Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXII

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Zweiunddreißigstes Kapitel

„Hotel zur silbernen Kugel“

Ich erfuhr aus den Akten, dass noch andere mit falschen Münzen unterwegs waren. Nein, nicht mit meiner Sorte. Vielmehr konnte ich lesen, dass die schwedischen 5-Oere Münzen identisch mit unseren 5-Markstücken waren. Ein anderer hatte sich das zunutze gemacht und damit ausschließ­lich Spielautomaten geplündert. Später zu Hause rechnete ich nach. Der Umtauschkurs war in etwa der gleiche, als würde ich fünf 5-Pence Münzen wechseln. Nur der Weg nach Schweden war natürlich etwas weiter. Würde ich mich darauf umstellen wollen, hätte ich ganz andere Reisekosten gehabt und hätte auch ein wenig schwedisch lernen müssen. [1]

Solche Gedanken legte ich aber schon bald ad acta. Waren wir doch nun endlich Pächter eines wunderschönen Bistros. Bei ziviler Arbeitszeit hatten sich meine Frau und ich auf eine Arbeitsteilung geeinigt. Ich spielte als ihr Angestellter den Koch, während sie sich um die Gäste kümmerte. Ob es nun an meinen Kochkünsten lag oder an meiner gesprächsfreudigen Frau, die sehr gut bei den Gästen ankam, der Laden brummte. Bei gerade mal vier 4er Tischen und sechs Plätzen am Tresen machten wir sehr guten Umsatz. Niemand, der das riesige Einkaufszentrum, worin sich unser Bistro befand, besuchte konnte uns übersehen. Statt der üblichen Wände war alles aus Glas. Das innere Ambiente war in schneeweiß gehalten. Auch die Türe zur Küche hin bestand aus Glas. So konnte jeder zusehen, wie ich die Mahlzeiten zubereitete. Sie erinnern sich, dass ich erwähnt habe, dass ich wegen meiner Vorstrafen keine Konzession erhielt? Somit war meine junge Frau die offizielle Chefin. Das ließ sie natürlich auch richtig dick heraushängen. Nicht im Geschäft selbst, mir oder den Gästen gegenüber. Im Laufe der Zeit wurde sie immer übermütiger. Sie nahm von den etwa sechs bis siebenhundert Mark Umsatz fünfhundert heraus und wollte sich mal wieder mit Freundin­nen treffen. Und das immer öfter! Dass schon ein gutes Drittel an fixen Unkosten von den Einnah­men draufging, ich ja auch immer wieder neue Ware einkaufen musste, das ließ sie sich nicht verklickern. Sie verließ immer öfter den Laden noch vor dem eigentlichen Ladenschluss, tauchte erst wieder am Morgen zur Eröffnung auf. Wenn überhaupt. Sie rief gegen 9 Uhr am Morgen vorsichtshalber an und fragte nach, ob ich schon den Laden geöffnet hätte. Dass ich irgendwann die Schnauze voll hatte, kann wohl jeder nachvollziehen!?

Eines Tages, als sie wieder einmal die Nacht woanders verbracht hatte, dachte ich gar nicht daran in dem Laden für Lau zu arbeiten. So blieb das Geschäft eben ohne Vorwarnung geschlossen. Einige Monate später traf ich in der Stadt zufällig den Spielautomatenaufsteller, der bei uns zwei Automaten aufgestellt hatte. Der wollte doch tatsächlich 6000 Mark von mir haben. Hinter meinen Rücken hatte meine Frau, die ja Chefin war, sich einen Kredit in dieser Höhe von dem Aufsteller geben lassen. Natürlich fiel ich aus allen Wolken als ich dies hörte. Meine Frau jedenfalls hatte mir davon nichts gesagt. Da ich ja in keiner Weise zu irgendetwas unterschriftsberechtigt war, riet ich dem Mann, sich das Geld auch daher zu holen, wohin er es gegeben hatte. Jetzt wissen Sie auch, warum ich meinte, die Familienrichterin hätte lieber mich vor dieser jungen Frau warnen sollen, anstatt der armen jungen Frau Vorwürfe zu machen so einen alten (Trottel!) heiraten zu wollen. Ein verliebter alter Trottel war ich ja wohl oder? Ja, war ich denn überhaupt verliebt? Nachdem sie quasi bei mir eingezogen war, sich wunderbar mit meinem Sohn verstand, der ja mal gerade 7 Jahre jünger als sie war, da begann ich rational zu denken. Wieder eine Frau im Haus zu haben hieß ja, dass ich mich wieder um ehrliche Arbeit kümmern konnte. Dass diese Überlegungen sogar in die Selbstständigkeit führten, umso besser. Die Folgen konnte ich ja nicht im voraussehen.

So kam mein Sohn schließlich doch in ein Heim!

Ich weiß bis heute nicht, ob und wann meine Frau erfahren hat, dass wir ein gutes Jahr später schon wieder geschiedene Leute waren. Beim Scheidungstermin glänzte sie jedenfalls durch Abwe­senheit. Jahre später, ich hatte meine Münzgeschichte im Knast schon längst abgebüßt, fand ich einen dicken Brief in meinem Briefkasten. Darin enthalten war ein dickes Packet von Fragebögen. Frau Schulz sollte darin genau auflisten, wie es zu dem Unfall genau gekommen war, weswegen sie die Krankenkasse belastet hatte. Ich rief sofort den Arzt an, der mir diese Unterlagen zuge­schickt hatte. Dieser Arzt hatte seine Praxis ganz weit im Süden von Deutschland. Die Sprechstun­den­hilfe, die meinen Anruf entgegen nahm, fiel aus allen Wolken, als ich ihr den Grund meines Anrufes erklärte. Als sie erfuhr, dass besagte Frau Schulz schon längst nicht mehr mit mir ver­heiratet sei, somit auch nicht mehr bei mir versichert, jammerte sie, woher den nun ihr Doktor die aufgewendeten Behandlungskosten bekommen solle. Immerhin hätte er eine Operation an ihrem zerschlagenen Knie vornehmen müssen. Das hätte sie gerne früher gewusst. Gestern noch wäre sie meiner Frau beim Überqueren eines Zebrastreifens in der Stadt begegnet. Was gingen mich die Probleme anderer Leute an? Hatte ich doch selbst genug davon. Dadurch dass ich nun niemanden mehr hatte, der sich während meiner Abwesenheit, sprich Knastaufenthalt, um meinen Sohn sorgen würde, traf genau das ein was ich fünf Jahre vorher unbedingt vermeiden wollte. Er kam in ein Heim! Sollte ich da noch Mitleid mit dem zerschundenen Knie meiner Ex oder wegen der unbegli­chenen Rechnung eines Arztes entwickeln?

Im Knast ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch!

Ich hatte im Knast jeden Pfennig für die Zeit nach meiner Entlassung gespart. Wie bereits erwähnt hatte ich keine Lust, nach einem Knastaufenthalt als Penner auf der Straße zu landen. Dafür hatte ich gespart, für einen ordentlichen Neuanfang. Das Wichtigste aber war nach der Entlassung immer ein Dach über den Kopf zu haben. In den 80er Jahren wehrte sich unser Anstaltsleiter noch vehement dagegen, den Gefangenen ein eigenes Fernsehgerät in der Zelle zu gestatten. Deswe­gen verlegte ich mich wieder aufs Lesen, um die langen Abendstunden und Wochenenden rumzubekommen. Im Knast kann man aber nicht nur aus Büchern etwas lernen. Wenn mal wirklich mal jemand unschuldig darin landet, was natürlich auch vorkommt, dann kommt er nicht mehr so unbedarft dort heraus, wie er hineingegangen ist. Tipps und Tricks hört man allenthalben, ob man will oder auch nicht. Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch! Thema Nummer Eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen. Nur all diese Schlaumeier saßen trotzdem alle im gleichen Boot, recitive im Knast. Das einzig Sinnvolle, was ich von dem Gehörten annahm, war, dass ich mir eine Samstagsausgabe der hiesigen Presse besorgte und mir eine Kontaktanzeige heraus suchte, die mir zusagte. Von da an hatte ich eine weitere Freizeitbeschäftigung. Ich hatte einen regen Brief-Ver­kehr. Sie haben schon ganz richtig gelesen, es war nicht nur ein profaner Briefwechsel. Man(N) gönnt sich ja sonst nichts – im Knast. Aus dem Brief-Verkehr wurde dann auch bald richtiger Ver­kehr. Im Rahmen der Strafvollzugsreform wurden geprüften Gefangenen schon Ausgänge, ja sogar Urlaub gewährt. Hatte man draußen eine unbescholtene Kontaktperson, umso leichter wurden solche Lockerungen gewährt. Aber nicht erst die Frau hatte mir diese Lockerungen ermöglicht. Mein 13 jähriger Sohn hatte seinem Heimleiter die „Pistole“ auf die Brust gesetzt und verlangt, dass er mit dem Boss vom Jugendamt reden wolle. Dort wurde mein Sohn gefragt, ob er das gut finde, seinen Vater im Knast zu besuchen. „Besser im Knast als überhaupt nicht sehen!“ hatte er darauf bestanden, mich besuchen zu dürfen. Ohne die geringste Ahnung zu haben, was mich erwartete, nahm ich die Unterbrechung meiner Arbeit hin, als es hieß: „Schulz! Sie haben Besuch!“. Ich wurde allerdings nicht in den eigentlichen Besuchsraum geführt, wo ansonsten die Gefangenen ihre Angehörigen oder Freunde empfingen, der natürlich überwacht wurde. I wo! Man führte mich in einen der Räume, wo eigentlich nur Rechtsanwälte sich mit ihren Mandanten zusammensetzten oder wenn die Kripo zu einer weiteren Vernehmung antanzte. Weder hatte ich einen Termin mit meinem Anwalt, noch konnte ich mir denken, dass die Kripo noch Interesse an mir zeigte. Vielleicht, und das schien mir am Wahrscheinlichsten, war es auch nur eine Verwechs­lung. Schließlich gab es unter den 1100 einsitzenden Gefangen fünf Mal den Namen Schulz. Das wusste ich, weil es schon oft vorgekommen war, dass Post vertauscht worden war. Schon auf dem Flur vor der Zimmertüre, erwartete mich ein freundlich grinsender Mann. „Sie sind Herr Schulz?“ damit reichte er mir die Hand, zog mich ins „Besucherzimmer“. Während er mich fragte, ob ich eine Ahnung hätte warum er mich sprechen wolle, stieß er die Türe ins Schloss. Daran zurück denkend bekomme ich noch heute einen ganz engen Hals. Hinter der Türe stand doch leibhaftig mein Sohn!

Es war keine Einbildung von mir, er war in diesem einen Jahr, um einen ganzen Kopf größer als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Mann vom Jugendamt hielt sich dezent zurück, während ich mit meinem Sohn händchenhaltend mir alles anhörte, was so aus ihm heraussprudelte. Unter Berufung auf einen Psychologen erreichte das Jugendamt, dass ich fortan mit meinem Sohn jeden Monat einen gemeinsamen Tag verbringen durfte. Für die ersten dreimal machte die Anstalt die Auflage, dass mein Sohn mich zwar am Sonntag vom Knast abholen durfte, aber nur in Begleitung eines Erziehers.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen.“

Ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass jeden Monat ein Erzieher seine Freizeit opferte, meinen Sohn nach Hannover brachte und sich an der Pforte auswies, dass er als Erzieher dazu berechtigt sei, mich zum Freigang abzuholen. Es musste für den Mann ziemlich nervend gewesen sein, den ganzen Sonntag mit mir und meinem Sohn in Hannover zu verbringen, während seine eigene Familie den Sonntag alleine zu Hause in Barsinghausen[2] saß. Weil nun aber mein Anlaufpunkt Barsinghausen war, welches außerhalb der 50 Km Grenze lag, bekam ich im Gegensatz zu den in Hannover Ansässigen 2 Stunden länger Ausgang. Das hieß, ich brauchte erst um 24 Uhr wieder in der Anstalt zu sein. Beim ersten Ausgang noch bat der begleitende Erzieher mich schon vor 22 Uhr zur Anstalt zurück bringen zu dürfen. Ich würde es hoffentlich verstehen. Eigene Familie und so. Natürlich wollte ich seine Freiwilligkeit nicht überstrapazieren. Zumal er ja noch den Jungen im Heim abliefern musste und fast eine Stunde Fahrt vor ihm lag. Der Erzieher hatte wohl den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie diese „Zwangsehe“ zu umgehen sei. Vor dem „Hotel zur silbernen Kugel“[3] parkte er auf dem weitentferntesten Parkplatz ein, machte mir folgenden Vorschlag.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen. Dafür hätten Sie auch heute im Laufe des Tages genügend Möglichkeiten gehabt. Sie waren ja nicht an mich angekettet. Wollen wir mal was testen? Sie gehen jetzt mal ganz alleine zur Pforte. Wenn man fragt, wo ihre Begleitperson ist, dann winken Sie mich heran. Lässt man Sie aber auch so ein, dann können wir es uns in Zukunft ersparen, dass ich Sie den ganzen Tag begleite. Und, Sie können Ihre Zeit bis 24 Uhr voll ausnutzen!“

Gesagt getan. Anscheinend schien man an der Einlasspforte immer nur froh zu sein, wenn alle Probanden pünktlich wieder eintrafen. Schon der Statistik wegen. Es gab immerhin Intuitionen [?], die nur darauf warteten, dass diese Art der Resozialisierung in die Hose ging. In den nächsten beiden Monaten kam ich zwar auch nur auf freien Fuß, wenn mich der ausgewiesene Erzieher mit meinem Sohn abholte, dann aber lenkte er sein Auto auch schon wieder nach Hause. Meinen Sohn brachte ich gegen 20 Uhr zum Zug und hatte dann noch einige Stunden ganz für mich alleine. Schrieb ich gerade alleine? Natürlich nahm ich die Gelegenheit wahr, meinen Brief-Verkehr etwas zu vertiefen. Was mich aber nicht davon abhielt, mich wieder pünktlich an meinen Bestimmungsort bringen zu lassen. Mit dem Taxi fuhr ich direkt bis vors Fenster der Eingangspforte. Bloß, diesmal fragte mich doch der Beamte, wo denn meine Begleitperson sei. Das war aber ein hundertprozentiger. „Wie? Sie sind der Erste der danach fragt. Haben Sie nicht gesehen dass im Taxi hinten noch jemand saß? Er hatte keine Lust zu warten, er hat mich doch hier korrekt abgelie­fert und mich reingehen sehen. Hat somit seine Pflicht erfüllt. Aber wenn Sie wollen, können wir ja herausfinden, welches Taxi mich hergebracht hat und es nochmal herkommen lassen!“ Meine Unruhe konnte ich ganz gut verbergen und trat so selbstbewusst auf, wie es unter diesen Umstän­den eben ging. Dem Beamten schien meine vorgebrachte Erklärung plausibel zu klingen, was ihn aber nicht davon abhielt, mich ins Röhrchen pusten zu lassen. Auf dem Ausgangsschein war nämlich der fettgedruckte Vermerk: „Alkohol und Drogenverbot!“ Ich hatte etwas Besseres zu tun gehabt, als mich mit Alkohol zu betäuben. Drogen kannte ich bis dato nur dem Hörensagen nach.

Eigentlich hätte ich ja nach drei korrekt abgewickelten Ausgängen Anspruch auf Urlaub gehabt. Doch dagegen hatte mein Abteilungsleiter sein Veto eingelegt. Er konnte es nie überwinden, dass ich mal eine Beschwerde gegen ihn an die Strafvollstreckungskammer geschrieben hatte, worauf­hin er sich rechtfertigen musste. Was wiederum seiner Personalakte nicht gut tat. Kurz bevor ich zu der Konferenz gerufen wurde, wo alle wichtigen Leute saßen, die darüber zu entscheiden hatten, ob mir nun Urlaub gewährt werden könnte, hatte ich beim Stationsbeamten schon nach eingehen­der Post gefragt. Ja, für mich war ein Brief dabei. Mein beleidigter Abteilungsleiter hatte schon längst das übrige Gremium davon überzeugt, dass ich noch nicht für einen Urlaub geeignet sei. Am runden Tisch, direkt neben dem Anstaltsleiter sitzend, verkündete mir der Sicherheitschef der Anstalt das Ergebnis der Abstimmung dieser Runde. Nämlich das mein Urlaubsgesuch abgelehnt sei. „Ach, wissen Sie, ihr Urteil tangiert mich nur peripher,“ sagte ich, dabei den schadenfroh grinsenden Abteilungsleiter ganz bewusst ins Auge fassend, und reichte dem Anstaltsleiter neben mir einen blauen Brief, wie er von der Justiz verwendet wird, hin. Es war eben jener Brief, den ich kurz zuvor von meinem Stationsbeamten erhalten hatte. Den Brief hatte der Staatsanwalt geschrieben. Darin verfügte er das Herrn Dieter Schulz vom……bis zum…… Haftunterbrechung gewährt wurde. Das schadensfrohe Grinsen meines Abteilungsleiters war seinem Gesicht entglitten. Eher schon funkelte Hass in seinen Augen. Aber gegen den Staatsanwalt kam er nicht an. Nach­dem ich auch die siebentägige Haftunterbrechung nicht missbraucht hatte, mich außer wie schon bei meinem eigentlichen Haftantritt als Selbststeller resozialisierungswillig gezeigt hatte, verfügte die Strafvollstreckungskammer das mir von nun an auch ein Regelurlaub zustehe. Pünktlich, ohne dass ich einen Antrag schreiben musste wie noch 1970, wurde ich zum Gericht gerufen, wo darüber entschieden wurde, ob meine Prognose gut genug sei, um nach Verbüßung von zweidrittel meiner Haftstrafe vorzeitig entlassen zu werden. Der mich anhörende Richter wollte bei meiner Anhörung auch meine Brieffreundin dabei haben. Ja, auch solche Nebensächlichkeiten waren in meinem Führungsbogen vermerkt. Natürlich wollte auch sie, dass ich so schnell als möglich für immer in ihrer Nähe sei. Vor kurzem war ihr jüngster Sohn in den Ehestand getreten und somit war ein Zimmer in ihrer Wohnung frei. Die Entscheidung des Gerichts passte meinem Abteilungsleiter zwar überhaupt nicht, musste sich aber fügen. So wurde ich dann am 10. Oktober 1986 mit einer Reststrafe von 11 Monaten und zehn Tagen entlassen.

Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte.

Im Laufe der Jahre ging es auf dem Arbeitsmarkt immer enger zu. Das Arbeitsamt arbeitete inzwischen mit einem Computer. Zum einen wurde darin vermerkt, dass ich die letzten beiden Jahre im Knast verbracht habe, zum anderen auch, dass ich mangels fahrbaren Untersatzes nicht gerade beweglich war. Mir kam es vor als sei der Beruf des Kellners inzwischen ausgestorben. Ich durfte, nein musste mich alle drei Monate beim AA vorstellen, bekam aber nicht eine einzige Stelle zugewiesen. Nichtsdestotrotz wollte ich nicht untätig bleiben und von mageren knappen 1000 Mark im Monat leben. Zumal meine neue Braut auch nicht gerade auf Rosen gebettet war. Hatte sie doch bei einem teuren Autokauf bei ihrem Ex-Mann gebürgt. Der hatte sich als unpfändbarer Frührentner aus der Affäre gezogen und seiner Frau die Schulden überlassen. Zwar hatte sie schon seit 17 Jahren einen festen Job bei einer Firma, verdiente auch gar nicht so schlecht im Schicht­dienst, trotzdem blieb ihr nur das Geld, was die Pfändungsgrenze ihr übrig ließ. In ihrer Wohnung war alles pikobello sauber, aber die alten Möbel waren eher für den Sperrmüll geeignet. Daran hätten sich die Türken noch nicht einmal vergriffen. Die Frau ging arbeiten, Schulz saß zu Hause? Kam gar nicht in Frage. Ich war doch kein Zuhälter!

Am 10ten Oktober mit knapp 2000 Mark entlassen, hatte ich zu Weihnachten wieder ein Auto vor der Türe stehen. Zwar nur ein kleiner Polo, aber ein Auto. Ein Auto brauchte ich aber auch. Wollte ich mich bei meinen Londonreisen nicht immer nur mit 5-6000 Münzen abrackern.

Lieber Leser, Du ahnst wohl schon dass ich wieder rückfällig geworden bin? Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte. Nur, ich mied natürlich die Stadt Hannover. Wäre auch nur eine einzige Anzeige bei der Polizei eingegangen, dass wieder ein Auto­mat mit englischen Münzen gefüttert worden wäre, wären die Bullen sofort bei mir eingeflogen. So verlegte ich dann mein Betätigungsgebiet abwechselnd zwischen Kassel, Dortmund, Düsseldorf und weitere Städte. Am liebsten aber fuhr ich nach Berlin. Diese Stadt bzw. deren Hauswände waren regelrecht mit Automaten gepflastert. Alle paar Meter eine Kneipe mit jeweils zwei Spielauto­maten. Hatte ich beim ersten Mal noch ein Pensionszimmer für eine ganze Woche gebucht, so genügten danach ganze 5 Tage. Da war ich auch schon meine gesamten 20.000 Münzen los. Dafür durchstreifte ich aber auch jeden Tag 16-18 Stunden die Berliner Straßen. Ich holte mir bei der Post die fertigen Pakete wo, ganz genau 222 Schachteln Zigaretten reinpassten. Jeden Morgen brachte ich solch ein Paket zur Post. Sobald alle Münzen verarbeitet waren, fuhr ich nach Hanno­ver. Dort stapelten sich schon die Pakete. Diverse Kioskbesitzer und private Freunde warteten schon sehnsüchtig auf die verbilligten Zigaretten.

Fußnoten

[1] Ein Tipp von Dieter Schulz: Übrigens, auch jetzt gibt es wieder in einem entfernten Land wertgleiche, aber viel viel billigere, 2-€ Münzen. Es sollte ja auch noch eine ganze Weile dauern, bis auch in die Zigarettenautomaten 5-Mark-Oere-Münzen passten. Aber da war ich schon längst im Bau. Nur so aus Spaß erwarb ich mal bei einem Fernfahrer 20 5-Oere Stücke. Und siehe da, auch damit konnte man eine gute Mark machen.

[2] Barsinghausen ist eine Stadt in der Region Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Barsinghausen

[3] Euphemismus für die JVA in Hannover. Benannt nach dem nahegelegenen silbrigen, kugelförmigen Gasbehälter. Für Uneingeweihte missverständlich, die dann nach Aufklärung auch noch falsche Herleitungen angeben: https://www.thieme.de/viamedici/klinik-faecher-neurologie-1538/a/der-patient-aus-der-silbernen-kugel-33065.htm

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Willkommen, Arbeit macht frei!

Das KZ von Bethel mit Anstaltsgottesdienst hieß Freistatt. Noch 23 Tage können Sie in der arte-Mediathek die bigotte Vergangenheit von Bethel nacherleben: http://www.arte.tv/guide/de/048779-000-A/freistatt .[1] Ziehen Sie mit den Moorsoldaten und ihren Spaten ins Moor und erleben Sie mit den geschundenen Zöglingen einen zu Herzen gehenden Weihnachtsgottesdienst: o du fröhliche!

Heute ist Bethel natürlich ganz anders. Bethel im Norden nennt es sich nun und »hat starke Wurzeln. Die Diakonie Freistatt und der Birkenhof können sich jeweils auf eine über 100 Jahre alte Geschichte stützen. Wir in Bethel im Norden setzen auf diese festen Wurzeln auf und entwickeln eine gemeinsame christliche Identität, um ein starker Partner zu sein, der die Herausforderungen der Zukunft annimmt.«[2]  Das ist doch ein Angebot.

Über Bethel heute lesen wir heute in der FAZ unter der Überschrift Ausgerechnet in Bethel »„Für Menschen da sein“, so lautet das Motto der Stiftung, von der viele sagen, sie habe mit ihrem Tak­tieren auf dem Rücken der Menschen ihren Haus­halt sanieren wollen. „Von denen kann man in Sachen kaltblütigem Verhandlungsgeschick noch was lernen“, sagt ein an der Sache nicht be­teiligter Beamter im Düsseldorfer Schulministerium.« [3]

Zur Vergangenheit von Bethel sei empfohlen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/05/10/jetzt-wissen-wir-wer-schuld-ist-allein-der-bose-staat/

Eine sehr differenzierte, geradezu decouvrierende  Würdigung der Forschungsergebnisse zu Freistatt finden Sie hier: freistatt_kappeler

Fußnoten

[1] Film – 98 Min. – 58802 Aufrufe.

[2] http://www.bethel-im-norden.de/ueber-uns.html

[3] FAZ, Donnerstag, 26. Januar 2017, S. 6

Hol mich aus dieser Hölle raus!

Posted in Kinderheime, Kindeswohl, Pädagogik by dierkschaefer on 3. September 2016

Aus Julias Tagebuch.

Namen von Erziehern/Therapeuten wurden abgedeckt.

 

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/02/rechtsanwalt-mit-biss-gesucht-familien-und-betreuungsrecht/

Écrasez l’infâme! – Hasskommentare meinem Blog

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, kirchen, Theologie by dierkschaefer on 27. Juli 2016

An der Kirche darf man kein gutes Haar lassen. Wer sie als infam erlebt und erlitten hat, wird Voltaire[1] auch ohne philosophischen Hintergrund zustimmen.

Darum lösche ich Hasskommentare meist nicht.

 

  • Ich habe gelernt, dass Hass unter Umständen nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt ist.[2]
  • Die meisten Kommentatoren mit hate-speech im Blog haben verständliche Gründe für ihren Hass.
  • In der Regel wird nicht zu strafbaren Handlungen aufgerufen– falls ja, wird gelöscht.
  • In der Regel werden einzelne Personen nicht diffamiert, aber heftigst und begründet  kritisiert– pure Diffamierungen werden gelöscht.

 

Aber die Kommentatoren müssen es erdulden, dass ich zuweilen mit Differenzierungen antworte, obwohl ich es eher für chancenlos halte, damit Meinungsänderungen zu versachlichen, hieß es doch zu einem Beitrag pauschal ablehnend: »Es ist die Mühe nicht wert, Ihren PR-Artikel ernsthaft zu zerlegen.«[3]

 

  1. Der Hass gilt meist besonders den Kirchen und ihren Einrichtungen, denn dort wurden die traumatischen Erfahrungen gemacht und viele Lebensläufe nachhaltig geschädigt. Die Kirchen waren auch am großen Betrug am Runden Tisch beteiligt, ein Komplott zur Verhinderung von Entschädigungsforderungen der ehemaligen Heimkinder.[4] Dass das deutsche Entschädigungsrecht insgesamt eher abweisend und versicherungs­freund­lich ist, entschuldigt die Kirchen nicht. Sie könnten ja anders, wenn sie wollten.
  2. An diesem Komplott waren nicht nur die Kirchen beteiligt, sondern auch die Bundes­länder. Sehr aufschlussreich war das Verhalten des Ländervertreters bei der Vorstel­lung des Zwischenberichts vom Runden Tisch. Dies entschuldigt die Kirchen nicht, sie segelten bequem und wohl in der Selbsteinschätzung moralfrei im Kielwasser der Länder. Doch auf die Kirchen lässt sich leichter einschlagen als auf die Länder, weht ihnen doch ohnehin der Säkularwind ins Gesicht.
  3. Die Schlacht gegen die Kirchen und ihre Einrichtungen wird ausgedehnt auf die heu­tigen Einrichtungen von Diakonie und Caritas. Das ist eine Generalisie­rung der Hassgefühle.Was wird moniert? Dass diese Einrichtungen mit den Hilfebedarfen der Menschen Geld verdienen – und (zum Teil) nicht leisten, was zu ihren bezahlten Aufgaben gehört. Solche Vorwürfe sind nach meiner Erfahrung oft durchaus berechtigt, bedür­fen aber der Aufklärung im Einzelfall. Aber auch hier wird nicht gesehen, dass alle sozialen Einrichtungen, auch die „weltlichen“ in gleicher Weise angreifbar sind.[5] Dass Dienstleistungen Personal erfordern und Geld kosten, wird nicht immer anerkannt.[6] Auf jeden Fall, meinen manche, sollten die Kirchen nicht für EUR, sondern für „GL“ arbeiten, für Gotteslohn. Zugleich wird aber das kirchliche Arbeitsrecht moniert und es werden gewerkschaftsverhandelte Tarife eingefordert.[7] + [8]
  4. Es wird nicht zugestanden, dass große Organisationen, und zwar alle, schon aus Gründen des Selbsterhalts wirtschaftliche Interessen verfolgen und Strukturen haben, die machtgeprägt sind. Zurecht wird beklagt, dass das Leitbild oft nur PR ist, compliance[9] nicht ernst gemeint und der Einzelfall nicht zählt. Ich will jetzt nicht all die großen Firmen auflisten, die in der letzten Zeit durch hoch­kriminelle Machenschaften aufgefallen sind – und wer sich bei Interessenver­bänden umschaut und dort mit einfachen Beschäf­tig­ten spricht, wird erfahren, dass es auch dort – wenn auch nicht unbedingt kriminell zugeht, es aber doch auch in negativer Weise menschelt. Haben Sie schon einmal versucht, berechtigte Forderungen bei Ihrer Versicherung durchzusetzen? Die spricht aber gern von der „Versichertengemeinschaft“.[10] Dies alles entschuldigt die Kirchen nicht, zeigt, dass auch sie ein „weltlich“ Ding sind, keine „heilige Kirche“[11]. Selbst Kardinal Lehmann sprach von der Sündigkeit der Kirche[12], für einen Katholiken, noch dazu in diesem Rang, ein „unerhörtes“ Eingeständnis.
  5. Thema sind auch immer wieder Zwangsmitgliedschaft und Kirchensteuer »Die Trennung von Kirche und Staat wird nicht gelebt hinsichtlich der Zwangseintreibung der Kirchensteuern.«[13] Ich kann es nicht mehr hören. Niemand muß Mitglied bleiben, jeder kann austreten. Allenfalls Beschäftigte im Sozialbereich haben Grund zur Klage. Bei der starken Marktstellung der kirchlichen Sozialkonzerne muss mancher wider Willen Mitglied bleiben oder werden. Wie ist das mit anderen geschriebenen oder ungeschriebenen Verpflichtungen? Bei einer Gewerkschaft beschäftigt, aber kein Mitglied? Bei VW arbeiten und Opel fahren? Ich vermute, dass ADAC-Mitarbeiter dort auch Mitglied sind. Man muss schon dazu stehen – was im Einzelfalle wurmt und Geld kostet. Und die Zwangstaufe? – oft verbunden mit der Beschneidungsdebatte. Klar, kleine Kinder werden getauft. Das können sie im Gegensatz zur Beschneidung rückgängig machen: sie können einfach austreten.[14] Die Austrittsgebühren? Ich habe Anfang des Jahres einem meiner Kinder selbstverständlich die Gebühren erstattet nach dem Prinzip der Verursacherhaftung. Damit auch der Punkt der Kirchensteuererhebung klar ist: Was manche nicht wissen wollen: Die Kirchen zahlen für den Service des Staates, und zwar mehr, als es ihn in Zeiten der elektronischen Datenverarbeitung kostet. Wie gesagt: Ich kann die Jammerei nicht mehr hören.
  6. Nicht zu den Hasskommentaren gehören weltferne Träumereien. Sie sollen aber hier genannt werden. So fordert ein Kommentator mehrfach, Kinderheime sollten abge­schafft werden. Kinder gehörten in Familien oder allenfalls in ein SOS-Kinderdorf. Klar, wer damals in einem Kinderheim war, ist gebranntes Kind. Auch in Familien gibt es gebrannte Kinder, die darum – meist aus gutem Grund – „in Obhut“ genommen werden. Das geht zuweilen nicht gut. Jugendämter arbeiten nicht immer evidenz­basiert. Da gibt es viel sachlich zu kritisieren. Aber die Betreiber von Einrichtungen haben ihren Bereich in unverschämter Weise rechtlich gut abgesichert – eine inhaltliche Fachaufsicht ist kaum möglich.[15] Auch Jugendämter haben keine Fachaufsicht. Dennoch: Wohin mit Kindern und Jugendlichen, deren Wohl in ihrer Familie gefährdet ist? Das Arbeits(zeit)modell der SOS-Kinderdörfer ist sicherlich kinderfreundlich. Doch es gibt bestimmt nicht genug „Kinderdorfmütter“ (neuerdings dürfen sie auch einen Partner haben) für diese entsagungsreiche Aufgabe. Ohnehin lohnt ein Blick ins Internet.[16] Bleiben noch die Pflegefamilien, doch die sind nicht immer besser als die Herkunftsfamilien der Kinder.[17]

 

Was die Kirchen an den Heimkindern verbrochen haben, hat auch eine theologisch zu fassende Problematik. Der Homo incurvatus in se ipsum, „der auf sich selbst verkrümmte Mensch“, ist eine prominente Formel der christlichen Theologie. Sie kennzeichnet die Selbstbezogenheit des Menschen anstelle von Gott- und Nächstenbezogenheit als das Wesen der Sünde.[18] Als Selbstbezogenheit ist auch als eine geradezu manische Bezogenheit auf die eigene Vergangenheit zu sehen, über die viele ehemalige Heimkinder nicht hinwegkommen. Diese Sünde ist den Kirchen und ihren Tätern anzulasten, nicht ihren Opfern.

Aber ich habe den Eindruck, unseren Kirchenvertretern ist das schnurzegal.

[1] Unter dem „Infamen“, dem Niederträchtigen, dem Schimpflichen, das es zu zerschmettern galt, verstand der Aufklärer Voltaire das inquisitorische „Bündnis von Thron und Altar“, die Verschmelzung von „Dogma und Schwert“. Voltaires Signatur «écrasez l’infâme» wird zum Fanal des vorrevolutionären Feldzugs der Aufklärer für Meinungsfreiheit, Rede- und Publikationsfreiheit, Toleranz und Humanität. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89crasez_l%E2%80%99inf%C3%A2me

[2] http://www.gottes-suche.de/7.2.1.Rezension%20Pfarrer%20Sch%C3%A4fer.html

[3] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/03/der-runde-tisch-heimerziehung-ein-von-beginn-an-eingefadelter-betrug/

[5] Nur beispielsweise sei auf den Fall Heinisch verwiesen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/24/nur-ein-fall-von-meinungsfreiheit/

[6] Auch andere Sozialeinrichtungen erhalten öffentliche Mittel und die Spenden können von der Steuer abgesetzt werden. Beispiel: „Laut den Leistungsberichten der beiden deutschen SOS-Vereine beliefen sich die Einnahmen im Jahr 2012 wie folgt: SOS-Kinderdörfer weltweit:[6] 130 Mio. Euro, SOS-Kinderdorf Deutschland:[7] 119 Mio. Euro aus Spenden, Nachlässen etc., plus 103 Mio. Euro aus Öffentlichen Mitteln.“ https://de.wikipedia.org/wiki/SOS-Kinderdorf#

[7] Wer sich echauffieren will, sollte sich sachkundig machen: https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsrecht_der_Kirchen

[8] »Die Seminargebühren von Sonntag bis Mittwoch: 600,- Euronen. Ich wollte, ich hätte diese Tagessätze für die Opfer aus den Rippen der Täternachfolger herausschlagen können. Die Diakonie. Ich kann das Wort nicht mehr hören, ich habe die Schn..ze voll von dem elenden Heuchelverein, der immer noch ganz groß im Geschäft mit den Hilflosen ist – und schamlos das macht, was sie immer machte; abkassieren!« Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/19/mit-leib-und-seele-eine-pilgerreise-zu-den-wurzeln-der-pflegediakonie/

Doch nun mal Butter bei die Fische. Drei Übernachtungen im Einzelzimmer mit Sanitäreinrichtung, dazu für zwei Tage Vollverpflegung plus Tagungsprogramm sind nicht billiger zu haben. Für solche Angebote gibt es keine öffentlichen Mittel und sie sind mehrwertsteuerpflichtig. Kürzlich traf ich eine ehemalige Kollegin aus der Boller Akademie. „Ich schicke euch keine privaten Übernachtungsgäste mehr,“ sagte ich, „Ihr seid zu teuer.“ Sie konterte: „Unsere Beschäftigten werden nicht nach dem Gastronomietarif entlohnt. Wir zahlen ordentlich.“ Und ich erinnerte mich: In der Akademie bekam eine Halbtagsmitarbeiterin fast so viel, wie ihr Mann, der in einem nahegelegenen Hotel arbeitete.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Compliance_(BWL)

[10] »Die EKD ist ein kommerzielles Großunternehmen wie Siemens, Mercedes oder andere auch. Hier geht es um den Profit und nur um den Profit und nichts anderes! Vom deutschen Staat nehmen Ja, aber es auch für all jene Zwecke zu verwenden wie von diesen Herren aufgezählt, bleibt für jeden normal denkenden Bürger zweifelhaft.«

Die kirchlichen Haushalte werden ebenso wie die staatlichen offen ausgelegt. Es gibt Tricks, in Limburg wie auch bei Staats. Dafür sind Rechnungsprüfer da.

[11] »Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammes­idiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt – der ideale Nährboden für Schweigekartelle und WagenburgmentalitätDies schreibt Friedrich Wilhelm Graf.  Er schreibt weiter: »Die Kirchen sind hoch narzisstisch und fortwährend auf sich selbst fixiert. Es fehlt ihnen zunehmend an überzeugendem Personal, speziell an gebildeten Führungskräften, sieht man einmal von Karl Kardinal Lehmann und Wolfgang Huber ab. Sie kennen keine diskursive Kultur des offenen argumentativen Austrags interner Konflikte. In Tausenden von Ausschüssen, Kommissionen, Kammern und beratenden Gremien wird viel geredet, aber nichts gesagt und noch weniger verbindlich entschieden. Die eitle Neigung, sich zu allem und jedem zu Wort zu melden, unterminiert die religiöse Glaubwürdigkeit.« http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E1B34F6F7FBC44C9EBB2877C9A10ACA36~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.html zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[12] Und eines ist ganz neu: Er spricht nicht nur von über Heiligkeit der Kirche, sondern auch von ihrer und Sündigkeit. Zitiert nach: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/04/01/symbolhandlungen-und-ihre-glaubwurdigkeit-%e2%80%93-und-die-opfer-zweiter-klasse/

[13] Kommentar zu https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/04/21/sechs-jahre-brauchte-die-ekd-um-herrn-frerk-kompetent-zu-antworten/

[14] »Aus theologischer Sicht gibt es eigentlich gar keinen Kirchenaustritt. Das bedeutet, wer getauft ist, der bekommt damit ein unauslöschliches Prägemal, das auch nicht wieder auszuwischen ist. Selbst wenn man exkommuniziert ist, bleibt man eigentlich katholisch.« https://www.domradio.de/themen/glaube/2016-07-19/eine-erklaerung-der-exkommunikation-der-katholischen-kirche  Da es eine theologische Sicht ist, wird diese dem Austretenden schnurzegal sein.

Laut dem Humanistischen Pressedienst (hpd) ist allerdings eine „Enttaufung“ möglich: http://hpd.de/node/10444. Das hat mich sehr amüsiert. Denn wer den „Debaptiser 2010 / erisgeengod“, ein simpler Haarfön, (Photo beim hpd), erwirbt und meint, damit Gottes Segen unwirksam machen zu können, braucht schon einen festen Glauben.

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

[16] Erfahrungsberichte von Mitarbeitern: mangelndes Leadership, Mitarbeiter motivieren sich selbst! https://www.xing.com/companies/soskinderdorf/reviews , http://www.eltern.de/foren/jobsuche-bewerbungstipps/819890-sos-kinderdorfmutter-vater.html

[17] Es sei ein Urteil in Erinnerung gerufen, das Rechtsgeschichte geschrieben hat.[17] Wegen Paparazziphotos wurden Alexandra, der Tochter der Prinzenfamilie aus Monaco, 76.693,78 Euro zugesprochen. Die kleine Prinzessin hatte klagemächtige Eltern. [http://www.shortnews.de/id/456280/Tochter-von-Caroline-von-Monaco-erhaelt-hohe-Summe-Schmerzensgeld zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016] Die hatte Andreas aus dem Rems-Murr-Kreis nicht. In seiner Pflegefamilie wäre er fast verhungert, so wie sein Bruder. In zweiter Instanz wurden ihm 25.0000 Euro Schmerzensgeld zuerkannt. [http://www.spiegel.de/panorama/haft-sie-liessen-ihr-pflegekind-verhungern-a-29389.html http://www.sueddeutsche.de/panorama/urteil-misshandeltes-pflegekind-erhaelt-schmerzensgeld-1.923588 zuletzt aufgerufen: Sonnabend, 9. Juli 2016]

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Incurvatus_in_se

Ein Kind — totgeschlagen

Posted in Bürokratie, Justiz, Kindeswohl, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 16. September 2015

Die Liste der Leidensstationen des kleinen Alessio lesen wir im Südkurier[1]:

  • Juli 2013: Alessio, damals zwei Jahre alt, wird zum ersten Mal in der Uniklinik Freiburg behandelt. Die Ärzte setzen sich mit dem Kinderschutzzentrum in Verbindung. Das Jugendamt leitet daraufhin ein Kinderschutzverfahren ein.
  • Juli 2014: Erneute Einlieferung in die Klinik. Die Ärzte diagnostizieren blaue Flecken, Einblutungen ins Gehirn und einen Bluterguss am Hodensack. Sie stellen daraufhin Anzeige gegen Unbekannt und fordern das Jugendamt auf, Alessio nicht in die Familie zurückkehren zu lassen.
  • August 2014: Die Kinder und ihre Mutter werden vom Vater getrennt. Das Jugendamt ordnet an, dass Alessio alle 14 Tage vom Kinderarzt kontrolliert werden muss.
  • Oktober 2014: Mit Zustimmung des Jugendamts lebt die Familie wieder zusammen, aber unter Auflagen: Familientherapie, Mutter-Kind-Kur, weitere regelmäßige Kontrollen durch den Kinderarzt – die letzte erfolgt Ende Dezember 2014.
  • Januar 2015: Alessio stirbt beim Kinderarzt. Der Stiefvater hat ihn selbst dorthin gebracht.

Mehrere andere Medien berichten über Kritik am Jugendamt. Es soll Warnungen ignoriert und Alessio nicht ausreichend geschützt haben. Obwohl Kinderärzte und Staatsanwälte davor warnten, habe die Behörde den kleinen Alessio in der Familie und allein beim Stiefvater gelassen, als die Mutter zur Kur und später in einer Klinik war. Nachdem mehrere Bürger Anzeige erstattet haben, ermittele die Staatsanwaltschaft wegen möglichen Behördenversagens.“[2]

Nun steht der Vater vor Gericht[3]. So wie es aussieht, gehören auch die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes dort hin, sowohl straf- wie auch zivilrechtlich. Dabei kann es nicht darum gehen, den Tod des kleinen Alessio zu „rächen“. Wir brauchen vielmehr ein deutliches Zeichen, dass Fahrlässigkeit von Jugendämtern einschneidende Folgen für die Verantwortlichen hat. Nur dann wird sich etwas ändern.

Zufällig stoße ich heute auf einen Beitrag zur Kontrolle von Polizisten[4]. „Quis custodit custodes?“ – „Wer überwacht die Wächter?“ heißt es dort. Und weiter: „In Deutschland liegt das Gewaltmonopol beim Staat. „Gewaltmonopol“ bedeutet, dass ausschließlich staatliche Organe physischen Zwang ausüben dürfen und dass jede Form der Selbstjustiz durch Bürgerinnen und Bürger verboten ist. Der zentrale Akteur des staatlichen Gewaltmonopols ist die Polizei. Sie hat den Auftrag, öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Aber wer überwacht eigentlich die Polizei? Und wie kann sichergestellt werden, dass diejenigen, die den Gesetzen Geltung verschaffen sollen, dies auch angemessen tun?“

Jugendämter haben zwei Funktionen. Neben den Dienstleistungen steht auch die des Wächteramtes für das Kindeswohl, also die Eingriffsbefugnis, die im Fall der akuten Bedrohung des Kindeswohls eine Eingriffspflicht ist. Eltern erleben solche Eingriffe als Gewalt, die zuweilen nicht gerechtfertigt sein mag. Doch auch diese Form staatlicher Gewalt muss kontrolliert und sanktioniert werden – ebenso auch das Unterlassen eines ausreichenden Kinderschutzes, wie wohl im Fall von Alessio.

Doch Jugendämter unterliegen keiner Qualitätskontrolle, sie haben keine Fachaufsicht. Das ist ein unhaltbarer Zustand in einem Rechtsstaat, dessen Tun und Lassen rechtliche Konsequenzen haben muss.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Auch Jugendamtsmitarbeiter sind nicht unfehlbar. Entscheidungen gerade in Kinder- und Jugendlichenangelegenheiten können sich als falsch erweisen. Doch sie müssen „nach bestem Wissen und Können“ getroffen sein. Ich habe nicht den Eindruck, dass dies im Fall Alessio der Fall war.

[1] http://www.suedkurier.de/nachrichten/baden-wuerttemberg/Prozess-im-Fall-8222-Alessio-8220-beginnt-in-Freiburg-Stiefvater-des-getoeteten-Jungen-gesteht-Schlaege;art417930,8153792

[2] http://www.swr.de/landesschau-aktuell/bw/teilgestaendnis-vor-landgericht-freiburg-stiefvater-von-alessio-gesteht-brutale-schlaege/-/id=1622/did=16157858/nid=1622/8klh26/ http://www.focus.de/panorama/dreijaehriger-starb-qualvoll-er-pruegelte-den-kleinen-alessio-zu-tode-stiefvater-legt-ein-gestaendnis-ab_id_4948461.html http://www.bild.de/regional/stuttgart/prozess/vater-legt-gestaendnis-im-fall-alessio-ab-42583098.bild.html

[3] Man lese den Bericht im Südkurier: Die immer wiederkehrende Gewaltgeschichte; schon die Eltern waren Opfer und machen die Kinder wieder zu Opfern. Das Versagen des Kinderschutzes geht von Generation zu Generation.

[4] http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/innere-sicherheit/201425/kontrolle-der-polizei

Es geht nicht um die Kinder.

Posted in Bürokratie, Erlebnispädagogik, Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik by dierkschaefer on 3. Juli 2015

Jugendamt Gelsenkirchen: Die Stadt habe ganz genau gewusst, was Herr Frings da in Ungarn tut, sagt sein Anwalt. »Zusammen mit dem ehemaligen Jugendamtsleiter Wissmann war er an einem Kinderheim und einem Reiterhof dort beteiligt. Durch Mauschelei sollen sich beide finanziell bereichert haben. Frings und Wissmann hätten ihre Nebentätigkeit aber ganz normal bei der Stadt angemeldet – diese habe dann alles genau geprüft und weitgehend gestattet«[1].

Die Kündigung der beiden ist strittig. Im Oktober geht die Verhandlung vor dem Gelsenkirchener Arbeitsgericht weiter.

Was auffällt: Es geht im Geld, um das Geld der Stadt und um das Geld der Gekündigten. Es geht nicht um die Kinder. Wann und wo wird es um die Kinder und ihre Behandlung durch die Gelsenkirchener Jugendhilfe gbehen?

[1] http://www.radioemscherlippe.de/emscher-lippe/lokalnachrichten/lokalnachrichten/article/-218859530a.html

Mehr zum Fall:

https://dierkschaefer.wordpress.com/category/heimkinder/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/10/allein-aus-nrw-247-kinder-und-jugendliche-in-22-landern-untergebracht-mehr-oder-weniger-uber-den-ganzen-globus-verteilt/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/05/heimspiele-zweier-jugendamter-und-ihre-auswartsspielereien/

http://www.welt.de/regionales/nrw/article140976111/Wenn-Schutzbefohlene-in-Faenge-der-Fuersorge-geraten.html

http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/mit-kindern-kasse-machen-heimkinder-104.html

Alle Vorgaben eingehalten? #Kinderrechte und der Fall Gladbeck

Posted in Erlebnispädagogik, Gesellschaft, Kinder, Kinderheime, Kinderrechte, Pädagogik by dierkschaefer on 27. Juni 2015

Eine intensivpädagogische Maßnahme mit Unterbringung im Ausland und mit intensiver pädagogischer Begleitung ist zuweilen eine Art letztes Mittel, um einem Jugendlichen die sozialen Überlebensregeln zu vermitteln. Dazu gehört auch der Entzug von Sicherheiten, die wir für normal und berechtigt halten. Das aber immer unter der Voraussetzung einer intensiven pädagogischen Begleitung, das heißt oft: ein Pädagoge und ein Jugendlicher. Strukturell gleicht ein solches Setting einer geschlossenen Unterbringung und muss – müsste! – vom Vormundschaftsgericht erlaubt werden.

Das ist aber selten der Fall. So gibt es viele Segeltörns oder ungarische/polnische Bauernhöfe, die zuweilen auch ohne jede Fachpädagogik sozial unterlegte Pubertätsschwierigkeiten beenden. Doch wer sich allein darauf verlässt, handelt verantwortungslos.

Diese Maßnahmen sind in Verruf geraten. Ich hörte von Fällen, in denen nicht klar war, ob da ein Pädagoge mit einem Jugendlichen durch Sibirien wandert, oder ob der Jugendliche die Führung übernommen hat. Es gibt lustige Segeltörns, klimatisch begünstigte Aufenthalte in Mittelmeerländern und karge Bedingungen auf östlichen Bauernhöfen. Die Maßnahme allein soll’s bringen.

Als Problem kommt die Arbeitsleistung hinzu. Gewiss kann es persönlichkeitsfördernd sein, sich mit anderen gemeinsam als tatkräftiges Team auf einem Bauprojekt zu erleben, besonders wenn dieses Projekt auch noch einen sozialen Anstrich hat. Doch wem gehört nach Projektende das fertiggestellte „Produkt“? Bleibt es gemeinnützig oder hat man einem Aussteiger-Pädagogen-Pärchen die Hütte gerichtet?

Die Vorgaben seien im Fall Gladbeck eingehalten worden[1]. Doch wie die waren, wurde nicht öffentlich gesagt.

Außerdem wissen wir dank des Gutachtens einer Hamburger Kanzlei[2], dass freien Trägern überhaupt keine Vorgaben gemacht werden dürften und die Heimaufsicht eine rein formale zu sein hat.

Immerhin könnte man – rein formal – nachfragen, ob das Vormundschaftsgericht eingeschaltet wurde.

[1] http://www.derwesten.de/staedte/gladbeck/ungarn-bericht-nicht-oeffentlich-vorgelegt-id10823397.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Kommt in Gelsenkirchen nun Butter bei die Fische?

Posted in Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik by dierkschaefer on 12. Juni 2015

Sieht nicht danach aus. Eher nach undurchdringlichem Filz.

So wird es wohl keine Klarheit geben über die finanziellen Verknüpfungen von Jugendamtsleitung[1] und ihren Jugendhilfe-Maßnahmen im Ausland, dann dem Kinderheim St. Josef, dem Kinderschutzbund Gelsenkirchen und – wie wir nun sehen – der SPD und dem Gelsensport.[2]

Ob da jemand durchsteigt – oder wenigstens durchsteigen will?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/17/wer-kontrolliert-jugendamter-und-kinderheime/

[2] http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/die-politische-aufarbeitung-beginnt-id10769649.html?onepage=true

Großzügigkeit eines Jugendamtsleiters

Posted in Deutschland, Ethik, Gesellschaft, heimkinder, Politik by dierkschaefer on 13. Mai 2015

Wie eine Welle erfasst der Fall nun mehrere Institutionen.

Posted in heimkinder, Pädagogik by dierkschaefer on 9. Mai 2015

Und auch die SÜDDEUTSCHE hat’s erfahren. In Bayern ist es ja nichts besonderes, wenn die Familienangehörigen von Amtspersonen von öffentlichen Aufgaben profitieren.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/affaere-um-kinderheim-jugendamtschef-soll-mit-heimkindern-geld-verdient-haben-1.2470533