Dierk Schaefers Blog

So viel ehrenamtliches Engagement „findet man wenig“

Posted in heimkinder, Kinderheime by dierkschaefer on 29. Juli 2015
Tagged with:

Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlenen

Posted in Justiz, Kinderheime, Politik by dierkschaefer on 24. Juni 2015

Was inhaltlich wie ein Skandal aussieht, ist lediglich die Offenbarung der generellen Rechtslage von Schutzbefohlenen, in diesem Fall von „psychisch auffälligen Mädchen“, die von der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Friesenhof“ seit 1999 betreut werden[1]. Was geschehen ist, geht weit über den Einzelfall hinaus.

Wenn die öffentliche Empörung groß ist, muss die Politik handeln. Also legte das Sozialministerium Schleswig-Holstein[2] einen Verordnungsentwurf vor.[3] Das ging dann den üblichen Weg. Unter anderem äußerte sich auch eine Anwaltskanzlei, offensichtlich im Auftrag der großen freien Träger von Sozialeinrichtungen, die üblichen Verdächtigen, wie ich sie nenne. Die shz.de nennt: AWO, DRK, Diakonie & Co.[4]. Das Gutachten der Kanzlei[5] ruft wohl bei jedem gutmeinenden Menschen zunächst Empörung hervor, so auch im Beitrag der shz.de. Doch das wäre zu oberflächlich. Das Problem geht tiefer.

Ein von Ministerial-Juristen formulierter Entwurf erleidet Schiffbruch durch die Expertise einer spezialisierten freien Anwaltskanzlei, wie widerlich deren Gutachten auch sein mag. Wo also sitzt die Fachkompetenz? Im Ministerium sicherlich nicht. Ein älterer Kollege erzählte mir einmal, wie verächtlich sein Bruder, Inhaber einer Rechtsanwaltskanzlei auf Richter und Verwaltungsjuristen herabblicke. Die säßen sicher auf ihren Stühlen und seien nicht genötigt, Qualität zu liefern. Ob auch von Sesselfurzern die Rede war, weiß ich nicht mehr.[6] Das ist der eine Aspekt.

Der andere ist in der Sache zu sehen. Es lohnt sich, das Gutachten sine ira et studio, also ohne Empörung und Voreingenommenheit zu lesen.[7] Die Kanzlei hat einen wichtigen Beitrag zur weitgehenden Rechtlosigkeit Schutzbefohlener geleistet.

Einige Auszüge aus dem in der Fußnote genannten Gutachten, [Hervorhebungen ds]

  • Das Jugendförderungsgesetz (JuFöG) ermächtige in § 41 nicht ausdrücklich dazu, Regelungen zur Integration von Kindern zu treffen. »Auch Regelungen zur örtlichen Prüfung nach § 46 SGB VIII zur Gruppengröße und zur Gestaltung der Konzeption, zum Beteiligungsverfahren und zum Beschwerdemanagement sowie zu den Rechten der Minderjährigen dürften kaum von der Ermächtigungsgrundlage gedeckt sein. Eine erweiterte Auslegung der Ermächtigungsgrundlage ist … grundsätzlich nicht zulässig.«
  • Es sei zu berücksichtigen, dass »nur Regelungen [rechtlich gedeckt seien], welche ordnungsrechtlich das Ziel verfolgen, das Wohl der Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen zu sichern, also Gefährdungen/Schädigungen des Kindeswohls zu vermeiden. Jede Regelung/Anordnung der Heimaufsicht beinhaltet ein [sic] Eingriff in das Recht der Einrichtungsträger aus Art. 12 Abs. 1 GG und muss folglich dem verfassungsrechtlichen Verhältnismäßigkeitsgrundsatz genügen«
  • Die Jugendhilfe sei »gekennzeichnet durch die Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen und die Vielfalt von Inhalten, Methoden und Arbeitsformen. Dieses Strukturprinzip … folgt keinem Selbstzweck, sondern dient der Orientierung der Jugendhilfe an den Wünschen und an der individuellen Situation der Betroffenen und hat „letztlich verfassungsrechtliche Grundlagen“, die es ausschließen, dass staatliche Jugendhilfeverwaltungen Inhalte, Methoden und Arbeitsformen vorgeben. Standardisierungen heimrechtlicher Anforderungen, welche zur Gewährleistung des Kindeswohls in Einrichtungen nicht ohne Ausnahme geeignet, notwendig und verhältnismäßig sind, beschränken … nicht nur das Wunsch- und Wahlrecht der Leistungsberechtigten, sondern auch die Möglichkeit des zuständigen örtlichen Trägers der Jugendhilfe, eine individuell bedarfsdeckende Hilfe passgenau zur Verfügung zu stellen.«
  • »Der Träger ist im Übrigen natürlich frei von den Empfehlungen der örtlichen und belegenden Jugendämter
  • »Es ist nicht die Aufgabe und Kompetenz der Heimaufsicht, beste pädagogische Bedingungen herzustellen, sondern Mindestanforderungen zu formulieren, welche die Gewährleistung des Kindeswohl (gerade so eben) sicherstellen. Weitere Eingriffsbefugnisse der Heimaufsicht bestehen nicht.«
  • »Im Übrigen kann man auch hier wiederholen, dass das Maß der Personalausstattung und der Eignung des Personals einrichtungsindividuell zu beurteilen ist.«

Genug, man lese alles nach. In manchen Punkten hat das Gutachten ja auch inhaltliche Berechtigung. Aber es stellt die Machtkonstellation in aller Schärfe vor: Fast alle Macht den Einrichtungen über ihre Schutzbefohlenen.

Das gilt nicht nur für die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch für alle anderen „Heime“, für Alten- und Pflegeheime, für Krankenhäuser für Kindergärten und Kitas, von „geschlossenen“ Einrichtungen gleich welcher Art gar nicht zu reden.

Der Liga der Wohlfahrtseinrichtungen wird man kaum entkommen können. Ihre Mitglieder definieren für die Betroffenen den passgenau individuellen Bedarf, immer unter Berücksichtigung der Konzeption der Einrichtung.

Die Heimaufsicht ist zahnlos – oder schlimmer: Ein Etikettenschwindel. Nur wenn eine schwere Grundrechtsverletzung zum Skandal hochkocht, kommt es – nach langem Widerstand der Träger – vielleicht zu Konsequenzen.

Wohl dem, der kein Heim braucht, seinen Bedarf selber bestimmen kann und die Mittel dazu hat.

[1] »Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Friesenhof“ betreute seit 1999 psychisch auffällige Mädchen. Es gab mehrere Standorte mit stationären Angeboten sowie betreutes Einzelwohnen. Im zweiten Halbjahr 2014 hatten Mädchen, aber auch zwei ehemalige pädagogische Mitarbeiter, massive Vorwürfe über inakzeptable Praktiken erhoben – etwa, dass sich die Mädchen nach ihrer Ankunft nackt vor männlichem Personal ausziehen müssten.« Man lese unbedingt den ganzen Artikel: http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html Details zum Hintergrund findet man unter https://www.google.fr/search?q=Friesenhof&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=HVaKVfrpD8SvUdzmgJgJ#q=Friesenhof+Kinder-+und+Jugendliche mit mehr als 4 Seiten einschlägiger Links.

[2] Ministerin Alheit

[3] https://drive.google.com/file/d/0B49rGDzltjXIVmI4S1N4NDR4eFE/view?pli=1

[4] http://www.shz.de/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[5] Sie ist umschwer zu ermitteln. Auf ihrer Homepage stellt sie ihre Schwerpunkte vor: »betreuen insbesondere Ärzte sowie institutionelle Mandanten aus den Bereichen Gesundheit und Pflege. Die Beratung und Vertretung von gemeinnützigen Vereinen und Stiftungen bildet einen weiteren Beratungsschwerpunkt.«

[6] Auf meinen familienrechtlichen Tagungen an der Evangelischen Akademie Bad Boll hatte ich offensichtlich die Creme öffentlich besoldeter Juristen als Referenten, denn die waren anders.

[7] https://drive.google.com/file/d/0B49rGDzltjXILVBoWXJyN0JIbkk/view?pli=1

Tagged with: ,

Ohne Urne – Gedenkgottesdienst für ein ehemaliges Heimkind

Posted in Bürokratie, heimkinder by dierkschaefer on 24. Juni 2015

Der Vorfall ist makaber genug. Da ist wohl jemand bzw. seine Urne clam-heimlich verbuddelt worden, zum Sozialtarif; keine würdige Bestattung also, wenn man sich darunter das vorstellt, was die Wiener eine „schöne Leich“ nennen. Dabei hätte der Verstorbene Geld dafür haben können, … hätte, hätte. Den Anspruch auf das Geld hätte er zu Lebzeiten erheben müssen. Das hatte er auch. Doch er hatte versäumt, das schon bewilligte Geld noch zu Lebzeiten für seine Beisetzung zu reklamieren. Die Behörden reagieren — ich sag einmal: kindisch nach dem Kinderspruch „Weggegangen – Platz vergangen“. Das wurde in diesem Blog schon zweimal behandelt.[1]

Mir persönlich sind Bestattungsfragen nur von theoretischem Interesse. Doch sie können bedeutend werden, hier als Politikum. Staatsbegräbnisse sind auch ein Politikum, aber eher langweilig in ihrer gestelzten Würde. In diesem Fall steht der Verstorbene symbolisch für viele andere, die in staatlichen und kirchlichen Heimen für ein normales Leben unfähig gemacht wurden, und das betrifft auch ihre wirtschaftliche Lage. Die Inkompetenz der Jugendhilfe und ihrer freien Träger Kinder für die Welt fit zu machen[2], diese Inkompetenz der Jugendhilfe zeigt ihre terminalen Ergebnisse beispielhaft in diesem Fall.

Man wird den Veranstaltern des Gedenkgottesdienstes vorwerfen, den Todesfall zu instrumentalisieren. Er wurde längst instrumentalisiert, von den Behörden und ihren herzlosen Bürokraten. Sie zeigen unverhüllt die Fratze ihrer Menschlichkeit.

Hier nun der Wortlaut der Einladung zum Gedenkgottesdienst.

—————————————

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie herzlichst einladen, am Gedenkgottesdienst für ein ehemaliges Heimkind teilzunehmen und darüber zu berichten.

Für weitere Infos und Aussagen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, auch um Ihnen aufzuzeigen, warum wir den Bestattungsgottesdienst für Herrn Humeny ohne Urne gestalten müssen. Herr Humeny war bis zu seinem Tod, praktizierender Katholik.

Mit freundlichen Grüssen,

Uwe Werner

Immelmannstr. 163

41069 Mönchengladbach

02161-5734277

01522-3627521

Werner Uwe

JUPPI-News :

Trotz 3-monatigem Kampf, mit den Behörden, Heimfond-West, Ordnungsamt, Halbschwester…, werden wir von unserem JUPPI wohl erstmal ohne Urne Abschied nehmen müssen.

Dies am Mittwoch, den 1. JULI 2015 um 17.30 Uhr :

Brandts-Kapelle, Mönchengladbach

Rudolfstr. 7

41068 Mönchengladbach

Anfahrt: Linie 15 vom HBF – Richtung Hardt/Rheindahlen

Haltestelle: Waldhausener Höhe (2 Min. Fussweg)

Es wird ein würdiger Gottesdienst werden, mit Blumenschmuck und vielen Kerzen, denn dunkle Zeiten hat Juppi genug gehabt in seinem Leben.

Wer sich mit einer persönlichen Ansprache, sich von JUPPI verabschieden möchte, ist dazu herzlichst eingeladen.

Den Gottesdienst gestaltet die Ordensschwester Stefanie, evtl. aber auch Pfarrer Erlemann, wenn es seine Gesundheit zulässt.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn dieser Gottesdienst auch von vielen ehemaligen Heimkindern begleitet wird.

Es sind viele Heimkinder mittlerweile verstorben, welche anonym bestattet wurden und auch für diese werden wir diesen Gottesdienst gestalten und derer gedenken.

Im Leben ihrer Würde beraubt, im Tod werden wir dies zukünftig nicht mehr zulassen. Das dies in einem Land wie Deutschland überhaupt geschehen kann, ist mehr als beschämend und unter aller Würde!!! Noch im Tod , werden ehemalige Heimkinder (aber auch viele ältere einsame Mitbürger), nur noch als Kostenfaktor angesehen. Das muss aufhören!!!

Nach dem Gottesdienst, besteht die Möglichkeit neben der Kapelle im TAK, sich bei Gulaschsuppe, Kaffee und Kuchen noch auszutauschen.

Egal wofür die Behörde und die Halbschwester sich entscheiden, wir sorgen dafür, dass JUPPI in geweihter Erde seine Ruhe finden wird. Eine Abordnung wird zusammen mit Schwester Stefanie, den Ort der Bestattung aufsuchen und zwar gerüstet mit Weihwasser und Weihsprengel !!!

Die Presse wird ebenfalls anwesend sein, z.B. die Rheinische Post… und über den Gottesdienst berichten.

Wer verhindert ist durch Krankheit, oder Entfernung, Arbeit… sollte an diesem Tag dennoch eine Kerze anzünden und an JUPPI denken.

Ebenfalls möchte ich euch bitten, diesen Beitrag zu teilen, damit soll gleichzeitig demonstriert werden, das im Tod alle Menschen gleich sind und somit auch alle ehemaligen Heimkindern, aus Ost und West, Österreich, Schweiz, USA, Australien, Irland, England, Belgien….

Im Sinne von JUPPI, hoffe ich viele von Euch nächste Woche zu sehen.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/11/memento-mori-auf-rheinische-art/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/13/theologischerseits-nur-zu-begrusen-die-burokratie-erinnert-ausdrucklich-den-tod-zu-bedenken-gegen-unterschrift/

[2] Ich will hier nicht weiter auf die bekannten Vorwürfe zu Kindesmisshandlungen und Ausbeutung durch Zwangsarbeit eingehen

Heimkinder, damals und heute

Posted in Deutschland, Kinder, Kinderheime, Kinderrechte by dierkschaefer on 31. Mai 2015

Hat sich was geändert? Nicht wesentlich:

„Der Träger hat immer einen Eigennutz“, Heinz Buschkowsy, Bezirksbürgermeister Berlin-Neukölln.

„Es interessiert in erster Linie die Bilanz des Heimträgers.“ [1]

[1] Beide Zitate: http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Mit-Kindern-Kasse-m/Das-Erste/Video?documentId=26694946&

Tagged with: ,

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und die staatliche Verantwortung für Schutzbefohlene in privaten (kirchlichen) Einrichtungen

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 28. März 2015

Das nun auch auf Deutsch vorliegende Urteil dürfte wegweisend sein in zweierlei Hinsicht:

Rückwirkend sollte es Klagemöglichkeiten eröffnen für die Unterlassung staatlicher Aufsicht in verschiedenen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (Kinderheime, Psychiatrien).

Wird man einen Rechtsanwalt finden, der das für deutsche Verhältnisse aufarbeitet und durchsetzt?

Prospektiv warnt dieses Urteil alle staatlichen Behörden, die die Einweisung von Kindern und Jugendlichen in solche Einrichtungen veranlassen oder anordnen.

Angesichts der föderativ-gesplitterten Zuständigkeiten des Staates in Kinder- und Jugendlichenangelegenheiten wird man wohl vergeblich darauf warten, dass eine entsprechende Information über die Aufsichtspflicht der Jugendämter[1] über die Träger von Jugendhilfemaßnahmen zentral ergeht. Diese Lektion werden die Jugendämter jedes für sich lernen müssen. Die „Kunden“ der Jugendämter werden diesen Bewußtseinswandel erkämpfen müssen. Im Krieg bei der Eroberung einer Stadt würde man von Häuserkampf sprechen. Der ist aufwendig und fordert viele Opfer auf beiden Seiten.

Hier ist das PDF des Urteils, von mir teilweise gelb unterlegt, sonst unverändert. Der irische Fall Luise O´Keeffe

Mein Dank geht wieder einmal an Martin Mitchell/Australien für den Hinweis auf das Urteil.

[1] die selber keinerlei Aufsicht unterliegen

Der Ricklinger Fürsorgeprozess 1930. Evangelische Heimerziehung auf dem Prüfstand

Posted in heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Religion, Theologie by dierkschaefer on 10. November 2014

Auch das ist schon einmal dagewesen:

»Die Missstände in der evangelischen Fürsorgeerziehung gelangten an die Öffentlichkeit, ihr Erziehungsverständnis wurde in Frage gestellt. Der Ricklinger Fürsorgeprozess markierte in diesem Sinne das Ende der repressiven Heimerziehung bis 1933.«[1]

[1] http://www.hsozkult.de/hfn/publicationreview/id/rezbuecher-11489

Prügel vom lieben Gott – neu aufgelegt

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 6. November 2014

»Die Erstauflage des Buchs Prügel vom lieben Gott sorgte Anfang der 1980er Jahre für eine öffentliche Diskussion über das Leid von Heimkindern. Die Neuauflage von 2012 trug dazu bei, das System Bistum Limburg zu Fall zu bringen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn die soeben erschienene dritte und ergänzte Auflage verlangt endlich eine Entschuldigung!«

Hier die komplette Presseerklärung des Verlags:

» Prügel vom lieben Gott ist zweifellos die „Blaupause“ aller kritischen Bücher zum System kirchlicher Heimerziehung und christlicher Schwarzer Pädagogik. Alexander Markus Homes beschreibt in seinem erstmals 1981 erschienenen Buch die in kirchlichen Kinderheimen vorherrschende Atmosphäre von Gewalt, Angst, Demütigung und Gehorsam. Bereits damals war alles bekannt, was die Öffentlichkeit heute entsetzt, und bereits damals hätten Staat und Kirche entschlossen reagieren können. Stattdessen ging die katholische Kirche juristisch gegen das Buch vor.

 

Große Aufmerksamkeit erregte auch die Neuauflage von 2012. Im Vorwort hatte Homes Fragen zur Aufarbeitung des Heimkinder-Skandals aufgeworfen. Die im Buch geäußerte Kritik am Verhalten seiner früheren Heimleitung unter dem inzwischen von seinem Posten entbundenen Limburger Generalvikar Franz Kaspar trug maßgeblich dazu bei, dass die Vorgänge erneut unter die Lupe genommen wurden. Inzwischen ist klar, dass Homes Geschichte nicht nur wahr ist, sondern dass andere Heimkinder noch viel Schlimmeres erdulden mussten. Ebenso wurde deutlich, dass Kaspar offensichtlich schwieg, verleugnete und vertuschte, wie im aktualisierten Vorwort nachzulesen. Was im Übrigen auch für seine Mitverantwortung für den Limburger Finanzskandal gilt. Auch hier sind noch viele Fragen offen.

 

Alexander Markus Homes ist jedenfalls nicht gewillt, die Fälle nun auf sich beruhen zu lassen. Franz Kaspar darf seiner Meinung nach nicht mit einer halbherzigen Entschuldigung davonkommen. Während er sich an einer üppigen Pension erfreuen kann, wurde das Leben vieler seiner ehemaligen Schutzbefohlenen für immer zerstört.

 

Hintergrund:

 

Für das ehemalige Heimkind Homes trägt Kaspar eine hochsignifikante Mitschuld daran, dass auch in seiner Direktorenzeit Heimkinder durch Nonnen und ErzieherInnen schlimmster Gewalt ausgesetzt waren. Der Geistliche habe billigend in Kauf genommen, so Homes, dass junge Menschen im Namen Gottes auf das Übelste gequält, gedemütigt, erniedrigt worden sind. Homes führt dazu aus, dass Kaspar mindestens in einem Fall gegen ein Elternpaar Anzeige erstattet habe, das ihn über Misshandlungen ihres autistischen Kindes informiert hätte und ein entschiedenes Vorgehen gegen die prügelnde Mitarbeiterin angemahnt habe. Der Kleriker sei zunächst nicht gegen die Erzieherin vorgegangen, sondern habe die besorgten Angehörigen wegen Übler Nachrede angezeigt. Das Verfahren ist laut Homes dann eingestellt worden – und nach entsprechenden Ermittlungen sei die Mitarbeiterin angeklagt und verurteilt worden. Kaspar sei massiv unter Druck geraten und habe sie entlassen, um sie etwa ein Jahr später wieder einzustellen.

 

Anfang der 70er Jahre – zu Kaspars Direktorenzeit – sei , Homes zufolge, ein Mädchen, das aus dem Heim geflohen war, in Rüdesheim von einem Bauarbeiter brutal geschlagen und vergewaltigt worden. Das Vergewaltigungsopfer sei später von der Polizei aufgegriffen und ins Heim zurückgebracht worden. Die Heimleitung habe aber offenbar keine Veranlassung gesehen, dem schwer traumatisierten Vergewaltigungsopfer längerfristig zu helfen. Man habe sich des Falles entledigt, indem das Opfer in ein Heim für Schwererziehbare abgeschoben wurde. Auch in der neuen Erziehungsanstalt habe man dem Opfer keinerlei Hilfe und Therapie angedeihen lassen: Das Opfer sei an die Kinder- und Jugendpsychiatrie weitergereicht worden. Zudem sei der Vergewaltigungsfall von allen Beteiligten unter der Decke gehalten worden. Auch seien die Strafermittlungsbehörden nicht eingeschaltet worden!

 

Kaspar habe offenbar auch Kenntnis über einen weiteren Vergewaltigungsfall, so Homes. Ein ehemaliges männliches Heimkind, das in den 60er und 70er Jahren im Stift untergebracht war, habe Homes versichert, von dem damaligen Priester und Direktor Rudolf Müller vergewaltigt worden zu sein. Er habe nach Müllers Suizid dem neuen Stiftungsdirektor, Franz Kaspar, über die Vergewaltigung berichtet. Kaspar habe dem Opfer nicht geglaubt. Das Vergewaltigungsopfer sei heute noch schwer traumatisiert und in psychiatrischer Behandlung.«

In einem ganz „normalen“ Heim der evangelischen Diakonie…

»Ich war übrigens in keinem Kloster, keiner Sekte, sondern in einem ganz „normalen“ Heim der evangelischen Diakonie… « schreibt eine Kommentatorin zu einem Beitrag über Sex-and-crime im Kloster[1]. Es geht um die Methoden der Produktion von Abhängigkeit und Abschottung von anderen, konkurrierenden Einflüssen. Während in Klöstern und auch bei Scientology immerhin – bei aller Kritik – die Absicht zu erkennen ist, eine „neue“ Persönlichkeit zu formen, die innerhalb der Parallelwelt lebensfähig ist und Anerkennung, sogar Lebenserfüllung finden kann, war die Erziehung in manchen (vielen?) Kinderheimen kirchlicher und staatlicher Machart rein destruktiv. Viele dieser Kinder wurden systematisch so zugerichtet, daß viele von ihnen ihr Leben nur als zerstört ansehen können. Diese systematische Destruktion wird von der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen. Die hält sich lieber an Themen wie sexuellem Mißbrauch und Prügelexzessen auf. Die gab es zwar auch zuhauf, doch sie waren nur Mittel zum Zweck: Die Kinder für das Leben zu zerbrechen.

Es lohnt sich, beide Kommentare zum Blogbeitrag zu lesen, weil sie in aller Klarheit eine verbrecherische Erziehung in einer wahrhaft „totalen Institution“ beschreiben.[2]

 

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/23/sex-and-crime-im-kloster/

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/23/sex-and-crime-im-kloster/#comments

Zwei Jahre Haasenburg.

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik by dierkschaefer on 19. August 2013

Ergebnis: Ich habe mein Leben dort verloren und vergessen! Bezahlt hat’s das Jugendamt![1]


»Wir haben den Kindern immer wieder gesagt, dass wir sie im Namen von Jesus Christus erziehen«

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Theologie by dierkschaefer on 13. Juli 2013

Es ist selten, daß Gewalttäter aus den Kinderheimen frei über ihre Erziehungsmethoden sprechen. Alexander Markus Homes hat eine Nonne interviewt, die bereit war zu sprechen. Der folgende Text ist seinem Buch „Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft? – Gewalt und Lust im Namen Gottes“  entnommen.   Vielen Dank für die Abdruckgenehmigung!

 

„Die konfessionellen Heime sind die schlimmsten Heime für Kinder!“

 

In einem Interview, das ich mit einer Nonne vom „Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ geführt habe (die Nonnen dieses Ordens waren auch im Heim St. Vincenzstift, Rüdesheim-Aulhausen, tätig, in dem ich zehn Jahre lang malträtiert wurde), berichtet die fromme Frau ganz offen und ehrlich, wie „im Namen Jesu Christi“ Kinder in einem katholischen Heim, in dem sie arbeitete, körperlich und seelisch gequält, gedemütigt, bestraft wurden. Mit dem Straf– und Unterdrückungsinstrument „Gott“, so die Nonne, wurde den Kindern Gehorsam, Willigkeit, Anpassung und Unterwerfung abverlangt. Sie selbst bekennt sich dazu, Kinder auf das Schwerste misshandelt zu haben.

 

Nonne B.: Ich bin als Einzelkind in einer strengen religiösen Familie aufgewachsen. Mit Gleichaltrigen kam ich eigentlich kaum in Kontakt, da meine Eltern nicht wollten, dass ich mich mit anderen Kindern abgebe. Es war ein behütetes Leben. Als ich erwachsen war, wollten meine Eltern, dass ich Nonne werde; also trat ich in einen Orden ein. Ich selbst dachte damals, dass ich als Nonne jungen Menschen helfen kann.

 

Homes: Sie haben viele Jahre in einem Kinderheim gearbeitet. Wie war diese Zeit?

 

Nonne B.: Ich habe als junge Nonne Heime gesehen, in denen kleine Kinder untergebracht waren, ausgestoßen und alleine gelassen. Ich war damals erschüttert, und ich schwor bei Gott, dass ich diesen Kindern helfen wollte. Sie sollten sich im Heim wohlfühlen, das Heim sollte für sie ein Zuhause sein. Ich wollte ihnen helfen, im Namen Gottes, im Namen der christlichen Nächstenliebe.

Bei meinen Besuchen in katholischen Heimen habe ich Nonnen und weltliche Erzieher erlebt, die eine große Kälte ausstrahlten. Sie machten fast alle irgendwie einen brutalen Eindruck auf mich, der einen in Angst versetzen konnte. Ich sprach damals mit ihnen, bevor ich selbst im Heim arbeitete. Sie redeten alle von Nächstenliebe, aber ich hatte den Eindruck, dass sie davon nur redeten und gerade das Gegenteil von dem praktizierten: Sie schlugen aus nichtigen Anlässen auf kleine Kinder ein oder verhängten Strafen. Sie waren einfach sehr autoritär, und was mir besonders auffiel: Sie waren fast alle nicht in der Lage, Kinder wirklich zu lieben!

Als ich dann selbst im Heim arbeitete, wollte ich nicht dieselben Fehler machen. Ich wollte wohl auch autoritär sein, aber niemals wollte ich den Kindern mit Gewalt begegnen. Doch schon bald hatte ich meinen Vorsatz aufgegeben. Ich verhielt mich den Kindern gegenüber ebenso wie die anderen Nonnen. Auch ich fing an, Kinder zu schlagen, zu bestrafen, sie mit Sanktionen zu belegen. Und ich wusste – wie alle Nonnen und Erzieher auch – , dass die Kinder sich nicht wehren konnten. Sie waren uns, unseren Launen, unserer Macht hilflos ausgeliefert! Wir haben alle bei den Kindern eine große Angst verbreitet. Die Angst beherrschte ihre Seele und ihren kleinen Körper und ihr junges Leben. Ich hatte geglaubt, diese Mittel einsetzen zu dürfen, weil ich mit der ganzen Situation nicht fertig wurde. Wir konnten nicht anders; wir hatten einfach keine anderen Möglichkeiten, ihnen zu helfen, wir hatten ja auch keine pädagogische Ausbildung. Wir dachten, wenn wir die Kinder einer strengen religiösen Erziehung unterwerfen, so wäre das tatsächlich die beste Hilfe, die man ihnen zuteil werden lassen kann. Doch ich muss sagen: Ich war wie alle anderen Nonnen und Erzieher einem großen Irrglauben, ja einen Wahnsinn verfallen. Wir alle glaubten, dass das die beste Erziehung ist. Wir dachten uns nichts dabei, die Kinder streng anzufassen, auch mal zuzuschlagen, sie zu irgend– etwas zu zwingen. Wir haben den Kindern immer wieder gesagt, dass wir sie im Namen von Jesus Christus erziehen und ihnen helfen wollen. Doch in Wirklichkeit haben wir – auch wenn diese Erkenntnis schmerzlich ist! – gegen diese christlichen Grundsätze verstoßen! Wir sind nicht auf die Kinder zugegangen wie Menschen, sondern wir haben sie innerlich irgendwie abgelehnt. Das wurde aus unserer Handlungsweise ganz deutlich.

 

Homes: Wie sah diese religiöse Pädagogik im Einzelnen aus?

 

Nonne B.: Das Heim, in dem ich arbeitete, war ein katholisches Heim. Gott war das Fundament der Erziehung! Die Gespräche mit den Kindern, unser Handeln und Auftreten war immer vom christlichen Glauben bestimmt. Durch die Drohung mit Gott hatten wir die Kinder un ter Kontrolle, auch ihre Gedanken und Gefühle. Ist das nicht das Ziel jeder konfessionellen Erziehung, jedes konfessionellen Heims?

 

Homes: Sie berichten, dass Sie die Kinder geschlagen und bestraft haben. Nennen Sie doch bitte einmal Beispiele.

 

Nonne B.: Ich träume heute noch von diesen Heimkindern. Aber es sind keine schönen Träume, keine schönen Erlebnisse, die da wach werden. Erst vor kurzem hatte ich wieder einen dieser Träume: Ich sah wieder, wie ich einen etwa sieben Jahre alten Jungen bei der Selbstbefriedigung erwischte. Ich war außer mir und stellte ihn zur Rede. Doch das Kind begriff nichts. Meine Wut wurde immer größer, und ich zog ihn an den Haaren in den Duschraum. Dort habe ich kaltes Wasser in eine Wanne einlaufen lassen und den Jungen mit Gewalt dort hineingezerrt und ihn viele Male untergetaucht. Ich sah – wie damals in der Wirklichkeit –, wie er sich zu wehren versuchte; ich hörte ihn wieder schreien. Es kostete eine ganze Menge Kraft, diesen kleinen, zierlichen Körper wieder und wieder unterzutauchen. Ich merkte, wie die Kraft des Jungen nachließ. Sein Gesicht lief blau an, und dennoch machte ich weiter. Der Junge bekam kaum noch Luft, als ich endlich von ihm abließ.

Ich erinnere mich an einen anderen Traum, der ebenfalls ein wirkliches Erlebnis in Form von schrecklichen Bildern für mich lebendig werden ließ. Ein Kind schrie, weil es von einem anderen Kind geschlagen wurde. Ich konnte diese Schreie nicht mehr ertragen, brüllte es an. Doch das Kind schrie weiter. Ich fasste ihn am Kopf und schlug ihn mehrmals gegen die Wand. Auf einmal hatte ich Blut an den Händen, und ich erschrak. Ich sah das Kind an. Das Kind zitterte am ganzen Körper und lief davon.

Es sind schreckliche Szenen, ich weiß! Doch was hilft das denn heute noch den Betroffenen – nichts!

 

Homes: Sie sagen, dass Sie sich nicht anders zu helfen wussten. Das verstehe ich nicht ganz.

 

Nonne B.: Wir waren alle, die Nonnen und die Erzieher, nicht pädagogisch ausgebildet. Damals gab es das ja nicht. Wir gingen in die Heime, ohne wirklich genau zu wissen, was auf uns zukommt. Wir wussten nicht, dass wir besser fahren, wenn in der Erziehung auf autoritäres Verhalten weitgehend verzichtet wird. Wir hatten uns eigentlich nie Gedanken darüber gemacht, wie die Kinder darauf reagieren. Ich habe nicht begriffen oder damals nicht begreifen wollen, dass das Kind möglicherweise innerlich geschrien und gelitten hat. Dieses Nachdenken hilft natürlich den Betroffenen nicht mehr, das ist geschehen. Wir haben viele Fehler gemacht. Es war für die Kinder teilweise eine furchtbare, grauenhafte Zeit; es war ein großes Verbrechen ihnen und Gott gegenüber.

Ein Kind sagte einmal zu mir: „Der liebe Gott wird Sie für alles, was Sie uns angetan haben, bestrafen.“ Damals ballte ich meine Hand zu einer Faust zusammen und schlug dem Kind ins Gesicht. Heute weiß ich, was das Kind mir mitteilen wollte.

 

Homes: Sie sagen, dass Sie damals nicht begriffen haben, was es für ein Kind heißt, ständig unter Angst aufwachsen zu müssen. Wissen Sie heute wirklich, was es für ein Kind heißt, nicht geliebt, sondern gehasst zu werden?

 

Nonne B.: Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich weiß, was es für ein Kind bedeutet, überhaupt in einem Heim leben zu müssen und dann noch unter solchen schlimmen Bedingungen. Ich kann es, wenn überhaupt, nur erahnen. Dass wir die Kinder zu keinem Zeitpunkt geliebt, sondern gehasst haben, stimmt so nicht ganz. Ich habe versucht, in christlicher Nächstenliebe zu handeln. Ich kann mir nichts anderes vorwerfen als das, überhaupt in einem Heim gearbeitet zu haben. Vielleicht war das aber keine Liebe, sondern nur Hass. Und wenn mir heute Kinder von damals in meinen Träumen begegnen, weiß ich: Sie müssen sehr viel unter unserer Gewalt gelitten haben!

 

Homes: Wissen Sie, was aus diesen Kindern geworden ist?

 

Nonne B.: Ich weiß heute nur von ein paar wenigen, wo sie leben. Ich glaube, vier sitzen im Gefängnis, drei sind in einer Nervenheilanstalt, drei sind heute Mönche, und von vieren weiß ich, dass sie arbeiten.

Ich bin mir heute sicher: Die konfessionellen Heime sind die schlimmsten Heime für Kinder!

 

 

Das Interview ist erschienen in meinem Buch: „Heimerziehung – Lebenshilfe oder Beugehaft? – Gewalt und Lust im Namen Gottes“ (Verlag Books on Demand). Eine Weiterverbreitung des Interviews ist nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Autors gestattet. Und nach Genehmigungserteilung nur mit Quellenangabe (Autor, Titel, Verlag).

© Alle Rechte vorbehalten

Homes, Alexander Markus

 

 

Tagged with: , , ,