Dierk Schaefers Blog

Wenn die Lüge das Leiden erträglich macht

Posted in Politik, Psychologie by dierkschaefer on 21. Juni 2013

Im Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch[1] gibt es eine sehr spannende Passage.

Die Interviewerin fragt: »Bereuen Ihre Informanten manchmal das, was sie Ihnen gebeichtet haben?«

Antwort: »Ja, einige können die eigenen Einsichten auf Dauer nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Mutter, die, als ich ihr zuerst begegnete, auf dem Zinksarg ihres Sohnes saß, der in Afghanistan getötet worden war. … Doch dann ernannte ein Gericht ihn postum zum Helden. Da verklagte mich die Frau wegen meines Buchs „Zinkjungen“, das auch ihre Geschichte enthält, als Verräterin. Ich hielt ihr vor: „Aber Natascha, du hast mir das, was dort geschrieben steht, doch selbst erzählt.“ Woraufhin sie entgegnete, das sei meine Wahrheit, von der sie nichts wissen wolle. Was sie brauche, sei ein Held als Sohn.«

Was ist da passiert?

Man hat der Frau eine Lesart für ihr Leiden angeboten – und sie hat sie dankbar angenommen. Ihr Sohn, ein Held, nicht sinnloses Opfer in einem sinnlosen Krieg, der zudem verlorenging.

Mit diesem Trick funktionieren Kriegerdenkmäler. Sie beschwören nicht das fürchterliche Krepieren, die Hilfeschreie der Sterbenden, den Schrecken der Kameraden, die traumatisierten Kriegsheimkehrer. Nein, es sind Helden, die Hinterbliebenen dürfen, ja sie müssen stolz sein, daß ihr geliebter Angehöriger dieses Opfer fürs Vaterland, für die gerechte Sache und letztlich für sie selbst erbracht hat. [2] Die meisten Kriegerdenkmäler lügen[3], nur selten sind sie so ehrlich, wie das in Stuttgart-Uhlbach.[4]

Und die Frau auf dem Zinksarg? Man darf ihr keinen Vorwurf machen. Sie braucht diese Lüge. Aber sie ist, ohne es zu merken, einen Pakt mit den am Krieg Schuldigen eingegangen und hat ihren Sohn damit ein zweites Mal zum Opfer gemacht.

Doch man kann ihr nur wünschen, daß ihre Lüge ihr Leben lang hält.