Dierk Schaefers Blog

»Sie konnten die Heimkinder nicht mehr umbringen, …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Psychologie by dierkschaefer on 9. November 2013

»Sie konnten die Heimkinder nicht mehr umbringen, …

… aber Versuchskaninchen waren sie weiterhin, wenn man sich etwa die Malaria-Versuche in den 1960er-Jahren anschaut«.

»Aus der Politik sind bereits Töne zu vernehmen, dass genug zur Aufarbeitung der Geschichte von Kinderheimen gemacht wurde. Nach dem Motto „Lass ma’s gut sein“.

Nix lassen wir gut sein. Wie beim Holocaust. Es gibt Sachen, die nicht gut werden. Da bin ich ganz dagegen. Die Aufarbeitung muss sein«.[1]


Ein sehr merkwürdiges Interview

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 14. Oktober 2013

»Warum glauben Sie, werden nun von vielen ehemaligen Zöglingen diese Anschuldigungen erhoben?

Ich sage Ihnen, dass das mit finanziellen Forderungen einer kleinen Gruppe von Ex-Zöglingen zusammenhängt. Es ist klar, dass die Opfer von Klöstern und von Heimen nie zu einer Entschädigung gekommen wären, wenn sie nicht laut aufgeschrien hätten und dadurch auf sich aufmerksam gemacht hätten.

Nur gibt es Gruppen von schwer Vorbestraften, denen eigentlich keine Entschädigung zusteht, die aber am lautesten schreien, und die Erfahrung gemacht haben, dass man auf Grund von Verleumdungen mit größeren Geldzuweisungen rechnen kann. Da ist einiges außer Kontrolle geraten«.[1]


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Hoffnungsschimmer für Heimkinder

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Politik, Soziologie by dierkschaefer on 1. Juli 2013

»Gutachten helfen, Verjährung auszuhebeln / Landesgericht gewährt Verfahrenshilfe«.

Ein lesenswerter Artikel.[1]


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Kirche – In Österreich wird’s ernst

Posted in Kirche, Politik by dierkschaefer on 4. April 2013

Es wird ein Volksbegehren geben über die Beibehaltung von „Kirchenprivilegien“. Nur folgerichtig fällt dabei auch ein Blick auf die deutschen Verhältnisse. [1]

Wenn auch nicht zu erwarten ist, daß unser  Staat genug Geld aufbringen kann, die Kirchen auszuzahlen, auch die Sozialdienste vollends zu übernehmen, ebenso wie die vollen Kosten für den Denkmalsschutz historisch wertvoller, dann nicht mehr kirchlicher Gebäude, so ist doch wenigstens denkbar, daß künftig in den Leistungsbereichen der Kirchen, die überwiegend aus staatlichen Mitteln finanziert werden, nicht mehr das kirchliche Arbeitsrecht gilt.

Das österreichische Volksbegehren faßt sämtlich Vorwürfe, die heute auch den deutschen  Kirchen gemacht werden, als Forderungen zusammen. Wenn ich mir anschaue, wie die Kirchen bei uns mit den Heimkindern und den Mißbrauchten umgehen, darf man sich über die Vorwürfe nicht wundern. So speisen doch die Betreiber von Behinderteneinrichtungen die Forderungen von ehemaligen Heimkindern ab, mit der Begründung, sie hätten in den Fonds eingezahlt. Der steht jedoch ausdrücklich nicht für Betroffene aus Behindertenheimen offen.

Das kirchliche Krisenmanagement? In der freien Wirtschaft wären die Verantwortlichen längst gefeuert.

 

Hier der Text des Volksbegehrens:

Text des Volksbegehrens:

 

Für die Schaffung eines Bundesverfassungsgesetzes:

1. Zur Abschaffung kirchlicher Privilegien

2.  Für eine klare Trennung von Kirche und Staat

3.  Für die Streichung gigantischer Subventionen an die Kirche

Für ein Bundesgesetz zur Aufklärung kirchlicher Missbrauchs- und Gewaltverbrechen

 

Begründung:

Anerkannte Religionsgemeinschaften, insbesondere die römisch-katholische Kirche, genießen in Österreich eine Sonderstellung, die aus dem Mittelalter herrührt und nicht mehr zu rechtfertigen ist. Beispielsweise werden der r.k. Kirche jährlich Millionenbeiträge aus Steuermitteln gezahlt. Auch die Sanierung kirchlicher Bauten und den Erhalt katholi­scher Privatschulen muss der Staat weitgehend übernehmen. Unverständlich ist auch, dass die aktuellen Missbrauchsfälle von einer kircheneigenen Kommission behandelt werden, anstatt von einer neutralen staatlichen Kommission sowie von der Justiz.

 

Die Unterzeichner fordern daher ein Bundesverfassungsgesetz für die Abschaffung kirch­licher Privilegien sowie ein Gesetz für die Schaffung einer Sonderkommission zur lücken­losen Aufklärung der kirchlichen Missbrauchs- und Gewalt verbreche n. Außerdem fordern die Unterzeichner eine klare Trennung von Staat und Kirche, denn diese zählt zu den wesentlichen Pfeilern einer Demokratie.

 

Während ganz Österreich unter einem Sparpaket zu leiden hat räumt der Staat der Kirche nicht nur folgende ungerechtfertigte Vorteile ein, sondern muss an sie auch noch jährlich Millionenzahlungen leisten:

 

  • Die Erhaltung katholischer Privatschulen und Kindergärten erfolgt überwiegend aus Steuergeldern. Andere Privatschulen müssen fast alles selbst finanzieren.
  • An öffentlichen Schulen werden die Religionslehrer vom Staat bezahlt unterste­hen aber dem kirchlichen Dienstrecht. Die Lehrinhalte unterliegen keiner staatli­chen Kontrolle.
  • Auch kirchliche Fakultäten werden vom Staat bezahlt, aber vom Vatikan kontrol­liert. Die dort erlangten akademischen Grade sind staatlich anerkannt
  • Kirchliche Besitztümer sind vielfach grundsteuerbefreit
  • Kirchliche Güter werden vielfach aus Mitteln der Allgemeinheit saniert, z.B. über das Bundesdenkmalamt Fast 50% der Denkmalausgaben dienen der Erhaltung kirchlicher Bauten. Die Kirche ist wohlhabend genug, um für den Erhalt ihrer Besitz­tümer selbst aufzukommen.
  • Die Kirche hat mit dem Kirchenrecht ein eigenes Rechtssystem installiert, einen „Staat im Staat“ und entzieht sich so demokratischen Abläufen sowie einer staatlichen Kontrolle. Beispiel: Installierung einer kircheneigenen Missbrauchskommission anstatt Übergabe der Täter an die Justiz.
  • Katholischer Religionsunterricht: die Abmeldung vom schulischen Religions­unterricht wird erschwert.
  • Die Kirchensteuer ist steuerlich absetzbar wodurch dem Staat Einnahmen entgehen. Die Administration der Steuereintreibung wird staatlich unterstützt, behördliche Meldedaten werden der Kirche zur Verfügung gestellt.
  • Die neue Spendenabsetzbarkeit kommt vor allem kirchlichen Einrichtungen zugute.
  • Der ORF ist per Vertrag gezwungen, ausführliche Religionssendungen auszu­strahlen. Diese kostenlosen und vielfach vatikannahen Belangsendungen spiegeln schon lange nicht mehr die Interessen der österreichischen Bevölkerung wider.
  • Kirchliche Einrichtungen greifen in großer Zahl auf Zivildiener zu, die hauptsächlich vom Staat bezahlt werden. Die Kirche schmückt sich dann mit „ihrem“ sozialen Engagement.
  • Die Kirche erhält als Großgrundbesitzer Millionen Euro an EU-Agrarförderungen. Hier sollte eine Obergrenze gelten.
  • Konkordat: Der Austrofaschist Engelbert Dollfuß hat 1933 einen speziellen Vertrag, das Konkordat, mit dem Vatikan abgeschlossen, welcher in Österreich Verfassungsrang genießt. Dieses Konkordat ist ein Quasi-„Staatsvertrag“ zwischen dem Vatikanstaat und Österreich, der die Autonomie Österreichs in kirchlichen Belangen stark einschränkt und der Kirche in Österreich eine privilegierte, öffentlich-rechtliche Stellung gesetzlich (teilweise im Verfassungsrang) zuerkennt.

 


Mit Entschädigung für Mißbrauch ist man auch in Österreich schneller, und es darf auch etwas teurer sein, als bei den Piefkes.

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 23. September 2010

Doch wie in Deutschland werden die Mißbrauchsopfer zuerst bedient, ob und was für die ehemaligen Heimkinder angeboten wird, bleibt im Dunkeln.

»Missbrauch in der Kirche – Erste Entschädigungs-Zahlungen beschlossen« titelt der Standard

http://derstandard.at/1285042350690/Missbrauch-in-der-Kirche-Erste-Entschaedigungs-Zahlungen-beschlossen [Donnerstag, 23. September 2010]

Es gibt auch eine Tabelle. Die läßt die deutschen Jesuiten- je nach Sicht – knickerig oder clever aussehen:

Klasnic-Tabelle: klasnic-tabelle

Doch zum Thema Mißbrauch habe ich im vorigen Beitrag schon geschrieben.

Wie steht es mit den ehemaligen Heimkindern, mit ihrer Entschädigung bzw. ihren Lösungsvorschlägen?

Ob es stimmt weiß ich nicht. Es gibt zumindest keine Meldungen darüber, ob die Vertreter der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch am Anfang der Woche ihre Forderungen formell eingebracht haben. Leider beachten die Heimkindervertreter am Runden Tisch die verordnete Arkandisziplin, das Schweigegebot. Es kann also sein, daß sie entgegen allen Mutmaßungen und Verdächtigungen die Forderungen eingebracht und Stillschweigen gewahrt haben über dies löbliche Verhalten. Löblich, weil nur so der Runde Tisch gezwungen ist, diese Forderungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Sollten sie jedoch, warum auch immer, die Lösungsvorschläge nicht formell eingebracht haben, dann bleibt nur eins: Sie müssen umgehend eine außerordentliche Sitzung fordern, damit sie ihrer Verpflichtung gegenüber den anderen Heimkindern gerecht werden.

Es wurde vermutlich auch schon versäumt, die profunde Bewertung des Zwischenberichts durch Prof. Kappeler offiziell in die Tagesordnung einzubringen. Ein gravierender Fehler, wenn dem so sein sollte. Das sollte man nicht wiederholen. Wenn die Heimkindervertreter am Runden Tisch in diesem Punkt versagen, wären sie zum Sargnagel für die Interessen der mißhandelten Heimkinder geworden und dürfen sich dann nicht wundern, wenn nach dem Schlußbericht die Enttäuschung ihrer Leidenskollegen in vollem Maß über sie hereinbricht. Ich werde mich dann, in zivilisierter Form, daran beteiligen.

Tirol ist Vorbild

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 27. Juli 2010

Entschädigung für Heimkinder: In Salzburg sieht’s noch anders aus. Aber

Tirol ist Vorbild

»Konkret schlagen die Experten eine pauschale Entschädigung von 15.000 bis 25.000 Euro pro Opfer vor. Weiters soll das Land Tirol laut der Kommission die Therapiekosten für traumatisierte ehemalige Heimzöglinge übernehmen; eine Anlaufstelle bei der Innsbrucker Kinder- und Jugendanwaltschaft gibt es bereits seit März. Außerdem sollen zur Prävention ausreichend stationäre Plätze für die aktuelle Fremdunterbringung von Tiroler Kindern und Jugendlichen geschaffen werden. Auch eine offizielle Entschuldigung durch LH Platter (ÖVP) bei den 79 Tiroler Opfern, die sich gemeldet haben, soll es nach Wunsch der Experten geben.«

http://www.salzburg.com/online/salzburg/stadt+salzburg/Entschaedigung-fuer-Heimkinder-Tirol-ist-Vorbild.html?article=eGMmOI8Vd45KpgR8qUQeleC32FNZ4dXtwMqTUNk&img=&text=&mode= [Dienstag, 27. Juli 2010]

Was sagen „unsere“ Experten am Runden Tisch?

Künstler „kreuzigte“ sich am Stephansdom

Posted in Kirche, Theologie by dierkschaefer on 2. April 2010

Ein Künstler kletterte auf ein Baugerüst und zeigte sich in Kreuzigungspose. Der Protest gegen Missbrauch sorgte für einen Feuerwehr-Einsatz.

http://kurier.at/kultur/1991247.php [Freitag, 2. April 2010]

Ehemalige Heimkinder im Wiener Parlament!

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 8. März 2010

Ehemalige Heimkinder im Wiener Parlament!

Zwar war es nur das Gebäude des österreichischen Parlaments, in das ehemalige Heimkinder am 5. März 2010 eingeladen hatten.

Programm/Einladung Wien

Doch das hatte einen mehrfach symbolischen Charakter.

Zum einen galt die Veranstaltung jenem Jenö Alpár Molnár, der dem österreichischen Staat zu verdanken hat, daß seine Herkunft verschleiert blieb und er nach einer fürchterlichen Zeit in österreichischen Heimen ohne Papiere und damit auch ohne Staatsangehörigkeit auf der Straße stand. Zum anderen wurde durch das Schicksal von Herrn Molnár erstmals in Österreich, und dies sogar im Parlamentsgebäude öffentlich gemacht, wie es in den dortigen Heimen zuging. Nicht anders als in Deutschland: Kinder wurden gedemütigt, mißhandelt und manche auch mißbraucht. Es fehlte an Bildungsangeboten und als Lehrberufe kamen nur solche infrage, die für die Jugendämter, also für den Staat, nichts kosteten, das war vielfach die Bäckerlehre.

Zu Herrn Molnár verweise ich auf meine Rezension seines Buches hier im Blog:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/02/18/geschichte-einer-geraubten-kindheit-rezension/

Das Podium im Budget-Saal des Parlaments war fachkundig besetzt und zur Überraschung der meisten entpuppte sich Prof. Dr. Bauer, Kommunikationswissenschaftler an der Wiener Universität als Heimkamerad von Herrn Molnár. Er war der lebendige Beweis dafür, daß Heimkinder sogar in Spitzenpositionen gelangen können, doch die Umwege zum Erfolg waren, wie Herr Bauer nicht ohne innere Bewegung vorbrachte, nicht „zielführend“, wie man heute sagt, denn sie führten durch Obdachlosigkeit und den Kampf ums nackte Überleben. Im Publikum saßen noch mehr Menschen, die Zeuge waren für die damals üblichen Menschenrechtsverlet­zungen in den Heimen.

Ich muß die Veranstaltung hier nicht ausführlich beschreiben, denn sie wurde komplett dokumentiert vom ORF, dem österreichischen Fernsehen, und von Peter Henselder, der seine Videoaufnahme ins Netz stellen wird. Sobald ich den Link habe, werde ich ihn hier einfügen.

Die Frage ist: Was wurde erreicht, was sind die nächsten Schritte?

Erreicht wurde, daß die Heimkinderdiskussion nun auch in Österreich angekommen ist. Im Unterschied zu Deutschland waren die meisten Heime in staatlicher Hand.

Dieser Staat muß nun seine Verantwortung erkennen und Entschädigung leisten – eine Klage ist auf dem Weg. Die österreichische Gesellschaft muß sich fragen (lassen), wie man angesichts der schuldhaften Verstrickung des Staates und dem eigenen damaligen Wegsehen nun Strukturen schafft, die einerseits den Familien helfen, ihrer erzieherischen Verantwortung gerecht zu werden, aber im Falle eines anhaltenden familiären Versagens Kindern und Jugendlichen so zu Hilfe kommt, daß sie in die Lage versetzt werden, erwachsen geworden ihr Leben zu „meistern“. Das wird der Staat nicht allein schultern können, sondern hier ist die Gesellschaft zur Mitwirkung aufgerufen, freundliche soziale Kontrolle zu leisten, Pflegschaften zu übernehmen, Lehrstellen zu bieten, Talente zu fördern und nicht zuletzt, den Aufwand über Steuern zu finanzieren. Das wird um so bereitwilliger geschehen, wenn wir endlich lernen, Ausgaben für Kinder und Jugendliche nicht als Unkosten zu begreifen, sondern als Investitionen, ein Lernfortschritt, den wir in Deutschland auch noch nicht erreicht haben.

Eigentlich wäre es ganz einfach. Am Wiener Parlament ist Artikel 1 der Menschenrechte eingemeißelt.

Problem ist nur, daß dieser repräsentative Eingang des Parlaments nicht mehr benutzt wird. Man betritt das Gebäude heutzutage ein Stockwerk tiefer, auf der Erdgeschoßebene. Also müßte das Menschenrecht im wahrsten Sinne des Wortes etwas tiefer gehängt werden, tief genug, daß man es lesen, tief genug aber auch, daß man nicht drunterdurch schlüpfen kann.

Geschichte einer geraubten Kindheit, Rezension

Posted in heimkinder, News, Pädagogik by dierkschaefer on 18. Februar 2010

Geschichte einer geraubten Kindheit

Die Erstauflage des Buches datiert von 2008. Zu dieser Zeit war „Jöri“ 62 Jahre alt. Der im Buch 14jährige erzählt mit vielen Rückblenden aus seiner Heimzeit. Am Ende des Berichts steht der Beginn der nicht gewollten Bäckerlehre – und wie es bei dem Bäcker zugeht, erfah­ren wir auch, denn ein Kamerad von Jöri war schon da.

Die Geschichte von Jenö Alpár Molnár kann man in doppeltem Sinne als Geschichte einer geraubten Kindheit lesen.

Den einen Aspekt einer geraubten Kindheit kennen wir aus der derzeitigen Heimkinderdiskus­sion: Unfähiges Heimpersonal, Prügel und Demütigungen, Gewalt, auch unter den Kindern selbst, bis zu sexuellen Übergriffen. Im Hintergrund Jugendämter, die die Kinder nur verwal­ten, und das möglichst kostengünstig.

Der andere Aspekt liegt in einem Geheimnis, ähnlich wie bei Oliver Twist oder bei Kaspar Hauser: Wer sind die Eltern von Jöri? Jöri wird als Waise behandelt, doch er ist fest über­zeugt, daß seine „Mom“ lebt und er auch einen Vater hat. Es sind nicht nur die üblichen Nachkriegsverhältnisse, die seine Familie auseinander gebracht haben. Das Geheimnis seiner Herkunft ist gezielt herbeigeführt. Die US-Besatzungsarmee in Österreich wollte Ehen zwi­schen ihren Soldaten und Einheimischen verhindern, so wie auch dafür gesorgt war, daß Va­terschaftsfeststellungen vereitelt wurden durch Versetzungen der Soldaten und Verschleie­rung der Spuren, wie ich es auch von einem Besatzungskind in Deutschland weiß. Diese von den besetzten Ländern akzeptierte Situation gilt bis heute. Allerdings verwundert das Verhal­ten der USA nicht, haben sie doch als einziges Land der Welt neben Somalia die UN-Kinder­rechtskonvention bis heute nicht unterzeichnet; die Konvention gibt dem Kind ein Recht auf Kenntnis seiner Herkunft. Im Fall von Jöri verweigerten die Behörden nicht nur Kooperation und Auskunft, sondern die Besatzungsmacht griff aktiv ein: Militärpolizisten holten den klei­nen Jöri ab, brachten ihn ins Heim und man sagte der Mutter, er sei beim Vater. Die Akten wanderten mit ins Heim, doch sie blieben lange Zeit geheim. Jöri aber „wußte“, daß seine Mutter auf ihn wartet (erst 1986 fanden die beiden wieder zusammen). Die Militärpolizei tauchte in den Träumen des kleinen Jöri auf.

Wie kam Jöri damit zurecht? Uns begegnet ein äußerst lebendiger Junge, zäh, umsichtig und mit ungeheurer Durchsetzungskraft – und er „trägt das Herz auf der Zunge“, wie es mehrfach heißt. Das hatten (und haben) Erzieher nicht so gern, denn solch ein Kind hat seinen eigenen Kopf, ist unbequem und tanzt aus der Reihe. Am schlimmsten war die prügelnde Schwester Margit; na ja, da ist auch noch die Heimleiterin, die Jöri brutal zusammenschlägt, nachdem er ihr eine Standpauke gehalten hat – und ihn schließlich zu dem Bäcker in die Lehre schickt, von dem sie weiß, wie er seine Lehrlinge skrupellos ausbeutet. Doch Lehrjahre sind keine Herrenjahre, meint auch das Jugendamt. Die Bäckerlehre ist kostengünstig – und die „Berufs­beratung“ eine Farce.

Wie kam Jöri damit zurecht? Das ist die Frage nach den Schutzfaktoren, nach der „Resilienz“. Davon hatte Jöri sehr viel. Über die Lebensenergie, die er von Geburt mitbekam, können wir nur spekulieren. Doch wir wissen, daß es Säuglinge und Kleinkinder gibt, die voll Energie stecken, manchmal durchaus zum Leidwesen der gestreßten Eltern. Und dann gibt es die „Pflegeleichten“. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Jöri jemals phlegmatisch war. Im Heim jedenfalls nicht. Wir sehen einen Jungen, der den Widerstand organisiert, sich für Schwächere einsetzt, der Schwester Margit – wie zum Schluß auch der Heimleiterin – die Leviten liest und planvoll und erfolgreich dafür sorgt, daß Schwester Margit das Heim verlassen muß. Er ent­machtet auch Stefan, den Primus und Liebling von Schwester Margit, und organisiert die Gruppe als Beistands- und Schutzgemeinschaft. Er gibt sich auch nicht damit zufrieden, daß die Heimleiterin nichts gegen die fünf Jungen tun will, die ihn überfallen und geschändet ha­ben, und er setzt sich durch. Jöri hat allerdings auch Unterstützer, nicht nur seine Kameraden. Da sind insbesondere die Schwester Gusti und der Lehrer, freundlich sind aber auch der Schreiner im Heim und die Küchenchefin. Sie sichern Jöri eine abgehobene Position, auch wenn der Heimalltag immer wieder unbarmherzig durchschlägt.

Mindestens genau so wichtig erscheint mir jedoch etwas anderes. Es ist das große Geheimnis, dem er auf die Spur kommen muß – und er „weiß“ eine ihn liebende Mutter irgendwo auf der Welt. Das heißt: In seiner Vorstellung existiert eine enge Mutter-Sohn-Bindung, die ihm Kraft gibt, den Mißhandlungen und Ungerechtigkeiten im Heim zu trotzen. Er fragt nicht nach den Elternhäusern der Kameraden, sieht die Nicht-Waisen eher im Vorteil, weil Jugendamt und Heim sich denen gegenüber nicht so viel herausnehmen können, wie bei den schutzlosen Waisen. Er fragt nicht, warum seine Kameraden nicht bei ihrer Familie aufwachsen, wo wir doch wissen, daß manche Familien ihre Kinder mißhandeln und mißbrauchen und sie deshalb im Heim leben. Daß viele Kinder unter der „professionellen Pädagogik“ ebenso lei­den mußten wie daheim, das steht auf einem anderen Blatt. Jöri ist seinem Geheimnis auf der Spur – und als es ihm aufgedeckt wird, darf er zwar darüber nicht sprechen, doch nun weiß er definitiv, daß er von seiner ihn liebenden Mutter fortgerissen wurde.

Die Biographie Jöris deckt nicht nur die „Schwarze Pädagogik“ in der Heimerziehung auf, sondern auch den Schandfleck des us-amerikanischen Umgangs mit Kinderschicksalen und in der Folge auch des österreichischen Staates, der nicht nur seiner Aufsichtspflicht über die Heime nicht nachkam, sondern Jöri als Staatenlosen ins Leben entließ. Es ist die Geschichte der Ausgrenzung als lästig empfundener Kinder, Kinder, die vom Personal weder gemocht werden (von geliebt ganz zu schweigen), noch nach den Regeln des pädagogischen Wissens­standes erzogen wurden. Heute verlangen diese Kinder Anerkennung, Rehabilitation und Ent­schädigung, in Irland, in Deutschland, in Österreich – und demnächst wohl auch anderswo, denn es ist nicht anzunehmen, daß es in anderen Ländern besser war. Doch auch jetzt sind sie nur lästig, die ehemaligen Heimkinder. Für Betroffenheitsbekundungen reicht es wohl, aber bis zu einer materiellen Anerkennung des staatlich zu verantwortenden, meist aber kirchlich praktizierten Unrechts ist es noch weit.

Wäre das Buch kein Lebensbericht, hätte es keinen dokumentierenden Bildanhang, könnten wir es als klassischen Bildungsroman lesen: Ein junger Mensch auf dem mit zahlreichen Hin­dernissen gespickten Weg ins Erwachsenenalter. Erzählform ist das Imperfekt, die Dialoge und reflektierenden Gedanken jeweils in der Gegenwart. Dadurch wird die „Handlung“ le­bendig und Jöri so sympathisch, daß man sich unweigerlich von Seite zu Seite mehr mit ihm identifizieren kann. Das gilt für sein heldenhaftes Verhalten und seine Klarsicht; aber auch für die ungewöhnliche Reife bei seiner unbefangenen Behandlung pubertärer Sexualnöte und für sein Liebeser­lebnis mit der Küchenhilfe Lisa. Wer in der damaligen verklemmten Zeit aufgewachsen ist, hätte an diesen Punkten jedenfalls gern mit ihm getauscht.

Doch dieser Bildungsroman mit Do­kumentationsanspruch wirft auch Fragen auf. Das Buch ist im Rückblick auf den 14jährigen und dessen Vergangenheit geschrieben. Das ist nicht unproblematisch, denn auch wenn man unterstellt, daß Jöri in Gedanken und Verhalten reifer war als altersüblich, so ist doch kaum anzunehmen, daß er damals zu den Formulierungen, Monologen und reifen Gedankengängen in der Lage war, wie im Rückblick auf den 14jährigen. Der Leser fragt sich, inwieweit in dieser Darstellung bereits die Gedanken und Verarbeitungsversuche, auch die Stilisierungsbemü­hungen des Erwachsenen den Blick auf den damaligen Jöri beeinflußt haben. Es mag auch sein, daß der Autor versucht, sich ein Stück des ihm gestohlenen Lebens zurückzuerobern. Auch wüßte man gern, wie es dem Jöri später erging. Hier vermißt man ein erhellendes Edito­rial, hervorgegangen aus einer auch psychologisch fachkundigen Begleitung beim Erstellen des Manuskripts.

Doch abgesehen davon: Ein lesenswertes Buch, das uns das Schicksal der abgeschobenen Kinder näher bringt und uns nachdenklich werden läßt; nachdenklich, weil wir immer noch nicht sicher sind, wie wir Kindeswohl außerhalb der Familie bieten können, wenn die Familie – warum auch immer – ausfällt. Die Prügelpädagogik ist zum Glück vorbei. Die Rechte der Kinder aber scheitern all zu oft an der Realität, die wir Erwachsenen für uns geschaffen haben.

Jenö Alpár Molnár, Wir waren doch nur Kinder …Geschichte einer geraubten Kindheit; August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt, 20092, 301 Seiten, plus Bildanhang, 17,40 €

Rezensiert von Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll

Fon: (0 71 64) 1 20 55, Mail: ds [at] dierk-schaefer.de

Die Rezension bezieht sich ausschließlich auf das Buch.

Unter http://www.interview-trier.de/Molnar.html kann man mehr über „Jöri“ erfahren.