Dierk Schaefers Blog

Lieder gegen den Krieg

Posted in Geschichte by dierkschaefer on 22. Februar 2015

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Bekannte in und um Tübingen,

 

Neue Deutsch-französische Gedenkkultur – Blick auf das gemeinsame Europa der Zukunft:
Stadtmuseum Tübingen präsentiert Chansons aus dem Schützengraben – gegen Krieg

Am Samstag, 28. Februar 2015 findet um 20 Uhr im Stadtmuseum Tübingen, als Finissage zur Ausstellung “Der fotografierte Krieg”,  ein französisch-deutscher Chansonabend statt. Wie vor 100 Jahren durch Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg wird hier eine „conférence chantée“  gesungen und diskutiert: mit Liedern gegen den Krieg, für Aufklärung, Freiheit, Demokratie.

Die zum Teil erstmals veröffentlichten Chansons sind die Basis einer neuen deutsch-französischen Gedenkkultur, die 2014 in Hamburg ausprobiert wurde.
Denn mitten im mörderischen Ersten Weltkrieg gab es auch dies: In den französischen Schützengräben erklangen Lieder gegen den Krieg. Das Stadtmuseum öffnet um 19 Uhr.

Eine Kooperation mit dem Institut Culturel Franco-Allemand und dem Stadtmuseum
Unsere Studienfreundin, Cornelia Strauß, arbeitet als Journalistin im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein und als Studienleiterin der „Blankeneser Gespräche“  in Hamburg. Die Künstler Coko und Danito hat sie in Südfrankreich kennengelernt und moderiert den Abend. Texthefte mit den Chansons (parallel französisch / deutsch) gibt es zum Mitlesen für das Publikum.

Die Mail kann gern weitergeleitet werden.

 

Vielleicht sehen wir uns am nächsten Samstag. Bis dahin eine gute Woche wünscht

Gabriele Merkle

150216 Friedenslieder Coko und Danito

Bilder des Bösen – Besuch einer Ausstellung

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Politik by dierkschaefer on 27. November 2014

Das Ulmer Museum stellt aus: »Drei Zyklen zum Krieg. Goya, Dix und Hrdlicka«. Eine gute Ausstellung, noch bis zum 11. Januar 2015, empfehlenswert.

„Viel Vergnügen“, wünschte die Dame an der Kasse. „Meinen Sie das ernst?“ fragte ich.

 

Was gibt es zu sehen?

Zum Beispiel Goyas Zyklus über die „Schrecken des Krieges“.

Da stehe ich im Raum mit lauter Bildern des Schreckens. Obwohl ich sie schon kenne, ist es beeindruckend, wie Goya die „Desastres de la Guerra“ sozusagen heran-zoomt. Hat vor ihm wohl noch keiner so gemacht. Der Schrecken geht unter die Haut.

Y no hai remedio - Es gibt keine Hilfe

Y no hai remedio – Es gibt keine Hilfe

 

Der Schrecken geht unter die Haut? Nein, nicht jedem. Eine lärmende Oberstufenklassen kommt in den Raum und der Lehrer erklärt das naheliegende.

Die Tiefdrucktechnik – was sonst?

Israel, Parlamentssprecher Moshe Feiglin: „#Gaza ist Teil von unserem Land.“

Posted in Politik, Weltanschauung by dierkschaefer on 26. Juli 2014

»Zwei Drittel der Israelis unterstützen in Meinungsumfragen den Gaza-Krieg. Gideon Levy, der kritische „Haaretz“-Journalist, gilt ihnen als Verräter. In Ashkelon an der Grenze zu Gaza gab ihm ein Mann kürzlich 20 Schekel, umgerechnet rund fünf Euro. Damit solle Levy nach Gaza abhauen und sehen, ob es da besser sei.«[1]

[1] http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-gaza-kritiker-haben-in-israel-einen-schweren-stand-a-982350.html

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Gauck’s Kriegslied

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 21. Juni 2014

Gauck’s Kriegslied

 

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

‘s ist leider Krieg –

und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!

 

So Matthias Claudius in seinem „Kriegslied“[1]

Und was sagt unser oberster Repräsentant und gelernter Pfarrer? Er vermeidet das Wort Krieg, spricht aber für den Einsatz von Waffen. „Und in diesem Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen.“[2]

 

Ein Skandal? Und wenn ja, warum?

 

Den einen Teil des Skandals hat Jakob Augstein im SPIEGEL richtig und ausführlich benannt2. Gauck scheint ein Lieblingsthema gefunden zu haben und kein bißchen an die Kriegsrhetorik der evangelischen Kirchen und ihrer Pfarrer in großer vaterländischer Zeit zu denken. Hätte ihm doch einfallen müssen, das Gott-mit-uns auf den Koppelschlössern. Man kann das nicht naiv ersetzen mit Für-die-Menschenrechte. Zwar sind beides hohe Güter, Gott und die Menschenrechte. Wir wissen auch, daß die Nazis nicht durch Lichterketten und wohl auch nicht durch Gebete niedergerungen wurden. Einen naiven Pazifismus kann man also nicht predigen.

Es gilt aber auch die „Kollateralschäden“ zu benennen.

 

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,

So glücklich vor dem Krieg,

Nun alle elend, alle arme Leute,

Wehklagten über mich?1

 

Und der zweite Teil des Skandals?

Auch die Kollateralgewinne gehören genannt. Deutschland ist weltweit viertgrößter Waffenexporteur. Gibt es da keine Interessen, die nichts mit Menschenrechten zu tun haben?

Unsere Verbündeten, allen voran die USA, betreiben Weltmachtpolitik und benutzen das Menschenrechtsargument je nach ihren Interessen[3]. Darf ein deutscher Bundespräsident so naiv sein und dieses nicht erwähnen, wenn er von Waffengebrauch für Menschenrechte spricht?

 

„’s ist Krieg!“ ist auch der Titel eines Gedichts von Kurt Tucholsky.

 

Die fetten Hände behaglich verschränkt

vorn über der bauchigen Weste,

steht einer am Lager und lächelt und denkt:

„‘s ist Krieg! Das ist doch das beste!

Das Leder geräumt, und der Friede ist weit.

Jetzt mach in anderen Chosen –

Noch ist die blühende, goldene Zeit!

Noch sind die Tage der Rosen!“1

 

Wenn Herr Gauck Tucholsky nicht lesen will, so sollte er doch einmal seinen Blick in gut christliche Literatur werfen.

 

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen

Und blutig, bleich und blaß,

Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,

Und vor mir weinten, was?1

 

 

Das Kriegslied von Matthias Claudius ist bei Wiki passend bebildert mit einer Schlachtszene aus Goyas „Schrecken des Krieges“. Scheint leider wenig bekannt zu sein.

 

Der größte Skandal ist, daß man für einen Pfarrer das schwäbische „Herr, schmeiß Hirn ra“! (ra = runter) abwandeln muß in „Herr, schmeiß Herz ra“!

 

[1] Man sollte es ganz lesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegslied_%28Matthias_Claudius%29

[2] Zitiert nach http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-gegen-gauck-s-forderung-nach-mehr-deutschen-kriegseinsaetzen-a-976083.html

[3] Man denke nur an den Irak-Krieg oder an unterlassene Kriege gegen Despoten. Es ging immer nur um politische und wirtschaftliche Interessen.

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Kanonenfutter

Posted in Kriminalität, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 7. Januar 2014

Wenn ein Künstler ein Dokument in die Hand bekommt, macht er Kunst daraus. Damit erreicht er zumeist mehr Personen, als ein Historiker.

Dieses Kunstwerk ist ein aufschlußreiches Dokument[1]. Es zeigt den menschenverachtenden Zynismus von Militärs, Warlords und Politikern, in diesem Fall bei den Kriegsplanungen des Warschauer Paktes. Jaruzelski zeichnete 1970 einen Plan ab, der polnische Soldaten als Kanonenfutter vorsah. Sie hätten nach sowjetischen Atomangriffen auf westeuropäische Städte (in der der Karte als rote Bomben eingezeichnet) als Pioniertrupp die atomar verseuchten Gebiete erobern sollen. Nach sieben Tagen hätte die Strahlenkrankheit sie dahingerafft, doch dann wären sowjetische Truppen aus der Ukraine und Weißrußland an ihre Stelle getreten. – Die Karte blieb über lange Zeit geheim.

Die NATO-Planungen entsprachen denen des Warschauer Paktes[2]. Hätten das Abschreckungsprinzip nicht funktioniert, war Deutschland als Schlachtfeld vorgesehen. Das Kalkül der Strategen auf allen Seiten rechnet immer mit Kanonenfutter. Heute nennt man es Kollateralschaden. Das Nachkriegsdeutschland hat ganz einfach Glück gehabt. Irak, Afghanistan und die vielen anderen nicht.


Wenn die Lüge das Leiden erträglich macht

Posted in Politik, Psychologie by dierkschaefer on 21. Juni 2013

Im Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch[1] gibt es eine sehr spannende Passage.

Die Interviewerin fragt: »Bereuen Ihre Informanten manchmal das, was sie Ihnen gebeichtet haben?«

Antwort: »Ja, einige können die eigenen Einsichten auf Dauer nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Mutter, die, als ich ihr zuerst begegnete, auf dem Zinksarg ihres Sohnes saß, der in Afghanistan getötet worden war. … Doch dann ernannte ein Gericht ihn postum zum Helden. Da verklagte mich die Frau wegen meines Buchs „Zinkjungen“, das auch ihre Geschichte enthält, als Verräterin. Ich hielt ihr vor: „Aber Natascha, du hast mir das, was dort geschrieben steht, doch selbst erzählt.“ Woraufhin sie entgegnete, das sei meine Wahrheit, von der sie nichts wissen wolle. Was sie brauche, sei ein Held als Sohn.«

Was ist da passiert?

Man hat der Frau eine Lesart für ihr Leiden angeboten – und sie hat sie dankbar angenommen. Ihr Sohn, ein Held, nicht sinnloses Opfer in einem sinnlosen Krieg, der zudem verlorenging.

Mit diesem Trick funktionieren Kriegerdenkmäler. Sie beschwören nicht das fürchterliche Krepieren, die Hilfeschreie der Sterbenden, den Schrecken der Kameraden, die traumatisierten Kriegsheimkehrer. Nein, es sind Helden, die Hinterbliebenen dürfen, ja sie müssen stolz sein, daß ihr geliebter Angehöriger dieses Opfer fürs Vaterland, für die gerechte Sache und letztlich für sie selbst erbracht hat. [2] Die meisten Kriegerdenkmäler lügen[3], nur selten sind sie so ehrlich, wie das in Stuttgart-Uhlbach.[4]

Und die Frau auf dem Zinksarg? Man darf ihr keinen Vorwurf machen. Sie braucht diese Lüge. Aber sie ist, ohne es zu merken, einen Pakt mit den am Krieg Schuldigen eingegangen und hat ihren Sohn damit ein zweites Mal zum Opfer gemacht.

Doch man kann ihr nur wünschen, daß ihre Lüge ihr Leben lang hält.