Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« Kap. 33 f

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

         die keine Kindheit war

Dreiunddreißigstes Kapitel

Ich war gezwungen, dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen

Natürlich wusste auch meine neue Lebensabschnittsgefährtin, was ich tat. Und, sie fuhr auch einige Male mit nach London. Mit ihren 49 Jahren war ihre weiteste Reise bisher zum Hamburger Fisch­markt gewesen. Durch mich lernte sie etwas von der großen weiten Welt kennen.

Schon drei Monate nach meiner Haftentlassung hatte ich meinen Sohn aus dem Heim geholt. Ursprünglich wollte ich ihn ja bis zum Ende des Schuljahres dort lassen. Aber das Zwischenzeugnis sagte aus, dass seine Versetzung stark gefährdet sei. Ich bemühte mich um eine Lehrerkonferenz, wo auch ich und mein Sohn anwesend sein konnten. Was ich dort über meinen Sohn so alles erfuhr; au Backe! Wenn mein Sohn schon sitzen bleiben sollte, so konnte er das genau so gut in der Schule in meiner Nähe. Bisher war er nur an den Wochenenden zu uns nach Hannover gekommen. Am 27. Januar, meinem Geburtstag, holte ich Sascha von dem Heim ab. Neben meinen Reisen hatte ich immer noch genügend Zeit, mich um meinen Sohn zu kümmern. Und siehe da, wir beide zusammen schafften dann letztendlich doch noch die Versetzung in die 8. Klasse. Ich war aber auch in ständiger Verbindung mit seinen Klassenlehrern, besuchte sogar gewisse Stunden in seiner Klasse. So wusste ich ständig, wo es bei meinem Sohn haperte. Im Gegensatz zum Heim hatte er bei uns sein eigenes Zimmer, welches ich ihm nach seinem Geschmack einrichtete. Er hatte seine eigene Musikanlage, Fernseher und auch einen PC 64. Damit er in seiner Freizeit nicht auf der Straße rumgammelte, sich irgendeiner Gang anschloss, finanzierte ich ihm auch die Mit­gliedschaft in einem Footballclub. Zweimal in der Woche Training, am Wochenende irgendwo ein Spiel, damit war er vollauf beschäftigt.

Auch der Rest der Wohnung bekam ein völlig neues Ambi­ente. Tapeten vom Feinsten, die modernsten Möbel nebst Fernseher, einschließlich Video. Der Polo, welcher sich nicht gerade als bequemes Reiseauto für solch lange Strecken entpuppt hatte, wurde gegen einen Passat ausgetauscht. Nicht nur meine Gefährtin war hoch verschuldet. Ihre Tochter und ihre beiden Söhne bedurften auch meiner Unterstützung. Ich konnte nicht Nein sagen, als der Jüngste, der gerade frisch verheiratet war und schon ein Baby da war, mich fragte, ob ich ihm nicht eine Waschma­schine auslegen könne. Er würde es mir in Raten zurückzahlen. Genauso wie dieser hat keiner aus der Familie mir jemals auch nur einen Pfennig zurückgezahlt. Als ich dann Ende 1990 für über 10 Jahre in den Knast abwanderte, bekam ich in all den Jahren noch nicht einmal eine einzige Postkarte. Undank ist der Weltenlohn.

Am dritten Tag glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben.

Vorerst aber einmal versuchte ich dem Ältesten die Schulden loszuwerden. Nachdem er mich mit seiner Mutter zusammen bekniet hatte, ihn doch auf so eine Englandreise mitzunehmen, ihm mein Handwerk beizubringen bat, konnte ich schlecht Nein sagen. Dabei hatte er noch nicht einmal einen Teil des Geldes zur Verfügung, was als Grundkapital notwendig gewesen wäre. Ich musste zunächst einmal alles finanzieren. Einschließlich den Kauf der englischen Münzen, die er als Start­kapital benötigte. Aus London zurückkehrend, wobei ich glaube, dass ich die Achslast des Passats bei weitem überschritt, soviel Münzen hatten wir geladen, machten wir schon in Dortmund halt. Wir mieteten uns in einer preiswerten Pension ein, und ich [zeigte ihm[1]] zwei Tage/Nächte lang, wie die Automaten funktionierten. Am dritten Tag dann glaubte ich ihm alles Nötige beige­bracht zu haben und wollte ihn alleine arbeiten lassen. In Hattingen teilten wir uns die Stadt auf. Er sollte links von der Hauptstraße sein Revier bearbeiten, ich rechts davon. Doch bevor wir uns trennten, wollten wir noch zusammen eine Limo trinken. Natürlich waren auch in dem Lokal zwei Geldspielautomaten vorhanden. Thomas wurde vom Jagdfieber oder sollte ich besser sagen von der Gier, gepackt. Ich, als Kenner dieses Metiers, hätte schon nach wenigen Versuchen aufgehört diesen Automaten Markstücke zu entlocken. Ohne die Münzen, wie ich es tat, vorher zu sortieren, warf er sie wahllos in den Schlitz. Der Automat nahm lediglich jede vierte, fünfte Münze an, den Rest kotzte er wieder aus. Die Geräusche, die dabei entstanden mussten ja den blödesten Wirt alarmieren. Das Geschepper, welches die herausfallenden Münzen verursachten, ging dem Wirt auf den Keks. Ich hatte Thomas auf dem Weg zur Toilette auch noch gewarnt. Er hörte einfach nicht auf mich. Ich ging zum Tisch zurück, wollte meine Sachen zur Hand nehmen, da passierte es. Der Wirt, ein Brecher von einem Kerl, hatte plötzlich das Handgelenk von Thomas in der Hand, als dieser gerade wieder eine Münze einwerfen wollte.

Die Bullen – auch nicht gerade profihaft

Die Bullen die uns wenig später getrennt auf zwei Autos verteilten und zum Revier brachten, wun­der­ten sich nur, dass uns nichts passiert sei. War der Wirt doch als ehemaliger Zuhälter dafür bekannt, dass er sonst nicht so zimperlich sei. Das lag vielleicht daran, dass er selbst aus dem Milieu kommend ein gewisses Verständnis für krumme Dinger hatte. Nur wollte er nicht, dass ausgerechnet er von seinem Verdienst etwas abgeben sollte. Thomas, bisher ein unbeschriebenes Blatt bei der Polizei, konnte schon nach kurzer Zeit, nachdem ein Protokoll gefertigt war, das Polizeigebäude wieder verlassen. Da er sich wenigstens an die Geschichte gehalten hatte, die ich ihm im Vorfeld für den Fall des Erwischtwerdens eingebläut hatte, deckten sich unsere Aussagen. Weil hier nun kein Verbrechen vorlag, wir beide einen festen Wohnsitz hatten, durfte ich dann auch bald gehen. Ich muss hier unbedingt erwähnen, dass sich die Bullen auch nicht gerade profihaft verhalten hatten. Nämlich als ich merkte, dass der Wirt die Polizei gerufen hatte, ließ ich schnell meinen Pensionszimmerschlüssel unter der Sitzbank verschwinden. Als ich bei der Polizei entlassen wurde, händigte man mir diesen Schlüssel aus. Obwohl ein kleines Schildchen mit einer (Zimmer)nummer daran hing, nahm man mir ab, dass dieser Schlüssel zu der Wohnung in Hannover gehörte. Wir waren mit dem Bus nach Hattingen gefahren. So hatten wir auch nicht all zu viele Münzen bei unserer Festnahme dabei. Kein Autoschlüssel, der uns hätte verraten können. Thomas glaubte wohl, dass der gesamte Münzschatz nun ihm gehören würde. Jedenfalls hatte er schon die Sachen gepackt und wollte sich mit meinem Auto und den Münzen davon machen. Obwohl er mit seinen 27 Jahren noch nicht einmal einen Führerschein hatte. Das Bargeld, in Form von Silbergeld, welches ich in den beiden Tagen zuvor erbeutet hatte, auch meine Zigaretten­ausbeute hatte er aber in seinem Gepäck verstaut. Ich weiß nicht, ob er wirklich so erfreut über mein Auftauchen war, wie er tat. Wir machten uns jedenfalls zunächst einmal auf den Weg nach Hannover, um die ganze Angelegenheit erstmal in Ruhe zu verdauen. In Hannover angekommen empfing uns seine Mutter ziemlich aufgeregt. Im Rahmen der Amtshilfe hatte die Hattinger Polizei die in Hannover eingeschaltet. Die Hannoverpolizei hatte dahingehend reagiert, dass sie sofort eine Hausdurchsuchung veranstaltet hatte, in der Hoffnung dort noch weitere Münzen zu finden. Mein Glück war, dass die Wohnung auf den Namen meiner Freundin lief. So brachte man mich erst gar nicht damit in Verbindung. Bei genauerer Überprüfung allerdings hätte man über den Namen Schulz stolpern müssen. Nachdem ich ein paar Tage hatte Gras über die Sache wachsen lassen, begann ich doch wieder, jetzt in Berlin, das Falschgeld in richtige DM zu verarbeiten. Thomas hatte die Nerven verloren. So blieb ich nur auf meine Auslagen sitzen, die ich ihm vorgeschossen hatte. Monate später standen wir beide dann in Hattingen vor Gericht. Thomas, weil er bis dato eine reine Weste hatte, wurde zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, durfte sich von der Anklagebank entfernen. Er galt danach noch immer als nicht vorbestraft. Mir dagegen brummte die Richterin 18 Monate ohne Bewährung auf. Inzwischen hatte sie ja aus der Aktenlage ersehen, dass ich zum einen noch eine Reststrafe zur Bewährung offen hatte, und zum anderen eben wegen der gleichen Tat schon auffällig geworden war. Wieder in Hannover eingetroffen unterrichtete ich sofort meinen Bewährungshelfer von dem Urteil. Ich fragte ihn, wann ich denn nun wieder im Knast antanzen müsse. „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird!“ meinte dieser aber.

Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden.

Bei der Berufungsverhandlung hatte ich einen sehr guten Anwalt. Die Wichtigkeit, dass meine Anwesenheit zur Erziehung meines Sohnes von großer Wichtigkeit wäre, das hätte ich ja bewiesen, indem er nach der Gefährdung es dann doch noch geschafft hätte, das Klassenziel zu erreichen. So wurde meine Bewährungszeit dann eben nochmal aufgestockt. Zugegeben, ich war ganz schön übermütig geworden. Den Warnschuss vor den Bug realisierte ich nicht so recht. Außerdem schwor ich mir, niemals wieder irgendjemanden in meine Geldverdienmasche einzuweihen. Ich wechselte lediglich jeden Monat mein Jagdrevier. Außer Berlin. Die Stadt war so groß und wie erwähnt mit Automaten und Kneipen gepflastert, dass ich die Tour mehrere Male machte.

Inzwischen wurde auch Deutschland wiedervereinigt. Sofort lud ich meine Schwester ein, uns in Hannover zu besuchen. Wir feierten Weihnachten 1989 zusammen und stießen gemeinsam auf das Jahr 1990 mit einem Gläschen Sekt an.

Ich gab mir alle Mühe, mich doch noch wieder im Berufsleben zu integrieren. Doch nun war der Zug für mich mit meinen 50 Jahren endgültig abgefahren. Die Ossis drängten mit aller Macht auf unseren Arbeitsmarkt. Von da an hatten die Gastronomen reichlich Auswahl an willfährigen und vor allem billigeren Arbeitskräften. Ich war also gezwungen dem Staat weiterhin Konkurrenz zu machen, indem ich die viel billigeren „Markstücke“ in Umlauf brachte.

So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul …

In den großen Sommerferien hatte ich eigentlich für meinen Sohn geplant, dass er etwa vier Wochen in der Nähe von London verbringen sollte. Bei einer meiner Reisen dorthin war ich dem ehemaligen englischen Konsul aus Hannover begegnet, den ich lange Zeit als Gast betreut hatte. Meine Lebenserfahrung hatte mir die Erkenntnis gebracht, dass man besser durchs Leben kam, wenn man Fremdsprachen beherrschte. Und genau daran haperte es bei meinem Sohn. So verein­barte ich dann mit dem Ex-Konsul, dass mein Sohn die Ferien dazu nutzen sollte, direkt vor Ort ins Englische eingeführt werden sollte. Hatte der Konsul doch selbst zwei Söhne im Alter meines Sohnes. So hoffte ich, dass Sascha, würde er täglich von morgens bis abends mit der englischen Familie zusammen sein, seine Englischkenntnisse enorm verbessern könnte. Doch Sohnemann wehrte sich mit Händen und Füßen gegen mein Vorhaben, als ich ihm eröffnete, was ich mit ihm vorhatte. Er fuhr lieber mit mir und Helga in den Ferien in die Ex-DDR. Ich wollte zum einen die Kinder und Kindeskinder meiner Schwester kennenlernen, zum anderen all die Städte in Ost­deutsch­land besuchen, wo ich während meiner Heimkarriere herumgekommen war. Ich schrieb ja bereits zu Beginn, dass wir unter anderem auch in Dönschten, meinem letzten Heimaufenthalt, einen Abstecher machten. An dieser Rundreise beteiligte sich mein Sohn allerdings nicht. Er blieb lieber in Eisenhüttenstadt, wo er sich in ein süßes Mädchen verliebt hatte und somit einen besseren Zeitvertreib hatte.

Eines Abends war ein großer Teil des Familienclans meiner Schwester zusammen mit meiner Braut, meinem Sohn und mir zu einem Tanzvergnügen in Eisenhüttenstadt zusammen gekommen. Mein Sohn mit seinen noch nicht einmal 16 Jahren war noch nicht so sehr an Alkohol gewöhnt. Ein paar Wodka O-Saft und ich erfuhr endlich die Wahrheit darüber, warum er sich so sehr gegen den vierwöchigen Aufenthalt in England gesträubt hatte. War er doch einige Male in meiner Begleitung mit in London gewesen, hatte die englische Küche kennengelernt. Zwei-Drei Tage konnte man ja noch mit Kentucky Fried Chicken überbrücken. Aber vier Wochen an einem Stück?

Ein Nostalgiebesuch in der Ex-DDR – ergibt ein neues Projekt

Von Mitte Juli bis Mitte August bereiste ich einige Städte in der Ex-DDR, wo ich mich etwas länger aufgehalten hatte, wobei sich so mancher dicker Kloß in meinem Hals festsetzte, als ich den Zerfall erkennen musste, den der Zahn der Zeit bewirkt hatte. So waren zum Beispiel in der Straße in Leipzig, wo wir gewohnt hatten, viele Türen und Fenster in den Häusern mit Brettern vernagelt, weil die Häuser inzwischen unbewohnbar geworden waren. Der sozialistische Staat war nicht in der Lage gewesen, die Häuser zu renovieren. Für kilometerlange Betonmauern quer durch Deutschland hatte der Staat genügend Material, nur nicht für die Hausrenovierung. Ich fragte mich auch, wo nur die ganzen hochnäsigen VOPOS abgeblieben waren, die uns Westdeutschen beim Grenzüber­gang immer so von oben herabbehandelt hatten. Wenige Monate nach der Grenzöffnung schon standen mehr Autos aus dem ehemals dekadenten Westen auf der Straße als in einer Garage. Das lag wohl daran, dass die Garagen, eigentlich für den Trabi[2] konzipiert, für richtige Autos viel zu klein waren. Die Fahrbahnen der Autobahnen und Landstraßen dagegen waren ganz auf die hartbeingen Ostautos zugeschnitten. Elf Jahre später wünschte ich mir manchmal, wir in Westdeutschland hätten so schöne neue Straßen, wie denen von unserem Solizuschlag inzwischen gebaut worden waren. Zudem hatten viele Ossis noch den Vorteil, sich viel billiger den Tank zu füllen und gleich noch dem deutschen Staat die Zigarettensteuer vorzuenthalten. Die paar Prozent weniger Lohn, die sie bekamen und sich furchtbar darüber aufregten, holten sie sich in grenznahen Gebieten doppelt und dreifach wieder raus. Wenn ich mir so den Leipziger Hauptbahnhof, die Mädlerpassage und und und …. anschaue, kaum noch ein Wiedererkennungswert aus meiner dort verbrachten Kinderzeit. Bei euch Ossis fällt mir immer wieder die Fabel von dem Fuchs ein, der nicht an die Weintrauben kommen konnte und dann so tat als würde er sich gar nicht dafür interessieren, nachdem er von einem Vogel deswegen verspottet wurde.[3] Neidvoll habt ihr im West­fernsehen sehen müssen, wie gut es uns doch ging. Ihr habt aber dann doch auf Parteiver­sammlungen den kapitalistischen Westen als Kriegstreiber verdammt. Und dann ging es euch gar nicht schnell genug, Anschluss an deren Lebensstil zu bekommen, nachdem sich die Helden von Leipzig immer wieder mutig gezeigt hatten und die Wende ins Rollen brachten. Bei meiner letzten Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis begründete der Staatsanwalt die hohe Strafe damit, dass es nicht angehen könnte, dass jetzt, kaum nach der Wende, westdeutsche Gangster den Osten aus­rauben würden. Ja, wer war es denn, der, kaum waren die Grenzen offen, den Osten ausraubte? Die westdeutschen Vertreter waren es, die wie die Heuschrecken im Osten ausschwärmten, den Unwissenden alle möglichen Verträge aufschwatzten, so manchen Ossi in die Schuldenfalle lockten. Aber vor allen Dingen waren es die Banken, die sich flächendeckend breit machten. Kundenfang war ihre Devise. Allenthalben wurden Container oder Busse auf freien Plätzen platziert, um neue Kunden zu werben. Lieber Herr Staatsanwalt! Nicht die armen Ossis haben wir ausgeraubt! Es war eine westdeutsche, genauer gesagt, es war die Dresdner Bank! Die einzige Gemeinsamkeit, die die Bank mit dem Namen Dresden verband, war der Name. Ansonsten eine der größten Banken aus dem Westen, die sich in Eisenhüttenstadt, wie in vielen anderen Oststäd­ten ganz schnell etabliert hatte. Immerhin gab es im Osten Deutschlands an die 17 Millionen potentielle Kunden, die es zu melken galt. Ich werde Ihnen im Laufe der Zeit noch einige Merk­würdigkeiten über diese Bank im Speziellen zu berichten haben.

Ich weiß, ich bin etwas vom Thema abgewichen. Aber man wird ja wohl noch seine Meinung zu verschiedenen Dingen äußern können oder? Ansichten oder Einsichten müssen aber nicht unbedingt objektiv sein. Na gut, ich zeigte nach meiner letzten Verurteilung nicht unbedingt die nötige Einsicht. Ich will mich ja auch gar nicht darüber beschweren, dass ich im Knast gelandet bin. Wieder einmal! Was sagte meine Mutter immer wieder? Wer nicht hören will muss fühlen!

Also, die vier Wochen Urlaub bei/mit meiner Schwester waren nicht nur erholsam, wie ich geschildert habe. Meine Kindheit hatte mich wieder eingeholt. Dafür dass mir russische Soldaten nach dem Kriegsende in Königsberg zum Teil das Überleben ermöglicht hatten, mir allerdings eher deren vorgesetzte Offiziere wegen ihres viel höheren Solds auch später noch in Leipzig so manche Mark in die Tasche gespült hatten, konnte ich mich während des Urlaubs revanchieren. In der Stadtmitte von Frankfurt/Oder hatte sich ein Markt etabliert. Nicht nur dass die langsam pleitegehenden landwirtschaftlichen Produktionsgenos­senschaften schon begannen ihre Produkte selbst an den Mann zu bringen, mischten sich auch viele fliegende Händler aus dem Westen unter die Einheimischen. So stand da unter anderem ein Lastwagen, voll gepackt mit Kartons …

 

Vierunddreißigstes Kapitel

Nie wieder London – das Ende eines schönen Geschäfts

… voll gepackt mit Kartons … Billigen Elektroplunder, wie z.B. Kofferradios, priesen sie den noch Ahnungslosen an. Und es wurde gekauft! Unter der kaufwilligen Menschenmenge sah ich zwei Uniformen, die ich nur zu gut kannte. Es waren Soldaten der ruhmreichen Sowjetarmee. Ich begab mich in ihre Nähe, weil ich mal wieder vertraute russische Worte hören wollte. Kannte ich das nicht aus meiner armen Kindheit? Etwas zu begehren, sich aber nicht leisten zu können? Hatte ich mir nicht so sehr ein Fahrrad gewünscht, was mir meine Mutter aber von ihrem Verdienst niemals hätte kaufen können?

Hier nun bekam ich mit, dass die beiden Soldaten, selbst wenn sie ihr Geld zusammen­legten, sich kein begehrtes Kofferradio leisten konnten. Bei dem Verhandlungsversuch mit dem Verkäufer ging dieser nicht die acht fehlenden Mark herunter. Jetzt schlug die Stunde meiner Wiedergutmachung. Ich reichte dem Verkäufer die von ihm verlangte Summe hin, ließ mir das Kofferradio von der Ladefläche herunterreichen. Mich machten die paar Mark nicht arm. Stand doch das Porträt der englischen Königin auf den 5-Pence Münzen für weiteren Nachschub. Dachte ich zu dem Zeitpunkt noch! Ich hatte lediglich Angst, dass mir mangels Übung die richtigen Worte in Russisch nicht einfallen konnten, als ich den Soldaten das Gerät überreichte. Ich kann nicht sagen, was die beiden jungen Männer in Uniform mehr überraschte. Mein gutes Russisch oder aber die Tatsache, dass da ein wildfremder Deutscher ihnen ein Kofferradio schenken wollte. Doch bevor sie zugriffen, mein Geschenk annahmen, wollten sie einige Fragen beantwortet haben. Ich dachte gar nicht daran inmitten der gaffenden Menge Rede und Antwort zu stehen. Zumal anzuneh­men war, dass einige von der Schule her alles verstehen konnten. Deshalb lud ich sie, nein, nicht zum Kaffee, sondern auf einen Wodka ein. In einem nahen Café erzählte ich ihnen meine Geschichte was Kaliningrad/Königsberg betraf. Stellvertretend für ihre Landsleute, die uns in Königsberg geholfen hatten, wo unter Umständen vielleicht sogar einer ihrer Väter oder andere Verwandte gewesen seien, wollte ich etwas davon zurück­geben. Ich hoffe nur, dass ich den beiden keine Schwierigkeiten bereitet habe. Denn als wir uns später verabschiedeten, waren die beiden nicht mehr ganz alleine. Bei einem Wodka war es nämlich nicht geblieben. Ich jedenfalls sah danach alles doppelt. Aber ich bin ja auch kein trinkfester Russe.

Hätte ich damals schon geahnt zu welchem Vorteil sich die Ex DDR herausputzen würde, wäre ich wohl mit weniger gemischten Gefühlen wieder zurück nach Hannover gefahren. In den knapp zwei Jahren hatte ich aus der „Sperrmüllwohnung“ von Helga eine Luxuswohnung gemacht. Der Passat lief auf ihren Namen. Man konnte ja nie wissen. Als Arbeitslosenhilfeempfänger konnte ich mir solch ein Auto jedenfalls nicht leisten. Auch ihr Schuldenkonto war fast getilgt. Mein Sohn bekam mit seinen 14-15 Jahren schon 120 Mark Taschengeld im Monat, ein Sparbuch, wo ich monatlich etwas extra einzahlte, damit er zu seinem 16ten Geburtstag ein Moped vor die Türe stehen hatte. Ich hatte auch einen Verein gegründet, der ganz ordentlich beim Gericht als EV geführt wurde. Doch als ich aus dem Urlaub zurück kam, hatte mein Partner das Türschloss ausgewechselt und aus dem Büro einen Pornoschuppen gemacht. Obwohl ich das Ganze finanziert hatte. Mein erster Geschäftspartner der sich mir gegenüber als Betrüger entpuppte. Er war eine Bekannt­schaft aus der letzten gemeinsam verbrachten Knastzeit. Ich wußte damals allerdings nicht, dass er wegen Betruges saß. Nach der Entlassung trafen wir uns zufällig wieder. Er hatte eine Geschäftsidee, ich das nötige Kleingeld. Das verlorene Geld konnte ich ja noch verkraften, aber nicht die Tatsache einem Betrüger aufgesessen zu sein. Ich hatte einem Leidensgenossen aus dem Knast ermöglicht wieder auf die Beine zu kommen. Dass er mich trickreich ausgebootet hatte, verzieh ich ihm natürlich nicht. Obwohl ich oft gesagt hatte, ich gönne meinem Feind nicht die Erfahrung, Jahre seines Lebens im Knast zu verbringen, ergab sich dann die Möglichkeit ganz von selbst, dass ich ihm eine Kochlehre im gleichen Gefängnis verschaffte, wo wir uns kennengelernt hatten. Er fragt sich rück­blickend noch heute, wie er an die drei Jahre Knast gekommen ist. Dabei half es ihm auch nicht, dass er inzwischen eine Schwarze aus Ghana geheiratet hatte und deren Namen Nguwo angenommen hatte. Ganz im Gegenteil! Das sprach vor Gericht eher gegen ihn, nachdem ich meine Aussage vor Gericht gemacht hatte. Aber der Reihe nach!

Wir kommen also zurück aus der Ex DDR, ich erhole mich von den Eindrücken, die ich dort gesammelt habe und bereite meine nächste Reise nach London vor. Helga nimmt sich ihren monatlichen Haushaltstag und einen zusätzlichen Urlaubstag. Wir machen uns auf den Weg nach London. Mein Bargeldbestand war auf knappe 6000 Mark zusammen­geschrumpft. Als „reicher“ Wessi hatte ich während der vier Wochen im Osten natürlich nicht auf den Pfennig geguckt. Ich erinnere mich, dass meine Schwester ziemlich entsetzt die Speisekarte beiseite legte, als sie einen Blick hineingeworfen hatte. Wir waren in Dresden, hatten uns den Zwinger ansehen wollen, den ich in der Kindheit nur von außen bewundern durfte, 1990 aber auch nicht richtig besuchen konnte, weil dort allenthalben alles renoviert wurde. Meine Schwester nörgelte, dass sie Hunger hätte und es wegen ihrer Zuckerkrankheit an der Zeit wäre, etwas zu essen. Wir gingen also in das nächstgelegene Restaurant. Das Restaurant gehörte zur Semperoper. Das Restaurant war sehr gediegen. Die Preise aber auch. Meine Schwester als normale Arbeiterin war die Ostpreise gewohnt. Beim Anblick der Preise im besagten Restaurant verging ihr aber der Appetit. Es bedurfte schon einiger Überredungskunst sie dann doch noch zu bewegen etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen

Mit Helga fahre ich also nach Zeebrügge, um dort die Fähre nach Dover zu nehmen. Sofern man Glück hatte, konnte man auf dem Schiff eine Schlafkabine buchen. Das bedeutete, dass wir noch gut drei Stunden schlafen konnten bevor wir England erreichten. Kurz nach Verlassen des Hafens wurden die Bars, die Restaurants und der Duty Free Shop geöffnet. Wie immer ging ich an eine Bar, um mir meinen Schlaftrunk zu genehmigen. Ein Pint Guinness und ein Malt Whisky. Machte zusammen 95 Pence. Auf mein Poundstück bekam ich deshalb schon immer eine Mark, Entschuldigung, ein 5-Pence Stück als Wechselgeld zurück. So auch diesmal wieder. „Oh, what is that?“, fragte ich erstaunt den Barkeeper. „That ist the new 5-Pence Piece!“ bekam ich zur Antwort. Einwandfrei. Die Zahl wies aus, dass es 5 Pence waren. Doch eher so groß wie unsere Pfennigstücke und nicht zu vergleichen mit einem Markstück. Ach so. England war anscheinend dabei, seine noch nicht einmal Herstellungskosten deckenden 5-Pence Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Dachte ich!

Allerdings kratzte das schon an meinen Nerven. Ich schickte Helga in das Selbstbedie­nungs­restaurant. Sie sollte dort etwas holen wo 5 Pence am Ende herauskommen musste und sie somit einen 5er zurückbekommen müsste. Auch sie brachte so eine mickrige Münze zurück, wie ich sie schon an der Bar erhalten hatte. Den dritten Versuch startete ich im Duty Free Shop. Aber auch dort gab es nichts anderes als eine Light Version der 5-Pence Münzen. Na gut, dann wird sich die Fähre schon ausschließlich mit den neuen Münzen eingedeckt haben. Noch war ich nicht wirklich beunruhigt. Ich vermied es schon nach meiner ersten Autoreise in Holland zu tanken, weil der Sprit doch um einiges teurer als in Deutschland, auch wie in England war. Vor der Autobahnauffahrt nach London pflegte ich jedesmal zu tanken. Ich achtete peinlich genau darauf, dass die Uhr bei 19,95 stehen blieb, zahlte mit einem 20 Pfund Schein. Heraus bekam ich für mich völlig wertlose 5 Pence. Jetzt begann ich aber doch nachdenklich zu werden. Es konnte doch aber nicht sein, dass sämtliche alten 5-Pence Münzen mit einem Schlag aus dem Verkehr gezogen worden waren. Über 100 Kilometer noch bis nach London. Bei meinen vorherigen Reisen hatte ich mir nie die Mühe gemacht schon in den Vorstädten von London anzuhalten, um das Geld zu wechseln. Diesmal jedoch wollte ich mir das Verkehrsgewühl in der Londoner City als Festlandeuropäer ersparen, falls das eintraf, was ich befürchtete. Und richtig! Nachdem ich auch beim Besuch der ersten drei Banken immer wieder diese reduzierten Geldstücke ausgehändigt bekam, gab ich es auf. In der vierten Bank tauschte ich das Ganze wieder in Scheine ein und trat die Rückreise an. Ade London. Du wirst mich nie wieder sehen. Sämtliche Sehenswürdigkeiten, die London zu bieten hatte, hatte ich bei meinen vielen Reisen besucht.

Im Sommer 1986 war ich gerade auf dem Weg von meiner Pension zu dem Café an der Viktoria Station, um mir ein genießbares Frühstück zu gönnen, da war dorthin kaum noch ein Durchkom­men. Eine riesige Menschenmenge verstopfte den Weg. In Paradeuniformen saßen Reiter auf ihren herausgeputzten Pferden, sperrten den Bahnhof ab. Ich fragte einen Bobby nach dem Grund dieser Parade. An meinem Dialekt hatte er sofort gemerkt, dass ich Deutscher sein müsse. Deshalb fragte er mich ganz erstaunt: „Wie? Das wissen Sie nicht? Heute kommt doch zum ersten Mal Ihr Bun­despräsident unsere Queen besuchen.“ So reihte ich mich also in die wartenden Gaffer ein und wartete geduldig auf dieses Ereignis. Etwas mulmig war mir dabei allerdings schon. Was, wenn einer der vielen Scharfschützen, die überall verteilt Fenster und Dächer bevölkerten, einen nervösen Finger hatte, während ich mir eine Zigarette ansteckte? Mein Verlangen nach einer heißen Tasse Kaffee wurde einer Geduldsprobe unterzogen. Viel später als es im Programm stand ging es dann aber doch los. Zur Belohnung für mein Ausharren bekam ich dann die komplette Königsfamilie, nebst unserem Bundespräsidenten von Weizsäcker aus höchstens sechs Metern Entfernung zu sehen. Das Wetter spielte mit. In offenen Kaleschen von Pferden gezogen war jedes Familien­mitglied für mich ganz deutlich zu erkennen. So kann ich mich glücklich schätzen, Lady Di aus nächster Nähe leibhaftig gesehen zu haben.

Nun war Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen.

Bei meiner letzten Rückfahrt von London nach Hannover jedoch war ich so gar nicht glücklich. War doch nun Schluss mit lustig und dem lukrativen Nebeneinkommen. Während der Überfahrt schon zermarterte ich mein bisschen Hirn nach einem Neuanfang. Ich dachte an Schweden. Da es in Deutschland noch keine Zigarettenautomaten gab, die 5-Markstücke schluckten, mir aber nur Geldspielautomaten hätten etwas einbringen können, verwarf ich diese Möglichkeit schnell wieder. Die Spielhallen hatten zuviel Aufsichtspersonal und dazu zum großen Teil auch schon Video­über­wachung. Viel zu gefährlich für meinen Geschmack. Ich hatte auch schon von einer vertrauens­seligen Spielhallenaufsicht gehört, dass es welche gab, die Zweimarkstücke an einer superdünnen Angelschnur befestigten, den genauen Punkt ausgetüftelt hatten, wo sie einen Knoten reinmachen mussten, so dass der Kontakt ausgelöst wurde, der die Guthabenleiste hochzählte. Diese Tatsache war natürlich sehr intern und geheim, weil man Nachahmungstäter fürchtete, bekam die Presse erstmal Wind davon. Ebenso hielt man meine 5-Pence Stücke schön unter der Decke. Eine einzige Spielhallenangestellte hatte mal die Polizei gerufen, als ich bei ihr in Verdacht geriet, mit falschen Münzen zu operieren. Doch da hatte sie ganz schön ins Fettnäpfchen getreten. Sie wurde von ihrem Chef gefeuert. Ich wurde zwar nicht erwischt, gab aber vorsichtshalber bei der polizeilichen Vernehmung die Spielhalle an, wo ich in Verdacht geraten war. Dazu meinte allerdings der Richter: Diesen Fall wolle er erst gar nicht zum Gegenstand der Verhandlung machen, weil ihm die Geld­spielautomaten suspekt seien. Im Gegensatz zu den Zigaretten, die die Gesundheit der Raucher schädigten, hätten Geldspielautomaten schon so manchen Menschen in die Schuldenfalle gelockt, was eine neue Kriminalität zur Folge hätte. Die ÜSTRA hatte am schnellsten reagiert. Ihre Auto­maten kostenaufwendig mit neuen Münzprüfern ausgestattet. Danach kam auch gleich die Bundespost. Die Briefmarkenautomaten mochten dann auch schon bald keine 5-Pence Münzen mehr annehmen. Und die meist daneben angebrachten Wechselautomaten ebenso. Dann wurde es auch immer schwieriger, die Telefonzellen damit zu überlisten. Also hatte auch die Post ihre Hausaufgaben gemacht. Es kam noch hinzu, dass die Geldspielautomaten mit immer mehr Raffinesse ausgestattet wurden. So kam es immer häufiger vor, dass die Automaten zunächst zwar noch das Geld wechselten, dann aber plötzlich tauchte auf dem Display das Wort FOULT auf oder es ging sogar eine Sirene los. Andere wieder hatten eine rote Lampe auf dem Automaten ange­bracht, die mit lautem Getöse wie ein Feuerwehrwagen blinkend anzeigte, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Also nein, den Stress mit nur einer Möglichkeit die 5-Oere Stücke aus Schweden in DM zu verwandeln wollte ich mir nicht antun. Dass ich nicht gerade sehr gesprächig war während der Rückfahrt kann sich wohl jeder denken, der schon mal mit seinen Gedanken beschäftigt war.

Wer sagt denn, dass ein Knastaufenthalt nicht manchmal auch zu etwas Nütze sein kann. Allerdings nur bedingt! Man kann während so einem Aufenthalt so einiges lernen. Wenn man nur die Ohren aufhielt. Was man dort lernen konnte, ging allerdings nicht immer konform mit den Wertvorstel­lungen unserer Gesellschaft. Aber die Gesellschaft schrie doch geradezu nach noch mehr Gefäng­nissen und längeren Strafen. In diesem Zusammenhang taucht bei mir die Frage auf, wohin mit all den Gefangenen? Laut Statistik werden jedes Jahr etwa fünfeinhalb Millionen Straftaten begangen. 55% davon werden aufgeklärt! Dabei werde ich aber stutzig. Stutzig deswegen, weil wir in ganz Deutschland gerade mal so um die 75 Tausend Haftplätze zur Verfügung haben. Bedenkt man dabei noch, dass ein zu lebenslang Verurteilter seinen Haftplatz so um die zwanzig Jahre lang blockiert und viele andere, so wie ich z.B. eine Zelle für 10 Jahre in Anspruch nehmen, dann sollte man doch wirklich darüber nachdenken, was solch eine Statistik für einen Wert hat. Die JVA Celle in Niedersachsen kann ca. 250 Gefangenen Platz bieten. Dafür kommen dort auch nur Schwer- und Schwerstverbrecher unter, die mehr als acht Jahre vor der Brust haben. Der überwiegende Teil allerdings davon ist zu LL verdonnert. Mordfälle werden ja angeblich zu über 90% aufgeklärt. Wo bloß sitzen all die Mörder ihre Strafen ab? Liest man nicht täglich in der Zeitung von einem neuen Mordfall? Bevor ich mich aber nun weiter darüber auslasse, um ein paar Ungereimtheiten aufzuklären, die man uns weiß zu machen versucht, will ich lieber mit meinem Un-Leben fortfahren.

Unser Fährschiff hatte inzwischen in Oostende angelegt, da begann ein neuer Plan in mir zu reifen. Sagte ich nicht, dass ich im Knast etwas dazu gelernt hatte? Zwar hatte ich nie genau hingehört, wenn über gewisse Themen gesprochen wurde, hatte ich doch meine eigene Masche mir ein Zubrot zu verdienen, so wünschte ich mir jetzt bei meinen Überlegungen ich hätte besser zugehört.

Das relativ kleine Belgien war schnell durchquert, wir näherten uns der Holländischen Grenze.

Fußnoten

[1] Ergänzung: Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Trabant_(Pkw)

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fuchs_und_die_Trauben + http://www.zeno.org/Literatur/M/La+Fontaine,+Jean+de/Versfabeln/Fabeln/Der+Fuchs+und+die+Trauben

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXXI

moabitDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

          die keine Kindheit war

Einunddreißigstes Kapitel

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett. Ich war wirklich gewillt mein Versprechen wahr zu machen, nämlich sie nicht anzurühren. Doch das war so gar nicht in ihrem Sinne. So nahm sie denn das Heft in die Hand und vergewohltätigte mich! Mir blieb gerade mal noch ein Auge voll Schlaf zu nehmen, musste ich doch meinen Sohn für die Schule fertig machen, vor allem aber musste ich ihm erklären was denn die für ihn wildfremde Frau in meinem Bett zu suchen hatte. Nachdem auch das erledigt war, wir beim gemeinsamen Frühstück saßen, musste ich ihr auch noch verklickern, dass ich noch an diesem Tage um 17 Uhr nach London fahren müsse. Auch das stieß bei ihr auf Unglauben. Sie war der Meinung, dass dies nur ein Vorwand sei, um sie recht schnell und elegant loszuwerden. Erst als ich ihr den bereits gepackten Koffer vorwies und das Busticket zeigte glaubte sie mir. Bestand aber auch noch darauf mich zum Bus zu begleiten. Dagegen hatte ich keine Einwände.

Und nach London mitfahren wollte sie auch

Obwohl sie mich ziemlich, ja, höchstpersönlich in Richtung London abfahren sah, stand ja groß vorne dran geschrieben, war ihr Misstrauen immer noch nicht beseitigt. Ich musste ihr versprechen eine Ansichtskarte zu schreiben. Auch diesem Wunsch kam ich nach. Nur, ich war viel früher wieder in Hannover als die Karte. Natürlich wartete sie bei meiner Ankunft am Busbahnhof. Sie begleitete mich nach Hause. Und dort blieb sie auch. Obwohl sie ja ihre eigene Unterkunft vom Sozialamt bezahlt bekam. Kann ich ja auch in etwa verstehen, wenn man wie ich mal einen Ein­blick in ihre Behausung hatte und diese mit meiner Wohnung verglich. Jetzt hatte ich aber ein Problem. Wie sollte ich meinen Geschäften nachgehen, ohne dass sie etwas davon mitbekam? Mit Ausreden schloss ich mich im Kinderzimmer ein, sortierte die Münzen. Aber abends mit einer großen Sporttasche und der Umhängetasche das Haus verlassen? Ich behauptete einer Schwarz­arbeit nachzugehen. Aber welch ein Kellner ging so bepackt aus dem Haus? Obwohl ich sogar mit weißem Hemd, Fliege und schwarzer Hose die Wohnung verließ, konnte ich ihr Misstrauen nicht zerstreuen. Hatte die vielleicht eine Ausdauer, solange vor der Glotze zu sitzen. Das Versteckspiel dauerte dann auch nur ein paar Tage. Nachts mit der prallgefüllten Tasche schlich ich mich in meine eigene Wohnung. Als ich wohl oder übel mit der Wahrheit herausrücken musste, zeigte sie sich empört. Empört nicht darüber, dass ich unredlichen Geschäften nachging, sondern weil ich kein Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Schließlich sei sie ja auch nicht von Gestern. Ganz im Gegen­teil. Mit ihrem Verflossenen wäre sie schließlich auch fast jede Nacht unterwegs gewesen, um zu prüfen, ob auch ja alle Autotüren gut verschlossen seien. War dies nicht der Fall, hatte man eben nachgeschaut, ob die Leichtsinnigen nicht etwa auch noch irgendwelche verwertbaren Gegen­stände im Auto hatten liegen lassen. Auf diese Weise hatten sie sich ihre mageren Sozialhilfe­bezüge etwas aufgefrischt. Letztendlich bestand sie darauf, an meinen nächtlichen Streifzügen teilzunehmen. Und nach London mitfahren wollte sie auch.

Nicht dass sich dadurch unbedingt mein Umsatz steigerte bei der geringen Menge an Münzen, die sie tragen konnte, aber zumindest hatte ich immer Unterhaltung auf meinen Reisen. Allerdings machte ich dann in London einen Fehler. Ich nahm sie überall mit dorthin, wo ich mit Vorliebe nach meinen Bankbesuchen mein Guinness und Malt Whisky trank. So ging ich auch in einen Pub, wo ich eine süße Bierzapferin kennengelernt hatte und bei der ich manchmal schlief, wenn gerade Saison und selbst das billigste Hotelzimmer nicht mehr frei war. Dieses Pubgirl begrüßte mich wie gewohnt freundlich mit einem Schmatzer auf die Wange. Da aber lernte ich das Temperament meiner Zukünftigen erst so richtig kennen. Wie eine Furie sprang sie auf und nach dem Motto: Was machst du da mit meinem Mann, riss sie der Bedienung gleich ein ordentliches Haarbüschel aus. Dabei hatten wir, ich sage ganz bewusst WIR, noch gar nicht über eine Heirat gesprochen. Bisher hatte ich sie immer abbremsen können, wenn sie dieses Thema aufs Trapez brachte. Wenn ich mich recht erinnere war dieser Pub die einzige Kneipe, wo ich jemals Lokalverbot bekommen habe.

Ich männliches Weichei habe es nie gelernt, mit Frauen richtig umzugehen. Schon bei meiner ersten Scheidung, wo ich mit Handschellen aus der U-Haft vorgeführt wurde, musste ich und meine begleitenden Beamten, sowohl auch die Rechtsanwälte mit anhören, wie meine Frau auf dem Gerichtsflur laut und deutlich sagte: „Du Idiot, hättest du mir manchmal was auf die Fresse gehauen, dann hättest du die beste Ehefrau der Welt haben können!“ Trotz dieser Belehrung bin ich bis heute kein Frauenversteher geworden. Ich glaube immer nur an das Gute im Menschen. Zumindest was das schwache Geschlecht angeht. Aber wie ich leider immer wieder feststellen musste, haben es gerade die faustdick hinter den Ohren. Gegen die Schauspielkünste ist bei mir immer noch kein Kraut gewachsen.

Nachdem sie sich auch noch als Räuberbraut geoutet hatte und wir im Allgemeinen ganz gut harmonierten, sprachen wir auch über unsere Zukunft. Wobei das Thema überhaupt wieder von ihr angeschnitten wurde. Schon des Jungen wegen wäre es nicht verkehrt, wenn wieder eine Frau im Hause wäre. Meine Rücklagen waren ganz schön angewachsen, ein Auto hatte ich auch wieder.

Ich traute mich sogar als Festland-Europäer mit dem Auto nach London zu fahren. Ich sage dazu nur – London-Linksverkehr, zig-Millionenstadt! Nicht dass eine Reise mit dem Auto nach London billiger gewesen wäre. Nur konnte ich jetzt von jeder Reise 20.000 und mehr Münzen auf einmal mitbringen. Ich war ja auch schon in Verhandlungen ein Bistro zu pachten. Nachdem es beschlos­sene Sache war, dass wir heiraten werden. Ich selbst hätte ja gar keine Konzession bekommen, als Vorbestrafter. Meine Frau konnte mich aber als Koch einstellen. Ich hatte sämtliche Zeugnisse, sie aber musste erst noch einen Schnellkurs bei der IHK machen. Von wegen Hackfleischverordnung und so.

da flog mein „Geschäft“ auf

Aber noch bevor es zur Vertragsunterzeichnung kam, hatte unser Rechtsstaat etwas gegen meine Konkurrenz, die ich ihm mit meinen englischen billigen Markstücken machte. Allerdings machte ich auch einen Riesenfehler. Noch war weder Bistro-Pachtvertrag noch Ehevertrag unterschrieben, da flog mein „Geschäft“ auf.

Die erste Schuld traf sie! Sie konnte sich einfach nicht an das halten, was ich ihr beigebracht hatte. Bei unseren nächtlichen Touren hatte ich sie immer wieder darauf hingewiesen, nicht zu gierig zu werden. An jedem funktionierenden Automaten nie mehr drei bis vier Schachteln Zigaretten auf einmal ziehen. Weitergehenden nächsten Automaten aufsuchen und erst nach Ablauf einer gewissen Zeit zum Ausgangspunkt zurückkehren, um das gleiche Spiel zu wiederholen. Niemals stellte ich das Auto so ab, dass mich jemand, falls er mich an einem Automaten gesehen hatte, dorthin gehen sehen konnte. In der bewussten Nacht, wo sie erwischt wurde, hatte ich schon aus Routine so gehandelt. Wir teilten uns die Ortschaft auf. Um eine bestimmte Zeit wollten wir uns an einer ausgemachten Stelle wieder treffen. Wenigstens an solche Abmachungen hielt sie sich. Nur eben in dieser Nacht nicht. Nachdem sie meine Toleranzgrenze überschritten hatte, ging ich zum Auto und wollte die Strecke abfahren, die ich ihr vorgegeben hatte. Kaum war ich in die Straße abgebogen, wo sich der erste Automat auf ihrer Strecke befand, kam hinter einer dunklen Hecke eine Gestalt hervor und schwenkte eine rote Kelle. So eine wie sie wohl jeder Autofahrer schon einmal gesehen hatte. Beim Näherkommen entpuppte sich wie vermutet der Kellenträger als Polizist. Etwas weiter dahinter, genau unter einer Straßenlaterne tauchte ein weiterer Uniformierter auf. Aber nicht alleine. Er schob, nun raten Sie mal, ja, meine Zukünftige vor sich her.

„Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“

Wie immer bei brenzligen Situationen wurde ich innerlich kalt wie Hundeschnauze. Ich hielt brav an, drehte das Seitenfenster herunter. Der Kellenmann beugte sich zu mir ans Fenster, fragte gar nicht wie sonst allgemein üblich nach den Papieren, sondern wollte wissen, ob ich die Frau kennen würde, die dort bei seinem Kollegen stehen würde. Jetzt hieß es für mich blitzschnell abzuwägen, welche Antwort die beste wäre. Sooo gut kannte ich sie nun auch wieder nicht, wie sie in solch einer Situation reagieren würde. Sagte ich Nein, konnte es sein, dass sie sich verraten fühlte und sie alles ausbaden müsste, deshalb sauer werden könnte. Sagte ich die Wahrheit, gab zu, sie zu kennen, waren wir beide am Arsch. Entschuldigung! Wären wir beide für den Rest der Nacht in einer Polizeizelle gelandet.

Was half’s, ich spielte carte blanche! Sehr interessiert schaute ich mir die angeblich fremde Frau an, sagte: „Nö, tut mir leid. Hübsch ist sie ja, würde sie gerne kennenlernen!“ Mein Glück war, dass diese Nachtschicht zwei noch ziemlich junge, unerfahrene Hüter des Gesetzes hier zum Ein­satz gekommen waren. Denn der Kerl bemerkte noch nicht einmal das eine Damenhandtasche auf dem Beifahrersitz lag, ebenso wenig sah er die Stöckelschuhe, die auf der Fußmatte abgelegt waren. Und dann erst der riesige Plastikkorb auf der Rückbank, lediglich eine darübergelegte Wolldecke verbarg den Inhalt. Etwa 400 Schachteln Zigaretten. Die Ausbeute dieser Nacht.

Ich vermute mal, dass es der große Altersunterschied zwischen der jungen Frau und mir war, der dem jungen Polizisten nicht vermuten ließ, dass wir zusammen gehörten. Mit einem „Na, dann auch gute Fahrt noch!“ erlaubte er mir die Weiterfahrt. Im Schritttempo legte ich die nächsten 20 Meter zurück. Bei dem Polizisten, der meine Zukünftige am Arm festhielt, hielt ich noch einmal an fragte: „Was ist denn, junge Frau, kann ich Ihnen irgendwie helfen. Brauchen sie vielleicht einen Rechtsanwalt?“ Damit hoffte ich ihr einen Hinweis gegeben zu haben, dass ich mich kümmern würde. Ihr Bewacher meinte nur, dass ich weiterfahren solle und mich um nichts zu kümmern brauche. Wie ich noch erkennen konnte, hatte sie anscheinend reiche Beute gemacht. Ihre grüne Tasche von Harrods war prall gefüllt. Also war sie auf frischer Tat ertappt worden. Ich musste in dieser Kleinstadt noch einige Male abbiegen, um auf die Hauptstraße zu gelangen. Zu dieser späten Stunde begegnete mir auf dieser kurzen Strecke meiner Meinung nach ungewöhnlich noch dreimal ein Passat, wo eigenartigerweise jedes Mal vorne zwei Männer saßen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste sagte ich mir. Zu Hause angekommen ließ ich erst mal alles ver­schwin­den, was mich mit den englischen Münzen in Zusammenhang bringen könnte. Die noch etwa 2000 restlichen Münzen, die von unserer letzten Londonreise noch verblieben waren, verstaute ich in einem Leinenbeutel, diesen wiederum unten im Haus in unserem Briefkasten. Den noch zu verkaufenden Zigarettenvorrat brachte ich zum Kofferraum meines Wagens und brachte sie noch in der Nacht zu einem meiner Großabnehmer in die Stadt. Nachdem nun jedwedes Belastungs­ma­terial beiseite geschafft worden war, versuchte ich den Anwalt anzurufen, der schon mal für mich in anderer Sache tätig gewesen war. der Anrufbeantworter jedoch sagte aus, dass die Bürostunden erst um 9 Uhr Morgens beginnen würden. Ein Anwaltnotdienst wurde erst einige Jahre später in Hannover ins Leben gerufen.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin

Aber genau das war ja mein Fehler, den ich eingangs erwähnte. Nämlich der, dass ich einen Anwalt so schnell einschaltete. Die Kleinstadt Pattensen gehörte zum Polizeibezirk der Stadt Springe. Die Herren Polizisten wunderten sich nicht schlecht als kaum 10 Stunden nach der Festnahme ein Anwalt aus Hannover dort in Springe auftauchte und verlangte seine Mandantin zu sprechen. Selbst bei mir, der ich nur sechs Jahre lang die Grundschule besucht hatte, hätten sämtliche Alarmglocken geschrillt. Woher sollte der Anwalt von der Verhaftung wissen, hatte die Inhaftierte doch noch überhaupt kein Telefongespräch geführt. Man vermutete nicht zu Unrecht, dass da irgendwelche Mittäter dahinter stecken mussten. Natürlich war die Sache zu unbedeutend und zu geringfügig, als dass man vor dem Untersuchungsrichter einen Haftbefehl erwirken konnte. Ein paar Stunden später befand sie sich wieder auf freiem Fuß. Aber erst nachdem man ihre Sozialwohnung, wo sie ja immer noch gemeldet war, durchsucht und über­haupt nichts gefunden hatte, was sie hätte belasten können. Und, man fand auch nichts, was uns beide in Verbindung brachte.

Wir gaben uns einer trügerischen Hoffnung hin. Dachten wir doch die ganze Angelegenheit wäre ausgestanden. War doch auch der Anwalt der Ansicht gewesen, weil der Haftbefehl ganz simpel auf Betrug erlassen worden war. Natürlich hatten wir lediglich einen Betrug begangen. Schließlich hatten wir einen Gegenwert von etwa 60 Pfennige in den Automaten geworfen und dafür Ziga­retten für DM 3 herausbekommen. Obwohl vermeintlich Ruhe eingekehrt war, ließ ich die rest­lichen Münzen erst mal weiter im Briefkasten ruhen. Ich kümmerte mich intensiv um das zu pachtende Bistro. Außerdem stand der Hochzeitstermin an.

14 Tage später juckte es mich in den Fingern. Ich wollte nun auch die restlichen Münzen los­wer­den. Kaum war der Junge im Bett packte ich die Münzen ins Auto und wir fuhren los. Ich hatte schon in den letzten Tagen tagsüber einen Probelauf gemacht. Ausprobiert welche Automaten in einem noch nicht besuchten Stadtteil meine Münzen schluckten. Hatte allerdings nicht eine Schachtel wirklich rausgezogen, sondern die Münzen per Rückgabeknopf zurückgeholt. So sollte es etwas leichtes sein die restlichen „Markstücke“ in einer Nacht zu verarbeiten. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt!

Meine clevere Frau, neben mir sitzend, machte mich darauf aufmerksam, dass es ihr komisch vorkomme, dass uns nun schon zum soundsovielten Male ein und derselbe Passat den Weg kreuzte. Natürlich hörte ich auf sie. Ich fuhr deshalb noch eine ganze Weile in dem Bezirk herum. Und siehe da, tatsächlich, wo wir auch immer eine Straße kreuzten, tauchte ein Passat auf. Deren drei hatten wir inzwischen ausgemacht. Für einen Polizeieinsatz zwar ziemlich ungewöhnlich, dass jeder Wagen immer nur mit einem Mann besetzt war, aber dennoch ließ ich Vorsicht walten. Ich hielt kackfrech direkt vor einen Zigarettenautomaten, stieg aus und sah mich dabei ganz genau um, ob uns einer der Wagen folgen würde. Einer der drei Passat kam dann auch ganz schnell vorbeigefahren. Er hielt ca. 100 Meter weiter entfernt an, ein Mann stieg aus, ging schräg über die Straße und verschwand ziemlich schnell in einem Haus. Ich nehme heute an, dass er geklingelt, seine Polizeimarke vorgezeigt hatte und somit schnell eingelassen wurde. Ich war mir noch nicht ganz sicher, was da ablief. Ich zog dennoch ganz provozierend eine Schachtel Zigaretten. Aller­dings mit echten Deutschen Markstücken. Sollten sie doch den Automatenaufsteller benachrichti­gen und sich davon vergewissern, dass keine faulen Münzen drin waren. Ich setzte mich ins Auto. Wir steckten uns jeder eine Zigarette an, damit es aussehen sollte, als hätten wir echt Schmacht gehabt. Im Rückspiegel sah ich auch dann bald einen weiteren von den drei Passats an uns vorbeifahren. Seltsam, seltsam! Was war also zu tun?

Wo kam der Bulle plötzlich her?

Ich informierte meine Frau von meinem Vorhaben. Wir verließen diesen Stadtteil, befuhren eine relativ wenig befahrene Straße in Richtung des Stadtteils, wo meine Mutter bis zu ihrem Tode gewohnt hatte. Zum einen konnte ich auf der Strecke sehr gut im Rückspiegel erkennen, ob uns jemand folgte, zum anderen kannte ich mich dort besonders gut aus. Hier war kein Wohngebiet. Rechts und links nur Gartenkolonien. Kein Autoscheinwerfer hinter uns zu erkennen. Auch nicht als wir die Brücke über den Südschnellweg überquerten. Ich hatte vor, die am Eingang des neuen Stadtteils stehende Telefonzelle aufzusuchen. Von dort hätte ich einen guten Rundblick gehabt, während ich so tat als würde ich telefonieren. Ja, Sie haben richtig gelesen! Ich hätte einen guten Rundblick gehabt, wäre ich denn bis zur Telefonzelle gekommen. Ich kann es mir bis heute nicht erklären, wo plötzlich der Bulle herkam, der mir durch die heruntergedrehte Fensterscheibe den kalten Lauf seiner Pistole an den Hals drückte. Ist schon ein blödes Gefühl, so ein kaltes Metallteil auf der warmen Haut zu spüren. Mein mulmiges Gefühl verstärkte sich noch dadurch, dass der Halter der Waffe ziemlich nervös zu sein schien. Anscheinend hatte der alte Knacker noch nie solch ein Erfolgserlebnis in seiner Laufbahn gehabt, indem er höchstpersönlich einen Ganoven verhaften durfte. Der Waffeneinsatz, so erfuhr ich später, war dadurch bedingt, dass man, bevor man uns zu observieren begann, meine Polizeiakte studiert hatte. Darin wurde ich als gefährlich eingestuft, weil ja schon einmal ein Mensch durch mich ein vorzeitiges Ende gefunden hatte. Auch dass die beiden Bäckersöhne mit den Köpfen zusammengerasselt waren, hatte meine Gefährlichkeit noch unter­mauert. Mit der Rechten hielt mir der fast aus dem Polizeidienst ausrangierte Dickwanst mit seiner zitternden Hand den Lauf an den Hals, mit der Linken hielt er sich sein Funkgerät vor den Mund und schrie fast mit überschlagender Stimme: „Ich hab ihn, ich hab ihn!“ Kaum dass er seinen Standort durchgegeben hatte, waren auch schon die anderen beiden Passats und weitere zwei richtige Streifenwagen vor Ort. Ich wurde „ganz liebevoll“ aus dem Wagen gezerrt, gegen mein Auto geschleudert, man trat mir gegen die Fußknöchel damit ich auch ja die Beine schön breit machte. Würde ich auf Männer stehen könnte ich ja sagen, dass es mir gefiel, als sie mir beim Durchsuchen unter anderem auch die Eier kraulten. Aber ich stehe nun mal nicht auf Männer. Außerdem, wenn schon Eierkraulen angesagt war, dann viel zärtlicher. Na ja, vielleicht hatte ja der Durchsuchende seinen Abgang dabei. Autos waren ja genügend zur Stelle. So wurden wir dann auch getrennt zur Polizeiwache verbracht. Am nächsten Morgen, es war ein Sonntag, wurden wir einem Haftrichter vorgeführt. In diesem Falle handelte es sich allerdings um eine Richterin. Genauer gesagt eine gelernte Familienrichterin. Sie war eben turnusgemäß zum Notdienst eingeteilt worden. Wie jeder weiß, schert sich kein Ganove darum, welcher Wochentag gerade ist. So musste dann wegen der 24 Stunden Regelung eben immer ein Haftrichter seinen Dienst tun. Meine Frau wurde ihr als erste zugeführt. Ihr gegenüber triefte die Richterin fast vor Mitleid. Wie ich später von meiner Frau erfuhr.

„Mädchen, wie kannst du das nur machen, einen 27 Jahre älteren Mann zu heiraten?“ hatte sie meiner Frau vorgehalten und sie von den Folgen gewarnt, was solch ein Altersunterschied nach sich zieht. Diese Blöde Kuh, die hätte mal lieber mich warnen sollen. Vor dieser meiner Frau, und den Folgen, die ich zu tragen hatte. Zumindest hob sie den Haftbefehl gegen meine Frau auf, so dass wenigstens jemand zu Hause bei meinem Sohn war. Um mich dagegen machte sich die Rich­terin überhaupt keine Sorgen. Sie kanzelte mich ganz schön ab, nannte mich einen Kinderver­füh­rer. Sie ließ mich ins U-Gefängnis überführen.

Der Anblick einer Gefängniszelle schockt einen wirklich nur beim ersten Mal, wenn man in solch eine hineingeschoben wird. Da ich im Laufe meines Lebens die wenigste Zeit im Luxus gelebt hatte, viel mehr Tiefen als Höhen durchgemacht hatte, erschütterte es mich nur bedingt, was ich diesmal vorfand. Viel mehr Sorgen machte ich mir wegen meines Sohnes. Doch am darauf folgenden Dienstag war ich auch schon wieder bei meinem Sohn. Am Montag schon war mein Anwalt zur Stelle. Er riet mir soweit alles zuzugeben, den Polizisten einige Automaten zu zeigen, die ich betrogen hatte, damit die Kripo auch mal wieder ein Erfolgserlebnis vorzeigen könne. Es mache bei der Urteilsfindung ohnehin kaum einen Unterschied, ob sie mir nur einen Automaten nach­weisen könnten, den ich geplündert hätte oder eben hundert. Das fiele dann eben unter fort­lau­fende Handlungen. Würde ich allerdings hinter dem Berg halten, würde die Polizei notgedrun­gen weiter ermitteln. Und dann müsste ich mit jeder Menge Einzelstrafen rechnen. So fuhr ich denn am Montag mit zwei Kripobeamten eine Strecke ab, zeigte ihnen 83 Automaten, woran ich mich betätigt hatte. Als ich sie dann auch noch weiterführen wollte, aus dem Großraum Hannover hinaus, da hatten sie gar kein Lust mehr. Nicht unser Zuständigkeitsbereich, da sollen sich die Kollegen drum kümmern. Anscheinend haben sie ihre Kollegen noch nicht einmal davon unter­richtet, welchen Fang sie gemacht hatten. Somit wurden ihre Kollegen um den ihnen zustehenden Lorbeer gebracht. Jedenfalls hörte ich nie mehr etwas davon. Die für sie erfolgreiche Tour wurde fein säuberlich zu Protokoll gebracht. Da nun ein Geständnis vorlag, ich einen festen Wohnsitz und dazu noch einen schulpflichtigen Sohn zu Hause hatte, sollte der Haftbefehl auch gegen mich aufgehoben werden. Jedoch wollte der zuständige Richter keine Minute länger als bis 16 Uhr darauf warten. So sehr die Kripobeamten ihn auch bedrängten und versprachen das Protokoll sofort mit einem Kurier zu ihm zu schicken damit er den Haftbefehl aufheben konnte, gab der verrohte Kerl nicht nach. Somit verschob sich meine Entlassung und ich musste eine weitere Nacht auf einer stinkenden Seegrasmatratze verbringen.

Die Polizei war zufrieden mit ihrem Erfolg. Konnte sie doch mal wieder, wenn auch durch wochen­lange Observation, einen Erfolg auf ihre Fahnen schreiben. Immerhin hatten gleich mehrere konkurrierende Automatenaufsteller Anzeige bei der Polizei gestellt. Nun konnte man denen berichten, dass der Übeltäter gefasst sei. Zufrieden waren sie auch mit mir, weil ich ja so schön kooperativ mitgearbeitet, ihnen gleich über 80 Automaten gezeigt, an denen ich mein schmales Arbeitslosengeld aufgebessert hatte. Dafür wollten sie mich ja auch belohnen. Doch der zuständige Richter war nicht bereit gewesen, auch nur 10 Minuten an seine Arbeitszeit dranzuhängen, ließ mich also noch eine Nacht in der Zelle schmoren. Bei dem stundenlangen Polizeiverhör hatte ich etwas Neues dazugelernt. Die Beamten mussten mich immer wieder mal mit meinem Anwalt alleine lassen. Dann ging auch mal mein Anwalt zu den Kripobeamten in den Nebenraum, um einen Deal auszuhandeln. Während ich so alleine im Büro des Betrugsdezernates saß, hatte ich genügend Zeit die auf dem Schreibtisch liegenden Akten etwas zu studieren. Und was lernte ich dabei?

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXX

 

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Dreißigstes Kapitel

Automatenbetrug ist ein anstrengender Job

 

Von der Endstation des Zuges bis zur Schiffsanlegestelle war es ein ganz schönes Stück des Weges. Und das mit dem Gewicht. Vor allen Dingen durfte ich mir beim Zoll keine Blöße geben. Also hieß es Zähne zusammen beißen, so tun als würde ich ganz normales Gepäck mit mir tragen. Die Tommys haben es so an sich, dass sie nur bei den Einreisenden fast alles durchwühlen. Schnaps und Zigaretten waren in England derart teuer, dass kein Mensch auf die Idee käme, auch nur eine Schachtel oder eine Flasche mit aufs Festland zu nehmen. Umgekehrt waren o.g. Dinge beliebtes Schmuggelgut.

Die nächste schweißtreibende Hürde war dann der schmale und steile Treppenaufgang auf der Fähre selbst. Irgendwie schaffte ich auch dies, etwa sieben Stunden später die gleiche Prozedur in Hoek von Holland. Vom Schiff zum Zug. Im Zug selbst überstieg es fast meine Kräfte, die Koffer in die Gepäckablage zu hieven.

An der Deutsch-Holländischen Grenze hielten die Zollbeamten mich trotz meiner seriösen Kleidung und meines Alters nicht für schützungswürdig. Zwei weitere Personen in meinem Abteil sahen viel fragwürdiger aus. Aber nein, ICH musste meine Koffer vorzeigen. Die Zöllner zeigten sich ganz schön überrascht, so viele englische Münzen vorzufinden. Zwar hatte ich mit solch einer Frage über­haupt nicht gerechnet, fand aber ganz schnell die passende Ausrede, warum ich soviel von den Münzen mit mir herumschleppte. Ich erzählte den Grünen eine plausibel erscheinende Geschichte. Nämlich dass mich englische Freunde von der Navy, in Celle stationiert, gebeten hatten, eben diese Menge 5-Pence Münzen aus London mitzubringen. Die Soldaten hätten nach wie vor noch alte Spielgeräte in ihrem Casino stehen, die immer noch 5-Pence Stücke annehmen würden. In London selbst waren alle Einwurfsschlitze für 5 Pence Münzen längst zugelötet. Denn das englische Pfund hatte in den letzten Jahren ganz schön an Wert verloren, so dass besagte Münzen nicht mehr gefragt waren. Diese meine Aussage zur Verwendung der Silberlinge nahmen die Beamten so hin wünschten mir eine gute Reise.

Im Zug überkam mich das Bedürfnis nach einem guten deutschen Bier. Woher sollte ich bei meiner ersten derartigen Reise auch wissen, dass dies ein Zug aus der Ostzone war. Er befuhr die Strecke Warschau-Hoek von Holland und zurück; dass ich mich in einem Speisewagen der Mitropa[1] befand, hatte ich noch gar nicht so recht realisiert. Stutzig wurde ich erst, als ich genüss­lich das Bier trinken wollte. Verzeiht mir bitte, liebe Dresdner, aber ihr müsst zugeben, das Rade­berger eurer Zeit konnte mit dem unsrigen auf keinen Fall mithalten. Weil ich aber nun fast mein letztes Geld dafür ausgegeben hatte, würgte ich es auch herunter. Bei der Ankunft in Hannover hatte ich schon das erste Problem. Ich wohnte außerhalb von Hannover. Wie dorthin kommen ohne ausrei­chende Barmittel? Die außerplanmäßige Ausgabe für einen neuen Aktenkoffer hatte ein ganz schönes Loch in meiner Kasse hinterlassen. Zudem wusste ich, dass ich zu Hause angekom­men erst einmal den Kühlschrank auffüllen musste. Für die drei vorhersehbaren Tage meiner Abwe­sen­heit hatte ich für meinen 9jährigen Sohn schon gesorgt. Doch wie sollte ich nun so schnell wieder an Bares kommen, damit wir nicht hungern mussten?

Ich wechselte einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um.

Zunächst einmal warf ich zwei 5-Pence Münzen in ein großes Schließfach[2], verstaute mein schweres Gepäck darin. Ich behielt lediglich die Umhängetasche mit ca. 500 Münzen bei mir. Markstück bleibt Markstück, dachte ich mir. Ich steuerte eine von den beiden Spielhallen[3] im Bahnhof an. Pro­bieren geht über Studieren, besagt ein Sprichwort. Und siehe da, auch dieser Groschenräuber schluckte meine Münzen. Nicht dass ich so dämlich war, auf mein Glück zu hoffen, indem der Auto­mat mir eine ordentliche Serie schenkte. Ich wollte ja auch schnell nach Hause. Wollte duschen und wieder mal richtig ausschlafen. Deshalb wechselte ich einfach nur meine englischen Pence wieder in D-Mark um. Wenn ich etwa 21 Münzen eingeworfen hatte, zeigte mein Guthaben­konto auf dem Display 20 Mark und Zehn Pfennige an. Ich drückte auf den Rückgabeknopf und erhielt so vier 5-Markstücke und einen Groschen zurück. Das machte ich dann sechsmal, dann kamen schon die 2-Markstücke heraus. Das hieß also, dass die 5-Markröhre ausgeschöpft war. Etwas später spuckte der Automat nur noch Markstücke aus, da wurde es Zeit für mich das Feld zu räumen. Ich hatte zwar von Beginn an gehört, dass meine Münzen gar nicht in der Auto­matenröhre hängen blieben, sondern schnurstracks in den Safe abglitten. Der Safe war immer mit drei Spiel­auto­maten verbunden, und darin ergoss sich der Gewinn von den drei aneinander gekoppelten Automaten. Ach ja, zwischendurch hatte ich auch noch etwas Glück. Ich hatte ohne eine Risiko­taste gedrückt zu haben im Laufe meiner Fütterung des Automaten mit 5-Pence Münzen eine 20er als auch eine 50er Serie zu bekommen. Im Endeffekt hatte ich in etwa die gleiche Menge Mark­stücke rausgeholt wie ich an Pencemünzen reingesteckt hatte.

Etwa 200 Münzen waren noch in meiner Umhängetasche. Jetzt, wo es so großartig lief, schon auf­hören? Mal sehen wie die Fahrkartenautomaten auf englisches Geld reagierten. Zahlte man in Hannover direkt beim Bus- bzw. Straßenbahnfahrer, so kostete eine Fahrt 2 Mark. Holte man sich aber am Automaten gleich ein Sechserpack der Fahrscheine, dann kostete dies ganze 9 Mark. Sollte der Automat auch meine Münzen annehmen, so hieß das, dass mich dieselben sechs Karten laut Wechselkurs gerade mal 1Mark80 kosten. Bereitwillig spuckten auch die Fahrkartenautomaten solche Sechserpacks aus, sobald ich diese mit 9 Münzen gefüttert hatte.

Na, da machte ich meine Tasche doch gleich ganz leer. Am/Im Bahnhof gab es mehrere solcher Automaten, die ich immer abwechselnd benutzte. Ich wollte ja schließlich kein Aufsehen erregen, indem ich allzu lange am gleichen Automaten stehen blieb. Außerdem war schon wenige Hundert­meter weiter die nächste Haltestelle der U-Bahn in der Passe­relle.[4] Auch dort gab es gleich meh­rere solcher Automaten. Gierig geworden holte ich gleich nochmal Nachschub aus dem Schließ­fach. Damit brauchte ich dann auch nicht mehr so ein schweres Gewicht nach Hause schleppen. Ich wusste ja von Bekannten, dass die Kioskbesitzer, wenn sie für die ÜSTRA die Fahrkarten ver­kauften, mal so eben nur Pfennige daran verdienten. Bot ich diesen aber an, den gleichen Sechser­pack für 6 Mark zu erwerben, und dabei steuerfrei 3 Mark daran zu verdienen, konnte keiner widerstehen. Verständlich, dass meine Laune stieg, ich mir ein Taxi leistete und nach Hause fuhr, wo ich von meinem Sohn freudig begrüßt wurde. Wieder Land in Sicht, dachte ich bei mir und spürte rein körperlich wie die Anspannung der letzten Tage von mir abfiel. Kurzer Hand lud ich meinen Sohn zum Italiener ein. Den Stress, gleich noch einkaufen gehen zu müssen, anschließend auch noch das Essen zuzubereiten, den wollte ich mir nicht antun.

Von wegen leicht verdientes Geld

Als Nebeneffekt lernte ich Hannover erst so richtig kennen, während ich das fremde Geld in bare Münze umsetzte. Von wegen leicht verdientes Geld, wie sich später der Staatsan­walt darüber äußerte. Immer abends, wenn mein Sohn im Bett war, machte ich mich auf den Weg. Bis spät in die Nacht hinein schleppte ich eine große Sporttasche mit mir herum, hielt Ausschau nach Zigaret­ten­automaten. Die Umhängetasche war gefüllt mit Mark­stücken. Pardon, ich sollte wohl besser sagen: Mark-Ersatzstücken.

Es war ja nun auch nicht so, dass jeder Automat bedingungslos das Ersatzgeld akzeptierte. Es dauerte eine Weile bis ich so einige Tricks dazu lernte. Einige Automaten gaben die Ware ohne weiteres heraus. Da hätte ich ebenso gut passend geschliffene Kieselsteine einwerfen können. Und dann gab es da schon einige sehr gut justierte Münzprüfer, die sich überhaupt nicht überlisten ließen. Manche wollten, dass ich die Münzen mit einem Schwung hinein schnip­sen musste, andere wiederum reagierten nur, wenn ich die Münzen ganz sachte hineingleiten ließ. Dann kam es auch schon mal vor, Geld-Tütedass ein Automat, der schon einige Schachteln herausgerückt hatte, plötzlich verstopft war. Irgendwann kriegte ich auch spitz woran das lag. In den abgewogenen Plastik­beuteln, wie ich sie in London bei den Banken erhielt[5], waren nicht immer nur eng­lische Münzen. Hauptsache das Gewicht stimmte. So verirrten sich des Öfteren aus­ländische Geldstücke darin. Und häufig waren aber auch die echten Münzen derart bearbeitet worden, dass sie erhebliche Macken aufwiesen, so dass sie im Automatenschlitz hängen blieben und alles verstopften. Rückgabeknopf drücken war dann auch zwecklos, die Münze hing irgendwo fest. Meine Richterin, die mich später zu verurteilen hatte, war selbst Opfer solch einer verstopften Münzröhre geworden, als sie sich mal am späten Abend aus einem von mir zuvor besuchten Zigarettenautomaten bedienen wollte. Sie hatte natürlich bei dem Aufsteller angerufen. Dieser hatte ihr natürlich den Grund dafür genannt.

Während ich so durch die Nacht wanderte, bekam ich natürlich auch schon mal Durst. An meiner Apfelschorle nippend schaute ich mir auch die beiden obligatorischen Geldspiel­automaten in der Kneipe an. Einige Londonreisen später hatte ich soviel dazu gelernt, dass ich noch lange nicht in jede Kneipe ging, wenn mich der Durst überkam. Bald schon hatte ich gecheckt, welche Automa­ten meine Münzen auch wechselten und welche nicht. In jedem Hunderterbeutel befanden sich bis zu drei unbrauchbare Münzen. So machte ich mich daran, während mein Sohn in der Schule war, Beutel für Beutel durchzusehen. Das lohnte sich sogar in doppelter Hinsicht. Zum Einen vermied ich dadurch, dass Automaten mit irgendwelchen deformierten Münzen verstopft wurden, zum Anderen stellte ich dabei fest, dass die 5-Pence Münzen aus drei Epochen stammten. Den größten Anteil machten die neueren Ausgaben, wo die Queen mit einer Krone drauf abgebildet war. Etwa 70%. Diese hatten, wie ich heraus bekam, den geringsten Silberanteil und hatten dement­sprechend ein erheblich abweichendes Gewicht von unseren DM Stücken. 20% der Münzen zeigte die Queen noch mit Zopf. Die Zigaretten – und Spielautomaten nahmen diese bezopfte Münze zu fast 90% an.

Natürlich hatte der Staatsanwalt recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte.

Am liebsten mochte ich aber die ganz alten Münzen. Darauf abgebildet war irgendein ehema­liger King. Zu der Zeit hatte das englische Pfund, bzw. die 5-Pence Münze noch einen richtigen Wert. Diese Art von Münze hatte meiner Erfahrung nach 98% von unserer DM. Leider fand ich im Durch­schnitt immer nur 7-8 solcher Münzen in einem Beutel. Anfangs fiel fast jeder dritte Zigarettenauto­mat selbst auf die ganz neuen englischen Münzen herein. Dann aber begannen die Aufsteller zu reagieren. Es wurde immer schwieriger an anderer Leute Geld bzw. Zigaretten zu kommen. Die beiden letztgenannten Münzsorten hob ich mir für die Geldspielautomaten auf, obwohl manche davon auch die erst genannten schluckten. Ich habe dann sogar Tagebuch darüber geführt. Konnte ich 1000 Münzen in einem Groschengrab unterbringen bekam ich als Gegenwert 1100 Mark heraus; das lag daran, dass ich nicht zockte und auch jede noch so kleine Serie einfach laufen ließ und so kam ich viel besser voran als bei den Zigaretten.Die Schachtel Zigaretten verkaufte ich für 2 DM. Leicht auszurechnen, dass dabei nur 660 DM für mich herauskamen. Immer von 1000 englischen Münzen ausgehend.

Wenn ich mal wieder einen Automaten gefunden hatte, der funktionierte, wurde ich nicht gleich gierig. Stets ließ ich die nötige Vorsicht walten. Man konnte ja nie wissen, wer an Schlaflosigkeit litt und deshalb am Fenster saß. Oder diejenigen, die einen leichten Schlaf hatten und sich von dem ständigen „Ratsch-Bumm!“ beim Herausziehen und wieder Hineinschieben der Schublade, wo die Zigaretten herauskamen, gestört fühlten. Nur sehr selten stand ein Automat so günstig, dass ich diesen auch vollkommen leer machen konnte. Ansonsten begnügte ich mich mit drei bis vier Schachteln bei einem Gang. Suchte den Automaten dann natürlich nach einer Stunde wieder auf.

Natürlich hatte der Staatsanwalt Recht, als er sagte, dass ich bei meinen Taten eine kriminelle Energie entwickelt hätte. Hatte ich noch nach meiner ersten Reise die Münzen in der Innenstadt planlos verteilt, war so finanziell nach vorne gekommen, machte ich mir schon nach der zweiten Reise einen Plan. Das heißt ich nahm mir den Stadtplan von Hannover vor. Ich schnitt ein Plan­quadrat heraus und graste diese Gegend systematisch ab.

War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte.

Der Absatz machte mir keine Schwierigkeiten. Zu der Zeit hatte ich noch einen großen Freundes­kreis. Die Raucher darunter nahmen mir die verbilligten Zigaretten mit Handkuss ab. Ein Kiosk­besitzer direkt vor der größten U-Bahn Station konnte laufend die Sechserpacks von Fahrkarten gebrauchen. Nur leider war die ÜSTRA schon bald dagegen, dass sich da jemand so billig bediente. Wochenlang prangte ein hellrot leuchtender Pfeil, der auf den Münzschlitz wies, mit der schwarzen Aufschrift: “nimmt keine Markstücke an!“ an den Fahrkartenautomaten. Es dauerte eine ganze Weile, um neue Münzprüfer[6] zu entwickeln. Ich glaube, das hat mehr gekostet, als ich jemals an Fahrkarten herausgeholt habe.

Jedem ist wohl bekannt, dass die Engländer eine Berufsarmee haben. Gerade hier in Niedersach­sen gab es jede Menge dieser Besatzungs-Berufssoldaten. Damit diese Soldaten ihre Lieben in der Heimat oder die aus der Heimat ihre Liebsten, Söhne, Väter besuchen konnten, hatte sich ein reger Buspendelverkehr entwickelt. Ich erfuhr davon. Und, ich erfuhr auch, dass man ohne weiteres auch als Deutscher diese preiswerte Reise in Anspruch nehmen konnte. Das ganze kostete aber im Gegen­satz zu der Zugfahrt (340 DM) nur 101 DM! War doch klar, dass ich meine Unkosten niedrig halten wollte. Hinzu kam noch, dass ich mir das lästige Umsteigen und Schleppen des schweren Gepäcks sparen konnte. Ich setzte mich gegen 17 Uhr in den Bus, war am nächsten Morgen in London. Warum ich diese Details schildere? Nun, seit 1990 gibt es keine derartigen 5-Pence Münzen mehr und Deutschland hat den Euro[7] eingeführt.

Diesen hier beschriebenen „Job“ führte ich von 1983 – 1990 aus.

Mit einer zweijährigen Unterbrechung. Besser gesagt einer Zwangspause von zwei Jahren. Nein, keine Krankheit war schuld daran. Oder doch? Ich männliches Weichei hatte mich mal wieder verliebt.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

Hier korrigiere ich mich lieber. Nicht ich hatte mich zunächst verliebt, vielmehr wurde mir Liebe vorgeheuchelt. Ich muss gestehen, dass ich mich geschmeichelt fühlte von solch einer hübschen jungen Frau (ich 45, sie 19!!!) auserkoren zu sein. Erst viel später, zu spät! erkannte ich die Beweg­gründe, warum ich solch große Chancen bei ihr hatte. Sie war schon mit 16 aus Berlin von ihren Eltern abgenabelt, lebte derzeit von Sozialhilfe mit einer Freundin zusammen. Ich wäre viel zu schüchtern gewesen sie zu fragen, ob sie mit mir nach Hause kommen würde. Eigentlich war ich ja nur in die Stadt reingefahren, um Staubsaugerbeutel einer bestimmten Marke zu kaufen. In einem Lokal wollte ich mir noch einen Gerstensaft zu Gemüte führen, bevor ich wieder zu meinem Sohn nach Hause fuhr. Ich hatte gerade eine „Mark“ meiner speziellen Sorte in die Musikbox geworfen, da stand sie auch schon mit ihrer Freundin neben mir und fragte, ob sie eine Platte ihrer Wahl drücken dürfe. Warum auch nicht? Die nächste Frage aber war auch schon, ob ich ihr ein Bier ausgeben könnte. Ich dachte mir wirklich nichts dabei, ihr auch diesen Wunsch zu erfüllen. Inzwischen war ich ja wieder ein gut betuchter Mann geworden.

Seltsam der Name ihrer Freundin fällt mir jetzt sofort ein, während ich mich so gar nicht mehr an den Namen meiner dritten Ehefrau erinnern kann. Ehrlich! Allenfalls fällt mir ihr Mädchenname gerade mal ein. Den Vornamen hat mein Gehirn völlig verdrängt. Na ja, bei dem einen Bier blieb es natürlich nicht. Und wo sie doch mit ihrer Freundin da war, konnte ich diese schlecht aus­schließen. Auch das machte mich nicht viel ärmer. Schließlich war dies eine ganz normale Kneipe und keine Animierbar. Ich genoss es, mich mit der recht witzigen kleinen Person zu unterhalten. Hatte ich doch schon viele Monate kaum Kontakte gepflegt und mich fast ausschließlich nur mit meinem Sohn unterhalten können. Zwar konnte ich meinem Sohn jetzt wieder alle seine Wünsche erfüllen, viel mit ihm gemeinsam unternehmen, seine Hausaufgaben beaufsichtigen, ansonsten steckte ich meine Nase wieder verstärkt in die Bücher, sah fern, blieb einsam. Von diesem, meinem derzeitigen Leben berichtete ich auch, als ich danach gefragt wurde. Würde mir der Vorname ein­fallen würde ich jetzt schreiben, N.N. wollte mir nicht glauben, dass ich als alleinerziehender Vater mit meinem 9jährigen Sohn alleine eine Dreizimmerwohnung am Stadtrand von Hannover bewohne. Aus dem Nachmittag wurde Abend. Ich rief meinen Sohn zu Hause an, dass er doch so lieb sein möchte alleine ins Bett zu gehen, Vati kommt heute etwas später nach Hause. Dieser nahm das auch ohne zu murren hin. Die Freundin meiner Frau in spe (wovon ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal zu träumen wagte, von in spe) verabschiedete sich und wir beide wechselten die Lokalität. Während ich zwischendurch immer mal wieder eine Cola trank, konnte sie einen ordent­lichen Stiefel Bier vertragen. Gegen Mitternacht ging mein Bares zur Neige. Jedenfalls das, was ich bei mir getragen hatte.

Als ich mich von N.N. verabschieden wollte, bestand sie darauf mitzukommen. Sie wollte mir partout nicht die Geschichte mit dem alleinerziehenden Vater abnehmen. Die Zeit, wo noch Straßenbahnen oder Busse fahren, war schon längst überschritten. Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt, wenn ich sage, dass ich sie im Taxi mitnahm. Zu Hause angekommen bat ich sie im Taxi zu warten, weil ich erst Geld aus der Wohnung holen müsse. Darauf wollte sie sich so gar nicht einlassen. „Nee, nee dann bleibe ich auf den Fahrtkosten sitzen!“ meinte sie. Der Taxifahrer ließ sich darauf ein, dass wir beide nach oben gingen, als ich ihm meine Brieftasche mit sämtlichen Papieren zu Pfand gab. Noch bevor ich Bargeld aus meinem Vorrat hervorholen konnte, bestand sie darauf, erstmal meinen Sohn sehen zu wollen. Also führte ich sie zum Kinderzimmer, machte das Licht an, und da lag selig schlummernd mein Sohn, wie sie sich selbst überzeugen konnte. Aber immer noch misstrauisch inspizierte sie, nachdem wir den Taxifahrer entlohnt hatten, das Badezimmer und schaute in die Schränke. Sie suchte nach Spuren, ob ich nicht doch ein weibliches Wesen beherbergte.

Es kam wie es kommen musste. Wir landeten zusammen im Bett.

 

Fußnoten

[1] Die MITROPA, später MITROPA AG, war eine Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft, die die Versorgung von Reisenden in Bahnhöfen und auf Autobahnraststätten bereitstellte und durchführte. Sie wurde 1916 zum Betrieb von Schlaf- und Speisewagen gegründet. „MITROPA“ ist ein Akronym, das sich aus „MITteleuROPäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft“ ableitet. https://de.wikipedia.org/wiki/Mitropa

[2] Die Leistung des Automaten wird erschlichen, indem der Täter den Kontrollmechanismus des Geräts überlistet. Dies kann beispielsweise durch das Verwenden von Falschgeld zur Überwindung eines Münzprüfers geschehen https://de.wikipedia.org/wiki/Erschleichen_von_Leistungen

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Spielhalle  https://de.wikipedia.org/wiki/Spielautomat Soll keine Einladung sein: https://www.onlinecasinobluebook.com/de/wissen/tutorials/spielautomaten/

[4] Die Einkaufspromenade in der Innenstadt von Hannover, … entstand in den 1970er-Jahren beim unterirdischen Stadtbahnbau und hieß ursprünglich Passerelle bis zu ihrer Umbenennung im Jahr 2002 zu Ehren der Künstlerin Niki de Saint Phalle. https://de.wikipedia.org/wiki/Niki-de-Saint-Phalle-Promenade

[5] Aus dem Besitz von Dieter Schulz

[6] Münzprüfer (auch: Münzer) sind Geräte, die Münzen nach bestimmten Vorgaben sortieren. Sie werden in Automaten eingesetzt, um Falschgeld, Fremdwährung oder unerwünschte Münzwerte zu erkennen und auszu­sortieren. https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnzpr%C3%BCfer

[7] An der Euro-Einführung kann es zu diesem Zeitpunkt nicht gelegen haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Euro

 

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIX

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

        Eine Kindheit,

     die keine Kindheit war

Neunundzwanzigstes Kapitel

Von da an ging es mit mir bergab

Solange ich noch Arbeit fand, gab es auch einen neuen Anfang. Natürlich fand ich den auch sehr schnell wieder. Mir machte es auch nichts aus, vom Chef wieder zu einem Chef de Rang degra­diert zu werden. Außer einer erneuten Enttäuschung in Punkto Frauen nahm ich nur zwei Koffer mit in den Harz, wo ich mich in einem neuerbauten Hotel im Zonenrandgebiet für 1100 Mark Monats­lohn wieder in die niedere Kaste der Kellner einreichte.[1] Im Harzhotel hatte ich zum ersten Mal im Leben eine 5-Tagewoche. Ich konnte mich wieder meinem Hobby, Reiten widmen und lernte auch schnell wieder eine neue Liebe kennen. Hatte sich zwei Jahre zuvor die um 6 Jahre ältere E. in mich verliebt, war es diesmal eine 17 Jahre jüngere. An einem autofreien Sonn­tag während der Ölkrise bekam ich eine Sondergenehmigung, fuhr mit meiner Zukünftigen zu ihrer Mutter nach Braunschweig ins Krankenhaus. Dort unterschrieb ihre Mutter ihr Einverständnis dafür, dass ihre erst 16-jährige Tochter heiraten durfte. Vom Unterleibskrebs zerfressen konnte sie dann noch nicht einmal an den Hochzeitsfeierlichkeiten teilnehmen. Wenige Wochen später starb sie auch schon. Der Vater war bereits ein Jahr zuvor an Lungenkrebs verstorben. Rückblickend nehme ich an, dass meine zweite Frau in mir eher einen Vaterersatz gesehen hatte. Wie sonst erkläre ich mir ihr Handeln, was unseren gemeinsamen Sohn anging? Nein! Wir mussten nicht heiraten. Der Junge kam erst knapp 11 Monate nach der Eheschließung zur Welt.

Es war nicht der schlechteste Job, den ich im Harz hatte. Bei der ganz neu eingeführten 5-Tage­woche in der Gastronomie war das Gehalt natürlich auch dementsprechend. Für mich alleine allemal genug. Aber für eine im Entstehen begriffene Familie zu wenig. Ich ließ eine Anzeige in der Fachpresse schalten. Ich bekam sage und schreibe 86 Zuschriften. Mit dem Titel „Geschäftsführen­der Oberkellner“ verdiente ich zwar mehr als das Doppelte, musste dafür natürlich auch reichlich Stunden kloppen. Hätte ich mich doch nur um meine ohnehin reichliche Arbeit gekümmert. Aber nein, ich musste ja eine Spendenaktion ins Leben rufen[2]. Presse und Bürgermeister wurden auf­merksam. Dass ich dabei einige Male mit den Honoratioren der Stadt in der Zeitung abgebildet wurde, war ja nicht weiter schlimm. Eher schmeichelte es mein Ego. Doch dann beging ich den Fehler mich als Wahlhelfer einspannen zu lassen. Bei Parteiversammlungen erregte ich mit meinen Ansichten wieder Aufmerksamkeit. Man wollte mich partout in die Wählerliste eintragen. Ich musste unbedingt den Rückzug antreten. Aber wie ohne mein Gesicht zu verlieren? Ich hatte erkannt, dass ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Meine Beweggründe für den Rückzieher? Nun, hätte ich mit der Partei mitgezogen, hätte sich die Presse natürlich auf mich gestürzt, mein Inneres nach außen gekehrt. Allzu leicht wäre man draufgestoßen, dass ich erst vor wenigen Jahren noch im Zuchthaus Celle gesessen hatte. Wie wäre ich, meine Partei dann dagestanden!? Hundert­tausend Einwohner zählte die Stadt, in der fast jeder jeden kannte. Durch meine Arbeit in einem renom­mier­ten Restaurant war ich ohnehin bereits bekannt wie ein bunter Hund. Wäre ich Hutträger gewesen, hätte ich bei einem Gang durch die Stadt vor lauter Hutschwenken gar nicht mehr den Kinderwagen schieben können. Abgesehen davon, dass sich mein Chef ohnehin von mir getrennt hätte, nachdem mich die Reporter in der Luft zerrissen hatten, wäre ich zum Spießrutenläufer geworden.

Also schob ich meine Frau, nach Rücksprache natürlich, vor. Sie käme hier nicht mit den Men­schen zurecht, weil sie sich nach ihrer norddeutschen Heimat, ihren Geschwistern sehne. Die drei­monatige Kündigungsfrist einhaltend hatte ich auch schon wieder durch die Fachpresse einen geeig­neten Job am Stadtrand von Hannover gefunden. Auch dort verdiente ich gut genug, so dass meine Frau sich ausschließlich um Wohnung und Kind kümmern konnte. Was mich natürlich beim Versorgungsausgleich einen gehörigen Batzen von meinem Rentenanspruch kostete.

Weil es meiner kleinen Familie an nichts mangeln sollte, war ich wieder einmal mehr mit meiner Arbeit als mit meiner Frau verheiratet. Man kann nun mal nicht alles zu gleicher Zeit haben. Was meiner Frau, der Mutter meines Sohnes, abging, sie von ihrem oftmals abgespannten Mann nach der Arbeit nicht bekam, holte sie sich eben wo anders. Ich Blödmann, hatte ich doch nun schon zum zweiten Male den gleichen Fehler gemacht; die Arbeit vor die Liebe und die Fürsorge für die Familie gestellt! Dass aber eine Frau, Mutter, die ihr Kind neun Monate lang unter dem Herzen getragen, unter Schmerzen zur Welt gebracht hatte, eines Tages sagen konnte: „Entweder du nimmst den Jungen zu dir oder ich stecke ihn in ein Heim!“ das ging über meinen Horizont. Ich dachte gar nicht daran meinem Sohn einem Schicksal zu überlassen, wie ich es im Heim erfahren musste.

Ich lebe mit meinem Sohn jetzt erst meine Kindheit nach.

Das Jugendamt hatte natürlich geprüft, ob ich als alleinerziehender Vater überhaupt in Frage käme. Auch wurde mein Sohn befragt, wozu er sich entscheiden würde. Er entschied sich für mich. Bei dem abschließenden Gespräch mit einer Kinderpsychologin vom Jugendamt wurde ich gefragt, ob ich wüsste, warum der Junge sich für mich entschieden hätte. „Na klar, weil er spürt das ich ihn liebe, ich jeden freien Arbeitstag etwas mit ihm zusammen unternehme!“ konnte ich nur antworten. „Könnte es nicht sein, dass Ihr Sohn die materiellen Vorteile bei Ihnen sieht? Wie ich bei meinem Besuch in seinem Kinderzimmer feststellen konnte, haben Sie ihn weit über Bedarf hinaus mit Spiel­zeug etc. zugedeckt. Eben weil Sie ihn so lieb haben, sieht der Junge natürlich seine Vorteile bei Ihnen. Ob er sich jemals wirklich dankbar dafür zeigen wird, dass Sie ihm alles in den Hintern geschoben haben?“ gab die Psychologin zu bedenken. „Hören Sie mal. Ich erwarte keine Dank­barkeit von meinem Sohn. Erstens, ich lebe mit meinem Sohn jetzt erst meine Kindheit nach. Er bekommt ganz einfach all das, was ich als Kind selbst auch gerne gehabt hätte. Die Freude meines Sohnes ist mir Dankbarkeit genug. Außerdem! Wenn ich für meine Zigaretten und mal ein zwei Bier mal so eben 10 Mark am Tag ausgeben kann, im Grunde genommen für nichts, dann ist es doch nur recht und billig, wenn ich meinem Sohn in etwa das gleiche, nur in anderer Form zukommen lasse!“ erwiderte ich daraufhin. Mit dieser meiner Ansichtsweise hatte ich ihr vollends den Wind aus den Segeln genommen.

Wie bringt man ein schulpflichtiges Kind und die Arbeit in der Gastronomie unter einen Hut?

Beim Scheidungstermin wurde mir auch gleich das Personensorgerecht zugesprochen. Die Folge­zeit sollte zeigen, dass ich mich mal wieder falsch entschieden hatte. Zum einen waren die heuti­gen Heime, zumindest in der BRD, ganz anders gestaltet, zum anderen lag mein Sohn mir dann doch noch bis zu seinem 30ten Lebensjahr auf der Tasche. Und, mein eigenes Leben geriet vollends aus den Fugen. Heute würde ich sagen: hätte ich doch lieber die Alimente aus der Trink­geldkasse gezahlt, ohne dass es mir besonders weh getan hätte, hätte ich mir zumindest 12 weitere Knastjahre gespart. Was ich nämlich nicht bedacht hatte: wie bringt man ein schulpflichtiges Kind und die Arbeit in der Gastronomie unter einen Hut?

Meine Mutter war viel zu früh bereits vor acht Jahren gestorben. Meine Schwester lebte in der DDR. Ich hatte niemanden auf dieser Welt, der meinen Sohn während meiner Arbeitszeit hätte betreuen können. Meine Arbeitszeit begann in der Regel um 11 Uhr mittags. Dafür kam ich kaum mal vor Mitternacht nach Hause. Außer dem gemeinsamen Frühstück vor seinem Schulbeginn hatte ich nur den Freitagnachmittag für meinen Sohn. Freitags hatte das Restaurant geschlossen. Dann konnte ich mit meinem Sohn nach der Schule immer noch etwas zusammen unternehmen. Samstags und sonn-/feiertags, wenn Sohnemann keine Schule hatte, war ich am meisten beruflich eingespannt. Eine ehemalige Freundin meiner Frau, selbst mit drei Kindern gesegnet, nahm gerne die 20 Mark, die ich ihr täglich zahlte, um meinen Sohn nach der Schule zu beaufsichtigen und ein warmes Essen zu geben. Sie kochte mit Vorliebe riesengroße Eintöpfe für ihre fünfköpfige Familie. Mit mei­nem Sohn waren es nun schon sechs Personen. So gab es dann zwei bis drei Tage lang immer den gleichen Eintopf. Gegen 20 Uhr am Abend schickte sie meinen Sohn, der ja nur zwei Hausein­gänge weiter im gleichen Häuserblock wohnte, ins Bett. Indem sie ihre eigenen Kinder immer mit­schickte, damit auch gewährleistet war, dass Sascha gut dort ankam, ersparte sie sich das Abend­brot für die Kinder. Denn diese plünderten regelmäßig unseren Kühlschrank. Das nervte mich zwar ganz schön, nahm es aber gottergeben hin. Womit ich allerdings gar nicht klar kam, war, dass denen auch nicht jedes noch so gut ausgedachte Versteck von mir entging. Weil mein Sohn viel mehr und eine größere Auswahl an Spielzeug hatte, hielten sich die Blagen mehr in unserer Woh­nung auf als ich für gut befand. So hatten sie genügend Zeit meine Wohnung auf den Kopf zu stellen. Das, fand ich, war nicht im Sinne des Erfinders. Was also dagegen tun? Klar merkte ich, dass mein Sohn darunter litt, dass sein Vater so wenig Zeit für ihn hatte. Ich versuchte immer öfter mit meinen Kollegen den Dienst zu tauschen, sie darum zu bitten mich früher nach Hause gehen zu lassen. Das störte erheblich den Betriebsfrieden, wie mir eines Tages mein Chef vorhielt. Er meinte dass es das Beste sei, dass wir uns voneinander trennen sollten. Er gestaltete meine Kündigung derart, dass ich keine Sperre beim Arbeitsamt bekam, was das Arbeitslosengeld betraf.

Nun hatte ich zwar viel Zeit für meinen Sohn, aber viel, viel weniger Geld zur Verfügung. Hatte ich bei meiner Arbeit viertausend und mehr im Monat verdient, einschließlich Trinkgelder versteht sich, so musste ich plötzlich mit knapp tausend Mark im Monat auskommen. Na ja, in den ersten Mona­ten merkte ich das noch nicht so richtig. Hatte ich doch noch einige Ersparnisse. Beim Einkauf hatte ich selten mal auf die Mark geachtet, die ich ausgab. Doch nun hatte ich ja genü­gend Zeit mich im Einkaufszentrum auch in anderen Geschäften umzusehen. Ich musste feststellen, dass gleiche Produkte auch billiger zu haben waren. Ich begann auf den Pfennig zu achten. Alleine die laufenden Fixkosten verschlangen fast das ganze Arbeitslosengeld. Mein Auto stand fast nutzlos in der Garage. Damit machte ich nur noch Ausflüge an den Wochenenden mit meinem Sohn. Klar genoss der die diversen Freizeitparks wie Serengeti oder den Heidepark Soltau, aber da ging jede Menge Geld drauf, was langsam zur Neige ging. Steuern, Versicherung und Gara­gen­miete konnte ich gut und gerne einsparen. Also weg mit dem Auto.

Von da an ging es mit mir bergab!

Was mich aber so gar nicht wirklich glück­lich machte, war das ewige Rumsitzen, das Nichtstun, außer das Mittagessen pünkt­lich nach Schulschluss auf dem Tisch zu haben. So versuchte ich eben mal in einem reinen Nacht­geschäft meine Brötchen zu verdienen. Es wurde gerade wieder das berühmte GOP Variete Theater neu eröffnet[3]. Ich wurde eingestellt und wurde zu meiner Freude Zeuge, wie unser allerseits beliebter Entertainer Harald Juhnke den Eröffnungsabend mitgestaltete. Didi Hallervorden und ähnliche Showgrößen traten auf, konnten mich aber nicht wirklich begei­stern, weil es mich unheim­lich schlauchte gegen sechs Uhr des Morgens nach Hause zu kommen, der Junge aber schon um sieben Uhr wieder zur Schule fertig gemacht werden musste. Gegen 13 Uhr aber musste auch schon wieder das Mittagessen fertig sein. Schulaufgaben mussten beauf­sichtigt werden. Lange hielt ich das nicht durch. Sorry, aber zum ersten Mal im Leben machte mir die Arbeit wirklich keinen Spaß. Das Arbeitsamt zeigte Verständnis dafür, zahlte mir wieder Arbeitslosengeld. Von da an ging es mit mir bergab! Der Zufall brachte es mit sich, dass ich auf eine Geldquelle stieß, die allerdings so gar nicht als legal eingestuft werden kann.

Selbstbeherrschung war noch nie meine Stärke

Entschuldigt bitte, Ihr Zigarettenautomatenaufsteller, Groschenräuber in Form von Geldspiel­auto­matenbetreibern und ÜSTRA[4], aber jetzt, nachdem das Ganze ja schon längst verjährt ist, kann ich es ja zugeben, dass ich jahrelang etwas von eurem Gewinn abgeschöpft habe. Ehrlich gestanden nagt das Ganze etwas moralisch an mir. Ich kann aber heute noch an der Entwicklung absehen, dass keiner von euch daran pleite gegangen ist. Aber nun zurück zu dem Zufall, der mich wieder nach vorne brachte. Außer mich um das Wohlergehen meines Sohnes, um die Sauberkeit der Wohnung zu kümmern, blieb mir sehr viel Freizeit. Viel Freizeit aber kostete auch viel Geld. Nur, davon hatte ich nichts mehr. Also hing ich entweder vor der Glotze oder las Unmengen von Büchern bis meine Augen nicht mehr mitmachten. Eines Nachts, die Müdigkeit wollte sich bei mir noch lange nicht einstellen, ich hatte eine interessante Lektüre vor mir, musste ich feststellen, dass mich meine Nikotinsucht überkam, ich aber keine Sargnägel mehr im Hause hatte. Jeder Süchtige wird mir nachfühlen können, wenn ich sage, dass ich bereits nach einer halben Stunde Entzugs­erscheinungen bekam. Um diese späte Zeit gab es im weiteren Umkreis auch keine Kneipe mehr, in der ich mich mit Nachschub hätte versor­gen können. Ein Automat war zwar ganz in der Nähe, aber ich hatte nur noch zwei Markstücke, brauchte aber deren drei um mir welche ziehen zu kön­nen. Noch nicht einmal im Sparschwein meines Sohnes fand ich ein 1-Mark Stück. Selbstbeherr­schung war noch nie meine Stärke gewesen. Fieberhaft suchte ich nach einer Lösung meines Problems.

Meinem auf ungewöhnliche Situationen trainiertes Gehirn ging ein Lichtlein auf. Zunächst nur ein ganz schwaches, welches aber richtig zu glühen begann, als ich im Keller das von mir gesuchte Münzalbum gefunden hatte. Während meiner Seefahrtszeit hatte ich aus aller Herren Länder Münzen, diese in Alben gesammelt. Mir war nämlich eingefallen, dass wir schon damals so manche 20-Franc-Münze, die seinerzeit kaum einen Wert in Deutschland hatte, in die Musikbox gesteckt hatten, dafür aber als Gegenleistung sechs Musikstücke im Gegenwert von einer Mark hören konnten. In Flipper und Kröckelautomaten klappte das gleiche.[5] Beim Aufeinanderlegen der Mark-Stücke auf die sehr alten 20 Franc Stücke stellte ich sehr schnell fest, dass das nicht klappen würde. Doch dann fiel mein Blick auf eine andere Münzeinheit. Nur sehr selten hatten wir diese Fünf-Pence-Münzen in Deutschland zum Einsatz gebracht und verschwendet. Anfang der 60er Jahre hatte das englische Pfund eine ganz andere Kaufkraft. Jetzt aber hüpfte mein Herz vor Freude. Bei einem Vergleich mit der DM war die Größenabweichung nur ganz minimal. Auch schien die Metall­legierung eine Ähnlichkeit aufzuweisen. Ich nahm alle sieben noch vorhandenen Fünf-Pence-Münzen aus dem Album und hoffte darauf, dass eine davon von dem Zigarettenauto­maten akzeptiert werden würde. Zuerst fütterte ich den Automaten mit meinen noch vorhandenen echten zwei Markstücken, warf eine 5-Pence Münze hinterher. Diese rutschte doch tatsächlich genauso durch. Was soll ich sagen? Die Schublade des Automaten ließ sich ganz normal heraus­ziehen, und zum Vorschein kam meine 5 Pence - 1 DM.jpgZigarettenmarke. Einen langersehnten Zug aus meiner billig erworbenen Zigarette inhalierend begann ich auch wieder klar zu denken. Ich hatte ja immer noch 6 Münzen in der Tasche. Warum eigentlich nicht? dachte ich, und warf die nächsten drei Münzen in den Schlitz. Auch diesmal ließ sich die Schublade leicht herausziehen. Ebenso klappte es mit den letzten drei Münzen. Tja, wenn das so leicht war![6]

Den Rest der Nacht benutzte ich mein Bett auch nicht mehr. Meine grauen Zellen dagegen wurden ganz schön angestrengt. Ich begann Zahlen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Am nächsten Tag ging ich nachmittags mit meinem Sohn zum Einkaufszentrum, wo es auch ein Reisebüro gab.

Alles auf eine Karte setzend hatte ich mein Konto geplündert.

Ganz nebenbei möchte ich noch erwähnen, dass wir dabei seiner Mutter zweimal begegneten, ohne dass diese ihren Sohn auch nur Guten-Tag gesagt hätte, geschweige sich erfreut darüber zeigte oder gar nach seinem Befinden erkundigt hätte. Wir waren schlicht und einfach Luft für sie. Ich merkte allerdings sehr wohl, dass mein Sohn von der Begegnung sehr berührt wurde. Seine kleine Patschehand verkrampfte sich in der meinen, dass es mir fast das Herz zerriss. Im Reisebüro angekommen buchte ich eine Zugreise nach London. Das kostete mich stolze 340 DM. Zum dama­ligen Umtauschkurs wären das schon alleine über 2000 Fünf Pence Münzen gewesen. Hinzu kamen noch die anderen Reisespesen plus eine Übernachtung in London. Alles auf eine Karte setzend hatte ich mein Konto geplündert. Zumal es gerade frisches Geld vom AA gegeben hatte.

Wie ich erst viel später bemerkte hatte mir das Reisebüro natürlich die teuerste Reisestrecke verkauft.

Viel mehr, als dass ich in London bei den Banken Pfundnoten in 5-Pence Münzen umtauschen musste, wusste ich eigentlich gar nicht, als ich dieses Geschäft begann. Um nicht unnötig aufzu­fallen ging ich dabei sehr vorsichtig vor. Schließlich hatte London so an die 480 Banken und somit konnte ich unauffällig nach und nach sechstausend Münzen eintauschen. Je nach Größe der Bank legte ich 20 – 30 Pfund an den Schalter und bat diese in 5-Pence Münzen zu wechseln. Einmal allerdings fragte mich eine Bankangestellte mit einem Augenzwinkern: „Oh, you are German? Do you like it for the Phone?“, tauschte aber trotzdem die 20-Pfundnoten in Münzen um. In England hatte es sich längst herumgesprochen, dass die in Deutschland stationierten Soldaten am Ende ihres Heimaturlaubs gerne einen kleinen Vorrat an eben diesen 5-Pence-Münzen mit nach Deutschland nahmen. Auf diese Weise konnten sie dann sehr preiswert an Münztelefonen in die Heimat telefonieren. Ebenso fand man in Deutschland auch in Billardtischen, Flippern und Musikboxen solche Münzen. Seltener in Geldspielautomaten. Ich weiß noch, dass ich einmal ziemlich erbost darüber war, als mir statt meines erhofften Gewinns in DM lauter Irische 5-Pence Münzen entgegen kamen.

Für 20 englische Pfund bekam ich jedesmal vier Beutel à 100 5-Pence Münzen

Zunächst aber verbrachte ich sehr viel Zeit damit ein preiswertes Hotelzimmer aufzutreiben. Das billigste kostete dann auch „nur“ 18 Pound. Inklusive Frühstück. Pfui, was für ein Drecksloch! Aber hatte ich nicht schon viel schlechter im Leben geschlafen? Kaum größer als eine Gefängniszelle, wo für das Bett mangels Bettstützen Ziegelsteine als Beine dienen mussten. Die Dusche drei Etagen tiefer im Keller. Der Ekel ließ es nicht zu, dass ich diese Dusche in Anspruch nahm. Der Frühstücks­raum sah auch nicht gerade appetitanregend aus. Und dann erst das typisch englische Breakfast … klebrige Tischplatte, klebrig-verschmierte Honig- und Marme­ladegläser auf dem Tisch. Und dann der schlabberige Toast. Als man mir dann auch noch den Teller mit dem Bacon, Grilltomaten und Beans in Tomatensoße und den obligatorischen Spie­geleiern vorsetzte, war ich auch schon bedient, das heißt, ich war satt noch bevor ich etwas gegessen hatte. Ich versuchte den Express­kaffee. Gallebitter. So ging ich dann auf die Suche nach einem richtigen Café in der Hoffnung, wenigstens einen guten Kaffee zu bekommen. Ohne Kaffee am Morgen war ich kein richtiger Mensch. Und siehe da, in der Nähe war die Victoria Station, und dort gab es ein pikfein sauberes Café. Es gab richtigen Filterkaffee und unter dem Glastresen leckere Kuchenstücke. Nachdem ich mich ordentlich gestärkt hatte und der leckere Kaffee mich genügend aufgeputscht hatte, nahm ich meinen Diplomatenkoffer zur Hand und begab mich auf die Suche nach Banken.

Ich wurde auch schon mal gefragt, für wen ich den soviel Kleingeld benötige. Wurde auch schon mal abgewiesen, wenn ich keine passende Antwort parat hatte. Daraus lernte ich natürlich. Bevor ich eine neue Bank betrat, schaute ich mich erstmal in der Umgebung um, welche Geschäfte sich in der Nähe befanden. Mit Vorliebe merkte ich mir dann meistens den Namen eines Pubs in der Nähe. Dort wurde ja bekanntlich viel Kleingeld gebraucht, weil in den Pubs, nicht wie in Deutsch­land auf Bierdeckeln der Verzehr vermerkt wurde, sondern immer gleich bezahlt werden musste. In London lernte ich auch, was in Deutschland noch längst nicht gang und gäbe war, dass man sich schön in angemessener Entfernung vom Vordermann in eine Schlange einzureihen hatte, auch an Bushaltestellen.

Todesmutig hob ich unter großer Anstrengung meine Zukunft auf.

Für 20 englische Pfund bekam ich jedesmal vier Beutel à 100 5-Pence-Münzen. Nach dem Besuch von fünf Banken hatte ich 2000 Münzen und das Gewichtslimit meines Diplomatenkoffers erreicht. Ich merkte gar nicht, dass sich der Tragegriff bereits bei 1600 durchbog. Ich konnte mal gerade fünf bis sechs Meter zurücklegen, musste dann auch schon die Tragehand wechseln. Ich musste zurück zum „Hotel!“ Dorthin zu kommen wurde dann aber richtig beschwerlich. Beim Wechseln der Straßenseite verabschiedete sich der Koffergriff von dem überlasteten Koffer. Der lag nun mitten auf der Straße und Autos näherten sich. Ich schwitzte Blut und Wasser, konnte doch aber nicht mein Vermögen liegen lassen. Todesmutig hob ich unter großer Anstrengung meine Zukunft auf, wobei ich deutlich den Luftstrom der an mir vorbeirasenden Autos spürte. Eine unvorhersehbare Ausgabe kam damit auf mich zu. Ich musste mir einen neuen Aktenkoffer (macht immer einen besseren Eindruck bei den Banken, ebenso eine korrekte Kleidung – sprich Krawatte!) kaufen. Ich hatte erkannt, dass es sich immer bezahlt macht Qualität zu kaufen. Also erstand ich eine weltbekannte Qualitätsmarke. Ich schaffte es dann doch noch im Laufe des Tages 5500 5-Pence Münzen einzutauschen. Ich mochte noch gar nicht daran denken, wie ich mit dem enormen Gewicht nach Deutschland kommen sollte. Ich hatte bis hierhin nur gerechnet, dass mir pro vier Münzen DM 1,20 Gewinn winken würde. Ich ging davon aus, die noch zu ziehenden Zigaretten an einen Freundeskreis statt drei DM pro Schachtel für zwei Mark abzugeben. Aber bis es soweit war lag noch eine Menge Arbeit vor mir. Zunächst aber gönnte ich mir am Abend noch einen Besuch in einem Pub. Trank zwei Gulnes[7] und zwei Malt Whisky[8]. Mit der nötigen Bettschwere schlief ich auch dann bald den Schlaf aller Gerechten.

Am nächsten Morgen umging ich gleich den Breakfastroom. Nach der Stärkung im Victoria Café musste ich auch schon mein „Hotelzimmer“ räumen. Das Gewicht der Münzen auf Koffer, Akten­koffer und eine Umhängetasche verteilt kämpfte ich mich die schmale Treppe herunter, nahm mir ein Taxi und ließ mich zum Bahnhof fahren. Bus oder Subway wären natürlich billiger gewesen. Doch bei dem mitzuschleppenden Gewicht? Schließfächer waren zu der Zeit (1983) in London noch nicht üblich. Zumindest gab es eine Gepäckaufbewahrung. Der Angestellte, der mein Gepäck annahm, brauchte drei Anläufe, um die beiden Koffer von der Rampe zu bekommen. Verblüfft fragte er mich, was ich denn da drin hätte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass da Silber drin wäre. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er sich veralbert fühlte, schleppte dann aber doch die Gepäckstücke zum Regal. Befreit von jeglicher Last hatte ich nun den ganzen Tag über Zeit etwas für meine Kultur zu tun. So lernte ich im Laufe der nächsten sechs Jahre, wo ich dieses Geschäft betrieb, London sehr gut kennen. Von London bis Dover konnte ich ja noch ziemlich unbeschwert reisen. Das Gepäck hatte ich im Gepäckwagen abgegeben. Doch dann war es eine Tortur bis nach Hannover. Wer das nicht so recht nachvollziehen kann, sollte mal 5500 Mark­stücke, rezitive[9] Pencemünzen mit sich herum schleppen. In Dover ging es schon los, wo ich einen Vorgeschmack davon bekam, wie schwer es sein würde in Zukunft mein Geld zu verdienen.

Fußnoten

[1] Dieter Schulz schiebt an dieser Stelle eine Erinnerung ein, die im Ablauf eher störend ist: Eben diese Frau lief mir bei einem Stadtspaziergang nach knapp 34 Jahren über den Weg. Obwohl sie einen Krückstock als Gehhilfe benutzte, hatte sie dennoch sehr viele Wiedererken­nungs­werte. Ich, inzwischen schon längst Brillenträger geworden, auch waren meine Haare nicht mehr so lockig wie zu unserer gemeinsamen Zeit, dazu waren sie nicht mehr dunkelblond wie frü­her, sondern schon fast weiß, ich wurde nicht so schnell in ihre Erinnerung eingeord­net. Nachdem auch diese Hürde genommen war, hatte sie nichts Besseres zu tun als mir den Vorwurf zu machen, dass ich damals viel zu schnell das Handtuch geworfen hätte. In dem etwa zehnminütigen Gespräch ließ sie mich auch wissen, wie sehr verknallt sie doch in mich gewesen wäre und lange Zeit über die Trennung nicht hinweg­gekommen wäre. Was ich in drei Ehen nicht geschafft hatte, das hatte sie nun gleich beim ersten Anlauf geschafft. Sie war inzwischen schon seit 15 Jahren ver­heiratet. Diesen Mann hatte sie gerade von der Tele­fonzelle aus angerufen, damit dieser sie aus der Stadt abhole. Beschriebene Begegnung veranlasste mich dazu, diese Episode in meinem Leben auch noch zu Papier zu bringen. Nicht weil ich dadurch nicht gerade in schönen Erinnerungen schwelge. Ich möchte dem geneigten Leser damit nur vermitteln, dass ich nicht von Haus aus ein Verbrecher geworden bin, weil ich etwa arbeitsfaul gewesen wäre und mir auf „leichte“ Weise ein schönes Leben gestalten wollte. Ich erzähle ihnen hier auch nichts vom Pferd, um mich in einem besseren Licht darzustellen. Das meiste hiervon kann ich immer noch belegen.

[2] Das hat Dieter Schulz anscheinend öfter gemacht. Im Anhang der Gesamtedition wird eine Spendenaktion zugunsten von Heimkindern in Siegen dokumentiert werden.

[3] GOP Dezember 1992 https://de.wikipedia.org/wiki/GOP_Variet%C3%A9-Theater_Hannover

[4] ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe AG Straßenbahnen, Busse https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cstra_Hannoversche_Verkehrsbetriebe

[5] Einschub Schulz: Dazu sollte allerdings gesagt werden, dass die Münzprüfer damals noch nicht so gut funktionierten.

[6] Aus dem Besitz von Dieter Schulz. Beide Münzen haben denselben Durchmesser und dasselbe Gewicht.

[7] Es dürfte sich um Guinness gehandelt haben, Biermarke aus Irland. https://de.wikipedia.org/wiki/Guinness_(Bier)

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Single-Malt-Whisky

[9] respektive

 

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