Dierk Schaefers Blog

Helmut Jacob ist tot – Ein Nachruf

Er war ein unerschütterlicher Kämpfer für die Sache der ehemaligen Heimkinder – und er war selber eins. Doch trotz eigener Betroffenheit war er abgewogen in seinem Urteil und auch in den Verurteilungen. Das habe ich an ihm geschätzt und ich bin traurig, dass er so früh, mit 67 Jahren, an seinem Geburtstag, gestorben ist. Noch sechs Tage vor seinem Tod schrieb er einen Nachruf auf Lisa P., und beschrieb damit auch seinen Einsatz für sie.[1]

Gesehen habe ich ihn nie, ein- oder zweimal mit ihm telefoniert. Aber unser Mailkontakt war sehr rege. Hauptthema natürlich die ehemaligen Heimkinder, wie man damals mit ihnen  umgegangen ist und wie sie von den Vertretern aus Staat, Kirchen und ihren Sozialeinrichtungen mit der willigen Hilfe von Frau Dr. Antje Vollmer, Pfarrerin, über den Runden Tisch gezogen wurden.

Die Stimme der geschlagenen Kinder, nannt ihn die Westfalenpost. Sein Leserbrief an die kirchliche Wochenzeitung „Unsere Kirche“ im Frühjahr 2006 hatte die Lawine los getreten. „Die Hölle von Volmarstein“ lag plötzlich nicht mehr im Verborgenen. »Helmut Jacob aus Wengern erinnerte an die wehrlosen Kinder, die in der damaligen Krüp­pel­anstalt an Leib und Seele misshandelt worden waren. Übertriebene Fantasien eines Opfers, späte Rache oder einfach nur Nestbeschmutzung? Ein paar Jahre später bescheinigten zwei Historiker, dass es in der Hölle von Volmarstein noch schlimmer zugegangen war als von Helmut Jacob geschildert. Das Buch liegt vor, dutzende von Leidensberichten auch. Und doch geht der Kampf weiter, den die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006 vor ziemlich genau zehn Jahren aufgenommen hat. … Helmut Jacob war selbst einer von denen, die in dem Heim von Diakonissen klein gemacht wurden. „Der Umfang der Gewalttätigkeiten reichte vom morgendlichen Blauschlagen kleiner Finger mit dem Krückstock bis dahin, dass die Kinder ihr eigenes Erbrechen essen mussten.“ Neben fünf äußerst gewalttätigen Schwe­stern „war der allerschlimmste Satan eine schwerstbehinderte Lehrerin, die mit ihrem ortho­pä­dischen Hilfsmittel, dem Krückstock, die Kinder manchmal bis zur Besinnungslosigkeit schlug.“«[2]

Erst spät konnte Helmut Jacob sich dazu durchringen, das Almosen zu akzeptieren, das von den Medien immer fälschlich „Entschädigung“ genannt wird. In unserem Urteil über die mafiöse Kumpanei von Staat und Kirchen waren wir uns einig. Doch aus der Kirche trat er erst aus, als auch sein Gemeindepfarrer sich als große Enttäuschung erwies. Trotz all dieser Erfahrungen verstand er sich als Christ[3] und hätte gern eine Kirche gehabt, die über „Betroffenheitsgestammel“ hinaus (seine Wortschöpfung) sich durch Taten wieder ehrlich macht. Doch niemand raffte sich auf, den ehemaligen Heimkindern die Angst zu nehmen, wieder in ein Heim, nun Alten- oder Pflegeheim zu kommen, sondern durch Assistenzleistungen in vertrauter und nicht fremdbestimmter Umgebung bleiben zu können.

Durch seinen frühen Tod blieb er davor bewahrt.

 

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung. Als die erste Homepage der Volmarsteiner Heimkinder[4] „voll“ war, wies ein Eintrag auf die zweite hin[5] (inzwischen sind es drei[6]): »Diese „alte” Homepage bleibt im Netz. Sie ist ein Dokument der Zeit. Sie dient der Forschung und Mahnung. Freie Arbeitsgruppe JHH 2006« Die Daten der ersten Homepage wurden der Veröffentlichung über Volmarstein[7] als CD beigelegt. Helmut Jacob wollte nicht, dass die Erinnerung an die Demütigungen, Misshandlungen und den sexuellen Missbrauch verschwinden, auch nicht die Verweigerung von Bildung. Seine Texte im Internet sind das würdige Denkmal für diesen unerschrockenen, einsatzbereiten Menschen, für Helmut Jacob.

Fußnoten

[1] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2017/10/lisa-p.ist-tot-mein-personlicher-nachruf.html

[2] https://www.wp.de/staedte/herdecke-wetter/stimme-der-geschlagenen-kinder-aus-volmarstein-id11882715.html

[3] So bat er mich regelmäßig um einen Weihnachtsgruß an seine Volmarsteiner Gruppe. Hier der von 2016: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/08/weihnachten-eine-illusion-ein-weihnachtsgruss-fuer-kirchengeschaedigte/

[4] http://www.gewalt-im-jhh.de/

[5] http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/index.html

[6] http://www.gewalt-im-jhh.de/hp3/index.html

[7] Rezension: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

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Fritz Roth ist tot – Ein Nachruf auf einen besonderen Menschen.

Posted in Kirche, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 17. Dezember 2012

Gestern abend noch finde ich in der Post den Jahresgruß von Fritz Roth – wie immer selbst konzipiert: Thema Sterben. Heute früh lese ich, daß er einem Krebsleiden erlegen ist. Sein Jahresgruß hatte also seine ganz existentielle Komponente.

Fritz Roth gehörte zu den wenigen besonderen Menschen außerhalb des eigenen Familienkreises, von denen ich sagen kann. Es hat mir gutgetan, daß ich ihn kennengelernt habe.

Das sagt man von Bestattern wohl selten, selbst wenn sie ihren Job gut gemacht haben. Doch Fritz Roth machte keinen „Job“. Er hatte eine Mission und er wurde gehört, weil es an der Zeit war, Tod und Trauer nicht den Experten zu überlassen. Ich habe solche Experten einmal Periletalexperten genannt. Sie sind Fachleute um das Todesgeschehen herum und ihre spezialisierte Fachkunde läßt sie oft die eigene Sterblichkeit vergessen. Sie machen in der Regel ihren Job ordentlich, sogar gut, aber gegenüber den Trauernden sind sie oft hilflos. Fritz Roth markiert einen Wendepunkt nicht nur im „Bestattungsgeschäft“. Er hat das Todesgeschehen und die Trauer wieder sprachfähig gemacht. Das war notwendig und das hat uns zusammengeführt.

Unvergeßliche Momente: Im Museum für Sepulkralkultur berichtete er mit seinem rheinischen Humor von einer alten Dame, deren sehnlichster Wunsch es war, noch einmal auf dem Rhein am Kölner Dom vorbeizufahren. In Umgehung sämtlicher Bestattungsvorschriften setzte er sich mit der Urne und dem Neffen, dem einzigen Hinterbliebenen, ans Rheinufer, „und so haben wir über die Tante gesprochen und sie schüppchenweise am Dom vorbeischippern lassen“.

Doch es geht nicht nur um solche „Döntches“. Fritz Roth hat Trauer und Tod noch mehr abgewinnen wollen. 1999 organisierte er ein großes, gut besuchtes internationales Symposium: Sterben, Tod und Trauer: Impulse zur Erneuerung von Ethik und Spiritualität?. Für sein Bestattungsunternehmen hätte er das nicht gebraucht. Sein Chauffeur, der mich vom Flughafen abholte, meinte, die Bestatterkollegen hielten so etwas für Spinnereien.

Sicherlich möchten nicht alle Hinterbliebenen die Leiche von Opa möglichst lange daheim lassen, vielleicht sogar bei der Leichenwäsche selber mithelfen, oder aber im Haus der menschlichen Begleitung Abschied nehmen, wo die Kinder Opas Sarg bemalen und ihm auf ihre Weise à-dieu sagen können. Doch das Thema ist angekommen. Immer mehr Bestatter haben verstanden, daß sie nicht nur Bestatter, sondern Trauerbegleiter sein müssen. Hoffentlich wird das aber keine „Geschäftsidee“. Fritz Roth hat seine Idee überzeugend gelebt. Seine Wanderausstellung der „Koffer für die letzte Reise“ tourt seit sechs Jahren durch Deutschland. Erst kürzlich hat eine Freundin dabei meinen Koffer in der Berliner Gedächtniskirche entdeckt.

Als Pfarrer gehöre auch ich zu den Periletalexperten und muß selbst- wie zunftkritisch sagen, daß wir von Fritz Roth vieles lernen mußten und noch vieles lernen können. Fritz Roth war für uns und für die ganze Gesellschaft ein Leuchtfeuer. Er sei friedlich, zufrieden und im Einklang mit sich eingeschlafen, berichten die Angehörigen.

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»Schwarze Pädagogik« – Ein Nachruf auf Katharina Rutschky

Posted in heimkinder, News, Pädagogik by dierkschaefer on 16. Januar 2010

»Schwarze Pädagogik« – Ein Nachruf auf Katharina Rutschky

Am Donnerstag dieser Woche, so vermeldet die Zeitung, starb Katharina Rutschky.

Ihre »Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung« mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel »Schwarze Pädagogik« stand schon lange, und wie vieles nur angelesen in meiner Bibliothek, bevor ich mit Katharina Rutschky in Kontakt kam. Das war über ein ganz anderes Thema, für das sie sich beherzt zwischen alle Stühle gesetzt hatte. Ich plante 1994 eine Tagung, in der es auch um das Thema »Mißbrauch mit dem Mißbrauch« ging. »Sexueller Kindesmißbrauch in der Familie – ein Vorwurf und seine Folgen« war der Tagungstitel. Das war ein mutiges Unterfangen, doch das wußte ich anfangs noch nicht, sollte es aber bald erfahren. Zu den unerschrockenen Unterstützern gehörte Katharina Rutschky, und sie wußte schon, in welche Nesseln ich mich gerade begab. (siehe: »Zu den Folgen des Vorwurfs „Kindesmißbrauch“«, epd-Dokumentation No: 40/95).  Sie gab mir am Telefon bereitwillig und engagiert Auskunft und empfahl Referenten. Wir haben mit ihr eine mutige Frau verloren, die sich beherzt gegen manche Strömungen der Zeit stemmte.

Ihr Tod war mir Anlaß, wieder einmal in ihre Textsammlung zur Schwarzen Pädagogik zu schauen. Allein die Überschriften der einzelnen Quellenbeiträge lassen mich erschaudern: Fast das ganze Spektrum der Heim-„Erziehung“ in der Nachkriegszeit ist in diesen historischen Texten vorgezeichnet, nur wenige Texte stammen aus dem ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, alle anderen sind älter. Sie dokumentieren die Angst vor dem Kind, das mit Zwang gebändigt und zivilisiert werden muß. Und sie dokumentieren die Selbstüberhöhung des Erziehers, der nach Blaschke (1828) »ein Organ der Gottheit« ist. Die Sorte von Gottheit haben die ehemaligen Heimkinder zur Genüge kennen gelernt. Sexueller Mißbrauch allerdings kommt in den Quellentexten nicht vor, denn Gottheiten sind asexuell, und die Erzieher müssen Götter bleiben. Doch ansonsten: Die Erziehung ist »ein ewiger, doch Heiliger Krieg«, so Sailer (1809). Das Kind und seine Triebhaftigkeit sind eine Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft. Bis zur Infibulation für pubertierende Jungen gehen die Anregungen.

»Aufsicht ist der Nerv der Erziehung« schrieb August Hermann Francke 1722 – und damit geraten wir schon in ein Dilemma. Aufsicht heißt neudeutsch »monitoring« und wird nicht ohne Grund als wichtig für die Kriminalprävention bei Kindern und Jugendlichen gesehen. Kindgerechte Pädagogik, die auf ein gelingendes Leben vorbereiten soll, bleibt unsere Aufgabe an den Kindern. Doch dazu bedarf es keiner Schwarzen Pädagogik, sondern der Achtung der Kinderrechte und unserer liebevollen Zuwendung. Zur Abschreckung lohnt es sich, Katharina Rutschky’s Buch zu lesen.