Dierk Schaefers Blog

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

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Kein Wort über Prügelexzesse, kein Wort über sadistische Foltermethoden

… in der Erziehung von Kindern in kirchlichen Einrichtungen.

  • Kein Wort über Vertuschung oder gar gerichtliche Drohungen gegen die Opfer.
  • Kein Wort über die Leibfeindlichkeit, die bis heute Sexualität stigmatisiert, soweit sie nicht im Rahmen katholischer Sexualethik stattfindet.

Wohl Worte über das überforderte, fachlich nicht ausgebildete Personal der damaligen Zeit, aber …

  • kein Wort zu deren katholisch konditionierten Lebensbedingungen, die vielfach von falschem Gehorsam und unterdrückten Sexualwünschen durchtränkt waren. Darum …
  • kein Wort über Prügelnonnen, die Stöcke und Kleiderbügel auf dem Rücken der Heimkinder zerschlugen, …
  • kein Wort über notgeile Priester und Mönche,
  • kein Wort über Pädophilie.
  • Kein Wort über die finanziellen Interessen, die dazu führten, normale Kinder für schwachsinnig zu erklären, damit Heimplätze in den Behinderteneinrichtungen belegt werden konnten.
  • Kein Wort über Kinderarbeit.

Das war alles viel zu schmutzig, um es in den Mund zu nehmen.

 

Natürlich war die Tagung für ehemalige Heimkinder der Behindertenhilfe und Psychiatrie und die interessierte Fachöffentlichkeit am 23. Juni 2016 in Berlin kein Hochamt für die Kirchenvertreter. Doch man folgte den eingefahrenen Gleisen:

  • Keine Drastik,
  • Verweis auf die damaligen Verhältnisse,
  • auf allgemein tolerierte Gewalt in der Erziehung.

Immerhin wurde zugegeben, dass es auch damals andere fachliche Meinungen über Kindererziehung gab.

Natürlich wurde das „Nie wieder“ bemüht, um zugleich auf die heutige, völlig andere Situation in den Einrichtungen zu verweisen.

Kein Wort auch über die aktuelle Benachteiligung von Menschen mit Behinderung, für die nun weniger Mittel bereitgestellt werden, als für die ehemaligen Heimkinder aus den Erziehungsheimen – wobei ironischerweise der Fonds Heimerziehung als erstrebenswertes Ziel erscheint.

Peter Henselder hat Teile der Tagung in bewährter Art filmisch dokumentiert. Man muss ihm dankbar sein, denn er liefert ein Nischenprodukt, das die Öffentlich-Rechtlichen mangels hinreichender Einschaltquote meiden. Er liefert auch zwei Interviews in seiner unnachahmlichen eher hölzernen Befragungsart. Doch er gibt seinen Partnern nur Anlass, das schon im Vortrag Gesagte in aller Beschwichtigung zu wiederholen.

Er unterlässt es, nach den Knackpunkten zu fragen:

  • Warum die Ungleichbehandlung?
  • Warum so spät?
  • Wer ist dafür verantwortlich?

Auf solche Interviews kann ich verzichten!

 

Letztlich ein déjà vu – wie beim der Affäre des Runden Tisches. Die katholische Tagung weckt in mir ungute Träume: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/

Evangelischerseits sieht das nicht besser aus: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/18/bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-begruesst-errichtung-der-stiftung-anerkennung-und-hilfe/

Wer sich ein eigenes Urteil bilden will, hier die Links zu einigen Dokumenten der genannten Tagung:

https://www.youtube.com/channel/UC6FCy2mMqY3bxdvdIWnxX_g/videos?shelf_id=0&sort=dd&view=0

https://www.youtube.com/watch?v=AsOqREjzRx8

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=7y2ypV-0aGw

https://www.youtube.com/watch?v=KBhwgyob1Ho

http://www.orden.de/dokumente/Presseordner/heimkinder_juni_2016/2016-Vortrag-Kard.Woelki_Tagung.pdf

https://www.youtube.com/watch?v=RFIj4Rejz-Y

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=RF1R1F-UYXA

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=qDqPSFdqZTA

http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2016/2016-113c-Statement-Stuecker-Bruening.pdf

https://www.youtube.com/watch?v=x93vCbnhwio

https://domforum.de/news/Gewaltx_Missbrauch_und_Leid_an_Behinderten_zwischen_1949_und_1975/

 

 

 

 

Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 28. Juni 2016

Ja – aber warum?

Die Leser meines Blogs werden aufgemerkt haben, als ich erstmals und ohne weiteren Kommentar einen Text von Erich Kronschnabel auf die Ebene eines förmlichen Blog-Artikels gehoben habe. Lediglich von „Gossensprache“ schrieb ich warnend für empfindliche Gemüter.[1]

Die Obszönität ist bei Kronschnabel die Methode, mit der er die eigentlichen Obszönitäten geißelt: 1. Die Verbrechen an Kindern in kirchlichen Einrichtungen und 2. der Betrug und Heuchelei bei der Verweigerung einer realistischen Entschädigung.

Heinrich Bedford-Strohm, derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt über Bonhoeffer:

»Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.«[2]

Was hat das mit der Heimkinderfrage zu tun?

Es geht zunächst nicht um die Frage, ob man „dem Rad in die Speichen fallen“ soll. Dieser Wagen, von Staat und Kirchen gesteuert, hat längst seine Opfer hinter sich gelassen. Nun ist das dran, was Bedford-Strohm so kurzweg die zweite Aufgabe nennt: der diakonische Dienst an den Bedürftigen, der ohnehin bleibe. Das ist allzu simpel.

Hier setzt Kronschnabel ein und kommt, sprachlich völlig realistisch, auf die für die Kirchen unbequeme Gegenwart. Es geht eben nicht um Bonhoeffers „Verantwortlichmachung des Staates“, sondern um die der Kirche. Die aber kümmert sich lieber um die „kirchliche Außenpolitik“ und verdeckt damit die interne Fäulnis. Das mit dem Frieden und den Flüchtlingen ist ja richtig und wichtig, doch wenn’s nur zur Camouflage dienen soll, ist’s Heuchelei, naiv oder absichtlich.

Bonhoeffer kann man als Blutzeugen leicht auf den Denkmalsockel stellen, – gut für Sonntagsreden. Doch im Alltag gerät Bonhoeffer der Kirche zur Peinlichkeit. „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ Mir wird so kannibalisch wohl, wenn ich an diesen wohlfeil gebrauchten Trost denke, für den die Kirchen im Unterschied zu Bonhoeffer nicht habhaft einstehen wollen.[3]

Herrn Kronschnabel sei Dietrich Bonhoeffer an Herz gelegt[4] und der Gedanke, dass organisierte Mitmenschlichkeit über die gleichen Probleme stolpern kann, wie sie vielen Organisation eigen sind, die sich am Markt behaupten müssen. Die Organisation läuft und läuft und läuft – zuweilen bis ihre kriminellen Methoden publik werden – und sie läuft dennoch weiter. Oder glaubt irgendjemand, dass VW vom Markt verschwindet?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[2] http://www.zeit.de/2015/15/dietrich-bonhoeffer-todestag-protestantismus-widerstand/komplettansicht

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer

„Das Christentum führt offenbar zu Mißverständnissen, wenn man sich nicht klarer ausdrückt.“

Posted in Christentum, Theologie by dierkschaefer on 28. Mai 2016

So schrieb Uta Ranke-Heinemann. Ihre „Rezension“ des Filmes von Martin Scorsese, „Die letzte Versuchung Christi“, ist immer noch lesenswert[1], auch auf dem Hintergrund des immer wieder aufflammenden Streites um die Bedeutung des Kreuzestodes, ein Streit der Theologen, der aber auch viele „einfache“ Gläubige nicht unbeteiligt lässt. Für alle anderen ist es eher ein Streit um des Kaisers Bart. Sie müssen sich nicht daran beteiligen. Es geht um eine christlich-theologische Antwort auf den Zustand dieser Welt. Wer bei dieser Frage Gott oder Gottesvorstellungen beiseite lassen will, wird andere Antworten finden (müssen), es sei denn, er ist trotz dieses Zustandes der Welt satt und zufrieden.

Der Theologe Ottmar Fuchs bestreitet jede Sinnhaftigkeit des Leidens, wenn er schreibt: »Kein Schmerz ist den Himmel wert. Alles ist zu teuer erkauft und erlitten. Hier ist kein Einverständnis möglich, sondern nur das ›Empört Euch‹, der Aufstand gegen Gott«[2]

Ich finde diese Position theologisch stimmig, auch wenn mir sicher viele Theologen nicht zustimmen werden.

Vor neun Jahren machte ich in diesem Zusammenhang eine Art theologisches Gedankenexperiment: gott denken

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13531237.html

[2] Matthias Zeindler, Sühne für Gottes Zumutungen? – Zu einer neueren Diskussion um den Opfertod Jesu, Evang. Theol. 76. Jg., Heft 2, S. 101-110, zitiert nach http://www.degruyter.com/dg/viewarticle.fullcontentlink:pdfeventlink/$002fj$002fevth.2016.76.issue-2$002fevth-2016-0204$002fevth-2016-0204.pdf/evth-2016-0204.pdf?t:ac=j$002fevth.2016.76.issue-2$002fevth-2016-0204$002fevth-2016-0204.xml

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Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch

Posted in Kriminalität, Psychologie, Religion, Seelsorge, Täter, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 25. Januar 2016

Dieses Buch ist notwendig, schreiben die Autorinnen im Vorwort zu ihrem Buch Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch. Sie haben Recht damit. Ihre Begrün­dung: Seelsorger/innen sind unsicher. Sie trauen sich die seelsorgliche Begleitung Trauma­tisierter oft nicht zu und reagieren hilf- und ratlos. Sie fürchten, dem Opfer sexueller Gewalt nicht gerecht werden zu können. Noch immer werden Opfer von sexueller Gewalt von der Seelsorge nicht wahrgenommen oder gar abgewehrt.

 

Die Autorinnen sind mutig. Schließlich sind die beiden großen Kirchen in Miss­brauchs­skandale ver­strickt und machen dabei keine gute Figur. Die Frage ist, ob Missbrauchsge­schädigte überhaupt Zutrauen fassen zu Seelsorgerinnen[1], die im kirchlichen Dienst stehen. Zudem dürften Seelsorger die einzige Gruppe sein, die von ihrem beruflichen Selbst­ver­ständnis her bereit ist, missbrauchten Men­schen unentgeldlich zuzuhören und hilfreiche Gespäche zu führen.[2] Die kostenfreie Zuwendung ent­bindet nicht von Anforderungen an die Professionalität der Gespräche. Die soll durch dieses Buch gefördert werden.

 

Die Autorinnen können offenbar auf große Erfahrung im seelsorglichen Umgang mit miss­brauchten Menschen zurückblicken und aus diesen Erfahrungen schöpfen.

Die genannten Zielgruppen für dieses Buch sollten aber erweitert werden. Nicht nur Opfer von Miss­brauch sollten es lesen (als Einschränkung wird auf mögliche Retraumatisierungen hingewiesen), nicht nur die Seelsorgerinnen, an die sich solche Menschen wenden, nein – und zuallerst, denke ich – sollten Kirchenleitungen das Buch lesen, angefangen vom Bischof persönlich und den Spitzen der Kirchen­ver­waltung bis zu den mit diesen Fragen beschäftigten Mitarbeitern. Doch sie werden es wohl nicht tun. Sonst könnten sie – endlich – die betroffe­nen Menschen verstehen und angemessen mit ihnen umgehen (lassen)[3].

 

Von diesen Menschen und den Umgang mit ihnen handelt das Buch. Aus eigenen Erfahrungen kann ich bestätigen: Dieses Buch ist notwendig. Auch habe ich viel Neues gelernt.

  1. Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt.

Die Autorinnen zeigen Möglichkeiten auf, die missbrauchten Menschen Mut machen können, Ver­trauen zu fassen und Seelsorge zu suchen. Den Seelsorgerinnen wird Mut gemacht, indem sie mit diesem Buch auf solche Begegnungen sachkundig vorbereitet werden. Die vielen Redundanzen sollten dafür sorgen, dass jeder am Schluss weiß, was Missbrauch bedeutet und wie Missbrauchten ange­messen seelsorglich zu begegnen ist.

  1. Was mir bisher überhaupt nicht deutlich war: Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen. Zum ersten Mal habe ich die fürchterlichen Hass-Bezeugungen in manchen Psalmen verstanden. Auch die angewandte Form der biblischen Exegese[4] war mir neu – und hilfreich. Mein Theologiestu­dium liegt nun schon lange zurück, doch ich kann mir vorstellen, dass auch jüngere Kollegen hier etwas lernen können.

Hilfreich für die Seelsorge im kirchlichen Rahmen dürfte die nach Themen differenzierende Liste brauchbarer Bibelstellen im Anhang des Buches sein.

 

Nun zu den Opfern. Auch hier sollte man die Zielgruppe erweitern. Beim Lesen ging mir die ganze Zeit der Spruch von Jean Améry durch den Kopf: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Zitiert wird er erst gegen Ende des Buches. Doch diese Erkenntnis ist charakte­ristisch auch für Missbrauchte und erweitert das Thema auf alle, die in einer überwältigenden Gewalt­situation in Todesängsten waren und diese nicht vergessen können, weil überall, oft unerwartet und auch unverstanden, Trigger das Trauma neu auslösen können[5]. In diesen Menschen ist etwas unwider­ruflich zerbrochen: Das Grundvertrauen in die Zuverlässigkeit der (normalen) Welt. Für uns „Normalos“ ist das schwer vorstellbar und wir meinen, irgendwann müssten solche Erlebnisse doch einmal abgelegt und vergessen werden können. Diese Erwar­tung ist genau die Zumutung, die trauma­tisierte Menschen sofort auf Distanz gehen lässt. Nur sie haben zu entscheiden, was sie für überwun­den halten können – und sie sind überrumpelt, wenn der nächste Trigger wieder funktioniert.

 

Das Buch behandelt zielgruppengemäß zwei Aspekte: Die psychische Situation der Missbrauchten und die Herausforderung der Seelsorgerinnen.[6] Die Seelsorger müssen ihre Grenzen erkennen, heißt es, sie müssen wissen, wann eine Psychotherapie erforderlich ist.

Ein dritter Aspekt wird nur angedeutet: Der forensische.

Das dürfte seinen Grund in der zu Recht geforderten Parteilichkeit haben. Die Seelsorgerin hat fest auf der Seite der missbrauchten Person zu stehen, sie darf keine Zweifel anmelden, niemanden entschul­digen, hat nicht einmal Erklärungen für den Missbrauch anzudeuten. Dies ist erforderlich, um das Vertrauen nicht zu stören oder gar zu zerstören. Obwohl ich auch Fälle kannte, in denen ein behaup­teter Missbrauch nicht stattgefunden hatte, hat mir ein jahrelanger Briefwechsel mit einer missbrauch­ten jungen Frau gezeigt, wie wichtig Parteilichkeit für das Vertrauen ist, ein Vertrauen, das bis zur Übersendung der Tagebücher reichte. Dennoch müssen Seelsorgerinnen auch darauf vorberei­tet sein, dass ein Miss­brauchs­erlebnis auch suggeriert sein kann, zuweilen therapieinduziert als die logische Erklärung für bestimmte Diagnosen.

Der Seelsorger hat hier gewiss nicht zu explorieren. Auch ein vermeintlicher Missbrauch ruft seelische Not hervor. Doch zuweilen steht am Ende der Wunsch nach gerichtlicher Klärung, strafrechtlich wie auch zivilrechtlich mit dem Ziel von Entschädigung. Richterinnen sind keine Seelsorger. Sie achten auf die Verjährungsgrenzen, dann auf die Beweisbarkeit und Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Der angefor­derte Gutachter geht, sofern er professionell arbeitet, von der „Nullhypothese“ aus: der Miss­brauch habe nicht stattgefunden. Nun sucht er nach Gründen, um diese Hypothese zu widerlegen. Der Gutachter Max Steller sieht haupt­sächlich zwei Ursachen für die falsche Wahrnehmung/­Erinne­rung vermeintlicher Opfer. Da ist a) die Suggestion, vornehmlich bei Kindern, und b) psychische Stö­rungen, vornehmlich bei Personen, die schließlich dank Therapie oder eigener „Einsicht“ Missbrauch für die Ursache ihrer Störungen halten[7], schließlich gibt es c) Menschen, die keinen sexuellen Missbrauch erlebt haben, ihre Not aber so benennen, d.h. sex. Missbrauch ist die Chiffre für ihre reale Not, die aber andere Ursachen hat. Das Terrain ist also schwierig – und steckt voller Minen. Glücklicherweise ist die Überprüfung der Richtigkeit der Eigenaussagen des Opfers nicht Aufgabe der Seelsorge. Doch sollte das Opfer die Sache gerichtlich klären wollen, muss es vorbereitet werden. Zunächst auf die Enttäuschung, wenn der Fall verjährt sein sollte, dann auf den Richter, der nach Beweisen fragt oder nach einem Sachverständigen-Gutachten. Damit wird alles wieder aufgerollt – auch die Emotionen. Hält das Opfer das durch?

 

Ein wirklich weites Feld. Das Buch will Mut machen und helfen, es zu betreten, damit diese Menschen aus ihrer Isolation und ihren Selbstvorwürfen herausfinden.

Dazu ist es sehr gut geeignet.

Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8, erscheint im Februar 2016, 19,99 €

[1] Die Autorinnen benutzen fast durchgängig „gendergerechte“ Benennungen (Seelsorger/innen). Mich stört das beim Lesen ungemein. Um den Sachverhalt klarzustellen: Missbraucher sind zumeist männlich – es gibt auch Ausnahmen; die Opfer sind meist Kinder, weiblich oder männlich. Menschen, an die sich Missbrauchte wenden, dürften wohl eher weiblich sein. Da das im Ansatz ökumenische Buch aber durchgehend auf katholische Normalität rekurriert, kommt über das Beichtsakrament den Pfarrern, also Männern, eine Bedeutung zu, die man im evangelischen Raum kaum finden wird. Ich schreibe in dieser Rezension demnach abwechselnd von Seelsorgern und Seelsorgerinnen.

[2] Sicherlich gibt es auch außerhalb des kirchlichen Rahmens Einzelne und Gruppen, die für solche Menschen da sind. Vergleichsweise sehen wir das an der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Hier stechen auch die Kirchen als Organisationen positiv heraus. Es ist allerdings leichter, Hilfe für Menschen anzubieten, die nicht kirchlich vorgeschädigt sind.

[3] Das gilt auch für den kirchlichen Umgang mit den gedemütigten, misshandelten und ausgebeuteten ehemaligen Heimkindern.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Materialistische_Bibellekt%C3%BCre

[5] Von „Flashbacks“ berichten auch Unfallopfer und Notfallseelsorger.

[6] Dazu wird auch mehrfach die Rücksichtnahme auf die Institution Kirche, die Arbeitgeberin der Seelsorger genannt. Ich habe das zunächst für ein eher katholisches Problem gehalten; für mich als Protestanten ist die Kirche ein Ding von dieser Welt und darum eher und heftiger kritisierbar, als das für Katholiken denkbar ist. Doch das scheinbar loyale Wegducken meiner Kollegen, oder auch das Ausweichen wegen der Peinlichkeit, Missbrauch und Kirche zusammenzubringen und zu thematisieren, [Dierk Schäfer, Scham und Schande, Die Kirchen und die Heimkinderdebatte, https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf] hat mich an die Ökumenizität des Phänomens erinnert.

[7] mehr dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/

»Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie.«

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kirche, Kriminalität, Leben, Moral, Psychologie, Täter, Theologie, Uncategorized by dierkschaefer on 14. Januar 2016

»Ausgehend von der Fähigkeit zu intensiven negativen Gefühlen wird der Begriff auch im übertragenen Sinne verwendet und steht allgemein für die stärkste Form der Abwendung, Verachtung und Abneigung. Die Motive des Hassenden können teils unbewusst sein, lassen sich in der Regel jedoch bewusst machen.

Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.«[1]

Auf meinen Blog-Beitrag zu den reißenden Wölfen[2] gab es Kommentare, auf die einzugehen ist. Es geht um Hass. Ich hatte geschrieben, dass Opfer ein Recht haben, ihre Peiniger zu hassen. Sie müssen sich nicht dem gesellschaftlichen Druck beugen, die vergangenen Erlebnisse „doch nun endlich“ ruhen zu lassen, oder gar zu vergeben.

Frau Tkocz fragt sich, »wann Hass aufhört, ob er tatsächlich aufhört, wenn seitens Tätern die Verbrechen anerkannt werden, eine finanzielle Entschädigung zur Zufriedenheit der Opfer gezahlt wird.« Hass kann sehr beständig und dauerhaft sein. Niemand hat ein Recht, dem Opfer den Hass auszureden oder zu verbieten. Er ist auch nicht abkaufbar.

Aber: Hass macht blind. Und er vergiftet das Leben,[3] auch wenn er zutiefst befriedigen mag.

Vom Hass sollte man die rücksichtslose Einforderung von Entschädigungen unterscheiden. Herr Kronschnabel hat das erfolgreich getan. Sein Hass, in diesem Fall eher seine grenzenlose Verachtung seiner Verhandlungspartner hat sie gefügig gemacht. Warum? Nun, sie waren von diesem Ton und dieser Härte überrumpelt. Erlaubte Aggression geht bei Kirchens von hinten durch die Brust ins Auge[4], nie direkt, das ist verpönt, wir sind ja alle Brüder, neuerdings Geschwister. Wer auftritt, wie Herr Kronschnabel, schafft eine peinliche Situation, insbesondere wenn er in der Sache recht hat. Die Peinlichkeit beendet man, indem man zahlt. Herrn Kronschnabel ist nichts peinlich und es ist ihm gleichgültig, was seine Gesprächspartner von ihm denken. Der Erfolg gibt ihm Recht – und die Rechtsnachfolger der Kinderschinder haben es nicht anders verdient, denn sie wollen sich um die Folgekosten drücken und waren am großen Betrug am Runden Tisch maßgeblich beteiligt. Diese Verhandlungsmethode mag hass-motiviert sein, ich nenne sie eher psychologische Kriegführung. Den bad-cop muss man spielen können.

Bei Herrn Kronschnabel handelt es sich um Hass, und er hat ein Recht darauf.

Dennoch darf ich darauf hinweisen, dass Hass blind macht, auch ihn. Er schreibt selber:

»Mag Hass den Blick für Vieles versperren« und gibt den Beleg:

Der einzelne Gläubige gehe ihn zwar nichts an, der sei nicht sein Feind, »aber er hat mein Mitleid«, also seine Verachtung. Warum? »Denn er ist zu schwach, um ohne diese Märchenfigur Gott zu leben.« Neben die Verachtung tritt die Blindheit.

Er weiß nichts von Märchen. Märchen sind zu Geschichten geronnene Volksweisheit, oft über menschliche Grundbedingungen. Man nehme als Beispiel nur Dornröschen[5]. Es gibt auch fürchterliche Märchen, die Vorurteile transportieren[6], richtige Hackepetergeschichten[7] oder auch pädagogische Märchen[8]. »Märchenbücher sind oft amüsant zu lesen«, schreibt Herr Kronschnabel. Wenn ich ihn nicht falsch interpretiere, hält er sie für überflüssig, wenigstens nicht ernstzunehmen. Da liegt er falsch.

Gott ist für ihn eine Märchenfigur. Auch da liegt er falsch. Gott kommt zwar auch in den Märchen vor und die „sozialistischen“ Staaten hielten es für wichtig, ihn aus den Märchen zu verbannen. Doch Gott ist größer, auch wenn er, so wie er in der Bibel dargestellt wird, problematisch ist. Herr Kronschnabel sieht nicht, dass es in der Bibel eine Reihe von Gottesvorstellungen gibt.[9] Für ihn ist Gott nicht greifbar – und genau das gehört zur „Natur“ Gottes. Gott ist nicht nur eine über Jahrhunderte entwickelte theologische Konstruktion, sondern sie bewirkt auch etwas, kann „Berge versetzen“. Falsch verstanden bewirkt sie auch die Demütigung von Kindern und erwachsenen Menschen, wird zur Ausbeutung benutzt, und zum Betrug. Das muss man den ehemaligen Heimkindern nicht erst sagen. Es geht hier und darf es nicht gehen, um eine Aufrechnung von guten und bösen Auswirkungen. Doch wenn Herr Kronschnabel schreibt: »Ich nenne Ihnen auch die Gründe für meinen Hass auf die Firma Kirche[10]: Es änderte sich seit 2 Jahrtausenden NICHTS, in deren Läden wird weiterhin lustig geschändet und geprügelt«, dann entwirft er ein Zerrbild, weil ihn der Hass blind gemacht hat. Was er schreibt, stimmt nicht, nicht in dieser Pauschalität. Fast allen meiner Kollegen wird damit Unrecht getan, auch wenn das Thema der ehemaligen Heimkinder in kirchlichen Einrichtungen und besonders des sexuellen Missbrauchs unbequem ist. Davon könnte auch ich ein Lied singen.

Im Buch, das ich rezensieren will, fand ich mich wieder:

»Wer aus der oft vorhandenen Ausgrenzung der Opfer und der vermeintlichen Gleich­gül­tigkeit ihnen gegenüber ausschert und sich an ihrer Seite positioniert, riskiert die Ausgrenzung aus seiner Gruppe. Die Gruppe ist sich einig darin, dass Gleichgültigkeit oder aggressive Abwehr gegenüber den Opfern ein angemessener Umgang mit ihnen ist. Die Ausgrenzung der Seelsorger/innen kann offen ausgesprochen werden als ver­ächtliche Äußerung über „die“ Opfer. Häufiger wird sie sich in einer unausgespro­chen abwehrenden Atmosphäre äußern: Niemand unter den Kolleg/innen fragt nach, wie sich die Arbeit mit Missbrauchsopfern gestaltet; niemand will von den Belastun­gen, aber auch der tiefen Freude in der seelsorglichen Begleitung von Missbrauchsop­fern hören. Dieser Arbeitsbereich wird aus dem Gespräch einfach ausgeklammert.«

Na und?, kann ich da nur sagen. Damit kann ich leben.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Hass

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/07/in-wirklichkeit-aber-sind-sie-reissende-woelfe/

[3] http://www.lebenshilfe-abc.de/hass.html

[4] http://universal_lexikon.deacademic.com/316646/Von_hinten_durch_die_Brust_%28ins_Auge%29

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Dornr%C3%B6schen#Interpretation

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Jude_im_Dorn

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Fitchers_Vogel

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_alte_Gro%C3%9Fvater_und_der_Enkel                Das Märchen ist so oberflächlich, dass es keiner Interpretation bedarf.

[9] Das wird er nicht wissen können, denn darauf wird in der Kirche kaum hingewiesen.

[10] Wie steht es mit dem Hass auf die staatlichen Einrichtungen und deren Rechtsnachfolgern?

Für die Justiz ist es frustrierend, wenn Einigungen außerhalb des Rechts getroffen werden.

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kirche, Religion, Uncategorized by dierkschaefer on 1. Dezember 2015

Wer „Die Richter Gottes – Die geheimen Prozesse der Kirche“[1] gesehen hat, muss diese Einschätzung, nur frustrierend, für pure Untertreibung halten.[2] Der Umgang der – in diesem Fall – katholischen Kirche ist empörend. Sie entzieht wie dokumentiert einen Straftäter der Justiz des Staates. Ein vielfacher Missbraucher kommt glimpflich davon.

„Ehrengerichte“ und Schiedsgerichtsbarkeit gibt es auch in anderen Branchen und Bereichen. Für Beamte ist fallweise ein Disziplinarverfahren mit Konsequenzen verbunden, die gravierender sind als das Urteil im vorausgegangenen Gerichtsprozess.

Man muss also genauer hinschauen. »Es gebe keine Gründe von Verfassungsrang, die ein „globales Verbot“ von religiöser Schiedsgerichtsbarkeit rechtfertigten. Vielmehr sei im Einzelfall darzulegen, dass tatsächlich Strafgesetze verletzt oder Grundrechte negiert würden. Oder es müsse nachgewiesen werden, dass Betroffene sich nicht wirklich freiwillig einem geistlichen Gericht unterworfen hätten.«[3]

 

Bleiben wir zunächst beim ersten Teil der Aussage. Kirchliche Gerichtsbarkeit ist grundgesetzlich pauschal verankert: Art. 137, (3) Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde. Da steht nichts von der Mitwirkungspflicht bei staatlich erforderlicher Strafverfolgung. Missbrauch ist allerdings ein „Offizialdelikt“[4]. Bewegen sich die „Richter Gottes“ in diesem Fall noch innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes? Eine Anzeigepflicht gibt es für solche Fälle nicht.[5] Allerdings sollte eine Körperschaft öffentlichen Rechts sich nicht der Strafvereitelung[6] schuldig machen. Hier sind Konsequenzen erforderlich. Doch wo bleibt der Ankläger?

 

Der fehlt auch beim Thema der Freiwilligkeit, sich einem kirchlichen Gerichtsverfahren zu stellen. Der Fernsehbeitrag über die Richter Gottes arbeitet mit zwei gegensätzlichen Fallgruppen. Einerseits das Vertuschungsverfahren zum Schutz des Ansehens der Kirche, der auch ein Schutz des Täters ist. Andererseits werden die Verfahren gezeigt, denen sich kirchlich Bedienstete unterwerfen. Sie leben im Konkubinat, einer kirchlich nicht anerkannten Ehe. Dies führt zur Kündigung, es sei denn, die erste erste Ehe wird „annulliert“, für nicht stattgefunden erklärt. Dafür gibt es ein umfangreiches Verfahren vor dem Kirchengericht, bei dem die Antragsteller sich auch hochnotpeinlichen Fragen stellen müssen, Fragen auch, die bei einem weltlichen Gericht nicht zugelassen wären. Gewiss, sie selber haben das Verfahren beantragt. Doch war das freiwillig? Ihr Job hängt davon ab. Der Job ist häufig einer, in dem die Kirche am Markt übergroß vertreten ist, also Marktmacht hat. Finanziert werden diese Jobs allerdings überwiegend mit öffentlichen Geldern, dazu zähle ich auch Gelder von Krankenversicherungen.

Mir fehlt in beiden Fällen der öffentliche Aufschrei vonseiten der im Staat Verantwortlichen, und die Konsequenzen, die zu ziehen sind, wenn man Parallelwelten wenigstens rechtlich in die Welt unseres Grundgesetzes einbinden will.

An anderer, vergleichbarer Stelle haben wir einen solchen Aufschrei. Da geht es um die Parallelwelt islamischen Rechts. Es geht um „Friedensrichter“ auch „Scharia-Richter“ genannt. »Für die Justiz ist es frustrierend, wenn Einigungen außerhalb des Rechts getroffen werden. …islamische Paralleljustiz [gefährde] unseren Rechtsstaat«[7]. »In den meisten deutschen Großstädten seien einzelne Stadtviertel „dem Rechts- und Gewaltmonopol des Staates schon abhanden gekommen“«[8] heißt es in Blick auf die Vermittler nach muslimischem Recht.

Ja, da werden Täter der Strafjustiz entzogen[9], was ja auch nicht haltbar sein sollte. Ohne dieser Paralleljustiz das Wort reden zu wollen: In unserem Rechtssystem spielt das Opfer einer Straftat nur die Rolle des Zeugen. Es wird vom Gericht gebraucht und benutzt, um den Strafanspruch des Staates durchzusetzen. Es mag sein, dass ein Urteil das Rechtsempfinden auch des Opfers befriedet, vielleicht sogar Rachegedanken befriedigt. Doch ansonsten geht es leer aus: Täter im Knast, Opfer allein auf sich gestellt.

Das sieht bei den Friedensrichtern anders aus: »dann kommt es dazu, dass in der Regel eine Kompensation bezahlt wird, zwischen Zehn- bis Vierzigtausend Euro, je nach Schwere der Verletzung – da gibt es richtige Taxen in diesem Markt. Und dann ist die Geschäftsgrundlage aller dieser Schlichtungen, dass das Opfer seine Aussagen im weiteren Verlauf des Prozesses, insbesondere in der Hauptverhandlung, entweder nicht wiederholt, sich nicht erinnern kann, oder aber Verletzungen bagatellisiert.«[10]

 

Wer Paralleljustiz beseitigen will, sollte auch den Opfern geben, was ihnen zusteht. Die muslimische Justiz scheint mir in diesem Punkt menschlicher als die der katholischen Kirche.

 

 

[1] http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Richter-Gottes-Die/Das-Erste/Video?documentId=31942350&bcastId=799280

[2] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/friedensrichter-islam-justiz/komplettansicht

[3] https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2012/okt/PM_Muslimische_Friedensrichter_lassen_sich_nicht_verbieten.html

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Offizialdelikt_%28Deutschland%29

[5] Anzeigepflicht bezeichnet … die Pflicht zur Anzeige von bestimmten Verbrechen …. Nach § 138 StGB kann bestraft werden, wer von dem Vorhaben oder der Ausführung von Landesverrat, Mord, Totschlag, Raub und Menschenraub oder eines gemeingefährlichen Verbrechens glaubhaft Kenntnis hat und dies nicht anzeigt. Diese Kenntnis muss zu einer Zeit erfolgt sein, in der die Verhütung des Verbrechens möglich ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Anzeigepflicht

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Strafvereitelung

[7] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/friedensrichter-islam-justiz/komplettansicht

[8] http://www.fnp.de/rhein-main/Muslimische-Friedensrichter-unterlaufen-Hessens-Justiz;art801,828049

[9] http://www.deutschlandfunk.de/muslimische-friedensrichter-zwischen-scharia-und-deutschem.1310.de.html?dram:article_id=194485

[10] http://www.deutschlandfunk.de/muslimische-friedensrichter-zwischen-scharia-und-deutschem.1310.de.html?dram:article_id=194485

Politisch korrekt ist dieses Buch ganz und gar nicht.

Posted in Geschichte, Justiz, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 2. November 2015

Täterschutz werden „Opferverbände und einschlägige Rechtsanwälte“ argwöhnen[1]. Bereits die Rezension in der FAZ[2] hatte mich an eine turbulente Tagung erinnert und ich bestellte das Buch[3]. Der Name des Autors war mir geläufig. Max Steller gehörte zu den maßgeblichen Gutachtern für das Urteil des Bundesgerichtshofs[4], mit denen 1999 die Standards für die Glaub­haftig­keits­begutachtung festgelegt wurden. Steller war auch führend beteiligt an den Freisprüchen in den damaligen Massen-Missbrauchsprozessen.[5]

Sein Lebensthema ist die Aussagepsychologie: Wie glaubhaft ist die Aussage eines „Täters“ oder eines „Opfers“, wenn es keine Indizien gibt und nur Aussage gegen Aussage steht? Im Klartext: Wer lügt? Oder Wer erinnert sich falsch und wie kommt er dazu? Die Brisanz liegt in der zweiten Frage, in der sich unheimliche Abgründe auftun[6]. Da ist jemand ehrlich davon überzeugt, missbraucht zu sein, und wird damit konfrontiert, dass es nicht stimmt, in manchen Fällen auch gar nicht stimmen kann. Doch bis dahin hatte man dem „Opfer“ geglaubt. Steller nennt die Gründe dafür.

Einerseits die „Aufdeckungsarbeit“ nach Anleitung von Prof. Dr. Tilmann Fürniss[7], der Kindergärtnerinnen und Lehrer sensibilisierte, hinter harmlosen Kinderzeichnungen und Kindesäußerungen Missbrauch zu vermuten, der in vielen Befragungen aufzudecken ist. Steller: Ein Kind kann zwar noch nicht gekonnt lügen, aber man kann ihm Erlebnisse suggerieren, die es dann für wahr hält. Man müsse untersuchen, ob das Kind den Missbrauchsvorwurf spontan erhoben hat oder ob und durch wen das Kind nach vielen Befragungen vielleicht erst darauf gebracht wurde, bis es schließlich fest von seinem Missbrauch überzeugt sei.

Was mit Kindern geht, funktioniert andererseits auch mit Erwachsenen, die in vielen Therapiesitzungen zu der Lösung kommen, die ihr Therapeut als Standard- oder Resthypothese für ihren Fall parat hat: Frühe Missbrauchserfahrung, ins Unbewusste verdrängt, werden nun endlich bewusst gemacht; damit ist zugleich ein Schuldiger gefunden für all die Beschwerden. In solchen Fällen müsse man einen kritischen Blick auf die Persönlichkeit des Menschen und seine Geschichte eventueller psychischen Auffälligkeiten richten.

Der unreflektierte Glaube an den Wahrheitsgehalt von Kinderaussagen war damals in der Öffentlichkeit noch ungebrochen, soweit es um sexuellen Missbrauch ging. Aufdeckungsarbeit war angesagt. Die Methoden von „Beratungsstellen“ wie Zartbitter[8] und Wildwasser[9] galten als unbezweifelbar, stand dahinter doch ein veritabler Professor, der in Fortbildungskursen auch Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen in „Aufdeckungsarbeit“ schulte. Wenn ein Kind „anatomisch korrekte“ Puppen[10] richtig zusammensteckte und seine Zeichnungen nach Meinung der „Experten“ sexuelle Hinweise enthielten, war das ein Beleg für sexuelle Erfahrung.

In dieser aufgeheizten Situation lud ich zu einer Tagung ein: „Sexueller Mißbrauch in der Familie. Ein Vorwurf und seine Folgen.“ Schlimmeres hätte ich nicht tun können. „Das ist kein Vorwurf, das ist ein Verbrechen“, befand eine aufgebrachte Kollegin. In der weithin Feminismus-geneigten Kollegenschaft war ich isoliert. Eine Leserbriefwelle der Empörung rollte an und wir überlegten, ob wir die Tagung unter Polizeischutz stellen sollten. Das „technische“ Personal unsere Akademie reagierte nüchtern, wie man reagieren sollte. Ich druckte –wohl erstmalig in der Geschichte der Akademie – kleine Karten mit der Aufforderung, das Akademiegelände unverzüglich zu verlassen und die Akademieleitung setzte mir die Ehefrau eines Kollegen zur Kontrolle in die Tagung, was ich durchaus auch als Dokumentationsschutz in meinem Interesse sah.

Was die allgemeine Empörung hervorrief war, dass ich Missbrauchsbeschuldigten zu einem Podium verholfen hatte und damit auch dem Thema Missbrauch mit dem Missbrauch.[11] Denn jeder dieser Beschuldigten hatte ungeprüft als Täter zu gelten.

Die Tagung wurde turbulent. Im Publikum saßen viele „Täter“, Väter und Ehepaare, denen man die Kinder weggenommen hatte, Großeltern, die ihr Enkelkind in der Dusche missbraucht haben sollen. „Aber wir haben gar keine Dusche“. Die meisten waren gegen Wände gelaufen, trotz der Unhaltbarkeit der Vorwürfe, so wie die Eltern in den zeitgleich laufenden Wormser Prozessen[12]. Den Ehefrauen der „Täter“ hatte das Jugendamt die Scheidung empfohlen. Erst dann würden sie ihre Kinder zurückbekommen. Ich hatte neben forensischen Psychologen auch einige Betroffene zum Referat gebeten, so auch den Verfasser des Buches „Mißbrauch des Mißbrauchs“[13]. Schon der Titel war eine Provokation, meinte die Gegenseite. Eine Teilnehmerin hielt es nicht aus, bekannte sich als traumatisiert und verließ die Tagung. Auch die referierenden renommierten Psychologieprofessoren wurden der Täterseite zugeschlagen: „Tätervertreter“. Denn: „Kinder lügen nicht.“

So ist auch ein ganzes Kapitel im Buch von Max Steller überschrieben. Kinder, schreibt er, lügen auch, doch sie können das noch nicht richtig, denn Lügen will gekonnt sein. Aber man kann Kindern Erlebnisse suggerieren, die sie nie gehabt haben, dann aber phantasievoll ausschmücken. Eben bis zum Missbrauch in der nicht vorhandenen Dusche.[14]

Nachtrag

Eine gute Zusammenfassung der damaligen Atmosphäre liefert eine Studienarbeit aus dem Jahr 1997.[15] Übrigens: Meine Tagung hatte Folgen. Durchweg positiv. Hier sei nur die Zusammenarbeit mit der Esslinger Hochschule für den „Anwalt des Kindes“ zu nennen. Auch meine „Tagungsreihe Kinderkram“ war letztlich ein Ergebnis der auf der Tagung geknüpften Kontakte. Darüber hinaus gab es viele Einzelkontakte beraterischer Art[16], vielfach auch seelsorgerlich. Unangenehm war, dass meine Akademie aus politischen Gründen meinte, ein Nachgespräch ansetzen zu müssen unter der Moderation der landeskirchlichen Frauenbeauftragten. Da hatte man den Bock zum Gärtner gemacht – oder muss ich das „gendern“? Gärtnerin ginge ja noch, aber der Bock?[17]

PS: Dank der Mithilfe des Verlags ist das Buch von Max Steller auch für Laien spannend und sehr gut lesbar. Zwei Passagen gefallen mir überhaupt nicht. Darauf werde ich noch eingehen. Und auf die Brisanz des Sachverhaltes im Zusammenhang mit ehemaligen Heimkindern und der Forderung nach Aufhebung der Verjährung.

[1] http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/hysterie-verstellt-den-blick-aufs-wahre-21853-art1290931.html Dienstag, 6. Oktober 2015

[2] Manfred Lütz, Wer sich als Opfer ausgibt, hat oft schon gewonnen, FAZ, Freitag, 2. Oktober 2015, S. 12

[3] Max Steller: „Nichts als die Wahrheit“ – Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann. Heyne Verlag, München 2015. 288 S., geb. 19,99 €.

[4] http://www.hrr-strafrecht.de/hrr/1/98/1-618-98.php3, Pressemitteilung: http://archiv.jura.uni-saarland.de/Entscheidungen/pressem99/BGH/strafrecht/glaubhft.html

[5] Montessori-Prozess: https://de.wikipedia.org/wiki/Montessori-Prozess , Wormser Prozesse: https://de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse , dazu Gisela Friedrichsen, Nachlese zu den legendären Wormser Missbrauchsprozessen, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39523432.html, von Gisela Friedrichsen auch eine Fall-Beschreibung: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7851222.html

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/04/06/unheimlich/

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Tilman_F%C3%BCrniss

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Zartbitter_%28Verein%29

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Wildwasser_%28Verein%29

[10] http://www.inhr.net/artikel/puppenspiele-fuer-missbrauchs-aufdeckung-sehr-bedenklich

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauch_mit_dem_Missbrauch. Der Autor des gleichnamigen Buches referierte auf der Tagung „seinen Fall“.

[12] Wormser Prozesse, vorangegangen war der Montessori-Prozess. S. Anmerkung 5. Noch gab es allerdings nicht das Urteil des Bundesgerichtshofs, s. Anmerkung 4, das ausführlich nicht nur auf untaugliche Testverfahren einging, sondern auch auf das Thema Suggestion.

[13] Thomas Alteck, Mißbrauch des Mißbrauchs. Neu, aber auch vergriffen unter dem Titel: Unsere Kinder siehst DU nicht! – Die Falldarstellung auf der Webseite von Thomas Alteck (Pseudonym) http://www.alteck.de/alteck_show.cfm?CFID=cc708de0-7f56-4d81-b3bc-996e487728e4&CFTOKEN=0&xx=start_beschluss.cfm ist erhellend und in Grundzügen leider typisch für manche Missbrauchsvorwürfe. Manche Fälle gehen „besser“ aus. Aber „ich habe die (Er-)lebenszeit mit meiner Tochter verloren“, so ein Vater, dessen Tochter sich nach ihrer Pubertät aus der psychischen Umklammerung ihrer Mutter befreien konnte.

[14] Einen ähnlichen Fall konnte ich später begleiten. Erst ein Ortstermin brachte Klarheit. Der Erstgutachter hatte sich auf Aussagen verlassen und Glaubhaftigkeit attestiert: http://www.zeit.de/2003/26/Verdacht. Der Sozialarbeiter hatte das Versagen des Jugendamtes in diesem Fall öffentlich gemacht und wurde versetzt.

[15] Ein Abstract ist zu finden unter http://www.hugendubel.de/de/buch/laura_dahm-sexueller_missbrauch_der_missbrauch_mit_dem_missbrauch-6781372-produkt-details.html

[16] z.B. Anmerkung 13

[17] Leider muss ich aus datenschutzrechtlichen Gründen auf die Nennung des Familiennamens der Dame verzichten. In diesem Zusammenhang trüge er sehr zur Belustigung bei.

Große Unglücksfälle und die Verantwortungszuschreibung

Posted in Firmenethik by dierkschaefer on 19. Juli 2015

Der Umgang mit den Angehörigen der Opfer des GERMAN-WINGS-Absturzes erinnert an ähnliche Vorkommnisse und an die unterschiedlichen Formen des Umgangs mit den Opfern und ihren Angehörigen.

Die Medien beobachten sehr genau solche Vorkommnisse.

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll sagte ich in meinem Eingangsreferat:

»Die Gesellschaft weiß – und die Medien achten darauf, daß Opfer nach Unglücksfällen arte legis, nach den Regeln der Kunst behandelt werden müssen. Dazu gehört inzwischen auch eine wie auch immer benannte psychologische Betreuung. Das betrifft fast ausschließlich große Schadensereignisse mit vorzeigbaren Opfern, die dem ganzen Unglück ein Gesicht geben und damit medial verwertbar sind. Eine Firma, die mit einem solchen Schadensereignis in den Medien in Verbindung gebracht wird, ist hochgradig gefährdet.

So ging es einer Reiseagentur, die Jugendreisen anbietet. Ohne eigenes Verschulden der Agentur oder des angeworbenen Busunternehmers wurde der Doppeldeckerbus vor einigen Jahren bei einer Autobahnbaustelle in der Nähe von Melk in Österreich durch einen entgegenkommenden Lastwagen im oberen Bereich aufgeschlitzt.[1] Sieben Jugendliche kamen um, sie wurden zum Teil regelrecht geköpft, die überlebenden waren hoch traumatisiert. Der Agenturleiter sagte: »Als am nächsten Tag die Bildzeitung mit der Überschrift „Ich saß im Todesbus“ erschien, sah ich mein Unternehmen auf der Kippe.« Er reagierte menschlich vorbildlich und für den Bestand der Firma sinnvoll: Er ließ die Jugendlichen sofort psychologisch betreuen und buchte bei uns in der Akademie ein Wochenende für die Jugendlichen und ihre Eltern. Für beide waren insgesamt sechs Psychologinnen und Psychologen engagiert worden, und, auch das gehörte dazu, ein Rechtsanwalt informierte über die rechtliche Situation. All dies wurde von der Reiseagentur finanziert und es erschien nicht nur unsicher, sondern eher unwahrscheinlich, daß die Haftpflichtversicherung des Schädigers einen wesentlichen Teil der Kosten übernehmen werde. Ein Jahr später konnte der Agenturleiter berichten, daß seine Firma keinen Auftragsrückgang verzeichnen mußte. Er referierte darüber auf einer Tagung für Notfallpsychologen. Dort sagte ein anderer Referent, ein Lufthansa-Mitarbeiter, »Immer wenn unsere Dachmarke berührt ist, müssen wir tätig werden«, und zwar so, daß die Marke vor Schaden bewahrt bleibt. [2]Die Deutsche Bahn AG hat, wie ein Mitarbeiter berichtete, nach Eschede einen Teil des Personals in der Abteilung für Schadensabwicklung austauschen müssen, weil diese sich nicht auf die angesagte Linie umstellen konnten, nach der Geschädigte oder die Angehörigen von Opfern möglichst schnell zufriedengestellt werden sollten.

Die Skandalisierbarkeit von Unternehmen durch die Medien und das daraus resultierende Urteil in der öffentlichen Meinung spielt eine wichtige Rolle.« (Der gesamte Text hier: Notfallseelsorge2-2005)

Der Zusammenhang von Schadensereignis, Betroffenen und Medien ist in der Abbildung verantwortungszuschreibung dargestellt.

Was damals 2001 ein Lufthansa-Mitarbeiter gesagt hat, scheint bei der Lufthansa in Vergessenheit geraten zu sein. Es gibt nun einen öffentlichen Streit um die Höhe der Entschädigung. »Warum vergiftet die Lufthansa die Atmosphäre?«   [3]

Doch wenn es ans Zahlen geht, wir kennen das, drückt man sich gern.

[1] http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/345627_Busunglueck-8-Jugendliche-getoetet.html?em_cnt=345627

[2] Diesen Satz habe ich anlässlich des aktuellen Falls hervorgehoben.

[3] http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/luftfahrt/zorn-nach-mini-angebot-der-lufthansa-angehoerige-von-germanwings-opfern-wollen-200-000-euro-fuer-jedes-opfer_id_4825123.html und http://www.focus.de/panorama/videos/das-ist-international-beschaemend-eine-lachnummer-das-ist-das-erste-schadenersatz-angebot-fuer-die-germanwings-opfer_id_4785689.html

Opfer ist und bleibt man

Posted in Bürokratie, Kriminalität by dierkschaefer on 23. Mai 2015

»Die 45-jährige Journalistin Kerstin Claus wurde in der evangelischen Kirche missbraucht. Als man ihr nach langen Jahren des Leugnens endlich zuhörte, sollte sie zuerst eine Verschwie­gen­heits­erklärung unterschreiben. Sie hat sich durch das OEG gekämpft, bis ihr eine Entschä­digung zuerkannt wurde. Doch die zuständigen Ämter streiten, wer nun genau zahlen soll.

Die Folge: Sie war ein Dreivierteljahr ohne Einkommen und dementsprechend auch ohne Krankenversicherung. Mit der Krankenkasse aber hatte sie gerade darum gestritten, ob die eine Traumatherapie bezahlt, in der eine Methode angewandt wird, die nicht im offiziellen Leistungskatalog enthalten ist – nachweislich aber vielen Traumatisierten geholfen hat.

Warum der Entwurf des OEG so lange auf sich warten lässt, kann im Ministerium niemand so recht sagen. Die Betroffenen haben den Eindruck, dass das Engagement vom Anfang schlicht verbraucht ist.«

http://www.taz.de/!160394/ Sonnabend, 23. Mai 2015

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