Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit, die keine Kindheit war

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit.

Ich glaubte ebenfalls an eine bessere Zukunft, als die mir von meinem Vater zugedachte, biss also in den sauren Apfel, setzte mich am folgenden Montag in aller Herrgottsfrühe zu meinem Vater aufs Motorrad und fuhr mit ihm zum Arbeitsamt nach Stade. Damals war so ein Arbeitsamt noch ganz anders strukturiert. Wir gingen einen langen Gang entlang (daran jedenfalls hat sich nichts geändert) und hielten vor einer Türe neben der ein Schild angebracht war, worauf stand, dass sich hier Bewerber für die Land und Forstwirtschaft melden könnten.

Dem zuständigen Sachbearbeiter konnte ich ansehen, dass er ein wenig irritiert war, als mein Vater ihm vortrug, dass er für seinen Sohn eine Stelle als Knecht bei einem Bauern suche. Mit Kennerblick hatte der Vermittler sofort erkannt, dass dieses Vorhaben meines Vaters seinen Sohn loszuwerden auf Probleme stoßen könnte. Sodann erklärte dieser mei­nem Vater die Tarifsituation für diese Branche.

Laut Tarif konnte er vom Bauern neben freier Kost und Logis DM 40 für mich verlangen. Vorsichtshalber, wahrscheinlich wissend, dass nicht gerade viele Bauern erpicht darauf waren so einen kleinen Wicht wie mich in ihre Dienste zu nehmen, gab er meinem Vater gleich vier Adressen von Landwirten, die Bedarf an einem Landwirtschaftsgehilfen ange­meldet hatten. Mit seinem Weitblick hatte der AA Angestellte genau richtig gelegen. Kaum hatte mein Vater bei dem jeweiligen Bauern gesagt, woher und warum wir bei ihm vor­spra­chen, zeigten die auf einmal, nach einem einzigen Kennerblick auf meine mickrige Person, gar kein Interesse mehr daran, jemanden einstellen zu wollen. Irgendwie kam meinem Vater die Erleuchtung, woran es wohl liegen mochte, dass plötzlich kein Interesse mehr vorlag, einen neuen Knecht einzustellen.

Wie Sauerbier angeboten

Bei der vierten und letzten Adresse mussten wir laut Auskunft der Bäuerin noch kilometer­weit aufs Feld fahren, um dem Herrn des Hofes selbst die Entscheidung zu überlassen. Es hatte dann gleich mehrere Gründe, warum ausgerechnet die letzte Adresse ein Volltreffer für meinen Vater wurde. Zum einen bot er mich wie Sauerbier an. Mein Vater meinte nämlich, dass für mich 20 Mark im Monat neben der freien Kost und Logis im ersten Jahr ausreichen würden. Das war für den Bauern natürlich ein gutes Argument. Zum anderen, wie ich sehr schnell selbst erfahren sollte, war er als Leuteschinder verrufen. So etwas sprach sich bei den stellen­wech­seln­den Knechten in weitem Umkreis schnell herum. Und da gerade die zweite Heuernte sowie die Kartoffellese im vollen Gange waren, ließ dieser sich breitschlagen, mich in seine Dienste zu nehmen.

Bildete ich mir das bloß ein oder hörte ich tatsächlich einen Riesenbrocken von Stein von meinem Vater abfallen? Schon am Sonntag schien mein Vater sich sicher zu sein, mich bei einem Bauern abschieben zu können. Dem einzigen Dorfkrämerladen, wo man außer Lebens­mittel auch über eine Nähnadel bis hin zum Anzug alles erstehen konnte, kaufte er mir für meinen Start ins Berufsleben drei buntkarierte Hemden, wie sie derzeit in Mode waren. Vor allem bei den Knechten. Des Weiteren eine braune Cordhose nebst einer Schlosserjacke und ein paar Gummistiefel. Die Gummistiefel waren unerlässlich. Musste man doch Kuh und Schweineställe ausmisten. Für meine Freizeit bekam ich noch eine blaue Manchesterjacke und eine blaue Stoffhose. Die Stoffhose war derart gestaltet, dass man unten am Bund ein Band hatte, womit man diese fahrradgerecht zusammenziehen konnte. Aber auch als chicke Ausgehhose war sie geeignet. Mit zwei Druckknöpfen konnte man sehr schnell eine Umschlaghose daraus gestalten. Socken und Unterwäsche bekam ich aus seinen Beständen. Für alles zusammen zahlte er genau 126 Mark.

„Du kannst mir ja die Ausgaben nach und nach zurück­zahlen!“

Als er mich am Dienstag bei dem Bauern ablieferte und sich von mir verabschiedete, mir den Asbach-Uralt-Koffer mit den neuen Sachen in die Hand drückte, meinte er: „So jetzt wirst du dein eige­nes Geld verdienen. Kannst mir ja die Ausgaben vom Sonntag nach und nach zurück­zahlen!“ Nachdem er Abseits noch eine Weile geredet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Du wirst nun jeden zweiten Sonntag deinen freien Tag haben. Du kannst dann gerne zu uns nach Ahlerstedt kommen, weil ich dann ja auch zu Hause sein werde!“ Ich bekam eine Dachkammer zugewiesen, in der sich neben meinem Bett noch so einiges altes Pferdegeschirr und anderer Plunder befand. Toll! Das Plumpsklo, mit ausge­sägtem Herzchen versteht sich, befand sich ca. 30 Meter vom Haus entfernt. Tagsüber fand ich vor lauter Eingespanntsein im Arbeitsprozess kaum Zeit, mein großes Geschäft zu erledigen. Hörte oder sah man mich nicht bei der Arbeit, einschließlich des Vaters und der Mutter des Bauern, die sich allerdings schon auf dem Altenteil befanden, rief man auch schon laut nach mir. Deshalb überkam es mich fast immer des Nachts, dass sich mein Darm zu ent­leeren wünschte. Nach ein paar Tagen schon bekam ich am Frühstückstisch zu hören, wohin es mich denn des nachts immer treiben würde. Regelmäßig verrieten mich die knarrenden Holztreppen, wenn ich mich auf den langen Weg machte. Das Bauernpaar fühlte sich in der Nachtruhe gestört. Schließlich musste ich an ihrem Schlafzimmer vorbei. Auch dort knarrten die Holzdielen. Also was tun um die Herrschaften nicht im Schlaf zu stören? Ich nahm mir alte Zeitungen mit aufs „Zimmer“ und schmiss eben meine Scheiße im hohen Bogen aus dem Fenster. Aber auch darüber regten sie sich fürchterlich auf. Hin und wieder ging der Alt­bauer mit seinem Rechen durch den Vorgarten und fand den „Salat“, den ich nicht weit genug bis aufs nächste Feld geworfen hatte. Dass ich schon in jungen Jahren Hämor­rho­iden am Arsch hatte, liegt wohl daran das ich mir dort monatelang mit der Drucker­schwärze mit Bleigehalt den Hintern abwischen musste. Denn als Toilettenpapier hing im besagten „Häuschen“ immer nur zerschnittenes Zeitungspapier.

Mein Tag sah in der Folgezeit so aus: Bei Sonnenaufgang mit dem Fahrrad manchmal kilo­meterweit auf die Weide fahren. Rechts und links am Lenker eine 20 Liter Milchkanne. Auf dem Rückweg waren sie natürlich voll. Während der Bauer gleich mit dem Melken begann, reinigte ich zuerst den Wassertrog, um dann mit der Handpumpe wieder Wasser aufzufüllen. Danach schaffte ich noch ein bis zwei Kühe zu melken. Erst nach dieser Tätig­keit gab es das erste Frühstück. Schweine füttern war angesagt, bevor wir zur Heuernte rausfuhren.

Mir tun noch heutzutage sämtliche Knochen weh, wenn ich nur daran denke was für Arbei­ten damals noch angesagt waren. Es gab ja bei weitem noch nicht die Maschinen, die heute einem Landwirt zur Verfügung stehen. Was ein Bauer damals mit mehreren Knechten und Mägden schaffte, macht er heute Dank seines Maschinenparks spielend alleine. Ja, natürlich mussten die Kühe auch am Sonntag gemolken werden. Morgens und abends. Und wenn das Wetter danach war, fuhr man anschließend noch ins Heu oder rutschte auf den Knien auf dem Kartoffelacker entlang, um die Knollen in einen Drahtkorb zu sam­meln. Mein eigentlich freier Sonntag, alle 14 Tage wie vom Vater ausgehandelt, bestand darin, dass ich natürlich erst noch die Kühe mit melken musste, danach Schweine­ställe ausmisten. Und da gerade die Äpfel reif waren, musste ich schnell noch das Fallobst im riesigen Garten aufsammeln und natürlich den kopfsteingepflasterten Hof mit einem selbst­gebauten Reisigbesen blitzblank fegen. Dann durfte ich endlich das betriebseigene Fahr­rad (Vorkriegsmodel) dazu benutzen, um die 12 Kilometer zu meinem Vater zurücklegen zu können.

Mein fürsorglicher Vater: „Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“

Das Gute an dem sonntäglichem Mittagessen bei der neuen Familie meines Vaters war, dass es immer Fleisch gab. Das Beste allerdings, die vorher nie gekannte Götterspeise mit Vanillesoße. Vollgepropft mit den leckeren Sachen meiner Stiefmutter saßen wir dann noch etwa bis zu zwei Stunden draußen im Garten. Dann gab es noch Kuchen und Kakao. Und schon hieß es von Vaters Seite: „So mein Junge, du machst dich jetzt besser auf den Weg. Du willst doch nicht etwa deinen Bauern die Kühe am Abend alleine melken lassen!?“ Mein Vater machte nicht den Eindruck, als würde er Widerspruch dulden. Und der Bauer? Der nahm es ohne ein Dankeswort als selbstverständlich hin, dass ich auch meinem freien Sonntag zum Melken antanzte.

Ein einziges persönliches Vergnügen gönnte ich mir während der drei Monate, wo ich in sei­nen Diensten stand. Abgesehen davon, dass ich mir jeden Tag für 10 Pfennige eine Fünfer­packung Storck Riesen gönnte, durfte ich mir aus dem überall auf dem Hofgelände verstreute alte Fahrradteile zusammensuchen. Mit Traktoröl und Benzin entfernte ich den Vorkriegsrost, kaufte mir von dem Taschengeld (den vollen Lohn bekam ich nie) eine Lampe und Farbe fürs Fahrrad. An einem Sonntag fuhr ich in das drei Kilometer entfernte Kutenholz. Ein etwas größeres Dorf, wo in einer Scheune Filme vorgeführt wurden. Ich wusste das Kinder bis 14 nur den halben Preis zahlten. Also machte ich einen auf jung. Ich zog meine kurze Hose an, mit der ich aus dem Osten getürmt war. Dazu ein Nickihemd und Söckchen. Keiner zweifelte an, dass ich noch unter 14 sei. Ich bekam anstandslos eine Eintrittskarte für 50 Pfennig und wurde auch damit eingelassen. Von der eingesparten ande­ren Hälfte leistete ich mir für 40 Pfennig noch ein Domino-Eis. Mein erster Film im Westen. Welcher Film war eigentlich ganz egal. Nur werde ich dieses Ereignis natürlich nie vergessen. Ebenso wenig den Titel. „Mädchenjahre einer jungen Königin“ mit Romy Schneider.[1]

Kaum ein Muskel, den ich nicht schmerzhaft verspürte, wenn ich mich abends, kurz nach Sonnenuntergang, ins Bett legte. Oft genug verfluchte ich den Tag, an dem es mir nun doch gelungen war in den „Goldenen Westen“ zu gelangen. Dies hier war bestimmt nicht die Vorstellung von meiner ersehnten Freiheit. Schon Ende Oktober brannte bei mir eine Sicherung durch. Bei allen guten Vorsätzen, dem Vater ein guter, gehorsamer Sohn zu sein, den er lieben konnte, konnte ich es nicht mehr aushalten. Nicht die schwere Arbeit an sich und die langen Arbeitszeiten waren es. Vielmehr die Ungerechtigkeit, die mir zuteil wurde.

Da hatte ich auch schon mein Arbeits­verhältnis auf diesem Hof gekündigt.

In der Scheune wurde eine Leihdreschmaschine aufgebaut. Angetrieben wurde das Ungetüm mit einem meterlangen Keilriemen, der wiederum vom hofeigenen Trecker mit einem Schwungrad angetrieben wurde. Die im Sommer mühsam aufgeschichteten Korn­bündel wurden nun auf die Maschine geworfen. Der kräftig gebaute Bauer stand auf der Dreschmaschine, zerschnitt mit einem Ratsch den Bindfaden, und lockerte das Bündel selbst etwas auf, damit alles schön gleichmäßig in die Walze gleiten konnte. Eine ver­gleichs­weise Kinderarbeit im Gegensatz zu dem, was er an diesem besagten Tag von mir verlangte. Er selbst stand oben auf dem Garbenstapel, warf die Bündel zu seinem Vater herunter, der diesmal das Einführen der Garben in die Maschine übernommen hatte. Ich dagegen sollte die fast zwei Zentner schweren, mit Korn gefüllten Säcke zu einem Anhän­ger schleppen. Ich, der ich selbst mal kaum einen Zentner wog. Es kam wie es kommen musste. Kaum hatte ich, meinen guten Willen zeigend, den ersten Sack geschultert, da torkelte ich auch schon mit dem Sack los. Ich kam gerade mal drei bis vier Schritte weit, da stürzte ich auch schon lang hin. Der Sack war noch nicht einmal zugebunden. So ergoss sich das Korn auf den betonierten Scheunenboden. Während ich mich aufzu­rappeln versuchte, hörte ich hinter mir den Altbauern wütend brüllen und dann schlug auch schon neben meinen Ohren die zweizinkige Forke auf dem Beton auf, die er nach mir geworfen hatte. Einer der dabei aufstiebenden Funken traf auch noch meine Wange. In diesem Augenblick hatte ich auch schon mein Arbeitsverhältnis auf diesem Hof gekündigt. Vorerst allerdings nur für mich im Stillen. Konnte ich doch nicht so ohne weiteres abhauen. Ich hatte bisher keinerlei Papiere und auch nur noch 1 Mark 40 in der Tasche. Ich wartete den kommenden Sonntag ab. Schon am Samstag versteckte ich meinen Pappkoffer einem Gebüsch an der Gartengrenze. Nach meinen üblichen Sonntagsarbeiten bat ich den Bau­ern um 5 Mark von meinem Lohn. Meiner Rechnung nach hatte ich noch ein Gut­ha­ben von 38 Mark bei ihm. Er gab mir vier Mark. Mehr hatte er nicht im Portemonnaie. Mit der Frage, was ich bloß immer mit meinem Geld machen würde, trennte er sich von den paar Kröten. Nachdem er durch mein Verschwinden eine ansonsten willige Arbeitskraft verloren hatte, behauptete er meinem Vater gegenüber, ich hätte ihm vom Küchenschrank 40 Mark geklaut. Und das hat mein Vater bis zu seinem Tode auch geglaubt.

… und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter

Ich glaube dagegen, dass der Bauer niemals auch nur annähernd soviel Geld im Hause hatte. Selbst der rollende Kaufmann, der über die Dörfer fuhr bekam nie bares. Ich konnte beobachten, dass er einmal im Monat diesem einen Scheck gab. Als ich von dieser infa­men Lüge erfuhr, hätte ich ihm am liebsten seinen Hof abgefackelt. Doch dann habe ich mir überlegt, dass er dabei höchstens noch seinen Reibach machen würde durch die Ver­sicherungssumme. So befestigte ich dann am Sonntag mit geklautem Bindfaden mei­nen Pappkoffer auf dem Gepäckträger meines selbst zusammengebasteltes uralt-Fahrrads und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter nach Hannover. Dorthin hatte es sie ver­schla­gen, nachdem der Platz bei ihrer Schwester noch weniger wurde. Denn diese erwartete mit ihren 49 Jahren noch einmal ein Baby.

In etwa kannte ich die Richtung, wo es nach Hannover ging. Dabei musste ich auch noch quer durch das Dorf, in dem mein Vater wohnte. Weder jemand aus der Sippe meiner Tante, noch derer, die jetzt zu meinem Vater gehörten, trieben sich an diesem Sonntag auf der Straße herum. So konnte ich meine Fahrt unerkannt und ohne irgendwelche erfunde­nen Ausreden fortsetzen.

Bisher kannte ich Hannover nur insofern, dass wir bei unserer Einreise in die BRD in Han­no­ver umsteigen mussten. In Hamburg mussten wir wieder umsteigen. Ganz schön über­müdet standen wir dann knapp 24 Stunden, nachdem wir unsere Wohnung in Leipzig ver­lassen hatten, in der Stadt, wo die Hunde mit dem Schwänze bellen sollten[2] wieder auf einem Bahnsteig und warteten auf den Schienenbus, der uns nach Harsefeld bringen sollte. Mutter und Willy kannten ja diese Reiseroute bereits von den vorherigen Fahrten. Mir kam sie endlos vor. Nach Harsefeld ging es ja noch auf Schienen vorwärts. Dann aber hatten wir noch einige Kilometer Fußmarsch vor uns. Wie schon erwähnt erreichte am Samstag gegen 14 Uhr der letzte Bus das Kuhkaff Ahlerstedt. Kurz vor dem Mittagessen überraschten wir dann meine Tante mit unserem Erscheinen. Die Wegstrecke nach Hannover, die ich mit meinem Fahrradesel bewäl­ti­gen wollte, kannte ich nur ungefähr. Ich hatte mir die größeren Ortschaf­ten gemerkt nach denen ich mich richten wollte. Zeven, Rotenburg/­Wümme, Visselhövede……. [3] ahlerstedt-hannoverWas wusste ich schon davon, dass es da eine Bundes­straße 3 gab, nach der ich mich hätte richten können.

Als wollte der liebe Gott mich zur Besinnung rufen, mir einen Fingerzeig geben, dass ich wieder umkehren sollte, ließ er zunächst alle paar Kilometer meine Fahrradkette abspringen. Und, die Abstände, wo sich dieses Malheur wiederholte, wurden immer kürzer. Heute, mit 86 wüsste ich, wie ich dieses Problem hätte beheben können. Theoretisch zumindest. Damals jedoch plagte ich mich alle paar hundert Meter damit herum, die Kette wieder auf den Zahnkranz zu bekommen.

Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte.

Ich hatte keine genaue Vorstellung davon wieviele Kilometer Hannover von Klein Aspe ent­fernt war. Später, diese Strecke mit dem Auto abgefahren, waren knapp 200 Kilometer auf meinem Tacho. In meinem 14jährigen Dummkopf zu damaliger Zeit hatte ich geglaubt, mit einer Übernachtung in irgendeiner Scheune auszukommen. Dann dauerte es aber doch noch vier Monate, bis ich endlich Hannover erreichte. Schuld daran war mein ver­ma­le­deites Fahrrad. Irgendwo zwischen Visselhövede und Walsrode ging gar nichts mehr. Meine heimlich eingepackten zwei Schnitten Brot und die paar Äpfel hatte ich längst ver­zehrt. Abgesehen von dem aufkommenden Hunger begann sich der Oktoberabend anzu­zeigen. So kam es mir sehr zupass, dass mir im nächsten Dorf ein Schild ins Auge fiel, worauf zu lesen war, dass hier eine Dorfschmiede war und auch Trecker sowie Fahrrad­handel betrieben wurde. Der Händlername deckte sich mit dem Namen am Türschild im Nebenhaus. So suchte ich dort um Hilfe nach. Obwohl Sonntagabend hörte sich der Mann, der die Türe öffnete, mein Begehren an. Nachdem er sich angehört hatte, was meine Reise behinderte, bat er mich in die Wohnung. Dort musste ich dann schon etwas weiter ausholen. Der versammelten Familie das Wie und Warum erklären.

Um es abzukürzen: eine knappe halbe Stunde später hatte ich schon wieder einen neuen Job. Der Dorfschmied hatte seinen Jüngsten schräg gegenüber zu einem Bauern geschickt. Mit dem Bauern im Schlepptau kam er wieder zurück. Ein paar Minuten später war ich bei dem als Knecht eingestellt. Da ich schon etwas bei seinem Vorgänger von der Landwirt­schaft gelernt hatte, ich also kein blutiger Anfänger mehr war, ich mich außerdem um ein Jahr älter gemacht hatte (Papiere hatte ich ohnehin keine) wurde ich mit einem Monats­verdienst von 40 Mark plus freie Kost und Logis eingestellt.

Ich bekam auch hier wieder eine Dachkammer zugewiesen. Allerdings etwas freundlicher eingerichtet als die vorige, mit Toilette im Haus. Auch brauchte ich mich hier nicht mehr mit demnachkriegsgeld Schlauch zu duschen, wo eigentlich täglich die Milchkannen ausgesetzt wurden. Ist der Name: Auf der Heide, eigentlich adelig? Während ich mich gar nicht mehr an den Ortsnamen erinnern kann, wo ich die folgenden vier Monate mein Leben mit Schwerst­ar­beit fristete, ist mir dieser Name meines Brötchengebers im Gedächtnis haften geblieben. Ohne darum nachfragen zu müssen, bekam ich hier an dem Tag, wo ich einen Monat bei ihm war, meinen vereinbarten Lohn ausge­zahlt. Ein Faible von ihm war mir jedes Mal 20 Zweimarkscheine[4] auf den Tisch zu zählen.

Der Schwerpunkt meines ersten Bauern sein Geld zu verdienen, war die Milchwirtschaft und der Kartoffelanbau, während auf der Heide intensive Schweinezucht betrieben wurde und man dazu noch im Winter mit Rückepferden[5] in den Wald fuhr. Dazu aber nahm er nur seinen ältesten Sohn mit, während der 19jährige mit mir den Hof schmeißen musste. Wer jetzt glaubt, im Winter gäbe es in der Landwirtschaft nichts zu tun, der irrt gewaltig! Im Gegensatz zu heute, wo es für alle Viecher Fertigfutter gibt, wurde damals noch alles per Handarbeit zubereitet. Während der Weidezeit versorgten sich ja die Kühe selbst. Aber im Winter mussten sie gefüttert und ausgemistet werden. Die riesige Schweinezucht brachte viel Knochenarbeit mit sich. Dafür aber konnte ich auf diesem Hof jede Woche einmal richtig baden. Dazu brauchte ich nur den großen Kessel gründlich zu reinigen, in dem ich sonst immer das Schweinefutter kochte, mit einem Schlauch Wasser hineinlaufen lassen, und den Ofen anzuheizen, und schon konnte ich ein warmes Vollbad nehmen. So komfor­tabel hatte ich vorher noch nie gebadet. In Ostpreußen, gab es im Sommer immer genü­gend Bäche oder kleine Flüsschen zum Baden. Im Winter trieb unsere Mutter uns in den Schnee hinaus, worin wir uns ausgiebig wälzten. Danach rubbelte sie uns mit einem sau­beren Kartoffelsack wieder warm. Vor allem waren wir danach auch immer rot wie ein gekochter Krebs.

Im Januar 1956 bekam ich zum ersten Mal einen Fernseher zu Gesicht. Hatte sich die Familie selbst zum Weihnachtsgeschenk gemacht. Da ich immer ins Wohnzimmer gebeten wurde, wenn Lohntag, war sah ich eben diesen Fernseher.

An den Wochenenden wurde nur das Allernötigste getan. So hatte ich dann auch noch Kraft, mir ein paar Groschen als Kegeljunge dazu zu verdienen. Außerdem bekam ich vom Bauern noch jedes Mal eine Mark, wenn ich ihm eine tote Ratte brachte, die ich selbst getö­tet hatte. Die meisten tummelten sich am frühen Morgen im Schweinestall. Wenn ich auf Zack war, traf ich eine mit meiner Mistforke.

Während dieser vier Monate nahm mich der jüngere Sohn auf seinem Motorrad mit ins nächste größere Dorf zu einem Tanzvergnügen. Als ich mal alleine dorthin wollte, landete ich mit meinem Fahrrad auf der stockdunklen Straße im Straßengraben. Der Graben war ebenso wie die Straße mit Schnee bedeckt, so dass ich den Weg gar nicht so recht erken­nen konnte. Unter der Schneedecke allerdings war der Graben mit Wasser gefüllt. Das ich mir daraufhin eine Weiterfahrt zum Tanzvergnügen verkniff, kann wohl jeder nachvollzie­hen?

Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen.

Warum ich diesen relativ guten Arbeitsplatz auch schon wieder nach vier Monaten verließ? Nicht weil der Winter 55/56 besonders kalt und die Arbeit zu hart für meinen kleinen Kör­per war, war ausschlaggebend. Genau an meinem Geburtstag, bekam unsere Hofhündin Junge. Ich hatte das Geschöpf schon immer während der kalten Tage bemitleidet. War sie doch bei jedem Wetter draußen an ihre Hundehütte gekettet und brachte dort auch ihre Jungen zur Welt. Die Kaltherzigkeit des Bauern machte mir zu schaffen. Er befahl mir die Welpen zu erschlagen und im Misthaufen zu verbuddeln. Meine Einwände wurden nicht zur Kenntnis genommen. Schweren Herzens kam ich dem Befehl nach. Es brach mir das Herz, als ich mitansehen musste, wie die Hündin ihre Jungen suchte und sie dann schließ­lich auch erschnüffelte und wieder ausbuddelte. Damit konnte ich nur noch knapp einen Monat mit leben. In etwa vier Kilometer Entfernung gab es einen Bahnhof. Und siehe da, kurz vor Mitternacht hielt dort ein Zug. Dorthin schleppte ich dann auch in einer kalten Febru­arnacht meinen Koffer. Auf dem Weg dahin begegnete mir zu allem Übel auch noch der jüngste Sohn des Bauern. Doch zu meiner Überraschung verstand er meine Beweg­gründe und auch meine Sehnsucht nach meiner Mutter. Er half mir sogar noch beim Kof­fer­tragen und wünschte mir alles Gute am Bahnhof.

Auf technischem Gebiet eine Niete.

Meine Mutter hatte am Stadtrand von Hannover ebenfalls Arbeit bei einem Bauern gefun­den. Eigentlich gab es zu der Zeit genügend Arbeit. Aber der Wohnungs­mangel …! Dieser Wohnungsmangel brachte es auch mit sich, dass ich beim Arbeitsamt nach einer Stelle nachsuchte, wo ich gleichzeitig eine Unterkunft hätte. Nachdem der Angestellte mich ein­gehend gemustert hatte, war er auch der Meinung, dass ich für eine Beschäftigung bei einem Bauern nicht die richtigen Vorraussetzungen mitbrachte. Just an dem Tag fand im AA Hannover ein Test statt, um herauszufinden, wofür sich ein Schulabgänger besonders eignete. In diesem Test brachte man mich kurzerhand unter. Dabei stellte sich heraus, dass ich auf technischem Gebiet eine Niete war. Woher auch sollte ich davon Ahnung haben? Ich hatte ja nie einen Vater gehabt, der mir gezeigt hatte, welches Werkzeug man für die eine oder die andere Sache benötigte. Ich kannte bisher gerade mal eine Kneifzange, einen Hammer und einen Schraubendreher. Na ja, mit einer Säge und einem Beil konnte ich so leidlich umgehen. Mussten wir uns doch unser Feuerholz immer selbst besorgen. Nach Auswertung aller Testergebnisse, war man der Meinung, dass ich mich eher in kaufmännischer Richtung bewähren könnte. Aber welcher Lebensmittelhändler, Schuh­verkäufer bot schon eine Lehrstelle mit Unter­kunftsmöglichkeit an? Oh, da hätte man ja was, fand ein Sachbearbeiter in einer Kartei­karte. Ein Bäcker in Langenhagen suchte einen Bäcker und Konditorlehrling. Mit meiner Mutter Fahrrad machte ich mich sofort auf den Weg. Der Arbeitgeber meiner Mutter duldete es, dass sie mich für eine begrenzte Zeit in ihrem Zimmer aufnahm. Hatte er doch schon erlaubt, dass mein zukünftiger Stiefvater mit ihr das Zimmer teilte. Dazu muss man wissen, dass zu damaliger Zeit ganz andere Moral­gesetze herrschten. Der Bauer hätte leicht wegen des Kuppeleiparagraphen[6] vor Gericht gezerrt werden können, weil er einem unverheirateten Paar erlaubte, im selben Zimmer zu übernachten. Da meine Mutter aber eine gute Köchin war, die das Personal und die Fami­lie bestens zufrieden stellte und sich auch nicht scheute im Schweinestall auszuhelfen, drückte er beide Augen zu. Dass der Sohn dann auch noch eine Matratze benötigte, um im gleichen Zimmer schlafen zu können, hatten wir nur der human denkenden Bäuerin zu verdanken.

Fußnoten

[1] Das dürfte dieser Film gewesen sein: https://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=8977

[2] Buxtehude

[3] https://www.google.de/maps/dir/Ahlerstedt/Visselh%C3%B6vede/Hannover/@52.8842458,8.447339,8z/data=!3m1!4b1!4m20!4m19!1m5!1m1!1s0x47b1725839c2e6e9:0x6ac446883918da94!2m2!1d9.4504501!2d53.4031726!1m5!1m1!1s0x47b054c72650d97d:0x29f633eeee16153d!2m2!1d9.5841633!2d52.9868295!1m5!1m1!1s0x47b00b514d494f85:0x425ac6d94ac4720!2m2!1d9.7320104!2d52.3758916!3e1

[4] https://www.google.de/search?q=Zweimarkscheine&start=10&client=firefox-b&sa=N&tbm=isch&imgil=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%253BtFCL56G3QHjfeM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.gettyimages.de%25252Fdetail%25252Fnachrichtenfoto%25252Fbanknoten-die-es-nach-der-w%25252525C3%25252525A4hrungsreform-am-20-juni-nachrichtenfoto%25252F543815833&source=iu&pf=m&fir=GMoPpQgZ2D3GSM%253A%252CtFCL56G3QHjfeM%252C_&usg=__9lapMnw0_NcfwebmJBkxgI4udpU%3D&biw=1152&bih=540&ved=0ahUKEwjo-ouw4tHTAhXDcRQKHcslB6Y4ChDKNwg1&ei=ccYIWaj-JMPjUcvLnLAK#imgrc=GMoPpQgZ2D3GSM:

[5] Als Rückepferd bezeichnet man ein im Wald zum Holzrücken, also zum Verbringen von gefällten und entasteten Baumstämmen zum nächsten Waldweg bzw. Polterplatz, dem sogenannten Vorliefern, eingesetztes Pferd. https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckepferd

[6] Bedeutung hatte der Kuppelei-Paragraph in Deutschland bis 1973. https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei

_Inhaltsverzeichnis

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

      Eine Kindheit,

                die keine Kindheit war

 

 

 

Vierzehntes Kapitel

 

 

Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden.

Aus diesem Paradies wurde ich aber gleich zu Beginn des Jahres gerissen. Mit trauriger Miene, es war auch noch eine andere Person vom Jugendamt dabei, wurde mir mitgeteilt, dass die Behörden nun doch anderweitig über mich entschieden hatten. Höheren Orts wollte man dem Frieden nicht so recht trauen und war auch der Meinung, dass mein früheres Verhalten gegenüber der Obrigkeit eine Strafe verdient hätte. Ich müsste mich ein halbes Jahr lang erst noch bewähren, bevor man mich endlich zu G. und M. lassen würde. Man hatte auch schon ein passendes Heim für mich gefunden. Wie gesagt würde ich dort bis zu den großen Ferien, ohne einmal auszureißen und mit guten Zensuren aufwarten können, stünde einer Rückkehr hierher zu G. und M. nichts im Wege. Machtlos, dennoch mit besten Vorsätzen ließ ich mich nach Weißwasser[1] verfrachten. Es flossen ein paar Tränen und auch etwas Wodka, dann ging es los.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Bei meiner Ankunft im Pestalozzi-Heim war mein Ruf mir schon vorausgeeilt. D.h. etwa acht oder neun der Kinder aus Revolutionszeiten waren schon vor mir da. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, meinen schlechten Ruf wieder loszuwerden. Ich war aufmerksam in der Schule, schrieb die besten Aufsätze, zeichnete am besten und vertrat sogar den Russisch­lehrer, der überlastet war, da er auch noch eine Schule in Weißwasser selbst mit seinem Gefangenschaftsrussisch beglückte. Ich durfte aktiv an der Wandzeitung mitwirken, welche sogar vom Kreis der Stadt prämiert wurde, wofür ich prompt bei den Jungen Pionieren aufgenommen wurde.

Ich beteiligte mich an der Volkstanzgruppe, mit welcher wir beim Weltpioniertreffen in Berlin-Wuhlheide im Sommer sogar vierter wurden. Zweiter wurden wir mit unserem Fanfarenzug. Ich bastelte mit an einem Paddelboot, dass wir nur aus Zeitungspapierstreifen, Leim und Lack herstellten, nachdem wir lediglich den Kiel vom Schreiner erhalten hatten.

Ich baute brav und korrekt mein Bett, zeigte jeden Morgen saubere Hände und Fingernägel, helle Socken und tadellos geputzte Schuhe vor dem allmorgendlichen Fahnenappell vor. Ich wurde zum Zirkelleiter gewählt und erhielt bald darauf das rote Halstuch der jungen Pioniere der Sowjetunion als besondere Auszeichnung auf Intervention des russischen Stadtkomman­danten von Weißwasser.

Diese winzig kleine Garnison russischer Soldaten hatte mich samt Ihren Offizieren ins Herz geschlossen. Es begann eigentlich ganz harmlos. Ich wollte nur einen losen Kontakt knüpfen, um meine Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen und eventuell auch mal ein paar Mark abstauben. Das Heimgelände war so gut wie offen. Kein Mensch kümmerte sich groß um einen, wenn man nur seine Schulaufgaben vorgezeigt hatte, und andere Gruppenverpflichtungen nicht darunter litten.

Kurz vor dem 8. Mai trat ich dann an den Fanfarenzugleiter, der auch gleichzeitig einer unserer Erzieher war, heran und bat ihn unseren sowjetischen Freunden doch eine angenehme Überraschung bereiten helfen. Unser Fanfarenzug bestand zu derzeit aus: Zwei Landsknecht- und zwei Flachtrommeln, sechs Fanfaren (ohne Ventil) und einem Tambourmajor. In diesem Fanfarenzug, der noch im Aufbau begriffen war, versuchte ich mich zunächst beim Blasen der Fanfare. Aber ich war damals schon ein wenig schwach auf der Brust.[2] So schleppte ich dann eben mit nicht weniger stolzgeschwellter Brust eine Landsknechttrommel mit mir herum. Dafür durfte ich auch gleich in der ersten Reihe marschieren, hinter dem Tambourmajor her. Wir durften im Kulturhaus den Ernst Thälmann Film[3] einweihen. Wir waren ja Ernst Thälmann Pioniere![4]

Am 1. Mai 1954 wurden wir von Birkenlaubblättern grünumkränzten Treckern mit Anhän­gern, die trotzdem furchtbar nach frischem Mist stanken, abgeholt. In Allerhergottsfrühe wurden wir über die umliegenden Dörfer gekarrt, um die Einwohner mit unserer Blechmusik und Trommelwirbel aus ihrem Feiertagsschlaf zu holen, damit sie ja auch nicht die Maikund­gebung versäumten. Es war schon ein erhebendes Gefühl, wie wir, die jungen Pimpfe …. Pardon, habe ich Pimpfe geschrieben? Stammte dieser Ausdruck nicht aus einer anderen Zeit?[5] Aber, wenn ja, was unterschied uns Junge Pioniere denn von denen? Sicher die Uniformen waren etwas anders geschneidert und hatten auch eine andere Farbe. Die Koppel waren anders geprägt, die Parolen lauteten anders,…. Was noch? Wir halfen den Erwachsenen das Aufstehen erleichtern!? Weil mir das ganze so viel Spaß gemacht hatte und ich den Russen außerdem eine Freude bereiten wollte, bat ich also unseren Chef darum, am 8. Mai den Fanfarenzug für deren Zwecke einzusetzen. Das Ehrenmal habe ich 1990 dort gleich wieder gefunden, die Garnison allerdings nicht mehr. Bei dem Ehrenmal standen an ihrem größten Feiertag nach der Oktoberrevolution sämtliche russischen Soldaten und Offiziere und gedachten ihrer gefallenen Krieger des zweiten Wertkrieges. Wir hatten es geschafft, uns unbemerkt von den Russen im Hintergrund zu verstecken. Gleich nach der Ansprache des Stadtkommandanten ließen wir unser „Brüder zur Sonne…“[6] erschallen. Keiner der dort Anwesenden konnte sich seiner Tränen erwehren. Ich heute, beim Schreiben der Zeilen und der Erinnerung daran, auch nicht! Diese Herzlichkeit für so einen kleinen Gefallen hatten wir nun doch nicht erwartet. Wir wurden in das Haus (Kaserne konnte man das nicht nennen) der Soldaten gebeten und bewirtet. Das hatte schon nichts mehr mit Kommunismus oder großer Politik zu tun, dass war eine menschliche Regung. Bei allen Beteiligten. Die Presse machte da natürlich mehr draus. Aber das kümmerte uns nicht. Wir waren nur etwas traurig, als ein paar Tage später unser Heim-Mal-Fest stattfand, und der fest versprochene Gegenbesuch nicht anrollen wollte. Während wir noch bei den Vorbereitungen waren, fuhren die paar Jeeps und Lastwagen in rasender Fahrt an unserem Grundstück vorbei. Noch nicht einmal gewunken haben sie, als sie in Richtung polnischer Grenze vorbei brausten. Viel später kamen sie dann doch noch. Es kam aber keine rechte Stimmung auf. Wie ich erfahren konnte, hatten sie einen Kameraden (Deserteur) an der Neiße jagen müssen. Es ist auch geschossen worden. (Ich roch sachverständig an ihren Gewehrläufen.) Es wurde aber nicht gesagt, ob die Jagd in irgend­einer Weise erfolgreich gewesen war. Um auf unseren eingeseiften Maibaum raufzuklettern waren sie zum einen nicht in der richtigen Kleidung, zum anderen nicht so recht in Stimmung nach dem Vorfall. Dabei hatten wir extra für sie ein paar schöne Würste besonders hoch am Kranz angebracht, wo nur Männerarme hinreichen konnten, sofern sie den glitschigen Stamm erklimmen würden. In einer wurstähnlichen Verpackung hatten wir als besondere Über­raschung sogar eine Pulle Korn versteckt, in der Hoffnung, dass der Kommandant dafür ein Auge zudrücken würde. Schade, dass unsere Revanche nicht in dem Maße angenommen werden konnte, wie wir sie uns gewünscht hatten. Dafür revanchierten sich die Russen wiederum bei uns. Eines Tages bat der Stadtkommandant unseren Heimleiter darum, mich, Mischa, mit nach Dresden nehmen zu dürfen, weil er, wie er angab mich dort als Dolmetscher benötigen würde. Dieser ungeschickte Lügner! Er selbst sprach so gut Deutsch, wie ich Rus­sisch. Zu unser beider Glück bemerkte der Heimleiter diesen Schwindel nicht. Ich durfte mit nach Dresden. Wer wagte auch schon einem Stadtkommandanten eine Bitte abzuschlagen, und sei der Grund auch noch erschwindelt? Anfangs glaubte ich ja, dass die Fanfaren und Trommeln, die er mit meiner Hilfe aussuchte, dafür dienen sollten, um in seiner Garnison selbst einen derartigen Musikzug aufzustellen. Ich glaubte das übrigens bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends aufs Heimgelände fuhren. Als dann aber ein Begleitoffizier und der Soldaten­fahrer die Instrumente abzuladen begannen, da dämmerte es mir. Heimleiter, die Kinder und ganz besonders der Leiter unseres Musikkorps, die vom Motorenlärm angelockt auf dem Vor­bau standen, bekamen ihre Münder vor Staunen gar nicht mehr zu. Was sind dagegen die 100 Mäuse, die ich im Winter 1990 für die Russlandhilfe einzahlte, wie ich sie eben erübrigen konnte? Erst mit so vergrößertem Fanfarenzug konnten wir ein paar Monate später die End­kämpfe unter den besten 28 Fanfarenzügen der DDR als Zweiter verlassen. Dass wir nicht den ersten Platz belegten, lag an mir. Hätte ICH Dussel nicht gepatzt, wären wir locker Erster geworden. Unsere Musik, d.h. unser Solobläser war einsame Spitze. Keiner der Anwesenden konnte die Oktavenleiter so hoch hinaufklettern wie er. Aber nicht nur die Musik alleine wurde gewertet. Im großen Stadionrund mussten wir einmal die Außenbahn umrunden und dabei drei Stücke vortragen. Die Jury achtete dabei auch sehr auf Disziplin. Nicht dass ich nicht inzwischen keine Disziplin angenommen hätte. Nein! Ich war einfach zu nervös, so plötzlich im Mittelpunkt von zigtausenden von Menschen zu stehen. Bei der „Lok“, einem rasanten Trommelwirbel, flog mir doch eine der Filzkugeln vom Schlegel. Ich Idiot! Anstatt ein paar Takte auszusetzen, den Reserveschlegel aus der Spannschlaufe zu ziehen und einen geeigneten Moment abwartend bis ich wieder sicher war den Takt zu treffen, sause ich der entspringenden Filzkugel hinterher, stecke sie wieder auf den Stock und komme prompt auch noch in den falschen Takt hinein. Ich kann mich kaum erinnern, mich in meinem Leben noch einmal derartig geschämt zu haben. Ich hatte in Weißwasser soviel um die Ohren, war der­maßen ausgelastet mit Dingen, die mir auch Spaß machten, weil ich endlich mal beweisen konnte, dass etwas in mir steckt, wenn man mich nur forderte, das ich gar nicht an Flucht­pläne dachte. Außerdem hatte ich ja auch eine Perspektive, sobald ich mich unter Beweis gestellt haben würde. Die Umgebung Weißwassers war damals zumindest noch sehr natur­belassen. Ich lernte etwas vom Angeln, Schlittschuhlaufen, Eishockey, und noch mehr von der Natur kennen.

Ich lernte auch wieder mal erkennen, dass, wenn Erwachsene etwas ver­sprachen, nicht unbedingt darauf Verlass war. Dass man mir während der Osterferien noch nicht die Reise nach Leipzig erlaubte, konnte man mir gerade noch plausibel machen. Die großen Ferien wurden lange vorher verplant. Für alle, die nicht nach Hause konnten oder durften, war ein Ferienlager vorgesehen. Ein Ferienlager in einem staatlichen Forst.[7] Weitab von der nächsten Ortschaft, die nur über einen riesigen, ehemaligen Braunkohleabbau-See zu erreichen war. Es wurde das Gelände auf einer Karte vorgezeichnet. Ein Voraustrupp sollte dort die Wasserab­zugs­gräben, Latrinen und die obligatorische Fahnenstange für den allmorgendlichen Fahnen­appell installieren und für genügend Frischwasser sorgen. Ich fühlte mich geehrt, dem Vor­aus­trupp beigeordnet zu sein, reklamierte aber doch das Versprechen ein.

                                                           Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen.

Meine Zeugnisse waren trotz Versäumnissen sehr gut ausgefallen. Ich hatte mir nur ganz selten bei den oben beschriebenen Appellen einen Minuspunkt eingehandelt, war zu jeder Sonderveranstaltung mitgenommen worden, was ja wohl auf gute bis sehr gute Führung schließen ließ. Ja doch, ich hätte ja in allen Punkten recht, nur diese Tatsache müsste in Leipzig bei der Jugendbehörde erstmal zur Kenntnis genommen werden, was während der großen Ferien ja kaum möglich wäre. Auch die Behörden würden jetzt größtenteils Ferien machen. Nach den Ferien, wurde ich vertröstet. So lernte ich noch das urwüchsige Lager-Zeltleben kennen. Auch nicht schlecht, dachte ich. Schrieb einen lieben Brief an meine Mutter und einen an G. und M., verbrachte ein Zeltlagerleben mit nächtlicher Wache am Dauerlager­feuer mit einem Luftgewehr bewaffnet, lernte Uferschwalben und deren riskante Bauweise kennen, durfte ihre stoische Ruhe bewundern, wie sie unverdrossen wieder neue Höhlen bau­ten sobald eine ganze Wand voller Nester ins Wasser abgerutscht war. Ich fing den ersten (einzigen) Hecht meines Lebens und Barsche jede Menge. Ruderte kilometerweit übers Wasser, um Frischwasser in Tonnen zu holen. Konnte mich an der Rettungsaktion beteiligen, um einen Erzieher und eines unserer kleinsten Mädchen aus dem Wasser zu fischen, weil das selbstgebastelte Paddelboot eben nur ein Paddelboot, aber nicht zum Segeln ausgetrimmt war. Oder einfach nur die Segel falsch bedient wurden? Wer kann das schon sagen. Der Erzieher, der die Blamage nicht eingestehen wollte, meinte jedenfalls, dass der Kiel des Bootes daran schuld sei, dass er das Boot zum Kentern brachte. Na ja, die Erwachsenen haben ja immer Recht. Sollen sie ja auch haben, ihr Recht. Nur, immer auf Kosten der Kinder, die sich dagegen schlecht wehren können? Gegen ihr Recht! Kinder müssen immer wieder feststellen, dass die Erwachsenen sich ihr eigenes Recht wie eine Hure zurechtlegen, damit es ihnen persönlich am besten be-(kommt!). Meine Hasskappe hatte ich bei G. und M. wieder abgelegt. Bald nach der Rückkehr vom Ferienlager begann ich wieder danach zu schielen.

Ich war hart gegen mich selbst.

Die wenigen, die über die Ferien nach Hause gedurft hatten, sofern sie eines hatten, ein Zuhause, schwärmten uns anderen davon vor. Merkten gar nicht, wie weh sie all den anderen taten, die keine Eltern(teile) mehr hatten. Oder, wie ich, nicht gedurft hatten. Die Schule begann wieder. Ich begann zu quengeln. Alles half nichts. Ich wurde vertröstet. Der russische Stadtkommandant, der seine Familie bei sich hatte, der sich kaum noch vorstellen konnte, wieder von seiner Familie getrennt leben zu müssen, der Krieg hatte ihn lange genug davon getrennt, über diesen Mann ließ ich meine diesmal unkontrollierte Post laufen. Mutter heulte sich die Augen aus, wie sie mir schrieb. G. und M. wurden schon etwas konkreter in ihrem Brief. Auch sie bemühten sich in Leipzig um meine Rückkehr. Wie es aber schien, ließ man mich wissen, hatten die Behörden gar nicht im Sinn, ihr Versprechen einzulösen. Man ließ G. gegenüber durchblicken, dass meine gute Führung lediglich zweckgebunden gewesen sei und keineswegs zu erwarten sei, dass ich im geordneten Leben bei einer Familie diese Führung auch bestätigen würde. Von daher sei es geboten, mich mindestens noch ein Jahr lang zu erproben. G. und M. besuchten mich dann kurz darauf auch noch heimlich in Weißwasser. Tatsache, so führten sie persönlich aus, sei aber, das hatte G. in der Eigenschaft als Polizistin erfahren, ohne dass die Auskunftsperson von unserem Verhältnis (der familiären Bindung, was dachten Sie denn?) wusste, man eigentlich nur noch eine geeignete Strafmaßnahme für mich suche. Das, was ich bisher angestellt hätte, könne ja letztendlich nicht auch noch belohnt werden. So! Jetzt wusste ich wenigstens, wo der Hase lang lief. Warum nur glaubten die Erwachsenen bei Kindern mit Lügen besser ihre Ziele erreichen zu können?

Und wieder die Hasskappe aufgesetzt

„Was, du willst nicht essen? Dann, bitte, blühe, wachse und gedeihe!“ Dieser Spruch, vom Tischende kommend, wo der jeweilige Erzieher saß, der gerade Dienst hatte, kam immer dann, wenn einer am Tisch quatschte oder sonst einen Unfug anstellte. Der so Aufgeforderte durfte dann den Rest der Mahlzeit hinter dem Stuhl stehend verbringen, egal ob er nun schon satt war oder gerade erst mit dem Essen begonnen hatte. Dieser Spruch erreichte mich in den letzten sieben Tagen bei allen drei Mahlzeiten. Ich durfte hinter dem Stuhl stehend mit ansehen, wie die anderen sich die Bäuche mit Essen voll schlugen, während ich der Heim­leitung noch nicht einmal die Genugtuung gab, mich bei Wassersaufen auf der Toilette erwi­schen zu lassen. Ich war hart gegen mich selbst. Ich hoffte, damit endlich etwas zu erreichen. Zumindest eine klare Aussprache über meinen weiteren Weg. Pustekuchen. Die waren ja noch sturer als mein ostpreußischer Dickschädel. Die zogen noch nicht einmal einen Arzt zu Rate. Am siebten Tag wurde es Ihnen anscheinend dann doch zu bunt. Zu jeder Mahl­zeit mussten wir uns gruppenweise in Reih und Glied aufstellen und im Gänsemarsch, sobald der Befehl dazu gegeben wurde, in den Speisesaal begeben. Es ging natürlich nicht an, dass etwas im Heim geschah, was dessen Ruf geschädigt hätte. Im Sozialismus wurden alle Kinder zu ordent­lichen Menschen erzogen, ohne dass sie einen Grund zur Klage hatten.

„Radfahrer“ fanden sich überall, wie es auch korrupte Beamte immer geben wird. Solch einen „Radfahrer“ hatten wir auch in unserer Gruppe. Den „Goldenen Lenker“ hatte er schon, jetzt wollte er sich nur noch die Pedale vergolden. Dieser Fiesling stand am siebten Tag beim Aus­rücken zum Abendessen in der Reihe direkt vor mir. Ein kurzer Ellenbogencheck nach hinten, genau in meine Magengrube, ließ mich die ganze Welt nur noch in rosa Licht erleben. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Hätte ich noch was im Magen gehabt, ich glaube ich hätte mich ausgekotzt. Ich schlief bis zum nächsten Morgen durch. Beim Frühstück hatte ich keine Widerstandskraft mehr. Man hatte mich wieder zur Räson gebracht. Alles stand wieder zum Besten. Glaubte man. Da ich mir bisher noch keine Gedanken über eine Flucht gemacht hatte, begann ich nunmehr darüber nachzudenken. Ich wollte aber nicht verduften, ohne mich für den gemeinen Ellenbogencheck revanchiert zu haben. Ich hatte noch einen ganz miesen Trick drauf, womit ich selbst den stärksten Mann dazu bringen konnte, nach meiner Pfeife zu tanzen. Ich erwähnte ja bereits, dass man im Leben manchmal ein wenig brutal sein muss, um sich durchboxen zu können. Ich wusste aber auch von der schwachen Blase, die mein erklär­ter Feind hatte. Dieses Wissen machte ich mir zunutze. Ich hielt mich bewusst eines nachts solange wach, bis mein Spezi zum Klo musste. Ich schlich hinter ihm her. Entschul­digen Sie bitte meine Hinterlist. Aber ich war gerade in die siebte Klasse versetzt, der Gegner aber hatte schon zweimal die gleiche Klasse durchlaufen und war bereits in der achten Klasse. Bedeu­tend größer und stärker. Kurz vor dem Klo trat ich ihm von hinten auf den Pantoffel, er kam ins Straucheln, ich gab ihm noch einen Schubs, er verlor das Gleichgewicht und seinen Haus­schuh, wie ich auch beabsichtigt hatte, ohne den mein Trick nicht geklappt hätte, und ich stürzte mich auf seinen nackten Fuß. Blitzschnell, anders geht es meistens schief, griff ich mit Mittel und Zeigefinger seinen großen „Onkel“ und umklammerte diesen fest. Etwas daran drehen, wie man das manchmal scherzhaft mit der Nase eines Kindes tut, und schon hatte ich einen ganz lammfrommen Bengel an meiner „Angel“. So, fest im Griff, konnte ich dem Bur­schen sogar verbieten zu jammern. Seine Tränen, die ihm aus den Augen schossen, gönnte ich ihm. Aufstehen lassen durfte ich ihn allerdings nicht. So musste er mit Hilfe seiner Hände und des einen freibeweglichen Fußes eben sehen, wie er meinen Wünschen nachkam. Ich musste ihn unbedingt nach draußen bringen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wirklich, nur ganz leise wimmernd, folgte er mir auf dem Fuße. Pardon! Auf zwei Händen und einem Fuß. Die Fahnenstange[8] auf dem Appellplatz war sehr solide gebaut. Mit einem zusätzlichen Strick, den ich dort schon wohlweislich versteckt hatte (es geht doch nichts über eine gute Planung vor der Tatausführung!) band ich den Bengel dort fachgerecht an der Fahnenstange fest, ohne zu vergessen, seine beiden großen Zehen, diesmal mit Schnürsenkeln, am Fahnenaufzugsseil zu befestigen. Damit er auf keine dummen Gedanken kommen konnte, stopfte ich ihm auch noch einen alten Socken ins Maul, verschnürte diesen mit einem weiteren Schnürsenkel um seinen Kopf. Den Socken spuckte er nicht aus! Davon konnten wir uns dann am nächsten Morgen alle überzeugen. Bevor ich ihn noch etwa zwanzig Zentimeter an der Fahnenstange hochzog, pisste ich ihn noch an. Ich wollte den Weg zur Toilette ja nicht noch einmal machen. Mein bisschen Urin macht den Kohl auch nicht fett. Am nächsten Morgen, als er von der ersten Erzieherin, die ihren Dienst antrat, gefunden wurde, hatte er sich selbst bepisst und seinen Schlafanzug vollgeschissen. Der darauffolgende Morgenappell fiel diesmal ganz anders aus als üblicherweise. Anstatt wie an jedem Morgen mit dem Pioniergruß – die rechte Hand alle fünf Finger geschlossen schräg über den Kopf[9] – dem Heimleiter zu melden, dass alle Kinder zum Appell angetreten seien, den Spruch des Tages vorlesen, und den „Fähn­richen“ zuzurufen „Hisst die Fahne“, worauf ein Fanfarenbläser losschmetterte und die Fahne hochgezogen wurde, anstatt den Tag damit zu beginnen, wurde ich in die Mitte des Karrees gerufen. Mir wurde das Rote Halstuch abgenommen und ich in aller Öffentlichkeit aus dem Verband der Thälmann-Pioniere verstoßen. Der Stadtkommandant soll geheult haben, als er davon erfuhr. Ich selbst habe das nicht mehr miterlebt. Schon am nächsten Tag, bis dahin wurde ich in der fensterlosen Wäschekammer eingesperrt, hatte man für mich eine neue Bleibe gefunden. Komisch, erst konnte man gar kein Heim für mich finden, dann stand plötzlich ganz schnell eines zu meiner Verfügung.

Im stillen Kämmerlein, wo es nach muffiger Wäsche roch, konnte ich mich schon mal innerlich von Weißwasser verabschieden.

  • Ein paar gute Freunde hatte ich gewonnen. Auch wenn ich ihnen mal die Bretter, die als Betteinlage dienten, des Abends so schräg gelegt hatte, dass sie nach ein paar Drehungen im Bette unweigerlich durchbrechen mussten. Was zur allgemeinen Erheiterung beitrug, selten bei dem Betroffenen selbst.
  • Man war auch schon mal unter eine andere Bettdecke gekrochen, hatte sich im Dunkeln Geschichten erzählt und … am Piephahn gespielt.
  • Man hatte den Mädchen im Dunkeln Fledermäuse in den Schlafraum geschmuggelt. Einer musste deswegen mal fast eine Glatze geschnitten werden, weil die arme verängstigte Fleder­maus sich mit ihren kleinen Krallen in ihrer Mähne verfangen hatte.
  • Man hatte fast allen Mädchen schon unter den Rock geschaut und mehr. Je nach Temperament hatte man etwas auf die Finger bekommen, oder auch nicht!
  • Die Lagerfeuerwache, zwischen zwei und vier, wo man beinahe eingeschlafen wäre, hätte es das Mädchen nicht so spannend gemacht, doch wach zu bleiben.
  • Die kleinen Zettelchen, die man hier und da erhielt, worauf meistens das gleiche stand – „Willst du mit mir gehen?“ oder –   „Ich liebe dich!“… Unterschrift. Ja, Monika Feurig (so hieß sie wirklich!), Brigitte Zabel und und … ich habe euch alle geliebt! Auf meine Art. Meine kindhafte Art! Diese Art von Liebe, die nur in der Kindheit so problemlos ist, wie sie ist!
  • Auch dich, kleiner Wolle, habe ich geliebt. Du hattest niemanden mehr auf der Welt. Du warst eines von den Vollwaisenkindern in Weißwasser. Du liefst mir überallhin nach. Ich habe dich beschützt, weil du, zwar schon 15, aber noch kleiner warst als ich. Ich konnte deine Liebe verstehen, die du den Tieren entgegen gebracht hast. Woran solltest du deine Liebe sonst hängen? Du bekamst keins dieser Zettelchen von einem der Mädchen. Weißt du, die Mädchen schauen zu oft nur nach dem Äußeren, oder auf das, was du bist. Deine inneren Werte wurden übersehen. Aber auch ich musste schon mal über dich lachen. Du hattest dir eine Ringelnatter als Haustier erkoren, diese des Nachts sogar in dein Bett geschmuggelt. Hast Fakir mit ihr gespielt, sie dir um den Hals gewickelt. Eine Zeitlang hast du mit der Schlange sogar etwas Eindruck bei den Mädchen gemacht. Bis sie erfahren mussten, dass dieses Reptil vollkommen ungefähr­lich ist. Zumindest solange, wie man nicht allergisch dagegen ist. Durch den direkten Hautkontakt mit der Schlange, jemanden anders hattest du ja nicht zum Berühren, sahst du bald wie ein Streuselkuchen aus. Das war auch der einzige Grund, weshalb ich jemals über dich gelacht habe.
  • Bald würdet ihr den besten Luftgewehrschützen unter euch ausmachen können. Gegen mich hattet Ihr keine Chancen. Ich traf einfach alles, ob es eine Streichholzschachtel war, oder einen hüpfenden Frosch, die Wachskugeln schlugen überall dort ein, wo ich hinschaute. Ein Naturtalent nannte man mich.

In der Wäschekammer, wo ich eine fast schlaflose Nacht verbrachte, setzte ich auch wieder meine Hasskappe auf. Hass in mir auf die Erwachsenen im Allgemeinen, kam hoch. Kaum einer hatte etwas dagegen unternommen dem Schleckelhuber[10] das Handwerk zu legen. Ohne die Millionen Mitläufer wäre es nicht zu dem gekommen, dass ich aus meiner behüteten Familie und meiner angestammten Umgebung, Heimat genannt, gerissen worden wäre. Mir wäre eine normale Entwicklung meiner Kindheit beschieden gewesen. Eure Herrenmenschen­träume sind zusammengebrochen, aber die Manieren nach dieser katastrophalen Niedertage habt ihr nicht abgelegt. Wenn ihr schon nicht andere Völker unterdrücken konntet, so konntet ihr doch wenigstens euer Mütchen an den unschuldigen Kindern auslassen, die ihr erst in diese Lage gebracht hattet. Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich und raubten mir den Schlaf.

Verabschieden von meinen Leidensgenossen konnte ich mich am nächsten Tag auch nicht mehr. Sie waren in der Schule, als ich abgeholt wurde. Viele aber hatten sich am Abend und bis in die Nacht hinein an meine Türe geschlichen und mir alles Gute gewünscht.

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fwasser/Oberlausitz  hier: http://heimkinder-forum.de/v4x/index.php/Thread/15487-Wei%C3%9Fwasser-Kinderheim-Makarenko/ oder hier: http://www.kinder-heim.de/board1818-virtuelle-stadt-der-heimkinder/board1851-wohngebiet/board1732-spezialkinderheime-der-ehemaligen-ddr/board1735-spezialkinderheime-von-r-bis-z/board1804-spezialkinderheim-wei-wasser-maxim-gorki/

[2] Schulz: Später wird man lesen können, dass ich mit offener TBC und drei Löchern in der Lunge in einer Heilstätte landete.

[3] http://www.zeit.de/1954/13/der-ostzonale-thaelmann-film https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann_%E2%80%93_F%C3%BChrer_seiner_Klasse

[4] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html https://de.wikipedia.org/wiki/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Jungvolk

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCder,_zur_Sonne,_zur_Freiheit

[7] Schulz: Woanders sonst, als eben staatlich?

[8] Schulz: Die stand 1990 bei meinem Besuch immer noch dort.

[9] http://www.ddr-geschichte.de/Bildung/Schule/Pionierorganisation/pionierorganisation.html

[10] gemeint ist Schicklgruber, eine Lächerlichmachung Adolf Hitlers mit Bezug auf den ursprünglichen Namen seines Vaters. https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Hitler

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/ 04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/ PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  PDF: 06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/     PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/ PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/ PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/     PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                           PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                            PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                                PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Wie geht es weiter?

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Was kam nach der Befreiung? Wir, die Kinder der Eingeborenen von „Trizonesien“

Posted in BRD, Geschichte by dierkschaefer on 8. Mai 2015

»Man redete, um nicht zu erzählen.«[1]

»Im Nachhinein denke ich, daß alle in der Nachkriegszeit solche Gespräche brauchten, denn die bei Verwandtenbesuchen waren ähnlich. Gespräche als Narkotikum. Sie lenkten von der tristen Realität ab, selbst wenn über die Fürchterlichkeiten der Vergangenheit gesprochen wurde. Doch soweit diese Fürchterlichkeiten nicht lange zurücklagen, betrafen sie nicht die der Nazizeit[2]. Da war nur die Rede von den Fliegeralarmen, von Bunkergeschichten oder von den Hamsterfahrten. Es war eine Gesellschaft aus Tätern, Tatgehilfen, Mitläufern und Mitwissern, zutiefst verkommen. Man redete, um nicht zu erzählen.[3] Dafür dröhnte aus dem Radio – und wir sangen mit – Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien[4]. Es war die Selbstbemitleidung und –exkulpierung einer Verbrechensgesellschaft,[5] und trotz rheinischer Fröhlichkeit eine bleierne Zeit«[6].

[1] Zitate aus: http://www.lebensraum-linden.de/inhalt/datei.php?id=OTAyMDAxMDUwOy07L3Vzci9sb2NhbC9odHRwZC92aHRkb2NzL2xpbmRlbi9saW5kZW4vbWVkaWVuL2Rva3VtZW50ZS8zX3Vuc2VyX3RheGlfdW5kX2RpZV9tb3Jkc2FjaGVfdW50ZXJiZXJnLnBkZg%3D%3D

[2] »Für später Geborene ist es kaum nachvollziehbar, worüber man alles nicht sprach, nicht einmal in den Familien. Stattdessen gab es – freilich nicht wenig – realen Stoff für Klagen (nicht heimkehrende Kriegsgefangene, Bombenterror, Flucht und dann Vertreibung, Hunger und Kälte, keine Informationen über den Verbleib von Gefallenen), begleitet von einem – den Besatzungsmächten bald auffallenden – übertriebenen Selbstmitleid und großem Unwillen, zur Kenntnis zu nehmen, wie viel Verbrechen, Leid und Elend das nationalsozialistische Deutschland ringsum und in der eigenen Mitte anderen zugefügt hatte«. http://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg_in_Deutschland

[3] Als ich in den 90er Jahren mit meiner Mutter in Yad Vashem war, bekam sie einen Schwächeanfall – und sie hat mir nicht leidgetan. http://de.wikipedia.org/wiki/Yad_Vashem

[4] Es lohnt sich, den Link anzuklicken: http://de.wikipedia.org/wiki/Trizonesien-Song und Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind. http://www.rcaguilar.com/lieder/texte/allealle.htm Das war 1952, als die Bundesrepublik in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft eintrat.

[5] Kinder waren brutaler und trieben den armen „Floh-am-Hacken“ mit dem Ruf Fliegeralarm durch die Straße. Ich habe es selbst gesehen – und zum Glück nicht mitgemacht. Michael Jürging, Wer war „Floh am Hacken“, http://www.lebensraum-linden.de/internet/page.php?site=902000496&typ=2&rubrik=902000001

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Die_bleierne_Zeit

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Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft by dierkschaefer on 2. März 2015

Sogar vom Tegernsee aus gesehen bringt dieser Artikel Geschichte und Gegenwart – vielleicht auch die baldige Zukunft auf eine plausible Reihe[1]. Immerhin ist dem Autor wenigstens »aus Gesprächen mit Kindern aus weniger begüterten Familien bewusst, dass ihre Jugend und das Leben ihrer Eltern deutlich weniger erbaulich waren. Nicht überall waren die Villen gross und die Gärten üppig, und auch die Blocks und Hochhäuser, die woanders gebaut wurden, mussten wohl Bewohner gehabt haben, die nicht neben dem See lebten. Und wer meint, es hätte damals mehr soziale Gerechtigkeit gegeben, den verweise ich gerne auf die bayerischen Übertrittszahlen zu den Gymnasien: Da wurde so lange und so brutal gesiebt, bis wirklich nur noch die Kinder der alten Akademiker und der Funktionselite übrig blieb. Der letzte Kalte Krieg und die damit verbundene Gesellschaft hatten auch ihre Schattenseiten und Opfer, und auch Profiteure in der Rüstungswirtschaft, Atomkraft und Infrastruktur, für deren krasse Fehlentscheidungen wir auch heute noch, im nächsten Kalten Krieg, zahlen müssen.«

Wer nicht zu den Begüterten oder Betuchten gehört hat, um Begriffe aus der Vor-vorkriegszeit zu benutzen, – oder war das noch einen Krieg zuvor? – wer also zu den Total- oder doch fühlbar Zukurz-Gekommenen gehört hat, sollte sich diese ironische Zeitanalyse nicht entgehen lassen. Es war nie alles Gold, was glänzte, doch im Glanz lebt(e) es sich angenehm(er). Wenn wir Pech haben, erleben wir den Zahltag noch, unsere Kinder bestimmt.

„Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!“[2]

[1] http://blogs.faz.net/stuetzen/2015/02/28/die-heisse-oma-und-der-neue-kalte-krieg-5018/ Montag, 2. März 2015

[2] Mir als Nachkriegskind hatte sich dieser saloppe Spruch im Kopf festgesetzt. Von wem er war, wusste ich nicht mehr. Doch Googeln macht schlau: http://www.tagesspiegel.de/kultur/vorkriegszeit/377600.html – Auch ein trefflicher Artikel.

Und wenn Sie mögen, schauen Sie auch noch hier nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg_in_Deutschland , es lohnt sich.