Ader habe. Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Nur selten, dass man mich sprachlos erlebte. Der Frosch in meinem Hals war diesmal schuld daran. Die Frau verstand es, auf meine Stimmung einzugehen. Sie ließ mir etwas Zeit bevor sie fortfuhr. Wie sie so meine Hand in der ihren hielt und mit dem Daumen meinen Hand­rücken streichelte, ging es mir bald wieder besser. Nur mein Herzklopfen blieb. Woher dieses Herzklopfen herrührte? Weiß der Teufel. Mephisto möge mir verzeihen. Dieser stand ja gleich vor dem Abgang zu diesem Restaurant. Allerdings nur in Bronze.[12] Aber wer konnte schon wissen … wenn man den Teufel anrief?!

Die Frau erklärte mich für verrückt, als ich ihr meinen Wunsch, mein Bedürfnis vortrug. Als Erwachsene, erst recht als Polizistin, hatte sie strickt etwas dagegen zu haben. Als Mensch aber, der sich in meine Lage versetzen konnte, drückte sie ein, nein beide Augen des Gesetzes zu. Sie selbst orderte beim Ober. Als dieser das Glas brachte, stürzte ich die 100 Gramm Wodka in einem Zuge, wie ich es bei den Russen gelernt hatte, hinunter. Ein anerkennender Blick meines Gegenübers ging mir durch Mark und Bein. Oder war es doch nur der Wodka, der heiß durch meine Adern floss? Stilgerecht stopfte ich zwar gleich ein Stück Weißbrot hinter­her, welches angeblich den Alkohol aufsaugen sollte damit er nicht so schnell ins Blut über­ging, wie man mir beigebracht hatte. „Ich verstehe gar nicht, warum du so aufgeregt bist. Du hast doch gar keine Veranlassung dazu. Hör doch erstmal, was ich dir zu sagen habe,“ beruhigte sie mich, als gerade der Hauptgang – Wildschweinkeule mit Preiselbeeren serviert wurde[13]. Ein zünftiger Rotwein gehörte natürlich zu solch einem Essen. Was auch von der Polizistin akzeptiert wurde. Schade, dass sie während des Essens ihre Hand von der meinen nehmen musste. Diese Geste hatte so ein nie dagewesenes angenehmes Gefühl in mir erzeugt. Schon vor dem Wodka war es mir dabei ganz warm ums Herz geworden. Keineswegs mit der tröstenden Hand meiner Mutter zu vergleichen. Nein. Ein ganz anderes Gefühl hatte mich dabei beschlichen. Das vorhergegangene Forellenfilet – in Auerbachs Keller und der Messestadt Leipzig gab es so etwas! – hatte den Hunger gerade mal so eben angekratzt. Jetzt während mein Gebiss dem Wildschwein den Garaus machte und sich mein Magen zu füllen begann (bei vollem Magen verhandelt es sich bekanntlich besser), kam die Frau mit ihrem Vorschlag heraus, den sie mir zu machen hatte. „Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt …

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Diener_zweier_Herren

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Egmont_(Goethe)

[3] Wer’s nicht mehr kennt, so sahen die aus:        strasenbahnertasche

[4] Nationale Volksarmee https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[5] Abschnittsbevollmächtigter https://de.wikipedia.org/wiki/Abschnittsbevollm%C3%A4chtigter

[6] Stimmt. „Die Nationale Volksarmee (NVA) war von 1956 bis 1990 die Streitkraft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[7] „Die Kasernierte Volkspolizei (KVP) war der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kasernierte_Volkspolizei

[8] Hier nur im Sinne von „sich herumtreiben“ http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/James_Cook

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller

[11] Faust, In Auerbachs Keller: Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller#/media/File:Auerbachs_Keller_Bronzegruppe_Faust.jpg

[13] Schulz: (hatte ich aus Rache für die Jagd bestellt, welche seine Verwandtschaft auf mich veranstaltet hatte, als ich sie vom Kartoffelacker vertreiben wollte.)

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

 

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

 Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

PDF: 12-suser

Wie geht es weiter?

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Elftes Kapitel

Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

Fast drei Jahre lang hatte ich der Leipziger Polizei ein Rätsel aufgegeben. Dabei hatten sie den so fieberhaft Gesuchten schon einige Male in ihren Händen gehabt. Aber ich will nicht vorgreifen, bzw. zurückgreifen auf die Zeit vor dem 17. Juni, meiner Verhaftung. Von Dresden (Moritzburg) nach Leipzig ging es diesmal bedeutend schneller. Wir brauchten unterwegs ja auch nicht mehr alle Nase lang anhalten und Holz in den Ofen werfen. Auf dieser Fahrt hatte ich die Sächsische Schweiz zu meiner Rechten und die Meißner Burg zur Linken. Die Gegend in Leipzig, wo wir dann schließlich vor einem für meine Begriffe schicken Gebäude anhielten, kam mir sehr bekannt vor. Richtig, gar nicht weit davon entfernt war ja der Leipziger Zoo. Niemals hätte ich vermutet, dass sich hinter dieser überdimen­sio­nalen hohen Mauer, ganz in Weiß wie das dahinterliegende Haus, ein Kinderheim verbergen könnte.

Meine Akte musste mir schon vorausgeeilt sein. Ohne dass meine Begleiter viel Worte mach­ten, wurde ich ziemlich frostig in Empfang genommen. Mit einem „Na, du Früchtchen-Blick“ wurde ich übernommen. „Auch dich werden wir kirre kriegen!“ mit diesen Worten wurde ich in eine kleine Dachkammer gesperrt. Innerlich musste ich denen schon Recht geben. Es war eine Strafe für mich, so isoliert von allen anderen die langen Tage zu verbringen. Ich erdrei­stete mich nach einem Buch zu fragen.

„Du ? Ein Buch? Du musst erstmal zur Besinnung kommen, in dich hineinhorchen. Damit hast du genug zu tun!“ wurde ich mit meinem Begehren schroff abgewiesen.

Eine uralte Zeitung fand ich dann unter der Matratze. Was ich da las, kannte ich schon vom Museum im Leipziger Rathaus her. Es ging in einem der Artikel darum, der friedliebenden DDR-Bevölkerung aufzuzeigen, welche Barbaren doch die Amerikaner seien. Hatten sie dem armen koreanischen Volke nicht die Kartoffelkäfer beschert? Bombenähnliche Hohlkörper waren im Museum zu sehen und Bilder mit abgefressenen Kartoffelstauden. Diese Bomben hatten angeblich die bösen amerikanischen Bomberpiloten über Koreas Äcker abgeworfen. Im Geographieunterricht hatte ich zwar gelernt, dass in der dortigen Region Reis die Hauptnah­rung sei, aber wer würde sich schon über solche Kleinigkeiten aufregen? Hauptsache war doch, dass man den bösen Amis wieder eine frevelhafte Tat unterjubeln konnte. Außer diesem und anderen weitaus schwerer verständlichen Artikeln hatte ich nichts, womit ich mich hätte ablenken können. Von meinem winzigen Dachkammerfenster aus hörte ich in den Schulpau­sen[1] draußen manchmal die Kinder toben. Wenn ich Glück hatte erhaschte ich auch mal einen Blick auf eines der Kinder, wenn sie sich ganz in der Nähe der Mauer aufhielten. Das Haus selbst schloss genau mit der etwa 5 Meter hohen Mauer ab. Außer gelb und rot werdenden Laubbäumen gab es für mich nichts weiter zu sehen.

Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden.

Dreimal am Tage bekam ich einen Erzieher oder Erzieherin zu Gesicht. Nur um mir das Essen reinzureichen wurde die Türe kurz geöffnet. Morgens und abends jeweils zwei Scheiben Brot mit an dem Gaumen kleben bleibender Braunkohlemargarine[2] bestrichen und dem obligato­rischen Malzkaffee. Erbswurstsuppe wechselte sich mit Steckrüben oder Kohlsuppe ab. Die Kohlsuppe z.B. war derart eingebildet, dass sie einen noch nicht einmal mit einem Fettauge anguckte. Immer wenn es Kartoffeln gab wusste ich, dass Sonntag war. Dazu ein Stück Bauch­fleisch oder eine Frikadelle. Der Nachtisch: eine Scheibe angebratnes Stück Weißbrot, etwas Vanillesoße drüber rundeten das Sonntagsessen ab. Ich war glücklich, als ich eines Tages außen auf dem Fenstersims versteckt einen Stummel Kopierstift fand. Damit hielt ich meinen Geist auf Trab. Ich begann Zahlen zu addieren, subtrahieren und dividieren. Das alles machte ich an der ölgestrichenen Wand. Wahrscheinlich bin ich heute noch so gut im Kopfrechnen.

Nach drei Wochen wurde ich zum ersten Mal aus meiner Abgeschiedenheit herausgeholt. Ich wurde einem vierköpfigen Lehrerkollegium vorgeführt. Dieses sollte prüfen, ob ich nach dem langen Schulausfall in der Lage wäre, mit dem Stoff der 6. Klasse mithalten zu können. Von der sechsten Klasse hatte ich ja noch nicht einen einzigen Tag Schule mitbekommen. Schon in der fünften Klasse hatte ich maximal an der Hälfte der vorgeschriebenen Schultage teilge­nom­men, und dennoch ein Versetzungszeugnis erhalten. Also an den Fehltagen der sechsten Klasse trug ich ja nun wirklich keine Schuld. Offensichtlich konnte ich die Pädagogen davon überzeugen, dass es sich erproben ließe, in die sechste Klasse eingewiesen zu werden. Sollte sich mein Niveau nach der Hälfte des Schuljahres nicht bestätigen lassen, so drohte man mir an, mich wieder in die fünfte Klasse zurück zu versetzen. Mir sollte das recht sein.

Im Gegensatz zu den Heimen, die ich bisher kennengelernt hatte (Westberlin-Aufenthalt ausgenommen), war hier alles picobello sauber und adrett. Schlafräume nur mit 4 oder 6 Jungs belegt. Sogar richtige Duschräume gab es hier. Solch einen Luxus hatte ich ja noch nicht einmal Zuhause gehabt. Dort wurde am Samstag noch die Zinkbadewanne mit Wasser gefüllt, wo wir dann alle drei (meine Schwester, meine Mutter und ich) nacheinander unser wöchentliches Vollbad nahmen.

Das Kämpferherz entschied einen Kampf.

Einiges musste bei meinen neuen Heimkollegen schon durchgesickert sein was meine Person betraf. Irgendwie wurde ich mit einer gewissen Ehrfurcht angesehen und auch so behandelt. Dafür stellten Erzieher wie auch Lehrer besondere Ansprüche an mich. Das störte mich aber keineswegs. Ich war ja von Haus aus lern- und wissbegierig. Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden. Putzen und Bohnern, Strümpfe stopfen und Sachen flicken, oder ob ich nun dran war: das Scheißhaus, der Gemeinschafts­raum, oder etwas anderes, – ich ließ mich nicht erschüttern. Wenn man in meinem frisch gemachtem Bett noch eine Falte vorfand und das ganze Bett wieder auseinander riß, was sollte es? Ich baute es nochmal, und nochmal! Bei solch kleinlichen Schikanen vergaß ich ganz meine Hasskappe aufzusetzen. Einem der etwas größeren Jungen ging es gegen den Strich, dass ich nun der Hahn im Korb war. Auch wegen der Mädchen. Von denen ich manchmal solche Zettelchen zugesteckt bekam, wo dann drauf stand: „Willst du mit mir gehen?“ Der Bursche begann seine Körpergröße und Kraft gegen mich auszuspielen. Ich wollte eigent­lich nur meine Ruhe haben und mich ganz auf meine neuerlichen Fluchtpläne konzen­trieren. Dabei konnte ich es mir nicht leisten bei den Erziehern unliebsam aufzufallen. Diese hatten sich schon etwas einschläfern lassen und glaubten nun schon fast selbst nicht mehr daran, dass ich so gefährlich sei, wie es aus meinen Akten hervorging. Je mehr ich diesen Kraftprotz links liegen ließ, desto wütender wurde der. Er glaubte anscheinend, dass ich zu feige sei es mit ihm direkt aufzunehmen. Er hänselte und schubste mich sobald ich in seine Nähe kam. Wenn möglich am liebsten, wenn Zeugen in der Nähe waren. Das alles aber ging mir kalt am Arsch vorbei. Ich hatte meine eigenen Pläne, die ich nicht gefährden wollte. Es kann den Ruhigsten dann doch mal was aus der Fassung bringen. Hatte ich mir schon genug von den Erwachsenen gefallen lassen müssen, so musste ich mir nicht auch noch von einem etwa Gleichaltrigen, bloß weil er einen Kopf größer und um einiges schwerer war, wehtun lassen. Vor diesem Bengel ging mir nun doch jeder Respekt ab, den ich vor Erwachsenen immer noch hatte. Nachmittags, draußen auf dem Hof beim Fußballspielen wurde der Kerl auch noch saurer auf mich, bloß weil ich etwas wendiger als er war, ihn ausgedribbelt hatte und mit dem Ball an ihm vorbeizog. Er lief hinter mir her, nahm mich ganz unsportlich in den Schwitzkasten. Wie man sich aus so etwas befreit hatte ich vom Mann meiner Schwester, der Offizier bei der NVA war, gelernt. Ein Fuß hinter dem seinen verhakelnd griff ich ihm urplötzlich fest in die Eier. Seine Arme ließen ganz schnell meinen Hals frei. Um meinem unsanften Griff zu ent­gehen machte er einen Schritt rückwärts, und fiel prompt auf seinen Allerwertesten. Dass die Zuschauer auch noch darüber lachten trug nicht gerade zu seiner Wertsteigerung bei. Er rap­pelte sich wieder auf und wie ein wütender Stier griff er mich wieder an. Damit hatte ich gerechnet. Geduckt, dabei seine Fäuste wie Windflügel gebrauchend, stürzte er sich auf mich. Oder wollte es zumindest mit seinem Gewicht erreichen mich zu Boden zu werfen, wo ich natürlich der Unterlegene sein musste. Ein kleiner Sidestep, ein Griff in seine Mähne, dass Knie hochreißen, sein Nasenbein damit zertrümmern, war Sekundensache. Dafür hatte ich dann aber auch für den Rest meines Aufenthaltes in diesem Heim meine Ruhe. Ich war auch gar nicht weiter rachsüchtig gegen ihn. Bloß hin und wieder, wenn er anderen gegenüber wieder mal den starken Mann rauskehren wollte, trat ich ihm kräftig in den Arsch. Sobald er festgestellt hatte, woher der Tritt gekommen war, wurde er gleich wieder lammfromm. Nicht die Größe und das Gewicht waren bei einem Kampf ausschlaggebend. Das Herz! Das Kämpferherz entschied einen Kampf. Na ja, ein wenig Brutalität gehörte auch dazu, um dem anderen den Schneid abzukaufen. Es gibt eben Typen die nur diese Sprache verstehen. Mir sollte es recht sein. Von mir bekam jeder das was er brauchte. Ich sah einfach nicht ein, dass man sich auf meine Kosten amüsierte.

Mir wurde gleich Platz gemacht.

Der Respekt mir gegenüber bei den Kindern wuchs dann noch etwas, als sie die Bestätigung dafür bekamen, was sie vorher nur hatten munkeln hören. Eines Nachts, ich wurde richtig ungehalten über die Störung meines Schlafes, wurde ich gleich von mehreren Kindern in meinem Bett umringt. Ganz aufgeregt verlangten sie von mir, dass ich in den Dusch- und Waschraum gehen solle. In meinem nachtduseligen Kopf glaubte ich zunächst, dass man mich in eine Falle locken wolle. Da sie alle ziemlich aufgeregt durch­einander redeten, begriff ich gar nicht so schnell, worum es überhaupt ging. Ich drohte ihnen Prügel an, wenn sie mich nicht in Ruhe weiter schlafen ließen. Die aber waren viel zu aufgeregt, als dass sie sich davon abschrecken ließen. Endlich war ich ganz wach. Ich ließ mich von den Kindern in Richtung Waschraum ziehen. Ich war Baff! Da standen doch tatsächlich im Waschraum sieben über­näch­tigte Kinder wie ein einziges Häufchen Elend und ließen sich von den einheimischen Kindern verschüchtert anglotzen. Mir wurde gleich Platz gemacht, als mich die Delegation, die man eigens um mich abzuholen ausgeschickt hatte, in den Waschraum führte.

Wie war das denn möglich? Ich dachte, ich sollte nie mehr mit einem der Kinder aus dem Waldheim zusammenkommen. Und das auch noch mitten in der Nacht. Die fünf Jungen und zwei Mädchen atmeten sichtlich auf, als sie meiner ansichtig wurden. Es war doch immer wieder schön alte Freunde in der Fremde wiederzutreffen. Langsam aber wurde es eng mit den vorhandenen Heimplätzen in der DDR. Diese 7-köpfige Bagage war nur nach Leipzig gekommen, weil es ihnen auch in dem Heim, wo sie nach dem Brand hingekom­men war, nicht besonders gefallen hatte. Sie waren der Meinung gewesen, was einmal so gut geklappt hatte, wäre wiederholungswürdig. Mein erster Gedanke war: Das werden sie dir doch nun nicht auch noch in die Schuhe schieben wollen?

So wie die Erzieher und Lehrer mich am nächsten Tag anschauten, kam es mir so vor als würden sie! Na, sollten sie. Ich war inzwischen Kummer gewohnt. Ich hatte ohnehin nicht vor noch lange hier zu verweilen und noch weitere Kinder zu verderben. Ich hatte längst, allen Unkenrufen zum Trotz, einen Weg gefunden, wie ich auch hier rauskommen konnte. Über die Mauer war schier unmöglich, das stimmte. Vorgänger von mir hatten auch schon versucht, den Pförtner auszutricksen, indem man auf einen Augenblick wartete, wo der Pförtner das Tor für einen Besucher öffnete, um dann zu entwischen. Doch, wie mir schon der Eine aus meiner Dresdner Eskorte erzählt hatte, hatte es bei dem nur für ein paar hundert Meter gereicht. Ich dagegen hatte mir etwas unmöglich Scheinendes ausgedacht. Zwar mit großem Risiko behaf­tet, aber das war mir meine Freiheit wert. Hatten mich die englischen Bomben nicht umge­bracht, die russischen Tiefflieger nicht getroffen, so würde das Glück schon auch diesmal auf meiner Seite sein.

„Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab.“

Wurde das Grundstück an der Vorderseite durch die hohe Mauer unüberwindlich, so wurde die Rückseite von der Schwarzen Pleiße abgegrenzt. Nur ein echter Leipziger, der die Pleiße kannte, konnte ermessen, was das hieß. Brrrr. So eine stinkende Dreckskloake auf der die meiste Zeit halbmeterhoch der weiße Schaum von chemischen Abwässern schwamm. Bloß gut, dass ich hier nicht hatte den Sommer verbringen müssen. Alleine der Gestank schreckte vor einem Überqueren ab. Hinzu kam, dass sich unter dem träge dahin fließendem Wasser eine dicke Schlammschicht befand. Abgesehen davon, dass die Pleiße hier auch eine stattliche Breite von ca. 8 Metern erreichte, schien sie auch ansonsten unüberwindlich zu sein. Selbst wenn man den Ekel überwinden konnte, diese Drecksbrühe zu durchschwimmen, war wohl gewährleistet, dass man mitten im Schlamm stecken blieb. Ich konnte mir eine bessere Art, Selbstmord zu begehen, vorstellen. Aus diesem Grunde war sich die Heimleitung auch sicher, dass es erst niemand versuchen würde, über diese natürliche Grenze zu entwischen. Es wurde den Kindern ja auch immer in regelmäßigen Abständen unter die Nase gerieben, wie gefähr­lich dieser Fluss sei.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass eine Gefahr, die man kennt, keine Gefahr mehr darstellt. Ich war weder besonders sportlich noch musikalisch. Das musikalisch erwähne ich nur deswe­gen, weil diese beiden Fächer in der Schule meinen Notendurchschnitt enorm in Mitleiden­schaft zogen. So hatte ich in meinem letzten Zeugnis nur einen Durchschnitt von 2,2. Meine Ernährung in Kindertagen, Katzen, Frösche, Igel, Kohl und Rüben, hin und wieder auch mal ein wenig Pferdefleisch, hatte bei mir keinen besonderen Muskelaufbau bewirkt. Ich war ein leichtgewichtiger Floh. So war ich eigentlich in der Schule immer nur im Hochsprung einer der Besten. Aber das zählte nicht. Für ein Kletterseil oder Bocksprung reichte meine Armkraft bei weitem nicht. Erst bei der Bundeswehr brachte ich es auf fast allen Gebieten zu über­durch­schnitt­lichen Leistungen. Für das, was ich vorhatte, würde meine Sportlichkeit schon ausreichen. Vor allem deshalb, weil ein besonderer Wille dahintersteckte. Der Drang zur Freiheit. Mal wieder in den Armen der Mutter zu kuscheln. Meine Kraft musste ganz einfach ausreichen. Es gab nur diese eine einzige Chance von hier wegzukommen.

Zum Heimgelände gehörte auch ein Garten, der hauptsächlich von den Kindern gehegt und gepflegt wurde. Die Ernte jedoch, so erfuhr ich von den ansässigen Kindern, fuhren die Erzie­her und Lehrer ein. Was machte es da schon, wenn ich mir heimlich eine Bohnenstange stibitzte? Damit diese nicht entdeckt wurde, meldete ich mich freiwillig dazu, das gesamte Laub der Bäume, das in dieser Jahreszeit reichlich anfiel, zusammenzufegen und auf einen Haufen zu sammeln. Zwar löste es bei den Erziehern einige Überraschung aus, dass ausge­rechnet Schulz sich zu einer freiwilligen Arbeit meldete, aber damit hatte es sich auch schon. Man ließ mich gewähren. Es wurde bewilligt. Schon alleine aus dem Grunde, weil es die Jahre vorher immer auf Schwierigkeiten gestoßen war, Freiwillige dafür zu finden. Unter diesem Laubhaufen ließ sich meine eigens dafür ausgesuchte Bohnenstange vortrefflich verstecken. Dies erwähne ich nur deshalb, damit niemand auf die Idee kommt, Schulz wäre auf dem Wege der Besserung oder zu den „Radfahrern“ übergelaufen. Keine Bange, die Geschichte geht weiter! Mit anderen, kürzeren Stangen die nicht so sehr auffielen und irgendwelchen Argwohn hätten hervorrufen können, lotete ich mehrmals, in günstigen Augenblicken, die Schlammschicht der Pleiße aus. Ich machte dann auch eine Stelle aus, wo der Untergrund nicht allzu tief zu spüren war. Durch einige Gegenproben war ich mir der Sache bald sicher. Hier, und nirgendwo anders musste ich meine Stange eintauchen. An einem der letzten schönen Oktobertage des Jahres 1953 verabschiedete ich mich dann auch ganz höflich von meinen Leidensgenossen und natürlich auch von Erziehern und Lehrern, die gerade Hofdienst taten. Doch ja, ich konnte auch ein höflicher Mensch sein. Das bewies ich hiermit allen. Dabei hoffte ich inständigst und mit rasendem Herzklopfen, dass alles so verlaufen würde, wie ich es mir ausgedacht hatte. Ich hatte nur den einen Versuch. Zum Proben hatte ich keine Gelegenheit. Entweder es klappte auf Anhieb oder ich war der Blamierte. Vielleicht aber ersoff ich auch nur ein wenig in diesem Pleißeschlamm. Alles war mir lieber, nur nicht mehr dieses Heimleben! Unter dem schön aufgeschichteten Laubhaufen, der etwas abseits vom Pausenhof lag, zog ich meine Bohnenstange hervor, winkte und rief den verdutzt herüberstarrenden zu: „Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab. Ich finde dieses Heim wie alle anderen zum Kotzen!“ Schon das „Hallo Leute!“ hatte ich laut genug gebrüllt, um mir selbst Mut zu machen, und damit ich auch sicher sein konnte, dass mich alle hören konnten. Alle hielten in ihrer jeweiligen Beschäftigung inne. Alle starrten zu dem Verrückten rüber. Auch die beiden Erzieher und der Lehrer des Hofdienstes. Ich glaube ein mitleidiges Grinsen in ihren Gesich­tern noch erkannt zu haben, bevor ich die Stange zur Hand nahm. Ich hatte nie mehr die Gelegenheit danach zu fragen, was sie bei meiner Ankündigung genau gedacht hatten. Ich hatte etwa 40 Meter Vorsprung. Die Erstarrung ausnutzend, die meine Ansprache – Abschieds­worte – hervorgerufen hatten, griff ich mir meine Stange fester und … nahm Anlauf. Wie eine Hochsprungstange richtig angefasst wurde, hatte ich mir genau gemerkt, als uns mal ein Film der Spartakiade[3] vorgeführt worden war und wo bei mir die Idee geboren wurde, auf welchem Wege ich auch dieses Heim verlassen könnte.

Meinen Anlauf beschleunigend hatte ich nur den einen Gedanken: Nur ja nicht die richtige Stelle verfehlen, wo der Stab ins Wasser getaucht werden musste. Nur ganz verschwommen nahm ich das Gejohle meiner Mitschüler/innen wahr. Mir ist nicht erinnerlich, ob auch Erzieher und Lehrer in dieses Gejohle eingestimmt haben. Ich traf die richtige Stelle. Wie aufgezogen, mich am Stab festklammernd, wurde ich in die Höhe gezogen. „Das geht ja fast wie von selbst!“ dachte ich bei mir. Ich fühlte mich für Sekunden wie beschwingt als ich spürte, dass ich sicher am anderen Ufer anlangen würde. Losgelöst von der Erde, was ja im wahrsten Sinne des Wortes auch stimmte, jauchzte ich innerlich vor Freude. Einerseits weil ich mich der Freiheit näher fühlte, zum anderen weil ich allen anderen wieder mal ein Schnippchen geschlagen hatte. Dieses Gefühl des Triumphes kostete ich dann auch noch richtig aus. Ich landete gar nicht mal so unsanft auf dem gegenüberliegenden Ufer, drehte mich um, stieß beide Fäuste in die Luft und brüllte (was, weiß ich nicht mehr, sofern ich mich überhaupt selbst hörte, weil mein Herz so sehr pochte) meinen Frust heraus, der von mir abgefallen zu sein schien. Die teils blöd dreinschauenden, teils lachenden Gesichter werde ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen, die ich dort auf der anderen Seite des Flus­ses zurück ließ. Die Kinder winkten mir größtenteils freudig erregt zum Abschied, während das erboste Personal lautstark verlangte, dass ich zurückkäme.

Fußnoten

[1] Schulz: (Die Schule war im Heimgebäude integriert, wie fast in allen Heimen.)

[2] Funktionieren müsste das Ganze folgendermaßen: Mittels Kohlevergasung wird aus glühender Kohle und Wasserdampf Synthesegas (Kohlenmonoxid und Wasserstoff) gewonnen. Aus dem Synthesegas gewinnt man mittels des Fischer-Tropsch-Verfahrens Kohlenwasserstoffe (Mineralöl ). Denen wird eine Carboxylgruppe verpasst. Durch Veresterung von Glycerin mit den Fettsäuren (=Monocarbonsäuren) bekommt man ein Fett (Margarine) Guten Appetit http://www.chefkoch.de/forum/2,52,236032/Butter-aus-Kohle.html

[3] Die Kinder- und Jugendspartakiaden waren in der Deutschen Demokratischen Republik … regelmäßig veranstaltete Sportwettkämpfe. Sie sollten Kinder und Jugendliche zu regelmäßiger sportlicher Betätigung anhalten, dienten aber auch der frühzeitigen Erkennung potenzieller Leistungssportler. https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Jugendspartakiade

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

 PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Wie geht es weiter?

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« X

logo-moabit-k

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Zehntes Kapitel

Bambule[1]

Unsere Erzieher, 3 Männer, zwei Frauen, genossen offensichtlich diese idyllische Ruhe hier am Arsch der Welt. Niemand kontrollierte ihre „Arbeit!“. Sicherlich hatten sie ihre regelmäßi­gen Mahlzeiten, während bei uns gestreckt werden musste, weil die fällige Lebens­mittelliefe­rung wieder mal auf sich warten ließ. Selbst deren Liebesleben schien in Takt zu sein. Wer mit wem, dass hatten wir allerdings nicht so richtig herausbekommen. Hatten doch ihre Behau­sungen ihre Eingänge zur entgegengesetzten Seite. Dass es aber zwischen denen ein reges Liebesleben gab, konnten wir sehr bald selbst anhand von an den schönen weißen Bett­laken feststellen, auf denen die Erzieher sich räkelten. Wir dagegen hatten so ’ne grau-blaue Unterlage, die überall hässliches Hautjucken verursachte.

ein großes Hakenkreuz als Protest

Weil eines der Fenster einer Erzie­he­rin so schön weit offen stand, stieg ich ins Zimmer ein und nahm ihr schönes weißes (jedenfalls zum größten Teil weiß, ansonsten war eben das Liebesleben darauf abgebildet) Bettlaken weg. Ich machte mir keine Gedanken darüber, ob das überhaupt stilgerecht oder gar zeitgemäß war. Mit blauer Tinte (die hatten wir schon) malte ich ein großes Hakenkreuz drauf. Ich will noch nicht einmal beschwören, dass ich die Winkel in die richtige Richtung einzeichnete. Aber als ich mein Kunstwerk aufs Dach brachte, es dort an einer langen Stange befestigte und diese Stange wiederum am Schornstein festband, da erkannte man an der ganzen Art wie ich es tat, dass es als Protest gedacht war. Mir wurde natürlich seitens der Erzieher gleich vorgeworfen, weshalb ich im Heim sei und keine Besserung zeigen würde und bla…bla…bla. Mit seinem Gürtel drohend vor meiner Nase herumfuchtelnd verlangte doch einer der Erzieher tatsächlich von mir, dass ich freiwillig her­un­terkommen solle, um mir eine Tracht Prügel abzuholen. Hielt der mich etwa für blöd? In seiner ohnmächtigen Wut schlug er wild um sich. Das er dabei unglücklicherweise eines der wenigen Mädchen traf, auch ein Heimkind natürlich, das war der Auslöser dafür, was nun geschah. Wütend stürzten sich ein paar beherzte Jungs auf den Erzieher und schlugen nun ihrerseits mit ihren Knüppeln auf ihn ein. So eine feige Memme. Anstatt sich ordentlich zu wehren, begann er schon nach den ersten Schlägen, zu flennen und zu jammern. Jetzt waren auch die Jagdinstinkte und die aufgestaute Wut in den anderen Jungs erwacht. Die vielen kleinen Repressalien kamen in ihnen hoch. Bevor sich die übrigen Erzieher von dem Schock über so etwas noch nie Dagewesenes erholen konnten, waren sie ebenfalls umringt, bekamen Prügel wie sie es nur gewohnt waren welche auszuteilen. Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird.

Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird

Ich brauchte gar nicht helfend einzugreifen. Von meinem Dach herunter hatte ich einen Logenplatz, um das Geschehen bestens im Auge zu haben.

Ich hätte ohnehin keine Stelle mehr gefunden, wohin ich meinen Stock hätte schwingen kön­nen. Die dichte Traube der übrigen Kinder ließ nur erahnen, wo sich der verhasste Feind befand, wenn ihre Knüppel niedersausten. Nur einer von uns besaß eine richtige, funktio­nie­rende Waffe. Das war ich. Aus dem ganzen verrottenden Zeug hatte ich mit viel Öl und akri­bischer Putzarbeit einen russischen Trommelrevolver, wie sie von den Panzerfahrern benutzt wurden, wieder funktionsfähig gemacht. Diesen Schatz hütete ich wie meinen Aug­apfel. Muni­tion fand man hier allenthalben noch kistenweise. Trotz meiner Hasskappe war ich längst noch nicht blutrünstig. Nur eben, dass mir die Waffe ein Gefühl der Sicherheit und Größe verlieh, durch die ich meine tatsächliche mickrige Körpergröße ausglich.

Es half nichts, dass ich mir die Kehle heiser schrie. Keiner wollte mit dem Eindreschen auf seine Peiniger wieder auf hören. Jeder hatte irgendwie ein persönliches Hühnchen mit den Erziehern zu rupfen. Da meine Mahnungen nicht erhört wurden, zog ich unter meiner Wind­bluse den Revolver hervor und ballerte in die Luft. Nach dem vorhergegangenen Spektakel trat urplötzlich eine fast erdrückende Ruhe ein. Schon alleine die kurze Unterbre­chung ließ in die Köpfe der prügelnden Kinder wieder Besinnung einkehren. Zum Teil verschämt auf ihre Schlag­stöcke schauend, so als fragten sie sich selbst, wie diese in ihre Hände gekommen sein mochten, zum Teil verlegen zu mir heraufschauend lichtete sich das Knäuel etwas. „Findet ihr das nicht ganz schön happig?“ zeigte ich auf die am Boden liegen­den Erzieher. „Naa, Duu has das Gansse doch angefangen!“ sächselte mich von unten einer her an.

Doch das sahen nicht alle so. Es entstand wieder erneut Tumult dort unter mir. Ausgerechnet jetzt und heute kam mal wieder ein Lieferant mit seinem knatternden Opel Blitz aufs Heim­ge­lände gefahren. Der erkannte sofort, was hier vor sich gegangen war. Aus Angst, dass man ihn genauso behandeln würde wie die blutig am Boden liegenden Erzieher, schwang er sich sofort wieder hinter das Lenkrad seines Vorkriegsmodells von Auto und raste im Rückwärts­gang wieder die Auffahrt zurück. Was das zu bedeuten hatte wurde uns allen blitzschnell klar. Selbst die schwerfälligsten Denker begriffen nun, was sie sich da eingebrockt hatten. Ziem­lich kopflos und ohne strategisches Konzept verkrümelten wir uns tiefer in den Wald. Dort waren wir unschlagbar. Dachten wir. Kannten wir doch im weiteren Umkreis jeden Baum und Strauch. Ging ja auch in den ersten Stunden auf unsere Rechnung. Die Polizei kam dann ja auch gleich (gleich, heißt nach etwa zwei Stunden) mit einer Hundertschaft ange­rückt. Einmal ausgebüxte Halbwüchsige, kriegserfahrene Kinder lassen sich nicht so ohne weiteres durch gutes Zureden wieder aus dem Wald locken. Als das nichts an Kindern aus dem Wald hervor­lockte, riefen sie wieder, diesmal mit einem Megaphon, schon etwas bar­scher und rückten gleichzeitig in Schützenlinie in den Wald vor. Natürlich hatten ihnen die zurückge­blie­benen Erzieher unsere Fluchtrichtung angezeigt. Als es der Polizei dann zu bunt wurde auf uns zu warten, begannen sie also den Wald zu durchkämmen. Sie gingen über uns hinweg, traten zum Teil auf uns drauf, gingen in Armlänge an uns vorbei. Die Uniformierten kannten den Wald eben nur als Wald. Wir aber kannten ihn aus dem FF. Dieser Wald war eben unser Wald geworden. Langsam begann der Septembertag zur Neige zu gehen. Jetzt mussten die Vopos schon ihre Taschenlampen zu Hilfe nehmen. Dann begannen sie auch noch auf den LKW Scheinwerfer zu montieren, um den Wald auszuleuchten.

War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest.

Immer eindring­licher wurden wir aufgefordert doch endlich aus unseren Verstecken hervor­zukommen. Natür­lich mit dem leeren Versprechen, dass uns ja auch gar nichts passieren würde. Je weiter die Dunkelheit fortschritt, desto deutlicher konnte man aus der Stimme des Sprechers seine Wut heraushören, der sich von ein paar Dreikäsehochs an der Nase herum­geführt sah. Der Kommandant der Hundertschaft schien sich der Lächerlichkeit preisgegeben. War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest. Es musste dann später noch jemand ande­res gekommen sein. Die Stimme am Megaphon war eine andere. Diese neue Stimme verlegte sich aufs Einschmei­cheln. Er würde uns ja sehr gut verstehen, man könne doch über unsere Probleme auch in aller Ruhe reden. Es wäre sicherlich so Einiges nicht nach unserer Zufrie­den­heit verlaufen, aber das würde sich doch ändern lassen. Und so’n Zeugs gab er pausenlos von sich.

Nicht alle 70 Kinder hatten solche Nerven wie ich. Auch waren sie anscheinend noch nicht so oft von Erwachsenen, bzw. Polizisten angelogen worden oder hatten deren Lügen nicht als sol­che erkannt, weil eben so geschickt gelogen wurde wie eben jetzt. Bei den ersten bröckelte die Standhaftigkeit. Es wurde immer kühler in dieser Septembernacht. Von den ersten Abtrün­nigen hatten die Bullen wohl auch schon einige Informationen über die Hintergründe unserer „Revolution“ erhalten. So konnte die neue Stimme wieder dahingehend kommen­tie­ren, dass uns nichts geschehen würde, da wir ja allem Anschein nach sogar im Recht gewe­sen seien. „Kommt raus Kinder, hier wartet was Warmes zu essen und auch euer war­mes Bett auf euch!“ König Hunger und Graf Müdigkeit übernahmen nun das Kom­mando auch bei den standhaft gebliebenen. Vor, neben, hinter mir löste sich einer nach dem anderen aus seinem Versteck und gab auf. Die Kapitulation war perfekt. Wie mochte wohl einem Feldherrn zumute sein, wenn er seine Truppen zurückweichen sieht und die Schlacht für verloren erklä­ren muss? Ich will ja gar nicht so vermessen sein, mich mit einem Feldherrn vergleichen zu wollen. Ich hatte im Geschichtsunterricht großen Respekt vor solchen Herren. Vor allem die, die Völkerschlacht[2] bei Leipzig so bravourös gegen Napoleon geschlagen hatten. Nein, mein Name war schlicht und einfach nur Schulz, ein Feldherr war ich schon lange nicht. Hatte ich denn überhaupt eine Schlacht angezettelt? Also nahm ich erstmal Abschied von meinem Revo­lver, der eigentlich völlig zweckentfremdet einen, oder gar mehrere? Totschläge verhin­dert hatte, und begab mich als letzter in die Hände meiner Feinde. Ich wurde sehnsüchtig-nervös, aber doch sehr freundlich (erinnern Sie sich noch was ich über freundliche Polizisten geschrieben habe?), aufgenommen. Mädchen und Jungs plauderten angeregt mit den Bullen, hatten zum Teil deren Uniformmützen auf ihren Köpfen (diese Verräter!) und ließen sich auch die Waffen erklären, mit denen man uns vor kurzem noch hatte Angst einjagen wollte. Es war allenthalben eine lockere Stimmung festzustellen. Es wurden jede Menge belegte Brote und Brauseflaschen herumgereicht. Deeskalation nennt man so etwas wohl.

Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht.

Ich frage mich noch heute, wo man das alles her hatte. Wann hatte es so etwas hier schon mal gegeben. Erschöpft durften wir dann auch gegen Mitternacht in unsere warmen Betten schlüp­fen. Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht. Am nächsten Morgen waren immer noch 30 Mann der Truppe in unserer Nähe. Andere. Und, ein paar Zivilisten. Von unseren Erziehern weit und breit nichts zu sehen. Wir erfuhren lediglich, dass sie alle im gleichen Krankenhaus untergebracht seien. Wie fein! Die waren also bestens ver­sorgt. Wir mutmaßten, dass sie schon der Blamage wegen hier niemals wieder auftauchen würden. Zunächst aber einmal wurde mir gesagt, dass ICH hier niemals wieder auftauchen würde, und auch nie wieder mit einem der Kinder aus diesem Heim in Kontakt treten könne. Man wüsste ganz genau, dass ich, Dieter Schulz, an dem ganzen Desaster die Schuld trüge. Das könnte mir eines Tages noch ganz schön sauer aufstoßen. Ich war der Erste und blieb auch der Ein­zige, den man in das Büro geholt hatte, wo ich diese Vorwürfe über mich ergehen lassen musste. Mir wurde gerade noch soviel Zeit eingeräumt meine persönlichen sieben Sachen einzupacken. Dann sollte es losgehen. Diesen Fehler hätten sie lieber nicht machen sollen. Man unterschätzte ganz einfach die Tatsache, dass ich immer noch (oder jetzt erst recht) meine Hasskappe trug. Ein paar verlässliche Freunde wusste ich immer noch unter den Jungs. Vor allem die beiden, mit denen ich den unvergesslichen Berlintrip unternommen hatte. Ich musste, durfte mich bei ihnen verabschieden. Über das Wieso und Weshalb gab ich ihnen als Auskunft, was ich von den Kripo(?)-beamten erfahren hatte. Eine so dahin gemachte Bemer­kung, der man natürlich nicht nachzukommen brauchte, brachten die Jungs auf Trab. Ich beeilte mich nicht allzu schnell zu den Bullen zurückzukehren, obwohl ich im Grunde genom­men heilfroh war von diesem Arsch der Welt wegzukommen. Vielleicht hatte man ja woanders bessere Chancen für eine Flucht.

Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“

Ich hatte mich in meinen vergangenen Weggefährten nicht getäuscht. Meine Bemerkung hatte sie befruchtet. Zwei der Zivilisten setzten sich mit mir in ein Auto. Wie üblich erfuhr ich noch nicht einmal, wohin man mich bringen würde. Dafür erfuhren die Bullen aber, dass es manch­mal doch besser ist, gleich mit vier, anstatt nur einem Reserverad unterwegs zu sein. Die ein­zige Ein-und Ausfahrt war gespickt mit verbogenen, rostigen Nägeln und ähnlichen spitzem nützlichem Zeug. Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“, und der Wagen erfüllte schon nicht mehr den Zweck eines Fortbewegungsmittels. Selbst die Luft der kräf­tigsten Flüche konnte die vier Platten Reifen nicht mehr aufpumpen. Diesen Kraftakt hätten sie sich also sparen können. Ich war ganz Unschuld, trotzdem kreidete man mir auch diese Untat an. Immer ich! Das ging mir langsam auf den Keks, dass ich für alles herhalten musste. Diese bösen gegen mich gerichteten Worte verengten meine Hasskappe nur noch. Nichts­desto­trotz funktionierte mein Gehirn noch vorzüglich. Es war zunächst für meinen eigent­lichen Rache­plan Zeit gewonnen. In einem Staat, wo selbst für Fahrradschläuche eine Dring­lichkeitsbe­schei­nigung vorgelegt werden musste, worauf man einen Bezugsschein erhielt, aber noch lange nicht einen neuen Fahrradschlauch, in solch einem Staat hatten selbst die Bullen Schwie­rigkeiten, Ersatzschläuche für vier Autoreifen heranzuschaffen.

Ich kam also zunächst einmal wieder in meiner Baracke unter. Allenthalben murrten auch schon wieder die Kinder. Hatte man doch nun erfahren was von den gestrigen Versprechun­gen zu halten war. Von wegen niemandem würde etwas passieren. Ein Versprechen gebro­chen, was würde aus den anderen? Die neuen Erzieher (?) machten kaum den Eindruck, als würden sie uns menschlicher, d.h. wie Kinder behandeln. Erst war es ja nur ein Gedanke gewesen, der mich beschäftigte, wie ich mich für das angetane Unrecht rächen könnte. Dann aber, als alle Jungen und Mädchen draußen saßen und ihre Schuhe, als Beschäftigungsthera­pie oder auch zur Strafe putzen mussten, ging mir ein Licht auf. So hell wie Osram! Wie man damals zu sagen pflegte. Das hornissengestochene Monster sah schon wieder ganz leidlich aus. Er hatte schon wieder menschliche Züge angenommen, dank der sich selbsthelfenden Natur. Der Junge hatte etwas mehr Anteilnahme von Seiten der Bullen erwartet, als er seine Version, wieso er mitgeprügelt habe, darlegte. Uns erstmal aus dem Wald gelockt wurden keine Gründe akzeptiert, die die Meuterei rechtfertigten. „Du siehst doch, dass deine Erzieher recht hatten als sie sagten, dass die Natur sich immer selbst zu helfen weiß,“ wurde er beschie­den. Auf so wenig Verständnis für seine erlittene Pein stoßend begann er zu schmol­len. Mürrisch ließ er seine angestaute Wut an der Schuhwichse und den zu putzenden Schu­hen aus. „Dass ihr mir ja auch die Absätze und Stege gut eincremt. Ihr wisst doch, dass Wasser der größte Feind des Leders ist, dem wollen wir doch, wenn möglich, keine Angriffs­fläche bieten, oder?“ beaufsichtigte einer der neuen Erzieher (?) das Schuheputzen draußen auf dem Hof. Diese fast kiloschweren Schuhwichsdosen, die jedes Kind erhielt, enthielten irgend so ein traniges, schleimiges Zeug, was man wirklich nur mit dem besten Willen mit der heutigen Schuhcreme vergleichen konnte. Alte Lappen damit getränkt, um einen Stock gewickelt, ergab das tranige Zeugs eine schöne Fackel. Gespielt hatten wir schon damit. „Wann kommt denn nun ein Arzt, um sich deinen Stich mal anzusehen?“ hänselte ich den leidgeplagten Bengel. Wütend schaute er mich an, „hier kannste verrecken und die holen keinen Arzt!“ schrie der Junge, warf seinen Schmiertopf und Cremebürste hin, rannte heulend davon. Irgendwie ging uns das allen an die Nieren. „Ich bin hier ja bald weg, Gott sei Dank! Es geht mich ja auch nichts weiter an, aber glaubt ihr etwa, dass sich hier viel ändern wird?“ Damit begann ich einen alten Lappen um einen Stock zu wickeln, nahm aus einem paar Schu­he die Schnürsenkel heraus, schnürte damit den Lappen am Stock fest, stocherte mit dem so umwickelten Stecken in einer Schuhwichsdose herum, und fragte die herumsitzenden Lei­dens­genossen, ob sie sich noch an unsere Spiele mit den selbstgebastelten Fackeln erin­nern könnten. „So was macht doch nur im Dunkeln Spaß“, hörte ich einen sagen. „So?“ Eine Dose in die Linke, die Cremebürste in der rechten Hand, trat ich an die am nächsten stehende Barackenwand und begann diese wie ein Maler anzustreichen. Noch war überhaupt kein Begreifen in den Augen der zuschauenden Kinder zu erkennen. Erst als ich den gesamten Inhalt der Dose an der Wand verschmiert hatte, meine kalte Fackel gegen die Wand hielt und fragte: „Was würde wohl geschehen, wenn ich jetzt ein brennendes Streichholz an die Fackel halte?“ begann es bei den meisten zu dämmern. Ja, ich sah regelrecht die Lichter bei ihnen aufgehen. Ich hatte den übrigen, bei meiner Ehre, wirklich nicht empfohlen mit ihrer Schuhwichse ebenfalls so rumzuaasen.

Selten habe ich Kinder meines Alters mit solch einem Eifer arbeiten sehen. Zuerst waren es meine Ex-Reisegefährten, die damit begannen, dann immer mehr, bis sie sich schließlich fast darum rauften eine freie Fläche an der Holzwand zu finden, wohin sie den Inhalt ihrer Dosen schmieren konnten. „He, he, es gibt doch eine ganze Menge Wände hier. Warum nur diese eine? Ihr wollt doch Nägel mit Köpfen machen, oder!?“ Ich wollte ja nur nicht, dass die Kin­der sich stritten und … alle Wände schön gleichmäßig aussahen.

Ich begab mich kackfrech ins Büro.

Meine Leidensgenossen sahen dies auch sogleich ein. Sie verteilten sich, ohne dass einer das Kommando übernahm. Das lief ja bestens. Ich begab mich kackfrech ins Büro, wo die erreg­ten Bullen nervös rauchend herumsaßen und mich bitterböse anschauten. Tja, wenn Blicke töten könnten. Zwar gab es in diesem Teil Deutschlands die Todesstrafe, aber doch nicht ohne Gerichtsurteil.[3] Und auch nicht gegen Kinder. „Was gibt’s – was willst du?“ „Ich wollte nur mal fragen, ob wir heute noch losfahren, oder ob ich meine Sachen für die Nacht wieder aus­packen kann?“ fragte ich ganz demütig. „Du hältst dich bereit. Du wirst hier keine einzige Nacht mehr verbringen!“ wurde ich angefaucht. Wie Recht sie doch hatten. Keiner würde hier mehr auch nur noch eine Nacht verbringen! Nie mehr! Besser konnte ich ja wohl kaum jeman­den von meiner Unschuld überzeugen. Als es nämlich an allen Ecken und Enden zu brennen begann, war ich ja nachweislich im Büro bei den Bullen. Das Feuer war noch gar nicht bis zum Büro vorgedrungen, da sprangen die Typen hoch als würde es unter ihren Bullenärschen schon brennen.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“ damit wurde ich am Genick gepackt und aus dem Büro geschleift. Immer ICH!

War das Schön! Die Bullen auch mal sprachlos zu sehen. Das Feuer an sich hatte ja noch einen ganz tollen Nebeneffekt.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“

Vor Wochen schon waren wir Heimkinder angehalten worden, in der Umgebung immer mit einem Sack unterwegs zu sein, um alle Kastanien und Eicheln im Wald aufzusammeln. Diese sollten dann an den Dresdner (?) Zoo abgeliefert werden. Für die Tiere dort. So lagerten zig Zentner trocknender Kastanien und Eicheln vor sich hin in einem Raum und warteten darauf abgeholt zu werden. Das Feuer nun ließ diese Waldfrüchte platzen. Das klang beinahe so, als befände sich eine kleine Armee im Gebäude und schoss aus allen Rohren. Bis die Bullen das gecheckt hatten verging eine geraume Zeit. Zunächst einmal suchten sie mit gezogenen Waf­fen Deckung. Das zweite Fahrzeug, welches diesmal einer der neuen Erzieher mitgebracht hatte, war unterwegs um einen Satz neuer Reifen für den Bullenwagen zu besorgen. Der konnte gleich wieder umdrehen, um die Feuerwehr zu holen. So dauerte es ziemlich lange bis die Feuerwehr endlich anrückte. So hatten die Gebäude genügend Zeit sich von dieser Bild­fläche zu verabschieden. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es ohnehin nicht gut gewesen wäre, dort die Jugend im Geiste des Kommunismus zu erziehen, wo eventuell noch der Geist der alten Hitlergefolgschaft drin wohnte. Wurden doch vor wenigen Jahren noch BDM-Mädchen dort zu Köchinnen ausgebildet.

In einem Punkt behielten die Bullen allerdings Recht. Ich kam tatsächlich in ein ganz anderes Heim als die übrigen Kinder.

Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden.

Vorläufig zumindest. Es musste den Behörden ganz schön Kopfzerbrechen bereitet haben, uns 70 Kinder irgendwo unterzubringen. Das schöne große Gelände in Dresden-Hellerau wurde ja zum Zeichen der Völkerverständigung und der Solidarität für die von den amerikanischen Aggressoren zu Waisen gemachten koreanischen Kriegskinder belegt. In einem Seitentrakt der Moritzburg (ja, Sie haben richtig gelesen, in DER Moritzburg[4] bei Dresden) wurden wir zunächst alle untergebracht. Ich natürlich abgesondert von den anderen gehalten. Vier Tage lang dauerten die Verhöre an. Ich habe nie erfahren können, ob mich jemand dahingehend belastet hat, dass ich als der Brand-Anstifter galt. Am fünften Tag wurden eigens für mich kleine Person zwei Erwachsene Männer abgestellt, um mich nach … ja, richtig, … nach Leip­zig zu bringen. Warum nicht gleich so? Warum hatte man mich eigentlich so weit weg ver­schickt, wenn es doch in Leipzig auch ein Heim gab? „Bilde dir nur nichts ein! Dort, wo du jetzt hinkommst, wirst du keine Gelegenheit zum Ausreißen bekommen!“ meinte der redse­ligere von den beiden Männern mir allen aufkommenden Mut nehmen zu müssen. „Dort ist noch keiner auch nur ein paar Hundert Meter weit bei einem Fluchtversuch gekommen!“ prophezeite er mir. Herrschaften, reizt mich bloß nicht! Schulz mochte das Wort „unmöglich“ überhaupt nicht. Aus dem Alter, wo ich noch glaubte, dass das Männchen im Radio doch mal rauskommen müsste, um Pipi zu machen, oder so, war ich längst raus. Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden. Nachdem ich unseren Volksempfänger auseinander genommen hatte und feststellen konnte, dass darin gar niemand war, begann ich wissensdurstig zu werden. Ich hatte gelernt, dass gerade das unmöglich Erscheinende am leichtesten zu bewältigen war. Wie sonst hätte ich den Einmarsch der Sowjettruppen und die vier darauf folgenden Jahre ohne Lebensmittel­karten oder anderweitiger Hilfe überleben können?

Fußnoten

[1] Bambule, krawallartiger Protest von Häftlingen, Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Berlin, New York, 199923 Der Titel dieses Kapitels ist dem Fernsehfilm über die Heimkampagne entlehnt https://de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne. Text: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/194-bambule.html . Es handelte sich m.W. um das erste Mal in der bundesrepublikanischen Geschichte, dass die Lage der Kinder und Jugendlichen in den Heimen in staatlicher, meist kirchlicher Verantwortung die Chance hatte, öffentlich wahrgenommen zu werden. Heimkinder ohne die Vitalität von Schulz hatten kaum Chancen, sich dem Heimalltag immer wieder und teilweise erfolgreich zu entziehen. Im Hintergrund der Kampagne stand der Versuch politischer Instrumen­talisierung der Heimkinder. Dennoch hätte der Film die erforderliche Diskussion um die Bedingungen der Heim­erziehung anregen können. Doch die Heimkinder hatten auch damit wieder einmal Pech: Die ARD wollte den Film am 24. Mai 1970 ausstrahlen. Intendant Helmut Hammerschmidt setzte ihn jedoch nach Meinhofs Teil­nahme an der Baader-Befreiung (14. Mai) trotz Protesten von 122 SWF-Mitarbeitern ab. Erst 1994 wurde er gesendet. https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_Meinhof#Heimkampagne . Die Behandlung des Themas im späteren Verlauf (Runder Tisch Heimkinder unter der Moderation von Dr. Antje Vollmer) erwies auch weiterhin den Unwillen von Politik und Gesellschaft, sich ernsthaft mit Kindern zu beschäftigen, die Opfer von staatlichen und kirch­lichen Anpassungsversuchen geworden waren. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerschlacht_bei_Leipzig

[3] Das war anders: „Wir sind nicht davor gefeit, daß wir mal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüßte, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzen Prozeß. Weil ich Humanist bin. Deshalb hab’ ich solche Auffassung. /…/ Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“ Erich Mielke, zitiert in der Ausstellung im Stasi-Museum Runde Ecke, Leizig, http://www.runde-ecke-leipzig.de/ Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2554638522/in/album-72157605456895559/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Moritzburg_(Sachsen)

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4,  17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Wie geht es weiter?

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude