Dierk Schaefers Blog

Die ethnische Säuberung Palästinas[1]

Posted in Geschichte, Politik, Staat, Theologie by dierkschaefer on 10. Mai 2021

Vorweg: Dies Buch rührt auf und verstört. Warum? Wir Christen, besonders wir Theologen und besonders in Deutschland haben, wie ich sehe, eine positive Grundstimmung gegenüber Israel und seinem Staat.[2]Die geht so weit, dass der Kollege Stefan Meißner fragt: „Wenn es also grundsätzlich legitim ist, Geschichte rückblickend theologisch zu deuten, dann fragt man sich, warum sich die EKD auch 60 Jahre nach der Staatsgründung Israels noch immer ziert, hier von einem Handeln Gottes zu sprechen“.[3]

Worum es geht, sagt der Titel des Buches. Die Brisanz erwähnt der Autor im Grußwort:

»Viele meiner palästinensischen Leser empfanden es offensichtlich so, dass das Buch ihrer persönlichen und kollektiven Geschichte während der Nakba[4] und danach gerecht wird. Bei israelischen Lesern und Unter­stützern Israels überall auf der Welt rief das Buch massive Ablehnung und scharfe Kritik hervor. Tatsächlich ist es nicht nur kein neutrales sondern gleichzeitig auch ein historisch-wissenschaftliches Werk, das von einem Israeli geschrieben wurde, der eine moralische Ver­pflichtung empfindet, der Welt aus einer tiefen Überzeugung heraus zu erzählen, was dem palästinensischem Volk geschehen ist, dass die Leugnung der Nakba einer der entscheidenden Gründe ist für den Misserfolg der Friedensbemühungen in Israel und Palästina.«[5]

Mit überwältigender Fülle von Belegen beschreibt der Autor die Landnahme von 1948, angefangen von der Vision Theodor Herzls[6]: „Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen, aber in unserm eige­nen Lande jegliche Arbeit verweigern. Die besitzende Bevölkerung wird zu uns übergehen. Das Expropriationswerk muß ebenso wie die Fortschaffung der Armen mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen.“[7]

Doch an die Stelle von Zartheit und Behutsamkeit trat eine brutale ethnische Säuberung. »Ethni­sche Säuberung ist kein Völkermord, geht aber mit Gräueltaten wie Massenmorden einher. Tausende Palästinenser wurden bestialisch von israe­lischen Soldaten aller Schichten, Ränge und Altersgruppen ermordet. Trotz der überwältigen­den Beweise wurde keiner dieser Israelis je wegen Kriegsverbrechen verurteilt.«[8]

Diese plan­ge­steuerte Säuberung wird in zwölf Kapiteln detailliert dargestellt. Ich will es überspitzt sagen: Abgesehen von Gaskammern und der gezielten Tötung von Frauen und Kindern ist von jüdischer Seite alles geschehen, was die Juden in ihrer leidvollen Geschichte als Opfer erlebt haben, auch die Enteignungen, die Entrechtung und das Bemühen, die Ver­gan­genheit im Sinne der Sieger zu definieren. Das muss hier nicht im Detail wiederholt werden, man lese selbst nach.

Die Fülle von Belegen habe ich nicht überprüft, doch sie scheinen angesichts der genannten Quellen weithin als seriös. Eine deutliche Bestätigung der Darstellung der ethnischen Säube­rung bietet eine andere Säuberung, von der die FAZ berichtet: »Recherchen der Zei­tung „Haa­retz“ ergaben, dass israeli­sche Behörden Hunderte von Dokumen­ten, die diese Ereig­nisse betreffen, seit mehreren Jahren nachträglich verschlos­sen haben. Das Verteidi­gungs­ministeri­um habe Aussagen von Offizieren über ge­tötete Zivilisten, Vergewaltigungen und Zerstörung palästinensischer Dörfer als ge­heim eingestuft, … Der bis 2007 am­tierende Malmab-Direktor[9] Yehiel Horev ließ sich mit den Worten zitieren, es sei sinnvoll, die Doku­mente über Gescheh­nisse von 1948 vor der Öffentlichkeit zu verbergen, denn eine Offen­legung könne Unru­hen im arabischen Teil der Bevölke­rung auslösen. Auf die Frage, warum auch Doku­mente, aus denen Forscher be­reits öffentlich zitiert haben und über die Bücher geschrieben wurden, nachträg­lich als geheim eingestuft werden, die Ge­schichte also bereits erzählt sei, antwortete Horev: Ziel sei es, die Glaubwürdigkeit von Studien zu unter­graben, die sich mit der Geschichte des palästinensischen Flüchtlingsproblems auseinander­setzen.« [10]

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Eine Überlegung noch: Gewalttäter, z.B. Kindesmissbraucher, haben, wie man liest, oft ver­gleichbare Erfahrungen in ihrer eigenen Kindheit gehabt. Kann es sein, dass ein ganzes Volk, bzw. eine Religionsgruppe aus den jahrhundertelangen Drangsalierungen, Pogromen, Plün­de­rungen und Vertreibungen gelernt hat, sich mit vergleichbaren Methoden einen Lebensraum zu erobern und zu halten? Aber von einem Handeln Gottes zu sprechen[11] halte ich für Blas­phemie.

Als Leser dieses Buches nehme ich die bittere Erkenntnis mit, dass es keinen Frieden in Nah­ost geben wird, bevor Israel seinen Anteil an den Kriegsverbrechen anerkennt, Kompensatio­nen leistet und den Opfern an prominenter Stelle in Jerusalem ein Denkmal setzt.

„Nächstes Jahr in Jerusalem“? Wohl kaum.


[1] Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas, Westend-Verlag, mit einem Grußwort zur deutschen Ausgabe 2019 von Ilan Pappe,

dazu auch: https://www.amazon.de/review/RZY2DK17MSN3M/ref=pe_1604851_66412761_cm_rv_eml_rv0_rv

[2] Dazu: Erinnerung und Identität – Zur Bewältigung deutscher Vergangenheit in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext, von: Dierk Schäfer, Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 9/2018, http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4563

[3] Deutsches Pfarrerblatt, Ausgabe: 6 / 2013, S. http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=3061

[4]Hinzugefügt von mir: https://de.wikipedia.org/wiki/Nakba

[5] Ilan Pappe, S. 5f

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Judenstaat

[7] Zitiert nach: https://de.wikiquote.org/wiki/Theodor_Herzl , übrigens: eine interessante Sammlung

[8] Ilan Pappe, S. 261

[9]„Die Abteilung Malmab ist im israelischen Verteidigungsmi­nisterium dafür zuständig, Spionage und das Entrinnen sensibler Dokumente zu verhindern“ FAZ. Hinzugefügt von mir: https://en.wikipedia.org/wiki/Director_of_Security_of_the_Defense_Establishment

[10] Jochen Stahnke, Die Massaker sollen wieder Geheimsache werden, Israels Verteidigungsministerium sperrt Dokumente über Vorgehen gegen Palästinenser 1948 / FAZ, Donnerstag, 25. Juli 2019, S. 4

[11] > Anmerkung 3