Dierk Schaefers Blog

Klartext, wenn auch pseudonymisiert

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Menschenrechte by dierkschaefer on 28. Mai 2014

Wer sich mit den Schicksalen ehemaliger Heimkinder auskennt, weiß von der Verletzbarkeit, weiß auch, daß manche es nicht schaffen, Klartext zu reden über ihre Erlebnisse.

Wenn sie Vertrauen schöpfen, dann können sich manche öffnen.

Und manchen kann geholfen werden, zumindest „logistisch“ bei der Antragstellung[1], wie in diesem Fall. Die Troika derEvangelischen Kirche von Westfalen, der lippischen Landeskirche und der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe [2] besteht allerdings auf persönlichem Antrag und ausführlicher Fallschilderung.

Andere Kirchen sind großzügiger und lassen Hilfestellung zu.

Der hier wiedergegebene Brief ist mit Ausnahme aller Namen (Personen, Orte, Einrichtungen) original. Die Klarnamen sind mir bekannt, ich habe sie pseudonymisiert.

Doch ansonsten lesen Sie Klartext.

 

 

An die

Evangelische Landeskirche

z.Hd. Frau Conradi

 

Sehr geehrte Frau Conradi;

 

die Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder in Ihrem Bereich verwies Herrn Georg Ahrenholz mit der Bitte an mich, ihm bei der Antragstellung auf Leistungen aus dem Kirchenfonds für Opfer sexualisierter Gewalt behilflich zu sein.

 

Der Antrag sollte Ihnen bereits zugegangen sein.

 

Ergänzend dazu möchte ich Ihnen und der Unabhängigen Kommission die bei der Antragsausfüllung gewonnenen Eindrücke schildern.

 

Herr Ahrenholz ist ein sehr introvertierter Mann, der offensichtlich sein Leben lang in psychischer Angst aus dem im Heim Erlebten litt und leidet. Das zeigte sich schon dadurch, dass er sich bis heute nicht von der Dominanz des Täters Wrede befreien konnte. Institutionen und deren Mitarbeiter ängstigen den Mann auch heute noch. Frau Braukmann von der Anlaufstelle erkannte das ebenfalls und schickte Herrn Ahrenholz zu mir, in der Hoffnung, dass der sich mir gegenüber öffnen würde.

 

Bei einem Erstkontakt auf einem Autohof merkte ich die Verschlossenheit und die Ängste des Herrn Ahrenholz. Zur Antragsausfüllung suchte ich ihn auf dem Campingplatz bei Neustadt auf, wo er den Sommer verbringt. Nachdem ich ihm meinen eigenen Beschluss der Unabhängigen Kommission zu lesen gab, taute er merklich auf. Er saß einem „Schicksalsgenossen“ gegenüber, sein „Schutzwall Schweigen“ brach ein.

 

Ich erlebte ein Lebensdrama, wie ich es in solcher Wucht noch nicht erlebt hatte – und Sie alle wissen, dass ich in dieser Hinsicht reichlich Erfahrungen sammelte. Ein Pastor nutzte das ganze Gewicht seiner Position aus, um das Opfer gefügig zu machen. Wer Herrn Ahrenholz erlebt, merkt auch heute noch unschwer, wie unterwürfig er ist, wie obrigkeitshörig, wie angepasst. Die Heimleitung, der Täter als Pastor der Kirchengemeinde in der Herr Ahrenholz beim Bauer als Billigsklave geparkt war und der Bauer selbst sahen im Opfer keinen Mensch. Sie benutzten ihn schamlos als Arbeits- und Sexsklave, vorweg die als Pastoren agierenden Schweinehunde in Gestalt des Täters und des Heimleiters des Knabenstiftes.

 

Diese Clique zerbrach den Mann, machte ihn zum Opfer auf Lebenszeit!

Zu allem Überfluss verlor der Mann bei der Arbeit als Sklave des Vertragsbauern auch noch den gesamten Daumen an einer Kreissäge.

Das schloss ihn für immer von dem Erlernen eines handwerklichen Berufes aus, machte ihn zum Hilfsarbeiter auf Lebenszeit. Die Wundversorgung war mehr als mangelhaft, weil es die Heimleitung einen Dreck interessierte, ob der Mann richtig versorgt wurde.

 

Die aus den sexuellen Mißbräuchen resultierenden seelischen Schäden sind furchtbar. Der Mann brach völlig zusammen, ich unterließ es bewusst, dieses Elend detailliert im Antrag festzuhalten, weil Herr Ahrenholz den Antrag dann niemals abgeschickt hätte. Trotz antrainierter Härte durch erlebte Opferschicksale hatte auch ich einen mehr als bösen Tag, als ich Herrn Ahrenholz‘ Antrag ausfüllte.

 

Herrn Ahrenholz‘ erste Ehe zerbrach an den Auswirkungen der erlebten sexuellen Mißbräuche, er zerbrach wiederum an den Folgen der Scheidung. Seine zweite Ehe wurde ebenfalls durch die psychischen Folgeschäden aus den Mißbräuchen belastet. Viele in der Jugend mißbrauchte Männer haben nicht heilbare Potenzprobleme im Zusammenleben mit Frauen, weil die Erinnerungen Tribut fordern, zeigen meine Erfahrungen mit Opfern. Die Lebensqualität in dem Sinn existiert überhaupt nicht.

 

Wenn ich dann die häufig von Seiten der Täternachfolger benutzten Sprüche wie „Geld kann geschehenes Übel nicht heilen!“ lese oder höre, empfinde ich diese Unverfrorenheit als zusätzlichen Schlag in die Gesichter der Opfer!

 

Zerstörte Psyche, zerstörtes Leben, Leben in prekärsten Verhältnissen, weil psychische Schäden sich im Laufe der Jahrzehnte potenzierten und Berufserfolge unmöglich machten. Bei Herrn Ahrenholz führte das zu ständiger Erhöhung des Schwerbehindertengrades, der bis auf 60% anstieg! Wohlgemerkt als Folge der Mißbräuche, die den Mann seelisch zerstörten.

 

Der Landeskirche stünde es gut zu Gesicht, wenn sie im Fall Ahrenholz diese lächerliche Täterschutzbehauptung des nicht mit Geld heilbaren Schadens in der Schublade lassen würde! Der Täter wurde mit voller Pension „belohnt“, genau das ist die Kirche den Opfern auch schuldig!

Ahrenholz war bis zum 21. Lebensjahr Sklave des kirchlichen Kinder-KZ Knabenstift in Neustadt, musste unbezahlt schuften, wurde bei dem Sklavendienst auch noch zum körperlichen Krüppel – und musste dem Pastor Wrede als Sexsklave dienen.

 

Wer von der Unabhängigen Kommission hat die Unverfrorenheit, diesen heute 75-Jährigen mit der Klingelbeutelsumme von 25.000,- abzuspeisen??? Ich erlebte diesen zerstörten Menschen und frage Sie, wie Sie mir und anderen Opfern erklären wollen, dass ein Kinder schändender Pfaffe Hunderttausende an Pension in den feisten Hintern geschoben bekam, sein Opfer aber mit lächerlichen „Entschädigungen“

abgespeist wird.

 

Mit besten Grüßen

Weißleder

 

[1] Es ist zu vermuten, daß diese logistische Hilfe auch eine gewisse Tiefenwirkung hat.

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/tag/diakonie-rheinland-westfalen-lippe/ https://dierkschaefer.wordpress.com/tag/tater-und-taternachfolger/

Wer bescheißt ist beschissen.

Posted in Geschichte, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte by dierkschaefer on 21. Mai 2014

»Warum war sein Leben so mies, wie es war?«

»Er wurde geschlagen, vergewaltigt, ausgenutzt. Wolfgang Focke verbrachte fast seine gesamte Kindheit in Heimen.«[1]
Ein treffender Bericht. Ich habe Wolfgang Focke am Runden Tisch getroffen – ja, so ist er, wie er hier geschildert wird. Und so war die verlogene, gewalttätige kirchliche Heimerziehung. Die staatliche war nicht besser, doch das entschuldigt die kirchliche nicht, weil die anderen, höheren Ansprüchen genügen muß. Nach den Verbrechen in den Heimen kam der Betrug am Runden Tisch. Dort saßen lauter qualifizierte Leute aus Staat, Politik und Kirche, die ein einziges Ziel hatten: Wie kriegen wir die Sache möglichst billig hinter uns? Aber alle waren natürlich fürchterlich „betroffen“. Lassen wir den Rentenbetrug beiseite: »10 000 Euro für Folgeschäden. Die Evangelische Kirche von Westfalen sprach ihm 5000 Euro „in Anerkennung seines Leids als Betroffenem sexualisierter Gewalt“ zu. Die Lippische Landeskirche lehnte eine solche Zahlung ab«. Das macht zusammen 15.000,00 Euro als Trostpflaster für ein „beschissen verlaufenes Leben“. Und jeder von uns hat nur eins. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Betrüger vom Runden Tisch sich „beschissen“ fühlen. Aber wer bescheißt ist beschissen. [1] http://www.nwzonline.de/region/langes-leiden-an-der-vergangenheit-warum-war-sein-leben-so-mies-wie-es-war_a_14,7,3037777920.html