Dierk Schaefers Blog

Ist eben auch nur Kirche

Posted in Gesellschaft, Kirche, Soziologie by dierkschaefer on 4. Mai 2013

Sehr schön haben die Autoren Bingener, Pergande und Schmidt in ihrem heutigen FAZ-Artikel über den Kirchentag http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/politiker-in-hamburg-der-kirchentagskomplex-12171599.html eine human-touch-Geschichte eingeflochten.

Walter Wurst war 1953, vor 60 Jahren, zum ersten Mal bei einem Kirchentag, auch in Hamburg. Nun ist er 81 Jahre alt und wieder dabei. Doch eins wurmt ihn: »Als der Kirchentag näherrückte, schickte Walter Wurst eine E-mail nach Hamburg. Er fragte das „liebe Kirchentagsteam“, ob weitere Teilnehmer des Treffens von 1953 jetzt wieder dabei sein würden«. Doch er erhielt keine Antwort. Auch der Begriff Senior komme im Kirchentagsprogramm nicht vor. »Es ging ihm gar nicht so sehr um sich selbst, sondern darum, „dass man sich erinnert“«.

So ist das mit den „Großen“, sie antworten nicht und lassen auch nicht antworten. Eben auch nur Kirche und der Kirchentag eine Massenveranstaltung – für Jüngere, mit jüngeren Themen. Was zählt da schon ein alter Opa – vielleicht sabbert er schon.

Ansonsten hat Reinhard Bingener, leider nur in der Printausgabe, einen guten Artikel zum Kirchentag geschrieben, Titel Evangelisches Reformhaus. Er zeigt bei aller Freundlichkeit gegenüber der Veranstaltung doch auch so viel Distanz, daß man sich nicht vereinnahmt fühlt, und er stellt das spezifisch Protestantische heraus.

Auch hier aber noch einmal zum erstgenannten Artikel und zu Walter Wurst: »Was für Veranstaltungen Walter Wurst damals auf dem Kirchentag besucht hat, wen er auf dem Kirchentag getroffen hat und wessen Reden gehört, daran erinnert er sich heute nicht mehr. Aber das, sagt er mit Blick auf den Rummel, der in Hamburg um manche Redner gemacht wird, um Margot Käßmann etwa, sei vielleicht gar nicht so entscheidend. „Die Leute sollen sich nicht so wichtig nehmen. In sechzig Jahren weiß das ohnehin kein Mensch mehr.“«

Da hat er wohl recht – und das ist gut so.

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Kirchentag: Möchlichst gaanich drum kümmern!

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 14. Mai 2010

»Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag«

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694787,00.html

Betroffene stinken! Diese Erfahrung habe ich vielfach auf meinen Tagungen gemacht.

»Was, Sie haben auch Betroffene eingeladen? Da kann man ja keine Fachdiskussion führen«.

  • Richtig ist, daß solche Diskussionen mit Beteiligung von Betroffenen schwierig sind. Betroffene sehen nun einmal ihr persönliches Schicksal im Vordergrund.
  • Richtig ist aber auch, daß Fachleute es sich zu leicht machen, wenn sie die Beteiligung von Betroffenen nur als Störung abtun wollen.

Herr Denef auf dem Kirchentag hat völlig recht, zumal es ja Anfragen im Vorfeld gegeben hat, Opfer in das Podium einzubeziehen.

Wie souverän war doch damals (1968) Alexander Mitscherlich. Als Psychologiestudenten beim Psychologenkongreß ein „go-in“ veranstalteten und über die rattentaugliche Psychologie diskutieren wollten, da verschanzten sich die Fachleute hinter den Pultdeckeln der Hörsaalbänke, klapperten mit den Deckeln und inszenierten einen verbalen Grabenkrieg, – bis Mitscherlich auf dem Podium zum Mikrophon griff und ruhig sagte: »Lassen Sie uns die jungen Kollegen doch erst einmal anhören«. Damit war die Situation gerettet.

photo: dierkschaefer

Gab es niemanden unter den Besuchern in der Halle, der, zwar nicht selbst Opfer, aber aus Protest mit Herrn Denef den Raum verlassen hat?

Für noch zynischer als die Ausgrenzung von Herrn Denef halte ich die Begründung im Vorfeld: Man wolle die Opfer nicht aufs Podium lassen, um sie zu schützen. Dies ist eine widerliche Form der Bevormundung von Erwachsenen. Schließlich hätte man sich ja mit einigen Opfern vernünftig absprechen können. So aber wurde die Veranstaltung zum sprechenden Zeichen der Verweigerung.

Ein schlechtes Zeichen für die glaubwürdige Bewältigung eines schlechten Gewissens.