Dierk Schaefers Blog

Wurde doch vorausgesetzt, dass sich in christlich-diakonischen Heimen dem „ärmsten Bruder“ im Geist der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit angenommen wird.

Wieso dann die vielfachen Demütigungen und das Anwenden von Gewalt?

Ulrike Winkler hat in ihrem Vortrag in Hamburg ein desolates Bild dieser Anstalten vorgestellt. Nicht neu, aber komprimiert.

Die Frage des Wieso hat soweit ich weiß noch keinen Theologen zu einer plausiblen Antwort herausgefordert.

Leider hat Frau Winkler die Vertuschungs- und „Entschädigungs“praxis im Vortrag ausgespart. Auch für dieses Verhalten kirchlicher Einrichtungen hätte ich gern eine theologische Stellungnahme – und werde sie wohl nicht bekommen.

http://www.schmuhl-winkler.de/pages/Alsterdorf-Winkler.pdf

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Glückliches Österreich!

»Etwa 7000 Gewaltopfer sollen 300 Euro monatlich erhalten. Über die Aufteilung der Kosten wird noch mit Ländern und Kirche verhandelt.«[1] [2]

In Deutschland wären die Zahlen größer. Dennoch hätte man auch hier mit einer pauschalen Entschädigung zwar keine Gerechtigkeit, aber doch einen Rechtsfrieden schaffen können. Doch das Bestreben von Staat und Kirchen, möglichst billig aus einem Menschenrechts-Skandal herauszukommen, war größer. Erst Verleugnung, dann Vertuschung und dann der große Betrug am Runden Tisch unter der Führung von Antje Vollmer, die leider auch Pfarrerin ist. Der Imageschaden zuvörderst für die Kirchen ist immens. Doch die schlafen immer noch den Schlaf des vermeintlich Gerechten. Verjährung[3] ist doch eine feine Sache. Nur wird man dadurch nicht glaubwürdig.[4]

Betroffenheit kann man heucheln, glaubwürdig wird man erst, wenn man reletiv großzügig entschädigt. Gekonntes Problemmanagement sieht anders aus.

[1] http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5179700/Ehemalige-Heimkinder-bekommen-Entschaedigung

[2] http://archiv.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=65570

[3] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

[4] http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812

 

„Governments too often in these cases refuse to address the problem“

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 23. Juni 2009

Governments too often in these cases refuse to address the problem, they manufacture statutes of limitations, that prevent victims from having their day in court, they refuse to make mandatory reporting an issue, they do not create a national registry for those in the helping professions caring for vulnerable groups, author poor public policy, and starve good agencies of resources and money.

Für alle, die die Mails von Herrn Mitchell nicht bekommen oder entnervt wegklicken, sei dieser von ihm gefundene Link empfohlen:

http://www.reach.ca/shared_future/eng/longueepee.htm

Wer Schwierigkeiten mit dem Englischen hat, installiere sich dieses hilfreiche Programm:

http://dict.lingo4u.de/

Ohne Hände ins Leben!

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 17. Mai 2009

Ohne Hände ins Leben!

Wer sich mit den Schicksalen von ehemaligen Heimkindern beschäftigt, den läßt das Thema auch im Urlaub nicht los.

In Lyon stieß ich auf ein Denk-mal! und photographierte es.P1260743 d

Ein geistlicher Herr, sein Habit weist ihn als katholischen Würdenträger aus, schaut milde auf ein Kind, seine Linke umfaßt es sanft, die Rechte, der Zeige­finger ist abgebrochen, weist gen Himmel, wie die thematisch ähnliche Statue von August Hermann Francke in Halle. P1230235 d Kopie 2

Doch im Gegensatz zu Francke eröffnet seine gesamte Haltung eher den Blick des Betrachters auf das Kind.

Doch das Kind hat keine Hände.

Kein Zweifel, er wird sie ihm nicht abgeschlagen haben. Ich unterstelle auch nicht, daß er Kinder mißhandelt hat. Doch für mich ist diese Statue eine Illustration kirchlicher Heimerziehung.

Allerdings nicht generell.

Wir dürfen nicht vergessen, daß früher (viel früher) Findelkinder, die in einem Kloster Aufnahme fanden, eine deutlich größere Über­lebens­chance hatten, als Kinder in öffentlichen Kinderheimen.

Wir dürfen auch nicht vergessen, daß sie dort nicht nur eine für das Leben nützliche Erziehung bekamen, sondern daß es sogar pädagogisch sinnvolle Sonderwege gab. Dabei denke ich an Fra Filippo Lippi aus dem 15. Jahrhundert. Früh verwaist fand er Aufnahme bei den Karmelitern. In der Schule fiel er durch ungebührliche Kritzeleien auf. Doch die Mönche entdeckten sein Talent und ließen ihn das Malen lernen.

Solche kindgerechten Reaktionen waren sicher auch damals nicht die Regel – und doch wird man nachdenklich, wenn man den Berichten der Heimkinder entnimmt, wie wenig viele von ihnen gefördert wurden. Ganz im Gegenteil: Viele wurden mißhandelt und mißbraucht. Demütigung scheint ein durchgängiges Prinzip gewesen zu sein. Diese Heimkinder gleichen damit dem Kind auf dem Bild, dem die Hände abgeschlagen wurden, denn sie entkamen dem Heim als Behinderte an Geist und Seele, manche hatten bei der Zwangsarbeit auch körperliche Schäden davongetragen.

Wie behindert waren die Erzieher? Was muß man für ein Mensch sein, um Kinder so zu quälen, wie es vielfach berichtet wird? (Eine Frage, die leider auch für manche Eltern zu stellen ist.  Siehe dazu: gewalt-07-2)

Von einigen Heimkindern, die in staatlichen Heimen waren, hörte ich: „Die kirchlichen waren ja noch viel schlimmer“. Da ich Pfarrer bin, suche ich natürlich auch nach einem Grund für die Mißhandlungen gerade in kirchlichen Einrichtungen – und habe ihn noch nicht gefunden. Das, was dort geschah, steht völlig im Gegensatz zu dem Jesus-Wort bei Matthäus (18,10): Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. (siehe las meninas)

So wurde die Statue eines hochgerühmten Theologen aus dem 14./15. Jahrhundert für mich zum Symbol kirchlicher Erziehung in der Nachkriegszeit.

Der Theologe ist übrigens Jean le Charlier de Gerson, auch Johannes Gerson genannt. Er lebte von 1363 bis 1429, war auch zeitweise Kanzler der Pariser Universität Sorbonne. In seinem letzten Lebensabschnitt widmete er sich der Unterrichtung von Kindern und Jugendlichen. Sein Denkmal steht gegenüber der Kirche St. Paul in Lyon, seiner letzten Wirkungsstätte.

Bei Wikipedia lesen wir, daß er „gegen die Unsittlichkeit der Geistlichkeit eiferte (was ihm den Beinamen Doctor christianissimus eintrug). Anderseits betrieb er in Konstanz auch die Verurteilung und Hinrichtung von Jan Hus und Hieronymus von Prag.“

photos: dierkschaefer