Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXII

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Zweiunddreißigstes Kapitel

„Hotel zur silbernen Kugel“

Ich erfuhr aus den Akten, dass noch andere mit falschen Münzen unterwegs waren. Nein, nicht mit meiner Sorte. Vielmehr konnte ich lesen, dass die schwedischen 5-Oere Münzen identisch mit unseren 5-Markstücken waren. Ein anderer hatte sich das zunutze gemacht und damit ausschließ­lich Spielautomaten geplündert. Später zu Hause rechnete ich nach. Der Umtauschkurs war in etwa der gleiche, als würde ich fünf 5-Pence Münzen wechseln. Nur der Weg nach Schweden war natürlich etwas weiter. Würde ich mich darauf umstellen wollen, hätte ich ganz andere Reisekosten gehabt und hätte auch ein wenig schwedisch lernen müssen. [1]

Solche Gedanken legte ich aber schon bald ad acta. Waren wir doch nun endlich Pächter eines wunderschönen Bistros. Bei ziviler Arbeitszeit hatten sich meine Frau und ich auf eine Arbeitsteilung geeinigt. Ich spielte als ihr Angestellter den Koch, während sie sich um die Gäste kümmerte. Ob es nun an meinen Kochkünsten lag oder an meiner gesprächsfreudigen Frau, die sehr gut bei den Gästen ankam, der Laden brummte. Bei gerade mal vier 4er Tischen und sechs Plätzen am Tresen machten wir sehr guten Umsatz. Niemand, der das riesige Einkaufszentrum, worin sich unser Bistro befand, besuchte konnte uns übersehen. Statt der üblichen Wände war alles aus Glas. Das innere Ambiente war in schneeweiß gehalten. Auch die Türe zur Küche hin bestand aus Glas. So konnte jeder zusehen, wie ich die Mahlzeiten zubereitete. Sie erinnern sich, dass ich erwähnt habe, dass ich wegen meiner Vorstrafen keine Konzession erhielt? Somit war meine junge Frau die offizielle Chefin. Das ließ sie natürlich auch richtig dick heraushängen. Nicht im Geschäft selbst, mir oder den Gästen gegenüber. Im Laufe der Zeit wurde sie immer übermütiger. Sie nahm von den etwa sechs bis siebenhundert Mark Umsatz fünfhundert heraus und wollte sich mal wieder mit Freundin­nen treffen. Und das immer öfter! Dass schon ein gutes Drittel an fixen Unkosten von den Einnah­men draufging, ich ja auch immer wieder neue Ware einkaufen musste, das ließ sie sich nicht verklickern. Sie verließ immer öfter den Laden noch vor dem eigentlichen Ladenschluss, tauchte erst wieder am Morgen zur Eröffnung auf. Wenn überhaupt. Sie rief gegen 9 Uhr am Morgen vorsichtshalber an und fragte nach, ob ich schon den Laden geöffnet hätte. Dass ich irgendwann die Schnauze voll hatte, kann wohl jeder nachvollziehen!?

Eines Tages, als sie wieder einmal die Nacht woanders verbracht hatte, dachte ich gar nicht daran in dem Laden für Lau zu arbeiten. So blieb das Geschäft eben ohne Vorwarnung geschlossen. Einige Monate später traf ich in der Stadt zufällig den Spielautomatenaufsteller, der bei uns zwei Automaten aufgestellt hatte. Der wollte doch tatsächlich 6000 Mark von mir haben. Hinter meinen Rücken hatte meine Frau, die ja Chefin war, sich einen Kredit in dieser Höhe von dem Aufsteller geben lassen. Natürlich fiel ich aus allen Wolken als ich dies hörte. Meine Frau jedenfalls hatte mir davon nichts gesagt. Da ich ja in keiner Weise zu irgendetwas unterschriftsberechtigt war, riet ich dem Mann, sich das Geld auch daher zu holen, wohin er es gegeben hatte. Jetzt wissen Sie auch, warum ich meinte, die Familienrichterin hätte lieber mich vor dieser jungen Frau warnen sollen, anstatt der armen jungen Frau Vorwürfe zu machen so einen alten (Trottel!) heiraten zu wollen. Ein verliebter alter Trottel war ich ja wohl oder? Ja, war ich denn überhaupt verliebt? Nachdem sie quasi bei mir eingezogen war, sich wunderbar mit meinem Sohn verstand, der ja mal gerade 7 Jahre jünger als sie war, da begann ich rational zu denken. Wieder eine Frau im Haus zu haben hieß ja, dass ich mich wieder um ehrliche Arbeit kümmern konnte. Dass diese Überlegungen sogar in die Selbstständigkeit führten, umso besser. Die Folgen konnte ich ja nicht im voraussehen.

So kam mein Sohn schließlich doch in ein Heim!

Ich weiß bis heute nicht, ob und wann meine Frau erfahren hat, dass wir ein gutes Jahr später schon wieder geschiedene Leute waren. Beim Scheidungstermin glänzte sie jedenfalls durch Abwe­senheit. Jahre später, ich hatte meine Münzgeschichte im Knast schon längst abgebüßt, fand ich einen dicken Brief in meinem Briefkasten. Darin enthalten war ein dickes Packet von Fragebögen. Frau Schulz sollte darin genau auflisten, wie es zu dem Unfall genau gekommen war, weswegen sie die Krankenkasse belastet hatte. Ich rief sofort den Arzt an, der mir diese Unterlagen zuge­schickt hatte. Dieser Arzt hatte seine Praxis ganz weit im Süden von Deutschland. Die Sprechstun­den­hilfe, die meinen Anruf entgegen nahm, fiel aus allen Wolken, als ich ihr den Grund meines Anrufes erklärte. Als sie erfuhr, dass besagte Frau Schulz schon längst nicht mehr mit mir ver­heiratet sei, somit auch nicht mehr bei mir versichert, jammerte sie, woher den nun ihr Doktor die aufgewendeten Behandlungskosten bekommen solle. Immerhin hätte er eine Operation an ihrem zerschlagenen Knie vornehmen müssen. Das hätte sie gerne früher gewusst. Gestern noch wäre sie meiner Frau beim Überqueren eines Zebrastreifens in der Stadt begegnet. Was gingen mich die Probleme anderer Leute an? Hatte ich doch selbst genug davon. Dadurch dass ich nun niemanden mehr hatte, der sich während meiner Abwesenheit, sprich Knastaufenthalt, um meinen Sohn sorgen würde, traf genau das ein was ich fünf Jahre vorher unbedingt vermeiden wollte. Er kam in ein Heim! Sollte ich da noch Mitleid mit dem zerschundenen Knie meiner Ex oder wegen der unbegli­chenen Rechnung eines Arztes entwickeln?

Im Knast ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch!

Ich hatte im Knast jeden Pfennig für die Zeit nach meiner Entlassung gespart. Wie bereits erwähnt hatte ich keine Lust, nach einem Knastaufenthalt als Penner auf der Straße zu landen. Dafür hatte ich gespart, für einen ordentlichen Neuanfang. Das Wichtigste aber war nach der Entlassung immer ein Dach über den Kopf zu haben. In den 80er Jahren wehrte sich unser Anstaltsleiter noch vehement dagegen, den Gefangenen ein eigenes Fernsehgerät in der Zelle zu gestatten. Deswe­gen verlegte ich mich wieder aufs Lesen, um die langen Abendstunden und Wochenenden rumzubekommen. Im Knast kann man aber nicht nur aus Büchern etwas lernen. Wenn mal wirklich mal jemand unschuldig darin landet, was natürlich auch vorkommt, dann kommt er nicht mehr so unbedarft dort heraus, wie er hineingegangen ist. Tipps und Tricks hört man allenthalben, ob man will oder auch nicht. Am Arbeitsplatz, in der Freistunde, überall ist Thema Nummer zwei Erfahrungsaustausch! Thema Nummer Eins dürfte wohl jedem bekannt sein. Da wird angegeben, dass die Nähte krachen. Nur all diese Schlaumeier saßen trotzdem alle im gleichen Boot, recitive im Knast. Das einzig Sinnvolle, was ich von dem Gehörten annahm, war, dass ich mir eine Samstagsausgabe der hiesigen Presse besorgte und mir eine Kontaktanzeige heraus suchte, die mir zusagte. Von da an hatte ich eine weitere Freizeitbeschäftigung. Ich hatte einen regen Brief-Ver­kehr. Sie haben schon ganz richtig gelesen, es war nicht nur ein profaner Briefwechsel. Man(N) gönnt sich ja sonst nichts – im Knast. Aus dem Brief-Verkehr wurde dann auch bald richtiger Ver­kehr. Im Rahmen der Strafvollzugsreform wurden geprüften Gefangenen schon Ausgänge, ja sogar Urlaub gewährt. Hatte man draußen eine unbescholtene Kontaktperson, umso leichter wurden solche Lockerungen gewährt. Aber nicht erst die Frau hatte mir diese Lockerungen ermöglicht. Mein 13 jähriger Sohn hatte seinem Heimleiter die „Pistole“ auf die Brust gesetzt und verlangt, dass er mit dem Boss vom Jugendamt reden wolle. Dort wurde mein Sohn gefragt, ob er das gut finde, seinen Vater im Knast zu besuchen. „Besser im Knast als überhaupt nicht sehen!“ hatte er darauf bestanden, mich besuchen zu dürfen. Ohne die geringste Ahnung zu haben, was mich erwartete, nahm ich die Unterbrechung meiner Arbeit hin, als es hieß: „Schulz! Sie haben Besuch!“. Ich wurde allerdings nicht in den eigentlichen Besuchsraum geführt, wo ansonsten die Gefangenen ihre Angehörigen oder Freunde empfingen, der natürlich überwacht wurde. I wo! Man führte mich in einen der Räume, wo eigentlich nur Rechtsanwälte sich mit ihren Mandanten zusammensetzten oder wenn die Kripo zu einer weiteren Vernehmung antanzte. Weder hatte ich einen Termin mit meinem Anwalt, noch konnte ich mir denken, dass die Kripo noch Interesse an mir zeigte. Vielleicht, und das schien mir am Wahrscheinlichsten, war es auch nur eine Verwechs­lung. Schließlich gab es unter den 1100 einsitzenden Gefangen fünf Mal den Namen Schulz. Das wusste ich, weil es schon oft vorgekommen war, dass Post vertauscht worden war. Schon auf dem Flur vor der Zimmertüre, erwartete mich ein freundlich grinsender Mann. „Sie sind Herr Schulz?“ damit reichte er mir die Hand, zog mich ins „Besucherzimmer“. Während er mich fragte, ob ich eine Ahnung hätte warum er mich sprechen wolle, stieß er die Türe ins Schloss. Daran zurück denkend bekomme ich noch heute einen ganz engen Hals. Hinter der Türe stand doch leibhaftig mein Sohn!

Es war keine Einbildung von mir, er war in diesem einen Jahr, um einen ganzen Kopf größer als ich ihn in Erinnerung hatte. Der Mann vom Jugendamt hielt sich dezent zurück, während ich mit meinem Sohn händchenhaltend mir alles anhörte, was so aus ihm heraussprudelte. Unter Berufung auf einen Psychologen erreichte das Jugendamt, dass ich fortan mit meinem Sohn jeden Monat einen gemeinsamen Tag verbringen durfte. Für die ersten dreimal machte die Anstalt die Auflage, dass mein Sohn mich zwar am Sonntag vom Knast abholen durfte, aber nur in Begleitung eines Erziehers.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen.“

Ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass jeden Monat ein Erzieher seine Freizeit opferte, meinen Sohn nach Hannover brachte und sich an der Pforte auswies, dass er als Erzieher dazu berechtigt sei, mich zum Freigang abzuholen. Es musste für den Mann ziemlich nervend gewesen sein, den ganzen Sonntag mit mir und meinem Sohn in Hannover zu verbringen, während seine eigene Familie den Sonntag alleine zu Hause in Barsinghausen[2] saß. Weil nun aber mein Anlaufpunkt Barsinghausen war, welches außerhalb der 50 Km Grenze lag, bekam ich im Gegensatz zu den in Hannover Ansässigen 2 Stunden länger Ausgang. Das hieß, ich brauchte erst um 24 Uhr wieder in der Anstalt zu sein. Beim ersten Ausgang noch bat der begleitende Erzieher mich schon vor 22 Uhr zur Anstalt zurück bringen zu dürfen. Ich würde es hoffentlich verstehen. Eigene Familie und so. Natürlich wollte ich seine Freiwilligkeit nicht überstrapazieren. Zumal er ja noch den Jungen im Heim abliefern musste und fast eine Stunde Fahrt vor ihm lag. Der Erzieher hatte wohl den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie diese „Zwangsehe“ zu umgehen sei. Vor dem „Hotel zur silbernen Kugel“[3] parkte er auf dem weitentferntesten Parkplatz ein, machte mir folgenden Vorschlag.

„Herr Schulz, ich glaube nicht, dass Sie eine Flucht planen. Dafür hätten Sie auch heute im Laufe des Tages genügend Möglichkeiten gehabt. Sie waren ja nicht an mich angekettet. Wollen wir mal was testen? Sie gehen jetzt mal ganz alleine zur Pforte. Wenn man fragt, wo ihre Begleitperson ist, dann winken Sie mich heran. Lässt man Sie aber auch so ein, dann können wir es uns in Zukunft ersparen, dass ich Sie den ganzen Tag begleite. Und, Sie können Ihre Zeit bis 24 Uhr voll ausnutzen!“

Gesagt getan. Anscheinend schien man an der Einlasspforte immer nur froh zu sein, wenn alle Probanden pünktlich wieder eintrafen. Schon der Statistik wegen. Es gab immerhin Intuitionen [?], die nur darauf warteten, dass diese Art der Resozialisierung in die Hose ging. In den nächsten beiden Monaten kam ich zwar auch nur auf freien Fuß, wenn mich der ausgewiesene Erzieher mit meinem Sohn abholte, dann aber lenkte er sein Auto auch schon wieder nach Hause. Meinen Sohn brachte ich gegen 20 Uhr zum Zug und hatte dann noch einige Stunden ganz für mich alleine. Schrieb ich gerade alleine? Natürlich nahm ich die Gelegenheit wahr, meinen Brief-Verkehr etwas zu vertiefen. Was mich aber nicht davon abhielt, mich wieder pünktlich an meinen Bestimmungsort bringen zu lassen. Mit dem Taxi fuhr ich direkt bis vors Fenster der Eingangspforte. Bloß, diesmal fragte mich doch der Beamte, wo denn meine Begleitperson sei. Das war aber ein hundertprozentiger. „Wie? Sie sind der Erste der danach fragt. Haben Sie nicht gesehen dass im Taxi hinten noch jemand saß? Er hatte keine Lust zu warten, er hat mich doch hier korrekt abgelie­fert und mich reingehen sehen. Hat somit seine Pflicht erfüllt. Aber wenn Sie wollen, können wir ja herausfinden, welches Taxi mich hergebracht hat und es nochmal herkommen lassen!“ Meine Unruhe konnte ich ganz gut verbergen und trat so selbstbewusst auf, wie es unter diesen Umstän­den eben ging. Dem Beamten schien meine vorgebrachte Erklärung plausibel zu klingen, was ihn aber nicht davon abhielt, mich ins Röhrchen pusten zu lassen. Auf dem Ausgangsschein war nämlich der fettgedruckte Vermerk: „Alkohol und Drogenverbot!“ Ich hatte etwas Besseres zu tun gehabt, als mich mit Alkohol zu betäuben. Drogen kannte ich bis dato nur dem Hörensagen nach.

Eigentlich hätte ich ja nach drei korrekt abgewickelten Ausgängen Anspruch auf Urlaub gehabt. Doch dagegen hatte mein Abteilungsleiter sein Veto eingelegt. Er konnte es nie überwinden, dass ich mal eine Beschwerde gegen ihn an die Strafvollstreckungskammer geschrieben hatte, worauf­hin er sich rechtfertigen musste. Was wiederum seiner Personalakte nicht gut tat. Kurz bevor ich zu der Konferenz gerufen wurde, wo alle wichtigen Leute saßen, die darüber zu entscheiden hatten, ob mir nun Urlaub gewährt werden könnte, hatte ich beim Stationsbeamten schon nach eingehen­der Post gefragt. Ja, für mich war ein Brief dabei. Mein beleidigter Abteilungsleiter hatte schon längst das übrige Gremium davon überzeugt, dass ich noch nicht für einen Urlaub geeignet sei. Am runden Tisch, direkt neben dem Anstaltsleiter sitzend, verkündete mir der Sicherheitschef der Anstalt das Ergebnis der Abstimmung dieser Runde. Nämlich das mein Urlaubsgesuch abgelehnt sei. „Ach, wissen Sie, ihr Urteil tangiert mich nur peripher,“ sagte ich, dabei den schadenfroh grinsenden Abteilungsleiter ganz bewusst ins Auge fassend, und reichte dem Anstaltsleiter neben mir einen blauen Brief, wie er von der Justiz verwendet wird, hin. Es war eben jener Brief, den ich kurz zuvor von meinem Stationsbeamten erhalten hatte. Den Brief hatte der Staatsanwalt geschrieben. Darin verfügte er das Herrn Dieter Schulz vom……bis zum…… Haftunterbrechung gewährt wurde. Das schadensfrohe Grinsen meines Abteilungsleiters war seinem Gesicht entglitten. Eher schon funkelte Hass in seinen Augen. Aber gegen den Staatsanwalt kam er nicht an. Nach­dem ich auch die siebentägige Haftunterbrechung nicht missbraucht hatte, mich außer wie schon bei meinem eigentlichen Haftantritt als Selbststeller resozialisierungswillig gezeigt hatte, verfügte die Strafvollstreckungskammer das mir von nun an auch ein Regelurlaub zustehe. Pünktlich, ohne dass ich einen Antrag schreiben musste wie noch 1970, wurde ich zum Gericht gerufen, wo darüber entschieden wurde, ob meine Prognose gut genug sei, um nach Verbüßung von zweidrittel meiner Haftstrafe vorzeitig entlassen zu werden. Der mich anhörende Richter wollte bei meiner Anhörung auch meine Brieffreundin dabei haben. Ja, auch solche Nebensächlichkeiten waren in meinem Führungsbogen vermerkt. Natürlich wollte auch sie, dass ich so schnell als möglich für immer in ihrer Nähe sei. Vor kurzem war ihr jüngster Sohn in den Ehestand getreten und somit war ein Zimmer in ihrer Wohnung frei. Die Entscheidung des Gerichts passte meinem Abteilungsleiter zwar überhaupt nicht, musste sich aber fügen. So wurde ich dann am 10. Oktober 1986 mit einer Reststrafe von 11 Monaten und zehn Tagen entlassen.

Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte.

Im Laufe der Jahre ging es auf dem Arbeitsmarkt immer enger zu. Das Arbeitsamt arbeitete inzwischen mit einem Computer. Zum einen wurde darin vermerkt, dass ich die letzten beiden Jahre im Knast verbracht habe, zum anderen auch, dass ich mangels fahrbaren Untersatzes nicht gerade beweglich war. Mir kam es vor als sei der Beruf des Kellners inzwischen ausgestorben. Ich durfte, nein musste mich alle drei Monate beim AA vorstellen, bekam aber nicht eine einzige Stelle zugewiesen. Nichtsdestotrotz wollte ich nicht untätig bleiben und von mageren knappen 1000 Mark im Monat leben. Zumal meine neue Braut auch nicht gerade auf Rosen gebettet war. Hatte sie doch bei einem teuren Autokauf bei ihrem Ex-Mann gebürgt. Der hatte sich als unpfändbarer Frührentner aus der Affäre gezogen und seiner Frau die Schulden überlassen. Zwar hatte sie schon seit 17 Jahren einen festen Job bei einer Firma, verdiente auch gar nicht so schlecht im Schicht­dienst, trotzdem blieb ihr nur das Geld, was die Pfändungsgrenze ihr übrig ließ. In ihrer Wohnung war alles pikobello sauber, aber die alten Möbel waren eher für den Sperrmüll geeignet. Daran hätten sich die Türken noch nicht einmal vergriffen. Die Frau ging arbeiten, Schulz saß zu Hause? Kam gar nicht in Frage. Ich war doch kein Zuhälter!

Am 10ten Oktober mit knapp 2000 Mark entlassen, hatte ich zu Weihnachten wieder ein Auto vor der Türe stehen. Zwar nur ein kleiner Polo, aber ein Auto. Ein Auto brauchte ich aber auch. Wollte ich mich bei meinen Londonreisen nicht immer nur mit 5-6000 Münzen abrackern.

Lieber Leser, Du ahnst wohl schon dass ich wieder rückfällig geworden bin? Ich machte eben das, was ich nach dem Kellnern und Kochen am besten gelernt hatte. Nur, ich mied natürlich die Stadt Hannover. Wäre auch nur eine einzige Anzeige bei der Polizei eingegangen, dass wieder ein Auto­mat mit englischen Münzen gefüttert worden wäre, wären die Bullen sofort bei mir eingeflogen. So verlegte ich dann mein Betätigungsgebiet abwechselnd zwischen Kassel, Dortmund, Düsseldorf und weitere Städte. Am liebsten aber fuhr ich nach Berlin. Diese Stadt bzw. deren Hauswände waren regelrecht mit Automaten gepflastert. Alle paar Meter eine Kneipe mit jeweils zwei Spielauto­maten. Hatte ich beim ersten Mal noch ein Pensionszimmer für eine ganze Woche gebucht, so genügten danach ganze 5 Tage. Da war ich auch schon meine gesamten 20.000 Münzen los. Dafür durchstreifte ich aber auch jeden Tag 16-18 Stunden die Berliner Straßen. Ich holte mir bei der Post die fertigen Pakete wo, ganz genau 222 Schachteln Zigaretten reinpassten. Jeden Morgen brachte ich solch ein Paket zur Post. Sobald alle Münzen verarbeitet waren, fuhr ich nach Hanno­ver. Dort stapelten sich schon die Pakete. Diverse Kioskbesitzer und private Freunde warteten schon sehnsüchtig auf die verbilligten Zigaretten.

Fußnoten

[1] Ein Tipp von Dieter Schulz: Übrigens, auch jetzt gibt es wieder in einem entfernten Land wertgleiche, aber viel viel billigere, 2-€ Münzen. Es sollte ja auch noch eine ganze Weile dauern, bis auch in die Zigarettenautomaten 5-Mark-Oere-Münzen passten. Aber da war ich schon längst im Bau. Nur so aus Spaß erwarb ich mal bei einem Fernfahrer 20 5-Oere Stücke. Und siehe da, auch damit konnte man eine gute Mark machen.

[2] Barsinghausen ist eine Stadt in der Region Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Barsinghausen

[3] Euphemismus für die JVA in Hannover. Benannt nach dem nahegelegenen silbrigen, kugelförmigen Gasbehälter. Für Uneingeweihte missverständlich, die dann nach Aufklärung auch noch falsche Herleitungen angeben: https://www.thieme.de/viamedici/klinik-faecher-neurologie-1538/a/der-patient-aus-der-silbernen-kugel-33065.htm

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

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An wehrlosen Heimkindern kann man ungestraft auslassen, was man an Juden oder Andersdenkenden nicht mehr auslassen kann.

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

Glückliches Österreich!

»Etwa 7000 Gewaltopfer sollen 300 Euro monatlich erhalten. Über die Aufteilung der Kosten wird noch mit Ländern und Kirche verhandelt.«[1] [2]

In Deutschland wären die Zahlen größer. Dennoch hätte man auch hier mit einer pauschalen Entschädigung zwar keine Gerechtigkeit, aber doch einen Rechtsfrieden schaffen können. Doch das Bestreben von Staat und Kirchen, möglichst billig aus einem Menschenrechts-Skandal herauszukommen, war größer. Erst Verleugnung, dann Vertuschung und dann der große Betrug am Runden Tisch unter der Führung von Antje Vollmer, die leider auch Pfarrerin ist. Der Imageschaden zuvörderst für die Kirchen ist immens. Doch die schlafen immer noch den Schlaf des vermeintlich Gerechten. Verjährung[3] ist doch eine feine Sache. Nur wird man dadurch nicht glaubwürdig.[4]

Betroffenheit kann man heucheln, glaubwürdig wird man erst, wenn man reletiv großzügig entschädigt. Gekonntes Problemmanagement sieht anders aus.

[1] http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5179700/Ehemalige-Heimkinder-bekommen-Entschaedigung

[2] http://archiv.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=65570

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[4] http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVI

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

            die keine Kindheit war

Sechzehntes Kapitel

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Die Grenze war nicht weit und wir würden es auch ohne die Hilfe des Onkels schaffen. Es wäre doch gelacht. Was der konnte, schafften wir schon lange. Die Alteingesessenen im Schlaf­­saal wollten natürlich Einzelheiten über uns erfahren. Wir logen ihnen einfach die Hucke voll. Sie gaben sich mit dem, was sie über uns erfahren hatten, zufrieden und schliefen auch bald ein. Wir auch. Wer weiß, wann wir wieder in solch frischgemachten Betten schla­fen würden. Nach der halb durchwachten vergangenen Nacht schliefen wir auch bald den Schlaf der Gerechten. Die anderen mussten in die Schule, wir waren davon befreit. Dafür durften wir uns im Tagesraum mit Mikado, Halma oder Schach die Zeit vertreiben. Wie wir so schön beisammen saßen, konnte ich meine Kumpane mit meinem neuen Fluchtplan über­raschen. Nach der zweiten großen Pause unten auf dem Schulhof begaben wir uns wieder in den Schlafsaal mit dem Hinweis, dass wir Schlaf nachzuholen hätten. Es wurde uns auch gestattet. Wir wurden aber darauf aufmerksam gemacht, dass sich für den Nachmittag einige Herren angemeldet hätten, die noch einige Fragen an uns haben würden. Auch gut. Sollten die fragen, wen sie wollten. Am Nachmittag wollten wir schon über alle Berge sein. Ach so, hier gab es nur Flachland? Egal, dann eben an der Grenze. Ich hatte mich am Stand der Sonne orien­tiert und erkannte, wo Westen lag. In diese Richtung mussten wir, um an die Grenze zu kommen. Aus dem Haus und über die Mauer waren wir schnell. Direkt zwischen dem Haus und der Mauer wuchs nämlich eine mächtige Eiche. Deren Äste dienten uns als Brücke. Klar, etwas Mut musste man schon aufbringen, um die etwa anderthalb Meter freien Raum zu überspringen und sich an einem Ast festzuhalten. Nur dem Mutigen gehört die Welt! Wir hatten die weite Reise doch nicht unternommen, um sie hier schon wieder enden zu lassen. Oder? Herz gefasst, gesprungen, rübergerobbt. Über die Mauer und nichts wie weg! Die Richtung, in der wir uns bewegten war richtig. Bald sahen wir die ersten Hinweisschilder. Halberstadt[1]. Das musste doch schon in der Nähe der Grenze liegen, wenn ich die Deutsch­land­karte richtig im Kopf hatte? Ausgelassen vor Freude darüber, wieder in Freiheit zu sein und den anderen wieder mal ein Schnäppchen geschlagen zu haben, hüpften, ja tanzten wir fast die Straße entlang. Wir hätten ja auch vom Bahnhof aus (wer hätte uns schon so nahe beim Heim gesucht?) einen Zug in Richtung Halberstadt nehmen können. Der Schienenstrang wies zumindest in die Richtung.

Ein „Zimmer“ mit schwedischen Gardinen

Doch gewitzt durch die innerdeutsche Grenze zu Berlin konnte ich mir denken, dass auch hier in dieser Grenznähe ähnliche Kontrollen stattfinden könnten. Auf ein paar Stunden kam es jetzt auch nicht mehr an, bis wir „Drüben“ sein würden. Oh, kindliche Unbeschwertheit. Du kennst nicht die Fallstricke, mit denen Erwach­sene dir das Leben zur Hölle machen. In unse­rer Ausgelassenheit zeigten wir mehr oder weniger den vorbeibrausenden, meist LKW-Fah­rern, unseren Daumen. Was wir gar nicht zu hoffen gewagt hatten, traf dann aber doch ein. Einer der vorbeifahrenden ging vom Gas auf die Bremse. Wir liefen schnell hin. „Wo soll es denn hingehen?“ „Halberstadt!“ „In Ordnung Jungs! Springt hinten drauf!“ Ein oben offe­ner, mit grünen Kübeln beladener Kasten nahm uns auf. Und ab ging die wilde Fahrt. Wir ließen uns ordentlich den Wind um die Nase wehen, als wir über das Führerhaus gebeugt den Weg verfolgten, den der Wagen nahm. Das war dann aber auch schon die letzte Nase voller Wind, den wir in Freiheit genossen. Denn zu unserem Entsetzen, bog der Wagen nicht nach links ab, wo das Schild nach Halberstadt wies, sondern brauste mit fast unverminderter Geschwindig­keit in die Rechtskurve. Wir brauchten nicht allzu lange nachgrübeln, wohin die Fahrt uns führen würde. Rechts freies Feld, links freies Feld. Doch nur wenige hundert Meter wuchs in dieser Landschaft ein Gebäudekomplex heraus. Umgeben von einer grün gestriche­nen Mauer. Durch das weit geöffnete Tor brauste der Wagen auf den Hof. Hatten wir ein „Glück“! Unser freundlicher Fahrer brachte gerade das Mittagessen aus irgendeiner Groß­küche zu seinen Kol­legen von der Grenzpolizei. Soweit konnte diese also gar nicht mehr entfernt sein. Das nützte uns aber herzlich wenig. Für uns war die Grenze wieder einmal unerreichbar geworden. Natürlich beka­men wir von den Bullen kein Mittagessen ab. Das mussten wir unter hämischem Grinsen der Anderen im Heim einnehmen. Mahlzeit! Durch diesen Vorfall gewarnt kamen wir nicht wieder in unseren alten Schlafsaal. Man hatte hier vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit anderen Aspiranten gemacht. Für solche Kunden hatte man sogar ein „Zimmer“ mit schwedi­schen Gardinen[2]. Durch das Hinein­zwängen von vier Betten wurde es ziemlich eng. Für uns aber sehr gemütlich. Außer dass sich mehrere Herren die Zähne mit ihren Fragen an uns aus­bissen und wir ein Spielemagazin zu Verfügung hatten, gab es kaum Abwechslung. Wir waren selbst sehr gespannt darauf, wann man endlich dahinter kommen würde, wohin wir gehörten. Unter den Bullen, die uns bisher vergeblich in dieser Beziehung vernommen hatten, musste doch ein etwas helleres Köpfchen dabei gewesen sein. Zwei von uns sächselten aber zu sehr, als dass das nicht auffallen konnte. Man hatte anscheinend ganz richtig in diese Rich­tung recherchiert. Nach ca. drei Wochen kam einer der Herren uns im Tages­raum triumphie­rend entgegen, als hätte er eine Glanztat voll­bracht, dabei war es nur reine Routinearbeit gewe­sen, und verkündete mit vor Stolz geschwell­ter Brust, dass man nun wisse, woher wir ‚Früchtchen’ (also doch ein Standardsatz, der bei der Polizeischule gelehrt wurde) kämen. Eine komplette Namensliste mit Heim und Heimanschrift las er uns vor. Na bitte, dann konnte unsere Rückreise ja beginnen! Mehr als von meinem Onkel, dass wir auf den Weg nach „Drüben“ waren, konnten sie in ihren Akten nicht vermerken. Waren die vielleicht blöd!? Nach einer weiteren Wartezeit von zwei Tagen hatte man endlich eine Tante vom Jugendamt aufgetrieben, die uns zurück nach Dönschten bringen sollte. Die Trapo[3] in Leipzig sei auch schon informiert teilte sie uns mit. Dort würden wir bis zum Weitertransport unsere Zeit über­brücken. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Von denen hatte ich schon längst die Schnauze gestrichen voll.[4]

Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen

Ich hatte schon gar keine Lust mehr, überhaupt so weit mitzufahren. Auch diese Dame hatte einen Vierkantschlüssel, womit sie Zugabteiltüren öffnen und schließen konnte, ganz nach Belieben. Sobald einer von uns musste, bemühte sie den Schaffner, der uns bis an die bewusste Tür begleiten musste. Ich hatte sehr bald bemerkt, dass die Dame aus einer besseren Familie stammen musste. Schon bei dem Wort „Pissen“ zuckte sie furchtbar zusammen und bekam einen puterroten Kopf. Das reizte mich dazu, mit den anderen Jungs ein wirklich schlüpfriges Gespräch zu beginnen. Die schliefen ja auch nicht auf einem Baum. In ihrer Stimme lag überhaupt keine Autorität, als sie uns aufforderte, solch schmutzige Worte zu unterlassen. Besonders reißfest waren ihre Nerven nicht gerade. An ihrem Verhalten merkten wir Schlingel, dass sie einer Ohnmacht nahe war. Sie wusste, je länger es dauerte schon gar nicht mehr, wohin sie in ihrer Verlegenheit noch schauen sollte.

Mit fahrigen Bewegungen zupfte sie an ihrem Rock herum und hielt dabei die ganze Zeit den Vierkantschlüssel, das Objekt unserer Begierde, – nicht ihr Körper, wie sie zu glauben schien – zwischen ihren Fingern fest. Irgendetwas musste geschehen. Wir näherten uns Leipzig mit D-Zug-Geschwindigkeit. Draußen lief der Schaffner vorbei und verkündete den nächsten Zug­halt. Ich glaube, will es aber nicht beschwören, es war Schkeuditz[5]. Unsere Begleitdame, so sehr sie sich auch unserer Gegenwart schämte, schien nicht bereit zu sein, uns aus dem Abteil zu werfen. Etwas nachhelfen mussten wir schon noch. Während Peter einen besonders schmut­zigen Witz erzählte, den ich sogar behalten habe, hier aber nicht wiedergeben kann, lauschten sie meinem leisen Vorschlag, den ich ihnen zu machen hatte, um aus diesem Abteil und rechtzeitig in Schkeuditz (?) aus dem Zug zu kommen. Das sei ein tolles Stück, fanden sie. Ich auch. Aber nur am Tage war ich Narr. Nachts weinte ich auch schon mal unter der Bettdecke. Immer nur den Abgebrühten spielen, war für meine kleine Jungenseele doch nicht so leicht wegzustecken, wie es den Anschein haben mag.

Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? Alles, was ich an Männlichkeit zu bieten hatte, holte ich, mich direkt vor die Dame aufbauend, aus meiner Hose. Meine Güte, machte die ein Wesen daraus. Wie nur würde sie reagieren, wenn ihr mal was Richtiges unter die Augen kam und nicht nur so ein kleiner Zipfel, wie ich ihn zu bieten hatte. Sie hätte ja rein­beißen können, dann hätte sie ihre Ruhe vor mir gehabt. Dicht genug stand ich ja vor ihr. Aber nein, sie fuchtelte wild mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum und strampelte mit ihren Füßen. Warum nicht gleich so? Der Schlüssel flog ihr aus der Hand, einer der Jungen fing ihn geschickt auf, öffnete die Schiebetüre. Ich musste nur noch den kleinen Zipfel weg­stecken und mich den anderen anschließen. Wegstecken musste ich ihn schon, soviel Zeit musste sein. Ich wollte mich ja schließlich nicht zum Gespött der Leute machen, die uns im Zug begeg­neten. Ach ja, ich hatte mir auch noch die Zeit dazu genommen, die Abteiltür von außen zu verriegeln. Auch das musste sein, weil gerade jetzt der Zug seine Geschwindig­keit zu ver­mindern begann. Wir kamen unbehelligt aus dem Zug und von ihm weg. Nicht dass wir uns auf direktem Wege auf Leipzig zu bewegten. Oh nein! So leicht wollten wir es den Bullen nun doch nicht machen! Für die restlichen ca. 20 km ließen wir uns zwei Tage Zeit und mach­ten dabei eine Menge Lauben unsicher. Um uns zu ernähren, hatten wir ja unsere Notgroschen noch in der Hose. Das Geld konnte ja nicht ewig reichen. Deshalb verblödete ich mich nicht, in Leipzig wieder für Nachschub zu sorgen. Für dubiose Diebstähle, wie vorgeschlagen wurde, hatte ich nicht viel übrig. Ich war in diesem Metier nicht sehr bewandert und es schien auch nicht kalkulierbar genug, die Beute, die man dabei machte. Wir brauchten Bargeld und nicht irgendwelchen Tand, der erst noch verhökert werden musste. Solange wir uns nicht gerade alle auf einem Haufen aufhielten, und somit unnötig auffallen mussten, sah ich kaum Gefahr darin, erwischt zu werden. Ich fand in der Höhle des Löwen seien wir am besten geschützt. Deshalb hielten wir uns auch ganz kackfrech auf dem Hauptbahnhof in Leipzig auf. Leipzig sollte angeblich der größte Sackbahnhof Europas sein (?). Wie dem auch sei, ich wusste jedenfalls, dass jeder Zug, der hier eintraf, immer auch russische Offiziere ausspuckte. Aus allen Richtungen der DDR kamen sie hier an. Viele davon kamen hauptsächlich nur des­halb hierher, weil sie vor ihrem Heimaturlaub noch schnell ein paar Dinge einkaufen wollten, um ihren Frauen, Müttern und sonstigen Lieblingen etwas Besonderes mitzubringen. Nähere Einzelheiten über mein „Geschäft“ werden an anderer Stelle eingehender behandelt, ohne das ich deswegen Geheimnisse preisgebe, die nicht schon längst überholt wären. An guten Tagen, wenn ich nur intensiv genug arbeitete, vorausgesetzt, es war genügend Soore[6] auf dem Markt, konnte ich mit Leichtigkeit an so einem Tag mehr verdienen, als der Monatslohn eines Bullen ausmachte.

Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

An den nächsten Tagen lief alles wie geschmiert. Übermütig geworden, nicht ich, aasten die Bengels mit dem Geld herum. Wir dachten uns nicht viel dabei, als eines Abends S. nicht zu unserer Laube zum Schlafen kam. Er war wohl wieder mal bei seinem Bruder. Er stammt aus Leipzig. Unsere Alarmglocken schlugen erst an, als es bereits zu spät war. Grelles Scheinwer­fer­licht und hereinstürmende, bewaffnete Bullen (oder war es umgekehrt?) rissen uns aus dem wohlverdienten Schlaf. Den Grund unseres Entdecktwerdens sahen wir dann auf dem Polizei­revier, wohin wir gebracht wurden. Nein, nicht angetrunken, nicht betrunken, sturzbesoffen war unser lieber Mitausreißer S., den wir dort wiederfanden. Ich wunderte mich nur, wie die Bullen etwas aus diesem Suffkopp hatten herausbekommen können, vor allen die präzise Lage unserer Laube. Zu seiner Schande gestand er uns, dass er es selbst nicht mehr wüsste, wo man ihn aufgelesen, was er ihnen alles erzählt hatte. Schicksal! Das Kind war in den Brun­nen gefallen. Da half auch kein Vorwurf etwas. Mit Hallo und der obligatorischen Ver­haue wur­den wir wieder in Dönschten empfangen.

Peter und ich passten uns danach wieder dem Heimleben an, bemühten uns die Dinge für den kommenden Weihnachtsmarkt fertig zu machen. Ich war glücklich Monika, wieder zu sehen und schmachtete zu ihrem Fenster hinauf.

Nur zwei aus unserer 27er Kindergruppe durften über Weihnachten nach Hause fahren. Wir restlichen verbliebenen erlebten ein ziemlich trost­loses Weihnachtsfest. Briefe von zu Hause wurden so oft gelesen, bis sie von den Tränen sich aufzulösen begannen. Natürlich sah das niemand. Ausheulen tat man sich nicht vor den Augen anderer. Selten dass man solch einen Intimfreund hatte, dem man auch seine wahren Gefühle anvertrauen konnte. Es war schon ein Kreuz mit den Gefühlen. Zur Härte erzogen, sich gegen jeden und alles stellend, um sich einigermaßen durchsetzen zu können, waren wir doch alle nur kleine Jungs, die sich viel lieber mal an die Mutterbrust gekuschelt hätten, als den starken „Mann“ vorzukehren. Ob einer Rücksicht auf die Gefühle anderer genommen hätte? Nicht einmal Kinder untereinander akzeptierten die Gefühle des anderen. Gefühle wur­den als Schwäche ausgelegt. Schwäche erbarmungslos ausgenutzt. Solange man sich nicht selbst bei einer Gefühlsduselei erwischen ließ. Nach außen hin ließ man sich eher auseinan­der­reißen als Gefühle zu zeigen. Zusammenbrechende Herzen ließen keine Geräusche nach außen dringen. Härte wurde abverlangt und, gezeigt!

Tja, man muss manchmal im Kreis laufen, um auf den richtigen Weg zu gelangen. Ich habe begonnen mein Leben zu beschreiben an einer Stelle, die viele Fragen offen lässt, wie es zu diesem Leben überhaupt kommen konnte. Ich habe meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Wie mich meine Erinnerungen eingeholt haben, so habe ich es angefangen niederzuschreiben. Bewusst auf meine Vergangenheit gelenkt gaben dann in der Folgezeit die Hirnzellen noch viele Erinnerungen preis. Nebelschleier hoben sich, gaben längst vergessen Geglaubtes wie­der frei. Manche gravierende Vorfälle wurden hinter diesem Vorhang deutlich sichtbar, andere nur verschwommen. Um das Bild aber abzurunden, so finde ich, muß der Hintergrund noch weiter aufgehellt werden. Wenn ich so daran zurück denke wie meine Jungs groß gewor­­den sind, glaube ich schon, dass meine Kindheit etwas Besonderes war. Diese aufzuzeigen, ob das etwas bringt? In dem Sinne, dass es Menschen zur Besinnung bringt, und davon über­zeugt, wie sinnlos Kriege sein können, MÜSSEN! Bevor ich schildere, wie es mir dann doch gelungen ist in den „goldenen Westen“ zu flüchten, was mich dort erwartete, möchte ich doch zuerst noch mehr von mir berichten.

Vater, du Arsch hast nur vom Krieg und den Puffs geschwärmt.

Zu dem Zeitpunkt, als ich gebohrt [sic![7]] wurde, hatte Großdeutschland schon damit begon­nen, sein Tausendjähriges Reich wieder zu zerstören. Meiner Rechnung nach muss das im April 1940 geschehen sein. Mir ist nicht bekannt (solch ein gutes Verhältnis konnte ich zu meinem Vater nie aufbauen), ob ihn seine Beschäftigung zum Zeitpunkt meiner Geburt – 27.01.41 – ebenso viel Freude bereitet hat, wie die, als ich von ihm gebohrt wurde. Das Wenige, was ich in der Folgezeit über meinen Vater erfuhr, war, dass er in seinem Beruf keine Perspektive mehr sah. Er war Schweitzer von Beruf[8], wie er seine Kuhbauerntätigkeit zu beschönigen versuchte. In Deutschland scheint dieser Berufsstand ausgestorben zu sein, sofern es ihn überhaupt mal gab. Tatsache ist, dass er auf einem großen Rittergut (wir waren aber keine Rittersgutbesitzer, wie sich viele geflüchtete Ostpreußen damit schmückten, als der Zusammenbruch perfekt war und sie, ohne dass es groß nachgeprüft werden konnte, sich als solche ausgaben) haufenweise Kühe gemolken hat, auch etwas von der Behandlung kranker Kühe verstand und Milch zu Butter verarbeiten konnte. Kuh-Schäfer, würde ich sagen, wäre der richtige Ausdruck für seine Beschäftigung gewesen. Für seine Tätigkeit, und dafür, dass der Rest der Familie im Laufe des Jahres bestimmte Tage des Jahres dem Junker seine Felder zu bestellen hatte, Kinder nicht ausgenommen, dafür durften sie im Winter ja auch zur Schule gehen, bekam er eine Behau­sung gestellt und ein paar Morgen Land[9] zur eigenen Nutzung. Kötter[10], nannte man wohl solche billigen Arbeitskräfte. Wie dem auch sei, ich habe eine sehr, sehr schwache Erinnerung daran, dass mein Vater mal als Weihnachtsmann verkleidet bei uns zu Besuch war. Es kann sich dabei nur um das Weihnachtsfest 1942 oder 1943 gehan­delt haben. Mein größerer Bruder bekam einen Panzer geschenkt. Aufgezogen rasselte er durch die Wohnstube und aus seinem Rohr vorne kamen kleine Blitze. Richtig stilgerecht zu dama­liger Zeit. Was ich erhielt, dass entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Fasziniert hat mich eben nur der Panzer. Ich weiß nur noch, dass ich mehr schlecht als recht das Weih­nachts­gedicht „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich bitte nicht…..“ aufsagte und mei­nen eigenen Vater dabei nicht unter seiner Maske und Verkleidung erkannte. Ich kannte ja noch nicht einmal seine Stimme. Die hörten wohl mehr seine Untergebenen, die er an seiner Flak befehligte. Mein Vater hatte rechtzeitig erkannt, dass es doch besser sei, sich dem Her­ren­menschentum anzuschließen und auch dabei helfen, den Krieg zu gewinnen, damit auch er, der Kuhjunge, ein Stück vom Braten abbekam. Nur verdiente Helden sollten damit belohnt werden, einmal über andere Menschen zu herrschen. Armer alter Narr. Gegen Kriegsende hast du dir einen Bauchschuss eingehandelt. Du hattest Glück im Unglück. Du kamst in amerika­nische Gefangenschaft und nicht in russische, was wohl Sibirien bedeutet hätte. Ich habe später viele von daher wiederkehren sehen. Denen ging es gar nicht so gut, wie dir, als ich dich nur wenige Jahre später vorfand. Aber ich will nicht vorgreifen. Zunächst ging es uns ja auch ganz gut. Obwohl kein Vater im Haus war, brauchte Mutter keine Hand zu krümmen, um das Land und den Stall zu bewirtschaften. Dafür bekamen wir polnische Kriegsgefan­gene.[11] Du, Vater, hast meiner Mutter zum Vorwurf gemacht, anscheinend nur, um deine eigenen Unzulänglichkeiten zu verdecken, sie hätte sich mit diesen Plenjis ins Heu gelegt. Du Arsch hast gar nicht gemerkt, wenn du bei den wenigen Gelegenheiten, die wir miteinander verbrachten, vom Krieg und den Puffs schwärmtest, dass du dich doch selbst widersprochen hast. Dir kann ich den Segen nicht geben, den ein Toter sonst von seinen Kindern bekommt. Später, Vater, werde ich noch mehr mit dir ins Gericht gehen müssen!

Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten.

Bilder aus der Zeit, die nur an mir vorüber huschen, die ich versuche einzufangen, um sie naturgetreu wiedergeben zu können, kommen auf mich, desto mehr ich in meiner Vergan­genheit grabe. Ich sehe meine Mutter auf einem Schwein reiten. Nicht, dass sie dafür eine besondere Begabung gehabt hätte oder eine Zirkusnummer einstudieren wollte. Eines dieser Mistviecher war aus dem Stall ausgebüchst und trieb sich im Obstgarten herum. Das Fallobst war viel zu kostbar, so fand es wohl meine Mutter, als dass es von Schweinen aufgefressen werden sollte. Sie jagte das Schwein aus dem Obstgarten. Versuchte es zumindest. In seiner eigenen Panik lief das Vieh meiner Mutter genau zwischen die Beine. Die Beine meiner Mutter waren nicht gerade die längsten. So kam es, dass sie das Schwein, oder das Schwein meine Mutter, durch den Obstgarten ritt. Nichts Weltbewegendes, werden Sie jetzt sagen. Für mich schon! Das sind nur ganz wenige Augenblicke meiner Kindheit, der ich mich erfreuen konnte. Alles was danach kam, war nur noch Stress und Kampf ums Überleben. Wofür eigentlich?

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Halberstadt

[2] Falls der Begriff inzwischen veraltet sein sollte: Gemeint sind Gitter vor dem Fenster. Schweden war als bedeu­tender Eisenexporteur bekannt.

[3] Die Transportpolizei (Trapo) war die Bahnpolizei der Deutschen Demokratischen Republik. https://de.wikipedia.org/wiki/Transportpolizei

[4] Schulz: Das Warum erfahren sie in einem der nächsten Kapitel.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Schkeuditz

[6] Sore steht für ein Wort der deutschen Gaunersprache für (Hehler-)Ware, Diebesgut oder Beute, das aus Jiddisch sechoro „Ware“ entlehnt ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Sore

[7] Kein Druckfehler. Schulz meint damit den Geschlechtsverkehr, der zur Zeugung führt..

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_(Beruf)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Morgen_(Einheit) https://www.aid.de/forum/index.php/forum/showExpMessage/id/47131/page1/3/searchstring/+/forumId/3

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6tter

[11] Der dürfte so ausgesehen haben:                             panzer                     Quelle: NSDAP, Weihnachten, „Kinder malen“, S. 9a

[12] http://www.expolis.de/schlesien/texte/maas.html

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, Von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/           PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/              PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!   https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                           PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/  PDF: 15 spurensuche

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                                  PDF: 16 Was also blieb uns übrig

 Wie geht es weiter?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Heimkinder als Verfügungsmasse

Als Versuchskaninchen wurden sie auch benutzt. Seit Sylvia Wagner über Arzneimittel­studien an Heimkindern publiziert hat[1], purzeln die Meldungen geradezu aus dem Medien. Immer mehr Heime und Fälle werden genannt, auch aus dem Ausland[2]. Die FAZ veröf­fentlichte am 19. November einen ganzseitigen Artikel über „Tablettenkinder“ an recht prominenter Stelle[3].

Die Heimereignisse sind also noch vielfältiger, als sie bisher dargestellt wurden. Doch überraschend kommt das nicht. Es ist nur ein weiteres unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte.

Ich sehe bisher fünf Phasen.

Die erste Phase ist durch das Stichwort „Schläge im Namen des Herrn“ (SPIEGEL-Redakteur Wensierski) zu umreißen. Es ging um die Vorkommnisse in den Heimen, die man aufgrund der damaligen pädagogischen Kenntnisse – vorsichtig formuliert – als hinderlich für den weiteren Werdegang vieler ehemaliger Heimkinder bezeichnen kann. Die Heimkinder nennen die alltäglichen Demütigungen, Gewalttätigkeiten, Zwangsarbeit und Bildungsverwei­ge­rung „Verbrechen“. Die folgenden Phasen resultieren aus dieser ersten.

Als diese Vorkommnisse nicht mehr geleugnet werden konnten, kam die zweite Phase: der Runde Tisch Heimkinder, „moderiert“ von Frau Vollmer. Hier saßen wenige ehemalige Heim­kinder einer Phalanx von kompetenten Interessenvertretern von Staat und Kirchen gegen­über – und sie wurden gezielt betrogen.[4] Die Medien schreiben bis heute von Ent­schädigungen, obwohl die bescheidenen Geldzuwendungen erklärtermaßen keine sein sollen, denn dann gäbe es einen Rechtsanspruch. Das durfte nicht sein, ebensowenig wie man bereit war, die Zwangsarbeit als solche zu deklarieren und zu vergüten. Auch heute noch renom­mierte Firmen blieben verschont. Bleibende Körperverletzungen blieben unberücksichtigt wie grundsätzlich auch die Kinder aus Behindertenheimen und Kinderpsychiatrien.

Die dritte Phase begann mit dem Bekanntwerden des umfangreichen sexuellen Missbrauchs in den Erziehungseinrichtungen und mündete in den separaten Runden Tisch Missbrauch. Missbrauch war am ersten Runden Tisch bereits zur Sprache gekommen, war jedoch kein eigenes Thema, wie auch die Medikamentierung der ehemaligen Heimkinder. Viele berichteten, wenn auch nicht von Versuchen, so doch von Medikamenten zur Ruhigstellung mit psychotropen Substanzen. Das hat nicht weiter interessiert.

Nun beginnt die vierte Phase mit der Aufdeckung umfangreicher medizinischer Versuche an ehemaligen Heimkindern. Medikamente waren nicht das einzige. Ich erinnere mich an die Schilderung eines ehemaligen Heimkindes, der wegen Bettnässen in der Universitätsklinik Tübingen mit Elektroschocks am Penis behandelt wurde bis zur Verschmorung des Gewebes.

Eine fünfte Phase wird gerade eingeleitet mit der Errichtung einer Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für die ehemaligen Heimkinder aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien.

Das Schicksal der Kinder in den Heimen hat die Forschung beflügelt, wie auch jetzt aktuell in der Medikamentensache. Die Heimkinder sehen nach meiner Kenntnis dabei hauptsächlich, dass für die Forschung Geld bereitgestellt wird (wie auch für die Verwaltung ihrer Anträge), aber kein Geld für halbwegs angemessene Entschädigungen. Ein Großteil der ehemaligen Heimkinder lebt in äußerst bescheidenen Verhältnissen, allein schon bedingt durch heimver­ursachte Bildungsmängel.

Ich teile die Skepsis der ehemaligen Heimkinder, dass auch für die neu bekannt werdenden Fälle wieder nur „Almosen“ übrig bleiben werden, – auf Antrag und unter retraumatisierenden Bedingungen. Unsere Medien werden wieder von Entschädigungen sprechen. Sie sollten besser recherchieren.

Bewertung: Schutzbefohlene können zu den verschiedensten Zwecken „verzweckt“ , also missbraucht werden, die Geschichte der Heimkinder belegt das. Es wäre auch nach den Insassen der Seniorenheime zu fragen, nach den Strafgefangenen, auch nach Kranken in den Krankenhäusern, – es gäbe wohl noch manche andere. Ich will bei den Kindern bleiben.

Neuere Vorkommnisse[5] zeigen, dass trotz einer Besserung der Verhältnisse wohl auf breiter Basis in den totalen Institutionen es ohne Rücksicht auf die Rechtslage[6] immer wieder zu Übergriffen kommt, die nicht tolerierbar sind. Vertrauen mag gut sein, Kontrolle ist besser. Wir brauchen für die verschiedenen Gruppen Schutzbefohlener Ombudsleute, die nach ihrer Überprüfung der Plausibilität von Vorwürfen bevollmächtigt sind, die Fälle in den Einrichtungen zu untersuchen (Befragungen, Akteneinsicht, Schiedsbefugnis, Beschwerde­macht bis hin zur Anklagebefugnis). Viele Schutzbefohlene haben noch ihre Familien oder Freunde, die für sie die Ombudsperson anrufen können, wenn sie nicht selber mehr dazu in der Lage sind.

Doch ich fürchte, dass unsere Politiker eher um ihre Wiederwahl besorgt sind und auf Lobbyisten hören, denn auf die Sorgen und Beschwerden „kleiner Leute“.

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] http://www.lkz.de/lokales/stadt-kreis-ludwigsburg_artikel,-%E2%80%9ETaeglich-ein-Becherle-mit-Smarties%E2%80%9C-_arid,396038.html

http://www.shz.de/lokales/schleswiger-nachrichten/ndr-mehr-medikamenten-tests-mit-heimkindern-als-bislang-bekannt-id15429721.html

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

http://www.shz.de/regionales/newsticker-nord/ndr-mehr-psychopharmaka-tests-mit-heimkindern-als-bekannt-id15429266.html

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/924075/medikamententests-heimkindern-betroffener-erzaehlt.html

http://www.cbgnetwork.org/6964.html

Pharmaindustrie: grausame Medikamentenversuche unter dem Motto „Kinder sind unsere goldene Zukunft“

https://www.radio-utopie.de/2016/11/27/erprobungen-mit-aolept-und-megaphen-heimkinder-mussten-bayer-arzneien-testen/

[3] Von Reiner Burger, FAZ Sonnabend, 19. 11. 2016, S. 3. Leider kann ich aus ©-Gründen meinen Scan hier nicht einstellen.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/12/friesenhof-skandal-neue-kinder-und-jugendhilfeverordnung-ab-ende-juli/

https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/09/12/gewerbeschutz-von-traegern-der-jugendhilfe-im-gesetz-besser-geschuetzt-als-das-kindeswohl/

[6] Auch die Rechtslage ist dank der Lobby-Arbeit der Sozialkonzene nicht im Sinne von Schutzbefohlenen gleich welcher Art. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/06/24/die-zahnlosigkeit-der-gesetze-zum-recht-von-schutzbefohlen/

Gerade kommt noch ein neuer Link rein: http://www.derbund.ch/zuerich/gemeinden/Schlimme-Befuerchtung-Pharmatests-an-Heimkindern/story/31169665

Der Fall der Brüdergemeinde Korntal – Ein Neben?effekt

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Psychologie, Religion by dierkschaefer on 4. Dezember 2014

Ulrich Scheuffele schreibt in seinem Kommentar[1] »Für mich war dieser Täter ein sehr liebenswerter Mensch und ein Lichtblick unter den „kalten Personen“ des Heimpersonals«.

Die kalten Personen des Heimpersonals und nur der Missbraucher als liebenswerte Ausnahme – da war doch nicht nur der Täter fehl am Platz.

 

Warum hat das nur der Zivildienstleistende Scheuffele gemerkt?

Wie „kalt“ ist diese in ihrer Frömmigkeit hervorstechende „Brüdergemeinde“ gewesen? – Auch heute noch?

Wie heimelig war die Normalität in diesem Kinderheim?[2]

 

„Heimelig! Mir grauts vor dir.“[3]

[1] http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/192/das-heilige-und-der-teufel-2586.html#comment-form

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6059252852/in/set-72157649589012131

[3] aus Goethes Faust, leicht abgewandelt

Angst vor der Wahrheit

Posted in Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 19. Januar 2014

Vom Umgang mit bösen Wahrheiten

 

Gewiß gibt es schlimmere Kinderheime als das von Halinka. Ob man es „normal“ nennen kann, weiß ich nicht. Mirjam Pressler[1] hat aus der Perspektive des Mädchens Halinka geschrieben.

 

Beim Vorlesen stieß ich auf Seite 143 auf den Umgang mit Wahrheiten, über die „man“ sich schämt.

 

»Jedenfalls ist es gut, dass du’s ihr mal gezeigt hast«, sagt Duro. »Jetzt wird sie dich in Ruhe lassen.« Sie fischt ein Stückchen Speck aus der Suppe. »Um was ist es eigentlich gegangen? Warum habt ihr euch geschlagen?« Das hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, da haben die anderen den Mund gehalten. Ich schiele zu Rena hinüber. Sie setzt sich aufrecht hin und räuspert sich, als wolle sie etwas sagen, aber erst mal bekommt sie kein Wort heraus. Sie hustet und dann sagt sie es doch. »Meine Mutter«, sagt sie, »sitzt im Gefängnis. Deshalb bin ich hier. Elisabeth wollte mich damit ärgern und Halinka hat mir geholfen. Deswegen haben sie sich geprü­gelt.«

Ich senke den Kopf über meinen Teller und wage nicht hochzuschauen. Warum hat sie das gesagt? Das tut man doch nicht. Jetzt wissen alle am Tisch, dass ihre Mutter im Gefängnis sitzt, und spätestens morgen früh weiß es das ganze Heim. Böse Worte haben Flügel, und sind sie erst einmal ausgesprochen, lassen sie sich nicht mehr einfan­gen, auch wenn man das möchte.

Inge stößt einen bewundernden Pfiff aus. Warum? Ist das etwa was Tolles, wenn die Mutter im Gefängnis sitzt? »Klasse«, sagt Inge. »Ich finde es klasse, dass du’s gesagt hast. Jetzt brauchst du wenigstens keine Angst mehr da­vor zu haben, dass die anderen es rauskriegen.«

 

Ich denke, Inge hat recht.

 

Mirjam Pressler beschreibt sehr einfühlsam die Situation Halinkas im Heim, auch wenn es kein „schlimmes“ Heim ist, möchte man nicht dort sein.

Wir sind erst auf Seite 151 – und ich bin gespannt, wie’s weitergeht.

 

Mirjam Pressler, Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.


Zwangsarbeit? Doch nicht im Kinderheim!

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 21. Mai 2010

Martin Mitchell aus Australien verbreitet folgenden lesenswerten Bericht über das Betriebsklima wohl nicht nur dieses kirchlichen Heimes (ErziehungsheimMädchenerziehungsheimderSchwestern vom Guten Hirtenin Aachen).

www.heimkinderopfer.blogspot.com/2010/05/blog-post.html

Wieder einmal frage ich mich, warum der Runde Tisch in seinem Zwischenbericht die Nutznießer solcher Zwangsarbeit nicht genannt hat.

»Die Begrüßung im „Zum guten Hirten“ fiel folgendermaßen aus:

Alle Erzieherinnen wollten hier als „Mutter“ sowieso angesprochen werden. „Hier hast du alle Rechte an der Pforte abgegeben; du bist eine Nummer von vielen; solltest du aufmucken dann hast du schon verloren.“ Dabei rasselte sie ununterbrochen mit Ihrem Schlüsselbund, mit einigen Schlüsseln daran, den sie um den Bauch an einem Gürtel trug. Jede Tür wurde mit einem Ihrer Schlüssel geöffnet, nachdem wir durchgegangen waren, wieder verschlossen. Es ging zu wie im Gefängnis.

Wie wir dann zur Gruppe kamen stellte ich fest, dass alle Sadisten so einen Schlüsselbund um den wohlgeformten Leib trugen. In der Folgezeit habe ich öfters Kontakt mit den Bunden im Gesicht und am Körper gehabt. Mir und auch bestimmt den anderen wurde des Öfteren mitgeteilt, wenn wir nicht spuren würden, gäbe es zwecks Erziehungsprogramm auch noch das Zuchthaus für Mädchen, die sich nicht belehren ließen.

Ich teilte den Nonnen direkt mit, dass ich schwanger war. Im Beisein von mehreren Nonnen wurde ich von einem Arzt untersucht der bestätigte die Schwangerschaft. Das hielt diese Leute aber nicht davon ab mich schwerste körperliche Arbeit verrichten zu lassen. So kam es zur Fehlgeburt auf der Heimtoilette.

Ich bekam es mit der Angst, rief eine Nonne die dann so reagierte. Sie spülte den Fötus in den Abort und sagte: „Sei froh das du den Balg los bist. Jetzt können wir ja endlich die Arbeiten aufnehmen und du brauchst dich nicht mehr darum zu drücken.“ Nach 14 Tagen Blutverlust entschied man sich dann doch mal zur Krankenhauseinweisung der Stadt Aachen zwecks einer Operation.

Danach nahm die Ausbeutung bis zur Entlassung Ihren Lauf.

Ich wurde in einem großen Raum wo nur Mädchen an manuellen Nähmaschinen saßen, angelernt im 8 Stunden Akkord sämtliche Oberbekleidung für Quelle, Schwab, und Neckermann zu nähen. Bis dahin kannte ich solche Arbeiten nicht. Aber nach vielen Folterungen z.B. Schläge von hinten (man saß ja an der Maschine) und ich flog mit voller Wucht auf das Obergestell. Man lernte schnell damit diese Kampagnen endlich aufhörten.

Die tausenden von Kleidung musste dann in Tüten eingeschweißt und in überdimensionalen Schrankkoffern über mehrere Etagen zur Pforte geschleppt werden, wo die Ware von den Versandhäusern abgeholt wurden. Für die Schokoladenfabrik Stollwerck aus Aachen [sic — Köln] haben wir ebenso im Heim gearbeitet. Die Firma brachte und holte die fertige Arbeit auch wieder ab. Wir haben auch hier wie überall den Rücken umsonst krumm gemacht. Gottes Lohn sollte uns reichen«.

»Für diesbetreffende Kontaktzwecke in Deutschland hat sich Erich Scheuch zur Verfügung gestellt. Erich Scheuch ist selbst „Heimkind“ in einem katholischen Kinderheim gewesen (und diese Frau, die selbst keinen Computer hat, hat ihm ihre Geschichte zur Weiterveröffentlichung im Internet aufgeschrieben ).

Erich Scheuch, 02241 33 40 23, 0163 – 721 96 90, erich.scheuch@edw-scheuch.de «