Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Zwölftes Kapitel

Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Ihr Armleuchter! dachte ich nur. Ich wusste ganz genau in welche Richtung ich mich bewegen musste, um eine Suche nach mir scheitern zu lassen. In Leipzig, noch dazu in Zoonähe, kannte ich mich bestens aus. Ich verschwand gut sichtbar für die Erzieher im nahe gelegenen Gebüsch in Richtung Zoo. Kurz davor jedoch schlug ich in Hasenmanier einen Haken. Jetzt, vom Heimgelände aus nicht mehr sichtbar zu erkennen, ging ich auf dieses direkt wieder zu. Ich wusste von der Brücke in der Nähe. Diese überquerte ich fast zur gleichen Zeit wie die Polizei bei dem Heim eintraf. Aber damit befand ich mich auch schon in deren Rücken. Soll­ten sie mich doch im Zoo-angrenzenden Wald suchen. Das Heim war wie beschrieben am vorderen Eingang mit einer hohen weißen Mauer umgeben. Eine relativ schmale Straße führte von der Brücke her kommend dorthin. Genau gegenüber allerdings begann schon eine größere Gartenkolonie. Wie jeder weiß, kannte ich mich in Leipzigs Gartenkolonien bestens aus.

Also, während die Vopo’s sich im Heim Informationen holten, saß ich schon längst auf einem Laubendach und beobachtete von meinem Logenplatz aus die Aktivitäten der Bullen.

Sollten sie mich doch bei meiner Mutter suchen, nachdem sie mich weder im Wald noch im Zoo gefunden hätten.

Frechheit siegt, sagte ich mir.

Ich schwöre, ich hatte bis dahin weder einen Krimi gelesen, noch im Kino gesehen. Alles was ich so professionell (?) tat war einfach nur eine Eingebung aus dem Moment geboren. Ein guter Schlagballwerfer hätte ohne weiteres einen Ball von „meiner Laube“ aus über die Heim­mauer werfen können. Nachdem die Polizei wieder abgezogen war, um die Suche nach mir aufzunehmen, kroch ich vom Laubendach herunter, um mich auf einem Sofa in der Laube selbst von meinen Strapazen zu erholen. Von meiner letzten Flucht (Berlin, Sie erinnern sich?) hatte ich immer noch einen Notgroschen bei mir. Zwischen den Knöpfen meines Hosen­schlitzes hatte ich einen kleinen Einschnitt mit einer Rasierklinge gemacht und in dieser so entstandenen Tasche hatte ich 20 Mark versteckt. Das hatte ich von je her bei jeder meiner Hosen gemacht und war so somit durch alle Filzen gekommen. Frechheit siegt, sagte ich mir, und ging abends gegen 21 Uhr einfach in ein Restaurant und gab meine Bestellung auf. Moch­ten die anwesenden Gäste denken was sie wollten. Ich hatte Kohldampf! Übrigens hatte ich solche Restaurantbesuche gemacht, ohne jegliche Beanstandung noch zu den guten Zeiten, wenn meine Geschäfte mal wieder gut gelaufen waren. Ich war dann ins Theater gegangen, hatte mir, ich weiß gar nicht mehr wie oft, den Diener zweier Herren[1] angesehen, sowie Egmont[2] oder Hamlet. Niemals erregte ein 11-13 jähriger besonderes Aufsehen, wenn er nach der Theatervorstellung (ca.23 Uhr!) noch in einem Restaurant auftauchte.

Man säuft eben kein Bier während der Arbeit.

Vor genau diesem Lokal stand am nächsten Morgen, als ich mich auf dem Laubensofa gut ausgeruht, und im Bewusstsein meiner Freiheit auf dem Weg zu meiner Schwester machte, ein Brauereiauto. Der Fahrer hatte dummerweise, aber nur für ihn selbst dummerweise, während er im Lokal sein verdientes Trinkgeld vom Wirt in Form eines Bierchens gleich vertrank, welches ich ihm natürlich von Herzen gönnte, also, er hatte die Fahrertüre offen gelassen. Nein, nicht nur nicht abgeschlossen meine ich damit, sondern richtig weit offen gelassen. So sah ich an der Rücklehne seines Fahrersitzes eine größere Tasche hängen. Ähnlich wie sie die damals noch kassierenden Straßenbahnschaffner trugen[3]. Darin waren, wie ich aber erst später feststellte, erstmal musste ich mir die Tasche greifen und ein Stück damit weg sein, darin waren alle Einnahmen der Tour, die er bisher abgefahren hatte. Ein­schließlich der Lieferscheine der noch zu beliefernden Kunden. Mit dem Geld konnte ich schon etwas anfangen, Lieferscheine aber brauchte ich nicht. Wollte ja auch nicht seine weitere Arbeit behindern. Nachdem ich das Geld fein säuberlich auf meine Taschen verteilt hatte, brachte ich die für mich aber nicht für den Fahrer nutzlos gewordene Tasche wieder zum Auto zurück. Er wird sich wahrscheinlich beim nächsten Kunden gewundert haben, dass noch alles in seiner Tasche war, nur eben das Geld fehlte. Sollte er sich doch seinen Kopf darüber zerbrechen, wie das möglich war. Man säuft eben kein Bier während der Arbeit. Schon gar nicht, wenn man auch noch Auto fahren muss. Sollte er das eben als Bußgeld dafür verbuchen. Er hätte sich das Trinkgeld ja anders geben lassen können, um es dann nach Feier­abend zu verprassen. Wo doch soviele Ganoven in der Welt herumlaufen, lässt man doch nicht einfach sein Geld so offen im Auto rumhängen. Du mein Bierfahrer hattest dein Auto in Gegenrichtung zum Verkehr und halb auf dem Bürgersteig stehend geparkt. Alles Verkehrs­ver­gehen, die ein Bußgeld erfordern. Ich jedenfalls auf dem Trottoir gehend kam an deinem Auto kaum vorbei. Die offenstehende Wagentüre versperrte mir den Weg vollends. Was hast du dir nur dabei gedacht? Ich musste ja zwangsläufig auf deine Geldtasche aufmerksam wer­den. Dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen. Du wirst es schon irgendwie verkraftet haben, wie ich, dem man sein Auto im Laufe der Zeit mehrmals aufgebrochen und ausgeraubt hat. Vielleicht war es ja sogar einer deiner Söhne. So wäre dann eben ausgleichende Gerech­tig­keit geschehen.

Meine Schwester war zwischenzeitlich unweit meiner Mutter in eine eigene Wohnung gezo­gen. Sie war mit einem Leutnant der NVA[4] verheiratet und hatte auch schon zwei Kinder. Wir waren eine Familie, in der Zusammenhalt noch groß geschrieben wurde. Die Kriegs – und Nachkriegszeiten, die wir auf der Flucht gemeinsam durchgemacht hatten, verbanden uns sehr stark. Ihr Mann sah es natürlich nicht besonders gerne, dass ich mich bei ihnen aufhielt, bes­ser gesagt versteckte. Soviel ich mitbekam, drohte meine hübsche Schwester ihm mit Liebes­entzug im Falle, dass er sich gegen ihren Bruder stellen würde. Er machte gute Mine zum bösen Spiel und beließ es dabei. Seiner Karriere hat es nicht geschadet. Als ich 1990 bei ihm in Leipzig zu Besuch war, hatte er es jedenfalls bis zum ABV[5] geschafft. Genau in Reudnitz, dem Stadtteil, wo er mich damals immer beherbergen musste, wenn ich mal wieder „Urlaub“ aus einem Heim genommen hatte.

Jetzt komme ich etwas durcheinander. Ich glaube die NVA gab es 1953 noch gar nicht[6]. Es muss wohl die KVP, die Kasernierte Volkspolizei[7] gewesen sein, deren Uniform und Rangab­zeichen er damals trug. Nur, mein Schwager war nicht kaserniert. Er ging am Morgen zum Dienst aus dem Haus und kam am Abend wieder. Jedenfalls war ich in der Wohnung meiner Schwester so sicher wie in Abrahams Schoß. Meine Mutter ergriff trotzdem immer besondere Vorsichtsmaßnahmen bevor sie mich besuchte. Erst wenn sie sich sicher war, nicht verfolgt worden zu sein, kam sie in die Wohnung meiner Schwester und schloss mich weinend in ihre Arme.

Tagsüber war ich sowieso immer auf Trebe[8], ging meinen Geschäften bei den Russen nach. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Fernsehen hielt einen zu damaligen Zeiten noch nicht von nützlichem Tun ab. Ich las viel. James Cook[9], „Mit vollen Segeln um die Welt“, hatte es mir besonders angetan. Mein Gott, dass war Freiheit und Abenteuer pur.

Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus.

Ansonsten war ich immer in Action. Die Polizei schien es zu nerven, dass sie mich nicht aufgreifen konnte. Jetzt durchsuchten sie auch schon regelmäßig Keller und Dachboden bei meiner Mutter. Sogar nachts standen sie sich ihre Plattfüße noch platter vor Mutters Haus. Sollen sie doch, dachte ich mir, wenn meine Mutter davon berichtete. Meine Mutter kam nun langsam zu der Einsicht, dass es wohl das Beste sei, wenn ich mich in den Westen zu meinem Vater absetzen würde. Ich bekam von Mutter auch noch einen Tipp, wie das zu bewerk­stelli­gen sei. Aber noch bevor ich von diesem Tipp Gebrauch machen konnte (vorläufig!) trat etwas ein, was meine Zukunftspläne wieder einmal zunichte machte. Bei der Zivilpolizei war eine kleine findige Person, die meine Akten anscheinend gut studiert hatte, auf einen besonde­ren Dreh gekom­men, wie man meiner habhaft werden konnte. Ich sage ja immer, die Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus. Die Polizei kann zunächst immer nur reagieren. Irgendwann jedoch lernen auch die dazu. In meinem Fall war es eine weibliche Person, die sich meine Akten etwas genauer angesehen hatte. Hatte auch folgerichtig ihre Schlüsse gezo­gen. Deswegen war ich dann auch eines Tages ganz schön überrascht, als mir in der Nähe des Rathauses, ich war gerade mit einem russischen Offizier am Verhandeln, jemand eine Hand auf die Schulter legte. Eine weibliche Stimme, wirklich sehr freundlich, sagte: „So Mischa (das war mein Spitzname bei den Russen), dann wollen wir mal!“ Der Offizier, der brennend daran interessiert war, etwas durch mich zu erwerben, was es nur in Leipzig zu erwerben gab, dafür war er schließlich eigens von Wittenberge nach Leipzig gereist, wollte es nicht wahr haben, dass mich diese freundliche Person einfach von seiner Seite zog. Ich brauchte ihm auch gar nicht zu dolmetschen, weswegen man unser Geschäft platzen ließ. Die weibliche Zivil­polizistin wies sich als solche aus und sprach dabei ebenso gut russisch wie ich auch. Der Offizier zog notgedrungen den Schwanz ein, als er mit dem Polizeiausweis konfrontiert wurde. Schließlich wusste er, dass der Erwerb von französischem Samt oder Schweizer Uhren etc. illegal war.

Ich bedauerte es genauso wie der Russe, dass aus unserem Geschäft nichts mehr wurde. Für die Provision, die ich bei diesem Geschäft bekommen hätte, so hatte ich mir schon im stillen ausgerechnet, hätte meine Mutter länger als eine Woche im Akkord als Trümmerfrau arbeiten müssen. „Scheiße!“ dachte ich nur, jetzt geht die ganze Prozedur mit einer Heimeinweisung wieder von Vorne los. Freiheit Ade.

Ich feierte meine erneute Verhaftung ganz legal mit einer hübschen Frau.

Zunächst aber nahm die Festnahme zivile Formen an. Eine ganz neue Masche der Polizei? Ich dachte angestrengt darüber nach, welcher Pferdefuß dahinter stecken mochte. Wollte das Weib mich nur in Sicherheit wiegen, damit ich keinen Fluchtversuch unternahm, wobei sie sich nicht sicher zu sein schien, wer von uns beiden der schnellere war? Es gab gar keinen Pferdefuß. Ich durfte mir das Lokal aussuchen, wo die Frau mit mir in aller Ruhe über meine Probleme reden wollte. Ohne diesen polizeiüblichen bösen „du-Früchtchen- Blick“ lächelte sie auch noch bei meinem Wunsch, in Auerbachs Keller[10] gleich hinter uns in der Mädler Passage zu gehen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Sanft aber bestimmt sich bei mir einhakend steuerte sie mit mir das Kellerlokal an.

In dieser Umgebung, wo ich schon des öfteren mit Offizieren diverse Geschäftsabschlüsse gefeiert hatte, fühlte ich mich besonders wohl. Ich fand es in dem Lokal besonders anhei­melnd. Wusste ich doch, dass schon Goethe hier gesessen und an seinem Faust geschrieben hatte.[11] Trotz meiner geringen Größe und meines Alters war ich doch bereits empfänglich, was die Schönheit einer Frau betraf. Diese Frau, deren Namen ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte, faszinierte mich. Erstens weil sie eine Schönheit ausstrahlte, die mich in ihren Bann zog, zweitens weil die Frau mit mir zu reden verstand, mich als vollwertigen Men­schen behandelte. Ich wollte ihr Budget nicht strapa­zieren, ich hatte ja immerhin in der letzten Zeit wirklich gute Geschäfte abgeschlossen. Auch an diesem Tage schon vor meiner Fest­nahme. Mit hochgezogener Augenbraue, unnachahm­lich wie sie das machte, warf sie mir einen prüfenden Blick zu, und erklärte sich schließlich bereit, sich von mir einladen zu lassen. Ich ließ so ziemlich das Beste auffahren, was das Restaurant zu bieten hatte. Bald schon, so glaubte ich, würde ich mich wieder mit der eintönigen Heimkost begnügen müssen. Also feierte ich ganz legal meine erneute Verhaftung mit einer für meine Begriffe hübschen Frau.

Wie? Noch nie etwas von einem Mini-Playboy gehört? Mit Galgenhumor sagte ich ihr, dass dies wohl wieder einmal meine Henkersmahlzeit sein würde, bevor es wieder an den Einheits­fraß in irgendeinem Heim ging. Da legte dieses Wesen von einer Frau mir doch, wie ich es später noch oft in Filmen sehen sollte, eine Hand auf die meine: „Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Mischa! Es ist richtig, dass wir dich gesucht haben, aber wir haben dennoch ein Problem mit dir. Wir können vorerst kein Heim für dich finden, welches bereit wäre dich aufzunehmen!“ Na, dass war doch mal eine gute Nachricht, schoss es mir durch den Kopf. „Frei rumlaufen, bzw. bei deiner Mutter, die offensichtlich keine Macht über dich Rumtreiber ausüben kann, können wir dich aber auch nicht lassen!“ schickte sie aller­dings gleich einen Dämpfer hinterher. So jetzt kam wohl auch gleich der Pferdefuß zum Vor­schein. Ich schluckte. Ich muss gestehen, mir wurden die Augen feucht. Sie müssen wissen, dass ich trotz des widersprüchlichen Lebens eine sensible Ader habe. Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Nur selten, dass man mich sprachlos erlebte. Der Frosch in meinem Hals war diesmal schuld daran. Die Frau verstand es, auf meine Stimmung einzugehen. Sie ließ mir etwas Zeit bevor sie fortfuhr. Wie sie so meine Hand in der ihren hielt und mit dem Daumen meinen Hand­rücken streichelte, ging es mir bald wieder besser. Nur mein Herzklopfen blieb. Woher dieses Herzklopfen herrührte? Weiß der Teufel. Mephisto möge mir verzeihen. Dieser stand ja gleich vor dem Abgang zu diesem Restaurant. Allerdings nur in Bronze.[12] Aber wer konnte schon wissen … wenn man den Teufel anrief?!

Die Frau erklärte mich für verrückt, als ich ihr meinen Wunsch, mein Bedürfnis vortrug. Als Erwachsene, erst recht als Polizistin, hatte sie strickt etwas dagegen zu haben. Als Mensch aber, der sich in meine Lage versetzen konnte, drückte sie ein, nein beide Augen des Gesetzes zu. Sie selbst orderte beim Ober. Als dieser das Glas brachte, stürzte ich die 100 Gramm Wodka in einem Zuge, wie ich es bei den Russen gelernt hatte, hinunter. Ein anerkennender Blick meines Gegenübers ging mir durch Mark und Bein. Oder war es doch nur der Wodka, der heiß durch meine Adern floss? Stilgerecht stopfte ich zwar gleich ein Stück Weißbrot hinter­her, welches angeblich den Alkohol aufsaugen sollte damit er nicht so schnell ins Blut über­ging, wie man mir beigebracht hatte. „Ich verstehe gar nicht, warum du so aufgeregt bist. Du hast doch gar keine Veranlassung dazu. Hör doch erstmal, was ich dir zu sagen habe,“ beruhigte sie mich, als gerade der Hauptgang – Wildschweinkeule mit Preiselbeeren serviert wurde[13]. Ein zünftiger Rotwein gehörte natürlich zu solch einem Essen. Was auch von der Polizistin akzeptiert wurde. Schade, dass sie während des Essens ihre Hand von der meinen nehmen musste. Diese Geste hatte so ein nie dagewesenes angenehmes Gefühl in mir erzeugt. Schon vor dem Wodka war es mir dabei ganz warm ums Herz geworden. Keineswegs mit der tröstenden Hand meiner Mutter zu vergleichen. Nein. Ein ganz anderes Gefühl hatte mich dabei beschlichen. Das vorhergegangene Forellenfilet – in Auerbachs Keller und der Messestadt Leipzig gab es so etwas! – hatte den Hunger gerade mal so eben angekratzt. Jetzt während mein Gebiss dem Wildschwein den Garaus machte und sich mein Magen zu füllen begann (bei vollem Magen verhandelt es sich bekanntlich besser), kam die Frau mit ihrem Vorschlag heraus, den sie mir zu machen hatte. „Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt …

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Diener_zweier_Herren

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Egmont_(Goethe)

[3] Wer’s nicht mehr kennt, so sahen die aus:        strasenbahnertasche

[4] Nationale Volksarmee https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[5] Abschnittsbevollmächtigter https://de.wikipedia.org/wiki/Abschnittsbevollm%C3%A4chtigter

[6] Stimmt. „Die Nationale Volksarmee (NVA) war von 1956 bis 1990 die Streitkraft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[7] „Die Kasernierte Volkspolizei (KVP) war der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kasernierte_Volkspolizei

[8] Hier nur im Sinne von „sich herumtreiben“ http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/James_Cook

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller

[11] Faust, In Auerbachs Keller: Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller#/media/File:Auerbachs_Keller_Bronzegruppe_Faust.jpg

[13] Schulz: (hatte ich aus Rache für die Jagd bestellt, welche seine Verwandtschaft auf mich veranstaltet hatte, als ich sie vom Kartoffelacker vertreiben wollte.)

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

 

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

 Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

PDF: 12-suser

Wie geht es weiter?

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XI

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Elftes Kapitel

Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

Fast drei Jahre lang hatte ich der Leipziger Polizei ein Rätsel aufgegeben. Dabei hatten sie den so fieberhaft Gesuchten schon einige Male in ihren Händen gehabt. Aber ich will nicht vorgreifen, bzw. zurückgreifen auf die Zeit vor dem 17. Juni, meiner Verhaftung. Von Dresden (Moritzburg) nach Leipzig ging es diesmal bedeutend schneller. Wir brauchten unterwegs ja auch nicht mehr alle Nase lang anhalten und Holz in den Ofen werfen. Auf dieser Fahrt hatte ich die Sächsische Schweiz zu meiner Rechten und die Meißner Burg zur Linken. Die Gegend in Leipzig, wo wir dann schließlich vor einem für meine Begriffe schicken Gebäude anhielten, kam mir sehr bekannt vor. Richtig, gar nicht weit davon entfernt war ja der Leipziger Zoo. Niemals hätte ich vermutet, dass sich hinter dieser überdimen­sio­nalen hohen Mauer, ganz in Weiß wie das dahinterliegende Haus, ein Kinderheim verbergen könnte.

Meine Akte musste mir schon vorausgeeilt sein. Ohne dass meine Begleiter viel Worte mach­ten, wurde ich ziemlich frostig in Empfang genommen. Mit einem „Na, du Früchtchen-Blick“ wurde ich übernommen. „Auch dich werden wir kirre kriegen!“ mit diesen Worten wurde ich in eine kleine Dachkammer gesperrt. Innerlich musste ich denen schon Recht geben. Es war eine Strafe für mich, so isoliert von allen anderen die langen Tage zu verbringen. Ich erdrei­stete mich nach einem Buch zu fragen.

„Du ? Ein Buch? Du musst erstmal zur Besinnung kommen, in dich hineinhorchen. Damit hast du genug zu tun!“ wurde ich mit meinem Begehren schroff abgewiesen.

Eine uralte Zeitung fand ich dann unter der Matratze. Was ich da las, kannte ich schon vom Museum im Leipziger Rathaus her. Es ging in einem der Artikel darum, der friedliebenden DDR-Bevölkerung aufzuzeigen, welche Barbaren doch die Amerikaner seien. Hatten sie dem armen koreanischen Volke nicht die Kartoffelkäfer beschert? Bombenähnliche Hohlkörper waren im Museum zu sehen und Bilder mit abgefressenen Kartoffelstauden. Diese Bomben hatten angeblich die bösen amerikanischen Bomberpiloten über Koreas Äcker abgeworfen. Im Geographieunterricht hatte ich zwar gelernt, dass in der dortigen Region Reis die Hauptnah­rung sei, aber wer würde sich schon über solche Kleinigkeiten aufregen? Hauptsache war doch, dass man den bösen Amis wieder eine frevelhafte Tat unterjubeln konnte. Außer diesem und anderen weitaus schwerer verständlichen Artikeln hatte ich nichts, womit ich mich hätte ablenken können. Von meinem winzigen Dachkammerfenster aus hörte ich in den Schulpau­sen[1] draußen manchmal die Kinder toben. Wenn ich Glück hatte erhaschte ich auch mal einen Blick auf eines der Kinder, wenn sie sich ganz in der Nähe der Mauer aufhielten. Das Haus selbst schloss genau mit der etwa 5 Meter hohen Mauer ab. Außer gelb und rot werdenden Laubbäumen gab es für mich nichts weiter zu sehen.

Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden.

Dreimal am Tage bekam ich einen Erzieher oder Erzieherin zu Gesicht. Nur um mir das Essen reinzureichen wurde die Türe kurz geöffnet. Morgens und abends jeweils zwei Scheiben Brot mit an dem Gaumen kleben bleibender Braunkohlemargarine[2] bestrichen und dem obligato­rischen Malzkaffee. Erbswurstsuppe wechselte sich mit Steckrüben oder Kohlsuppe ab. Die Kohlsuppe z.B. war derart eingebildet, dass sie einen noch nicht einmal mit einem Fettauge anguckte. Immer wenn es Kartoffeln gab wusste ich, dass Sonntag war. Dazu ein Stück Bauch­fleisch oder eine Frikadelle. Der Nachtisch: eine Scheibe angebratnes Stück Weißbrot, etwas Vanillesoße drüber rundeten das Sonntagsessen ab. Ich war glücklich, als ich eines Tages außen auf dem Fenstersims versteckt einen Stummel Kopierstift fand. Damit hielt ich meinen Geist auf Trab. Ich begann Zahlen zu addieren, subtrahieren und dividieren. Das alles machte ich an der ölgestrichenen Wand. Wahrscheinlich bin ich heute noch so gut im Kopfrechnen.

Nach drei Wochen wurde ich zum ersten Mal aus meiner Abgeschiedenheit herausgeholt. Ich wurde einem vierköpfigen Lehrerkollegium vorgeführt. Dieses sollte prüfen, ob ich nach dem langen Schulausfall in der Lage wäre, mit dem Stoff der 6. Klasse mithalten zu können. Von der sechsten Klasse hatte ich ja noch nicht einen einzigen Tag Schule mitbekommen. Schon in der fünften Klasse hatte ich maximal an der Hälfte der vorgeschriebenen Schultage teilge­nom­men, und dennoch ein Versetzungszeugnis erhalten. Also an den Fehltagen der sechsten Klasse trug ich ja nun wirklich keine Schuld. Offensichtlich konnte ich die Pädagogen davon überzeugen, dass es sich erproben ließe, in die sechste Klasse eingewiesen zu werden. Sollte sich mein Niveau nach der Hälfte des Schuljahres nicht bestätigen lassen, so drohte man mir an, mich wieder in die fünfte Klasse zurück zu versetzen. Mir sollte das recht sein.

Im Gegensatz zu den Heimen, die ich bisher kennengelernt hatte (Westberlin-Aufenthalt ausgenommen), war hier alles picobello sauber und adrett. Schlafräume nur mit 4 oder 6 Jungs belegt. Sogar richtige Duschräume gab es hier. Solch einen Luxus hatte ich ja noch nicht einmal Zuhause gehabt. Dort wurde am Samstag noch die Zinkbadewanne mit Wasser gefüllt, wo wir dann alle drei (meine Schwester, meine Mutter und ich) nacheinander unser wöchentliches Vollbad nahmen.

Das Kämpferherz entschied einen Kampf.

Einiges musste bei meinen neuen Heimkollegen schon durchgesickert sein was meine Person betraf. Irgendwie wurde ich mit einer gewissen Ehrfurcht angesehen und auch so behandelt. Dafür stellten Erzieher wie auch Lehrer besondere Ansprüche an mich. Das störte mich aber keineswegs. Ich war ja von Haus aus lern- und wissbegierig. Ich wollte von allem etwas lernen, um später einmal ein guter Erwachsener zu werden. Putzen und Bohnern, Strümpfe stopfen und Sachen flicken, oder ob ich nun dran war: das Scheißhaus, der Gemeinschafts­raum, oder etwas anderes, – ich ließ mich nicht erschüttern. Wenn man in meinem frisch gemachtem Bett noch eine Falte vorfand und das ganze Bett wieder auseinander riß, was sollte es? Ich baute es nochmal, und nochmal! Bei solch kleinlichen Schikanen vergaß ich ganz meine Hasskappe aufzusetzen. Einem der etwas größeren Jungen ging es gegen den Strich, dass ich nun der Hahn im Korb war. Auch wegen der Mädchen. Von denen ich manchmal solche Zettelchen zugesteckt bekam, wo dann drauf stand: „Willst du mit mir gehen?“ Der Bursche begann seine Körpergröße und Kraft gegen mich auszuspielen. Ich wollte eigent­lich nur meine Ruhe haben und mich ganz auf meine neuerlichen Fluchtpläne konzen­trieren. Dabei konnte ich es mir nicht leisten bei den Erziehern unliebsam aufzufallen. Diese hatten sich schon etwas einschläfern lassen und glaubten nun schon fast selbst nicht mehr daran, dass ich so gefährlich sei, wie es aus meinen Akten hervorging. Je mehr ich diesen Kraftprotz links liegen ließ, desto wütender wurde der. Er glaubte anscheinend, dass ich zu feige sei es mit ihm direkt aufzunehmen. Er hänselte und schubste mich sobald ich in seine Nähe kam. Wenn möglich am liebsten, wenn Zeugen in der Nähe waren. Das alles aber ging mir kalt am Arsch vorbei. Ich hatte meine eigenen Pläne, die ich nicht gefährden wollte. Es kann den Ruhigsten dann doch mal was aus der Fassung bringen. Hatte ich mir schon genug von den Erwachsenen gefallen lassen müssen, so musste ich mir nicht auch noch von einem etwa Gleichaltrigen, bloß weil er einen Kopf größer und um einiges schwerer war, wehtun lassen. Vor diesem Bengel ging mir nun doch jeder Respekt ab, den ich vor Erwachsenen immer noch hatte. Nachmittags, draußen auf dem Hof beim Fußballspielen wurde der Kerl auch noch saurer auf mich, bloß weil ich etwas wendiger als er war, ihn ausgedribbelt hatte und mit dem Ball an ihm vorbeizog. Er lief hinter mir her, nahm mich ganz unsportlich in den Schwitzkasten. Wie man sich aus so etwas befreit hatte ich vom Mann meiner Schwester, der Offizier bei der NVA war, gelernt. Ein Fuß hinter dem seinen verhakelnd griff ich ihm urplötzlich fest in die Eier. Seine Arme ließen ganz schnell meinen Hals frei. Um meinem unsanften Griff zu ent­gehen machte er einen Schritt rückwärts, und fiel prompt auf seinen Allerwertesten. Dass die Zuschauer auch noch darüber lachten trug nicht gerade zu seiner Wertsteigerung bei. Er rap­pelte sich wieder auf und wie ein wütender Stier griff er mich wieder an. Damit hatte ich gerechnet. Geduckt, dabei seine Fäuste wie Windflügel gebrauchend, stürzte er sich auf mich. Oder wollte es zumindest mit seinem Gewicht erreichen mich zu Boden zu werfen, wo ich natürlich der Unterlegene sein musste. Ein kleiner Sidestep, ein Griff in seine Mähne, dass Knie hochreißen, sein Nasenbein damit zertrümmern, war Sekundensache. Dafür hatte ich dann aber auch für den Rest meines Aufenthaltes in diesem Heim meine Ruhe. Ich war auch gar nicht weiter rachsüchtig gegen ihn. Bloß hin und wieder, wenn er anderen gegenüber wieder mal den starken Mann rauskehren wollte, trat ich ihm kräftig in den Arsch. Sobald er festgestellt hatte, woher der Tritt gekommen war, wurde er gleich wieder lammfromm. Nicht die Größe und das Gewicht waren bei einem Kampf ausschlaggebend. Das Herz! Das Kämpferherz entschied einen Kampf. Na ja, ein wenig Brutalität gehörte auch dazu, um dem anderen den Schneid abzukaufen. Es gibt eben Typen die nur diese Sprache verstehen. Mir sollte es recht sein. Von mir bekam jeder das was er brauchte. Ich sah einfach nicht ein, dass man sich auf meine Kosten amüsierte.

Mir wurde gleich Platz gemacht.

Der Respekt mir gegenüber bei den Kindern wuchs dann noch etwas, als sie die Bestätigung dafür bekamen, was sie vorher nur hatten munkeln hören. Eines Nachts, ich wurde richtig ungehalten über die Störung meines Schlafes, wurde ich gleich von mehreren Kindern in meinem Bett umringt. Ganz aufgeregt verlangten sie von mir, dass ich in den Dusch- und Waschraum gehen solle. In meinem nachtduseligen Kopf glaubte ich zunächst, dass man mich in eine Falle locken wolle. Da sie alle ziemlich aufgeregt durch­einander redeten, begriff ich gar nicht so schnell, worum es überhaupt ging. Ich drohte ihnen Prügel an, wenn sie mich nicht in Ruhe weiter schlafen ließen. Die aber waren viel zu aufgeregt, als dass sie sich davon abschrecken ließen. Endlich war ich ganz wach. Ich ließ mich von den Kindern in Richtung Waschraum ziehen. Ich war Baff! Da standen doch tatsächlich im Waschraum sieben über­näch­tigte Kinder wie ein einziges Häufchen Elend und ließen sich von den einheimischen Kindern verschüchtert anglotzen. Mir wurde gleich Platz gemacht, als mich die Delegation, die man eigens um mich abzuholen ausgeschickt hatte, in den Waschraum führte.

Wie war das denn möglich? Ich dachte, ich sollte nie mehr mit einem der Kinder aus dem Waldheim zusammenkommen. Und das auch noch mitten in der Nacht. Die fünf Jungen und zwei Mädchen atmeten sichtlich auf, als sie meiner ansichtig wurden. Es war doch immer wieder schön alte Freunde in der Fremde wiederzutreffen. Langsam aber wurde es eng mit den vorhandenen Heimplätzen in der DDR. Diese 7-köpfige Bagage war nur nach Leipzig gekommen, weil es ihnen auch in dem Heim, wo sie nach dem Brand hingekom­men war, nicht besonders gefallen hatte. Sie waren der Meinung gewesen, was einmal so gut geklappt hatte, wäre wiederholungswürdig. Mein erster Gedanke war: Das werden sie dir doch nun nicht auch noch in die Schuhe schieben wollen?

So wie die Erzieher und Lehrer mich am nächsten Tag anschauten, kam es mir so vor als würden sie! Na, sollten sie. Ich war inzwischen Kummer gewohnt. Ich hatte ohnehin nicht vor noch lange hier zu verweilen und noch weitere Kinder zu verderben. Ich hatte längst, allen Unkenrufen zum Trotz, einen Weg gefunden, wie ich auch hier rauskommen konnte. Über die Mauer war schier unmöglich, das stimmte. Vorgänger von mir hatten auch schon versucht, den Pförtner auszutricksen, indem man auf einen Augenblick wartete, wo der Pförtner das Tor für einen Besucher öffnete, um dann zu entwischen. Doch, wie mir schon der Eine aus meiner Dresdner Eskorte erzählt hatte, hatte es bei dem nur für ein paar hundert Meter gereicht. Ich dagegen hatte mir etwas unmöglich Scheinendes ausgedacht. Zwar mit großem Risiko behaf­tet, aber das war mir meine Freiheit wert. Hatten mich die englischen Bomben nicht umge­bracht, die russischen Tiefflieger nicht getroffen, so würde das Glück schon auch diesmal auf meiner Seite sein.

„Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab.“

Wurde das Grundstück an der Vorderseite durch die hohe Mauer unüberwindlich, so wurde die Rückseite von der Schwarzen Pleiße abgegrenzt. Nur ein echter Leipziger, der die Pleiße kannte, konnte ermessen, was das hieß. Brrrr. So eine stinkende Dreckskloake auf der die meiste Zeit halbmeterhoch der weiße Schaum von chemischen Abwässern schwamm. Bloß gut, dass ich hier nicht hatte den Sommer verbringen müssen. Alleine der Gestank schreckte vor einem Überqueren ab. Hinzu kam, dass sich unter dem träge dahin fließendem Wasser eine dicke Schlammschicht befand. Abgesehen davon, dass die Pleiße hier auch eine stattliche Breite von ca. 8 Metern erreichte, schien sie auch ansonsten unüberwindlich zu sein. Selbst wenn man den Ekel überwinden konnte, diese Drecksbrühe zu durchschwimmen, war wohl gewährleistet, dass man mitten im Schlamm stecken blieb. Ich konnte mir eine bessere Art, Selbstmord zu begehen, vorstellen. Aus diesem Grunde war sich die Heimleitung auch sicher, dass es erst niemand versuchen würde, über diese natürliche Grenze zu entwischen. Es wurde den Kindern ja auch immer in regelmäßigen Abständen unter die Nase gerieben, wie gefähr­lich dieser Fluss sei.

Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass eine Gefahr, die man kennt, keine Gefahr mehr darstellt. Ich war weder besonders sportlich noch musikalisch. Das musikalisch erwähne ich nur deswe­gen, weil diese beiden Fächer in der Schule meinen Notendurchschnitt enorm in Mitleiden­schaft zogen. So hatte ich in meinem letzten Zeugnis nur einen Durchschnitt von 2,2. Meine Ernährung in Kindertagen, Katzen, Frösche, Igel, Kohl und Rüben, hin und wieder auch mal ein wenig Pferdefleisch, hatte bei mir keinen besonderen Muskelaufbau bewirkt. Ich war ein leichtgewichtiger Floh. So war ich eigentlich in der Schule immer nur im Hochsprung einer der Besten. Aber das zählte nicht. Für ein Kletterseil oder Bocksprung reichte meine Armkraft bei weitem nicht. Erst bei der Bundeswehr brachte ich es auf fast allen Gebieten zu über­durch­schnitt­lichen Leistungen. Für das, was ich vorhatte, würde meine Sportlichkeit schon ausreichen. Vor allem deshalb, weil ein besonderer Wille dahintersteckte. Der Drang zur Freiheit. Mal wieder in den Armen der Mutter zu kuscheln. Meine Kraft musste ganz einfach ausreichen. Es gab nur diese eine einzige Chance von hier wegzukommen.

Zum Heimgelände gehörte auch ein Garten, der hauptsächlich von den Kindern gehegt und gepflegt wurde. Die Ernte jedoch, so erfuhr ich von den ansässigen Kindern, fuhren die Erzie­her und Lehrer ein. Was machte es da schon, wenn ich mir heimlich eine Bohnenstange stibitzte? Damit diese nicht entdeckt wurde, meldete ich mich freiwillig dazu, das gesamte Laub der Bäume, das in dieser Jahreszeit reichlich anfiel, zusammenzufegen und auf einen Haufen zu sammeln. Zwar löste es bei den Erziehern einige Überraschung aus, dass ausge­rechnet Schulz sich zu einer freiwilligen Arbeit meldete, aber damit hatte es sich auch schon. Man ließ mich gewähren. Es wurde bewilligt. Schon alleine aus dem Grunde, weil es die Jahre vorher immer auf Schwierigkeiten gestoßen war, Freiwillige dafür zu finden. Unter diesem Laubhaufen ließ sich meine eigens dafür ausgesuchte Bohnenstange vortrefflich verstecken. Dies erwähne ich nur deshalb, damit niemand auf die Idee kommt, Schulz wäre auf dem Wege der Besserung oder zu den „Radfahrern“ übergelaufen. Keine Bange, die Geschichte geht weiter! Mit anderen, kürzeren Stangen die nicht so sehr auffielen und irgendwelchen Argwohn hätten hervorrufen können, lotete ich mehrmals, in günstigen Augenblicken, die Schlammschicht der Pleiße aus. Ich machte dann auch eine Stelle aus, wo der Untergrund nicht allzu tief zu spüren war. Durch einige Gegenproben war ich mir der Sache bald sicher. Hier, und nirgendwo anders musste ich meine Stange eintauchen. An einem der letzten schönen Oktobertage des Jahres 1953 verabschiedete ich mich dann auch ganz höflich von meinen Leidensgenossen und natürlich auch von Erziehern und Lehrern, die gerade Hofdienst taten. Doch ja, ich konnte auch ein höflicher Mensch sein. Das bewies ich hiermit allen. Dabei hoffte ich inständigst und mit rasendem Herzklopfen, dass alles so verlaufen würde, wie ich es mir ausgedacht hatte. Ich hatte nur den einen Versuch. Zum Proben hatte ich keine Gelegenheit. Entweder es klappte auf Anhieb oder ich war der Blamierte. Vielleicht aber ersoff ich auch nur ein wenig in diesem Pleißeschlamm. Alles war mir lieber, nur nicht mehr dieses Heimleben! Unter dem schön aufgeschichteten Laubhaufen, der etwas abseits vom Pausenhof lag, zog ich meine Bohnenstange hervor, winkte und rief den verdutzt herüberstarrenden zu: „Hallo Leute, ich möchte euch allen nur noch Tschüß sagen. Ich haue jetzt nämlich ab. Ich finde dieses Heim wie alle anderen zum Kotzen!“ Schon das „Hallo Leute!“ hatte ich laut genug gebrüllt, um mir selbst Mut zu machen, und damit ich auch sicher sein konnte, dass mich alle hören konnten. Alle hielten in ihrer jeweiligen Beschäftigung inne. Alle starrten zu dem Verrückten rüber. Auch die beiden Erzieher und der Lehrer des Hofdienstes. Ich glaube ein mitleidiges Grinsen in ihren Gesich­tern noch erkannt zu haben, bevor ich die Stange zur Hand nahm. Ich hatte nie mehr die Gelegenheit danach zu fragen, was sie bei meiner Ankündigung genau gedacht hatten. Ich hatte etwa 40 Meter Vorsprung. Die Erstarrung ausnutzend, die meine Ansprache – Abschieds­worte – hervorgerufen hatten, griff ich mir meine Stange fester und … nahm Anlauf. Wie eine Hochsprungstange richtig angefasst wurde, hatte ich mir genau gemerkt, als uns mal ein Film der Spartakiade[3] vorgeführt worden war und wo bei mir die Idee geboren wurde, auf welchem Wege ich auch dieses Heim verlassen könnte.

Meinen Anlauf beschleunigend hatte ich nur den einen Gedanken: Nur ja nicht die richtige Stelle verfehlen, wo der Stab ins Wasser getaucht werden musste. Nur ganz verschwommen nahm ich das Gejohle meiner Mitschüler/innen wahr. Mir ist nicht erinnerlich, ob auch Erzieher und Lehrer in dieses Gejohle eingestimmt haben. Ich traf die richtige Stelle. Wie aufgezogen, mich am Stab festklammernd, wurde ich in die Höhe gezogen. „Das geht ja fast wie von selbst!“ dachte ich bei mir. Ich fühlte mich für Sekunden wie beschwingt als ich spürte, dass ich sicher am anderen Ufer anlangen würde. Losgelöst von der Erde, was ja im wahrsten Sinne des Wortes auch stimmte, jauchzte ich innerlich vor Freude. Einerseits weil ich mich der Freiheit näher fühlte, zum anderen weil ich allen anderen wieder mal ein Schnippchen geschlagen hatte. Dieses Gefühl des Triumphes kostete ich dann auch noch richtig aus. Ich landete gar nicht mal so unsanft auf dem gegenüberliegenden Ufer, drehte mich um, stieß beide Fäuste in die Luft und brüllte (was, weiß ich nicht mehr, sofern ich mich überhaupt selbst hörte, weil mein Herz so sehr pochte) meinen Frust heraus, der von mir abgefallen zu sein schien. Die teils blöd dreinschauenden, teils lachenden Gesichter werde ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen, die ich dort auf der anderen Seite des Flus­ses zurück ließ. Die Kinder winkten mir größtenteils freudig erregt zum Abschied, während das erboste Personal lautstark verlangte, dass ich zurückkäme.

Fußnoten

[1] Schulz: (Die Schule war im Heimgebäude integriert, wie fast in allen Heimen.)

[2] Funktionieren müsste das Ganze folgendermaßen: Mittels Kohlevergasung wird aus glühender Kohle und Wasserdampf Synthesegas (Kohlenmonoxid und Wasserstoff) gewonnen. Aus dem Synthesegas gewinnt man mittels des Fischer-Tropsch-Verfahrens Kohlenwasserstoffe (Mineralöl ). Denen wird eine Carboxylgruppe verpasst. Durch Veresterung von Glycerin mit den Fettsäuren (=Monocarbonsäuren) bekommt man ein Fett (Margarine) Guten Appetit http://www.chefkoch.de/forum/2,52,236032/Butter-aus-Kohle.html

[3] Die Kinder- und Jugendspartakiaden waren in der Deutschen Demokratischen Republik … regelmäßig veranstaltete Sportwettkämpfe. Sie sollten Kinder und Jugendliche zu regelmäßiger sportlicher Betätigung anhalten, dienten aber auch der frühzeitigen Erkennung potenzieller Leistungssportler. https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Jugendspartakiade

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

 PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Wie geht es weiter?

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« X

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

 

 

Zehntes Kapitel

Bambule[1]

Unsere Erzieher, 3 Männer, zwei Frauen, genossen offensichtlich diese idyllische Ruhe hier am Arsch der Welt. Niemand kontrollierte ihre „Arbeit!“. Sicherlich hatten sie ihre regelmäßi­gen Mahlzeiten, während bei uns gestreckt werden musste, weil die fällige Lebens­mittelliefe­rung wieder mal auf sich warten ließ. Selbst deren Liebesleben schien in Takt zu sein. Wer mit wem, dass hatten wir allerdings nicht so richtig herausbekommen. Hatten doch ihre Behau­sungen ihre Eingänge zur entgegengesetzten Seite. Dass es aber zwischen denen ein reges Liebesleben gab, konnten wir sehr bald selbst anhand von an den schönen weißen Bett­laken feststellen, auf denen die Erzieher sich räkelten. Wir dagegen hatten so ’ne grau-blaue Unterlage, die überall hässliches Hautjucken verursachte.

ein großes Hakenkreuz als Protest

Weil eines der Fenster einer Erzie­he­rin so schön weit offen stand, stieg ich ins Zimmer ein und nahm ihr schönes weißes (jedenfalls zum größten Teil weiß, ansonsten war eben das Liebesleben darauf abgebildet) Bettlaken weg. Ich machte mir keine Gedanken darüber, ob das überhaupt stilgerecht oder gar zeitgemäß war. Mit blauer Tinte (die hatten wir schon) malte ich ein großes Hakenkreuz drauf. Ich will noch nicht einmal beschwören, dass ich die Winkel in die richtige Richtung einzeichnete. Aber als ich mein Kunstwerk aufs Dach brachte, es dort an einer langen Stange befestigte und diese Stange wiederum am Schornstein festband, da erkannte man an der ganzen Art wie ich es tat, dass es als Protest gedacht war. Mir wurde natürlich seitens der Erzieher gleich vorgeworfen, weshalb ich im Heim sei und keine Besserung zeigen würde und bla…bla…bla. Mit seinem Gürtel drohend vor meiner Nase herumfuchtelnd verlangte doch einer der Erzieher tatsächlich von mir, dass ich freiwillig her­un­terkommen solle, um mir eine Tracht Prügel abzuholen. Hielt der mich etwa für blöd? In seiner ohnmächtigen Wut schlug er wild um sich. Das er dabei unglücklicherweise eines der wenigen Mädchen traf, auch ein Heimkind natürlich, das war der Auslöser dafür, was nun geschah. Wütend stürzten sich ein paar beherzte Jungs auf den Erzieher und schlugen nun ihrerseits mit ihren Knüppeln auf ihn ein. So eine feige Memme. Anstatt sich ordentlich zu wehren, begann er schon nach den ersten Schlägen, zu flennen und zu jammern. Jetzt waren auch die Jagdinstinkte und die aufgestaute Wut in den anderen Jungs erwacht. Die vielen kleinen Repressalien kamen in ihnen hoch. Bevor sich die übrigen Erzieher von dem Schock über so etwas noch nie Dagewesenes erholen konnten, waren sie ebenfalls umringt, bekamen Prügel wie sie es nur gewohnt waren welche auszuteilen. Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird.

Wehe wenn das Tier im Menschen losgelassen wird

Ich brauchte gar nicht helfend einzugreifen. Von meinem Dach herunter hatte ich einen Logenplatz, um das Geschehen bestens im Auge zu haben.

Ich hätte ohnehin keine Stelle mehr gefunden, wohin ich meinen Stock hätte schwingen kön­nen. Die dichte Traube der übrigen Kinder ließ nur erahnen, wo sich der verhasste Feind befand, wenn ihre Knüppel niedersausten. Nur einer von uns besaß eine richtige, funktio­nie­rende Waffe. Das war ich. Aus dem ganzen verrottenden Zeug hatte ich mit viel Öl und akri­bischer Putzarbeit einen russischen Trommelrevolver, wie sie von den Panzerfahrern benutzt wurden, wieder funktionsfähig gemacht. Diesen Schatz hütete ich wie meinen Aug­apfel. Muni­tion fand man hier allenthalben noch kistenweise. Trotz meiner Hasskappe war ich längst noch nicht blutrünstig. Nur eben, dass mir die Waffe ein Gefühl der Sicherheit und Größe verlieh, durch die ich meine tatsächliche mickrige Körpergröße ausglich.

Es half nichts, dass ich mir die Kehle heiser schrie. Keiner wollte mit dem Eindreschen auf seine Peiniger wieder auf hören. Jeder hatte irgendwie ein persönliches Hühnchen mit den Erziehern zu rupfen. Da meine Mahnungen nicht erhört wurden, zog ich unter meiner Wind­bluse den Revolver hervor und ballerte in die Luft. Nach dem vorhergegangenen Spektakel trat urplötzlich eine fast erdrückende Ruhe ein. Schon alleine die kurze Unterbre­chung ließ in die Köpfe der prügelnden Kinder wieder Besinnung einkehren. Zum Teil verschämt auf ihre Schlag­stöcke schauend, so als fragten sie sich selbst, wie diese in ihre Hände gekommen sein mochten, zum Teil verlegen zu mir heraufschauend lichtete sich das Knäuel etwas. „Findet ihr das nicht ganz schön happig?“ zeigte ich auf die am Boden liegen­den Erzieher. „Naa, Duu has das Gansse doch angefangen!“ sächselte mich von unten einer her an.

Doch das sahen nicht alle so. Es entstand wieder erneut Tumult dort unter mir. Ausgerechnet jetzt und heute kam mal wieder ein Lieferant mit seinem knatternden Opel Blitz aufs Heim­ge­lände gefahren. Der erkannte sofort, was hier vor sich gegangen war. Aus Angst, dass man ihn genauso behandeln würde wie die blutig am Boden liegenden Erzieher, schwang er sich sofort wieder hinter das Lenkrad seines Vorkriegsmodells von Auto und raste im Rückwärts­gang wieder die Auffahrt zurück. Was das zu bedeuten hatte wurde uns allen blitzschnell klar. Selbst die schwerfälligsten Denker begriffen nun, was sie sich da eingebrockt hatten. Ziem­lich kopflos und ohne strategisches Konzept verkrümelten wir uns tiefer in den Wald. Dort waren wir unschlagbar. Dachten wir. Kannten wir doch im weiteren Umkreis jeden Baum und Strauch. Ging ja auch in den ersten Stunden auf unsere Rechnung. Die Polizei kam dann ja auch gleich (gleich, heißt nach etwa zwei Stunden) mit einer Hundertschaft ange­rückt. Einmal ausgebüxte Halbwüchsige, kriegserfahrene Kinder lassen sich nicht so ohne weiteres durch gutes Zureden wieder aus dem Wald locken. Als das nichts an Kindern aus dem Wald hervor­lockte, riefen sie wieder, diesmal mit einem Megaphon, schon etwas bar­scher und rückten gleichzeitig in Schützenlinie in den Wald vor. Natürlich hatten ihnen die zurückge­blie­benen Erzieher unsere Fluchtrichtung angezeigt. Als es der Polizei dann zu bunt wurde auf uns zu warten, begannen sie also den Wald zu durchkämmen. Sie gingen über uns hinweg, traten zum Teil auf uns drauf, gingen in Armlänge an uns vorbei. Die Uniformierten kannten den Wald eben nur als Wald. Wir aber kannten ihn aus dem FF. Dieser Wald war eben unser Wald geworden. Langsam begann der Septembertag zur Neige zu gehen. Jetzt mussten die Vopos schon ihre Taschenlampen zu Hilfe nehmen. Dann begannen sie auch noch auf den LKW Scheinwerfer zu montieren, um den Wald auszuleuchten.

War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest.

Immer eindring­licher wurden wir aufgefordert doch endlich aus unseren Verstecken hervor­zukommen. Natür­lich mit dem leeren Versprechen, dass uns ja auch gar nichts passieren würde. Je weiter die Dunkelheit fortschritt, desto deutlicher konnte man aus der Stimme des Sprechers seine Wut heraushören, der sich von ein paar Dreikäsehochs an der Nase herum­geführt sah. Der Kommandant der Hundertschaft schien sich der Lächerlichkeit preisgegeben. War das ein erhebendes Gefühl. Für mich zumindest. Es musste dann später noch jemand ande­res gekommen sein. Die Stimme am Megaphon war eine andere. Diese neue Stimme verlegte sich aufs Einschmei­cheln. Er würde uns ja sehr gut verstehen, man könne doch über unsere Probleme auch in aller Ruhe reden. Es wäre sicherlich so Einiges nicht nach unserer Zufrie­den­heit verlaufen, aber das würde sich doch ändern lassen. Und so’n Zeugs gab er pausenlos von sich.

Nicht alle 70 Kinder hatten solche Nerven wie ich. Auch waren sie anscheinend noch nicht so oft von Erwachsenen, bzw. Polizisten angelogen worden oder hatten deren Lügen nicht als sol­che erkannt, weil eben so geschickt gelogen wurde wie eben jetzt. Bei den ersten bröckelte die Standhaftigkeit. Es wurde immer kühler in dieser Septembernacht. Von den ersten Abtrün­nigen hatten die Bullen wohl auch schon einige Informationen über die Hintergründe unserer „Revolution“ erhalten. So konnte die neue Stimme wieder dahingehend kommen­tie­ren, dass uns nichts geschehen würde, da wir ja allem Anschein nach sogar im Recht gewe­sen seien. „Kommt raus Kinder, hier wartet was Warmes zu essen und auch euer war­mes Bett auf euch!“ König Hunger und Graf Müdigkeit übernahmen nun das Kom­mando auch bei den standhaft gebliebenen. Vor, neben, hinter mir löste sich einer nach dem anderen aus seinem Versteck und gab auf. Die Kapitulation war perfekt. Wie mochte wohl einem Feldherrn zumute sein, wenn er seine Truppen zurückweichen sieht und die Schlacht für verloren erklä­ren muss? Ich will ja gar nicht so vermessen sein, mich mit einem Feldherrn vergleichen zu wollen. Ich hatte im Geschichtsunterricht großen Respekt vor solchen Herren. Vor allem die, die Völkerschlacht[2] bei Leipzig so bravourös gegen Napoleon geschlagen hatten. Nein, mein Name war schlicht und einfach nur Schulz, ein Feldherr war ich schon lange nicht. Hatte ich denn überhaupt eine Schlacht angezettelt? Also nahm ich erstmal Abschied von meinem Revo­lver, der eigentlich völlig zweckentfremdet einen, oder gar mehrere? Totschläge verhin­dert hatte, und begab mich als letzter in die Hände meiner Feinde. Ich wurde sehnsüchtig-nervös, aber doch sehr freundlich (erinnern Sie sich noch was ich über freundliche Polizisten geschrieben habe?), aufgenommen. Mädchen und Jungs plauderten angeregt mit den Bullen, hatten zum Teil deren Uniformmützen auf ihren Köpfen (diese Verräter!) und ließen sich auch die Waffen erklären, mit denen man uns vor kurzem noch hatte Angst einjagen wollte. Es war allenthalben eine lockere Stimmung festzustellen. Es wurden jede Menge belegte Brote und Brauseflaschen herumgereicht. Deeskalation nennt man so etwas wohl.

Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht.

Ich frage mich noch heute, wo man das alles her hatte. Wann hatte es so etwas hier schon mal gegeben. Erschöpft durften wir dann auch gegen Mitternacht in unsere warmen Betten schlüp­fen. Unser Schlaf wurde sogar von den lieben Polizisten bewacht. Am nächsten Morgen waren immer noch 30 Mann der Truppe in unserer Nähe. Andere. Und, ein paar Zivilisten. Von unseren Erziehern weit und breit nichts zu sehen. Wir erfuhren lediglich, dass sie alle im gleichen Krankenhaus untergebracht seien. Wie fein! Die waren also bestens ver­sorgt. Wir mutmaßten, dass sie schon der Blamage wegen hier niemals wieder auftauchen würden. Zunächst aber einmal wurde mir gesagt, dass ICH hier niemals wieder auftauchen würde, und auch nie wieder mit einem der Kinder aus diesem Heim in Kontakt treten könne. Man wüsste ganz genau, dass ich, Dieter Schulz, an dem ganzen Desaster die Schuld trüge. Das könnte mir eines Tages noch ganz schön sauer aufstoßen. Ich war der Erste und blieb auch der Ein­zige, den man in das Büro geholt hatte, wo ich diese Vorwürfe über mich ergehen lassen musste. Mir wurde gerade noch soviel Zeit eingeräumt meine persönlichen sieben Sachen einzupacken. Dann sollte es losgehen. Diesen Fehler hätten sie lieber nicht machen sollen. Man unterschätzte ganz einfach die Tatsache, dass ich immer noch (oder jetzt erst recht) meine Hasskappe trug. Ein paar verlässliche Freunde wusste ich immer noch unter den Jungs. Vor allem die beiden, mit denen ich den unvergesslichen Berlintrip unternommen hatte. Ich musste, durfte mich bei ihnen verabschieden. Über das Wieso und Weshalb gab ich ihnen als Auskunft, was ich von den Kripo(?)-beamten erfahren hatte. Eine so dahin gemachte Bemer­kung, der man natürlich nicht nachzukommen brauchte, brachten die Jungs auf Trab. Ich beeilte mich nicht allzu schnell zu den Bullen zurückzukehren, obwohl ich im Grunde genom­men heilfroh war von diesem Arsch der Welt wegzukommen. Vielleicht hatte man ja woanders bessere Chancen für eine Flucht.

Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“

Ich hatte mich in meinen vergangenen Weggefährten nicht getäuscht. Meine Bemerkung hatte sie befruchtet. Zwei der Zivilisten setzten sich mit mir in ein Auto. Wie üblich erfuhr ich noch nicht einmal, wohin man mich bringen würde. Dafür erfuhren die Bullen aber, dass es manch­mal doch besser ist, gleich mit vier, anstatt nur einem Reserverad unterwegs zu sein. Die ein­zige Ein-und Ausfahrt war gespickt mit verbogenen, rostigen Nägeln und ähnlichen spitzem nützlichem Zeug. Es machte kurz hintereinander viermal „Peng“, und der Wagen erfüllte schon nicht mehr den Zweck eines Fortbewegungsmittels. Selbst die Luft der kräf­tigsten Flüche konnte die vier Platten Reifen nicht mehr aufpumpen. Diesen Kraftakt hätten sie sich also sparen können. Ich war ganz Unschuld, trotzdem kreidete man mir auch diese Untat an. Immer ich! Das ging mir langsam auf den Keks, dass ich für alles herhalten musste. Diese bösen gegen mich gerichteten Worte verengten meine Hasskappe nur noch. Nichts­desto­trotz funktionierte mein Gehirn noch vorzüglich. Es war zunächst für meinen eigent­lichen Rache­plan Zeit gewonnen. In einem Staat, wo selbst für Fahrradschläuche eine Dring­lichkeitsbe­schei­nigung vorgelegt werden musste, worauf man einen Bezugsschein erhielt, aber noch lange nicht einen neuen Fahrradschlauch, in solch einem Staat hatten selbst die Bullen Schwie­rigkeiten, Ersatzschläuche für vier Autoreifen heranzuschaffen.

Ich kam also zunächst einmal wieder in meiner Baracke unter. Allenthalben murrten auch schon wieder die Kinder. Hatte man doch nun erfahren was von den gestrigen Versprechun­gen zu halten war. Von wegen niemandem würde etwas passieren. Ein Versprechen gebro­chen, was würde aus den anderen? Die neuen Erzieher (?) machten kaum den Eindruck, als würden sie uns menschlicher, d.h. wie Kinder behandeln. Erst war es ja nur ein Gedanke gewesen, der mich beschäftigte, wie ich mich für das angetane Unrecht rächen könnte. Dann aber, als alle Jungen und Mädchen draußen saßen und ihre Schuhe, als Beschäftigungsthera­pie oder auch zur Strafe putzen mussten, ging mir ein Licht auf. So hell wie Osram! Wie man damals zu sagen pflegte. Das hornissengestochene Monster sah schon wieder ganz leidlich aus. Er hatte schon wieder menschliche Züge angenommen, dank der sich selbsthelfenden Natur. Der Junge hatte etwas mehr Anteilnahme von Seiten der Bullen erwartet, als er seine Version, wieso er mitgeprügelt habe, darlegte. Uns erstmal aus dem Wald gelockt wurden keine Gründe akzeptiert, die die Meuterei rechtfertigten. „Du siehst doch, dass deine Erzieher recht hatten als sie sagten, dass die Natur sich immer selbst zu helfen weiß,“ wurde er beschie­den. Auf so wenig Verständnis für seine erlittene Pein stoßend begann er zu schmol­len. Mürrisch ließ er seine angestaute Wut an der Schuhwichse und den zu putzenden Schu­hen aus. „Dass ihr mir ja auch die Absätze und Stege gut eincremt. Ihr wisst doch, dass Wasser der größte Feind des Leders ist, dem wollen wir doch, wenn möglich, keine Angriffs­fläche bieten, oder?“ beaufsichtigte einer der neuen Erzieher (?) das Schuheputzen draußen auf dem Hof. Diese fast kiloschweren Schuhwichsdosen, die jedes Kind erhielt, enthielten irgend so ein traniges, schleimiges Zeug, was man wirklich nur mit dem besten Willen mit der heutigen Schuhcreme vergleichen konnte. Alte Lappen damit getränkt, um einen Stock gewickelt, ergab das tranige Zeugs eine schöne Fackel. Gespielt hatten wir schon damit. „Wann kommt denn nun ein Arzt, um sich deinen Stich mal anzusehen?“ hänselte ich den leidgeplagten Bengel. Wütend schaute er mich an, „hier kannste verrecken und die holen keinen Arzt!“ schrie der Junge, warf seinen Schmiertopf und Cremebürste hin, rannte heulend davon. Irgendwie ging uns das allen an die Nieren. „Ich bin hier ja bald weg, Gott sei Dank! Es geht mich ja auch nichts weiter an, aber glaubt ihr etwa, dass sich hier viel ändern wird?“ Damit begann ich einen alten Lappen um einen Stock zu wickeln, nahm aus einem paar Schu­he die Schnürsenkel heraus, schnürte damit den Lappen am Stock fest, stocherte mit dem so umwickelten Stecken in einer Schuhwichsdose herum, und fragte die herumsitzenden Lei­dens­genossen, ob sie sich noch an unsere Spiele mit den selbstgebastelten Fackeln erin­nern könnten. „So was macht doch nur im Dunkeln Spaß“, hörte ich einen sagen. „So?“ Eine Dose in die Linke, die Cremebürste in der rechten Hand, trat ich an die am nächsten stehende Barackenwand und begann diese wie ein Maler anzustreichen. Noch war überhaupt kein Begreifen in den Augen der zuschauenden Kinder zu erkennen. Erst als ich den gesamten Inhalt der Dose an der Wand verschmiert hatte, meine kalte Fackel gegen die Wand hielt und fragte: „Was würde wohl geschehen, wenn ich jetzt ein brennendes Streichholz an die Fackel halte?“ begann es bei den meisten zu dämmern. Ja, ich sah regelrecht die Lichter bei ihnen aufgehen. Ich hatte den übrigen, bei meiner Ehre, wirklich nicht empfohlen mit ihrer Schuhwichse ebenfalls so rumzuaasen.

Selten habe ich Kinder meines Alters mit solch einem Eifer arbeiten sehen. Zuerst waren es meine Ex-Reisegefährten, die damit begannen, dann immer mehr, bis sie sich schließlich fast darum rauften eine freie Fläche an der Holzwand zu finden, wohin sie den Inhalt ihrer Dosen schmieren konnten. „He, he, es gibt doch eine ganze Menge Wände hier. Warum nur diese eine? Ihr wollt doch Nägel mit Köpfen machen, oder!?“ Ich wollte ja nur nicht, dass die Kin­der sich stritten und … alle Wände schön gleichmäßig aussahen.

Ich begab mich kackfrech ins Büro.

Meine Leidensgenossen sahen dies auch sogleich ein. Sie verteilten sich, ohne dass einer das Kommando übernahm. Das lief ja bestens. Ich begab mich kackfrech ins Büro, wo die erreg­ten Bullen nervös rauchend herumsaßen und mich bitterböse anschauten. Tja, wenn Blicke töten könnten. Zwar gab es in diesem Teil Deutschlands die Todesstrafe, aber doch nicht ohne Gerichtsurteil.[3] Und auch nicht gegen Kinder. „Was gibt’s – was willst du?“ „Ich wollte nur mal fragen, ob wir heute noch losfahren, oder ob ich meine Sachen für die Nacht wieder aus­packen kann?“ fragte ich ganz demütig. „Du hältst dich bereit. Du wirst hier keine einzige Nacht mehr verbringen!“ wurde ich angefaucht. Wie Recht sie doch hatten. Keiner würde hier mehr auch nur noch eine Nacht verbringen! Nie mehr! Besser konnte ich ja wohl kaum jeman­den von meiner Unschuld überzeugen. Als es nämlich an allen Ecken und Enden zu brennen begann, war ich ja nachweislich im Büro bei den Bullen. Das Feuer war noch gar nicht bis zum Büro vorgedrungen, da sprangen die Typen hoch als würde es unter ihren Bullenärschen schon brennen.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“ damit wurde ich am Genick gepackt und aus dem Büro geschleift. Immer ICH!

War das Schön! Die Bullen auch mal sprachlos zu sehen. Das Feuer an sich hatte ja noch einen ganz tollen Nebeneffekt.

„Schschuuulllzzzz! Was ist denn das schon wieder für eine Sauerei?“

Vor Wochen schon waren wir Heimkinder angehalten worden, in der Umgebung immer mit einem Sack unterwegs zu sein, um alle Kastanien und Eicheln im Wald aufzusammeln. Diese sollten dann an den Dresdner (?) Zoo abgeliefert werden. Für die Tiere dort. So lagerten zig Zentner trocknender Kastanien und Eicheln vor sich hin in einem Raum und warteten darauf abgeholt zu werden. Das Feuer nun ließ diese Waldfrüchte platzen. Das klang beinahe so, als befände sich eine kleine Armee im Gebäude und schoss aus allen Rohren. Bis die Bullen das gecheckt hatten verging eine geraume Zeit. Zunächst einmal suchten sie mit gezogenen Waf­fen Deckung. Das zweite Fahrzeug, welches diesmal einer der neuen Erzieher mitgebracht hatte, war unterwegs um einen Satz neuer Reifen für den Bullenwagen zu besorgen. Der konnte gleich wieder umdrehen, um die Feuerwehr zu holen. So dauerte es ziemlich lange bis die Feuerwehr endlich anrückte. So hatten die Gebäude genügend Zeit sich von dieser Bild­fläche zu verabschieden. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es ohnehin nicht gut gewesen wäre, dort die Jugend im Geiste des Kommunismus zu erziehen, wo eventuell noch der Geist der alten Hitlergefolgschaft drin wohnte. Wurden doch vor wenigen Jahren noch BDM-Mädchen dort zu Köchinnen ausgebildet.

In einem Punkt behielten die Bullen allerdings Recht. Ich kam tatsächlich in ein ganz anderes Heim als die übrigen Kinder.

Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden.

Vorläufig zumindest. Es musste den Behörden ganz schön Kopfzerbrechen bereitet haben, uns 70 Kinder irgendwo unterzubringen. Das schöne große Gelände in Dresden-Hellerau wurde ja zum Zeichen der Völkerverständigung und der Solidarität für die von den amerikanischen Aggressoren zu Waisen gemachten koreanischen Kriegskinder belegt. In einem Seitentrakt der Moritzburg (ja, Sie haben richtig gelesen, in DER Moritzburg[4] bei Dresden) wurden wir zunächst alle untergebracht. Ich natürlich abgesondert von den anderen gehalten. Vier Tage lang dauerten die Verhöre an. Ich habe nie erfahren können, ob mich jemand dahingehend belastet hat, dass ich als der Brand-Anstifter galt. Am fünften Tag wurden eigens für mich kleine Person zwei Erwachsene Männer abgestellt, um mich nach … ja, richtig, … nach Leip­zig zu bringen. Warum nicht gleich so? Warum hatte man mich eigentlich so weit weg ver­schickt, wenn es doch in Leipzig auch ein Heim gab? „Bilde dir nur nichts ein! Dort, wo du jetzt hinkommst, wirst du keine Gelegenheit zum Ausreißen bekommen!“ meinte der redse­ligere von den beiden Männern mir allen aufkommenden Mut nehmen zu müssen. „Dort ist noch keiner auch nur ein paar Hundert Meter weit bei einem Fluchtversuch gekommen!“ prophezeite er mir. Herrschaften, reizt mich bloß nicht! Schulz mochte das Wort „unmöglich“ überhaupt nicht. Aus dem Alter, wo ich noch glaubte, dass das Männchen im Radio doch mal rauskommen müsste, um Pipi zu machen, oder so, war ich längst raus. Irgendwie war ich seit den Bombenangriffen auf Königsberg frühzeitig zum Erwachsensein gezwungen worden. Nachdem ich unseren Volksempfänger auseinander genommen hatte und feststellen konnte, dass darin gar niemand war, begann ich wissensdurstig zu werden. Ich hatte gelernt, dass gerade das unmöglich Erscheinende am leichtesten zu bewältigen war. Wie sonst hätte ich den Einmarsch der Sowjettruppen und die vier darauf folgenden Jahre ohne Lebensmittel­karten oder anderweitiger Hilfe überleben können?

Fußnoten

[1] Bambule, krawallartiger Protest von Häftlingen, Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Berlin, New York, 199923 Der Titel dieses Kapitels ist dem Fernsehfilm über die Heimkampagne entlehnt https://de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne. Text: https://www.wagenbach.de/buecher/titel/194-bambule.html . Es handelte sich m.W. um das erste Mal in der bundesrepublikanischen Geschichte, dass die Lage der Kinder und Jugendlichen in den Heimen in staatlicher, meist kirchlicher Verantwortung die Chance hatte, öffentlich wahrgenommen zu werden. Heimkinder ohne die Vitalität von Schulz hatten kaum Chancen, sich dem Heimalltag immer wieder und teilweise erfolgreich zu entziehen. Im Hintergrund der Kampagne stand der Versuch politischer Instrumen­talisierung der Heimkinder. Dennoch hätte der Film die erforderliche Diskussion um die Bedingungen der Heim­erziehung anregen können. Doch die Heimkinder hatten auch damit wieder einmal Pech: Die ARD wollte den Film am 24. Mai 1970 ausstrahlen. Intendant Helmut Hammerschmidt setzte ihn jedoch nach Meinhofs Teil­nahme an der Baader-Befreiung (14. Mai) trotz Protesten von 122 SWF-Mitarbeitern ab. Erst 1994 wurde er gesendet. https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_Meinhof#Heimkampagne . Die Behandlung des Themas im späteren Verlauf (Runder Tisch Heimkinder unter der Moderation von Dr. Antje Vollmer) erwies auch weiterhin den Unwillen von Politik und Gesellschaft, sich ernsthaft mit Kindern zu beschäftigen, die Opfer von staatlichen und kirch­lichen Anpassungsversuchen geworden waren. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerschlacht_bei_Leipzig

[3] Das war anders: „Wir sind nicht davor gefeit, daß wir mal einen Schuft unter uns haben. Wenn ich das schon jetzt wüßte, würde er ab morgen nicht mehr leben. Kurzen Prozeß. Weil ich Humanist bin. Deshalb hab’ ich solche Auffassung. /…/ Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“ Erich Mielke, zitiert in der Ausstellung im Stasi-Museum Runde Ecke, Leizig, http://www.runde-ecke-leipzig.de/ Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2554638522/in/album-72157605456895559/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Moritzburg_(Sachsen)

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4,  17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

Wie geht es weiter?

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

 

Wie wird man kriminell?

Dieter Schulz ist ein Beispiel. Er wurde nicht zum Stehlen angeleitet wie Oliver Twist. Er ist Autodidakt. Erst musste er Wege finden, um in den Nachkriegswirren zu überleben. Dann geriet er auf die Abwege einer Heimkarriere – wie so manche Heimkinder, die durch ihre Heimerziehung auf der schiefen Bahn landeten.

Dieter Schulz hielt es in den Heimen nie lange aus, 28 Fluchtversuche aus insgesamt neun Heimen, und die Heime hielten ihn nicht aus. Das berichtet er seiner Autobiographie, die Kapitel für Kapitel hier im Blog erscheint.[1]

Im nächsten Kapitel sehe ich einen wichtigen Wendepunkt. Bisher war er sich nicht voll bewußt, was er angestellt hat, er war ja auch ein noch nicht schuldfähiges Kind. Selbst die Idee mit dem über die Straße gespannten Seil kam spontan aus der Situation heraus. Allerdings verursachte er damit einen schweren Unfall, der auch hätte tödlich ausgehen können.

Doch nun ist Bambule angesagt. Mit kühler Überlegung sorgt er dafür, dass seine Kameraden das Heim abfackeln und er sich zeitgleich bei seinen „Erziehern“ beschwert, also ein Alibi hat. Das ist für mich der Wendepunkt zu einer kriminellen Karriere: Die coole Planung eines Delikts. Später wird dann bei Dieter Schulz die Kriminalität zu einem Geschäftsmodell für ihn als Kleinunternehmer. Die Nazis hätten ihn als Berufsverbrecher[2] abgestempelt und mit einem grünen Winkel ins KZ gesteckt. Es mag Leute geben, die meinen „Recht so!“. Doch diese Pharisäer haben noch nie gelogen, noch nie das Finanzamt betrogen und auch als Jugendliche nie im Laden gestohlen. Sie stammen zumeist aus nicht-prekären Verhältnissen.

Ich warte nur noch auf den Kriminologen oder Psychologen, es darf auch ein Politiker sein, der mir den Unterschied erklärt zwischen einem Dieter Schulz und manchen Bankern aus dem Investmentbereich oder zu den Leuten, die Betrugs-Software in die Motoren einbauen lassen. In beiden Branchen ging es um gute Geschäfte, wenn auch kriminelle; in beiden Branchen wurden massenhaft Arbeitsplätze vernichtet und Lebenschancen zerstört, die Boni aber und die Pensionen werden ungerührt kassiert.

Es gibt verschiedene Wege kriminell zu werden. Ein Dieter Schulz ist mir dann immer noch sympathischer.

Nachsatz: Die Perry-Preschool-Studie hat zwar tolle Präventiv-Erfolge gebracht, deutlich weniger Kriminalität u.a., aber diese Erfolge betreffen nur die festgestellte Kriminalität, die derer, die sich erwischen lassen.[3] Doch immerhin hat sie viele „normale“, geglückte(?) Lebensläufe ermöglicht.

Fußnoten

[1] Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

Wie geht es weiter?

Kapitel 10, Bambule

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsverbrecher

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2012/09/perry-ds-11.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« IX

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 Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neuntes Kapitel

Aber nun wieder zurück nach Berlin

Knautschke, wohl das berühmteste Flusspferd des Berliner Zoos aller Zeiten. Es gibt bestimmt auch heute noch leichaltrige im Rentenalter, die sich an dieses unförmige Ungetüm erinnern können.[1]

Dem kleinen Jungen floss das Herz über, weil glück­lich

Ich konnte mich an Knautschke kaum sattsehen, war verliebt in dieses Tier. Wir hatten auch noch das Glück, dass gerade Fütterungszeit war. Ganze Brotlaibe wurden ihm in den weit aufgerissenen Rachen geworfen. Völlig unbeschwert genossen wir diesen Zoo­besuch. Bei solch einer Gelegenheit, wo einem kleinen Jungen das Herz überfloss, weil glück­lich, vergaß man ganz, dass man sich ja eigentlich auf der Flucht befand. Aber genau das waren ja unsere Beweggründe gewesen. Ein paar unbeschwerte Stunden zu erleben, außerhalb des militäri­schen Drills im Heim. Eigentlich waren wir schon recht bald wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ohne festen Plan waren wir ratlos geworden, wie es nun weitergehen sollte. Wir durchstreiften Berlin in alle Richtungen. Wirkliche Grenzen innerhalb der Stadt gab es ja im Prinzip derzeit noch gar nicht. Wir sahen zum ersten Mal in unserem Leben schwarze Men­schen. An einem Flughafen – auch das war völlig neu für uns – marschierten sie in viel schmuckeren Uniformen als die Russen gemischt mit weißen Soldaten entlang. Die weißen Schnüre an ihren Schultern sowie die weißbehand-schuhten Hände, mit denen sie ihre Gewehre hielten, verliehen ihnen etwas von Vornehmheit. Erst viele Jahre später konnte ich in Moskau feststellen, dass auch die Russen so schöne Paradeuniformen anlässlich der Feier­lichkeiten auf dem Roten Platz trugen. In die Richtung unseren Weg fortsetzend, woher die schmucke Truppe gekommen war, standen wir auch bald vor dem Haupteingang des Flug­platzes. Ein schöner, großer, sauberer Platz. Wir staunten die herausgeputzten Pferde vor den Pferdedroschken an, die dort auf Fahrgäste warteten. Ich weiß bis heute nicht, wo wir uns damals eigentlich befanden. Ziel- und wahllos durchstreiften wir Berlin.

Diese Erinnerungen aufzufrischen wäre bestimmt sinnlos, bei dem Bauboom in und um Berlin. Manchmal trafen wir auf Schilder auf denen zu lesen war: „Sie verlassen den Westsektor Berlins“ oder aber auch: „Sie verlassen den Ostsektor…..“.[2]

Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war.

In Deutsch und Russisch konnte ich es ja gut lesen. Bei den anderen beiden Sprachen konnten wir nur raten, dass dies das gleiche zu bedeuten hatte. Durch das ‚the’-Schriftbild einigten wir uns darauf, dass dies Englisch sein müsste. Blieb als letztes nur noch Französisch übrig. Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war. Wir waren richtig stolz auf unsere Sprachkenntnisse. Eine richtig ausgelassene Stimmung aber wollte bei uns trotz der Freiheit, die wir genossen, nicht so recht aufkommen, nachdem wir durch vieles Rumfra­gen erfahren hatten, dass wir keine Chance hätten, von Westberlin direkt nach Westdeutsch­land zu kommen. Clever (?) wie ich war, rief ich sogar bei einer Behörde an, deren Telefon­nummer uns wiederum ein freundlicher Mensch gegeben hatte, erkundigte mich welche Aussichten bestanden, per Luftweg in den Westen zu meinem Vater zu gelangen. Als Minder­jähriger ohne den Beistand eines Elternteils gab man mir keine Chance. Hätte ich damals schon etwas mehr über die Kirche und deren Funktion gewusst, hätten wir es viel­leicht auf diesem Wege versuchen können, mit meinem Vater in Kontakt zu kommen. Bloß gut, dass ich damals noch nicht auf diese Idee gekommen bin. Ich hätte bei meinem Vater ein Fiasko aus­ge­löst, wie sich knapp zwei Jahre später herausstellen sollte. Seine spärlichen Briefe klangen ja immer sehr liebevoll und besorgt seinem Sohn gegenüber. ABER! …. Ich will nicht vorgreifen.

Hin und wieder leisteten wir uns eine Cola, sofern wir genügend weggeworfene Verschluss­kappen der besagten Marke fanden, die wir sammelten und für eine bestimmte Menge gegen eine Flasche eintauschten. War wohl eine Werbeaktion der Amis für ihr Produkt.

Noch zu jung für den Strich

Zweimal ging einer meiner Kumpels mit einem Typen mit, wichste dem einen für ein paar Mark ab. Ich hatte ja schließlich schon vorher für reichlich Geld gesorgt. Jetzt sollten die beiden anderen auch mal was für unsere Reisekasse beitragen. Ich erschien den Freiern anscheinend doch etwas zu jung; durch meine mickrige Körpergröße wäre ich glatt als Zehnjähriger durchgegangen. Es kam noch hinzu, dass die Freier, wie mir meine Reisege­fährten hinterher berichteten, gerne etwas Spritziges in die Hand oder in den Mund wollten. Dies traute man mir nicht zu, dass ich dazu fähig war. Dabei hatte ich doch genau an meinem 13ten die Bettdecke vollgesaut, und war deswegen bei meiner Mutter in Erklärungsnot gera­ten. Irgendwann kamen wir dann doch noch an eine einigermaßen erträgliche Geldquelle. Vor dem Funkturm war derzeit ein riesiger freier Platz, der als Parkplatz genutzt wurde. Dort sah ich dann auch (außer zu Kriegszeiten) zum ersten Mal Unmengen von Autos. Zum Teil zwar noch Vorkriegsmodelle, aber auch ganz andere, wie wir sie nur zu Messezeiten hin und wieder in Leipzig sehen konnten.

Wie alle interessierten Jungs in dem Alter stillten wir unsere Neugierde und erforschten in fast jedem Westauto das Innere (Pfui! nicht was Sie jetzt denken lieber Leser). Wir wurden von einem Mann angesprochen, ob wir uns nicht etwas Geld verdienen wollten. Nein, diesmal war es kein Schwuler. Natürlich waren wir sofort Feuer und Flamme. Wir sollten während seiner Abwesenheit auf sein Auto aufpassen und, wenn wir Lust auf eine extra Mark hätten, könnten wir ja in der Zeit seinen Wagen waschen. Sollte es zu seiner Zufriedenheit ausfallen, würde er uns zwei Mark geben. Aber Hallo! Das wären ja umgerechnet 11 Colas. Einen kleinen Eimer und Putzlappen hatte er sogar in seinem Kofferraum. Wasserhydranten gab es auch in der Nähe.

So verdienten wir uns ganz redlich unsere ersten zwei Westmark. Das brachte uns natürlich auf die Idee, auch anderen Autobesitzern unsere Dienste anzubieten. Es klappte vorzüglich. Soviel ich weiß, gab es für uns noch keine Konkurrenz von professionellen Waschanlagen.[3] [4] Bei uns klappte es vorzüglich. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir drei eine Lebens­stellung daraus gemacht. Hatten uns schon selbst mit den nötigen Putzutensilien ausgestattet.

Leider machten uns die Schupos einen Strich durch die Rechnung. Erstens kommt es anders, zweitens als du denkst, sagte schon meine Mutter oftmals. Wir liebäugelten ja schon mit dem Gedanken, uns in einen der auch hier geparkten Laster, die nach Westdeutschland fuhren, zu schmuggeln. So sah ich auf dem Parkplatz einen Schwerlaster mit dem Herkunftsschild Buxtehude. Buxtehude? Das gab es wirklich? Ich hatte immer geglaubt das sei ein Märchen, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen.[5] Diese Pläne konnten wir dann aber bald abhaken.

Alles Paletti! – Dachten wir.

Nicht dass wir Kinderarbeit leisteten, war der Bahnpolente vom Bahnhof Zoo aufgefallen. I wo! Gegen Abend hielten wir uns gerne vor dem Bahnhof auf. Tagsüber standen dort allenthalben Obst­stände herum, die an Reisende verkauften. Wir hatten schnell herausbekommen, wann diese Stände wieder abgebaut wurden. Dabei fiel dann eine ganze Menge angeschlagenes, unver­käufliches Obst ab. Kartons und Obstkisten, nebst Holzwolle wurden aufgeschichtet und (welch eine Verschwendung aus der Sicht von uns Ostdeutschen) verbrannt. Wir freuten uns über das angeschlagene Obst, die Stand-besitzer darüber, dass wir ihnen beim Verbrennen halfen und sie selbst somit früher nach Hause kamen. Brauchten sie nun doch nicht unnötig lange auf das Feuer zu achten. Das erledigten wir für sie. Dabei konnten wir uns auch noch an den kühlen Sommerabenden am „Lagerfeuer“, wie wir es romantisch verträumt nannten, wärmen. Dieser Platz, wenige Schritte vom Haupteingang entfernt, wo sich heute Busse und Taxis breit gemacht haben, gehörte anscheinend zum Bahnhofsbereich und in die Zuständig­keit der Bahnbullen. Jedenfalls kamen eines Abends zwei Bahnbullen direkt auf uns zu und fragten, was wir hier täten. Eine blöde Frage! Das sahen sie doch! Vor der Obrigkeit, dazu noch in Uniform, kuschten wir natürlich. Wieder einmal hatten wir unsere Schularbeiten nicht gründlich genug gemacht. Zu sorglos geworden, hatten wir nicht im Entferntesten daran gedacht, vor ein Problem dieser Art gestellt zu werden. Der Mensch, zumal mit 13 Jahren, lernt eben nie aus. Bei der Nennung der Namen hatten wir noch keine Schwierigkeiten. Wir hatten uns für den Fall solcher Fälle jeder einen anderen Namen eingeprägt und dies auch immer wieder geprobt, ob der Angesprochene darauf richtig reagierte. Alles Paletti! Dachten wir. So, hofften wir, würden sich die Bullen die Zähne daran ausbeißen müssen, um unsere wahre Herkunft heraus­zubekommen. Von daher drohte uns von der West­polizei das geringste Übel. Glaubten wir jedenfalls. Doch als die Frage nach dem Woher und dem Wohin kam, gerieten wir doch schon etwas ins Stottern. Zumindest meine beiden Kumpane, die ein wirklich einwandfreies sächsisch spra­chen und es zu verbergen versuchten. Das schon genügte den Bullen, miss­trauisch zu werden. „Na, dann kommt doch mal mit“, hörten wir den gefürchteten Satz aus berufenem Munde sagen. Ich konnte mir gar nicht denken, was die Uniformierten überhaupt von uns wollten. Mir war doch ganz fließend ein Straßenname aus dem Ostteil der Stadt über die Lippen gekommen, auch die Hausnummer. Ich kann nicht behaupten, dass die Bahnbullen irgendwie unfreundlich oder gar handgreiflich uns gegenüber wurden. Von direkter Freund­lichkeit konnte man allerdings auch nicht sprechen.

Ganz einfach routinemäßig lief das Ganze ab. In einen Nebenraum gesteckt, wo außer einer langen Bank nichts weiter vorhanden war, harrten wir gelassen der Dinge. Es dauerte gar nicht lange da kam ein grinsender Oberbulle und dazu noch zwei weitere in unsere Zelle. Ganz freundlich, eigentlich viel zu freundlich, erfragte er nochmals die Hausnummer, die ich ihm genannt hatte. Ich hatte ganz spontan die 22 genannt, weil dies wirklich die Hausnummer war, in der ich in Leipzig bei meiner Mutter wohnte. Verplappern konnte ich mich diesbezüg­lich nicht. Und die genannte Straße gab es ja auch in Ostberlin. „Na, dann kommt doch mal mit“, wurden wir immer noch freundlich und grinsend aufgefordert. Heute würde so ein Grinsen im Gesicht eines Bullen sofort sämtliche Alarmglocken läuten lassen. Man halte mir aber bitte zugute, dass ich in dem Alter immer noch das Gute in jedem Menschen sah, eben ein blutiger Anfänger, was den Umgang mit den Bullen anging. Am besten man pflegt überhaupt keinen Umgang mit solchen Typen. Ich will damit sagen, man geht ihnen am besten aus dem Wege und lässt sich erst gar nicht erwischen. Aber wer denkt schon, während er sich am Lagerfeuer wärmt, an etwas Böses? Die Hausnummer wurde uns zum Verhängnis! Die Straße gab es unbestritten. Auch die Hausnummer. Im Prinzip, laut Radio Eriwan[6]. Vor dem Krieg hatten darin sogar Menschen wohnen können. Inzwischen aber waren ein paar niedliche Bomben daraufgefallen und hatten nur einen Trümmerhaufen zurückgelassen. Dies wiesen mir/uns die Bullen voller Häme im Gesicht anhand einer Spezialkarte von Berlin nach. „Ihr seid doch faule Früchtchen!“ wurde uns auf den Kopf zugesagt. Schon wieder diese Bezeichnung. Früchtchen, ob die das überall auf der Polizeischule lernten? Ich glaube, in dem Heim, wo wir die folgende Nacht schlafen durften, hätte sogar ich heimisch werden können. Nach einer Fahrt mit einem neuwertigen Westauto von etwa einer halben Stunde erreichten wir ein schmuckes Haus, welches in etwa die Größe eines Zweifamilienhauses hatte. Drinnen war alles so adrett und sauber, zum Teil mit Glastüren versehene Zimmer. Eigentlich war ja schon längst Schlafenszeit für die Heimkinder, aber bei unserer Ankunft sprach es sich sehr schnell herum, dass noch Neuankömmlinge erwartet würden. So wurden wir natürlich von neugierigen Jungs und Mädchen in adretten Schlafanzügen, bzw. Nachthemden begrüßt. Wir durften Milch, Kakao oder Früchtetee zu dem reichlichen Brot und Aufschnitt wählen. Irgendwie mussten im Osten die Propagandafilme über den kapitalistischen Westen ver­tauscht worden sein. Darin jedenfalls wurde uns vorgeführt, wie Westkinder sich ihr Essen aus den Mülltonnen fischten. Fast die Verhältnisse, die man uns mit den Filmen untergejubelt hatte, herrschten schon am nächsten Tag in Rummelsburg. Wir hatten in wundervoll weichen Betten geschlafen, mit frischer Nachtwäsche ausgestattet, nachdem wir auch noch hatten duschen dürfen. Köstlich frische Brötchen (die bekamen alle, nicht nur wir, um uns etwas vorzutäuschen) zum Frühstück und …… Kakao satt! Es sollten danach Jahre vergehen, bis ich wieder solch einen Gaumengenus bekommen sollte.

Leider verbrachten wir dort nur etwa 12 Stunden, deshalb zähle ich dieses Heim auch nicht den anderen neun Heimen während der 26 Monate, die ich darin verbringen musste hinzu. Die Frau, die uns dann wieder mit einem schicken Westauto zu irgendeinem Berliner Bahnhof brachte, lieferte uns dort auf dem Bahnsteig an zwei finster dreinblickende Herren ab. Mit einem Blick, welcher soviel heißen sollte wie: „ihr armen Würstchen“, wurden wir noch von der Frau bedacht, bevor sie sich umdrehte und davonging. Ohne Kommentar wurden wir von den beiden Herren in die Mitte genommen und in den anfahrenden Zug verfrachtet.

In Rummelsburg[7] erwartete uns eine triste Kasernenhofatmosphäre. Das Gelände war unheim­lich groß. Von der Kleiderkammer, wo wir mit viel zu großen Klamotten ausgestattet wurden – Hosen ohne Gürtel, Schuhe ohnehin zu groß, auch noch ohne Schnürsenkel – hatten wir, bedingt durch das Festhalten der immerwährend rutschenden Hosen und den viel zu großen Botten an den Füßen, ein ganz schönes Stück Weg bis zu unserer eigentlichen Unterkunft zurückzulegen. Viele Erinnerungen von dort gibt es nicht mehr. Nur dass am Gelände ein Fluss (oder war es ein größerer See?) angrenzte, der so breit war, dass an ein Entkommen nicht zu denken war. Es lag in einiger Entfernung ein abgesoffenes Schiff (also doch ein Fluss?) halb aus dem Wasser ragend darin. Unmöglich es schwimmend zu erreichen. Von unserem Zim­mer­fenster aus lernte ich wieder etwas Neues von der Welt kennen. In einem fast kreisrunden Stadion fuhren Motorräder, die am hinteren Ende Stangen samt Querstange hatten und sich abstrampelnde Radfahrer bemühten, dran zu bleiben. Das laute Geknatter der stinkenden Motorräder und die schwitzenden Radfahrer dahinter zu beobachten war eigentlich die einzige Abwechslung, die wir in Rummelsburg während unseres Aufent­haltes dort hatten. Ich habe die Tage nicht gezählt, die wir dort verbringen mussten. Außer dem täglichen Hofgang gab es ja nichts. Und deshalb kam uns die Zeit wohl auch doppelt lang vor, die wir dort verbringen mussten. Nur immer am Abend war dann wieder das Motorgeknatter der Trainierenden im Stadion zu hören.

Dafür hatten wir dann mit einem Typen, der uns gleich furchtbare Prügel androhte, falls wir auch nur einen Fluchtversuch andeuten würden, ein ganzes Zugcoupé für uns. Er hatte eigens einen Schlüssel vom Schaffner bekommen, falls mal einer aufs Klo musste. Er hielt die Türe von innen verschlossen, solange wir fuhren. Mit ihm war wirklich nicht gut Kirschen essen. Er unterband sogar jedes Gespräch unter uns. So ging das bis Dresden. In Dresden blieben wir aber nicht. Das Heim war tatsächlich schon für die koreanischen Waisenkinder geräumt wor­den. So blieben wir nur wenige Stunden auf einem Polizeirevier, bis wir von einem fast geschlos­senem Kastenwagen in eine Gegend verfrachtet wurden, dessen Weg wir nicht nach­vollziehen konnten, weil wir ja nichts von der Landschaft erkennen konnten. Wie ich erst 1990 von meiner Schwester erfuhr, hatte sie viele Stunden gebraucht, um von Dresden aus dorthin zu kommen, nachdem ihr mein derzeitiger Aufenthaltsort bekannt wurde, um mich zu besuchen. Mir war es trotz aller Briefzensur gelungen, ihr eine Nachricht zukommen zu las­sen, dass ich mich in einem Heim in der Nähe von Königsbrück befand. Danach trieb ich mich jeden Tag auf der einzigen Landstraße herum und erwartete sehnsüchtig meine Schwester. Jeder Brief, der geschrieben wurde, wurde von der Heimleitung gelesen. Stand auch nur ein verdächtiges Wort darin, wurde er zu den Akten geheftet. Und man erfuhr noch nicht einmal, war der Brief nun abgeschickt oder nicht. Meine Mutter wusste meist längere Zeit nicht, wo ich mich gerade befand. Kein Wunder bei dem Tempo, mit dem ich die Heime wechselte. Das war nach jeder Flucht angesagt. In der Abgeschiedenheit von jeglicher Zivili­sation erfuhr ich dennoch, dass wir uns in der Nähe von Königsbrück, Kreis Kamenz, Bezirk Dresden befan­den.

Irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt.

Mitten im tiefsten Wald gelegen hatte man ein ehemaliges BDM- Heim, welches zu Hitlers Zeiten dazu diente, junge Mädchen als Köchinnen auszubilden, wieder reaktiviert. Ein Gebäudekomplex in Hufeisenform, etwas bessere Baracken, ca. 40 Zentimeter hoher Stein­sockel, darauf Holzaufbau. 70 Kinder und 5 Erzieher, die uns rund um die Uhr zu betreuen, besser gesagt zu überwachen hatten. Selbst deren Kochkünste mussten wir über uns ergehen lassen. Ein eigenes Gefährt hatte das Heim nicht. Deshalb bekamen wir manchmal etwas Warmes zu essen, oftmals aber auch nicht. Wer für unsere Versorgung verantwortlich war, haben wir nie erfahren. Bei Nachfrage bei den Erziehern hieß es immer nur, dass sie selbst keinen Einfluss darauf hätten. Die Versorgung funktionierte genau so wie eine verrostete Türe. Etwas tiefer noch im Wald gelegen stand ein altes Pulverhäuschen. Das sollte für uns zur Schule umgebaut werden. Nur wann, das wurde uns nicht gesagt. Die reguläre Schulzeit nach den Sommerferien hatte längst begonnen. Da vertrieben wir unsere Zeit damit, Kräuter, Eicheln und Kastanien zu sammeln. Das Ganze, was eigentlich für einen Zoo bestimmt war, wurde niemals abgeholt. Ansonsten spielten wir in den alten Grotten des Elb­sandsteingebirges und im Wald „Russe und feindlicher Faschist.“ Alte, verrostete Knarren und Pistolen fanden wir in den Höhlen genügend vor. Blau- und Preiselbeeren sowie Pilze sammeln und erkennen lernten wir, und andere Dinge in der Natur zu lesen, was den Groß­städtern sonst verwehrt bleibt. Ich begriff gleich, dass es nicht ratsam war, eine gute Tat zu begehen, einem Bauern seine Kartoffelernte beschützen zu helfen, wenn sich eine Wild­schweinfamilie in den Kopf gesetzt hatte, auf einem Kartoffelacker ihre Mahlzeit einzu­nehmen. Mein Knüppel-schwingen und „Ksch-Ksch–Rufen“ verärgerte diese Biester aber ungemein. Zumindest erkannte ich sehr schnell, dass ein Eber seine Hauer nicht nur zur Zierde trug, als er auf mich losstürmte. Ich bekam gerade noch die Kurve, bevor er mich erreichte. Die Rehe waren da schon anderer Natur. Die liefen schon weg bevor man ihre braunen Augen genau erkennen konnte. Seitdem weiß ich auch, warum man im Biologie­unterricht zu ihrem Hinterteil Spiegel sagt. Diesen Spiegel sah man öfter als ihre braunen Augen. Mag sein, dass daher meine Vorliebe für Frauen mit braunen Augen herrührt. So etwas Sanftes und Treues im Blick. Junge, Junge, da wird es einem ganz schwummerig ums Herz. Bei beiden. Den Frauen sowohl als auch bei den Rehen. Ehrlich, ich lernte die Natur lieben. Aber zum einsamen Trapper war ich dennoch nicht geschaffen. Ich musste Trubel um mich haben. Und sei es nur in der Schule. Der Bau der Schule aber ließ auf sich warten. Immer nur Bio auf dem Stundenplan war nicht gerade gut für die Allgemeinbildung. Es mag vielleicht blöd, unwahr klingen, dass ein junger Bur­sche sich nach der Schule sehnt, aber irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt. Wir kannten im weiten Umkreis jeden Busch und Baum, jede Höhle im Elbsandsteingebirge. Wir wussten, wo alte Waffen herum­lagen, wo ein Hasenlager oder ein Rehgehege war. Wir kannten die Wildwechsel und konnten die Spuren lesen, von welchem Tier sie stammten. Lernten schnell eine Ringelnatter von einer Kreuzotter zu unterscheiden. Selbst die Verteidi­gungstaktik von Hornissen blieb uns kein Geheimnis. Einer der Jungs trieb seine Neugierde soweit, dass er mal so eben in einem Hornissennest unter einem vorspringenden Dachsparren mit seinem Stock (keiner von uns trieb sich ohne einen solchen Stock in der Gegend herum) herumzustochern. In ihrer Ruhe gestört machten die erbosten Hornissen Jagd auf den Frevler. Ganz gezielt auf eben den Jungen, der ihren Frieden gestört hatte, obwohl wir mit mehreren dort herumstanden.

Seltsamerweise stach ihn nur eine der Hornissen. Anscheinend beließen die Tiere es mit die­sem Warnhinweis, weil er an ihrem Bau keinen größeren Schaden angerichtet hatte. Nur eine hatte ihn in die Wange gestochen. Ein paar Stunden später konnte man bei dem gesto­chenen Jungen gerade noch erahnen, wo sich mal seine Augen befunden haben mussten. Es gab nur noch verquollene wülstige Lippen eines Negers und eine kartoffeldicke Nase. Sein Anblick hätte ihn ohne weiteres dazu prädestiniert, in einem Horrorfilm mitzuwirken. Einen Arzt aufsuchen? Wie denn? Wo denn? Was denn? Wir hatten ja noch nicht einmal ein Fahrrad auf dem Heimgelände. Außer den Erziehern wusste hier sowieso niemand, in welcher Rich­tung so einer aufzutreiben gewesen wäre. Die wenigen Fremden, Lieferanten meist, die zu uns fanden, kamen alle von rechts. Dort irgendwo musste sich die Welt befinden, wo es noch anderes Leben gab als die Tiere. Unsere Hilfsbedürftigkeit, besonders die des Betroffenen, wurde dahingehend abgetan, dass man meinte, er hätte sich eben nicht mit den Hornissen anlegen sollen. Außerdem würde die Natur schon selbst für sich sorgen. Es wäre nur eine Frage der Zeit bis die Schwellungen weggehen würden. Basta!

Ohne genau zu wissen, wo wir uns eigentlich genau befanden, konnten einem aber auch jegliche Fluchtgedanken vergehen. Ende September! Immer noch keine Schule. Ja, man hatte noch nicht einmal damit begonnen, an dem ohnehin für 70 Schüler zu kleinem Pulver­häus­chen irgendwelche baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Marx oder Lenin? Jemand hatte mal gesagt: „Wissen ist Macht!“[8] Diese Macht forderten wir schließlich vollkommen sauer ein. Es setzte Ohrfeigen und Stockhiebe. Mit Prügel hatte schon meine Mutter versucht mich zu erzie­hen, mir meine Rumtreiberei auszutreiben. Mit geringem – ja – fast Null Erfolg. Aber Prügel von Fremden, dazu noch unberechtigt, ließen mich die Hasskappe aufsetzen. Hass gegen die unkompetente Autorität. Hass gegen jede willkürliche Autorität und diese ganze Situation hier. Dass sich hier etwas ändern müsse, darüber sprachen alle. Aber nur Schulzi hatte die Idee wie das zu ändern sei. Einmal die Hasskappe aufgesetzt bekommen, ließ sich sein ostpreußischer Dickschädel nicht mehr beruhigen.

Fußnoten

[1] Knautschke ist tatsächlich legendär. https://de.wikipedia.org/wiki/Knautschke

[2] Zur politischen Geographie der Nachkriegszeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierm%C3%A4chte-Status

[3] Späterer Zusatz von Schulze: Bei meinen jährlichen Reisen nach Königsberg (Pardon – Kaliningrad) werde ich jedes Mal an diese Zeit erinnert. Sehe ich doch jedes Mal russische Straßenkinder sich auf die gleiche Weise etwas Geld verdienen.

[4] Unter der Nummer DE 1187943 meldeten die beiden Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger am 8. August 1962 die erste selbsttätige Kraftfahrzeug-Waschanlage für Autos an. https://www.welt.de/regionales/muenchen/gallery108510460/Vor-50-Jahren-eroeffnete-die-erste-Autowaschanlage.html

[5] Hier irrt Schulz. In der Redensart sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht https://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~wo%20sich%20Fuchs%20und%20Hase%20gute%20Nacht%20sagen&suchspalte%5B%5D=rart_ou , Hase und Igel liefen in Buxtehude um die Wette https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel, dort bellen auch die Hunde mit dem Schwanz http://www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/schauplatz-nordwest/buxtehude-dackel104.html

[6] Auch heute noch ein großer Spaß https://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Jerewan

[7] „Das zwischen 1854 und 1859 errichtete Friedrichs-Waisenhaus Rummelsburg in der Hauptstraße diente zur Unterbringung elternloser Jungen und Mädchen, die in Berlin und der Umgebung aufgegriffen worden waren. In der Zeit der DDR war auf dem Gelände das Grenzregiment untergebracht, das für die Bewachung der Berliner Mauer zwischen Eberswalder Straße und der Mündung des Landwehrkanals in die Spree verantwortlich war.“ Zum Verständnis der Lage am Wasser lohnt ein Blick auf die Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Rummelsburg

[8] Wissen ist Macht https://de.wikipedia.org/wiki/Wissen_ist_Macht

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

 Wie geht es weiter?

Kapitel 10, Bambule

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« VII

 

moabit k1

Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Siebtes Kapitel

Lockender Westen

Mit Geld gut ausgestattet musste ich nun zusehen, dass ich von Dresden weg kam. Man hatte uns nämlich angekündigt, dass das gesamte Heim in Kürze aufgelöst werden würde, da man hier Koreanische Waisenkinder aufnehmen müsste. Deutschland hatte selbst noch genügend Waisenkinder, die eher schlecht als recht untergebracht und betreut wurden, da nahm man hunderte von Waisenkindern aus einem kommunistischen Bruderland auf und brachte diese auch noch in einer Vorzeigeeinrichtung unter. Welch eine Ungerechtigkeit! Für eine uns völlig fremde Rasse vom Ende der Welt[1] mussten wir unser schönes Heim räumen. Da dies unabwendbar schien, wollte ich dann auch großzügigerweise meinen Platz freiwillig räumen. Ich war ja schließlich auch kein Waisenkind, wie die meisten dort noch in Dresden. Wohin man nun die angestammten Kinder verbringen würde – keiner wusste es, oder man wollte es uns nicht sagen. Ich jedenfalls war nicht besonders neugierig, wohin man uns verfrachten würde.

Mutter versteckte uns auf dem Dachboden.

Ich zog es vor mich auf den Weg zu machen via Leipzig. Schließlich hatte ich ja noch meine Mutter, die sich ebenso nach ihrem Sohn sehnte und zu dem Zeitpunkt noch nicht ein­mal wusste, wo ich nach dem 17. Juni verblieben war, wie ich mich nach ihr sehnte. Zwei Gleich­gesinnte, die aber kein eigentliches Ziel hatten, da sie ohne elterliche Bindungen waren, nur mal woanders hin wollten, des Abenteuers wegen, hatte ich schnell gefunden. Das Ver­bleiben in Leipzig war nicht von langer Dauer; Mutter nahm mich in ihre Arme, wie es eben nur eine liebende Mutter tun kann. Wir heulten uns aneinandergekuschelt aus, bis keine Tränen mehr kamen. Mutter versteckte uns auf dem Dachboden. Durch eine lose Diele konnten wir dann auch immer die Besuche der Vopo verfolgen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese auf die Idee kamen, auch auf dem Dachboden nachzuschauen, je länger wir vom Heim abgängig waren. Bei unseren Stadtexkursionen mussten wir den Hinterhof über­queren und durchs Vor­derhaus, um auf die Straße zu kommen. Wie vorherzusehen war wurden wir dabei natürlich auch gesehen. Wir mussten uns also um eine andere Bleibe kümmern. Gartenlauben im Som­mer stellten ein erhöhtes Risiko dar. Diese wurden um diese Jahreszeit von ihren Besitzern häufig frequentiert. So mussten wir uns fast jede Nacht eine neue Laube ausgucken. Wir stellten dabei bei den Laubenpiepern ganz schön was auf den Kopf. Wir konnten mit anhören, dass sie uns schlimmer als eine Maulwurfsplage hielten, und dass man deshalb beschloss, eine besondere Wache einzurichten. Unser Bleiben war hier somit nicht länger angesagt. Wir hatten uns zwischenzeitlich wieder ganz gut mit Geld versorgt. Ich hatte wieder meine alten „Geschäftsbeziehungen“ zu den russischen Offizieren aufgenommen. Das Schmuggelgut aus dem dekadenten Westen war bei den Offizieren, die sich das auch finanziell leisten konnten, immer noch sehr gefragt.

Wir waren wirklich sehr naiv!

Doch auch dieser Anlauf­punkt zwischen dem Hauptbahnhof und dem russischen Kaufhaus UNIWERMAG wurde immer heißer. Während ich den Geschäften nachging, passten die bei­den anderen Jungs auf, ob irgendwo Polizei auftauchte. Das ging ganz schön an die Nerven. Naiv wie wir waren beschlossen wir in den Goldenen Westen zu türmen. Der einfachste Weg schien uns über Berlin dorthin zu gelangen. Wir waren wirklich sehr naiv! Um als DDR-Bür­ger überhaupt die Hauptstadt betreten zu dürfen benötigte man einen Sonderausweis. Im Zug in Richtung Berlin, schon kurz hinter Dessau, von Leipzig kommend, wurde kontrolliert.

Wozu hatten wir Jungs junge stramme Beine? Hatten wir nicht schon als kleine Kinder auf der Flucht vor den Russen bewiesen, dass die Füße die besten Fortbewegungsmittel waren? Also auf! Auf die Autobahn. Die war auf der Schulatlaskarte so schön deutlich eingezeichnet. Heutzutage unvorstellbar, aber 1953 befuhren noch die Bauern mit Pferdefuhrwerken und mit Treckern eben besagte Autobahn. Von richtigem Autoverkehr konnte man damals wahrlich nicht reden. So fielen natürlich auch drei Jungs auf der Autobahn nicht sonderlich auf. Ein Verlaufen oder Umwege waren unmöglich. Außerdem gab es ja auch noch die Schilder an der Strecke. Daran konnten wir sogar am besten unsere Fortschritte ablesen. Wir marschierten tapfer in der glühenden Julihitze. Den größten Hunger stillten wir tagsüber mit dem Käsekraut bzw. mit den Blüten davon, das reichlich an den Wegrändern wuchs. Wie das Kraut genau heißt weiß ich heute noch nicht, aber es war essbar[2]. So liefen wir kreuz und quer über die Autobahn, weil ja auch auf dem Mittelstreifen das Zeugs wuchs. So richtig Verkehr war auf dieser so genannten Autobahn zuletzt als Hitlers Panzer drüber rollten. Hin und wieder raste auch mal ein Westauto an uns vorbei. Wir bewunderten und winkten diesen Flitzern so lange nach wie sie zu sehen waren. Wir wollten damit schon mal der Freiheit zuwinken, die wir in Aussicht zu haben glaubten.

War es Mitleid oder nur eine generöse Geste? Plötzlich kam eine Hand aus einem der Westautos heraus und warf uns zwei Apfelsinen an den Straßenrand. Mein Dank – sofern dieser edle Spender noch lebt, ansonsten posthum – soll ihn hier und jetzt noch dafür einholen. Du warst sehr nobel zu uns. Und wir nahmen dein Geschenk so an, wie es wahrscheinlich von dir auch gemeint war. Ich glaube dir auch im Namen meiner Weggefährten meinen Dank noch nachträglich aussprechen zu dürfen.

Irgendwann, irgendwo mussten wir ja auch schlafen. Der Weg per Pedes nach Berlin war weit und beschwerlich unter dieser Ende-Juli-Sonne. Als am ersten Tag unserer Wanderung die Dämmerung hereinbrach, gingen wir seitab von der Autobahn in ein Dorf. Dort tischten wir einem Bauern eine Lügengeschichte auf, weswegen wir in den Ferien auf Wanderschaft waren und bekamen sogar Milch und belegte Brote. Wir durften auch, nachdem der Bauer sich in unseren Taschen davon überzeugt hatte, dass wir wirklich Nichtraucher waren, in seiner Scheune die Nacht verbringen. Ganz ehrlich, wir fanden das sehr romantisch.

Grenzen – auch innerhalb der DDR

Am nächsten Tag kamen wir zwar immer noch nicht in Berlin an, dafür aber an der Elbe, in der Nähe von Dessau. Dort war dann auch zunächst einmal wieder Endstation für uns reise­freudige Burschen. Woher sollten wir auch wissen, dass es sogar innerhalb der DDR Grenzen gab? Nicht nur auf der Zugfahrt wurde diese unsichtbare Grenze nach Berlin gezogen. Auch alle, die die Elbe hier überqueren wollten, mussten sich dafür ausweisen, ob sie auch berech­tigt waren diese unsichtbare Grenze Richtung Berlin zu überschreiten. Nun, wir waren es nicht. Auch nicht darauf vorbereitet gewesen, dass uns solch ein Hindernis in den Weg gelegt werden könnte. Wir hatten uns noch nicht einmal den Namen des letzten Ortes vor dieser imaginären Grenze gemerkt, wie wir auch nicht wussten, wie der Ort auf der anderen Seite der Brücke heißen würde. Als Kinder hätten wir da eine Chance gehabt, uns eine gute Story auszudenken. So fadenscheinig wie unsere Ausreden über das woher und wohin dann klangen, wäre noch nicht einmal ich selbst darauf reingefallen. Die Vopos auf der Brücke nahmen uns erst recht nicht unsere Geschichte ab. Bei Schichtwechsel gegen 18 Uhr wurden wir gleich mit dem Bullenwagen mit nach Dessau genommen. Ich glaube es hieß „Geschwi­ster Scholl“ Heim, wo wir solange bleiben sollten, bis man eine passende Rück­transport­ge­legenheit in unser angestammtes Heim in Dresden gefunden hätte. Denn einer meiner Reise­begleiter hatte sich sehr schnell verplappert, wo wir wirklich hingehörten.

Nun, ein paar Tage ausruhen konnte uns nach der langen Wanderung nicht schaden. Man glaubte wohl uns den Zahn gezogen zu haben, was uns die Weiterreise nach Berlin vermiesen sollte. So ließ man uns ziemlich viel Freiheit, es waren ja zudem auch noch die Sommer­fe­rien. So lernten wir ein wenig die ziemlich trostlose Stadt Dessau kennen. Ich allerdings nutzte diese Freiheit dazu, mich mit der Umgebung besser vertraut zu machen. Ich war ja in dem Alter noch sehr lernfähig und machte ungern den gleichen Fehler zweimal.

Nach einigen Tagen hatte ich den Durchblick, wohin wir uns bewegen müssten, sollten wir uns mal wieder verabschieden. Wir wollten die Behörden nun wirklich nicht in Unkosten stürzen, nur um uns den weiten Weg wieder rückführen zu müssen. Wir, zumindest ich, wären ohnehin nicht lange dort geblieben, wo man uns hinhaben wollte. Über das eigentliche Ziel hatten wir so unsere eigenen Ansichten. Ja, früher in Ostpreußen, in meiner eigentlichen Heimat, da wäre ich geblieben. Dort hätte ich ja auch meine Familie um mich gehabt.

Nachdem ich hier nun kein rechtes Heimatgefühl entwickeln konnte, wollte ich mir wenig­stens den Ort aussuchen, wo ich glaubte, mich wohlfühlen zu können. Ich dachte dabei auch daran, endlich meinen Vater richtig kennenzulernen, der schon seit Kriegsende im goldenen Westen geblieben war. Hatte er doch in seinen wenigen Briefen, die mich erreichten, immer geschrieben…. „ach mein Sohn, wenn ich dich doch bei mir haben könnte, du gehst mir so ab. Der Krieg hat unsere Familie auseinander gerissen!“ Ich hatte auch Sehnsucht danach einen Vater zu haben. Ein Sohn braucht für seine Entwicklung den Vater und er hatte in seinen Briefen deutlich gemacht, dass er mich brauchte. Diese schönen Worte in seinen Briefen hatten zwei Jahre später keine Gültigkeit mehr, wie noch zu lesen sein wird.

Also auf ein Neues! Auf in den Westen! Die Richtung nach Berlin kannten wir ja schon. Die vertrackte Brücke kannten wir auch. Also hieß es einen neuen Schlachtplan zu entwerfen. Schulzi war zwar kein Goliath, hatte aber gelernt pfiffig zu sein. Wir taten ganz einfach das, was die Bullen anscheinend am wenigsten erwarteten. Wir erreichten zwar wieder die Auto­bahn in Richtung der Brücke und Berlin, bogen aber rechtzeitig vor der letzten Kurve, wo man von der Brücke aus Einblick hatte, von der Autobahn ab, schlugen uns seitwärts in den Wald. Wir hatten ja am Tag unseres Missgeschicks bis zur Wachablösung und Abtransport genügend Gelegenheit gehabt, uns die Gegend eingehend einzuprägen.

Gedeckt vom Wald marschierten wir im 45 Grad Winkel direkt in Richtung Elbe. Wobei wir uns immer weiter von der Brücke entfernten. Zwar mussten wir dann noch einen ziemlich brei­ten Streifen Weideland überqueren, um direkt an die Elbe zu gelangen, da konnte man uns von der Brücke her aber kaum noch erkennen. Selbst wenn die gleichen Beamten, die uns fest­genommen hatten, wieder Dienst taten, uns als die Ausreißer ausmachen konnten. Eine ganze Wegstrecke der Elbe kannte ich ja schon durch meine Reisen. Mal war sie besonders breit, an anderen Stellen hatte sie eine annehmbare Breite. Unter annehmbar verstehe ich, dass man sie zur Not durchschwimmen könnte.

War wirklich sehr freundlich von euch uns euer Boot auszuleihen.

Allerdings führte die Elbe hier viel Wasser, welches nicht gerade sanft dahin floss. Ich hatte ja schon mal unliebsame Bekanntschaft mit einem schnell dahinfließenden Fluss in Insterburg gemacht. Es war die Pregel[3], auf der ich glaubte mein letztes Stündlein hätte geschlagen.

Einfach treiben lassen, in der Hoffnung irgendwann am anderen Ufer anzukommen? Dass ich feige sei konnte mir nun wirklich keiner nachsagen. Ich war aber auch nicht so blöd, mein Schicksal herauszufordern. Auch traute ich nicht meinen selbst beigebrachten Schwimm­künsten und meiner Kraft unbedingt zu, die andere Seite der Elbe zu erreichen. Meinen Kum­panen ging es nicht besser. Aber wer sagt es denn? Wo ein Wille ist, gibt es auch immer einen Weg. Die Besitzer, auch deren Kinder oder gar Enkelkinder mögen uns verzeihen, dass wir ihnen gerade in diesem schönen Augenblick – als sie euch vielleicht gerade zeugten – ihr Pad­delboot ausliehen. Ihr müsst zugeben, dass wir uns ganz still verhielten, als wir in euer kleines Zelt hineingeschaut hatten und bemerkten womit ihr gerade beschäftigt wart. Zunächst hatten wir ja auch vorgehabt, den Besitzer zu fragen, ob er für uns nicht den Fährmann spielen würde. So aber haben wir uns ebenso leise wieder davongeschlichen, wie wir gekommen waren, als wir merkten, dass hier solch eine Frage unangebracht war. Ihr habt unsere Anwe­sen­heit erst bemerkt als wir euch sowieso nicht mehr gestört hätten. Wahrscheinlich hat es euch aber gestört, dass wir uns euer Paddelboot zur Überquerung der Elbe ausgeliehen hatten. Ich hoffe doch sehr stark, dass ihr euer Paddelboot wiederbekommen habt. Wir haben es ja, wie ihr euch selbst überzeugen konntet, etwa einen Kilometer flussabwärts gut angebunden zurückgelassen. Von Diebstahl kann demnach keine Rede sein, weil ich auf unsere Reise das Geld hatte, hatte ich auch das Sagen. So war es denn auch selbstverständlich, dass ich im Paddelboot Platz nahm. Neben unseren paar Habseligkeiten, damit sie nicht unnötig nass wurden, war in dem Boot noch gerade Platz für einen zweiten Mann. Den Bug gegen den Strom gerichtet paddelten wir zu zweit was unsere Kräfte hergaben in Richtung gegenüber­liegendem Ufer. Der dritte durfte sich am Bootsrand festhalten und nebenher schwimmen. Gar nicht mal so weitab kamen wir dann auch am anderen Ufer an. Ich verstehe gar nicht, warum ihr an der anderen Seite des Flusses so mit den Armen herumgefuchtelt habt. Wir jedenfalls haben ganz freundlich und dankbar zurück gewunken. War wirklich sehr freundlich von euch uns euer Boot auszuleihen. Ich wünschte ihr besäßet genügend Humor, um in stiller Stunde der Besinnlichkeit über die Komik der Situation, wie euch das Boot abhanden gekommen ist, lächeln könnt.

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Fußnoten

[1] Wohl nicht ironisch gemeint.

[2] Eine Malvenart, http://www.spektrum.de/lexikon/arzneipflanzen-drogen/kaesekraut/7855

[3] Der Pregel https://de.wikipedia.org/wiki/Pregel

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

 

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Wie geht es weiter?

Kapitel 8, Berlin? Nee, in Leipzig läuft’s besser.

 

Weihnachten – eine Illusion! – Ein Weihnachtsgruß für Kirchengeschädigte

Posted in Christentum, heimkinder, Kinderheime, Uncategorized by dierkschaefer on 8. Dezember 2016

Alle Jahre wieder werde ich vom Webmaster einer Heimkindergruppe[1] um einen Weihnachtsgruß gebeten.

Ehemalige Heimkinder sind durchgängig aufgrund ihrer Erfahrungen in kirchlichen Einrichtungen kirchenkritisch, sehr viele auch kirchenfeindlich eingestellt.

Dank zahlreicher Kontakte mit ehemaligen Heimkindern kann ich diese Einstellungen zu den Kirchen gut verstehen. Nicht verstehen kann ich das Verhalten der Kirchen und meiner Kollegen. Dies ist bekannt. Darum bin ich bundesweit wohl der einzige Pfarrer, der um einen Weihnachtsgruß gebeten wird.

Da jedoch einige Heimkinder fast allergisch auf religiöse Inhalte reagieren, seien die Leser gewarnt. Wer mein PDF öffnet, setzt sich auf eigene Gefahr religiösen Gedanken aus.

Weihnachten – eine Illusion! weihnachten-2016

Meine allgemeine Weihnachtskarte in diesem Jahr dürfte wohl für alle tolerabel sein:

GP-2016.jpg

Fußnote

[1] Es handelt sich um die „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“. Die Vorgänge in den Volmarsteiner Anstalten wurden wissenschaftlich aufgearbeitet, s. dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« V

Posted in DDR, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderheime, Pädagogik, Straßenkind by dierkschaefer on 21. November 2016

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

Fünftes Kapitel

 

                                  von Heim zu Heim

 

Kommen Sie noch klar mit den vielen Zahlen?

Oh ja, zahlen also musste man nach jeder misslungenen Flucht.

Für die beschriebene Flucht im Januar 1955 habe ich sogar 20 Jahre lang gezahlt. Bezahlt mit der Angst von den DDR Behörden entdeckt zu werden, um für den provozierten Motorrad­un­fall zur Rechenschaft gezogen zu werden. [1] Zwanzig Jahre lang traute ich mich nicht, meine nach meiner Flucht in den „Goldenen“ Westen in der DDR verbliebene Schwester zu besuchen.

Ob ich mit meinen 17 Jahren Zuchthaus und Gefängnis

hier im Westen das bessere Los gezogen habe?

Eine richtige Strafe dafür (der verunglückten Bullen wegen) sollte ich schon noch dafür bekommen, versicherte man mir damals.

Die Schule wollte man mich schon noch fertig machen lassen. Meine nächste Station wäre dann wohl höchstwahrscheinlich ein Jugendwerkhof[2] geworden. Tolle Perspektiven, die sich mir da auftaten. Ob ich mit meinen 17 Jahren Zuchthaus und Gefängnis hier im Westen das bessere Los gezogen habe, bleibt dahin gestellt.

Damals jedenfalls war ich gar nicht erpicht darauf, eine richtige Strafe abzuwarten. Im August des gleichen Jahres schaffte ich es dann doch noch nach vielen vergeblichen Versuchen, in den „Goldenen Westen“ zu flüchten.

Das kommt davon, wenn man kein studierter, schon gar kein Schriftsteller ist, man kommt vom Höcks’chen auf’s Stöckchen. Ich habe schon viel zu weit vorgegriffen! Ich wollte doch eigentlich von meinen Kinder-(Kinder?) Jahren erzählen.

Also, die Laubenpieper hatten uns der Polizei übergeben.[3] Diese behandelten uns aber auch nicht gerade so berufsmäßig wie es ihnen laut Gesetz angestanden hätte. Vielleicht war ja auch unter ihnen ein Laubenpieper, den wir auf unseren Fluchten in irgendeiner Weise geschädigt hatten? Wie man es auch nimmt, bei den Bullen waren wir mit unseren 14, 15 Lenzen schon keine Kinder mehr. Wir waren für sie einfach Verbrecher, die hinter Schloss und Riegel gehörten. Mit Bedauern mussten sie zur Kenntnis nehmen das man uns wieder ins Heim nach Dönschten verfrachten müsse. Die Trapo[4] im Hauptbahnhof hatte einige Schichten lang ihr „Früchtchen“ wieder, bis ein Gefängnistransport nach Dresden ging. In Dresden wurden wir von zwei grimmig aussehenden Männern des Jugendamtes abgeholt und nach Dönschten gebracht.

Hier in Dönschten war die Endstation aller Heime!

Unsere beiden Kumpane, die sich schon der Kälte und des Hungers wegen zwischen Dipps und Dresden abgeseilt hatten, schauten uns hämisch an, so als wollten sie sagen: „seht ihr wohl jetzt habt ihr euch auch schon wieder einfangen lassen!“ Unser Haupt- oder Ober­päda­goge – Erzieher sind doch Pädagogen? – freute sich ebenfalls seine Schäfchen wieder voll­zählig beisammen zu haben. Der hatte so seine eigenen Erziehungsmethoden.

Wir, Peter H. und ich, wussten schon, dass er früher oder später die Sau rauslassen würde. Er hielt viel von Kollektivstrafen, so wie vieles in der DDR im Kollektiv erledigt wurde. Fiel die Geburtstagspaketverteilung auch unter Kollektivstrafe? Damit hatte er doch nur mich bestraft, die anderen hatten doch ihren Nutzen davon gehabt. Verstehe einer die Erwachsenen!

Außer einem riesengroßen Tagesraum, wo wir u.a. unsere Mahlzeiten einnahmen oder auch Tischtennis spielten, in den Wintermonaten unseren Frühsport machten, gab es noch zwei Schlafräume mit 10 und 17 Betten, einen kleineren Tagesraum, hauptsächlich für Schularbei­ten und Leseraum genutzt.[5]

Was also die Kollektiv­strafe betraf, so ließ der oben erwähnte Erzieher die ganze Gruppe wissen, dass jemand gegen irgendwelche Hausregeln verstoßen hätte und dass deshalb für die ganze Gruppe das Skifahren/Fußballspielen oder eben andere beliebte Freizeitaktivitäten ausfallen würden. Bedanken sollten sich die Betroffenen dafür bei den genannten Personen.

Mein lieber Kasimir! Nein, nein so hieß der Erzieher nicht. Nur so ähnlich! Peter und ich hatten diesmal keine Lust, an dieser Kollektivstrafe teilzunehmen. Zumal wir die Sünden­böcke abgeben sollten und die anderen sogar Spaß daran fanden. Wir hatten uns schon auf der Fahrt zum Heim geschworen, dass wir es diesmal nicht so weit kommen lassen würden. Unser Pädagoge, Herr K., ließ uns aber die Sache erstmal eine Nacht überschlafen. Das war so üblich, damit sich die Delinquenten schon mal darauf vorbereiten konnten auf das, was sie erwartete. Die angekündigten drastischen Kollektivstrafen, wurden aber auch regelmäßig wieder zurück genommen, sobald das Ergeb­nis zur vollsten Zufriedenheit des Pädagogen ausfiel. Falls der Ruf der Gruppe durch eine Flucht besonders stark geschädigt worden war, machte das die davon Betroffenen so schön wütend. Wurden doch Listen über die einzelnen der insgesamt 6 Gruppen in Dönschten geführt. Nach diesem Plus-Minus Schlüssel wurden dann auch jährlich aus dem Heimetat Freizeitartikel, wie etwa Skier oder Fußbälle bis hin zu Tischtennisschlägern/Bällen ausgegeben.

Um diese Wut schön zu schüren ließ er die Gruppe schon immer einen Tag vorher wissen, welche Strafen er sich für sie ausgedacht hatte.

Gruppenkeile einmal anders

Diesmal aber profitierten Peter H. und ich von dieser unausweichlichen Kollektivstrafe. Wir bereiteten uns darauf vor.

Am nächsten Tag, wie immer gleich nach Schulschluss, wurde zu Mittag gegessen. Noch während der Mahlzeit verkündete der Pädagoge, dass er an diesem Tag besonders viele Berichte zu schreiben hätte und er deshalb die Oberaufsicht dem besonders guten „Radfahrer“ Mitschüler G. übergeben habe und sich doch absolute Ruhe ausbitten möchte, um ungestört arbeiten zu können. Das hieß mit anderen Worten: er wollte nicht um Hilfe gebeten werden im Falle, dass irgendwelche Streitigkeiten auftreten würden. Nachdem abgeräumt und abge­waschen worden war, begann das allen bekannte Ritual. Langsam aber sicher wurden die Delinquenten vom Rest der Gruppe in eine bestimmte Ecke, weitab von der Treppe, die zu des Pädagogen Zimmer führte, gedrängt. Jeder in der geschlossenen Phalanx vordringenden Gruppe hatte einen Gegenstand in der Hand. Einen Gürtel, eine Gerte. Vor allem aber den „viel geliebten Ochsenschwanz,“ ein in der Mitte zusammengelegtes Handtuch, welches dann in der Mitte wiederum von oben nach unten zusammengedreht wurde. Die Spitze wurde in Wasser getaucht. Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie das gezwiebelt hat, wenn man davon getroffen wurde.

Wie gesagt; Peter und ich hatten überhaupt keinen Bock darauf, diesen kindlichen Sadisten als Prügelknaben für ihren Frustabbau zu dienen. Endlich in die vorgesehene Ecke gedrängt erhoben auch schon die ersten ihre Arme.

Ganz vorne in der ersten Reihe standen sogar unsere „Freunde“, die schon am nächsten Tag unserer Flucht das große Flattern bekommen hatten. Jetzt, wieder in der Masse, schämten sie sich wohl in unseren Augen als Versager dazustehen, dafür wollten sie wohl auch besonders kräftig zuschlagen.

Was dann geschah verstieß aber gegen alle Regeln. Noch nie in der Geschichte dieses Heimes hatte es jemand gewagt, sich seiner Kollektivstrafe zu widersetzen.

In der Ecke standen immer ein paar Stühle herum, für eventuelle Besucher der Gruppe. Zwei dieser Stühle hatten Peter und ich in der Nacht schon präpariert. Diese zusammengeleimten Holzstühle brauchten wir jetzt nur noch in die Hand nehmen, und hatten somit richtig hand­liche, kantige Knüppel zur Hand. Wir zögerten auch nicht diese zu gebrauchen. Die Schmer­zen, die die anderen uns zugedacht hatten, erfuhren sie nun selbst. Drei-vier-mal in die Menge gedroschen, jeder Schlag ein Treffer. Das Blut spritzte nur so. Es gibt immer wieder Men­schen, die gerne Blut fließen sehen. Nur das eigene nicht! Wir, Peter und ich, konnten gar nicht verstehen, warum die getroffenen so brüllten. Sie hatten doch billigend in Kauf genom­men, uns auch weh tun zu wollen!? Diese feigen Arschlöcher! Leckten uns fortan die Schuhe ab, hätten wir es nur von ihnen verlangt!

Nur der Erzieher natürlich nicht. Der zweifelte nur an seinen Rechenkünsten. 25 zu 2, wie konnte das nur möglich sein? Tja, lieber Herr K., von solchen „Helden“ wie wir beide hatte die Völkerschlacht von Leipzig gelebt.

Losgeworden, in ein anderes, noch strengeres und abgelegeneres Heim ist er uns nicht. Hier in Dönschten war ja schon die Endstation aller Heime!

Dabei hatte es noch ganz human in einer Jugendherberge begonnen. [6] Am 18. Juni 53 wurde diese Jugendherberge eigens für Kinder zwischen 12 und 18 Jahren geräumt, die als Streuner oder sonstwie der Polizei in die Fänge geraten waren. Gefängnisse waren überfüllt. In Vier-Mann Schlafräumen wurde wir 14 des ersten Sammel­transports in der vierten Etage unter­gebracht. Laufend kamen aus der weiteren Umgebung neue Jugendliche. Alles was in etwa gefängnismäßig zu verwenden war, wurde für die Staatsfeinde benötigt, die sich vom bösen Westen hatten aufhetzen lassen, um gegen den eigenen Staat zu demonstrieren.

Aha, nun erfuhr ich endlich was da draußen eigentlich abgelaufen war, warum mich einige der Neuankömmlinge fast ehrfürchtig als Helden ansahen.

Der Held bekam natürlich keines der vier vorhandenen Betten, um darin zu schlafen. Dafür war der Held einfach zu mickrig auf der Brust. Ein etwa 14 jähriger Bengel nahm mich auf eine der wenigen Seegrasmatratzen auf, die er ergattert hatte. Von ihm erfuhr ich, dass er nicht zu den Helden zählte. Er hatte schon einige Zeit in einem Jugendwerkhof verbracht. So etwas Ähnliches wie ein Jugendgefängnis, welches jetzt für andere Zwecke geräumt und wieder gefüllt worden war. Ein Gericht hatte ihn zu zwei Jahren verdonnert weil er sich mit einer Schlinge einen volkseigenen Hasen gefangen hatte.

Von oben, aus dem Fenster schauend, konnten wir Vopos mit Gewehren sehen, die dafür sorgten, dass der tagelang dauernde Ausnahmezustand eingehalten wurde. Ausgangssperre für die Bevölkerung ab 22 Uhr.

Solange die Straßen des Nachts wie leergefegt waren, traute sich keiner von Flucht zu reden. An ein genaues Datum kann ich mich nicht mehr erinnern, aber daran, dass ich dort meine erste Flucht mitmachte. Ja, noch machte ich nur mit!

Die größeren hatten die Idee, unsere Schlafdecken in Streifen zu reißen und diese zu einem „Seil“ zusammenzuknoten.

Heute weiß ich, nein, erfuhr ich noch in der gleichen Nacht, dass dies ein ziemlich blödes Unterfangen war. Viel zu dilettantisch ausgeführt. Mit etwas mehr Sachkenntnis wäre mir die gespaltete Unterlippe, deren Narbe mich noch heute ziert, erspart geblieben. Wer von uns wusste schon, dass die glatten Deckenstreifen, einmal verknotet, nicht ewig zusammenhalten würden? Ja, hätten wir Wasser im Raum gehabt, hätte man die Streifen wässern, und somit sicherer machen können. Aber wir hatten kein Wasser. Und, ob überhaupt jemandem solche Gedanken gekommen wären? Wir hätten ja drauf pissen können, dann hätten sich die Knoten als haltbarer erwiesen.

noch war ich nicht die Führerpersönlichkeit

Dieser improvisierte Strick also wurde aus dem Fenster der vierten Etage gehängt. Zu der Zeit hatte ich noch kein Durchsetzungsvermögen, war noch nicht die Führerpersönlichkeit. So durfte ich mickriges Kerlchen eben erst als letzter von denen, die die Flucht überhaupt wagten, an dem Seil herunterhangeln. An diesem Tag musste ich einen ganz besonderen Schutzengel gehabt haben. Es passierte als ich in der Höhe der zweiten Etage angekommen war; die glatten Filzdeckenstreifen hatten sich auseinandergelebt, und ich prallte im freien Fall aus etwa sechs Meter Höhe voll mit den Füßen auf und … mit Wucht krachte mein Kopf aufs rechte Knie. Ich sah Sterne und spürte es sehr warm werdend in meinem Mund. Ich fasste mir an den Hals. Auch da war es sehr warm und klebrig. Meine Hand war voller Blut. Dann spürte ich auch schon den Schmerz an meinem rechten Mundwinkel. Bevor ich mich wieder aufgerappelt hatte, über die angrenzende Mauer geklettert war, waren die anderen schon längst in alle Winde verstreut.

Als ich endlich in Leipzig-Reudnitz ankam, konnte ich unser Hinterhaus gar nicht mehr erreichen. Ich hätte meiner Mutter so gerne die Sorge um mich genommen. Wie ich erst später erfuhr, wurde sie erst gegen Ende Juli davon unterrichtet, dass ich, und warum, in einem Heim in Dresden sei. In dieser besagten Nacht also konnte ich gar nicht bis zu ihr vordringen. Wenn schon ein Auto (wer hatte zu der Zeit schon ein Auto?) vor dem Haus stand, dann hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Ich hatte mich ohnehin nicht auf direktem Wege der Lilien­straße genähert. So erkannte ich sehr schnell, dass man mich bereits erwartete. Pustekuchen, meine Herren Bullen. So leicht wollte ich es euch nun auch wieder nicht machen.

Ich suchte mir meine erste Gartenlaube zum Übernachten aus.

 

Fußnoten

[1] siehe Kapitel 3: Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof

[3] Anschluss an Kapitel 3.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[5] Schulz: 1990 war der ehemalige große Tagesraum mit meinem ehemaligen größeren Schlafraum durch Wegnahme der Zwischenwand zum Restaurant umgewandelt.

[6] Hier knüpft Schulz wieder an das vorige Kapitel an: Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1

Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser:

Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2

In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 

Kapitel 3

Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4

  1. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5

von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

Wie geht es weiter?

Kapitel 6

Wieder gut im Geschäft mit den Russen

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« IV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

 

 Viertes Kapitel

17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

Na ja, ich war zugegebenermaßen kein großer Held des 17. Juni 53[1]. Aber immerhin war es der Auslöser für meine Heimkarriere.

Ich gebe ja auch zu, dass ich mehr zufällig und aus Neugierde „dabei“ war.

Wie so oft nach der Schule hatte ich meinen Tornister hingefeuert und war auf schnellstem Wege in die City gelaufen. Straßenbahnen fuhren ja nicht, da die Straßen voller Menschen waren, die mehr oder weniger geordnet so eine Art Demonstrationszug bildeten und in Richtung Stadtmitte strömten.

Schiebergeschäfte mit den Russen

Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, meinen Schiebergeschäften mit den Russen nachzugehen. Aus dem goldenen Westen reingeschmuggelt.

  • Französischer Samt
  • goldene Schweizer Uhren, mit 18 oder 21 Rubinen
  • Pelzmäntel
  • Lackschuhe und Perlonstrümpfe

Daran ließ sich eine gute Provision verdienen und das wenige Geld, welches meine Mutter als Trümmerfrau verdiente, aufstocken.

Bei dem Trubel, der an diesem 17. Juni in der City herrschte, war an Geschäfte natürlich nicht zu denken. Auch war ich viel zu neugierig, was es da außerhalb der vorgeschriebenen Demon­strationstage zu demonstrieren gab. Jedes Kind kannte doch diese Tage auswendig. Oft genug wurden uns doch Fähnchen oder ähnliches Winke-Winke-Zeug[2] in die Hand gedrückt und von der Schule vorgeschrieben, wo wir zu winken hatten. Es fehlte überhaupt so einiges, was der ganzen Sache einen fröhlichen Anstrich gab. Anstatt lange vorher eingeübter prole­tarischer Parolen und markiger Arbeiterlieder, sah ich nur verbissene Gesichter, diskutierende Menschen, die irgend jemandem irgend etwas mal so richtig sagen wollten.

Der Weg von der Straße des 8. Mai, Straße der Befreiung, bis zum Karl-Marx-Platz verging wie im Fluge mit den immer mehr und wütender werdenden Erwachsenen. Schön, wenn die Erwachsenen mal wütend waren, aber ausnahmsweise mal nicht auf uns Kinder. Bah, waren da schon viele Menschen auf dem Platz. Und auch gar nicht so wohlgeordnet in Blöcke nach Betriebskampfgruppen oder ähnlichem eingeteilt. Die obligatorische Rednertribüne fehlte gänzlich. Keine genauen aufeinander abgestimmten Sprechchöre wie sonst üblich.

Was sollten eigentlich am hellichten Tage die Brandfackeln, die dann verteilt wurden? Eigentlich wurden die doch erst bei Dunkelwerden an die Leute verteilt. Das sah ja immer ganz imponierend und toll aus. Wieso warfen die wütenden Menschen diese brennenden Dinger in das Polizeigewerkschaftshaus? Und, wieso standen da oben auf dem Dach, gleich neben den beiden Glockenmännern[3] bewaffnete Uniformierte? Ich konnte mich wirklich nicht daran erinnern, dass schon mal bei ähnlichen Veranstaltungen Gewehrläufe aus den Fenstern gehalten worden waren. Das war ja alles so irre neu für mich. Nicht die Gewehre! Die kannte ich zur Genüge. Hatte auch schon gesehen, wie damit Menschen totgeschossen wurden. Nein, aber wie sie so auf die Menge auf dem Platz gerichtet waren, das verursachte doch schon ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Wie leicht konnte da ein Schuss losgehen. Irgend jemanden hätte er bestimmt getroffen. Dicht genug standen die Menschen ja beiein­ander.

Eigentlich hatte ich ja genug gesehen. Ich wollte mich ja auch gar nicht in die Angelegen­heiten der Erwachsenen mischen. Mir wurde ohnehin auf meine diesbezüglichen Fragen entgegnet: „Geh nach Hause, Kleiner, davon verstehst du sowieso nichts!“ War doch auch ganz logisch bei der erschöpfenden Auskunft. War leichter gesagt als getan. Es ließ mich ja keiner durch. Eingekeilt von tausenden wütenden Erwachsenen, die das Drängeln des Knirpses als lästig empfanden. Ich wurde hin und her gestoßen. Nur, ich kam einfach nicht raus aus der Menge. Scheiße! Ich bekam langsam meinen wütenden Magen zu spüren. Ich wusste schon gar nicht mehr, wo ich meine Füße lassen sollte. Alle trampelten darauf herum. Die wütenden Erwachsenen wurden immer wütender. Ich verstand ja zunächst auch gar nicht, dass sie jetzt auch gar nicht mehr so sehr Walter Ulbricht und Konsorten beschimpften, son­dern nun sogar unsere russischen Freunde, die glorreichen Befreier vom Joch Hitlers. Nur dass ich jetzt schon etwas mehr Luft bekam und mir nicht mehr so oft auf die Füße getreten wurde, stellte ich erleichtert fest. Und, ich kam wieder einmal in den Genuss von unseren russischen Freunden befreit zu werden.

hatte den Russen auch schon mal eine Frau besorgt

Ich hatte wirklich immer ein gutes Verhältnis zu diesen Soldaten gepflegt. Ja, ich hatte sogar bis 1949, bis wir in Viehwaggons verladen wurden, deren Sprache fast perfekt gelernt. Ich hatte ihnen hier in Leipzig schließlich auch, außer den o.g. Sachen, schon mal eine Frau besorgt, woran es ihnen hier zu mangeln schien. Puffs oder ähnliches gab es ja für die Leidge­plagten nicht. Also besorgte Mischa (so hieß ich bei den Russen) ihnen das, was sie für ihre körperlichen Bedürfnisse so nötig hatten. Auch davon später mehr.

Also, die Befreier nahten. Wohlgeordnet, wie es sich für Soldaten gehört, kamen sie. Ein Panzer, vier Soldaten mit aufgepflanzten Bajonett, wieder ein Panzer, u.s.f. Anstatt dass sie sich wie üblich über meine russischen Sprachkenntnisse freuten und wie gewohnt mich freudig begrüßten, sobald sie mich sahen, setzten sie alle todernste Gesichter auf. Wagten noch nicht einmal mich anzuschielen. Mit strenger Miene, was eigentlich ihrer höflichen Geste widersprach, mit der sie uns baten, auf die rückwärts zwischen die Panzer gefahrenen Lastwagen zu steigen, wiesen sie jedem seinen Platz auf einem der LKW zu. Netter Zug von unserem Staatsratsvorsitzenden, fand ich. Nachdem man ihn und seine dem Volk wohl­gesonnenen Genossen vorher noch so beschimpft hatte. Wahrscheinlich wollten sie sich für den Ausfall der Straßenbahnen entschuldigen und uns per Sammeltaxi nach Hause bringen. Ich war auch ganz froh darüber. Meine Mutter würde sich bestimmt schon wieder Sorgen machen. Sie machte sich nämlich immer Sorgen um mich, wenn sie, die zweimal als Aktivistin ausgezeichnete Trümmerfrau, abgeschlafft von der Arbeit nach Hause kam und ihren Sohn nicht vorfand. Der in die Ecke gefeuerte Schulranzen ließ sie Böses ahnen. Wahrscheinlich trieb der Bengel sich wieder bei den Russen in der Stadt herum, anstatt seine Schularbeiten zu machen. Arme Mutti. Diesmal musstest du aber sehr lange darauf warten, bis du mal wieder etwas von deinem Sohn hörtest. Ein, zwei Nächte war er ja schon des Öfteren nicht nach Hause gekommen, hatte in Offiziersquartieren in Torgau oder sonst wo übernachtet. Häufig war es ja auch vorgekommen, dass mich die Bullen mitten in der Nacht nach Hause gebracht hatten.

An diesem Tage aber hatten die Vopos alle Hände voll zu tun, um all die Leute ordentlich unterzubringen, die man am 17. Juni eingesammelt hatte.

Um alle Angehörigen zu benachrichtigen hatte man ganz einfach nicht genügend Personal. Erst knapp zwei Monate später erfuhr meine Mutter den Aufenthaltsort ihres Sohnes. Ich wusste bis dato gar nicht, dass die Polizei ein so großes Haus hatte. Sogar Keller hatten die, mit ganz tollen stabilen Türen. Bisher war ich immer nur den kleinen Polizeistationen gewesen, wo man mich ziemlich familiär behandelt hatte.

Früchtchen oder Dreikäsehoch

Außer bei der Trapo[4] auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Da kannte man mich natürlich schon viel besser, weil ich dort häufiger zu Gast war. Dort nannten sie mich auch schon längst nicht mehr Dieter. Ich war für sie einfach nur das Früchtchen! Andere bezeichneten mich als Drei­käsehoch. Ich hatte mich bis dahin noch nicht entschieden, welchem der beiden Kosenamen ich den Vorzug geben sollte.

Vorzüge mit meinem Zuhause bei Muttern konnte ich in diesem Keller also, wo mich das Taxi zusammen mit vielen anderen irrtümlicherweise hingebracht hatte, konnte ich nicht entdecken. Rücksicht auf einen Garanten des Volkes, ein Kind nämlich, nahmen die Freunde von der Volkspolizei nicht gerade. Von den Luftschutzbunkern her war ich ja schon an enge Räume gewohnt. Aber inzwischen hatten sich ja die Verhältnisse schon etwas normalisiert, und meine Nase war nicht mehr so abgestumpft wie zu Kriegszeiten. Deshalb empfand ich den Männerschweiß um mich herum als ziemlich ekelerregend.

die letzte Chance versäumt, ein Kind bleiben zu dürfen

Die Nacht, die wir auf rumliegenden Strohmatratzen verbrachten, brachte auch nicht den erschöpfenden Schlaf, den man sich nach so einem anstrengenden Tag gewünscht hätte. Ganz zu schweigen von dem widerlichen Kerl, der mich erst freundlich-tuend einlud, mich neben ihn zu legen, und mir dann mitten in der Nacht die Hose aufknöpfte, seinen Aal zwischen meine Schenkel drückte und sich daran einen abrieb. Ekelhaft, das glibbrige Zeug überall bei mir an den Beinen und der Unterhose. Da ich beim ersten Mal vor lauter Scham nicht gewagt hatte zu schreien, dachte er wohl einen Freibrief für ein zweites Mal zu haben. Wieder wurde ich davon wach, dass er sich schon wieder an mir befriedigte. Dieser stinkende Bock schenkte mir dann, bis wir endlich aus diesem Loch herausgeholt wurden, hin und wieder ein ver­schwö­re­risches Lächeln. Viel zu spät, erst im Nachhinein, fällt einem erst das richtige ein, wie man sich hätte verhalten müssen. Ich hätte ihm kräftig in seine Genusswurzel kneifen sollen. Bestimmt hatten die meisten nicht dafür demonstriert, dass sich so ein Lustmolch an einem kleinen Jungen befriedigen konnte. Vielleicht hätte sich dann ja mal ein Erwachsener für den Dreikäsehoch stark gemacht? Ich glaube in jener Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1953 habe ich die letzte Chance versäumt, ein Kind bleiben zu dürfen.

Dass ich tags zuvor zu so etwas wie ein Held geworden war, zumindest in den Augen einiger Mitmenschen[5], erfuhr ich erst als ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Fingerabdrücke abgeben durfte.

Liebe Monika, damals hatte ich die unverwechselbaren Narben vom Holzhacken an Daumen und Mittelfinger noch nicht.

Überhaupt holte man mir alles aus den Taschen, was ein kleiner Junge so bei sich trug. Neben meinen zwei Kastanien vom Vorjahr, – ja, Sie haben richtig gelesen; ich trug ständig zwei so schöne glatte Kastanien mit mir herum, weil mich deren Berührung so herrlich beruhigte, – fand man auch einen kleinen Taschenspiegel bei mir. Sogar den nahm man mir ab, ohne den wah­ren Wert dieses Spiegels zu erkennen. Achtlos wurde er zu meinen Effekten genommen. Dabei war genau dieser Spiegel zu damaliger Zeit etwas Kostbares. Zumindest für die ein­fachen russischen Soldaten, deren Sold einfach nicht ausreichte, um sich eine lebendige Frau leisten zu können. Abgesehen davon, dass sie sich ohnehin nicht außerhalb der Kasernen bewegen konnten.

Französisch nannten sie alles was nackte Frauen zeigte

Für ein Viertel ihres Monatssoldes konnten sie bei mir solch einen speziellen französischen Spiegel erwerben. Französisch nannten sie alles was nackte Frauen zeigte. Und eben diesen besagten Spiegel musste man nur gegen eine Lichtquelle halten, schon hatte man(N) eine Frau in verführerischer Pose vor Augen. Nackt, versteht sich. Der Trick bestand darin das man ganz einfach ein Negativbild zwischen zwei Glasscheiben klebte, und schon hatte man(N) gleichzeitig einen Spiegel als auch immer eine W….-Vorlage zur Hand.

Tja, meinen einträglichen Schiebergeschäften mit den russischen Offizieren, die dafür extra nach Leipzig kamen, konnte ich so bald nicht mehr nachgehen. Leipzig war nun mal eben eine Messestadt[6], der einzige Handelsplatz in der gesamten DDR.

Bei der darauffolgenden Vernehmung wollten die Bullen mir einfach nicht glauben, dass ich gar keinen Wert darauf legte als Held zu gelten. Ich hörte einen zum anderen sagen: „Der ist ganz schön ausgeschlafen, der hat sich eine ganz besondere Schutzbehauptung einfallen las­sen!“ Dabei wusste ich damals noch nicht einmal was eine Schutzbehauptung überhaupt ist.

Hätten sie gesagt ich würde lügen, was ich noch nicht einmal tat, ja, das hätte ich noch ver­stan­den. Aber wieso sollte ich überhaupt lügen? Was war eigentlich los gewesen am 17.? Ich kannte dem Namen nach Volkseigene Betriebe[7] etc. Aber Volksverhetzung? Ich dachte Hitler sei schon längst tot!? Hatte ich so in der Schule gelernt. Ich trug zwar meinen Scheitel rechts, aber ein Hitler war ich doch deswegen noch lange nicht, oder? Es tat mir schon immer weh, wenn meine Mutter mir nicht glaubte, obwohl ich ihr ausnahmsweise mal die volle Wahrheit gesagt hatte. Ihre Devise hieß dann immer: Wer einmal lügt dem glaubt man nicht, auch wenn zehnmal er die Wahrheit spricht. Das mir aber auch die Polizei nicht glaubte, obwohl sie behaupteten mich Früchtchen ganz genau zu kennen, über mich bescheid zu wissen, das war dann doch ein starkes Stück. Dass ich zurück zu meiner Mutter wollte, die sich bestimmt Sorgen um mich machen würde, verstanden meine Zuhörer zwar, kommentierten aber: „Das hättest du dir vorher überlegen sollen, dass deine Mutter sich Sorgen macht!“ Basta .

So begann also meine Heimkarriere. Nicht in Dönschten, wo meine Geschichte beginnt.

Nein, bei weitem nicht. Bis dorthin war es noch ein weiter Weg. Dönschten war das letzte von insgesamt 29 Heimen. Die obengeschilderte Flucht, mit der ich noch gar nicht fertig geworden bin, war meine 27te von 28 innerhalb von 26 Monaten.

Kommen Sie noch klar mit den vielen Zahlen?

PDF-Fassung: 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_vom_17._Juni_1953

[2] Winkelement – Fähnchen für Veranstaltungen/Demonstrationen (sarkastisch: Jubelfetzen, Euphoriefetzen) https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachgebrauch_in_der_DDR

[3] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/29891211813/in/dateposted-public/

[4] Die Transportpolizei (Trapo), die dem Ministerium des Innern (MdI) unterstand, war in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) für die öffentliche Ordnung und Sicherheit auf dem Gelände der Deutschen Reichsbahn (DR) zuständig. http://www.runde-ecke-leipzig.de/sammlung/Zusatz.php?w=w00110

[5] Einschub Schulz: Schließlich war ja der 17. Juni jahrelang ein Nationaler Feiertag – in Westdeutschland zumindest.

[6] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/29891478913/in/dateposted-public/

[7] Der volkseigene Betrieb (VEB) war eine Rechtsform der Industrie- und Dienstleistungsbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR. https://de.wikipedia.org/wiki/Volkseigener_Betrieb

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung: – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1: Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2: In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3: Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4: 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

Wie geht es weiter?

Kapitel 5: Von Heim zu Heim

 

Ausstellung über »die unfassbare Geschichte der Erziehung in den 650 baden-württembergischen Heimen von 1949 bis 1975«

Posted in heimkinder, Pädagogik by dierkschaefer on 26. September 2015