Dierk Schaefers Blog

Was für ein Leseabenteuer!

Devianz als Schicksal? – Rezension

von Markus Löble1

„Dust in the wind

All we are is dust in the wind“

Rockgruppe Kansas (1977)

Dierk Schäfer, Theologe und Psychologe, ehemaliger Polizeipfarrer und Tagungsleiter der Evangelischen Akademie in Bad Boll, legt nun im Sommer 2021 mit „dem Schulz“ gleichzeitig „einen Schäfer“ vor. „Der Schulz“, das ist: Devianz als Schicksal? Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Band 45 der Tübinger Schriften und Materialien zu Kriminologie (TÜKRIM)2

14 Jahre nach der verdienstvollen und prämiierten Heimkindertagungsreihe „Kinderkram“ der Evangelischen Akademie in Bad Boll 2007, die Dierk Schäfer als Tagungsleiter der Evangelischen Akademie organisiert und geleitet hat, liegt nun die kommentierte Ausgabe der autobiographischen Notizen „des Berufsverbrechers“ Dieter Schulz vor. Es ist das große Verdienst Dierk Schäfers, drangeblieben zu sein und trotz aller editorischer Rückschläge nun einen Rahmen für den schriftlichen Nachlass eines sehr bemerkenswerten Menschen – bemerkenswert wie wir alle (!) – geschaffen zu haben.

Was für ein Leseabenteuer! Viele versunkene Welten werden in diesem Band angesprochen und erscheinen sehr plastisch vor dem Auge der/s geneigten Leser*in. Dieter Schulz, geboren 1940 im ehemaligen Königsberg, erlebt als Kind Flucht und Vertreibung. Mutter Schulz flieht mit ihren Kleinkindern aus Ostpreußen, die Fluchterlebnisse werden sehr eindrücklich geschildert.

Dieter Schulz schrieb seine autobiographischen Notizen Jahrzehnte später in Haft. Er blickt auf eine Kindheit in Deutschland der 50er Jahre zurück. Kleine und große Fluchten werden ihn sein Leben lang von geographischen und emotionalen Nirgendwos in Heimen und später Haftanstalten zu immer weiteren Nirgendwos führen. Kindheit im Nachkriegsdeutschland heißt für ihn, meist keine Schule zu haben, dafür lernt er fließend Russisch und sich durchzuschlagen. Was das Leben pädagogisch versäumt oder anrichtet, bedeutet oft „lebenslang“ – für uns alle. Die blind machende „Hasskappe“ setzte sich Dieter Schulz schon als Kind und später immer wieder in seinem Leben auf. Heute kann Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie manches Mal positiv wirksam werden, viel mehr noch hätte damals moderne (Trauma-) Pädagogik in modernen Jugendhilfeeinrichtungen wirksam werden können. Es hat sich wirklich viel getan in den vergangenen Jahrzehnten. Auch dies ist ein Ergebnis der Lektüre.    

Behutsam und kenntnisreich leitet Dierk Schäfer den/die Leser*in durch den Irrgarten der Notizen des Kriminellen Dieter Schulz. Es hätte immer auch anders kommen, anders ausgehen können. Dierk Schäfer ordnet und führt dort, wo es sein muss und schafft gerade dadurch Raum für seinen Schulz und seine Leser*innen. Raum für die vielen Welten eines wechselvollen Lebens in Ost- und Westdeutschland, in Kindheits-, Jugend- und später Erwachsenenwelten.

Natürlich wird beschönigt. Sehr kompetent und deshalb sehr hilfreich sind die Kommentare und Fußnoten des Kriminologen Dierk Schäfer, der er neben dem Psychologen und Theologen eben auch noch geworden ist. So ist „der Schulz“ eben auch „ein echter Schäfer“ geworden. Zwei Unbeugsame haben sich hier gefunden. Ein Buch, das auf dem Schnittpunkt dreier Berufe und Berufungen geschrieben wurde. Der Theologe, Psychologe und Kriminologe Schäfer führt hier zusammen, was zusammengehört. Eine im besten Sinne ganzheitliche Sicht auf einen Menschen und sein Leben, jedoch ganz ohne den Anspruch zu erheben, diesen dadurch zur Gänze zu erfassen. Wie sollte das in dieser kontingenten Welt schicksalhafter, zum Schicksal werdender Zufälle auch möglich sein?  

So bleibt dies Buch wohltuend ohne Fazit, ohne Urteil, ohne Wertung und ist eine Fundgrube des Wissens, jederzeit staunend machend. Es lohnt, sich auf diese Lektüre einzulassen. Danach bleibt eigentlich nur eine Sache unverständlich. Warum wurden die autobiographischen Notizen des Dieter Schulz nicht wie geplant verfilmt oder konventionell verlegt?

Immerhin verdanken wir der Beharrlichkeit Dierk Schäfers nun einen überaus lesenswerten Band 45 der Tübinger kriminologischen Schriftreihe. Ein echter Geheimtipp für Jurist*innen, Kriminolog*innen, Pädagog*innen, Lehrer*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen und – last, but not least – für alle Leser*innen, die sich dafür interessieren lassen, wie es einem erging, der 1940 in ein Kriegseuropa hineingeboren wurde, darin aufwuchs, sich immer wieder berappelte und bis zu seinem Tode 2019 versuchte, das Beste daraus und aus sich zu machen.

Dierk Schäfers Schulz liest sich unterhaltsam und pendelt immer wieder zwischen bodenloser Tragik und sehr lebendiger Komik. Erlebnisse von Grass’scher Drastik wechseln sich ab mit Schilderungen, z.B. eines Banküberfalls, die wie aus dem Drehbuch der guten alten Olsen-Bande anmuten. Der Tod eines Kardinals leuchtet in den enzyklopädisch kenntnisreichen Fußnoten ebenso auf wie „das Milieu“ rund um das hannoversche Steintorviertel. Wer mag da urteilen, wer den Stab brechen? Der Rezensent schließt zu diesem lebensprallen Buch mit Nietzsches Zarathustra: „War das das Leben? Wohlan! Noch einmal!“

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Fußnoten

1 Dr. med. Markus Löble, FA für KJPP, Arzt für Naturheilkunde, Suchtmedizin, systemische Familientherapie (DGSF), forensische Begutachtung (DGKJP). Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Christophsbad, Göppingen    

2 Dierk Schäfer: Devianz als Schicksal. Die kriminelle Karriere des Dieter Schulz. Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie (TÜKRIM), Band 45, erschienen in: TOBIAS-lib-Universitätsbibliothek Tübingen, Juristische Fakultät, Institut für Kriminologie (2021). ISSN: 1612-4650; ISBN: 978-3-937368-90-0 (elektronische Version, Kostenfreier Download: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/115426/T%c3%bcKrim_Bd.%2045.pdf?sequence=1&isAllowed=y) und 978-3- 937368-91-7 (Druckversion, 22,70 €,  beim Institut für Kriminologie, z. Hd. Frau Maria Pessiu, Sand 7, 72076 Tübingen, @ maria.pessiu@uni-tuebingen.de  )

Die Kellerkinder vom Kloster Ettal

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 11. August 2021

„Sehr geehrter Abt Barnabas – Sie ermessen nicht die Überlebensinteressen einiger, die fünf Jahre oder länger andauernde sexuelle und physische Exzesse des benediktinischen Personals und anderer Täter wie durch ein Wunder überlebt haben.“

Das Kunstwerk (Photo) stammt vom Künstler Eckhard Kowalke, https://www.art-kowalke.com/

Bisher kannte man nur die „überirdischen“ Missbräuche à la Odenwaldschule im Kloster Ettal, die an den Internatsschülern, diese meist aus „besseren Häusern“. Doch das Kloster hat auch einen Keller. Dort ging es wahrhaft unterirdisch zu: sadistische Sexverbrechen an Heimkindern, also Kinder mit nicht so gutem Rückhalt ihrer Elternhäuser. Diese „Verteilkinder“ wurden unterschiedlichen Einrichtungen zugeteilt, so auch dem Kloster Ettal. Dort verbrachten sie ihre Ferien in den Kellerverließen und waren frei zugänglich für die klerikalen Missbrauchstäter. Die kamen auch extra angereist. Das Pädophilennetz funktionierte.

Gestern kamen in der Sendung „Report München extra“ neue Dimensionen des Missbrauchs an die Öffentlichkeit[1]. Wird es eine Fortsetzung geben?

Das Kloster Ettal jedenfalls mauert. Nun wird versucht, dem Abt auf die Sprünge zu helfen. Ich zitiere zwei Mails.[2]

Das erste Mail, vom 26. Juli 2021:

„Sehr geehrter Abt Barnabas,

am Montag, nach dem Erscheinen des Beitrages in der SZ vom 30.1.2021 suchten Sie über Herrn Jörg Jägers Kontakt zu unserer Gruppe.[3] Zustande kam am Dienstagnachmittag, dem 2. Februar, ein kurzes Telefonat von fünf Minuten, Ihre Worte dabei sind in etwa so zu resümieren:

Wenn die Betroffenen sich vorstellen könnten, dass von einem Gespräch mit Ihnen eine für sie heilende Wirkung ausgeht, dann seien Sie zu diesem Gespräch bereit.

Sie machen die Wirkung dessen, was Sie „Heilung“ nennen, vom guten Willen und der Bereit­schaft der zu Heilenden abhängig. Die in Ettals Kellern Missbrauchten und Gefolterten bedürfen der Heilung, die Sie anbieten. Ein großartiger, von Demut zeugender Gedanke: Der gute Wille der Opfer und der Glaube an Ihre heilenden Worte führen zum happy ending. Ich war zunächst baff und ließ mir von Herrn Jörg Jägers nochmals den Wortlaut bestätigen.

Weitere Punkte, die Jörg Jägers noch ansprechen wollte, waren nicht zu besprechen.

Sie haben Ihre Botschaft verkündet und beendeten das Gespräch. Ein weiterführender Dialog und Meinungstausch lagen wohl nicht in Ihrer Absicht.

Sie sind sich offenbar nicht darüber im Klaren, wie Ihr Heilungsangebot bei den drei Miss­brauchten angekommen ist. Warum in einem Klosterkeller gefolterte und getriggerte Men­schen Energie und den Willen und Bereitschaft mobilisieren sollen, sich der heilenden Wir­kung Ihrer Worte zu überlassen, bleibt Ihr Geheimnis. Ich gratuliere Ihnen zu dem starken Glauben an die Kraft Ihrer Worte. Die Empörung, die sie angesichts eines solchen Angebots verspürten, können Sie wohl nicht nachvollziehen. Es sei denn, es war anders und Sie wollten nur provozieren.

Zumindest stellt sich noch eine grundsätzliche, tiefgründigere Frage: Kann man Menschen, die an Selbstüberhöhung und/oder Hybris der Demut leiden, ebenfalls einer heilenden Wir­kung zuführen? Verwirrt die frische Bergluft die Wahrnehmung oder führt sie in lichte Höhen, denen andere nicht folgen wollen? Anders gefragt: Brauchen Sie nicht selber Beistand?

Seit Februar sind Sie auf Tauchstation, von Ihnen keine Impulse. Der Verdacht verstärkt sich: Sie reagieren nicht, Sie wollen es aussitzen. Stattdessen verbreiten Sie, verführt von Ihrem Wahrnehmungsbedürfnis, erstaunliche Ansichten über die Interessen unserer Gruppe, darunter die Behauptung, es gehe uns nur um den schnöden Mammon.

Mit dieser Behauptung haben Sie nur ins Blaue gezielt, aber nicht ins Schwarze getroffen. Die Rolle des Geldes in dieser causa einzuschätzen überlassen Sie uns, gegen Ihre öffentlichen Spekulationen dazu verwahren wir uns.

Sie ermessen nicht die Überlebensinteressen einiger, die fünf Jahre oder länger andauernde sexuelle und physische Exzesse des benediktinischen Personals und anderer Täter wie durch ein Wunder überlebt haben. Wir reden von den drei uns bekannten Überlebenden, deren Schicksal wir dokumentiert haben. Von den anderen, die außerdem noch in den Ettaler Klo­sterverliesen gefangen, sexuell und physisch missbraucht wurden und inzwischen verstor­ben sind, ganz zu schweigen. Oder denen, die noch so traumatisiert sind und neben sich stehen (man nennt es: dissoziiert) und sich nicht melden werden. Mit entsprechender Abrichtung und Zuarbeitung des Paritätischen Heimpersonals und transportierender Nonnen haben sich Mön­che Ihres Klosters in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in schändlicher Weise an diesen drei und noch anderen vergangen. Ein Gemeinschaftswerk, eine Kooperation zwischen weltlicher und kirchlicher Institution zur Vermehrung von Geld und Lust. Immer wenn die Kloster-Zöglinge nicht verfügbar waren, wurden Heimkinder herbei­geschafft, übrigens nicht nur während der Ferien. Gerne auch zu hohen christlichen Feiertagen.

Stattdessen wollen Sie die Überlebenden mit Ihrem Segen erquicken und, ganz entscheidend, bevor Gespräche stattfinden, wollen Sie vorab mit ihnen ein Friedensfest feiern: „Heile heile Segen“. Wie im Kinderreim. Lasset uns von Eurer Versöhnung mit Uns sprechen, bevor wir Euch Teilhabe an Unserer Verantwortung und Schuld gewähren. Denn unser Eingeständnis an Schuld und Verantwortung ist Gnade. Seid dankbar. Ist Ihnen nicht bewusst, dass es ankommt wie ein christlicher Reflex zur Vermeidung von größeren Ausgaben?

Sind die Opfer eingestimmt worden, verstärkt dies den Segen und schont die Kassen. So die benediktinische Kalkulation: Kinder schänden, Zeit schinden, Kassen schonen – geht nur mit Versöhnungskonzil.

Weiteres zu Ihrem Verdacht, es gehe ums Geld. Die Sache mit dem Mammon bedarf weiter gehender Klärung.

Dabei und zunächst spielt das Wieviel durchaus eine Rolle. Diesmal geht es nicht um die Söhne der bayerischen Eliten, deren spätere Biografien von den mönchischen Abartigkeiten zur Genüge determiniert waren, Sie kennen ja die IPP-Studie[4] und das der Studie voraus­gegan­gene Buch der beiden SZ-Autoren Stadler und Obermeyer („Bruder, was hast du getan?“[5]). Die Ex-Ettaler, missbraucht und gedemütigt und gezeichnet für den Rest ihres Lebens, aber ganz anders aufgefangen und eingebettet, sind meist gestützt durch Abstam­mung, Wohlstand und Privilegien ihrer Familien. Davon kann im Falle der Heimkinder aus Feldafing keine Rede sein. Die treiben alleine durchs All und konnten durch Herrn Jörg Jägers und mich zumindest ihre Sprachlosigkeit überwinden.

Die finanzielle Leistung des Klosters an seine ehemaligen Internatszöglinge hat meinem Empfinden nach bestenfalls symbolischen Charakter. Die gezahlten Beträge (je 7.000,00 €? Oder auch weniger?) drücken diesen Symbolismus adäquat aus.

Dass das Kloster diesmal in einer anderen Verantwortung steckt, die zumindest finanziell über den oben geschilderten Symbolgehalt hinaus reicht, ließe sich ohne Mediatoren vermitteln. Dass unbeschadet der Höhe des geleisteten Betrages eine Versöhnungserwartung aber nicht bedient werden kann: Diese Kröte müssen Sie schlucken. Auch wenn Sie persönlich keine Schuld haben, als Abt tragen Sie Verantwortung. Das Kloster soll zahlen, basta. Keine Zah­lungsbedingungen. Keine Umarmungen vor Kameras. Keine Instrumentalisierung der Interessen der Täterorganisation durch die Medien. Punkt. Es gibt vergebungslose Taten. Trost möge man sich bei Gott holen, nicht bei den Opfern. Das ist stillos.

Dieses Mail werde ich zunächst nicht öffentlich verwenden, erwarte aber von Ihnen eine zeitnahe Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Vladimir Kadavy“

Abt Barnabas hat nicht geantwortet. Nun ist die Schonfrist um.

Das zweite Mail, 11. August 2021:

„Sehr geehrter Abt Barnabas,

Sie haben auf mein … Mail vom 26. Juli des Jahres nicht reagiert. Auch auf weitere Auffor­derungen zu antworten sind Sie nicht eingegangen. Unsere Recherchegruppe, bestehend aus Herrn Jörg Jägers und mir, hatte Ihnen außerdem das Angebot gemacht, die von uns erarbeiteten und recherchierten Materialien zu den Missbräuchen an Heimkindern, die in den Klosterkellern geschahen, vorzulegen. Auch darauf erfolgte keine Reaktion. Damit haben Sie entschieden, dass dieses Mail nun seinen Weg in die Öffentlichkeit nimmt. Weitere Versendungen werden noch erfolgen.

Mit freundlichen Grüßen

Vladimir Kadavy“

Dierk Schäfer: Das muss ich nicht weiter kommentieren.

Nachtrag: Ich Nichtbayer wurde darauf hingewiesen, dass es sich nicht um den Tegern-, sondern um den Starnberger See gehandelt hat. Wie es zu der Verwechslung kam, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich Tee-Trinker bin, ein Tee-gern-Seer.


[1] Ein Netz von Missbrauchern & Nutznießern / Kinder wurden zum Missbrauch weitergereicht / ritueller Missbrauch / das System Feldafing / nach der Kirchweih durfte sich jeder Priester rund um den Tegernsee einen Buben mitnehmen. – Was nicht zur Sprache kam war die sorgfältige Auswahl opfertauglicher Kinder und ihre sadistisch-sexuelle Zurichtung für weitere Missbräuche. Wir erfuhren nichts über die Rolle des Jugendamtes München und den Träger der Einrichtung in Feldafing. Aber das kommt wohl noch.

[2] DS: Die Klarnamen habe ich nur beim Adressaten und beim Absender stehen lassen. Die Fußnoten habe ich hinzugefügt.

[3] Es handelt sich um eine private Recherchegruppe (der Staat macht hier bisher nix). Sie besteht überwiegend aus Missbrauchsopfern. Ihre Aussagen wurden protokolliert und einigen Medien zur Verfügung gestellt. Daraus resultierten die Beiträge in der SZ.

[4] [ https://www.ipp-muenchen.de/praxisforschung/gewalt-in-institutionen ]

[5] [ https://www.perlentaucher.de/buch/bastian-obermayer-rainer-stadler/bruder-was-hast-du-getan.html ]

Wir Insider wundern uns

„Die Geschichte der Heimkindheiten endlich konsequent aufarbeiten!“ fordert die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zur Situation Betroffener der Heimerziehung in der Bundesrepublik und der DDR“[1], im Folgenden Rörigkommission genannt.

Nanu? Hat Frau Vollmer nicht am „Runden Tisch Heimerziehung“ die Aufarbeitung längst besorgt? So richtig begann es 2006 mit dem Buch „Schläge im Namen des Herrn“ [2]. 2008 wurde der Runde Tisch eingerichtet[3], ich selber habe dort bei der „2. Anhörung“ am 2. April 2009 referiert[4] und Verfahrensvorschläge vorgestellt.[5] Mein Blog hat sich in der Folgezeit hauptsächlich mit den Heimkindern beschäftigt, so auch andere Plattformen im Netz.[6] In der Folge begannen manche Heime ihre Vergangenheit in umfangreichen seriösen Studien auf­arbeiten zu lassen. Hier seien nur zwei der vielen Publikationen von Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler genannt[7]. Dazu kommen noch die Berichte über die Ergebnisse des Runden Tisches von Prof. Kappeler, ein überaus kompetenter Fachmann,  der vom Runden Tisch wohlweislich ausgegrenzt wurde.[8]

Was will die Kommission mehr?

Kann sein, dass auch sie mit den Ergebnissen des Runden Tisches nicht zufrieden ist. Da werden ihr viele, so auch ich, beipflichten. Der Runde Tisch hatte zwar auch ein paar wissen­schaftliche Arbeiten in Auftrag gegeben, doch es handelte sich bei dem Runden Tisch um einen von Beginn an eingefädelten Betrug.[9] Dort wurden die ehemaligen Heimkinder gekonnt von Antje Vollmer über den Tisch gezogen.[10] In quasi mafiöser Verbindung konnten Staat und Kirchen das für sie Schlimmste verhindern: nix da 2Eine echte Entschädigung und eine Aner­kennung der Arbeit der Kinder in Fabriken und Landwirtschaft als Zwangsarbeit. Medi­ka­mententests an Kindern kamen nicht zur Sprache, für Säuglingsheime, Behindertenein­rich­tungen und psychiatrische Unterbringungen zeigte man sich nicht zuständig. Durch ganz andere Problemlösungen im Ausland, zb gerichtliche Untersuchungsausschüsse ließ man sich nicht irritieren. Die Rechtsnachfolger der Misshandler traten in die Fußstapfen der Täter. Es hätte eine Lösung gegeben: Der Staat (die Länder und ihre Jugendämter) übernehmen die Verantwortung, zahlen Entschädigungen und refinanzieren sich bei den kirchlichen Einrichtungen. Hätte – aber genau das wollte man nicht.[11]

Wenn die Rörigkommission diese Fälle, ergänzt durch die hinzugekommenen Missbrauchsfälle, die damals kaum Thema waren, neu aufrollen will, muss sie die Erfahrungen der Heimkinder berücksichtigen: all die Untersu­chun­gen haben für sie nichts gebracht. Ihre Berichte waren nur das Rohmaterial für Wissen­schaftler, die damit ihr Geld verdienten und ihr Karriere beflügelten. Gewiss, sie gaben den Opfern Anerkennung, ihre Ergebnisse riefen bei den Rechtsnachfolgern „Betroffenheitsgestam­mel“[12] hervor, doch die waren damit glimpflich davongekommen und die Heimkinder fühlten sich abermals missbraucht. Wenn Herr Rörig mit sei­ner Kommission die Lage dieser Gruppe nach­haltig verbessern will, ist er herzlich willkom­men. Das Beweismaterial liegt vor. Neue Untersuchungen sind unerwünscht. Sie würden nur als Arbeitsbeschaffungs­maßnahme gesehen. Auch schon lange fordern die Heimkinder für sich andere Lösungen als Alters- oder Pflegeheime. Alles längst bekannt.[13]

Es mag sein, dass die Kommission vornehmlich die Missbrauchsfälle sieht, weil sich bei ihr dieser Personenkreis gemeldet hat, der zuvor nicht so sehr im Blickpunkt stand. Das Melde­aufkommen nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Piusheim macht deutlich, dass dieser Bereich noch ein großes Dunkelfeld bergen dürfte. Ich weiß, dass wir in nächster Zeit noch einiges über klerikale Pädokriminalität hören werden einschließlich der wirtschaftlichen Nutzung der Missbrauchsopfer. Das wird noch spannend. Aber …

Aber das interessiert die Öffentlichkeit nur vorübergehend. Die Heimkinder fanden sogar persönliche Beachtung in ihrem jeweiligen Lokalblatt, das sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, Opfer aus der näheren Umgebung präsentieren zu können. Es ist den Medien nicht vorzuwerfen, dass sie immer eine neue Sau durch ihre Blätter jagen müssen, denn der Skandal von heute verdrängt den von gestern. Die Leute wollen im Grunde nichts wissen, sondern nur unterhalten werden – und das ist der eigentliche Skandal.

Wenn die Rörigkommission einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit all den erforderlichen Vollmachten durchsetzt, wenn diese Untersuchungen die Staatsanwaltschaften nötigen, die einschlägigen Archivakten in Jugendämtern, Kirchen, Klöstern und Jugendhilfe­einrichtungen zu beschlagnahmen, und das unabhängig von der Verjährungsfrage[14], dann dürfte sie auch Unterstützung von den Opfern erwarten.

Kurz zur Verjährung: Sie ist eigentlich dazu gedacht, Rechtsfrieden zu schaffen für Uraltfälle. Eine nicht befriedigende aber letztlich befriedende Lösung. Doch hier hilft sie nicht. Die Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern, den Misshandelten und den Missbrauchten stellen das wohl größte Verbrechen in der bundesrepublikanischen Geschichte dar. Prof. Kappeler: „Mitten im Kern des eigenen Gesellschaftssystems geschieht solches Unrecht in unvorstellbaren Ausmaß und sämtliche – verfassungsrechtlich, staatsrechtlich, verwaltungs­rechtlich! – vorhandenen Kontrollsysteme versagen; nicht zufällig!“[15] Die Zahl der Opfer ist kaum überschaubar, die „Qualität“ der Verbrechen reicht von deutlicher Benach­teiligung und Ausbeutung bis hin zu Monstrositäten grundlegender Menschen­rechtsverletzun­gen Hier kann nicht gesagt werden: „Schluss jetzt, Schwamm drüber.“ Wir werden – Verjährung hin oder her – keinen Rechtsfrieden bekommen, allenfalls Friedhofsruhe, wenn die Opfer gestorben sind – doch ihre Geschichten leben weiter.

Hinzu kommt, dass in vielen Fällen der Rechtsweg von Beginn an schuldhaft versperrt blieb: Wer sich über seine Miss­handlungen beklagte, (sei es in der Einrichtung oder bei der Polizei, den Hilfs­beamten der Staatsanwalt­schaft,) wurde nicht nur abgewimmelt, sondern zuweilen auch noch geprügelt, weil er „Lügen“ erzähle. Wer, mündig geworden, auspackte, wurde bedroht. Beispielhaft sei hier Alexander Markus Homes genannt. Sein Buch „Prügel vom lieben Gott“ erschien erstmals 1981, also vor inzwischen 39 Jahren. Und die Kirche versuchte, ihn mundtot zu machen.[16] 1999 erschien das Buch MUNDTOT.[17]von Jürgen Schubert, ein weiterer Pionier. Schließlich ist noch an Paul Brune zu erinnern. Es geht dabei nicht um das Unrecht während der Nazi-Zeit (er wurde in eine der Tötungsstationen der Kindereuthanasie eingewiesen), sondern um das in der Bundesrepublik.[18]

Mich würde auch interessieren, mit welchen Methoden die Organisatoren der Kinderbordell-Einrichtungen gearbeitet haben, um die Heimkinder für den Sexmarkt gefügig zu machen und wer abkassiert hat.

Aber: welche Bedeutung haben Opfer angesichts der mächtigeren Interessenvertreter?

Es ist gut, sehr geehrter Herr Rörig, dass Sie sich nun über die Missbrauchsfälle hinaus auf breiterer Front eingeschaltet haben. Schließlich umfasst das Spektrum missbräuchlicher Behand­lung von Schutzbefohlenen weitaus mehr als nur den sexuellen Bereich; die mensch­liche Bosheit ist bodenlos.[19]

Wir sind nun einer neuen(?) Form des sexuellen Missbrauchs auf der Spur, der Bordel­li­sie­rung von Heimkindern. Ansätze dazu gab es bereits in der Korntal-Sache; die konnten aber m.W. nicht ausreichend belegt werden. Nun hören wir von ähnlichen Vorwürfen aus Mallorca und aus dem Piusstift. Es wäre ein Fortschritt, wenn Sie in Sachen Piusstift Beweis­material beschaffen könnten.

Eine andere Investigativgruppe ist mit ihren Recherchen schon weiter. Eine erste fundierte Anzeige läuft bereits. Doch wie Sie wissen sind Staatsanwälte weisungsgebunden und die Schutzlobby der Täter ist mächtig. Haben Sie einen Draht „nach oben“?

Wenn dieser Kinderbordell-Fall demnächst, wie ich vermute, in die Medien kommt, müssten Sie mit Ihrem Material bereitstehen. Denn für „Kinderkram“ ist die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums wie auch die der Politiker nicht so groß wie für Corona. Dann sollten Sie in Ihrer Funktion dafür sorgen können, dass ein Staatsanwalt mit seinem Team direkt ins Archiv marschiert, bevor dort die Akten vernichtet werden. Wie weit geht Ihre rechtliche Kompe­tenz?  Sind Sie befugt, Klage zu erheben und werden Sie es tun?

Sollte Ihnen bei der Sichtung des Materials, das ich Ihnen jetzt präsentiert habe, der Kopf schwirren, empfehle ich zur Entspannung ein Kapitel aus den Aufzeichnungen des Heimkindes Dieter Schulz. „Von Auerbachs Keller in­ den Venusberg“.[20]

Fußnoten

[1] Stellungnahme vom 23. April 2020,https://www.aufarbeitungskommission.de/meldung-23-04-2020-stellungnahme-aufarbeitung-heimkindheiten/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schl%C3%A4ge_im_Namen_des_Herrn.Heimkinder waren vorher schon einmal Thema gewesen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/ Fußnote 1.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Runder_Tisch_Heimerziehung_in_den_50er_und_60er_Jahren

[4] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf

[5] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

[6] Beispielhaft sei hier nur die umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit der Freien Arbeitsgruppe JHH aus Volmarstein genannt. http://www.gewalt-im-jhh.de/Grundung_der_Freien_Arbeitsgru/grundung_der_freien_arbeitsgru.html Nicht zu vergessen die stupende Aktivität von Martin Mitchell in Australien, ehemaliger Zwangsarbeiter im Moor von Freistatt bei Bethel. https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/01/freistatt_kappeler.pdf

[7] Rezensionen: Himmelsthür:https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2015/01/rezension-himmelsthc3bcr.pdf und Volmarstein: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[8] http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Kritischer_Ruckblick_2011.pdf Interessant ist, dass hier die Autoren eine mythisch-literarische Sprache verwenden: „Sie schreiben: »Öffnete man in den 1950er und 1960er Jahren die Tür zum Johanna-Helenen-Heim, so sah man in einen Abgrund der Willkür, der Zerstörung, der Gewalt, der Angst und der Einsamkeit. Man blickte in das ‚Herz der Finsternis‘« So heißt der Roman von Joseph Conrad, in dem er eine (fiktive) Expedition zum Oberlauf des Kongo, der Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II beschreibt. Der „Freistaat Kongo“ stand außerhalb jeglichen Völkerrechts. Seine Bevölkerung wurde millionen­fach zur Arbeit gezwungen, verstümmelt, versklavt, getötet. https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6864476092/in/photolist-bss87h-bsAdtW-bstBdj-bFv4Nz-bFoukV-bFmU1D-brHiv7-bFmHZK-bFn3fv-bFn4MD-bss62f-bsAbz7-bsAeA5-bstGNY-bsAd8N-bstK9w-bFoDuR-bFmSHB-bFmPwD-bFmMWB/  Das Ganze unter dem „Deckmantel eines wortreichen humanitären Missionseifers“.

Auch ich griff –  eher unbewusst – auf solch ein mythisch-literarisches Vorbild zurück, als ich meinem geplanten Essay über die Klerikale Pädokriminalität dieses Motto voranstellte:

Willkommen im Reich des Bösen!

Lasst, die ihr reinkommt, alle Hoffnung fahren!

Ach so, nur zu Besuch …

Auch Kinder dabei? Nein? Schade.“

Hier regiert die Phantasie von de Sade, der nicht nur wegen seiner Phantasien viele Jahre seines Lebens eingekerkert war.  https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/49821171961/in/dateposted-public/ Ein Schmankerl: de Sades Schädel von Dr. Ramon nach den Methoden der Phrenologie untersucht: „Sades Schädel glich in jeder Hinsicht dem eines Kirchenvaters.“ https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46407841.html

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/03/der-runde-tisch-heimerziehung-ein-von-beginn-an-eingefadelter-betrug/

[10] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[11] Photo: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8409300786/in/photostream/

[12] Helmut Jacob, Volmarstein, prägte diesen zutreffenden Begriff.

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/02/noch-einmal-ins-heim-von-den-letzten-dingen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/14/wer-will-ins-heim-ins-altenheim-vom-stephansstift/

[14] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/28/schindluder-mit-dem-heiligen/

[15] http://heimkinderopfer.blogspot.com/

[16] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/09/06/alexander-homes-ein-pionier/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/19/zweierlei-leid-heimkinder-mit-behinderung-sollen-weniger-entschaedigung-bekommen/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/27/prugel-vom-lieben-gott-neu-aufgelegt-2/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/11/06/prugel-vom-lieben-gott-neu-aufgelegt/ dort: „Hintergrund“

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/22/man-hat-uns-die-religion-mit-prugeln-implantiert/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/15/das-system-schlug-mit-wucht-zuruck/

Hier ein sehr erhellender Auszug aus dem Buch von Homes: https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/13/wir-haben-den-kindern-immer-wieder-gesagt-dass-wir-sie-im-namen-von-jesus-christus-erziehen/

[17] http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Nachkriegsbiographie_MUNDTOT_bei_Aachener_Juergen_Schubert.html

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/10/26/und-nun-ein-film-holle-kinderpsychiatrie-gewalt-und-missbrauch-hinter-anstaltsmauern/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/04/06/merkwurdig-die-vinzentinerinnen/

[18] https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/12/26/der-fall-paul-brune/

https://www.lernzeit.de/lebensunwert-der-weg-des-paul-brune/

[19] 1 Weihnachtsfest mit 2 Diakonissen, https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/12/21/1-weihnachtsfest-mit-2-diakonissen/

[20] https://dierkschaefer.wordpress.com/tag/kamasutra/

17 Jahre Knast gab es für Dieter Schulz. Nun ist er gestorben. Wie sollen wir ihm gerecht werden?

Die Leser meines Blogs kennen Dieter Schulz. In vielen Folgen erschien hier seine Autobiographie[1].

Man sagt gern umschreibend, jemand habe das Zeitliche gesegnet. Doch das Zeitliche segnen konnte er wohl kaum. Denn die Zeiten waren nicht gut zu ihm, und er hat entsprechend reagiert.

Hier mein Nachruf:

Nachruf auf Dieter Schulz [2]

Sein Leben begann am 27. Januar 1940 und endete am 12. Juni 2019.

Was er erlebte, was er machte, reicht locker für drei Leben aus, wie ich schrieb, und keines wäre langweilig.

Was jedoch – oberflächlich gesehen – spannend ist, entpuppt sich als terrible, als erschreckend.

»War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!« fragt Dieter selber in seiner Autobiographie und fasst damit seine schrecklichen, uns erschreckenden Kindheitserlebnisse zusammen.

Wie kann Leben unter diesen Startbedingungen gelingen?

Dass es „funktionieren“ kann, ist bei ihm nachzulesen.

Aber wie hat es funktioniert?

Nachrufe, also Rückbesinnungen auf kriminelle Karrieren sind kein Problem, wenn es sich um bedeutende Kriminelle handelt, also um Staatmänner, Feldherren, Patriarchen, auch Firmengründer. Entweder man lässt die kriminellen Passagen weg oder man schönt sie – und wenn der Nachrufer vom selben Kaliber ist, verherrlicht er sie sogar.

Doch was ist mit den „kleinen Leuten“?

»unsereins hinterlässt nur flüchtige spuren, keine
zwingburgen, paläste, denkmäler und tempel
wie heilige, herrscher, heerführer, auch keine
leuchttürme von wissen und weisheit.

irgendwo in archiven überdauern daten
unseres dagewesenseins, – kann sein, eines tags
kommt ein forscher und ergänzt mit belanglosigkeiten
das bild unserer zeit, und wir sind dabei.«

Als „klein, aber oho“ habe ich Dieter Schulz charakterisiert. Ich denke, das trifft ihn ganz gut und er hat auch nicht widersprochen – gelesen hat er‘s. Man kann es nachlesen, demnächst in den Tübinger Schriften und Materialien zur Kriminologie. In meinem Dank für alle Beteiligten an dieser Veröffentlichung schreibe ich (und muss nun die Todesnachricht hinzufügen):

»Zuallererst danke ich Dieter Schulz für seine Autobiographie. Er hat sie als Mahnung an künftige Generationen verstanden und darin auch einen Sinn für seinen reichlich „schrägen“ Lebenslauf gesehen. Ich verwendete dafür im Mailwechsel das Sprichwort: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Aus seiner Idee einer eigenständigen Publikation ent­wickelte sich – nolens volens – eine kriminologische Fachpublikation, und Dieter Schulz musste ertragen, dass seine locker hingeschriebene und stark stilisierte Geschichte auch kritischen Augen standhalten musste mit nicht immer schmeichelhaften Schlussfolgerungen. Er hat dieses ertragen, so wie er auch – wieder nolens volens – die longue durée des Entstehungsprozesses erdulden musste, obwohl sie sich auf seine Seelenlage auswirkte: Zwischen Hoffnung und Depression. Herzlichen Dank, lieber Dieter Schulz! – Ich habe ihm diesen Dank vorweg­geschickt, obwohl noch nicht alles „in trockenen Tüchern“ ist, denn sein Gesundheitszustand ist prekär.«

Nun hat ihn wenigstens dieser Dank noch lebend erreicht.

Was bleibt von diesem Leben?

Uns bleibt seine Autobiographie als „mahnend Zeichen“, ein zum Teil schrecklicher, erschreckender aber faszinierender Rückblick.

Und seine Angehörigen soweit sie noch leben? Seine diversen Frauen? seine Kinder?

Die Frauen werden wohl kaum von seinem Tod erfahren und wohl auch nicht alle seiner Kinder. Doch wer ihn „dicht bei“ erlebt hat, kommt nicht drumherum, für sich selbst das disparate, das erschreckend/schreckliche Bild von Dieter Schulz zu würdigen, – ja, zu wür­digen! Er war ja nicht nur „der Täter“, von was auch immer. Er hat in seiner Lebensbe­schreibung auch sein Inneres offengelegt. Er konnte weinen, nachts im Bett als Heimkind, und musste am nächsten Tag wieder auf der Matte stehen, Gefühle waren tabu. Bei allen Eitelkeiten verfügte er über ein hohes Maß an Selbstreflexion, auch darin konnte er rück­sichtslos sein.

Ich möchte diesen Nachruf mit zwei seiner Idealfiguren abschließen, die ihn bestimmt haben.

Da ist zunächst seine über alles geliebte Mutter. Sie warf sich schützend über ihre Kinder, wenn Tiefflieger Jagd auf die Flüchtenden machten – da wuchs in aller Bedrohung das, was wir Urvertrauen nennen. Sie „hielt uns am Kacken“ schreibt er in seiner unnachahmlichen Drastik; im Psychologenjargon steht beides für die basic needs, für die Grundbedürfnisse. Sie versteckte ihn vor VoPo und Jugendamt, aber sie griff in ihrer Erziehungsnot auch zum Aus­klopfer oder gar Schürhaken und gerbte ihm das Fell. Eine Frau, hart gemacht durch das Leben.

Auf der anderen Seite die unerreichbare Monika, sein Schwarm aus Dönschten, einem seiner vielen Kinderheime. Er sah sie nur am Fenster und verehrte sie, wie ein Minnesänger seine unerreichbare Dame. Sie zählt zu den Adressaten, die er in seiner Lebensbeschreibung nennt. Sie soll nicht alle seiner Verirrungen lesen, um kein schlechtes Bild von ihm zu bekommen.

Wir aber haben alles gelesen und müssen sehen, wie wir auf diesen krummen Linien gerade schreiben, um ihm gerecht zu werden. Er hat es verdient.


[1] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/07/inhaltsverzeichnis.pdf

[2] Die Todesanzeige wurde mir von seinem Sohn Sascha übersandt.

Auf Kindesmissbrauch kann lebenslänglich stehen – für die Opfer

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, Kirche, Kriminalität, Psychologie, Religion, Täter by dierkschaefer on 29. August 2018

Ich bin ja ziemlich abgebrüht nach vielen Gesprächen mit vielen ehemaligen Heimkindern in den vergangenen Jahren. Was einige von ihnen erlebt haben, sprengt vielfach die Vorstel­lungs­kraft. Sie waren für mich oft auch der lebendige Beweis für die Langzeitfolgen der erlebten Heimerziehung. Untersuchungen im Bereich der Hirnphysiologie untermauern den Befund wissenschaftlich. Wie gesagt: Ich bin viel gewohnt.

Doch gestern erreichte mich ein Aufschrei, der mich zunächst einmal sprachlos machte. So etwas kannte ich nur aus Berichten über Kriegsheimkehrer, die nachts wild um sich schlagen und schreiend aufwachen.

Unsere Beschwichtigungsformeln, mit denen wir versuchen auf Distanz zu gehen, funktio­nieren in solchen Fällen nicht. Auch die Opfer können nicht auf Distanz gehen; zu voll sind sie mit der immer noch bedrängenden ängstigenden Vergangenheit, zu erfüllt sind sie mit Hass auf die Täter. Nein, sie wollen und können keinen ruhig-abschätzenden Blick auf ihre Erlebnisse und die dafür verantwortlichen Einrichtungen werfen, sie wollen und können auch nicht erkennen, dass diese Einrichtungen sich verändert haben. Es gibt ja auch eine nahtlose Fortsetzung nicht der Methoden, aber doch der Abwehr gegen die Ansprüche auf Ehrlichkeit in der Zerknirschung und Großzügigkeit in der Kompensation für erlittenes Leid.

Damit das eigentlich nicht Nachvollziehbare auch allen Lesern deutlich wird, habe ich diesen Aufschrei aus dem Kommentarbereich nach vorn geholt.

Es ging um eine Werbebroschüre der Diakonie.[1]img 13520

»Der Titel der Broschüre belegt die Dummheit der Diakonie. Sie wünscht sich die Erinnerung – und ist in ihrer Schafsblödheit nicht in der Lage zu erkennen, dass GENAU DIE ERINNERUNG die Opfer von Kirche und deren Tochtergesellschaften wie Diakonie fern hält!

In der Erinnerung von Kirchenopfer gibt es nur einen schenkenden Gott und der schenkte: Demütigung, Misshandlung, Zwangsarbeit und Prügel. Und ein Teil der Kinder wurde auch noch Missbrauchsopfer. Auf derlei „Geschenke“ hätten die Kinder nur zu gerne verzichtet.

Wer zu den Geknechteten und Vergewaltigten zählt pfeift auf Hoffnung, leidet unter furchtbaren Erinnerungen. Sie kommen nachts, sie reissen dich aus dem Schlaf, sie nehmen dir die Luft, du schreist deine Angst vor der geilen Drecksau mit Titel Diakon heraus – und wenn du Glück hattest, wachst du in den dich haltenden Armen deines Partners auf. Und irgendwann, wenn sie gross genug sind um zu verstehen, fragen auch deine Kinder nicht mehr, warum der Vater/die Mutter nachts manchmal so schreit. Du siehst es in ihren Augen, du siehst das Mitleid, die Zuneigung, die Liebe und auch die Verschrecktheit. Und erlebst, dass sie bei dem Wort Kirche nur Hass zeigen. Du leidest darunter wie ein Hund, weil du erkennst, dass die Täterschweine auch deine Kinder erreichten.

DIE VERBRECHERISCHEN SCHWEINE DER DIAKONIE MACHTEN AUCH MEINE KINDER ZU OPFERN!«

Fußnote

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/08/27/die-erinnerung-soll-ein-bruder-sein-doch-wohl-eher-eine-schwester/

Korntal und die Dummheit

Soeben die Sendung REPORT MAINZ über das Ausbeutungssystem der Brüdergemeinde Korntal angeschaut. Ich seh fast nie fern, weil ich gedruckte Information vorziehe, das geht schneller. Auch jetzt habe ich nichts Neues erfahren – stand alles schon in der Vorankündigung von meinem Blog. Das Fernsehen erreicht mehr Nutzer als mein Blog. Darum habe ich mich wieder einmal gefragt, wie blöd manche Organisationen eigentlich sind, die erst einmal den Kopf in den Sand kopf_in_den_sand_stecken

stecken. Nicht gerade zur besten Sendezeit, aber dennoch wurden hier die Untaten einer scheinbar wohltätigen Gemeinde medienwirksam ausgebreitet. Da hätten die ja eigentlich drauf kommen können und die Flucht nach vorn antreten: Asche aufs Haupt, wir bzw. unsere Vorgänger haben gesündigt. Keine Relativierungen, keine Ausflüchte, keine Ablenkungen, sondern wir kriechen zu Kreuz, – was frommen Leuten nicht so schwer fallen sollte – und wir zahlen, denn es muss und soll weh tun, damit wir wieder glaubwürdig werden. Wir nennen das auch nicht Anerkennungsleistungen, sondern Entschädigungen für von uns verursachte Schäden. Doch der Umgang mit einer fürchterlichen Firmengeschichte will gekonnt sein – man muss aber erst einmal drauf kommen. Die Korntaler sind in illustrer Gesellschaft. Auch die Autoindustrie mit ihren kriminellen Dieselmanipulationen eiert noch rum – und vergrößert den Imageschaden. Macht doch nix? Mr. Profumo hat, soweit ich mich erinnere, nach dem Skanal Sozialarbeit in den untersten sozialen Milieus geleistet – und damit Anstand bewiesen. Beim Korntaler Firmenjubiläum im nächsten Jahr sollten die Korntaler Narrenkappen aufsetzen, wenn nicht aus Einsicht, so doch zur Gaudi. Manche Tragödien sind nur als Komödie erträglich, so oder ähnlich äußerte sich Dürrenmatt. Doch eins ist nun klar. Es gab Zwangsarbeit im Kinderheimsystem. Antje Vollmer hat den Begriff noch vermieden wie der Teufel das Weihwasser. Jetzt dürfen wir, besonders aber die Kinder von damals, gespannt sein, wie die Zwangsarbeit gewertet wird für die Nachzahlung samt Zinsen und Rentenansprüche.

 

Fußnoten.jpg

 

 

 

Bei Antje Vollmers Tafelrunde / fiel auch was ab für arme Hunde.

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kindeswohl, kirchen, Leben, Moral, Religion, Täter, Theologie by dierkschaefer on 5. Juli 2018

 

Antje Vollmers Tafelrunde 2

Das muss man ihr schon zugute halten.

Der Runde Tisch Heimkinder und der Erfolg der Politikerin Dr. Antje Vollmer

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

1 Weihnachtsfest mit 2 Diakonissen

Marianne wurde »um Mitternacht in einer Straßenbahn geboren. Man brachte sie in das Aachener Klinikum. „Im Taufregister stand, dass ich am 19.03.1950 notgetauft wurde.“« »Kurz nach ihrem ersten Geburtstag wurde sie in ein Waisenhaus und im Januar 1956 ins Johanna-Helenen-Heim der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, bei Hagen, verlegt.«

Sie war „immer vom Schicksal gebeutelt,“ sagt ihre Schulfreundin Roswitha; sie hatte salopp gesagt die Arschkarte gezogen, von Beginn an: »Meist stand sie in der Ecke links neben der Schultafel. Stockhiebe waren ihr tägliches Brot. Mittags der Schule entronnen, wurde sie von den frommen Schwestern malträtiert. … Zwangsarbeiten schon mit sieben bis zehn Jahren. Fünfzehn Nachttöpfchen musste sie zusammenschütten und zum Klo tragen. Ihr dabei besudeltes Kleidchen wurde nur alle vierzehn Tage ausgewechselt. Mit elf Jahren säuberte sie eine menstruierende junge Frau. „Jedesmal, wenn ich C. gewaschen und fertig angezogen hatte, spuckte sie mir zum Dank dafür ins Gesicht.“«

Und nun kam wieder einmal Weihnachten. Frohe Erwartungen hatte sie nicht.

»R. und ich waren die einzigen Kinder, die nicht nach Hause fahren konnten. Schwester E. kam in unseren Schlafsaal und brachte uns je ein Paket. Ich hatte noch nie ein Paket bekommen. Eine Schulklasse hatte für uns Kinder gesammelt und die Sachen geschickt. So richtig freuen konnte ich mich nicht darüber. Wenn etwas Brauchbares für die Schwestern dabei wäre, würden sie uns ja doch wieder alles abnehmen.

Doch, oh Wunder, Schwester E. verließ den Schlafsaal. Ich fing an, mein Paket ganz vorsichtig auszupacken. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Kinderbücher. Neben den Büchern war etwas Längliches in ein Geschenkpapier eingewickelt. Ich nahm es und packte es ganz vorsichtig aus. Es war eine gebrauchte Puppe. Der Kopf war aus Porzellan. An der Stirn hatte sie einen kleinen Sprung. Außerdem hatte sie einen lustigen Pferdeschwanz. Der Körper war ganz aus Stoff. Sie war ungefähr 35 cm groß. An der Puppe war ein Zettel mit ihrem Namen befestigt. Sie hieß Beate und ich liebte sie sofort.

Um keinen Preis wollte ich die Puppe den Schwestern überlassen. Ich steckte sie unter meine Wolldecke an mein Fußende. R. war mit ihrem Paket so sehr beschäftigt, dass sie es gar nicht mitbekam. Ich tat dann so, als ob ich mich über die anderen Sachen sehr freute. Als Schwester E. zurückkam, packte sie die meisten Sachen wieder in den Karton und verschwand damit. Nicht einmal die schönen Bücher ließ sie mir.

Je näher der Abend kam, um so mehr freute ich mich auf meine Puppe. Als es dann so weit war, nahm ich sie in den Arm und schlief überglücklich mit ihr ein.

Morgens machte ich mein Bett ordentlich und legte die Puppe dann wieder unter die Wolldecke. Damit begann für mich eine kurze, glückliche Zeit im Johanna–Helenen–Heim. Ich freute mich darauf, mir abends die Puppe zu holen und sie dann ganz fest an mich zu drücken. Das ganze ging für eine gewisse Zeit gut.

Plötzlich, eines nachts, wurde der Schlafsaal hell erleuchtet. Beide Schwestern standen an meinem Bett. Sie befahlen mir, mich an mein Fußende zu stellen. Ich schaffte es nicht schnell genug, meine Puppe zu verstecken. Schwester E. schrie mich an und wollte wissen, woher ich die Puppe hätte. Als ich ihr von dem Weihnachtspäckchen erzählte, wurde sie noch wütender. Sie schrie mich an: „Du hast sie gestohlen und außerdem bist du viel zu alt für eine Puppe!!“ Ich war ungefähr 10 Jahre alt.

Sie nahm die Puppe, riss ihr den Kopf ab und schlug ihn so lange auf den Boden, bis er zerbrach. Es dauerte eine Weile, weil der Fußboden aus Holz war. Mit beiden Händen nahm sie die Beine und riss die Puppe in der Mitte durch.«

Selber längst im Ruhestand sollte Marianne „Mimerle“ als Ersatz für „Beate“ bekommen. Auch das stellte sich als eine dramatische Geschichte heraus, doch zum Glück mit gutem Ausgang.[1]

Helmut Jacob hat in seinem Blog über Marianne Behrs berichtet. Er schrieb 2012 einen Nachruf auf Marianne.[2] Es war ihm wichtig, dass die geschundenen Kinder und die Ereignisse nicht vergessen werden. Auf den Home-pages der Nachfolgeorganisationen wird vielfach die schändliche Vergangenheit versteckt oder gar getilgt.[3] Volmarstein ist eine Ausnahme. Dort wurde ein Neubau nach Marianne Behrs benannt und man kann nur hoffen, dass damit auch die Erinnerung an Marianne Behrs und ihr Schicksal in dieser Kinderhölle[4] an das jeweils neue Personal weitergegeben wird.

Nun ist Helmut Jacob vor kurzem selber gestorben[5]. Auch er soll unvergessen bleiben. Ich habe über seine Beisetzung berichtet. In seiner Traueranzeige wurde um Spenden für das „Marianne Behrs Haus der Stiftung Volmarstein gebeten.[6] Jede Spende hält die Erinnerung wach – und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.

Fußnoten

[1] http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-1-zerplatzte-traume-119658899.html und http://helmutjacob.over-blog.de/article-wie-mimerle-zu-marianne-kam-kapitel-2-mimerles-weg-zu-marianne-119683281.html

[2] Zitate: http://gewalt-im-jhh.de/Erinnerungen_MB/erinnerungen_mb.html

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/24/das-geheimnis-der-versoehnung-heisst/ und https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/27/das-geheimnis-der-erloesung-heisst-erinnerung/

[4] Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe, Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010, Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 18, Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/18/helmut-jacob-ist-tot-ein-nachruf/

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/11/28/ein-nachruf-waere-angemessen-gewesen-doch-die-groesse-zur-demut-hatten-sie-nicht/

Die Sieger schreiben die Geschichte.

Das stimmt immer noch. Doch nicht ganz.

»Zeitzeugen gesucht!

Für den Bayerischen Rundfunk recherchieren wir über Medikamententests an Heimkindern. Wir sind auf der Suche nach Menschen, vorzugsweise aus Bayern, die sich an Medikamenten­gaben erinnern können: Haben Sie den Verdacht, dass an Ihnen Experimente für die Pharmaindustrie? gemacht wurden? Können Sie sich erinnern, solchen Tests Ihr Einverständnis gegeben zu haben? Oder gab es Medikamentengaben, die Sie sich im Nachhinein nicht erklären können, beispielsweise weil Sie nicht krank waren und trotzdem Medikamente bekommen haben?

Für unsere Recherche würden wir auch gerne mit ehemaligen Mitarbeitern von Kinderheimen sprechen, die sich erinnern können, Medikamente zu Testzwecken verabreicht zu haben.

Wir möchten allen Spuren nachgehen, nach Möglichkeit die Verantwortlichen konfrontieren und Unrecht aufdecken.

Sie erreichen uns unter den E-Mail-Adressen Christiane.Hawranek@br.de und Simon.Plentinger@br.de«

 

Zeitzeugen, Betroffene, Opfer schreiben Geschichte von unten. Die wird meist nicht gedruckt, aber das Internet ist ein großes Archiv und jeder kann dort Spuren hinterlassen, Spuren, die lästig sind für die Gewinner. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/09/09/wenn-die-ohrenzeugen-der-augenzeugen-verstummt-sind-beginnt-die-geschichtsschreibung/ Wenn dann noch jemand kommt, der über diese Spuren in größerem Rahmen berichten will – und die Mittel dazu hat – wird Geschichte lebendig. Das Buch von Peter Wensierski war so ein Weckruf und brachte die Geschichte der Kinder in kirchlichen und staatlichen Heimen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. All die Leugnungs- und Vertuschungsversuche der Täternach­folger liefen ins Leere, auch ihre Drohungen. Doch außer Öffentlichkeit ist nicht viel gewesen, denn am Runden Tisch unter der „Moderation“ von Antje Vollmer konnten Staat und Kirche in Tätergemeinschaft das für sie Schlimmste verhindern: Eine Entschädigung der ehemaligen Heimkinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

Aber das Vertuschen hat aufgehört. Die Täter stehen im Rampenlicht – und sie machen durch die Bank eine schlechte Figur.

Im Aufruf des Bayrischen Rundfunks geht es um Kinder als Versuchskaninchen. Schon am Runden Tisch war die Rede von Medikamentengaben, die nichts mit einer Krankheit der Kinder zu tun hatten. Doch wie beim Thema Zwangsarbeit war Frau Vollmer auch dafür taub. Sie schützte die Täter. Nachdem nun Sylvia Wagner mit ihrer Arbeit dieses dunkle Kapitel publiziert hat, http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf liegen auch diese Verbrechen offen zutage. Ich habe hier im Blog bereits im Februar 2016 darüber berichtet. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/ , im September folgte https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/19/kinder-als-versuchskaninchen/ . Der Forschungsbericht von Sylvia Wagner wurde im Juni publiziert.

Am Freitag voriger Woche haben wir Helmut Jacob das letzte Geleit gegeben. Es war ihm sehr wichtig, dass die Verbrechen an den Heimkindern nicht in Vergessenheit geraten.

Ich bitte darum die Leser meines Blogs, den Aufruf des Bayrischen Rundfunks zu verbreiten und alle von den Medikamentenversuchen Betroffenen, von ihren Erfahrungen zu berichten, auch wenn nicht mehr dabei herauskommt, als das alles herauskommt.

Das Geheimnis der Versöhnung heißt …

Ja, was heißt es denn nun? Vor lauter Kranzgebinden ist es nicht zu lesen. [1] Um es nicht span­nend zu machen: Das Geheimnis heißt nicht Entschädigung, sondern Erinnerung. Die ist ja auch nicht falsch, besonders wenn man sieht, wie ein Herr Gauland schlimmste Erinnerungen auszublen­den versucht. [2] Er schließt damit decouvierend den Völkermord an den Juden aus, die mit Recht auf Erinnerung bestehen.[3] Dass die Kranzgebinde unter dem Denkmal der Anstalt Witte­kindshof die „Erinnerung“ blumig verdecken, ist nur scheinbar ein Zufall. Denn: Ist es ein echter Versuch zu erinnern? Oder ein zuviel an Erinnerung? Helmut Jacob sprach einmal von Betroffenheitsgestammel. Das wird dann bei Gedenkgottes­diensten zum Ritual.

Die Wittekindanstalt hatte 2012 schon einmal einen Gedenkgottesdienst gefeiert. Die Predigt ging über ein Wunder.[4] Doch die Heimkinder hatten keine Wunder erlebt, sondern Drangsal in vielerlei Hinsicht. Dies wurde von den Wissenschaftlern Schmuhl/Winkler ordentlich aufgearbeitet und damit Erinnerung möglich gemacht. Wenn die aber schmerzt, muss sie „behandelt“ und entschärft werden. Das tat der Anstaltsleiter in seinem Geleitwort zum Bericht der Wissen­schaftler[5].

So kann die Anstalt mittlerweile auf ihrer Homepage zwar ein Kapitel „Geschichte“ präsentieren, den unseligen Teil dieser Geschichte, der allein der Anstalt anzulasten ist und nicht den Nazis, ganz einfach verschweigen.[6] Ein besonderer Link ist seit 2012 nicht mehr zugänglich: http://www.wittekindshof.de/wittekindshof/der-wittekindshof/aufarbeitung-der-geschichte/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen.html [7] Sieht so Erinnerung aus, die dem Logo der Anstalt gerecht wird: „Diakonische Stiftung Wittekindshof, Menschenwürde gestalten.“?

Im Sonderheft 2 hieß es auf Seite 5:Der Mensch im Mittelpunkt – Mit den von uns vorge­nom­menen Untersuchungen wollten wir nicht in erster Linie die Geschichte der Institution Wittekindshof erforschen. In einem seit 2008 unter Beteiligung eines großen Teiles der Mit­arbeiterschaft vollzogenen Leitbildprozess ist uns deutlich geworden, dass es nicht darum gehen kann, die Institution in den Vordergrund zu stellen – auch nicht bei einem Jubiläum. Nicht zuletzt durch das sorgfältig erarbeitete äußere Erscheinungsbild (Corporate Design) möchten wir zum Ausdruck bringen, dass nach unserem Verständnis die von der Stiftung unterstützten Menschen mit ihren besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten ins Zentrum der Wahrnehmung rücken müssen und die Institution dahinter zurücktreten soll (siehe „Durchblick“ Nr. 2 von 2011). Die Identität des Wittekindshofes besteht nicht darin, was er für sich ist, sondern was er für andere tut.“[8]

Morgen nun ein weiterer Gedenkgottesdienst. »„Der Gedenkgottesdienst ist ein fester Bestand­teil im Wittekindshofer Jahresablauf zum Gedenken an die Opfer der nationalsozia­listischen Mordaktion an kranken und behinderten Menschen, aber auch an alle anderen Personen, die im Wittekindshof Unrecht und Leid erfahren haben“, erklärte Vorstandsspre­cher Pfarrer Dierk Starnitzke, der den Gottesdienst zusammen mit Kirchenmusikerin Conny Stern und dem Oberkurs der Diakonenschule als Gesamtgottesdienst der Kirchengemeinde Volmerdingsen-Wittekindshof vorbereitet hat und gestalten wird. Eingeladen sind alle Gemeindemitglieder und auch diejenigen, die sonst die Gottesdienste in der Dorfkirche besuchen, in der an diesem Sonntag kein Gottesdienst stattfinden wird.“«[9]

Unter der Rubrik „Geschichte“ kommen die Heimkinder der Nachkriegsjahre nicht vor, aber die Opfer aus der Nazi-Zeit: „Ab 1934 werden mit Billigung des Vorstandes Zwangssterilisa­tionen im Krankenhaus Bethanien vorgenommen. Die Tötung von Menschen mit Behinde­rung hingegen wird strikt abgelehnt. 1940 treffen Meldebögen des Reichsinnenministeriums ein, mit denen die Heimbewohner in Heil- und Pflegeanstalten zu erfassen sind. Im Witte­kinds­hof werden sie ausgefüllt, aber nicht abgeschickt. Auf staatliche Anordnung werden im gleichen Jahr sechs jüdische Bewohner verlegt und kurze Zeit später ermordet. Im Juni 1941 unternimmt eine Ärztekommission aus Berlin eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“. Im Wittekindshof leben 1.330 Menschen mit Behinderung. 958 davon werden im Herbst in staatliche „Provinzialanstalten“ verlegt. Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer.“[10]

Man könnte darüber zum Zyniker werden: Dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm fallen etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner des Wittekindshofes zum Opfer. Da hat man die Schuldigen, die man getrost auf der Homepage nennen kann. Die ehemaligen Heimkinder werden ganz nebenbei erwähnt (und die Täter gar nicht). Ihre Beachtung gleicht den Brotsamen, die für sie vom Tisch dieser Anstalt fallen. Für sie wird der Gedenkgottesdienst zur Alibi-Veranstaltung der Anstalt, die sich an ihnen versündigt hat.

Amos 5;21, 23, 24:

Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Als ich 2012 dem Leiter der Anstalt konkrete Vorschläge unterbreitete, was der Wittekindshof für die ehemalige Heimkinder tun könne, brach der Kontakt ab.[11]

Ich hoffe, nun wenigstens einen kleinen Beitrag zur Erinnerung geleistet zu haben.[12]

Fußnoten

[1] Photo und Bericht: http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[2] Alexander Skipis sagte dazu in seiner Rede zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an Asli Erdogan indem er sie zitierte: „Wenn wir aus einer schreierischen Feindseligkeit heraus, die keinerlei Raum für Objektivität und das Hinterfragen von Fakten lässt, in der ,Geschichte‘ nur die Spuren vergangener Größe suchen, mangelt es uns auf entsetzliche Weise an Mitgefühl dafür, was Menschen erlebt und erlitten haben.“ Zitiert nach Alexander Skipis, Wir müssen die Worte am Leben erhalten, Laudatio auf die Schriftstellerin Asli Erdogan zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises, FAZ Sonnabend, 23. September 2017, S. 11, im Netz: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/schriftstellerin-asli-erdogan-erhaelt-remarque-preis-15211659.html

[3] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8235958298/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/10/18/gottesdienst-zum-gedenken-an-die-gewaltopfer/

[5] Ihre „Stellungnahme“ unterscheidet sich in einer Hinsicht positiv vom Geleitwort, denn hier werden in sehr deutlicher Sprache die schlimmen Erlebnisse der ehemaligen Heimkinder an prominenter Stelle genannt. In Ihrem Geleitwort nennen Sie dagegen zunächst die damals allgemein schlimmen Verhältnisse und der Leser fragt sich, wer mehr zu bedauern ist, das Personal oder die Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/sulze/

[6] https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[7] „Die gewünschte Seite konnte nicht gefunden werden oder ist nicht mehr Bestandteil der neuen Website.“

[8] Die Institution ist dermaßen zurückgetreten, dass auch dieser Link nicht mehr funktioniert. Auf Seite 7 hieß es: „Bereits im letzten Jahr wurde eine erste, sehr kritische Studie von Dr. Winkler und Prof. Schmuhl zur Frage der Gewaltanwendung im Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren mit dem Titel „Als wären wir zur Strafe hier“ erstellt. Sie hat solches Interesse erzeugt, dass wir binnen eines Jahres drei Auflagen des Bandes hergestellt haben. Wir hoffen sehr, dass das nun erscheinende Buch zur gesamten Geschichte des Wittekindshofes auf ebenso großes Interesse stößt. Es zeigt nicht nur die kritischen Punkte dieser langen Entwicklung, z. B. in den schwierigen Phasen der beiden Weltkriege. Es würdigt auch die Verdienste des Wittekindshofes und vor allem seiner Mitarbeitenden, die oft unter sehr problematischen Bedingungen arbeiten mussten und darin doch Erhebliches an Unterstützung für die Menschen mit Behinderungen geleistet haben. Ich danke Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler sehr für ihre äußerst interessante und gelungene Erarbeitung dieser hochinteressanten Studie. Sie wurden kompetent begleitet von einem Arbeitskreis mit Dr. Christof Windhorst, dem ehemaligen Stiftungsratsvorsitzenden und profunden Historiker, mit Michael Spehr, dem Archivar des Wittekindshofes, und mir. Gern erinnere ich mich an die intensiven Diskussionen über die Forschungsergebnisse, die uns alle bewegt und nachhaltig beschäftigt haben. Die Verfasser arbeiteten vertrauensvoll und offen mit uns zusammen, waren aber in ihrer Darstellung völlig frei. Ich bin mir sicher, dass das Buch viele interessieren wird und der Diakonischen Stiftung Wittekindshof helfen wird, ihren weiteren Weg zu finden, der ganz entschieden in Richtung Inklusion gehen soll.“

[9] http://www.nw.de/lokal/kreis_minden_luebbecke/bad_oeynhausen/bad_oeynhausen/21925448_Gedenkgottesdienst-fuer-Opfer-von-Gewalt.html

[10] https://www.wittekindshof.de/unternehmen/geschichte/

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/09/fortsetzung-meines-teils-der-korrespondenz/

[12] Auch Helmut Jacob hat der Schwachheit Wittekindscher Erinnerung mit seiner Rezension der Arbeit von Schmuhl/Winkler aufgeholfen: „In dem Geleitwort zum Buch ist kein einziges Mal der Begriff ‚Verbrechen‘ zu finden, obwohl es das pure Grauen und etliche Verbrechen darstellt.“ https://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR14IRR5OXWWI01 Zum Lesen empfohlen.