Dierk Schaefers Blog

Kennen Sie die Malaria-Therapie?

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Psychologie, Therapie by dierkschaefer on 23. März 2015

»Bei weiteren Recherchen stießen wir auf die „Malariatherapie“, mit der in den 60er Jahren vorwiegend Heimkinder in der psychiatrischen Klinik in Wien „behandelt“ wurden. Psychiater infizierten Kinder mit Malariaerregern um ihnen „die Flausen aus dem Kopf zu treiben“. Zwei Wochen lang hatten die Kinder Fieberschübe bis zu 41 Grad. Als Flausen bezeichnete man die Ambitionen von jungen Leuten, die die gerne tanzen gingen oder junge Menschen, die Künstler werden wollten. Ihre Eltern wollten das nicht und folgten der Empfehlung von Psychologen, das Kind einer Fieberkur zu unterziehen.«[1]

[1] http://www.diezeitschrift.at/content/wenn-du-schlimm-bist-kommst-du-ins-heim

Warten auf den Todesfall

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 1. Dezember 2014

»Während ehemalige Heimkinder ohne Behinderungen Leistungen erhalten, gehen ehemalige behinderte Heimkinder zurzeit noch leer aus«[1].

 

Das ist bekannt, aber das muss man ganz pragmatisch sehen: Menschen mit Behinderung haben eine wohl noch geringere Lebenserwartung als normal-traumatisierte ehemalige Heimkinder. Jede Verzögerung rechnet sich.

 

Schon vor langer Zeit habe ich geschrieben, dass Verzögerungen nur dann glaubwürdig erklärt werden können, wenn der Anspruch im Todesfall auf die Erben übergeht. Aber man will anscheinend noch mehr sparen. Der Betrug am Runden Tisch hat nicht ausgereicht.

[1] http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/30740/Ehemalige-Heimkinder-mit-Behinderung-entsch%C3%A4digen.htm

Kein Fonds für Psychiatrieopfer

Posted in Kinderrechte, Kriminalität, Psychologie by dierkschaefer on 29. November 2014

»Die Länderminister diskutierten auch über die Einrichtung eines Fonds für Kinder und Jugendliche, die zwischen 1949 und 1990 in psychiatrischen Einrichtungen der Behindertenhilfe lebten und hier Unrecht erlebt haben. Die Länder stehen aber einer erneuten Fonds-Lösung – wie beim Fonds für Heimkinder West und Ost – kritisch gegenüber. Daher werde es zunächst keinen Fonds für die Betroffenen geben.

Ebenso soll ein Bundesteilhabegesetz für Menschen mit Behinderung erarbeitet werden. Dazu tage seit diesem Sommer eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe gemeinsam mit Betroffenenverbänden. Künftig soll ein „Teilhabegeld“ eingeführt werden, über das ein Mensch mit Behinderung selbstständig verfügen kann.

Somit soll es mehr Selbstständigkeit geben, Pflegeleistungen sollen nischt mehr an einen Träger oder an Verbände gekoppelt sein. „So werden die Menschen zu Subjekten der Betreuung, und bleiben nicht nur Objekte“, sagte Detlef Scheele, Senator für Arbeit und Soziales in Hamburg.«[1]

[Hervorhebung Dierk Schäfer]

 

Klar, der Fonds war keine gute Lösung. Doch in Schwaben sagt man: Es kommt selten was besseres nach.

Manche Meldungen bekommt man auf direktem Weg über Australien. Dank an Herrn Mitchell

[1] http://www.aerztezeitung.de/news/article/874319/fachkraeftemangel-sozialminister-diskutieren-zukunft-pflege.html

Neue Heimkinderstudie, im Auftrag der Caritas

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 8. Juli 2014

Begonnen hatte es mit einem Presseartikel der Stuttgarter Nachrichten[1], auf den ich im Blog hinwies[2]. Dann schickte ich an die einzige der im Presseartikel genannte Person ein Mail[3] und bekam Antwort, die ich hier samt meiner Erwiderung unverändert, aber ohne die Verbindungsdaten, veröffentliche.

 

Sehr geehrter Herr Schäfers,

als Projektleiterin der Studie „Heimkinderzeit in der katholischen Behindertenhilfe und Psychiatrie 1949-1975. Eine qualitative und quantitative Erfassung der Problemlage“ möchte ich Ihnen gerne auf ihre Mail vom 02. Juli 2014 an Frau Arnold antworten.

Sie nehmen Bezug auf den von Steve Pryzibilla verfassten Artikel, der am 30.Juni 2014 in den Stuttgarter Nachrichten erschienen ist. Herr Pryzbilla bezieht sich auf ein Interview mit Frau Arnold, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin  in der Studie tätig ist. Leider werden vom Interview und den weitergereichten Materialien wenig konkrete Information, bzw. zum Teil auch journalistisch sehr frei interpretierte Inhalte an den Leser/die Leserin weitergegeben.

Damit Sie sich ein umfassenderes Bild machen können, möchte ich Sie auf unserer Homepage mit genaueren Informationen hinweisen. Unter www.heimkinderstudie.de  finden Sie mehr zu Anlage, Auftraggeber und Ziel des Projektes.

Sie fragen auch nach der Notwendigkeit dieser Studie, hierzu ist zu betonen, das die Kinder und Jugendlichen, die in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe im genannten Zeitraum gelebt haben selten berücksichtigt werden. Bei allen bisher durchgeführten Studien handelt es sich entweder um Mikrostudien einzelner Einrichtungen oder aber um eine andere Zielgruppe (Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Erziehungshilfe). Gerade die Kinder und Jugendlichen der damaligen Zeit, die in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe lebten und zum Teil heute noch dort leben werden finden selten Gehör.

Ziel der Studie ist Aufarbeitung und Transparenz. Der Fachverband „Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V“ hat diese Studie in Auftrag gegeben, die Veröffentlichung der Ergebnisse ist vertraglich festgelegt und wird zu Projektende stattfinden.

Bereits zu Beginn der Studie wurde von unserer Seite auch Kontakt zu ehemaligen Heimkindern aufgenommen. Dies geschah zum einen in direkten Gesprächen (z.B. auf der Berliner Tagung Menschenrechtsverletzungen in DDR-Heimen am 18./19.10.2013), aber auch per Brief und Mail. So wurde auf diesem Weg der Kontakt zu Vereinen/Initiativen ehemaliger Heimkinder gesucht, bspw. zum Förderverein Jugendhof Wolf e. V., zur begleitenden Arbeitsgruppe der Anlauf- und Beratungsstelle für Ex-Heimkinder in Rheinland-Pfalz, zu einer Initiative für Betroffene mit Behinderung, die in den 1950er und 1960er Jahren in Heimen der BRD gelebt haben, dem Verein Ehemaliger Heimkinder e.V., zum Arbeitskreis Fondsumsetzung Heimerziehung und zum Verein Ehemaliger Heimkinder Deutschland. Außerdem wurde Herr Schruth als Vertreter ehemaliger Heimkinder persönlich informiert und um Mithilfe bei der Vermittlung von möglichen AnsprechpartnerInnen gebeten. Auch wurde Kontakt zu Einzelpersonen aufgenommen, die bereits in den Medien aktiv waren und sind, dadurch viele Kontakte zu anderen Betroffenen haben, aber keiner speziellen Initiative zugeordnet werden können.

Ich hoffe ich konnte Ihnen der Sache dienliche Informationen geben. Falls Sie weitere Fragen haben können Sie sich gern direkt an mich wenden.

Mit freundlichen Grüßen

Annerose Siebert

 

Mein Antwortmail

Sehr geehrte Frau  Prof. Siebert,

 

für Ihre prompte Antwort danke ich herzlich. Sie haben natürlich Recht mit Ihrem Hinweis auf die eingeschränkte Tauglichkeit medialer Berichterstattung und haben mir dankenswerterweise den Link zum Projekt hinzugefügt (http://www.heimkinderstudie.de/ ).

Wenn ich jetzt darauf eingehe, so fühlen Sie sich bitte nicht genötigt, mir gegenüber die Studie zu rechtfertigen. Ich will trotzdem ein paar Aspekte ansprechen, weil die Leser meines Blogs, auch wenn nur eine Minderheit zu Ihrer Zielgruppe gehört, aus eigenem Erleben heraus am Thema Heimkinder und der öffentlichen wie wissenschaftlichen „Vergangenheitsbewältigung“ interessiert ist.

Daß vielen ehemaligen Heimkindern eine flächendeckende Studie der Untereinheit katholisch und behindert suspekt ist, wird Sie wohl nicht verwundern. Den meisten ist eine grundlegende wissenschaftliche Herangehensweise ohnehin fremd, denn man hatte sie heimseits allenfalls mit einer Bildung ausgestattet, die für einfache und damals schon vom Aussterben bedrohte Berufe befähigte.  Sie sehen ihre Heimvergangenheit hinreichend durch die Mikrostudien bestätigt und sehen auch, daß ihnen die wissenschaftliche „Adelung“ am Runden Tisch Heimerziehung (und auch am Runden Tisch Missbrauch) nichts gebracht hat, auch wenn der Runde Tisch selbst solche Expertisen in Auftrag gegeben hatte. Sie haben die Erfahrung gemacht, daß diese Art Wissenschaft l’art pour l’art ist, weil die Interessen der Mehrheit am Runden Tisch den ihren entgegengesetzt waren und durchgedrückt wurden. Am Runden Tisch saß auch Prof. Schruth, den Sie erwähnen. Der hat, als es darauf ankam, den Ergebnissen zugestimmt, und später, im Vortrag unter Fachkollegen, eine differenzierte und distanzierende Position eingenommen. Das hat bei den ehemalige Heimkindern nicht zum Vertrauen beigetragen, weder in die Person, noch in die Wissenschaft.

 

Nun haben Sie Drittmittel bekommen für die Untersuchung eines Teils von einer Betroffenengruppe, die am Runden Tisch nicht nur ausgelassen, sondern auch recht schnöde abgewiesen wurde.

Diese Drittmittel kommen von einer Seite, die auch am Runden Tisch vertreten war und dessen Verfahrensweise und das Ergebnis mit zu verantworten hat. Die ehemaligen Heimkinder sprechen von „Täterorganisationen“ und meinen damit nicht nur die in den Heimen erlittene Behandlung, sondern auch deren Verhalten am Runden Tisch. Sie fragen sich auch, warum für Wissenschaft Geld ausgegeben wird, während sie mit „Almosen“ abgespeist werden.

Nun gibt es für historische Vorkommnisse aufarbeitende  Wissenschaft keine „Verjährung“. Im Gegenteil: Je älter, desto besser, es sei denn, das Feld ist schon hinreichend beackert. Für die wissenschaftliche Bearbeitung der Vorkommnisse am Runden Tisch  werden wir also mindestens so lange warten müssen, bis die Verantwortlichen sich juristisch auf  Verjährung berufen können, besser noch, wenn sie das Zeitliche gesegnet haben.

Was Drittmittel vonseiten involvierter Institutionen bedeuten (können) sah man im Fall Pfeiffer/KfN, doch da werden Sie sich wohl besser abgesichert haben.

Nun zur Studie selbst: Die Eingrenzung auf katholische Personen mit Behinderung mag ja den knappen Drittmitteln geschuldet sein. Vielleicht wollte die Diakonie einfach nicht mitmachen. Die Behandlung des Personenkreises dürfte aber wohl den damals gültigen allgemeinen Bedingungen entsprechen. (Ob es von der Organisationsform abgesehen einen speziell katholischen Anteil gegeben hat, wäre wirklich interessant.) Nicht vergessen darf man dabei die erst kürzlich aufgetauchten Vorwürfe, daß in den von den Nazis „geräumten“ Heimen in der Nachkriegszeit Plätze zur Verfügung standen, die aus ökonomischen Gründen der Träger wieder belegt werden mussten, auch mit Hilfe von in der Nazizeit bewährten Gutachtern. (https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/04/nachkriegskinder-als-frischfleisch-fur-die-psychiatrien/ ). Doch dies können Sie ja auch an einer eingeengten empirischen Stichprobe überprüfen.

Zur Stichprobe: Wünschenswert wäre natürlich eine randomisierte Stichprobe anhand der vollständigen Belegungslisten. Angeblich sind jedoch viele Akten vernichtet worden. Quod non est in actis ist auch wissenschaftlich schwer zugänglich. Doch soweit noch Akten vorhanden: Es dürfte fast unmöglich sein, den Verbleib der Personen über die Meldeämter zu ermitteln. Nicht nur der Datenschutz generell ist hier ein Hindernis, sondern auch speziell der Schutz vor Retraumatisierungen oder die Angst, in seinem Umfeld bloßgestellt werden zu können. Wenn dann noch dazu der Auftraggeber katholisch ist, mag das verstärkt dazu führen, sich lieber bedeckt zu halten. So bleiben lediglich die Personen, die sich schon geoutet haben oder bereit dazu sind, wenn sie von Ihrer Studie erfahren. Wenn überhaupt. Denn wohl nicht unbegründet wird immer wieder gesagt, daß diese Zielgruppen, ich meine jetzt sämtliche Heimkinder aus diesem Zeitraum, nicht in dem Maße „netzaffin“ sind, wie zu wünschen wäre. Einerseits mag das generell an der Altersgruppe liegen, andererseits speziell an der nicht erworbenen Fähigkeit, sich flexibel auf neue Kommunikationsmöglichkeiten  einzulassen und schließlich auch an der wirtschaftlichen Lage, die bei ehemaligen Bewohnern psychiatrischer Einrichtungen noch prekärer sein dürfte, als die der wirtschaftlich ohnehin schlecht ins Leben entlassenen „normalen“ Heimkinder.

Sie setzen also auf „Selbstmelder“ und auf Hinweise aus dem Umkreis Betroffener. Ihre Studie wird damit einen Bias (eine methodisch bedingte Schlagseite) bekommen und ob Sie den  in den Griff kriegen, bezweifele ich.

Noch einmal: Fühlen Sie sich bitte nicht genötigt, mir gegenüber die Studie zu rechtfertigen.

Ich bin aber auf Ihre Ergebnisse gespannt und würde mich freuen, wenn Sie mich im Rahmen Ihrer Öffentlichkeitsarbeit in Ihren Verteiler aufnehmen.

 

Mit freundlichem Gruß

 

Dierk Schäfer

 

[1] http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.studie-katholische-hochschule-freiburg-die-stillen-leiden-der-heimkinder.70d81fee-12d2-42a7-880e-686af1f04788.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/30/heimkinder-systematisch-geschlagen-vergewaltigt-und-zur-zwangsarbeit-verdonnert/

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/02/noch-ne-heimkinderstudie/

#Nachkriegskinder als Frischfleisch für die Psychiatrien

Posted in Geschichte, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Politik, Wirtschaft by dierkschaefer on 4. Juli 2014

Da hatte man erst die ehemaligen Insassen der Behinderten- und psychiatrischen Einrichtungen vergast, da standen dummerweise in der Nachkriegszeit diese „Heime“ leer.

Die mußten aufgefüllt werden. »Deswegen wurden reihenweise, zu Tausenden, gefälschte Intelligenzquotienten produziert«. »Offensichtlich entschieden nicht allein das psychische oder soziale Befinden eines Kindes über die Einweisung in eine Einrichtung, sondern auch wirtschaftliche Erwägungen des Heimträgers. Eine unrühmliche Rolle spielten dabei in der Nachkriegszeit Gutachter, die bereits vor 1945 tätig gewesen waren«[1].

Anderswo hatte man keine Nazi-Gutachter. Allein die Differenz der Tagespauschale machte normale Waisen zu Psychiatrieinsassen: »Government subsidies were $2.75 a day for psychiatric patients and only $1.25 a day for orphans.«[2]

 

[1] http://www.deutschlandfunk.de/fonds-fuer-ehemalige-heimkinder-guter-wille-und-leere-kassen.724.de.html?dram:article_id=290836

[2] http://articles.orlandosentinel.com/1993-05-29/news/9305290842_1_quebec-history-bertrand-nun

Untersuchungsausschuss gefordert

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Justiz, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 25. Mai 2014

Gefordert wird ein Untersuchungsausschuss zur Gewalt an Heimkindern in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie während des Zeitraums 1950 bis 1975[1]

 

Wird es ihn geben? Wie frei wäre er in der Beweiswürdigung?

 

Die Fragen sind nicht unberechtigt angesichts

  • der Geschichte des Runden Tisches/Heimkinder,
  • seiner Vorgeschichte und Installierung,
  • seiner Arbeitsphase,
  • seiner Ergebnisse und
  • deren Umsetzung.

Der Runde Tisch/Heimkinder hatte einen vergleichbaren Untersuchungsgegenstand. Darum haben sich schon in frühem Stadium auch ehemalige Heimkinder aus Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Runden Tisch gewendet. Doch der erklärte sich für diese Betroffenengruppe nicht zuständig, also blieben sie außen vor. Dies betraf und betrifft logischerweise auch den Fonds, der als Ergebnis des Rundes Tisches eingerichtet wurde, finanziert – zumindest nach Plan – zu je einem Drittel vom Staat (wer auch immer in unserem abgestuft föderalen System dafür erfolgreich anzusprechen ist,) und den beiden Großkirchen, die eine ähnlich föderale Struktur haben, zusätzlich zu den Unterschieden zwischen den „verfaßten“ Kirchen und ihren Wohlfahrtseinrichtungen.

Die Forderung nach einem Untersuchungsausschuß ist berechtigt, weil es wichtig ist zu erfahren, warum gerade die schwächsten der ehemaligen Heimkinder, die aus Behindertenheimen und psychiatrischen Einrichtungen übergangen wurden, war doch bei ihnen eine besondere Schutzbedürftigkeit anzunehmen. Die Ausnutzung dieser besonders Hilfebedürftigen stellt eine noch dringendere Untersuchungsnotwendigkeit dar, als die der Behandlung der Schutzbefohlenen aus den Erziehungsheimen, die allerdings auch im höchsten Grad verwerflich war. Das mindeste wäre gewesen, beide Gruppen gleich zu behandeln. Diese Ungleichbehandlung ist an sich schon unverständlich und bedarf der Aufklärung. Der Handlungsbedarf ist umso dringender angesichts der Nichtdiskriminierungsrichtlinien nach UN- und EU-Recht[2].

Doch nicht genug damit. Wenden sich ehemalige Heimkinder aus den Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie während des Zeitraums 1950 bis 1975 an „ihre“ Einrichtung, so werden sie abgewiesen mit der Begründung, man habe ja bereits in den Heimkinderfonds einbezahlt, der sei zuständig – was dieser ablehnt. Ich beziehe mich hier auf das Beispiel der früheren Volmarsteiner Anstalten[3]. Ein Untersuchungsausschuß müßte sich also auch um die Geldflüsse kümmern, die angeblich zugunsten dieser Betroffenengruppe geleistet und wohl fehlgeleitet wurden[4].

Eine weitere Unklarheit besteht hinsichtlich der Vorkommnisse sexuellen Mißbrauchs von Kindern. Dafür gab es einen eigenen Runden Tisch mit anderen Ergebnissen. Mir ist bis heute nicht klar, ob ehemalige Heimkinder, die nicht nur mißhandelt usw., sondern auch mißbraucht wurden, Leistungen aus beiden Fonds erhalten können, die Ergebnis beider Runder Tische waren. Da es auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie neben vielfachen Mißhandlungen fallweise auch sexuellen Mißbrauch gab, wäre es sinnvoll, es hier nicht zu einem weiteren Beispiel unterschiedlicher Opferdignitäten kommen zu lassen.

Der Runde Tisch/Heimkinder hat mit dem Fonds erklärtermaßen kein Recht geschaffen, kein einklagbares Anrecht auf irgendwelche Leistungsansprüche. Folgerichtig wurden die Leistungen aus dem Fonds zunächst auch als erklärungspflichtiges Einkommen der Empfänger angesehen. Inwieweit die auf Bundesebene politisch gewünschte Nicht-Anrechenbarkeit auf allgemeine Sozialleistungen von allen Sozialämtern respektiert wird, ist mir nicht bekannt.

Verbunden mit den Leistungen aus dem Fonds sollten, zumindest in der Anfangszeit der Antragstellungen, auch Verzichterklärungen auf sonstige Leistungen in dieser Sache, egal von wem, unterzeichnet werden. Wenn nun ein Untersuchungsausschuß für die bisher nicht eingeplanten ehemaligen Heimkinder gefordert wird, so sollte das nicht auf Gleichstellung im Unrecht hinauslaufen, eine Gleichstellung im rechtsfreien Raum, der frei bleibt von rechtlichen Ansprüchen der Opfer. Der Untersuchungsausschuß sollte sich auch mit den staatlichen Zuständigkeiten für die Zustände in kirchlichen Einrichtungen für Kinder befassen, wie sie vom EuGH im Verfahren gegen Irland definiert wurden. [5]

 

Die Forderung nach einem Untersuchungsausschuß ist allemal gut begründet und er sollte seine Effektivität darin erweisen, daß er die Fehler, die am Runden Tisch Heimkinder sehenden Auges[6] und wie ich meine absichtlich gemacht wurden, vermeidet und Recht schafft.

 

 

Anhang

Zur Erinnerung und Vertiefung seien hier noch einmal die Vorgeschichte, die Geschichte und die Nachgeschichte des Runden Tisches skizziert und in diesem Zusammenhang auf die Aufgaben des gewünschten Untersuchungsausschusses hingewiesen.

1. Die Vorgeschichte

Auf die Gewalt an Heimkindern in kirchlichen wie staatlichen Erziehungsheimen muß nicht weiter eingegangen werden. Hier hat der Runde Tisch hinreichend Material zusammentragen lassen und es gibt auch wissenschaftliche Veröffentlichungen, die belegen, daß die Klagen der ehemaligen Heimkinder aus diesen Einrichtungen die Zustände realistisch wiedergeben:

  • Einweisungen ohne korrekte rechtliche Grundlage,
  • Zwangsarbeit[7],
  • persönlichkeitszerstörende Demütigungen,
  • Mißhandlungen und
  • sexueller Mißbrauch

… waren in den untersuchten Heimen nicht ungewöhnlich, in manchen alltäglich. Durchgängig war das Vorenthalten von Bildungsangeboten, die die Kinder befähigt hätten, anspruchsvollere Berufe mit Zukunftsperspektive zu ergreifen. Dies alles gehört nur darum hierher, weil die Bedingungen für die Insassen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie während des Zeitraums 1950 bis 1975 nicht besser waren. Beispielhaft sei hier auf die Volmarstein-Untersuchung verwiesen[8].

Man darf erwarten, daß eine Untersuchung ähnlicher Einrichtungen zu ähnlichen Ergebnissen kommen wird. Dies wäre die erste Aufgabe des Ausschusses. Am Runden Tisch wie auch in der Nachgeschichte mit dem Fonds für ehemalige Heimkinder fanden diese Einrichtungen keine Berücksichtigung, nicht einmal Erwähnung. Vom Runden Tisch wurde recht rüde mitgeteilt, man sei für diese Gruppe nicht zuständig. Dabei blieb es bis heute. Das gleiche gilt, und sei der Vollständigkeit halber angefügt, für Säuglingsheime.

2. Die Geschichte des Runden Tisches …

… ist insofern heranzuziehen, als sich eine solche nicht wiederholen darf, nun für die bisher vernachlässigten Heimkindergruppen. Nach erfolgreicher Petition der ehemaligen Heimkinder aus den Erziehungsheimen[9] setzte der Bundestag den Runden Tisch unter der Leitung von Frau Vollmer ein. Frau von der Leyen, die damalige Familienministerin ließ jedoch verlauten: „Die Einrichtung eines nationalen Entschädigungsfonds wird von Bundestag und Bundesregierung nicht angestrebt.[10] Diesen Teil der Geschichte habe ich in meiner Anhörung am Runden Tisch am 2. April 2009[11] ausführlich dargestellt und auf weitere „Geburtsfehler“ verwiesen, so besonders die asymmetrische Machtverteilung am Runden Tisch, die vonseiten der Leitung wie der Mehrheit nie als Problem angesprochen, geschweige denn kompensiert wurde. So wurde der Runde Tisch zum Lehrstück, wie man schwächere Partner übertölpelt. Das Ergebnis war eine erzwungene Einstimmigkeit mit allen Tricks, die einer gewieften Verfahrensleiterin zur Verfügung stehen. Ich habe diesen Teil der Geschichte analysiert und interpretiert[12]. Ein Untersuchungsausschuß wird – denke ich – um eine gründliche Beachtung dieser Vorgänge nicht umhinkommen können.

 

3. Die Nachgeschichte …

… ist noch nicht abgeschlossen und ich kann auf diverse aktuelle Veröffentlichungen in den Medien verweisen, aber auch auf meinen Blog, der diese Probleme immer wieder aufgreift.[13] Zur Nachgeschichte gehört aber auch, daß (angeblich) Behinderteneinrichtungen den Fonds Heimkinder gespeist haben, obwohl dieser nicht für diese Gruppe vorgesehen war, und folgerichtig ist man dort auch nicht bereit, Zahlungen zu leisten. Meine Anfrage an die Volmarsteiner Anstalten[14] blieb bis heute ohne Antwort. Auch deren ehemaligen Insassen wurde auf gleiche Anfrage keine Antwort zuteil[15].

 

Nun also die Bitte nach einem Untersuchungsausschuß für die Opfer von Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie während der Jahre 1950 bis 1975. Hoffentlich kommt er und hoffentlich kann er freigehalten werden von allem Ränkespiel der Einrichtungen, die ihn zu fürchten haben.

 

 

[1]http://www.bioskop-forum.de/publikationen/newsletter-behindertenpolitik.html

Der Antragstext: „Der Deutsche Bundestag möge einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss einrichten, der

Erstens: die Gewalt an Heimkindern in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie während des Zeitraums 1950 bis 1975 untersucht.

Zweitens: die gesetzlichen Bestimmungen der 30jährigen Verjährung in den Fällen aufhebt, in denen Heimmitarbeiter gegen internationale Vereinbarungen verstoßen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.“

[2] http://www.un.org/Depts/german/uebereinkommen/ar61106-dbgbl.pdf http://www.behindertenbeauftragte.de/DE/Themen/Internationales/EU/EU_node.html

[3] Heute „Die Evangelische Stiftung Volmarstein“ http://www.esv.de/

[4] Siehe auch unten Punkt 3. Die Nachgeschichte

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/02/09/das-durfte-aufsehen-erregen/ http://www.wdr5.de/sendungen/diesseitsvoneden/missbrauchirland100.html

[6] Ich habe in einer Anhörung bei der zweiten Sitzung des Runden Tisches alle Problembereiche behandelt und anschließend zu Protokoll gegeben https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf , zudem habe ich Verfahrensvorschläge unterbreitet, die zu einem angemessenen Ergebnis geführt hätten, wenn man denn gewollt hätte: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf , erneut aufgegriffen unter: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/08/27/losungsvorschlage-von-dr-wiegand/

[7] Ein Begriff, der am Runden Tisch nicht zugelassen war, doch der Tatsache, daß erzwungene Arbeit, über normale Mithilfe im Heimalltag hinausging hatte auch die Vorsitzende als richtig anerkannt. Kompensationszahlungen für entgangene Rentenansprüche werden jedoch erst für Zwangsarbeit ab dem 14. Lebensjahr gewährt, obwohl es auch nachgewiesenermaßen Kinderarbeit gegeben hat.

[8] Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler, Gewalt in der Körperbehindertenhilfe, Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967 eine Besprechung unter: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[9] http://www.veh-ev.eu/Der_Verein/Petition/Petition_des_Vereins_ehemaliger_Heimkinder.pdf

[10] Zitiert nach: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/

[12] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[13] https://dierkschaefer.wordpress.com

[14] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/11/21/volmarsteiner-anstalten-und-ihr-finanzbeitrag/

[15] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/12/12/sobald-wir-konkretere-informationen-erhalten-melden-wir-uns-bei-ihnen/