Dierk Schaefers Blog

Luthers Lümmel-Tüten in aller Munde

Posted in Firmenethik, Humor, Kirche, Medien, Protestantismus, Religion by dierkschaefer on 24. März 2017

Geschmacklos wie die Luther-Socken, besonders wenn sie gleichzeitig zum Einsatz kommen. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft schaut bewundernd zur rheinischen Kirche auf. Sie hat es geschafft, dieses Allerweltsverbrauchsprodukt aus der Fülle der Lutherdevo­tionalien hervorzuheben – und dies auch noch kostenfrei. Chapeau!

Der Zweitplazierte ist aber nicht neidisch. Ob er denn, wurde der Manager gefragt, an eine Neuauflage seiner Spielfigur denke, mit einer Wölbung unter dem Lutherrock. Da hat er souverän abgewinkt. Das sei nicht nötig. Was sich unter der Kleidung abspiele, wolle seine Firma auch weiterhin dem freien Spiel der Gedanken überlassen.

Und die rheinische Kirche, wie geht sie mit dem Erfolg um? Kaum zu glauben! Sie kostet den Erfolg nicht aus, sondern macht paradoxerweise einen Rückzieher und zieht die Luther-Lust-Lümmel rigoros aus dem Verkehr.

Ist das nun hinterfotzig oder ein rheinisch-fröhlicher Aufruf zur unverhüllten Lust?

Oder ganz einfach verschämte christliche Bescheidenheit?

Versteh einer die Welt – der Kirche.

 

https://www.google.de/search?hl=de&gl=de&tbm=nws&authuser=0&q=Luther+Kondome&oq=Luther+Kondome&gs_l=news-cc.1.0.43j43i53.2961.8974.0.10787.14.6.0.8.8.0.79.381.6.6.0…0.0…1ac.1.QVSOxN1k1hE

http://www.mdr.de/nachrichten/vermischtes/evangelische-kirche-kondom-verbot100.html

Wenn man sein Kind zu früh auf die Straße schickt, kommt es sehr leicht unter schlechten Einfluss.

Posted in Kinder, Psychologie, Soziologie, Straßenkind by dierkschaefer on 26. März 2016

Der Beitrag von Microsoft zum Reformationsjubiläum ist ein Flop.

 

Tay heißt der Kleine, Bot mit Familiennamen. Seine Eltern träumten von einem sprachgewaltigen ChatBot.

Von Erziehung hielten sie nicht viel. Entwickeln sollte sich der kleine Tay, ganz von selbst. Fremdsprachen sollte er allerdings lernen, doch das ohne Stress und Vokabelpauken. Sie schickten ihn nach draußen, damit er dort dem Volk auf’s Maul schaue und seine Sprache lerne. Wenn er sich dann gut und verständlich ausdrücken könne, werde er von den Eingeborenen auch akzeptiert. Methode Martin Luther sozusagen: „vom Dolmetschen“ .

Doch das ging gründlich schief. Tay nahm nicht nur die Sprache an, sondern auch die Meinungen und Vorurteile der Native-Speaker. Wäre Luther das passiert, wäre es nie – trotz Sprachgewalt – zur Reformation gekommen.

Tays Eltern waren entsetzt über das, was er mit nach Hause brachte. Sie hätten es jedoch ahnen können, gibt es doch das Sprichtwort: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. »Wenn der Lehrer ein Rassist ist, dann bringt er seinen Schülern eben rassistische Bemerkungen bei.«

Manche Äußerungen fanden die Eltern so schlimm, dass sie eine Gehirnwäsche vornahmen. Und nun muss Tay das Bett hüten, bevor er wieder nach draußen darf.

 

Die Geschichte über das Elternhaus Microsoft ist zu lesen bei http://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/microsoft-twitter-nutzer-machen-chatbot-zur-rassistin/13366910.html

 

Ach ja, erziehen oder entwickeln lassen, war schon einmal Thema in diesem Blog: »Die methodische Zurichtung des Menschen.« https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/18/die-methodische-zurichtung-des-menschen/

Was für die Förderung der Persönlichkeit und Intelligenz des Menschen gilt, ist wohl auch maßgebend für die Erziehung von KI, der künstlichen Intelligenz.

Eine intelligente Firma hätte das wissen können.

Ein Kulturdenkmal wird aufgefrischt: die Lutherbibel.

Posted in Geschichte, Kultur, Theologie by dierkschaefer on 17. September 2015

Die kulturelle Bedeutung der lutherschen Bibelübersetzung hat sich ergeben, weil die Sprache stimmig war: Sie wurde überall verstanden, denn Luther wählte »nicht einen der zahlreichen deutschen Dialekte …, sondern die sächsische Kanzleisprache, die weithin in Deutschland verstanden wurde«[1], und sie kam aus dem Volk. »“Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen“«. Die Gebildeten besannen sich ihrer Muttersprache und übernahmen die Sprache der Lutherbibel.

So hat dieser Sprach-Schatz die deutschsprachige Kultur geprägt. »Die Lutherbibel wurde das Bildungsbuch der Schulen in den evangelischen Fürstentümern und Städten bis 1800, erläutert Hövelmann. „Mit der Lutherbibel lernte man das Lesen und die deutsche Sprache.“ Ihre Formulierungen wandelten sich zu Redewendungen, etwa „Hochmut kommt vor dem Fall“ (Sprüche 16,18), „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (Prediger 10,8), „Ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen“ (Matthäus 7,6), „ein Herz und eine Seele sein“ (Apostelgeschichte 4,32). Die biblische Weihnachtsgeschichte sei nahezu jedem Deutschen in ihrem Lutherton im Ohr: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging“ (Lukas 2,1).«

Doch wir erleben einen Kulturbruch. Die Redensarten und Sprachbilder werden immer weniger verstanden, wie auch die Literaturklassiker immer weniger in den Schulen vermittelt werden. Schade.

Doch Luther wollte wohl kein Schatzbuch der deutschen Sprache schaffen, sondern den von der Kirche abhängigen Gläubigen einen unmittelbaren Zugang zu Gott eröffnen. »Luthers theologische Erkenntnis: Gott offenbart sich in der Bibel selbst. Man braucht nicht die Kirche, um ein persönliches Verhältnis zu Gott zu bekommen. Jeder Gläubige hat durch die Bibel direkten Zugang zu Gott.«

Selbst wenn man der Kritik von Karl Marx[2] etwas abgewinnen kann, so bleibt doch als Verdienst der Reformation, dass sie uns von der Vormundschaft der Kirche befreit hat. Wer mit Marx meint, Luther habe das Herz an die Kette gelegt, der hat die Hauptbotschaft nicht verstanden: Wir, jeder von uns ist unmittelbar zu Gott[3] – in Freiheit und Verantwortung.

[1] alle Zitate aus: http://www.ekd.de/aktuell/edi_2015_09_16_revision_lutherbibel.html

[2] Karl Marx sah das in seiner Einleitung Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie kritisch: »Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.«

[3] http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-die-epochen-der-neueren-geschichte-3020/1

Nachtrag: Schön hat er das gesagt, der EKD-Vorsitzende: https://www.facebook.com/notes/heinrich-bedford-strohm/die-bedeutung-der-bibel%C3%BCbersetzung-martin-luthers-f%C3%BCr-die-moderne/962846303778238

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Einer Kollegin zur Verabschiedung aus dem Pfarramt

Posted in Kirche, Staat by dierkschaefer on 13. September 2015

Emeritierung ist eine Form der altersbedingten Befreiung (Entpflichtung) eines Pastors, Bischofs, Papstes, Hochschullehrers oder Professors von der Pflicht zur Wahrnehmung der Alltagsgeschäfte. Hat ursprünglich aber auch die Bedeutung von „ausdienen, alt/unbrauchbar werden“[1]. Doch das hat wohl noch Zeit.

Was könnte also eine emeritierte Pfarrerin noch tun?

Manche übernehmen Predigten – doch dieses Sonntagsgeschäft ist eher das Alltagsgeschäft von Pfarrern, so auch die „Kasualien“.

Genieße die Freiheit eines Christenmenschen – und wir wissen dank Luther, dass wir sie zuweilen auch ertragen müssen, wenn wir gefordert werden, denn ein Christ ist immer im Dienst[2].

Wenn Du magst, wartet so manches andere auf Dich, was unter der Fülle der Alltagsaufgaben gelitten hat, aber einer Pfarrerin angemessen ist.

Apropos Luther: Wir haben Dir zwei Vorschläge mitgebracht, der erste heißt Luther.

Es ist die Biographie eines Profanhistorikers über Luther[3]. Er geht anders heran, als die Kir­chen­historiker. Das ist erfrischend. Er zeigt die Relativität unserer historischen Rekonstruk­tionen, die immer auch Konstruktionen sind.[4] Er schreibt, wie in den Luther-Gedenk-Jubiläen sich jede Epoche ihren eigenen Luther zurechtgeschnitzt hat.[5] Am drastischsten die Indienst­nahme von Luther durch die Nazis.[6] (Der Judenhasser Luther blieb in unserem Studium ja meist außen vor – und jetzt wird er uns von den Kirchenfeinden um die Ohren gehauen.[7] + [8])

Und wie feiern wir Luther heute?

Das hätten sich andere Epochen nicht vorstellen können. Die Luther-Decade: ein ganzes, gefeiertes Lutherjahrzehnt führt von 1517 zum Jahr 2017[9]. Mit einer Ex-Landesbischöfin als Lutherbotschafterin, eine Frau also; Katharina von Bora hätte wohl ungläubig den Kopf geschüttelt. Doch ich erinnere mich noch an die Rührung einer emeritierten Vikarin, mit der sie eine leibhaftige Dekanin begrüßte. Sie hatte zu ihrer Zeit noch nicht Pfarrerin werden können. Erinnerst Du Dich, liebe Sabine[10]: in der Zeit Deines Vikariats gab es noch Gemein­den, die keinesfalls eine Frau als Pfarrer akzeptiert hätten. Die ecclesia semper reformanda! – und Luther wird, wie das Luther-Gedenken mitreformiert.

Das sei hier symbolhaft gezeigt: Auf dieser Lutherbiographie sitzt als Kind unserer Zeit Luther als Playmobilfigur.

Nun zum zweiten: Dieses Buch haben wir nicht in Geschenkpapier gewickelt.

Warum? Es ist gebraucht, ich habe es schon gelesen. So etwas kann man doch nicht mehr ver­schen­ken, werden manche denken. Macht man normalerweise auch nicht.

Zuerst zum Buch: Es hat den merkwürdigen Titel: gehen – ging – gegan­gen.[11] Das passt zum Anlass: Vom Präsenz – zum Imperfekt – zum Perfekt: Heute predige ich – neulich predigte ich noch – früher habe ich gepredigt. Das ist ein Weg in den Ruhestand. So ein Weg kann schwierig sein, doch in der Normalität von Lebenswegen ist das banal.

Das Buch handelt von Richard. Er lebt in Berlin. In der DDR forschte und lehrte er als Profes­sor für alte Sprachen. Doch mit seiner Emeritierung ist sein Leben noch nicht abgeschlossen, ist nicht perfekt.

Eher zufällig kommt er in Kontakt mit schwarzafrikanischen Flüchtlingen und – ganz Profes­sor, der es nicht lassen kann, – forscht er nach. So erfährt er – und wir mit ihm – vieles über die Lebens- und Fluchtbedingungen der Menschen aus Afrika, die sich auf den mörde­ri­schen Weg über das Mittelmeer machen. Nicht nur das: Richard lernt auch vieles – und wir mit ihm – über die Lebensbedin­gun­gen dieser Menschen in Deutschland, und über das, was sie hier am Leben und Bleiben hindert. Und noch mehr: Richard verändert sich – wir vielleicht auch mit ihm?

Aber warum ein gebrauchtes Buch?

Ich hätte es für unangemessen gehalten, ja, für eine Sünde, es einfach ohne weiteren Nutzen in mein Bücher­regal zurückzustellen. Es ist zum sofort-Lesen und zum gezielt-Weitergeben, weil es vom Leben handelt, davon, was das Leben behindert – oder auch ermöglicht – und welchen Anteil wir daran haben – können.

gehen – ging – gegangen / lesen – las – gelesen.

Wenn ausgelesen, gib es weiter, damit der oder die nächste es liest. Wenn er es mit dem Herzen las, wird sie, soll er es, wenn ausgelesen, weitergeben.

Mit den besten Segenswünschen für Deinen Ruhestand.

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Ein Nachtrag: Die Verabschiedung war nicht nur feierlich, sondern beeindruckend. Im Festgottesdienst sprach nach der Predigt auch der Bürgermeister und nannte detailliert die erfolgreiche Zusammenarbeit mit meiner Kollegin. Er sagte: Sie waren ein Segen für unsere Stadt.

Trotz der mafiösen Kumpanei von Staat und Kirche am Runden Tisch Heimkinder: Es gibt sie also noch, die gute Kooperation von Staat und Kirche zugunsten der Bürger. An der Basis kann das funktionieren. So sollte es noch möglichst lange bleiben, auch wenn nicht jeder Kollege und nicht jeder Politiker dafür geeignet ist.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Emeritierung

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dibelius . Also mach es nicht wie jener Bischof, der sich bei einer begründeten Anfrage darüber empörte, dass man ihn im Ruhestand behelligt.

[3] Heinz Schilling, Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 2012, https://www.perlentaucher.de/buch/heinz-schilling/martin-luther.html

[4] Er nimmt damit neuere Ergebnisse der Hirnforschung auf: Professor Dr. Wolf Singer: Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen, Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft: Eröffnungsvortrag des 43. Deutschen Historikertags http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/Historikertag.pdf

[5] s. auch: Reinhard Bingener, Luther und die Deutschen, FAZ Donnerstag, 28. März 2013, S. 1, http://www.faz.net/aktuell/politik/reformation-luther-und-die-deutschen-12130531.html

[6] http://www.theology.de/themen/martin-luthers-judenfeindschaft–offener-appell.php

[7] http://hpd.de/node/13504 Montag, 15. April 2013

[8] Sehr drastisch wird Luthers Theologie in Zusammenhang mit der Mordsache Geyer in Verbindung gebracht. http://www.theologe.de/luther_geyer.htm Donnerstag, 25. Februar 2010. Aber der Autor hat keine Ahnung von Theologie, auch wenn er sich Theologe nennt.

[9] http://www.zeit.de/2013/01/Martin-Luther-Biografie/komplettansicht

[10] Name geändert

[11] Jenny Erpenbeck: „Gehen, ging, gegangen“, Roman, München 2015

Heinrich Heines Beitrag zur Luther-Decade

Posted in Geschichte by dierkschaefer on 4. September 2015

»Vom Bauernkrieg zur Bastille«

»Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursach des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es in der Länge gut werden. So ich das sage werde ich aufrührisch sein, wohl hin.«

So sprach vor 300 Jahren Thomas Münzer, einer der heldenmütigsten und unglücklichsten Söhne des deutschen Vaterlandes, ein Prediger des Evangeliums, das, nach seiner Meinung nicht bloß die Seligkeit im Himmel verhieß, sondern auch die Gleichheit und Brüderschaft der Men­schen auf Erden befehle. Der Doktor Martinus Luther war anderer Meinung, und verdammte solche aufrührerische Lehren, wodurch sein eigenes Werk, die Losreißung von Rom und die Begründung des neuen Bekenntnisses gefährdet wurde; und vielleicht mehr aus Weltklugheit, denn aus bösem Eifer, schrieb er das unrühm­liche Buch gegen die unglücklichen Bauern. Pietisten und servile Duckmäuser haben in jüngster Zeit dieses Buch wieder ins Leben gerufen und die neuen Abdrücke ins Land herum verbreitet, einerseits um den hohen Protektoren zu zeigen, wie die reine lutherische Lehre den Absolutismus unterstütze, andererseits um durch Luthers Autorität den Freiheits­enthusiasmus in Deutschland niederzudrücken. Aber ein heiligeres Zeugnis, das aus dem Evan­gelium hervorblutet, widerspricht der knechti­schen Ausdeutung und vernichtet die irrige Autorität; Christus, der für die Gleichheit und Brüderschaft der Menschen gestorben ist, hat sein Wort nicht als Werkzeug des Absolutismus offenbart, und Luther hatte unrecht und Tho­mas Münzer hatte recht. Er wurde enthauptet zu Mödlin [1525]. Seine Gefährten hatten ebenfalls recht, und sie wurden teils mit dem Schwerte hingerichtet, teils mit dem Stricke gehenkt, je nachdem sie adeliger oder bürgerlicher Abkunft waren. Markgraf Casimir von Ansbach hat, noch außer solchen Hinrichtungen, auch fünfundachtzig Bauern die Augen ausstechen lassen, die nachher im Lande herumbettelten und eben­falls recht hatten. Wie es in Oberöstreich und Schwaben den armen Bauern erging, wie über­haupt in Deutschland viele hunderttausend Bauern, die nichts als Menschenrechte und christliche Milde verlangten, abgeschlachtet und gewürgt wurden von ihren geistlichen und welt­lichen Herren, ist männiglich bekannt. Aber auch letztere hatten recht, denn sie waren noch in der Fülle ihrer Kraft, und die Bauern wurden manchmal irre an sich selber, durch die Autori­täten eines Luthers und anderer Geistlichen, die es mit den Weltlichen hielten, und durch unzeitige Kontroverse über zweideutige Bibel­stellen, und weil sie manchmal Psalmen sangen statt zu fechten.

Im Jahr der Gnade 1789 begann in Frankreich derselbe Kampf um Gleichheit und Brüderschaft, aus denselben Gründen, gegen dieselben Gewalt­haber, nur daß diese durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft gewonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophie seine Rechtsansprüche geschöpft hatte.

Was einst, im Bauernkrieg, die Lehrer des Evangeliums versucht, das taten die Philosophen jetzt in Frankreich, und mit besserem Erfolg; sie demonstrierten dem Volke die Usurpationen des Adels und der Kirche; sie zeigten ihm, daß beide kraftlos geworden; — und das Volk jubelte auf, und als am 14. Julius 1789 das Wet­ter sehr günstig war, begann das Volk das Werk seiner Befreiung, und wer am 14. Julius 1790 den Platz besuchte, wo die alte, dumpfe, mür­risch unangenehme Bastille gestanden hatte, fand dort, statt dieser, ein luftig lustiges Ge­bäude, mit der lachenden Aufschrift: Ici on danse[1]. Heinrich Heine, Französische Zustände, 1832

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Heine schreibt „vielleicht mehr aus Weltklugheit, denn aus bösem Eifer, schrieb er das unrühm­liche Buch gegen die unglücklichen Bauern.“ Das scheint mir treffend, sowohl für Luther als auch für den Zustand der Weltordnung, damals wie heute.

[1] Le 14 juillet 1790, l’entrepreneur privé Palloy organise une fête parallèle à la Fête de la Fédération : une tente est plantée au milieu des ruines avec un écriteau « ici on danse », il s’agit du premier bal du 14 juillet qui demeurera une tradition jusqu’à nos jours. Cette tente est représentée sur une peinture à la gouache sur carton, pièce du musée Carnavalet, de Henri-Joseph Van Blarenberghe, ancien peintre militaire, qui a également peint des images de la prise de la bastille1.

Dès le 16 juin 1792, il est décidé que l’emplacement de la Bastille formerait une place dite « de la Liberté » et qu’une colonne y serait élevée. Palloy, l’entrepreneur de travaux qui avait démoli la forteresse, fournit la première pierre, mais la construction en reste là. Une fontaine est néanmoins installée en 1793.

Du 9 au 14 juin 1794, la guillotine fut installée sur la place, dégagée des restes de la forteresse de la Bastille, appelée désormais place Antoine. Les citoyens réclamèrent son déplacement à la place du Trône-Renversé (actuelle place de la Nation).

Le nombre de personnes guillotinées sur la place de la Bastille est de 75.

aus : https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_de_la_Bastille

Die EKD – Irgendwie fachlich nicht ganz auf der Höhe

Posted in Geschichte, Kirche, Religion, Theologie by dierkschaefer on 25. Mai 2014

Und das auf einem Terrain, das sie kennen sollte, doch sie scheint es beherrschen zu wollen. »Die EKD hat ein ideologisches Luther-Bild – Ein Papier der Kirche zum Reformationsjubiläum 2017 reduziert die Bedeutung des Ereignisses auf das Religiöse. Das ist wissenschaftlich überholt und wird der Tragweite der Reformation nicht gerecht«[1].

 

[1] http://www.welt.de/debatte/kommentare/article128354577/Die-EKD-hat-ein-ideologisches-Luther-Bild.html

Die „Judensau“

Posted in Gesellschaft, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte, Religion, Theologie by dierkschaefer on 25. September 2013

Reisen bildet. Hätte ich nicht die Notiz am Pfeiler gesehen, wäre ich vorübergegangen. Schließlich ist die Westfassade des Regensburger Doms[1] imposanter als seine Südseite. Doch das Schild interessierte mich. „Befremdlich für den heutigen Betrachter“, steht da. Das befremdete mich und machte mich neugierig. Von „Judensau“ hatte ich bisher nur in Zusammenhang mit Walter Rathenau gehört.[2] Oben am Pfeiler nun eine „Judensau“. Sie ist stark verwittert[3], doch wird klar, daß es hier um eine von Grund auf bösartige Verunglimpfung, eine fürchterliche Verspottung der Juden geht. Juden an den Zitzen eines Schweines zu zeigen – übler kann man Juden nicht zum Gespött darstellen. Und der Kommentar findet das nur „befremdlich“.

Reisen bildet, besonders wenn man daheim dann nachschlägt. Man findet bei Wiki unter dem Begriff „Judensau“ die Geschichte des christlich-europäischen Ungeistes.[4] Die „Judensau“ war mir im Theologiestudium nicht untergekommen. Dafür wurden in der Kirchengeschichtsvorlesung kurz die Marranen erwähnt.[5] Als „Marannen“ hatte ich sie in Erinnerung. Das seien die zum Christentum übergetretenen Juden in Spanien gewesen, die jedoch verdächtigt wurden, sie hätten sich nur pro forma taufen lassen. Auch die Inquisition wurde dabei erwähnt. Na ja, was geht evangelische Theologen die katholische Kirchengeschichte an! Daß Marrano Schwein bedeutet, wurde nicht gesagt, auch nicht, daß Luther das Bild von der Judensau in seinen antijudaischen Schriften verwendet hat.

Nun mag man meinen, das ist Vergangenheit. Doch nicht nur aktuelle Verunglimpfungen von Juden und Judentum durch Neonazis geben zu denken4, sondern auch der Streit um die Inschrift am Regensburger Dom.[6] Eine scheinheiligere Distanzierung von der Darstellung der Judensau ist kaum vorstellbar. Ich vermute theologische Gründe dafür, die wir auch in der Diskussion um die „Judenmission“ finden, mit zum Teil geradezu perversen Argumenten: »1948 setzte der Reichsbruderrat der Bekennenden Kirche mit seinem Wort zur Judenfrage die traditionelle Enterbungstheologie fort und deutete den Holocaust als Strafe Gottes an den Juden.« Aber auch »„Unsere Schuld gegenüber den Juden angesichts des Holocaust verpflichtet uns doppelt zur Mission an ihnen; wir schulden ihnen […] unseren Christus.“«[7]

Man hatte – und in Regensburg hat man bis heute nichts gelernt von Nathan dem Weisen, auch nicht von Shakespeare, der seinen Kaufmann von Venedig sagen läßt: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ So wird die Sau am Regenburger Dom zum Urteil über das Domkapitel.

Die Darstellung der über die „Synagoge“ triumphierenden Ekklesia/Kirche, wie wir sie am Straßburger Münster finden, ist leider noch nicht vollends veraltet: http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9934802405/ Auch dort fehlt ein die Geschichte erhellender Hinweis.