Dierk Schaefers Blog

Die Vergewaltigung eines Kindes durch den Rechtsstaat

Erinnern Sie sich noch an den Vorfall? „Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?“[1]

Diese Frage hatte ich zwei Tage zuvor per Mail an den Lt. Polizeidirektor Mario Schwan gerichtet.  mail ds.jpg

Heute erhielt ich die Antwort per Mail, die ich, wie angekündigt, hier im Blog veröffentliche: mail pol

Meine Einschätzung: Die Frage in meinem Mail war absichtlich allgemein gestellt. „Es lag keinerlei Gefahr im Verzug vor. Ist – ganz allgemein gefragt, und im Blick auf eventuell kommende Einsätze – die Polizei im Zuge der Amtshilfe verpflichtet, erkennbaren Wider­stand (noch dazu eines Kindes) mit körperlicher Gewalt zu brechen? Kann (ich frage nicht: sollte) der Einsatzbeamte sich in solchen Fällen das Remonstrationsrecht berufen?“

In der Antwort verweist der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan

  1. auf ein laufendes strafrechtliches Ermittlungsverfahren. (Gegen wen, würde ich gern wissen.) Dessen Details jedoch werden durch eine Antwort auf meine generelle Frage nicht beeinflusst.
  2. nimmt er Bezug auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministerien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“. Deswegen also keine Stellungnahme zum Fall Helbra. Doch nach dem konkreten Fall Helbra hatte ich nicht gefragt, sondern eine allgemein-berufsethische Frage gestellt, ob sich ein Beamter im Zuge der Amtshilfe bei einem Einsatz auf das Remonstrationsrecht berufen könne, wenn er nur mit körperlicher Gewalt durchgesetzt werden kann, auch wenn keine „Gefahr im Verzug“ besteht und ein Kind erkennbar Widerstand leistet.

Das Remonstrationsrecht wird zur Pflicht, wenn der Beamte an der Rechtmäßigkeit der geforderten Diensthandlung zweifelt. Dann sind mehrere Phasen vorgesehen, sofern die Anweisung weiterhin aufrecht erhalten bleibt.

  1. Die Remonstration gegenüber dem direkten Vorgesetzten/Anweisungsberechtigten,
  2. die Remonstration beim übernächsten Dienstvorgesetzten. Hat der Beamte damit keinen Erfolg, so hat er der Anweisung zu folgen, ist aber persönlich nicht haftbar zu machen. Es sei denn, die Befolgung der Anweisung wäre eine Verletzung der Menschenwürde.

Der Lt. Polizeidirektor Mario Schwan hätte es sich mit seiner Antwort leicht machen können, wenn er geschrieben hätte, selbstverständlich stehe jedem Beamten das Recht auf Remonstra­tion zu, wenn er die Rechtmäßigkeit einer Anweisung bezweifle. Doch es war ihm wohl zu heikel, überhaupt auf das Thema Remonstration einzugehen. Also der bequeme Hinweis auf ein laufendes Verfahren.

Doch nun zum Fall Helbra: Nach den Medienberichten haben die Beamten gezögert, ange­sichts des Widerstandes des Mädchens mit der Aktion fortzufahren. Erst der Gerichts­vollzie­her habe auf Vollzug bestanden. Sollte dies zutreffen, so kann das Zögern der Polizei­beam­ten als hilfloser Versuch einer Remonstration verstanden werden, hilflos, weil sie in der Hek­tik der Situation den Gerichtsvollzieher nicht nur als legalen Auftraggeber, sondern als Dienst­vorgesetzten gesehen hätten. Doch nur ihm gegenüber wäre die Remonstration richtig adressiert gewesen. So bekam der Dienstvorgesetzte[2] nicht die Gelegenheit, den ungeheuren Imageschaden zu erkennen, der durch ein gewaltsames Vorgehen gegen ein Kind, das sich mit all seinen Kräften wehrt, unfehlbar eintreten muss.[3] Der Dienstvorgesetzte hätte erkannt – erkennen müssen – dass ein solches Vorgehen in der öffentlichen Meinung als herzlos ange­sehen werden würde, und dieses auf die Polizei zurückfällt, nicht auf die grauen Eminenzen im Hintergrund, 1. den Gerichtsvollzieher, 2. – nicht vor Ort – den Familienrichter.

Mir ist der Hinweis auf eine „politische Bearbeitung unter Beteiligung verschiedener Ministe­rien im Landtag des Landes Sachsen-Anhalt“ wichtig, denn eine politische Bewertung von Gewaltmaßnahmen gegen Kinder könnte ein Hoffnungsschimmer sein. Für die Polizei­beam­ten und den Gerichtsvollzieher war offenbar nicht erkennbar, dass auch ein Kind Recht auf Beachtung seiner Menschenwürde hat, die nicht verletzt werden darf. Die Forderung, Kinder­rechte ins Grundgesetz aufzunehmen, stößt bei den Gegnern immer auf das Argument, diese seien durch die allgemeine Menschenwürde-Garantie mit abgedeckt. Das Beispiel von Helbra zeigt das Problematische dieser Meinung. Kinderrechte gehören explizit als Menschenwürde-Anspruch ins Grundgesetz.

Damit dürfte auch der Horizont mancher Familienrechtler erheblich geweitet werden.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/12/die-vergewaltigung-eines-kindes-und-der-rechtsstaat/

[2] Ich nehme an, er war nicht anwesend.

[3] Der dokumentierende Vater war erkennbar und hat sich verbal eingemischt. Hier hätten alle Warnlampen aufblinken müssen.

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Als hätte er’s gekannt: das „Pietisten-Reskript“

Posted in Christentum, Geschichte, Humor, Kirche, Literatur, Moral, Protestantismus, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 6. März 2018

Doch das lokal bedeutsame Schriftstück hat Wilhelm Busch[1] wohl nicht gekannt, denn seine Wege führten nicht ins Schwabenland. Vermutlich aber hätte er, der antiklerikale Künstler, die „Frommen im Ländle“ mit seiner Feder aufgespießt, wie er es besonders mit den Katholiken tat. Mit Petrine und Pauline hat er aber beide Konfessionen durchaus mit seiner Karikatur charakterisiert.Petrine und Pauline.jpg[2]

Doch zum „Pietisten-Reskript“: Es stammt von 1734 und prägt die evangelisch-württembergische Kirche bis heute. „Das Reskript hat dem sich immer weiter ausbreitenden Pietismus ein verantwortliches Eigenleben innerhalb der Kirche ermöglicht und dadurch einer separatistischen Absonderung gewehrt. Der Pietismus bekam offiziell Heimatrecht in der Landeskirche. Er konnte sich fortan mit seinen besonderen Anliegen entfalten und wurde zu einem Element württembergischen Kirchenwesens“. Das Reskript wurde am 22. Dezember 1993 feierlich erneuert. Dieses Element württembergischen Kirchenwesens entfaltet seine besonderen Anliegen in vielfacher Weise. Es dominiert die Landessynode[3]. Bei aller Wertschätzung, die auch ich den Pietisten entgegenbringe, ist diese Dominanz doch zuweilen penetrant, und ich fühlte mich kürzlich mal wieder an eine Zeichengeschichte von Wilhelm Busch erinnert: „Der unverschämte Igel“.Das Pietisten-Reskript und der Igel [4]

Wer jetzt eine Parallelen zur derzeitigen Willkommenskultur sehen will, mag das tun. Doch hier handelt es sich um schwäbische „Allda-Hiesige“, die in besonderer Weise von ihrem Heimatrecht Gebrauch machen und bibeltreu, wie sie nun einmal sind, ihre Synodalmehrheit nutzen. So verhinderten sie am 29. November letzten Jahres die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare[5], von kirchlicherTrauung war nicht einmal die Rede. Es handelt sich um ein Regionalmonopol für den göttlichen Segen. Schließlich steht die Synode mit ihrer Blockade fast allein da: lediglich die evangelischen Kirchen Bayern und Schaumburg-Lippe haben ähnliche Beschlüsse zur Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Paare aus den Gemeinden erlassen[6], alle anderen Kirchen der EKD sind tolerant.

Die Bildergeschichte wird hier nur verkürzt wiedergegeben. Bei Wilhelm Busch endet sie in seiner derb-drastischen Manier. Das will ich den Pietisten nicht wünschen, es wäre auch ein eher illusorischer Ausgang.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch

[2] Aus: Wilhelm Busch, Pater Filuzius. Tante Petrine ist üppig, behäbig und katholisch, Tante Pauline ist mager, spitz und evangelisch. Die Zeichnung diente meinem katholischen Kollegen und mir zur Selbstvorstellung in gemeinsam geleiteten Seminarrunden. Der Witz dabei war eine unsere körperliche Ähnlichkeit mit den Figuren (damals!).

https://de.wikipedia.org/wiki/Pater_Filuzius Mittwoch, 22. Juni 2016

[3] Das ist die gesetzgebende Versammlung der Landeskirche https://www.elk-wue.de/wir/landessynode/

[4] http://www.zeno.org/Literatur/M/Busch,+Wilhelm/Bildergeschichten/Hernach/Der+unversch%C3%A4mte+Igel

[5] https://www.elk-wue.de/pressemitteilung/29112017-landessynode-keine-23-mehrheit-fuer-oeffentliche-segnung-gleichgeschlechtlicher-paare/

[6] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.evangelische-kirche-in-wuerttemberg-glockengelaeut-auch-fuer-homosexuelle-paare-gefordert.68dffb97-45d4-4026-a602-98382bc97eca.html

Deutschland – Rabenvaterland

Kind zu sein kann schwierig sein, geradezu gefährlich, wie man immer wieder liest.

Kürzlich griff die FAZ das Thema sogar auf der ersten Seite auf: „Im Zweifel für das Kindeswohl“:

Dass das eigene Kind einem pädophilen Sexualstraftäter zum Op­fer fallen könnte, ist eine unerträgli­che Vorstellung. Der elterliche Schutz von Kindern ist ein menschlicher Urinstinkt. Der Breisgauer Missbrauchsfall ist deshalb so erschütternd, weil sich der Beschützerinstinkt der Eltern in sein perverses Gegenteil verkehrt hat: Die Mutter des neunjährigen Jun­gen und ihr Lebensgefährte, den das Kind „Papa“ nannte, haben ihm selbst die schlimmsten Qualen zugefügt und dabei zugeschaut, wie andere Pädokriminelle das Kind gegen Bezahlung se­xuell missbraucht haben. Schutzloser kann ein Kind nicht sein. Es wäre hier Aufgabe des Staates ge­wesen, für das Kind da zu sein. Die Be­hörden und Gerichte hätten den Jun­gen in Sicherheit bringen müssen. Zwar schützt das Grundgesetz die Fa­milie als Einheit, der Staat hat sich zu­rückzuhalten. Kinder von ihren Eltern zu trennen, darf nur das letzte Mittel sein – aber es muss auch das letzte Mit­tel sein, wenn Gefahren für das kör­perliche oder seelische Wohl des Kin­des drohen. [1]

Doch was ist los mit diesem Staat? „Den Staat“ gibt es hier nur in seinen pluralen Verpuppungen:

  • Als Gesamtstaat, der sich weigert, Kindern und ihren Rechten einen Platz explizit im Grundgesetz zu gewähren.
  • Als Bundesrat, der im Interesse der Bundesländer die Kosten für Kinder eng begrenzt sehen will, mit Rücksicht auf
  • die Kommunen. Sie müssen schließlich die Sozialkosten tragen, also auch die Kosten für die Jugendhilfe – und sie sperren sich, soweit es geht.

Bei so zersplitterten Zuständigkeiten ist niemand so recht verantwortlich, und wenn es – leider oft genug – schiefläuft, sucht man nach einem Schuldigen. Im Freiburger Fall ist es die Mutter. Für rechtzeitige professionelle Kooperationen vor Ort (Jugendamt, Jugendhilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen, Gericht, Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte) ist man zu bequem, man kennt wohl auch die Fachliteratur nicht. Dabei weiß man sehr gut, dass Eltern nicht nur Schicksal sind, sondern oft auch Schicksalsschläge.

Was das für die Kinder bedeutet, kommt nur als Spitze eines Eisbergs ans Tageslicht.Eisberg

Als ich meine Zusammenfassung „Für eine neue Politik in Kinder- und Jugendlichen-Angelegenheiten“[2] verfasste, war mir die starke Position der Sozialkonzerne, aber auch kleinerer Jugendhilfe-Einrichtungen noch nicht klar: Kinder sind in unserem Land gar nicht vernachlässigt, sie sind ein Geschäftsmodell. Das wurde in der Heimkinderdebatte deutlich, trifft aber auch neuere Jugendhilfemodelle[3], an deren Beispiel deutlich wurde, dass die Jugendhilfe-Marktbetreiber nicht wirksam zu kontrollieren sind, weil sie die „Marktordnung“ maßgeblich bestimmt haben.[4] Marktaufsicht? Weitgehend Fehlanzeige.

Das Thema ist hochkompliziert – und die Politik überfordert. Lediglich die Medien greifen strukturelle Missstände auf, wie oben genannt die FAZ, oder heute die Basler Zeitung mit dem Titel „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“[5]

An die FAZ schrieb ich einen Leserbrief:

Strukturfehler beim Kinderschutz

Wenn „Kindeswohl“ prominent auf der ersten Seite einer seriösen, nicht sensationsgeilen Tageszeitung erscheint, muss es einen gravierenden Grund geben. Es geht nicht um nur einen der vielzuvielen Einzelfälle von Kindesmissbrauch, – misshandlung oder grober Vernachläs­sigung, sondern um strukturelle Fehler, die solche Fälle begünstigen. Der Fall im Breisgau – er ist hier nicht darzustellen – zeigt in besonders eklatanter Weise diese Fehler auf und sie werden von der Autorin auch benannt. Die Gerichte und das zuständige Jugendamt haben mitt­lerweile selbst eine Aufarbeitung an­gekündigt. Das zeigt die Fortschritte in der Fehlerkultur der Justiz, schreibt sie weiter. Ich fürchte, da irrt sie sich. Natürlich mussten die beteiligten Behörden nach diesem grobem Fall so reagieren, aber Zerknirschung oder eine Demutshaltung ist das nicht. Denn die Schuldige steht fest: Die Mutter. In der hatte man sich geradezu kollegial getäuscht.

Ich bin als ehemaliger Tagungsleiter in diesem Themenbereich mit der Materie vertraut. Die Evangelische Akademie Bad Boll hat zusammen mit der Fachhochschule Esslingen ein Curriculum zur Ausbildung von Verfahrensbeiständen, zu Beginn sprach man vom Anwalt des Kindes, entwickelt und trotz vieler Widerstände einige Jahre durchgeführt. Widerstände?

Auf politischer Seite meinte man, eine Ausbildung brauche man dafür nicht. Ehrenamtliche könnten das machen, oder aber Juristen. Die Länder sorgten dafür, dass eine erforderliche Ausbildung nicht ins Gesetz kam. Als die Professionalisierung schließlich nicht mehr aufzuhalten war, setzten sie sich erfolgreich für die pauschalierte Bezahlung der Verfahrensbeistände ein in einer Höhe, zu der professionelle Arbeit nicht zu leisten ist. Damit ist der eine Struktur­fehler benannt: Der Spar-Föderalismus in Kinderschutzbelangen. Ein weites Feld, das hier nicht abgeschritten werden kann.

Der zweite Strukturfehler ist die Bedeutung des Elternrechts. Das ist wirklich hoch zu schätzen, darf aber keine heilige Kuh sein. Eltern sind zwar Schicksal –zuweilen aber Schicksalsschläge. Hier ist das Wächteramt des Staates gefordert. Doch der weigert sich bis heute, Kinderrechte ins Grundgesetz zu schreiben. Die könnten schließlich in Konkurrenz zu den Elternrechten treten.

Der dritte Strukturfehler liegt in der Aus- und Fortbildung der Richter. Siegfried Willutzki, Gründer des Deutschen Familiengerichtstags, hat sich mehrfach auf unseren Tagungen über Kollegen beklagt, die unter Berufung auf ihre Unabhängigkeit Fortbildung verweigern. Familienrichter stehen in der Bedeutung innerhalb des Justizsystems ohnehin nicht an herausragender Stelle. Die Funktion wird zuweilen einem Berufsanfänger aufgedrückt, der froh sein kann, wenn er vom jeweiligen Jugendamtsleiter in die Materie eingeführt wird, denn Familienrecht hatte er an der Universität links liegen lassen. In unseren Kursen zum Anwalt des Kindes fiel allen Beteiligten immer wieder die große Differenz im Denken von Juristen und Sozialpädagogen auf. Da kamen verschiedene Welten zusammen. Einig war man sich, dass ein solcher Kurs nicht nur für angehende Verfahrensbeistände, sondern auch für jeden Familienrichter unabdingbar sein sollte. Doch es geht ja nur um „Familie und das ganze Gedöns“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man für ein großes Konkursverfahren einen Richter bestellt, der von Ökonomie keine Ahnung hat.

Kinderbelange haben in unserem Land keine Priorität, also auch nicht bei Politikern. Erst wenn etwas passiert, merkt man auf. Mehr passiert aber auch nicht.

Deutschland – ein Rabenvaterland.

 

Der im Leserbrief genannte Siegfried Willutzki gab vor wenigen Tagen ein Interview[6]. Doch ich fürchte, auch das Interview eines versierten, renommierten Fachmannes wird die Politiker nicht zu wirklichen Reformen motivieren. Die produzieren lieber ideologisch geprägte Schulversuche (zulasten der Kinder) oder propagieren „Inklusion“, für die sie aber möglichst kein Geld ausgeben wollen (zulasten der Kinder).

Als ich diese Graphik zusammenstellte, standen Misshandlung und Missbrauch noch nicht so im Focus. Doch die Zusammenhänge werden deutlich.

der wert von kindern

Fußnoten

[1] von Helene Bubrowski, FAZ, Dienstag, 23. Januar 2018, S. 1

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/11/fc3bcr-eine-neue-politik.pdf

[3] https://www.shz.de/regionales/schleswig-holstein/politik/friesenhof-skandal-so-wehren-sich-betreiber-gegen-eine-kinderheim-reform-id10039671.html

[4] Die Zahnlosigkeit der Gesetze zum Recht von Schutzbefohlen, 24. Juni 2015, https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[5] „Das grosse Geschäft mit dem Kindswohl“ Wie private Sozialfirmen mit Steuergeldern und ohne Erfolgskontrolle wirtschaften. Die Zahl der Personen, die im Sozialwesen tätig sind, hat sich seit 1991 verdoppelt. https://bazonline.ch/schweiz/standard/das-grosse-geschaeft-mit-dem-kindswohl/story/27864419

[6] https://www.swr.de/swraktuell/bw/suedbaden/interview-mit-familienrechtler-willutzki-voellig-unangemessen/-/id=1552/did=21064478/nid=1552/1p45kyw/index.html

Weihnachtslieder in einem Land „religiöser Ahnungslosigkeit“

Posted in Christentum, Deutschland, Geschichte, Kirche, Kultur, Leben, Medien, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 20. Dezember 2017

„Das Christentum ist weitgehend zur Folklore verkümmert. Nur noch eine Minderheit der deutschen und westeuro­pä­ischen Christen weiß, warum Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten gefeiert werden und was der Advent – außer dem Adventskranz – bedeutet. Es herrscht religiöse Ahnungslo­sig­keit“schreibt Michael Wolffsohn, deutsch-israelischer Historiker und Publizist am 5. Dezember.[1]

Meine Aufmerksamkeit war geschärft durch die häufige Erwähnung unserer großen Distanz zur noch mittelalterlichen Vorstellungswelt Luthers. Den hatte die Frage nach dem gnädigen Gott umgetrieben, wie es beim diesjährigen Reformationsgedenken ganz richtig herausgestellt wurde. Doch ohne die Furcht vorm Fegefeuer und dem Jüngsten Gericht verliert die Frage ihre Brisanz und ein Gott wird nicht mehr geglaubt, der wie ein deus ex machina, als Akteur ins Weltgeschehen wun­der­haft eingreift. »Vor der Moderne beziehungsweise Säkularisierung fragten die vom Leid betroffenen Menschen: „Weshalb hat Gott das zugelassen?“ Seit der Säkulari­sie­rung fragen sie: „Wo war, wo ist Gott?“, und „wissen“ sogleich die Antwort: „Es gibt ihn nicht“, oder „Gott ist tot“.«[2]

Doch in den Weihnachtsliedern ist dieser Gott präsent. Lassen wir mal den kitschigen Teil beiseite, wo das „Christkindlein“ brav-reflexhaft[3] auf den Klang der Glocken reagiert: “tut sich vom Himmel dann schwingen eilig hernieder zur Erd’“. Nein, ich denke an die dogma­tisch korrekten Lieder. Wer außer den Theologen versteht denn noch, was da gesungen bzw. in den Kaufhäusern abgedudelt wird? „Welt war verloren, Christ ward geboren“. Und dann die ganze Herrschaftsmetaphorik: „Der Herr der Herrlichkeit“, „O, lasset uns anbeten, den Kööööönig“. Ist da vom Gott-König Bhumibol die Rede? „Er ging aus der Kammer sein“; ein Kammerherr? in seiner Präexistenz? Nein, aus „dem königlichen Saal so rein“ – „uns allen zu Frommen“, was ist denn das nun wieder? Das Schiff, das da „geladen“kommt, erklärt immer­hin, was da geladen ist, doch dann soll man „sterben und geistlich auferstehn“, was heißt denn das? „O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei“; äh? „Dein Zion streut dir Pal­men und grüne Zweige hin“, da muss man ja Gedankensprünge machen, selbst wenn man bei Matthäus 21,8 nachgeschlagen hat. „Tochter Zion“; ja, das singt man so, doch wer ist diese Tochter? Die Jungfrau, die „durch den Dornwald“ ging? Lauter Fragen. „Von Jesse kam die Art“; Jesses, ich versteh’s nicht; ist das Jesus? „Ich lag in tiefster Todesnacht“, na ja, so stressig ist Weihnachten dann doch nicht. „Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen“, soll’n sie ruhig. Das Bild vom „Vater im Himmel“ wird ja immer­hin kompensiert durch die „Gottesgebärerin“, doch welche Rollenaufteilung?! Was sagt Frau Schwarzer dazu?

Warum singen die Leute Texte, die sie nicht verstehen, die nach ihrer Logik „Un-Sinn“ sind? Hat es zu tun mit den kitschigen Engeln? Sie sind „hereingetreten, kein Auge hat sie kommen sehn, sie gehn zum Weihnachstisch und beten, und wenden wieder sich und gehn“. Da werden Kindheitserinnerungen wachgerufen, Baum und Gabentisch bekommen göttliche Weihe – dann gehen die Engel wieder und wir können endlich die Geschenke auspacken. Aber „Gottes Segen bleibt zurück“.

posaunenengel.jpgDa wurde Gott Mensch – wurde ein Mensch Gott. Wen inter­essiert das noch außer den Theologen und einigen „religiös-Musikali­schen“?

Bleibt nur die Hoffnung auf den Heiligen Geist, den Geist, der unab­hängig von wandelbaren Geschichten und Gottesbildern, uns den Frieden nicht aus den Augen verlieren lässt.

 

Fußnoten

[1] Michael Wolffsohn, Im Land herrscht „religiöse Ahnungslosigkeit“, http://www.schwaebische.de/politik/inland_artikel,-Im-Land-herrscht-%E2%80%9Ereligioese-Ahnungslosigkeit%E2%80%9C-_arid,10780096.html
[2] s. Wolffsohn.
[3] gleich einem Pawlow’schen Hund

Twitterkultur – Keine Diskussion über #Inklusion

Posted in Gesellschaft, Kinder, Kinderrechte, Kindeswohl, Kultur, Leben, Medien, News, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 13. Oktober 2017

Heute, 13.10.2017 13:44 habe ich die Twitter-Mitteilungen 10-17 dokumentiert, die mich über mein Twitterkonto erreicht haben. Lediglich zwei Großaufnahmen von Herrn Trump habe ich aus Platzgründen gelöscht, auch leere Aufzählungszeichen. Eine Zensur fand nicht statt.

Die Datei „Mitteilungen“ bei Twitter weist nicht meine Antworten aus, die ich auf einige der Tweeds gegeben habe. Wer sich die Mühe machen will, kann die aber in meiner Timeline nachlesen. Eigentlich sollte man auf Mitteilungen dieser Art nicht antworten, jedenfalls kein zweites Mal, möchte aber nicht nachgesagt bekommen, man kneife. Doch wenn man ohnehin unter der Gürtellinie angegriffen wird, macht dieser Vorwurf auch nichts mehr aus.

Die meisten Mitteilungen beschäftigen sich mit dem Thema „Inklusion“, zu dem ich zuletzt einen Beitrag auf meinem Blog geschrieben habe, der im Wesentlichen einen Zeitungsartikel wiedergab. Inklusion und der ideologische Mainstream https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/10/05/inklusion-und-der-ideologische-main%c2%adstream/ Die Kommentarfunktion wurde nicht wahrgenommen. Dort gab es auch Links zu älteren Artikeln über Inklusion, z.B. Inklusion macht Kinder zu Verlierern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/07/kinderrechte-inklusion-macht-kinder-zu-verlierern/ Hier gab es zwar Kommentare, doch die waren eher geeignet, die Inklusionsideologen zu verärgern.

Ähnlich wie schon in einem anderen Artikel beschrieben (https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/18/die-methodische-zurichtung-des-menschen/ ) hatte auch diesmal „jemand dieser namhaften Twitterer in meinem Profil gesehen …, dass ich – nicht nur, aber auch – Pfarrer bin. Also spielte diese Dame mein Christsein gegen mich aus mit der Behauptung, ich hätte es vor mir hergetragen. Mein Twitter-Profil weist mich aus als „Psychologe/Kriminologe/Theologe | Pfarrer iR. | Blogger https://dierkschaefer.wordpress.com/ : | Kinderrechtspreis 2009 | Psychologische Praxis | Gutachtenerstellung“. Man beachte die Reihenfolge. Doch der Vorwurf „Christ“ verbunden mit dem der Diskriminierung machte Schule. Andere folgten. Ich will das ja nicht gleich Shitstorm nennen, aber unter der Gürtellinie ist das schon.

Die Mitteilungen und Retweets gehen nicht auf die in meinem Artikel genannten Fälle ein, sondern fordern pauschal die Inklusion aller irgendwie behinderten Schüler. Es wird keine Rücksicht auf die Art der Behinderung genommen, keine Rücksicht auf die Auswirkungen auf nicht-behinderte Schüler. Nur am Rande wird auf die fehlenden personellen wie wirtschaft­lichen Ressourcen für Inklusion in Regelklassen angesprochen. Ein Tweed hat sogar die Ursache ausgemacht: Die noch bestehenden Förderschulen blockieren die Mittel für die Inklusion in Regelklassen.

Mein Fazit: Twitter eignet sich wegen der Beschränkung auf 140 Zeichen nicht unbedingt als sachliche Diskussionsplattform. Selbst einen eigenen Blog im Hintergrund nutzen manche Zeitgenossen nicht, um differenziert auf Sachprobleme einzugehen. So stellte eine Bloggerin ihren persönlichen Fall von Inklusion offenbar als Blaupause für Inklusion überhaupt dar.

„Manche Leute haben es nicht weit, bis zu ihrem Horizont“, sagte einmal ein Oberkirchenrat, doch der ist qua Beruf und Christ ohnehin indiskutabel.

Also ein anderes Beispiel zum Schluss. Ich kann allerdings die Quelle nicht belegen. Im Lernversuch hatte man einer Ratte beigebracht, wie sie Elektroschocks abstellen kann, nämlich durch Druck auf einen Hebel in ihrem Käfig. (Ich will jetzt keine Diskussion über Tierversuche eröffnen.) In Erwartung der Schocks hielt sich die Ratte besser gleich in der Nähe des Hebels auf. Sie hatte gelernt. Dann setzte man ihr eine zweite Ratte in den Käfig. Als der Schock kam, vergaß sie, was sie gelernt hatte, und fiel stattdessen über die Kollegin her. Wer’s lieber literarisch mag lese von Alfred Andersch in seinem Roman „Die Rote“ (München 1964, S. 37-44): „Grausiges Erlebnis eines venezianischen Ofensetzers.“ Dort wird angesichts mangelnder Vernunft sogar Zweifel an Gottes guter Ordnung geäußert, was die Religionskritiker meines Publikums besänftigen mag.

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit.

Ich glaubte ebenfalls an eine bessere Zukunft, als die mir von meinem Vater zugedachte, biss also in den sauren Apfel, setzte mich am folgenden Montag in aller Herrgottsfrühe zu meinem Vater aufs Motorrad und fuhr mit ihm zum Arbeitsamt nach Stade. Damals war so ein Arbeitsamt noch ganz anders strukturiert. Wir gingen einen langen Gang entlang (daran jedenfalls hat sich nichts geändert) und hielten vor einer Türe neben der ein Schild angebracht war, worauf stand, dass sich hier Bewerber für die Land und Forstwirtschaft melden könnten.

Dem zuständigen Sachbearbeiter konnte ich ansehen, dass er ein wenig irritiert war, als mein Vater ihm vortrug, dass er für seinen Sohn eine Stelle als Knecht bei einem Bauern suche. Mit Kennerblick hatte der Vermittler sofort erkannt, dass dieses Vorhaben meines Vaters seinen Sohn loszuwerden auf Probleme stoßen könnte. Sodann erklärte dieser mei­nem Vater die Tarifsituation für diese Branche.

Laut Tarif konnte er vom Bauern neben freier Kost und Logis DM 40 für mich verlangen. Vorsichtshalber, wahrscheinlich wissend, dass nicht gerade viele Bauern erpicht darauf waren so einen kleinen Wicht wie mich in ihre Dienste zu nehmen, gab er meinem Vater gleich vier Adressen von Landwirten, die Bedarf an einem Landwirtschaftsgehilfen ange­meldet hatten. Mit seinem Weitblick hatte der AA Angestellte genau richtig gelegen. Kaum hatte mein Vater bei dem jeweiligen Bauern gesagt, woher und warum wir bei ihm vor­spra­chen, zeigten die auf einmal, nach einem einzigen Kennerblick auf meine mickrige Person, gar kein Interesse mehr daran, jemanden einstellen zu wollen. Irgendwie kam meinem Vater die Erleuchtung, woran es wohl liegen mochte, dass plötzlich kein Interesse mehr vorlag, einen neuen Knecht einzustellen.

Wie Sauerbier angeboten

Bei der vierten und letzten Adresse mussten wir laut Auskunft der Bäuerin noch kilometer­weit aufs Feld fahren, um dem Herrn des Hofes selbst die Entscheidung zu überlassen. Es hatte dann gleich mehrere Gründe, warum ausgerechnet die letzte Adresse ein Volltreffer für meinen Vater wurde. Zum einen bot er mich wie Sauerbier an. Mein Vater meinte nämlich, dass für mich 20 Mark im Monat neben der freien Kost und Logis im ersten Jahr ausreichen würden. Das war für den Bauern natürlich ein gutes Argument. Zum anderen, wie ich sehr schnell selbst erfahren sollte, war er als Leuteschinder verrufen. So etwas sprach sich bei den stellen­wech­seln­den Knechten in weitem Umkreis schnell herum. Und da gerade die zweite Heuernte sowie die Kartoffellese im vollen Gange waren, ließ dieser sich breitschlagen, mich in seine Dienste zu nehmen.

Bildete ich mir das bloß ein oder hörte ich tatsächlich einen Riesenbrocken von Stein von meinem Vater abfallen? Schon am Sonntag schien mein Vater sich sicher zu sein, mich bei einem Bauern abschieben zu können. Dem einzigen Dorfkrämerladen, wo man außer Lebens­mittel auch über eine Nähnadel bis hin zum Anzug alles erstehen konnte, kaufte er mir für meinen Start ins Berufsleben drei buntkarierte Hemden, wie sie derzeit in Mode waren. Vor allem bei den Knechten. Des Weiteren eine braune Cordhose nebst einer Schlosserjacke und ein paar Gummistiefel. Die Gummistiefel waren unerlässlich. Musste man doch Kuh und Schweineställe ausmisten. Für meine Freizeit bekam ich noch eine blaue Manchesterjacke und eine blaue Stoffhose. Die Stoffhose war derart gestaltet, dass man unten am Bund ein Band hatte, womit man diese fahrradgerecht zusammenziehen konnte. Aber auch als chicke Ausgehhose war sie geeignet. Mit zwei Druckknöpfen konnte man sehr schnell eine Umschlaghose daraus gestalten. Socken und Unterwäsche bekam ich aus seinen Beständen. Für alles zusammen zahlte er genau 126 Mark.

„Du kannst mir ja die Ausgaben nach und nach zurück­zahlen!“

Als er mich am Dienstag bei dem Bauern ablieferte und sich von mir verabschiedete, mir den Asbach-Uralt-Koffer mit den neuen Sachen in die Hand drückte, meinte er: „So jetzt wirst du dein eige­nes Geld verdienen. Kannst mir ja die Ausgaben vom Sonntag nach und nach zurück­zahlen!“ Nachdem er Abseits noch eine Weile geredet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Du wirst nun jeden zweiten Sonntag deinen freien Tag haben. Du kannst dann gerne zu uns nach Ahlerstedt kommen, weil ich dann ja auch zu Hause sein werde!“ Ich bekam eine Dachkammer zugewiesen, in der sich neben meinem Bett noch so einiges altes Pferdegeschirr und anderer Plunder befand. Toll! Das Plumpsklo, mit ausge­sägtem Herzchen versteht sich, befand sich ca. 30 Meter vom Haus entfernt. Tagsüber fand ich vor lauter Eingespanntsein im Arbeitsprozess kaum Zeit, mein großes Geschäft zu erledigen. Hörte oder sah man mich nicht bei der Arbeit, einschließlich des Vaters und der Mutter des Bauern, die sich allerdings schon auf dem Altenteil befanden, rief man auch schon laut nach mir. Deshalb überkam es mich fast immer des Nachts, dass sich mein Darm zu ent­leeren wünschte. Nach ein paar Tagen schon bekam ich am Frühstückstisch zu hören, wohin es mich denn des nachts immer treiben würde. Regelmäßig verrieten mich die knarrenden Holztreppen, wenn ich mich auf den langen Weg machte. Das Bauernpaar fühlte sich in der Nachtruhe gestört. Schließlich musste ich an ihrem Schlafzimmer vorbei. Auch dort knarrten die Holzdielen. Also was tun um die Herrschaften nicht im Schlaf zu stören? Ich nahm mir alte Zeitungen mit aufs „Zimmer“ und schmiss eben meine Scheiße im hohen Bogen aus dem Fenster. Aber auch darüber regten sie sich fürchterlich auf. Hin und wieder ging der Alt­bauer mit seinem Rechen durch den Vorgarten und fand den „Salat“, den ich nicht weit genug bis aufs nächste Feld geworfen hatte. Dass ich schon in jungen Jahren Hämor­rho­iden am Arsch hatte, liegt wohl daran das ich mir dort monatelang mit der Drucker­schwärze mit Bleigehalt den Hintern abwischen musste. Denn als Toilettenpapier hing im besagten „Häuschen“ immer nur zerschnittenes Zeitungspapier.

Mein Tag sah in der Folgezeit so aus: Bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad manchmal kilo­meterweit auf die Weide fahren. Rechts und links am Lenker eine 20 Liter Milchkanne. Auf dem Rückweg waren sie natürlich voll. Während der Bauer gleich mit dem Melken begann, reinigte ich zuerst den Wassertrog, um dann mit der Handpumpe wieder Wasser aufzufüllen. Danach schaffte ich noch ein bis zwei Kühe zu melken. Erst nach dieser Tätig­keit gab es das erste Frühstück. Schweine füttern war angesagt, bevor wir zur Heuernte rausfuhren.

Mir tun noch heutzutage sämtliche Knochen weh, wenn ich nur daran denke was für Arbei­ten damals noch angesagt waren. Es gab ja bei weitem noch nicht die Maschinen, die heute einem Landwirt zur Verfügung stehen. Was ein Bauer damals mit mehreren Knechten und Mägden schaffte, macht er heute Dank seines Maschinenparks spielend alleine. Ja, natürlich mussten die Kühe auch am Sonntag gemolken werden. Morgens und abends. Und wenn das Wetter danach war, fuhr man anschließend noch ins Heu oder rutschte auf den Knien auf dem Kartoffelacker entlang, um die Knollen in einen Drahtkorb zu sam­meln. Mein eigentlich freier Sonntag, alle 14 Tage wie vom Vater ausgehandelt, bestand darin, dass ich natürlich erst noch die Kühe mit melken musste, danach Schweine­ställe ausmisten. Und da gerade die Äpfel reif waren, musste ich schnell noch das Fallobst im riesigen Garten aufsammeln und natürlich den kopfsteingepflasterten Hof mit einem selbst­gebauten Reisigbesen blitzblank fegen. Dann durfte ich endlich das betriebseigene Fahr­rad (Vorkriegsmodel) dazu benutzen, um die 12 Kilometer zu meinem Vater zurücklegen zu können.

Mein fürsorglicher Vater: „Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“

Das Gute an dem sonntäglichem Mittagessen bei der neuen Familie meines Vaters war, dass es immer Fleisch gab. Das Beste allerdings, die vorher nie gekannte Götterspeise mit Vanillesoße. Vollgepropft mit den leckeren Sachen meiner Stiefmutter saßen wir dann noch etwa bis zu zwei Stunden draußen im Garten. Dann gab es noch Kuchen und Kakao. Und schon hieß es von Vaters Seite: „So mein Junge, du machst dich jetzt besser auf den Weg. Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“ Mein Vater machte nicht den Eindruck, als würde er Widerspruch dulden. Und der Bauer? Der nahm es ohne ein Dankeswort als selbstverständlich hin, dass ich auch meinem freien Sonntag zum Melken antanzte.

Ein einziges persönliches Vergnügen gönnte ich mir während der drei Monate, wo ich in sei­nen Diensten stand. Abgesehen davon, dass ich mir jeden Tag für 10 Pfennige eine Fünfer­packung Storck Riesen gönnte, durfte ich mir aus dem überall auf dem Hofgelände verstreute alte Fahrradteile zusammensuchen. Mit Traktoröl und Benzin entfernte ich den Vorkriegsrost, kaufte mir von dem Taschengeld (den vollen Lohn bekam ich nie) eine Lampe und Farbe fürs Fahrrad. An einem Sonntag fuhr ich in das drei Kilometer entfernte Kutenholz. Ein etwas größeres Dorf, wo in einer Scheune Filme vorgeführt wurden. Ich wusste das Kinder bis 14 nur den halben Preis zahlten. Also machte ich einen auf jung. Ich zog meine kurze Hose an, mit der ich aus dem Osten getürmt war. Dazu ein Nickihemd und Söckchen. Keiner zweifelte an, dass ich noch unter 14 sei. Ich bekam anstandslos eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und wurde auch damit eingelassen. Von der eingesparten ande­ren Hälfte leistete ich mir für 40 Pfennig noch ein Domino-Eis. Mein erster Film im Westen. Welcher Film war eigentlich ganz egal. Nur werde ich dieses Ereignis natürlich nie vergessen. Ebenso wenig den Titel. „Mädchenjahre einer jungen Königin“ mit Romy Schneider.[1]

Kaum ein Muskel, den ich nicht schmerzhaft verspürte, wenn ich mich abends, kurz nach Sonnenuntergang, ins Bett legte. Oft genug verfluchte ich den Tag, an dem es mir nun doch gelungen war in den „Goldenen Westen“ zu gelangen. Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit. Schon Ende Oktober brannte bei mir eine Sicherung durch. Bei allen guten Vorsätzen, dem Vater ein guter, gehorsamer Sohn zu sein, den er lieben konnte, konnte ich es nicht mehr aushalten. Nicht die schwere Arbeit an sich und die langen Arbeitszeiten waren es. Vielmehr die Ungerechtigkeit, die mir zuteil wurde.

Da hatte ich auch schon mein Arbeits­verhältnis auf diesem Hof gekündigt.

In der Scheune wurde eine Leihdreschmaschine aufgebaut. Angetrieben wurde das Ungetüm mit einem meterlangen Keilriemen, der wiederum vom hofeigenen Trecker mit einem Schwungrad angetrieben wurde. Die im Sommer mühsam aufgeschichteten Korn­bündel wurden nun auf die Maschine geworfen. Der kräftig gebaute Bauer stand auf der Dreschmaschine, zerschnitt mit einem Ratsch den Bindfaden, und lockerte das Bündel selbst etwas auf, damit alles schön gleichmäßig in die Walze gleiten konnte. Eine ver­gleichs­weise Kinderarbeit im Gegensatz zu dem, was er an diesem besagten Tag von mir verlangte. Er selbst stand oben auf dem Garbenstapel, warf die Bündel zu seinem Vater herunter, der diesmal das Einführen der Garben in die Maschine übernommen hatte. Ich dagegen sollte die fast zwei Zentner schweren, mit Korn gefüllten Säcke zu einem Anhän­ger schleppen. Ich, der ich selbst mal kaum einen Zentner wog. Es kam wie es kommen musste. Kaum hatte ich, meinen guten Willen zeigend, den ersten Sack geschultert, da torkelte ich auch schon mit dem Sack los. Ich kam gerade mal drei bis vier Schritte weit, da stürzte ich auch schon lang hin. Der Sack war noch nicht einmal zugebunden. So ergoss sich das Korn auf den betonierten Scheunenboden. Während ich mich aufzu­rappeln versuchte, hörte ich hinter mir den Altbauern wütend brüllen und dann schlug auch schon neben meinen Ohren die zweizinkige Forke auf dem Beton auf, die er nach mir geworfen hatte. Einer der dabei aufstiebenden Funken traf auch noch meine Wange. In diesem Augenblick hatte ich auch schon mein Arbeitsverhältnis auf diesem Hof gekündigt. Vorerst allerdings nur für mich im Stillen. Konnte ich doch nicht so ohne weiteres abhauen. Ich hatte bisher keinerlei Papiere und auch nur noch 1 Mark 40 in der Tasche. Ich wartete den kommenden Sonntag ab. Schon am Samstag versteckte ich meinen Pappkoffer einem Gebüsch an der Gartengrenze. Nach meinen üblichen Sonntagsarbeiten bat ich den Bau­ern um 5 Mark von meinem Lohn. Meiner Rechnung nach hatte ich noch ein Gut­ha­ben von 38 Mark bei ihm. Er gab mir vier Mark. Mehr hatte er nicht im Portemonnaie. Mit der Frage, was ich bloß immer mit meinem Geld machen würde, trennte er sich von den paar Kröten. Nachdem er durch mein Verschwinden eine ansonsten willige Arbeitskraft verloren hatte, behauptete er meinem Vater gegenüber, ich hätte ihm vom Küchenschrank 40 Mark geklaut. Und das hat mein Vater bis zu seinem Tode auch geglaubt.

… und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter

Ich glaube dagegen, dass der Bauer niemals auch nur annähernd soviel Geld im Hause hatte. Selbst der rollende Kaufmann, der über die Dörfer fuhr bekam nie bares. Ich konnte beobachten, dass er einmal im Monat diesem einen Scheck gab. Als ich von dieser infa­men Lüge erfuhr, hätte ich ihm am liebsten seinen Hof abgefackelt. Doch dann habe ich mir überlegt, dass er dabei höchstens noch seinen Reibach machen würde durch die Ver­sicherungssumme. So befestigte ich dann am Sonntag mit geklautem Bindfaden mei­nen Pappkoffer auf dem Gepäckträger meines selbst zusammengebasteltes uralt-Fahrrads und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter nach Hannover. Dorthin hatte es sie ver­schla­gen, nachdem der Platz bei ihrer Schwester noch weniger wurde. Denn diese erwartete mit ihren 49 Jahren noch einmal ein Baby.

In etwa kannte ich die Richtung, wo es nach Hannover ging. Dabei musste ich auch noch quer durch das Dorf, in dem mein Vater wohnte. Weder jemand aus der Sippe meiner Tante, noch derer, die jetzt zu meinem Vater gehörten, trieben sich an diesem Sonntag auf der Straße herum. So konnte ich meine Fahrt unerkannt und ohne irgendwelche erfunde­nen Ausreden fortsetzen.

Bisher kannte ich Hannover nur insofern, dass wir bei unserer Einreise in die BRD in Han­no­ver umsteigen mussten. In Hamburg mussten wir wieder umsteigen. Ganz schön über­müdet standen wir dann knapp 24 Stunden, nachdem wir unsere Wohnung in Leipzig ver­lassen hatten, in der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwänze bellen sollten[2] wieder auf einem Bahnsteig und warteten auf den Schienenbus, der uns nach Harsefeld bringen sollte. Mutter und Willy kannten ja diese Reiseroute bereits von den vorherigen Fahrten. Mir kam sie endlos vor. Nach Harsefeld ging es ja noch auf Schienen vorwärts. Dann aber hatten wir noch einige Kilometer Fußmarsch vor uns. Wie schon erwähnt erreichte am Samstag gegen 14 Uhr der letzte Bus das Kuhkaff Ahlerstedt. Kurz vor dem Mittagessen überraschten wir dann meine Tante mit unserem Erscheinen. Die Wegstrecke nach Hannover, die ich mit meinem Fahrradesel bewäl­ti­gen wollte, kannte ich nur ungefähr. Ich hatte mir die größeren Ortschaf­ten gemerkt nach denen ich mich richten wollte. Zeven, Rotenburg/­Wümme, Visselhövede……. [3] ahlerstedt-hannoverWas wusste ich schon davon, dass es da eine Bundes­straße 3 gab, nach der ich mich hätte richten können.

Als wollte der liebe Gott mich zur Besinnung rufen, mir einen Fingerzeig geben, dass ich wieder umkehren sollte, ließ er zunächst alle paar Kilometer meine Fahrradkette abspringen. Und, die Abstände, wo sich dieses Malheur wiederholte, wurden immer kürzer. Heute, mit 86 wüsste ich, wie ich dieses Problem hätte beheben können. Theoretisch zumindest. Damals jedoch plagte ich mich alle paar hundert Meter damit herum, die Kette wieder auf den Zahnkranz zu bekommen.

Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte.

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon wieviele Kilometer Hannover von Klein Aspe ent­fernt war. Später, diese Strecke mit dem Auto abgefahren, waren knapp 200 Kilometer auf meinem Tacho. In meinem 14jährigen Dummkopf zu damaliger Zeit hatte ich geglaubt, mit einer Übernachtung in irgendeiner Scheune auszukommen. Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte. Schuld daran war mein ver­ma­le­deites Fahrrad. Irgendwo zwischen Visselhövede und Walsrode ging gar nichts mehr. Meine heimlich eingepackten zwei Schnitten Brot und die paar Äpfel hatte ich längst ver­zehrt. Abgesehen von dem aufkommenden Hunger begann sich der Oktoberabend anzu­zeigen. So kam es mir sehr zupass, dass mir im nächsten Dorf ein Schild ins Auge fiel, worauf zu lesen war, dass hier eine Dorfschmiede war und auch Trecker sowie Fahrrad­handel betrieben wurde. Der Händlername deckte sich mit dem Namen am Türschild im Nebenhaus. So suchte ich dort um Hilfe nach. Obwohl Sonntagabend hörte sich der Mann, der die Türe öffnete, mein Begehren an. Nachdem er sich angehört hatte, was meine Reise behinderte, bat er mich in die Wohnung. Dort musste ich dann schon etwas weiter ausholen. Der versammelten Familie das Wie und Warum erklären.

Um es abzukürzen: eine knappe halbe Stunde später hatte ich schon wieder einen neuen Job. Der Dorfschmied hatte seinen Jüngsten schräg gegenüber zu einem Bauern geschickt. Mit dem Bauern im Schlepptau kam er wieder zurück. Ein paar Minuten später war ich bei dem als Knecht eingestellt. Da ich schon etwas bei seinem Vorgänger von der Landwirt­schaft gelernt hatte, ich also kein blutiger Anfänger mehr war, ich mich außerdem um ein Jahr älter gemacht hatte (Papiere hatte ich ohnehin keine) wurde ich mit einem Monats­verdienst von 40 Mark plus freie Kost und Logis eingestellt.

Ich bekam auch hier wieder eine Dachkammer zugewiesen. Allerdings etwas freundlicher eingerichtet als die vorige, mit Toilette im Haus. Auch brauchte ich mich hier nicht mehr mit demnachkriegsgeld Schlauch zu duschen, wo eigentlich täglich die Milchkannen ausgesetzt wurden. Ist der Name: Auf der Heide, eigentlich adelig? Während ich mich gar nicht mehr an den Ortsnamen erinnern kann, wo ich die folgenden vier Monate mein Leben mit Schwerst­ar­beit fristete, ist mir dieser Name meines Brötchengebers im Gedächtnis haften geblieben. Ohne darum nachfragen zu müssen, bekam ich hier an dem Tag, wo ich einen Monat bei ihm war, meinen vereinbarten Lohn ausge­zahlt. Ein Faible von ihm war mir jedes Mal 20 Zweimarkscheine[4] auf den Tisch zu zählen.

Der Schwerpunkt meines ersten Bauern sein Geld zu verdienen, war die Milchwirtschaft und der Kartoffelanbau, während auf der Heide intensive Schweinezucht betrieben wurde und man dazu noch im Winter mit Rückepferden[5] in den Wald fuhr. Dazu aber nahm er nur seinen ältesten Sohn mit, während der 19jährige mit mir den Hof schmeißen musste. Wer jetzt glaubt, im Winter gäbe es in der Landwirtschaft nichts zu tun, der irrt gewaltig! Im Gegensatz zu heute, wo es für alle Viecher Fertigfutter gibt, wurde damals noch alles per Handarbeit zubereitet. Während der Weidezeit versorgten sich ja die Kühe selbst. Aber im Winter mussten sie gefüttert und ausgemistet werden. Die riesige Schweinezucht brachte viel Knochenarbeit mit sich. Dafür aber konnte ich auf diesem Hof jede Woche einmal richtig baden. Dazu brauchte ich nur den großen Kessel gründlich zu reinigen, in dem ich sonst immer das Schweinefutter kochte, mit einem Schlauch Wasser hineinlaufen lassen, und den Ofen anzuheizen, und schon konnte ich ein warmes Vollbad nehmen. So komfor­tabel hatte ich vorher noch nie gebadet. In Ostpreußen, gab es im Sommer immer genü­gend Bäche oder kleine Flüsschen zum Baden. Im Winter trieb unsere Mutter uns in den Schnee hinaus, worin wir uns ausgiebig wälzten. Danach rubbelte sie uns mit einem sau­beren Kartoffelsack wieder warm. Vor allem waren wir danach auch immer rot wie ein gekochter Krebs.

Im Januar 1956 bekam ich zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht. Hatte sich die Familie selbst zum Weihnachtsgeschenk gemacht. Da ich immer ins Wohnzimmer gebeten wurde, wenn Lohntag, war sah ich eben diesen Fernseher.

An den Wochenenden wurde nur das Allernötigste getan. So hatte ich dann auch noch Kraft, mir ein paar Groschen als Kegeljunge dazu zu verdienen. Außerdem bekam ich vom Bauern noch jedes Mal eine Mark, wenn ich ihm eine tote Ratte brachte, die ich selbst getö­tet hatte. Die meisten tummelten sich am frühen Morgen im Schweinestall. Wenn ich auf Zack war, traf ich eine mit meiner Mistforke.

Während dieser vier Monate nahm mich der jüngere Sohn auf seinem Motorrad mit ins nächste größere Dorf zu einem Tanzvergnügen. Als ich mal alleine dorthin wollte, landete ich mit meinem Fahrrad auf der stockdunklen Straße im Straßengraben. Der Graben war ebenso wie die Straße mit Schnee bedeckt, so dass ich den Weg gar nicht so recht erken­nen konnte. Unter der Schneedecke allerdings war der Graben mit Wasser gefüllt. Das ich mir daraufhin eine Weiterfahrt zum Tanzvergnügen verkniff, kann wohl jeder nachvollzie­hen?

Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen.

Warum ich diesen relativ guten Arbeitsplatz auch schon wieder nach vier Monaten verließ? Nicht weil der Winter 55/56 besonders kalt und die Arbeit zu hart für meinen kleinen Kör­per war, war ausschlaggebend. Genau an meinem Geburtstag, bekam unsere Hofhündin Junge. Ich hatte das Geschöpf schon immer während der kalten Tage bemitleidet. War sie doch bei jedem Wetter draußen an ihre Hundehütte gekettet und brachte dort auch ihre Jungen zur Welt. Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen. Er befahl mir die Welpen zu erschlagen und im Misthaufen zu verbuddeln. Meine Einwände wurden nicht zur Kenntnis genommen. Schweren Herzens kam ich dem Befehl nach. Es brach mir das Herz, als ich mitansehen musste, wie die Hündin ihre Jungen suchte und sie dann schließ­lich auch erschnüffelte und wieder ausbuddelte. Damit konnte ich nur noch knapp einen Monat mit leben. In etwa vier Kilometer Entfernung gab es einen Bahnhof. Und siehe da, kurz vor Mitternacht hielt dort ein Zug. Dorthin schleppte ich dann auch in einer kalten Febru­arnacht meinen Koffer. Auf dem Weg dahin begegnete mir zu allem Übel auch noch der jüngste Sohn des Bauern. Doch zu meiner Überraschung verstand er meine Beweg­gründe und auch meine Sehnsucht nach meiner Mutter. Er half mir sogar noch beim Kof­fer­tragen und wünschte mir alles Gute am Bahnhof.

Auf technischem Gebiet eine Niete.

Meine Mutter hatte am Stadtrand von Hannover ebenfalls Arbeit bei einem Bauern gefun­den. Eigentlich gab es zu der Zeit genügend Arbeit. Aber der Wohnungs­mangel …! Dieser Wohnungsmangel brachte es auch mit sich, dass ich beim Arbeitsamt nach einer Stelle nachsuchte, wo ich gleichzeitig eine Unterkunft hätte. Nachdem der Angestellte mich ein­gehend gemustert hatte, war er auch der Meinung, dass ich für eine Beschäftigung bei einem Bauern nicht die richtigen Vorraussetzungen mitbrachte. Just an dem Tag fand im AA Hannover ein Test statt, um herauszufinden, wofür sich ein Schulabgänger besonders eignete. In diesem Test brachte man mich kurzerhand unter. Dabei stellte sich heraus, dass ich auf technischem Gebiet eine Niete war. Woher auch sollte ich davon Ahnung haben? Ich hatte ja nie einen Vater gehabt, der mir gezeigt hatte, welches Werkzeug man für die eine oder die andere Sache benötigte. Ich kannte bisher gerade mal eine Kneifzange, einen Hammer und einen Schraubendreher. Na ja, mit einer Säge und einem Beil konnte ich so leidlich umgehen. Mussten wir uns doch unser Feuerholz immer selbst besorgen. Nach Auswertung aller Testergebnisse, war man der Meinung, dass ich mich eher in kaufmännischer Richtung bewähren könnte. Aber welcher Lebensmittelhändler, Schuh­verkäufer bot schon eine Lehrstelle mit Unter­kunftsmöglichkeit an? Oh, da hätte man ja was, fand ein Sachbearbeiter in einer Kartei­karte. Ein Bäcker in Langenhagen suchte einen Bäcker und Konditorlehrling. Mit meiner Mutter Fahrrad machte ich mich sofort auf den Weg. Der Arbeitgeber meiner Mutter duldete es, dass sie mich für eine begrenzte Zeit in ihrem Zimmer aufnahm. Hatte er doch schon erlaubt, dass mein zukünftiger Stiefvater mit ihr das Zimmer teilte. Dazu muss man wissen, dass zu damaliger Zeit ganz andere Moral­gesetze herrschten. Der Bauer hätte leicht wegen des Kuppeleiparagraphen[6] vor Gericht gezerrt werden können, weil er einem unverheirateten Paar erlaubte, im selben Zimmer zu übernachten. Da meine Mutter aber eine gute Köchin war, die das Personal und die Fami­lie bestens zufrieden stellte und sich auch nicht scheute im Schweinestall auszuhelfen, drückte er beide Augen zu. Dass der Sohn dann auch noch eine Matratze benötigte, um im gleichen Zimmer schlafen zu können, hatten wir nur der human denkenden Bäuerin zu verdanken.

Fußnoten

[1] Das dürfte dieser Film gewesen sein: https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=8977

[2] Buxtehude

[3] https://www.google.de/maps/dir/Ahlerstedt/Visselh%C3%B6vede/Hannover/@52.8842458,8.447339,8z/data=!3m1!4b1!4m20!4m19!1m5!1m1!1s0x47b1725839c2e6e9:0x6ac446883918da94!2m2!1d9.4504501!2d53.4031726!1m5!1m1!1s0x47b054c72650d97d:0x29f633eeee16153d!2m2!1d9.5841633!2d52.9868295!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e1

[4] https://www.google.de/search?q=Zweimarkscheine&start=10&client=firefox-b&sa=N&tbm=isch&imgil=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%253BtFCL56G3QHjfeM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.gettyimages.de%25252Fdetail%25252Fnachrichtenfoto%25252Fbanknoten-die-es-nach-der-w%25252525C3%25252525A4hrungsreform-am-20-juni-nachrichtenfoto%25252F543815833&source=iu&pf=m&fir=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%252CtFCL56G3QHjfeM%252C_&usg=__9lapMnw0_NcfwebmJBkxgI4udpU%3D&biw=1152&bih=540&ved=0ahUKEwjo-ouw4tHTAhXDcRQKHcslB6Y4ChDKNwg1&ei=ccYIWaj-JMPjUcvLnLAK#imgrc=GMoPpQgZ2D3GSM:

[5] Als Rückepferd bezeichnet man ein im Wald zum Holzrücken, also zum Verbringen von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Polterplatz, dem sogenannten Vorliefern, eingesetztes Pferd. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckepferd

[6] Bedeutung hatte der Kuppelei-Paragraph in Deutschland bis 1973. https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei

_Inhaltsverzeichnis

Deutschland – Rabenvaterland

Posted in BRD, Deutschland, Ethik, Leben, Menschenrechte, Politik, Recht by dierkschaefer on 26. April 2017

»Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Wohnung aufgeben und gegen Ihren Willen in ein Zimmer in einem Wohnheim ziehen. Sie könnten dort nicht mehr frei bestimmen, was sie wann essen möchten oder wann Sie duschen oder wann Sie abends ins Bett gehen möchten. Auch könnten Sie sich nicht aussuchen, wen Sie in Ihre Intimsphäre lassen, auf wen sie angewiesen sein werden und wem Sie vertrauen.

Unvorstellbar? Vielen Menschen mit Behinderung droht genau dieses Schicksal. In Deutschland, im Jahr 2017. Unterschreiben Sie jetzt hier gegen den Heimzwang.

Unterschreiben Sie diese Petition?

Hintergrund:

In Deutschland gilt seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention. Dort ist in Art. 19 eindeutig geregelt, dass zu gewährleisten ist, dass Menschen mit Behinderung „gleichberechtigt mit anderen die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“.

In Deutschland sieht die Realität anders aus. Ende 2016 wurde nach mehrjährigen Diskussionen das Bundesteilhabegesetz verabschiedet. Dort findet sich – wie bisher – die Regelung, dass grundsätzlich nur die angemessene, also kostengünstigere Leistung zu gewähren ist. Wenn also die gewünschte Leistung (z.B. Hilfe in der eigenen Wohnung) mehr kostet, als die Hilfe im Heim, kann der behinderte Mensch auf die Heimunterbringung verwiesen werden. Zwar gilt dies nur, wenn die nicht gewünschte Alternative „zumutbar“ ist – doch was zumutbar ist, entscheidet das Amt, das bezahlen soll. Gerade bei klammen Kommunen ist dann vieles zumutbar.

Immer wieder erfahren wir von Menschen, die den Bescheid in Händen halten, der ihnen die lebensnotwendige Hilfe in der eigenen Wohnung streicht. „Suchen Sie sich bis zum … einen Heimplatz“ – so oder ähnlich wird formuliert. Den Ämtern sollte bewusst sein, dass die obersten Gerichte eine Unterbringung im Heim gegen den Willen der Betroffenen nicht zumutbar finden. Doch viele behinderte Menschen haben weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, um den Weg durch die Instanzen zu kämpfen. Schnell türmen sich tausende Euro an Schulden für nicht bezahlte Hilfeleistungen auf, so dass die Menschen am Ende aufgeben müssen.

Natürlich steht bei der „Zwangseinweisung“ nicht die Polizei morgens vor der Tür und holt die Betroffenen ab. Der Zwang besteht in der Vorenthaltung lebensnotwendiger Hilfeleistungen beim individuellen Wohnen – wenn kein Assistent mehr bezahlt wird, der zur Toilette hilft, etwas zu essen anreicht oder den behinderten Menschen ins Bett bringt – dann muss die „angebotene Alternative“ – die stationäre Einrichtung – in Anspruch genommen werden.

Ebenso kennen wir Menschen, die aus einer Einrichtung ausziehen möchten, dies aber nicht dürfen. Teilweise kamen sie als vorübergehende Lösung, z.B. nach einem Unfall, dorthin und stehen nun vor dem Nichts – die Wohnung wurde aufgelöst, persönliche Sachen entsorgt und die Hilfe außerhalb der Einrichtung wird vom Amt abgelehnt.

Gefangen – lebenslang. Ohne eine Straftat begangen zu haben.
Diese Praxis ist menschenunwürdig.

Forderung:

Wir fordern deshalb von allen Parteien in ihren Wahlprogrammen und dem anstehenden Koalitionsvertrag, den § 104 SGB IX n.F. in der Fassung ab 2020 dahingehend abzuändern, dass das Wunsch- und Wahlrecht hinsichtlich Wohnort und Wohnform uneingeschränkt verbrieft wird, so wie es schon der Bundesrat in seinen Empfehlungen zum Bundesteilhabegesetz gefordert hatte.

Übernehmen Sie den Wortlaut von Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention, um zu gewährleisten, dass die Menschenrechte behinderte Menschen nicht weiterhin fortwährend verletzt werden! «

 

Keine rentenrechtliche Anerkennung von Zwangsarbeit

»Unter Zwang geleistete Arbeit von Heimkindern könne nicht als Beitragszeit in der Rentenversicherung anerkannt werden.«[1]

Als positiv ist hervorzuheben, dass hier gerichtlich überhaupt der Gedanke geäußert wird, es könne in Kinderheimen Zwangsarbeit gegeben haben. Ein Gedanke, den die vorurteils­behaftete „Moderatorin“ des Runden Tisches, Antje Vollmer, gescheut hat, wie sprichwörtlich der Teufel das Weihwasser, um einen Vergleich zu wählen, der für eine Theologin passend erscheint.

»Nach Auffassung des Landessozialgerichts ist es zwar glaubhaft, dass die Klägerin zu verschiedenen Arbeiten herangezogen worden ist, wenn auch der genaue Umfang auch unter Berücksichtigung von bereits bestehenden Beweiserleichterungen nicht mehr aufklärbar ist. … Weder habe aber nach damaligem Recht eine echte versicherungspflichtige Beschäftigung vorgelegen, noch habe es Beitragszahlungen des Heimes gegeben, noch sei ein Arbeitsver­hältnis vereinbart worden. Nach damaliger Anschauung sei das Prinzip der Erziehung durch Arbeit vorherrschend gewesen. Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden. Was die Klägerin im Rahmen ihrer Unterbringung erhalten habe (Kost/Logis, Bekleidung, Taschengeld), stelle sich daher nicht als (beitragspflichtiges) Arbeitsentgelt dar. Ob das Kinderasyl Gundelfingen seinerzeit Personal eingespart oder die Arbeit der Klägerin gewerblich für Dritte genutzt habe, sei nicht aufklärbar gewesen, hätte aber auch nicht zur Versicherungspflicht geführt. … Eine rentenrechtliche Berücksichtigung dieser Zeiten sei nach der gegebenen Rechtslage nicht möglich und damit Sache des Gesetzgebers.«[2]

 

Was wir dem Urteil entnehmen können:

  1. Kinder als Schutzbedürftige konnten sich der schutzpflichigen Einrichtung dem als Arbeitstherapie getarnten Zwang nicht widersetzen. Wenn das Gericht meint: Heimkinder haben nicht in einem auf den freien Austausch von Arbeit und Lohn gerichteten Verhältnis gestanden, so ist das ein Hohn. Speziell diese Kinder waren rechtlos ihren Einrichtungen ausgeliefert, die sie rücksichtlos wirtschaftlich zur Kostendeckung und Gewinnerzielung ausgebeutet haben. Die Arbeitstherapie war in kirchlichen Einrichtungen zudem religiös verbrämt; manche Erzieher werden selber daran geglaubt haben. Selbstverständlich bekamen die Kinder weder einen Lehrlings-, noch Arbeitsvertrag. Das wäre nachteilig für die Einrichtungen gewesen – bis heute! Da Sozialgerichte nur aufgrund bestehender Gesetzeslage urteilen können, sind ihnen die Hände gebunden, damalige Menschenrechtsverletzungen (Zwangsarbeit gehört dazu) als solche anzuerkennen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, meint auch das Gericht. »Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages habe zwar im Jahr 2008 hinsichtlich der Möglichkeit der Beitragsnachentrichtung für Arbeit während der Heimunterbringung ein Tätigwerden des Gesetzgebers angeregt.«[3] Doch dieser schläft den Schlaf des Ungerechten.
  2. Die Beweislage ist schwierig. Doch die Behandlung der Entschädigungsleistungen für Homosexuelle (§ 175) weist einen Ausweg: Per Eidesstattlicher Erklärung sollen sie Entschädigungen beanspruchen können. Die sind allerdings in einer Höhe gehalten, die den ehemalige Heimkinder vertraut vorkommen dürfte: In Deutschland gibt es (fast) nichts für Opfer. „Du Opfer!“
  3. Der Hinweis auf den Runden Tisch von Frau Vollmer und die in der Folge geöffnete rudimentäre Anerkennung von Rentenzeiten ist selbst rudimentär. Seit Jahren ist die Anerkennung gleicher Vorgänge in Einrichtungen für Kinder mit Behinderung überfällig. Auch von dort wurde Zwangarbeit glaubhaft berichtet.

Und sollte sich der Gesetzgeber, das Bundesparlament, aufraffen, die Gesetzeslage zugunsten der Opfer zu verbessern, so werden sich gewiss im Bundesrat Rat und Widerstand dagegen finden.

 

[1] https://www.juris.de/jportal/portal/page/homerl.psml?nid=jnachr-JUNA170303535&cmsuri=%2Fjuris%2Fde%2Fnachrichten%2Fzeigenachricht.jsp

[2] wie Anmerkung 1

[3] http://rsw.beck.de/aktuell/meldung/lsg-baden-wuerttemberg-keine-rentenrechtlichen-beitragszeiten-fuer-ehemalige-heimkinder-wegen-zwangsarbeit

Das ist Pornographie! röhrte unser Klassenlehrer.

Er hatte sich von uns Oberstufenschülern die Blechtrommel[1] ausgeliehen. Ja, wir hatten bei der Lektüre nicht nur rote Ohren bekommen. Es war der erste Roman mit „Stellen“ und wir in der Spätpubertät. Unser Klassenlehrer war zwar, wie er mit krächzender Stimme sagte, „Soldat in zwei Weltkriegen“ gewesen und „dem Tabak versklavt“, doch Oskar Matzerat, der sich auf den Rücken seines Vaters setzt und dadurch den Interruptus verhindert, war dann doch zu starker Tobak für den Lehrer. Er wird in „seinen“ zwei Weltkriegen wohl in jeder Beziehung Schlimmeres gesehen haben, vielleicht sogar beteiligt gewesen sein. Oskar Matzerat, eine Romanfigur, rettet sich angesichts der Umstände in dauerhaftes Kindsein und weigert sich, zu wachsen. Aus dieser Kinderperspektive schildert er die Vorkommnisse der Zeit – es ist derselbe Zeitraum, den unser Klassenlehrer bewusst erlebt hat. Der aber rettete sich in Abwehr.

In der neuen Folge seiner Autobiographie erzählt Dieter Schulz von seinen Kindheitser­leb­nissen, von Krieg, Zerstörung, Mord, Flucht, Vergewaltigung, Notprostitution und Hunger – und das in einer Sprache, die dem Geschehen angemessen ist. Pornographie? Roman? Nein, ein Zeitzeuge; er hat gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten, und er berichtet ungeschminkt und drastisch. Viele Kinder auf der Welt erleben zurzeit Vergleichbares.

War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![2]

Wir waren davongekommen, aber hatten nicht auch manche Kameraden auf der Flucht gesehen, was sie besser nicht gesehen hätten? Eine Lehrerin klärte uns über den Kleinwuchs eines Kameraden auf: Man hatte ihm als Baby auf der Flucht Alkohol eingeflößt, damit er nicht schrie. Auch die Erzählungen unserer Eltern von den Bombennächten, wie auch die Trümmergrundstücke zeigten den Doppelcharakter Deutschlands.[3] Die Elterngeneration baute Deutschland wieder auf. War überhaupt etwas gewesen? Über den Horror, den Deutschland angerichtet hatte, sprach man lieber nicht.

In dieser wahrlich bleiernen Zeit wuchsen wir auf. Da war die Blechtrommel wie eine Offenbarung, nicht nur in Sexualibus.

Doch was ist das schon gegen die Erlebnisse von Dieter Schulz? Für ihn mündete die „Kind­heit, die keine war“, in Kriminalität. Lehrer in unserer Zeit hielten sich lieber an der Klassik fest und ließen das Türmerlied singen: Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei wie es wolle, Es war doch so schön!

Doch auch das war gelogen, weil aus dem Zusammen­hang gerissen. Der Türmer wird Zeuge, wie Mephisto und seine Gewaltigen Hütte und Kapelle der beiden Alten, Pyramus und Thisbe, niederbrennen. Die hatten als einzige die Götter selbstlos und würdig empfangen.

Fußnoten

[1] Ich habe den Roman seither nicht wieder gelesen und mich jetzt mit dem Wikipedia-Artikel begnügt: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Blechtrommel

[2] Siebzehntes Kapitel, https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[3] http://www.lebensraum-linden.de/downloads/datei/OTAwMDAwOTY0Oy07L3Vzci9sb2NhbC9odHRwZC92aHRkb2NzL2xpbmRlbi9saW5kZW4vbWVkaWVuL2Rva3VtZW50ZS8xX2tpbmRlcnNwaWVsZV9pbl9kZXJfcmFtcGVuLnBkZg%3D%3D/1_kinderspiele_in_der_rampen.pdf

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« IX

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 Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neuntes Kapitel

Aber nun wieder zurück nach Berlin

Knautschke, wohl das berühmteste Flusspferd des Berliner Zoos aller Zeiten. Es gibt bestimmt auch heute noch leichaltrige im Rentenalter, die sich an dieses unförmige Ungetüm erinnern können.[1]

Dem kleinen Jungen floss das Herz über, weil glück­lich

Ich konnte mich an Knautschke kaum sattsehen, war verliebt in dieses Tier. Wir hatten auch noch das Glück, dass gerade Fütterungszeit war. Ganze Brotlaibe wurden ihm in den weit aufgerissenen Rachen geworfen. Völlig unbeschwert genossen wir diesen Zoo­besuch. Bei solch einer Gelegenheit, wo einem kleinen Jungen das Herz überfloss, weil glück­lich, vergaß man ganz, dass man sich ja eigentlich auf der Flucht befand. Aber genau das waren ja unsere Beweggründe gewesen. Ein paar unbeschwerte Stunden zu erleben, außerhalb des militäri­schen Drills im Heim. Eigentlich waren wir schon recht bald wieder auf dem Boden der Tatsachen. Ohne festen Plan waren wir ratlos geworden, wie es nun weitergehen sollte. Wir durchstreiften Berlin in alle Richtungen. Wirkliche Grenzen innerhalb der Stadt gab es ja im Prinzip derzeit noch gar nicht. Wir sahen zum ersten Mal in unserem Leben schwarze Men­schen. An einem Flughafen – auch das war völlig neu für uns – marschierten sie in viel schmuckeren Uniformen als die Russen gemischt mit weißen Soldaten entlang. Die weißen Schnüre an ihren Schultern sowie die weißbehand-schuhten Hände, mit denen sie ihre Gewehre hielten, verliehen ihnen etwas von Vornehmheit. Erst viele Jahre später konnte ich in Moskau feststellen, dass auch die Russen so schöne Paradeuniformen anlässlich der Feier­lichkeiten auf dem Roten Platz trugen. In die Richtung unseren Weg fortsetzend, woher die schmucke Truppe gekommen war, standen wir auch bald vor dem Haupteingang des Flug­platzes. Ein schöner, großer, sauberer Platz. Wir staunten die herausgeputzten Pferde vor den Pferdedroschken an, die dort auf Fahrgäste warteten. Ich weiß bis heute nicht, wo wir uns damals eigentlich befanden. Ziel- und wahllos durchstreiften wir Berlin.

Diese Erinnerungen aufzufrischen wäre bestimmt sinnlos, bei dem Bauboom in und um Berlin. Manchmal trafen wir auf Schilder auf denen zu lesen war: „Sie verlassen den Westsektor Berlins“ oder aber auch: „Sie verlassen den Ostsektor…..“.[2]

Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war.

In Deutsch und Russisch konnte ich es ja gut lesen. Bei den anderen beiden Sprachen konnten wir nur raten, dass dies das gleiche zu bedeuten hatte. Durch das ‚the’-Schriftbild einigten wir uns darauf, dass dies Englisch sein müsste. Blieb als letztes nur noch Französisch übrig. Soviel wussten selbst wir schon, dass Berlin in vier Sektoren eingeteilt war. Wir waren richtig stolz auf unsere Sprachkenntnisse. Eine richtig ausgelassene Stimmung aber wollte bei uns trotz der Freiheit, die wir genossen, nicht so recht aufkommen, nachdem wir durch vieles Rumfra­gen erfahren hatten, dass wir keine Chance hätten, von Westberlin direkt nach Westdeutsch­land zu kommen. Clever (?) wie ich war, rief ich sogar bei einer Behörde an, deren Telefon­nummer uns wiederum ein freundlicher Mensch gegeben hatte, erkundigte mich welche Aussichten bestanden, per Luftweg in den Westen zu meinem Vater zu gelangen. Als Minder­jähriger ohne den Beistand eines Elternteils gab man mir keine Chance. Hätte ich damals schon etwas mehr über die Kirche und deren Funktion gewusst, hätten wir es viel­leicht auf diesem Wege versuchen können, mit meinem Vater in Kontakt zu kommen. Bloß gut, dass ich damals noch nicht auf diese Idee gekommen bin. Ich hätte bei meinem Vater ein Fiasko aus­ge­löst, wie sich knapp zwei Jahre später herausstellen sollte. Seine spärlichen Briefe klangen ja immer sehr liebevoll und besorgt seinem Sohn gegenüber. ABER! …. Ich will nicht vorgreifen.

Hin und wieder leisteten wir uns eine Cola, sofern wir genügend weggeworfene Verschluss­kappen der besagten Marke fanden, die wir sammelten und für eine bestimmte Menge gegen eine Flasche eintauschten. War wohl eine Werbeaktion der Amis für ihr Produkt.

Noch zu jung für den Strich

Zweimal ging einer meiner Kumpels mit einem Typen mit, wichste dem einen für ein paar Mark ab. Ich hatte ja schließlich schon vorher für reichlich Geld gesorgt. Jetzt sollten die beiden anderen auch mal was für unsere Reisekasse beitragen. Ich erschien den Freiern anscheinend doch etwas zu jung; durch meine mickrige Körpergröße wäre ich glatt als Zehnjähriger durchgegangen. Es kam noch hinzu, dass die Freier, wie mir meine Reisege­fährten hinterher berichteten, gerne etwas Spritziges in die Hand oder in den Mund wollten. Dies traute man mir nicht zu, dass ich dazu fähig war. Dabei hatte ich doch genau an meinem 13ten die Bettdecke vollgesaut, und war deswegen bei meiner Mutter in Erklärungsnot gera­ten. Irgendwann kamen wir dann doch noch an eine einigermaßen erträgliche Geldquelle. Vor dem Funkturm war derzeit ein riesiger freier Platz, der als Parkplatz genutzt wurde. Dort sah ich dann auch (außer zu Kriegszeiten) zum ersten Mal Unmengen von Autos. Zum Teil zwar noch Vorkriegsmodelle, aber auch ganz andere, wie wir sie nur zu Messezeiten hin und wieder in Leipzig sehen konnten.

Wie alle interessierten Jungs in dem Alter stillten wir unsere Neugierde und erforschten in fast jedem Westauto das Innere (Pfui! nicht was Sie jetzt denken lieber Leser). Wir wurden von einem Mann angesprochen, ob wir uns nicht etwas Geld verdienen wollten. Nein, diesmal war es kein Schwuler. Natürlich waren wir sofort Feuer und Flamme. Wir sollten während seiner Abwesenheit auf sein Auto aufpassen und, wenn wir Lust auf eine extra Mark hätten, könnten wir ja in der Zeit seinen Wagen waschen. Sollte es zu seiner Zufriedenheit ausfallen, würde er uns zwei Mark geben. Aber Hallo! Das wären ja umgerechnet 11 Colas. Einen kleinen Eimer und Putzlappen hatte er sogar in seinem Kofferraum. Wasserhydranten gab es auch in der Nähe.

So verdienten wir uns ganz redlich unsere ersten zwei Westmark. Das brachte uns natürlich auf die Idee, auch anderen Autobesitzern unsere Dienste anzubieten. Es klappte vorzüglich. Soviel ich weiß, gab es für uns noch keine Konkurrenz von professionellen Waschanlagen.[3] [4] Bei uns klappte es vorzüglich. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätten wir drei eine Lebens­stellung daraus gemacht. Hatten uns schon selbst mit den nötigen Putzutensilien ausgestattet.

Leider machten uns die Schupos einen Strich durch die Rechnung. Erstens kommt es anders, zweitens als du denkst, sagte schon meine Mutter oftmals. Wir liebäugelten ja schon mit dem Gedanken, uns in einen der auch hier geparkten Laster, die nach Westdeutschland fuhren, zu schmuggeln. So sah ich auf dem Parkplatz einen Schwerlaster mit dem Herkunftsschild Buxtehude. Buxtehude? Das gab es wirklich? Ich hatte immer geglaubt das sei ein Märchen, wo sich Hase und Igel gute Nacht sagen.[5] Diese Pläne konnten wir dann aber bald abhaken.

Alles Paletti! – Dachten wir.

Nicht dass wir Kinderarbeit leisteten, war der Bahnpolente vom Bahnhof Zoo aufgefallen. I wo! Gegen Abend hielten wir uns gerne vor dem Bahnhof auf. Tagsüber standen dort allenthalben Obst­stände herum, die an Reisende verkauften. Wir hatten schnell herausbekommen, wann diese Stände wieder abgebaut wurden. Dabei fiel dann eine ganze Menge angeschlagenes, unver­käufliches Obst ab. Kartons und Obstkisten, nebst Holzwolle wurden aufgeschichtet und (welch eine Verschwendung aus der Sicht von uns Ostdeutschen) verbrannt. Wir freuten uns über das angeschlagene Obst, die Stand-besitzer darüber, dass wir ihnen beim Verbrennen halfen und sie selbst somit früher nach Hause kamen. Brauchten sie nun doch nicht unnötig lange auf das Feuer zu achten. Das erledigten wir für sie. Dabei konnten wir uns auch noch an den kühlen Sommerabenden am „Lagerfeuer“, wie wir es romantisch verträumt nannten, wärmen. Dieser Platz, wenige Schritte vom Haupteingang entfernt, wo sich heute Busse und Taxis breit gemacht haben, gehörte anscheinend zum Bahnhofsbereich und in die Zuständig­keit der Bahnbullen. Jedenfalls kamen eines Abends zwei Bahnbullen direkt auf uns zu und fragten, was wir hier täten. Eine blöde Frage! Das sahen sie doch! Vor der Obrigkeit, dazu noch in Uniform, kuschten wir natürlich. Wieder einmal hatten wir unsere Schularbeiten nicht gründlich genug gemacht. Zu sorglos geworden, hatten wir nicht im Entferntesten daran gedacht, vor ein Problem dieser Art gestellt zu werden. Der Mensch, zumal mit 13 Jahren, lernt eben nie aus. Bei der Nennung der Namen hatten wir noch keine Schwierigkeiten. Wir hatten uns für den Fall solcher Fälle jeder einen anderen Namen eingeprägt und dies auch immer wieder geprobt, ob der Angesprochene darauf richtig reagierte. Alles Paletti! Dachten wir. So, hofften wir, würden sich die Bullen die Zähne daran ausbeißen müssen, um unsere wahre Herkunft heraus­zubekommen. Von daher drohte uns von der West­polizei das geringste Übel. Glaubten wir jedenfalls. Doch als die Frage nach dem Woher und dem Wohin kam, gerieten wir doch schon etwas ins Stottern. Zumindest meine beiden Kumpane, die ein wirklich einwandfreies sächsisch spra­chen und es zu verbergen versuchten. Das schon genügte den Bullen, miss­trauisch zu werden. „Na, dann kommt doch mal mit“, hörten wir den gefürchteten Satz aus berufenem Munde sagen. Ich konnte mir gar nicht denken, was die Uniformierten überhaupt von uns wollten. Mir war doch ganz fließend ein Straßenname aus dem Ostteil der Stadt über die Lippen gekommen, auch die Hausnummer. Ich kann nicht behaupten, dass die Bahnbullen irgendwie unfreundlich oder gar handgreiflich uns gegenüber wurden. Von direkter Freund­lichkeit konnte man allerdings auch nicht sprechen.

Ganz einfach routinemäßig lief das Ganze ab. In einen Nebenraum gesteckt, wo außer einer langen Bank nichts weiter vorhanden war, harrten wir gelassen der Dinge. Es dauerte gar nicht lange da kam ein grinsender Oberbulle und dazu noch zwei weitere in unsere Zelle. Ganz freundlich, eigentlich viel zu freundlich, erfragte er nochmals die Hausnummer, die ich ihm genannt hatte. Ich hatte ganz spontan die 22 genannt, weil dies wirklich die Hausnummer war, in der ich in Leipzig bei meiner Mutter wohnte. Verplappern konnte ich mich diesbezüg­lich nicht. Und die genannte Straße gab es ja auch in Ostberlin. „Na, dann kommt doch mal mit“, wurden wir immer noch freundlich und grinsend aufgefordert. Heute würde so ein Grinsen im Gesicht eines Bullen sofort sämtliche Alarmglocken läuten lassen. Man halte mir aber bitte zugute, dass ich in dem Alter immer noch das Gute in jedem Menschen sah, eben ein blutiger Anfänger, was den Umgang mit den Bullen anging. Am besten man pflegt überhaupt keinen Umgang mit solchen Typen. Ich will damit sagen, man geht ihnen am besten aus dem Wege und lässt sich erst gar nicht erwischen. Aber wer denkt schon, während er sich am Lagerfeuer wärmt, an etwas Böses? Die Hausnummer wurde uns zum Verhängnis! Die Straße gab es unbestritten. Auch die Hausnummer. Im Prinzip, laut Radio Eriwan[6]. Vor dem Krieg hatten darin sogar Menschen wohnen können. Inzwischen aber waren ein paar niedliche Bomben daraufgefallen und hatten nur einen Trümmerhaufen zurückgelassen. Dies wiesen mir/uns die Bullen voller Häme im Gesicht anhand einer Spezialkarte von Berlin nach. „Ihr seid doch faule Früchtchen!“ wurde uns auf den Kopf zugesagt. Schon wieder diese Bezeichnung. Früchtchen, ob die das überall auf der Polizeischule lernten? Ich glaube, in dem Heim, wo wir die folgende Nacht schlafen durften, hätte sogar ich heimisch werden können. Nach einer Fahrt mit einem neuwertigen Westauto von etwa einer halben Stunde erreichten wir ein schmuckes Haus, welches in etwa die Größe eines Zweifamilienhauses hatte. Drinnen war alles so adrett und sauber, zum Teil mit Glastüren versehene Zimmer. Eigentlich war ja schon längst Schlafenszeit für die Heimkinder, aber bei unserer Ankunft sprach es sich sehr schnell herum, dass noch Neuankömmlinge erwartet würden. So wurden wir natürlich von neugierigen Jungs und Mädchen in adretten Schlafanzügen, bzw. Nachthemden begrüßt. Wir durften Milch, Kakao oder Früchtetee zu dem reichlichen Brot und Aufschnitt wählen. Irgendwie mussten im Osten die Propagandafilme über den kapitalistischen Westen ver­tauscht worden sein. Darin jedenfalls wurde uns vorgeführt, wie Westkinder sich ihr Essen aus den Mülltonnen fischten. Fast die Verhältnisse, die man uns mit den Filmen untergejubelt hatte, herrschten schon am nächsten Tag in Rummelsburg. Wir hatten in wundervoll weichen Betten geschlafen, mit frischer Nachtwäsche ausgestattet, nachdem wir auch noch hatten duschen dürfen. Köstlich frische Brötchen (die bekamen alle, nicht nur wir, um uns etwas vorzutäuschen) zum Frühstück und …… Kakao satt! Es sollten danach Jahre vergehen, bis ich wieder solch einen Gaumengenus bekommen sollte.

Leider verbrachten wir dort nur etwa 12 Stunden, deshalb zähle ich dieses Heim auch nicht den anderen neun Heimen während der 26 Monate, die ich darin verbringen musste hinzu. Die Frau, die uns dann wieder mit einem schicken Westauto zu irgendeinem Berliner Bahnhof brachte, lieferte uns dort auf dem Bahnsteig an zwei finster dreinblickende Herren ab. Mit einem Blick, welcher soviel heißen sollte wie: „ihr armen Würstchen“, wurden wir noch von der Frau bedacht, bevor sie sich umdrehte und davonging. Ohne Kommentar wurden wir von den beiden Herren in die Mitte genommen und in den anfahrenden Zug verfrachtet.

In Rummelsburg[7] erwartete uns eine triste Kasernenhofatmosphäre. Das Gelände war unheim­lich groß. Von der Kleiderkammer, wo wir mit viel zu großen Klamotten ausgestattet wurden – Hosen ohne Gürtel, Schuhe ohnehin zu groß, auch noch ohne Schnürsenkel – hatten wir, bedingt durch das Festhalten der immerwährend rutschenden Hosen und den viel zu großen Botten an den Füßen, ein ganz schönes Stück Weg bis zu unserer eigentlichen Unterkunft zurückzulegen. Viele Erinnerungen von dort gibt es nicht mehr. Nur dass am Gelände ein Fluss (oder war es ein größerer See?) angrenzte, der so breit war, dass an ein Entkommen nicht zu denken war. Es lag in einiger Entfernung ein abgesoffenes Schiff (also doch ein Fluss?) halb aus dem Wasser ragend darin. Unmöglich es schwimmend zu erreichen. Von unserem Zim­mer­fenster aus lernte ich wieder etwas Neues von der Welt kennen. In einem fast kreisrunden Stadion fuhren Motorräder, die am hinteren Ende Stangen samt Querstange hatten und sich abstrampelnde Radfahrer bemühten, dran zu bleiben. Das laute Geknatter der stinkenden Motorräder und die schwitzenden Radfahrer dahinter zu beobachten war eigentlich die einzige Abwechslung, die wir in Rummelsburg während unseres Aufent­haltes dort hatten. Ich habe die Tage nicht gezählt, die wir dort verbringen mussten. Außer dem täglichen Hofgang gab es ja nichts. Und deshalb kam uns die Zeit wohl auch doppelt lang vor, die wir dort verbringen mussten. Nur immer am Abend war dann wieder das Motorgeknatter der Trainierenden im Stadion zu hören.

Dafür hatten wir dann mit einem Typen, der uns gleich furchtbare Prügel androhte, falls wir auch nur einen Fluchtversuch andeuten würden, ein ganzes Zugcoupé für uns. Er hatte eigens einen Schlüssel vom Schaffner bekommen, falls mal einer aufs Klo musste. Er hielt die Türe von innen verschlossen, solange wir fuhren. Mit ihm war wirklich nicht gut Kirschen essen. Er unterband sogar jedes Gespräch unter uns. So ging das bis Dresden. In Dresden blieben wir aber nicht. Das Heim war tatsächlich schon für die koreanischen Waisenkinder geräumt wor­den. So blieben wir nur wenige Stunden auf einem Polizeirevier, bis wir von einem fast geschlos­senem Kastenwagen in eine Gegend verfrachtet wurden, dessen Weg wir nicht nach­vollziehen konnten, weil wir ja nichts von der Landschaft erkennen konnten. Wie ich erst 1990 von meiner Schwester erfuhr, hatte sie viele Stunden gebraucht, um von Dresden aus dorthin zu kommen, nachdem ihr mein derzeitiger Aufenthaltsort bekannt wurde, um mich zu besuchen. Mir war es trotz aller Briefzensur gelungen, ihr eine Nachricht zukommen zu las­sen, dass ich mich in einem Heim in der Nähe von Königsbrück befand. Danach trieb ich mich jeden Tag auf der einzigen Landstraße herum und erwartete sehnsüchtig meine Schwester. Jeder Brief, der geschrieben wurde, wurde von der Heimleitung gelesen. Stand auch nur ein verdächtiges Wort darin, wurde er zu den Akten geheftet. Und man erfuhr noch nicht einmal, war der Brief nun abgeschickt oder nicht. Meine Mutter wusste meist längere Zeit nicht, wo ich mich gerade befand. Kein Wunder bei dem Tempo, mit dem ich die Heime wechselte. Das war nach jeder Flucht angesagt. In der Abgeschiedenheit von jeglicher Zivili­sation erfuhr ich dennoch, dass wir uns in der Nähe von Königsbrück, Kreis Kamenz, Bezirk Dresden befan­den.

Irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt.

Mitten im tiefsten Wald gelegen hatte man ein ehemaliges BDM- Heim, welches zu Hitlers Zeiten dazu diente, junge Mädchen als Köchinnen auszubilden, wieder reaktiviert. Ein Gebäudekomplex in Hufeisenform, etwas bessere Baracken, ca. 40 Zentimeter hoher Stein­sockel, darauf Holzaufbau. 70 Kinder und 5 Erzieher, die uns rund um die Uhr zu betreuen, besser gesagt zu überwachen hatten. Selbst deren Kochkünste mussten wir über uns ergehen lassen. Ein eigenes Gefährt hatte das Heim nicht. Deshalb bekamen wir manchmal etwas Warmes zu essen, oftmals aber auch nicht. Wer für unsere Versorgung verantwortlich war, haben wir nie erfahren. Bei Nachfrage bei den Erziehern hieß es immer nur, dass sie selbst keinen Einfluss darauf hätten. Die Versorgung funktionierte genau so wie eine verrostete Türe. Etwas tiefer noch im Wald gelegen stand ein altes Pulverhäuschen. Das sollte für uns zur Schule umgebaut werden. Nur wann, das wurde uns nicht gesagt. Die reguläre Schulzeit nach den Sommerferien hatte längst begonnen. Da vertrieben wir unsere Zeit damit, Kräuter, Eicheln und Kastanien zu sammeln. Das Ganze, was eigentlich für einen Zoo bestimmt war, wurde niemals abgeholt. Ansonsten spielten wir in den alten Grotten des Elb­sandsteingebirges und im Wald „Russe und feindlicher Faschist.“ Alte, verrostete Knarren und Pistolen fanden wir in den Höhlen genügend vor. Blau- und Preiselbeeren sowie Pilze sammeln und erkennen lernten wir, und andere Dinge in der Natur zu lesen, was den Groß­städtern sonst verwehrt bleibt. Ich begriff gleich, dass es nicht ratsam war, eine gute Tat zu begehen, einem Bauern seine Kartoffelernte beschützen zu helfen, wenn sich eine Wild­schweinfamilie in den Kopf gesetzt hatte, auf einem Kartoffelacker ihre Mahlzeit einzu­nehmen. Mein Knüppel-schwingen und „Ksch-Ksch–Rufen“ verärgerte diese Biester aber ungemein. Zumindest erkannte ich sehr schnell, dass ein Eber seine Hauer nicht nur zur Zierde trug, als er auf mich losstürmte. Ich bekam gerade noch die Kurve, bevor er mich erreichte. Die Rehe waren da schon anderer Natur. Die liefen schon weg bevor man ihre braunen Augen genau erkennen konnte. Seitdem weiß ich auch, warum man im Biologie­unterricht zu ihrem Hinterteil Spiegel sagt. Diesen Spiegel sah man öfter als ihre braunen Augen. Mag sein, dass daher meine Vorliebe für Frauen mit braunen Augen herrührt. So etwas Sanftes und Treues im Blick. Junge, Junge, da wird es einem ganz schwummerig ums Herz. Bei beiden. Den Frauen sowohl als auch bei den Rehen. Ehrlich, ich lernte die Natur lieben. Aber zum einsamen Trapper war ich dennoch nicht geschaffen. Ich musste Trubel um mich haben. Und sei es nur in der Schule. Der Bau der Schule aber ließ auf sich warten. Immer nur Bio auf dem Stundenplan war nicht gerade gut für die Allgemeinbildung. Es mag vielleicht blöd, unwahr klingen, dass ein junger Bur­sche sich nach der Schule sehnt, aber irgendwann hatten wir alle das Gammeldasein satt. Wir kannten im weiten Umkreis jeden Busch und Baum, jede Höhle im Elbsandsteingebirge. Wir wussten, wo alte Waffen herum­lagen, wo ein Hasenlager oder ein Rehgehege war. Wir kannten die Wildwechsel und konnten die Spuren lesen, von welchem Tier sie stammten. Lernten schnell eine Ringelnatter von einer Kreuzotter zu unterscheiden. Selbst die Verteidi­gungstaktik von Hornissen blieb uns kein Geheimnis. Einer der Jungs trieb seine Neugierde soweit, dass er mal so eben in einem Hornissennest unter einem vorspringenden Dachsparren mit seinem Stock (keiner von uns trieb sich ohne einen solchen Stock in der Gegend herum) herumzustochern. In ihrer Ruhe gestört machten die erbosten Hornissen Jagd auf den Frevler. Ganz gezielt auf eben den Jungen, der ihren Frieden gestört hatte, obwohl wir mit mehreren dort herumstanden.

Seltsamerweise stach ihn nur eine der Hornissen. Anscheinend beließen die Tiere es mit die­sem Warnhinweis, weil er an ihrem Bau keinen größeren Schaden angerichtet hatte. Nur eine hatte ihn in die Wange gestochen. Ein paar Stunden später konnte man bei dem gesto­chenen Jungen gerade noch erahnen, wo sich mal seine Augen befunden haben mussten. Es gab nur noch verquollene wülstige Lippen eines Negers und eine kartoffeldicke Nase. Sein Anblick hätte ihn ohne weiteres dazu prädestiniert, in einem Horrorfilm mitzuwirken. Einen Arzt aufsuchen? Wie denn? Wo denn? Was denn? Wir hatten ja noch nicht einmal ein Fahrrad auf dem Heimgelände. Außer den Erziehern wusste hier sowieso niemand, in welcher Rich­tung so einer aufzutreiben gewesen wäre. Die wenigen Fremden, Lieferanten meist, die zu uns fanden, kamen alle von rechts. Dort irgendwo musste sich die Welt befinden, wo es noch anderes Leben gab als die Tiere. Unsere Hilfsbedürftigkeit, besonders die des Betroffenen, wurde dahingehend abgetan, dass man meinte, er hätte sich eben nicht mit den Hornissen anlegen sollen. Außerdem würde die Natur schon selbst für sich sorgen. Es wäre nur eine Frage der Zeit bis die Schwellungen weggehen würden. Basta!

Ohne genau zu wissen, wo wir uns eigentlich genau befanden, konnten einem aber auch jegliche Fluchtgedanken vergehen. Ende September! Immer noch keine Schule. Ja, man hatte noch nicht einmal damit begonnen, an dem ohnehin für 70 Schüler zu kleinem Pulver­häus­chen irgendwelche baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Marx oder Lenin? Jemand hatte mal gesagt: „Wissen ist Macht!“[8] Diese Macht forderten wir schließlich vollkommen sauer ein. Es setzte Ohrfeigen und Stockhiebe. Mit Prügel hatte schon meine Mutter versucht mich zu erzie­hen, mir meine Rumtreiberei auszutreiben. Mit geringem – ja – fast Null Erfolg. Aber Prügel von Fremden, dazu noch unberechtigt, ließen mich die Hasskappe aufsetzen. Hass gegen die unkompetente Autorität. Hass gegen jede willkürliche Autorität und diese ganze Situation hier. Dass sich hier etwas ändern müsse, darüber sprachen alle. Aber nur Schulzi hatte die Idee wie das zu ändern sei. Einmal die Hasskappe aufgesetzt bekommen, ließ sich sein ostpreußischer Dickschädel nicht mehr beruhigen.

Fußnoten

[1] Knautschke ist tatsächlich legendär. https://de.wikipedia.org/wiki/Knautschke

[2] Zur politischen Geographie der Nachkriegszeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Vierm%C3%A4chte-Status

[3] Späterer Zusatz von Schulze: Bei meinen jährlichen Reisen nach Königsberg (Pardon – Kaliningrad) werde ich jedes Mal an diese Zeit erinnert. Sehe ich doch jedes Mal russische Straßenkinder sich auf die gleiche Weise etwas Geld verdienen.

[4] Unter der Nummer DE 1187943 meldeten die beiden Augsburger Unternehmer Gebhard Weigele und Johann Sulzberger am 8. August 1962 die erste selbsttätige Kraftfahrzeug-Waschanlage für Autos an. https://www.welt.de/regionales/muenchen/gallery108510460/Vor-50-Jahren-eroeffnete-die-erste-Autowaschanlage.html

[5] Hier irrt Schulz. In der Redensart sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht https://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~wo%20sich%20Fuchs%20und%20Hase%20gute%20Nacht%20sagen&suchspalte%5B%5D=rart_ou , Hase und Igel liefen in Buxtehude um die Wette https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Hase_und_der_Igel, dort bellen auch die Hunde mit dem Schwanz http://www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/schauplatz-nordwest/buxtehude-dackel104.html

[6] Auch heute noch ein großer Spaß https://de.wikipedia.org/wiki/Radio_Jerewan

[7] „Das zwischen 1854 und 1859 errichtete Friedrichs-Waisenhaus Rummelsburg in der Hauptstraße diente zur Unterbringung elternloser Jungen und Mädchen, die in Berlin und der Umgebung aufgegriffen worden waren. In der Zeit der DDR war auf dem Gelände das Grenzregiment untergebracht, das für die Bewachung der Berliner Mauer zwischen Eberswalder Straße und der Mündung des Landwehrkanals in die Spree verantwortlich war.“ Zum Verständnis der Lage am Wasser lohnt ein Blick auf die Karte: https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Rummelsburg

[8] Wissen ist Macht https://de.wikipedia.org/wiki/Wissen_ist_Macht

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

 Wie geht es weiter?

Kapitel 10, Bambule