Dierk Schaefers Blog

Ein unverbesserlicher Nazi und seine Kinder

Posted in Geschichte, Weltanschauung by dierkschaefer on 30. April 2014

Nur von der Struktur her ist der Fall Mallach typisch. Ungewöhnlich ist aber manches. Immerhin machte Hans Joachim Mallach, ehemaliges Mitglied der SS und der Prätorianergarde[1] Hitlers, er hatte sich freiwillig dazu gemeldet[2], in der Bundesrepublik Karriere als Gerichtsmediziner und der Zufall wies ihm eine bedeutende Rolle zu: Er obduzierte die Leichen der RAF-Häftlinge[3] und nahm ihnen als persönliche Trophäe die Totenmasken ab. Doch nach dem Urteil und den Erfahrungen seiner Söhne war er Nazi geblieben. Das ist jedoch der spezielle Teil einer bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Der allgemeine Teil, die Erziehung seiner Kinder und deren Auflehnung gegen den Nazi-Vater gehört zur Normalität der Geschichte von Nachkriegskindern.

 

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4torianer

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/1._SS-Panzer-Division_Leibstandarte-SS_Adolf_Hitler

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25448057.html

»Erst jetzt, mit größerer zeit­licher Distanz zu Ereignis­sen und Personen, kommt die Forschung in Gang«.

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kriminalität, Politik, Soziologie by dierkschaefer on 31. Dezember 2013

Die billigste Form der Vergangenheitserhellung soll das Image aufpolieren, – peinlich und blamabel![1] So schrieb ich vor wenigen Tagen hier im Blog. Es ging um die Aufarbeitung der Nazi-Unterstützung durch die evangelischen Kirchen in Schleswig-Holstein.

Doch dieser Vorwurf gilt nicht nur den genannten Kirchen. Das Verfahren scheint eine Art soziales Naturgesetz für die Aufarbeitung „unangenehmer“ Vergangenheiten zu sein.

Andreas Wirsching, Direktor des Münchner Instituts für Zeit­geschichte, wird heute dazu in der FAZ zitiert: Er »nannte den Generationen­wechsel als wichtigen Grund dafür, war­um es vielfach erst jetzt dazu kommt: „Das Schwinden persönlicher Loyalitäten ist eine notwendige Voraussetzung für die historische Distanzierung und die damit mögliche kritische Aneignung und Aufar­beitung von Geschichte. Wenn einflussrei­che Persönlichkeiten noch institutionell und durch persönliche Wirkung dominie­ren, vermag meist auch ihr Narrativ das Bild der eigenen Geschichte zu prägen.“ Bewunderung, Abhängigkeit und Loyali­tät des Umfeldes verhinderten in solchen Fällen die kritische Distanzierung«[2].

Solche persönlichen Loyalitäten mögen im positiven Fall eine soziale Beißhemmung  sein, ähnlich wie man dunkle Punkte in der Familiengeschichte gern im Dunkel hält. Doch wenn die Folgegeneration mit Rücksicht auf ihre Karriere die Tätergeneration schützt, indem sie die Augen verschließt, dann ist diese Beißhemmung egoistisch motiviert und darf mit Fug und Recht Korruption genannt werden.

Doch was in der Nachkriegszeit unter Forschern endemisch war, funktioniert heute nicht mehr. Wir müssen nicht mehr auf die Geschichtsschreibung warten, müssen nicht warten, bis die Ohrenzeugen der Augenzeugen verstummt sind.[3] Wir dokumentieren die Geschichte als Erlebenszeugen zeitnah im Netz, das so leicht nichts „vergißt“.


[2] FAZ Dienstag, 31. Dezember 2013: Michael Martens, Nur mit den Wölfen geheult? – Die deutsche Südostforschung und ihre NS-Vergangenheit

Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge

Posted in Geschichte, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 16. Dezember 2013

Dieses amerikanische Sprichwort fiel mir beim Spaziergang durch die Gartenanlage der Diakonie Kork ein[1]. Ein ästhetisch ansprechendes Denkmal erinnert an „113 Menschen, Erwachsene und Kinder“ die 1940 „unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft weggeholt und umgebracht [wurden], weil sie behindert waren“[2]. Dieses wird wohl korrekt dargestellt sein. Auf der Homepage der Einrichtung ist nichts darüber zu finden. „Unsere Einrichtung wurde im Jahr 1892 als „Heil- und Pflegeanstalt für epileptische Kinder“ gegründet. Entsprechend der begrenzten Möglichkeiten einer medikamentösen Beeinflussung von Anfällen stand über viele Jahrzehnte der Pflegeaspekt im Vordergrund“. Und dann geht es nahtlos über zu 1967: „Eine neue Ära begann 1967…“[3].

Aus der Ära davor stammt der Wandspruch Gott der Herr ist Sonne und Schild [4]. War er aber nicht für die Heim-Insassen. Die waren zwar Schutzbefohlene, und doch wurden sie damals nicht geschützt, sondern weggeholt, ins Gas oder zur Todesspritze. Wer sie wegholte, ist klar, aber warum wurden diese 113 Menschen, Erwachsene und Kinder, von niemandem geschützt?

Es geht hier nicht um Anklagen gegen die Generation, die in einer fürchterlichen Zeit lebte und den nötigen Mut nicht aufgebracht hat. Wir wissen nicht, ob wir mutiger gewesen wären. Aber: Warum gehen die heute Verantwortlichen der Einrichtung nicht mutiger mit dieser Geschichte um?

Wir bilden aus, wir bilden weiter, heißt es auf der Homepage. Eine „Evangelische Fachschule für Heilerziehungspflege“ ist Bestandteil der Diakonie Kork.[5] Wenn die Auszubildenden nicht erfahren, was der Anteil der Anstalt an der Verschleppung und Ermordung der anvertrauten hilflosen Personen ist, wie sollen sie dann ihre Verantwortung ermessen, die weiter gefaßt sein kann, als die jeweils aktuelle Gesetzeslage und die Machtverhältnisse es nahelegen?

 

„Wir lassen uns mahnen, das von Gott Gegebene zu achten, zu lieben und zu fördern, gerade wenn es schwach und krank ist“, steht auf der anderen Seite der Stele. Doch ein ansprechend gestaltetes Denkmal „klingt“ hohl, wenn die Schuldseite aus der Vergangenheit schamhaft verschwiegen wird.