Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Mordanklage

Wie gesagt, mein Dienstplan lag auch in Kopie immer in der Wohnung herum. Danach richtete sich meine Frau, wenn sie ihren Lover kommen ließ. Dass ich mal außerplanmäßig auftauchen könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die 14te Etage, schloss die Wohnungstüre auf. Ich sah ein wenig Licht zum Flur hin vom Wohnzimmer durch das geriffelte Glas in der Türe fallen. Vom Wohnzimmer ging es direkt ins Schlafzimmer. In der Zwischentüre war eine Milch­glasscheibe angebracht. Von dort kam die Lichtquelle. Sie wird wohl noch lesen, dachte ich. Es war ja auch noch relativ früh.

Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper.

Pustekuchen. Von wegen, sie las ein Buch! Sie ließ es sich nach allen Regeln der Kunst besorgen. Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper. Erst als meine Frau zu sprechen anfing, merkte der Actionheld, dass irgendetwas nicht stimmte, lag er doch mit von der Türe abgewandtem Gesicht auf meiner Frau. Unverfroren forderte mich mein holdes Weib auf: „Geh in die Küche und warte bis wir fertig sind, dann bekommst du eine Erklärung!“

Noch bevor ich diese Frechheit verdauen konnte, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Der Bimbo[1] zeigte sich sehr erbost darüber, in seiner schönen Beschäftigung gestört worden zu sein. Sprang der doch samt seiner Lanze aus dem Bett und auf mich zu. Obwohl er hätte wissen müs­sen, es hier mit einer verheirateten Frau zu tun zu haben, versuchte er den rechtsmäßigen Mann aus dem Weg zu räumen. Nicht nur die diversen Schlägereien im Heim, auf der Straße und Hafen­kneipen hatten mich zu kämpfen gelehrt. Schließlich hatte ich ja noch eine Spezialausbildung vom Staat finanziert beim Bund erhalten. Meine Schmerzen im linken Fuß nahm ich überhaupt nicht mehr wahr. Zunächst einmal war ich nur damit beschäftigt seinen Schlägen auszuweichen. Dabei war ich schon ins Wohnzimmer ausgewichen und hatte die offene Balkontüre gesehen. Damit der Bimbo mir nicht die gesamten Möbel zerschlagen konnte, ein Regal hatte er schon demoliert, wich ich auch noch auf den völlig leeren Balkon aus. Verdammt noch mal, auch der Kerl schien mit Adrenalin vollgepumpt zu sein. Meine Handkantenschläge sowie meine zielsicher angebrachten Fingerspitzenattacken auf seinen Solarplexus zeigten keinerlei Wirkung. Meine Handknöchel began­nen schon zu schmerzen, abgesehen davon, dass mir das Blut aus der Nase in den Mund floss.

14 Etagen reichten nicht, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Dann schoss mir ein Ratschlag in den Kopf, den ich mal bei einer geselligen Runde mit mei­nen Schiffskameraden aufgeschnappt hatte. „Hast du mal Ärger mit einem Neger, versuche es erst gar nicht, ihn mit der Faust k. o. zu schlagen. Warum sind die meisten Boxweltmeister wohl N ..? Die haben eine ganz andere Schädelstruktur. Soll ich euch mal sagen, wo die Typen empfindlich sind?“ Was der erfahrene Seemann damals ausgeplaudert hatte, fiel mir jetzt ein. Der Kerl schwitzte nicht alleine von seiner schweren Arbeit auf meiner Frau. Es war dazu auch noch eine heiße August­nacht. Hinzu kam noch der heiße Kampf zwischen uns beiden, dass er regelrecht zu stinken begann. Versuchte er doch auch, mich mit seinen Armen zu umklammern. Ich stand ohne­hin nicht auf Kerle, also musste ich jetzt was tun. Mit dem Seitenrist meiner Lederschuhsohle holte ich kräftig aus und trat ihm ordentlich vors Schienbein. Sein Schrei klang wie der Beginn eines Kriegstanzes. Über den Beginn kam er allerdings nicht hinaus. Er stellte einen Weltrekord im Hochsprung auf. Das war das letzte, was er in diesem Leben tat. Er hüpfte doch tatsächlich mit diesem Hochsprungrekord direkt ins Nirwana. Wenn er denn dorthin gehörte. Die Evolutionszeit bis zum Aufschlag 14 Etagen tiefer reichte nicht aus, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Gruppensex?

Einige Leute im Haus hatten zu der Zeit schon Telefonanschluß. Deshalb war die Polizei mit dem Arzt auch so schnell vor Ort. Meinem geschwollenen Bein wurde keinerlei Beachtung geschenkt. Dafür bekam ich ein paar ziemlich eng anliegende Handschellen angelegt. Meine Frau, wohl ahnend, dass auch ihre zweite Ehe nicht mehr zu kitten war, behauptete der Polizei gegenüber doch allen Ernstes, dass wir Gruppensex gemacht hätten und ich den schwächsten Moment des Kerls ausgenutzt hätte, um ihn vom Balkon zu stoßen, weil ich es nicht hätte ertragen können, dass sie auch bei dem Kerl da unten Gefühle gezeigt hätte. Ihre Aussage bekräftigte sie dann auch noch damit, dass ich auf Gruppensex stehen würde, indem sie die damals in Deutschland noch verbote­nen Pornohefte hervorholte, die ich mir während der Seefahrtszeit in Schweden und/oder in Dänemark gekauft hatte. Das alles genügte, um mich gleich in U-Haft zu stecken. Schon am nächsten Morgen eröffnete mir der Untersuchungsrichter, dass eine Mordanklage gegen mich vorliegt und ich deshalb in Untersuchungshaft verbleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das ganze Geschehen der vergangenen Nacht noch gar nicht richtig realisiert in meinem Hirn. In den letzten Stunden in der Polizeizelle hatte ich immer versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Es gelang mir aber nicht. Meine Gedanken schienen neben meinem Körper zu schweben, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Ich stand einfach neben mir. Immer wenn ich mich fragte, warum meine Frau nur diese infame Lüge der Polizei gegenüber vorgebracht hatte. Und da setzte es bei mir auch schon aus. So als hätte ich Watte in meinem Gehörgang vernahm ich, was man mir vorwarf und ließ mich anschließend mit weichgewordenen Knien abführen. Es ging direkt zur Krümmede 3. Im Unterbewusstsein nahm ich das Haus Nummer 8 wahr. Dort lebten meine Schwiegereltern, wo wir häufig zu Besuch waren. Links von der Haupteinfahrt zum Knast war eine Wohnsiedlung der Beam­ten. Der größte Teil der Justizbeamten, die im Knast auch Schließer genannt wurden, wohnten dort. So auch mein Schwiegervater. Oberverwalter seines Zeichens. 13 Kinder hatte der Mann in die Welt gesetzt. Eines davon war meine Frau. Mein Schicksal hatte es so gewollt, dass ich ausgerech­net an das Schwarze Schaf der Familie geraten war. Eines Tages, ich saß gerade auf dem Klo, um meinen Knastfraß der Natur zurück zu geben, da drehte sich mit lautem Knirschen ein Schlüssel im Türschloss. Laut genug, dass der ohnehin hellhörige Bau alles mithören konnte, schrie er, ohne meine Zelle zu betreten: „Du Strolch musst nicht denken, dass dir hier irgendein Vorteil dadurch entsteht, dass du mein Schwiegersohn bist. Das heißt warst. Für so einen wie dich gibt es keinen Platz in unserer Familie!“ Damit schloss er auch schon wieder meine Zellentüre. Somit hatte er der gesamten Bochumer Knastwelt kundgetan, dass er sich von der Tat seines Schwiegersohnes distanziert hatte. Ich sah ihn dann nur noch einmal in meinem Leben. D.h. während meiner U-Haftzeit. Ich hatte mich gleich um Arbeit in der Anstalt bemüht. Einerseits, um der Monotonie des Knastalltags zu entgehen, zum anderen weil ich inzwischen der Nikotinsucht verfallen war. So lernte ich denn blass­blaue Briefumschläge zu kleben, die vom gesamten Justizwesen in NRW benötigt wurden. Für 1200 gefertigte Umschläge gab es 50 Pfennige. Jeder Knacki bemühte sich, dieses Soll überzuer­füllen, denn dann gab es eine Sonderprämie, für die dann auch schon mal ein Glas Instantkaffee drin war. Während dieser Zeit hatte mein Schwiegervater, der die Aufsicht über eine aus Knackis bestehende Reparaturkolonne hatte, einen Auftrag für die Arbeitshalle, in der auch ich arbeitete. Was soll ich sagen? Draußen noch in Freiheit bei unseren Besuchen lobte er mich immer wieder wegen meines Fleißes und dafür, dass ich seine Tochter trotz der beiden bereits vorhandenen Kin­der geheiratet hatte und wie gut ich die Familie versorgte. Dabei hob er besonders hervor, dass ich ja auch ein waschechter Ostpreuße war, wie er auch. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er vermied es mich anzusehen, drehte mir ständig vielsagend seinen Arsch zu.

Ich habe oft im Leben feststellen müssen, dass ein Unrecht selten alleine kommt. Ich bekam einen sehr engagierten Pflichtverteidiger zugewiesen. Dieser bröselte den ganzen Vorfall besagter Nacht bis ins Kleinste auf und schaffte es, einen vereidigten Sachverständigen hinzuzuziehen. Die Lügen meiner Frau, von wegen Gruppensex, wurden schon alleine vom Zeitfaktor widerlegt. Denn mein Chef und die Arbeitskollegen konnten guten Gewissens aussagen, dass es gar nicht möglich war, dass ich daran beteiligt war. Dann bekam auch noch mein Hauswirt bzw. der Architekt des Hoch­hauses sein Fett weg. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Balkonbrüstung bei weitem nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Bei vorschriftsmäßiger Höhe wäre der Bimbo nicht ins Fliegen gekom­men. Letztendlich wurde die Anklage auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Was den Richter veranlasste mich zu fragen, was ich denn vorziehen würde: Viereinhalb Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zuchthaus. Natürlich entschied ich mich für die „nur“ drei Jahre Zuchthaus. Bis das Urteil rechtskräftig wurde verging allerdings noch einige Zeit. Schon einen Tag, nachdem mein Schwiegervater in unserem Briefumschläge fabrizierenden Betrieb aufgetaucht war, schickte mich mein Werkmeister wieder zurück auf die Zelle. Hatte man meinem Schwiegervater schon den Schlüssel für den U-Haft Bereich abgenommen, so wollte man jetzt auch jeden anderen Kontakt verhindern. Die Gefängnisleitung oder auch seine missgünstigen Kollegen(?) trauten ihm nicht so recht. Um mir auch weiterhin durch meinen Sklavenlohn ein paar Annehmlichkeiten gönnen zu können, gab man mir auf Drängen hin eine Knochenarbeit auf die Zelle. Ich „durfte“ Fußbälle nähen. Ich denke nur noch mit Grausen an diese Fußballnähzeit zurück. Bis es zu meinem „Mord­prozess“ kam vergingen eine Reihe von Monaten.

Im Knast und schon wieder Vater?

Zu der nervenaufreibenden Prozessführung flat­terte mir auch noch ein Brief in die Zelle, worin mir mitgeteilt wurde, dass ich erneut Vater eines Sohnes geworden sei. Laut Kopie der Geburtsurkunde sollte dieser Boarfa Marem Driss[2] heißen. So ein Driss aber auch. Driss steht in NRW, zumindest in Bochum, für das Wort Scheiße![3] Nie habe ich diesen „meinen“? Sohn zu Gesicht bekommen. Ich nehme aber stark an, dass er eine ebenso schöne braune Hautfarbe hatte, wie die zwei danach geborenen Kinder meiner Frau. Wie mein Rechtsanwalt recherchieren konnte, war zwei Tage nach dem Bimbo-Abflug dessen Bruder aus Marokko eingeflogen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Diesen Bruder nahm sich meine noch Ex-Frau auch gleich zur Brust. Und weil die Geburt des Kin­des noch in die gesetzliche Karenzzeit fiel, wurde der Junge eben auch noch in mein Stammbuch geschrieben. Ich wehrte mich natürlich mit Hilfe meines Anwalts dagegen. Doch noch bevor es deswegen zu einer Gerichtsverhandlung kommen konnte, hatte sich die Angelegenheit von selbst erledigt. Ich bekam wieder einmal so einen vielleicht sogar von mir gefertigten Blauen Brief. Darin enthalten war ein Totenschein. Ohne weiteren Kommentar erfuhr ich so, dass es keinen Moarfa Marem Driss mehr gab.

Tauschangebot: Eine Zelle in Celle

Einen Tag nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, wurde mir eine Audienz beim Gefäng­nis­direktor zuteil. Dieser legte mir nahe ein Gesuch zu schreiben, welches die Bitte enthielt, mich meine Haftstrafe nicht in NRW absitzen zu müssen, sondern sie gerne in Celle, Niedersachsen, zu verbüßen. Als Begründung reichte natürlich die verwandtschaftliche Beziehung zu einem in NRW tätigen Justizbeamten. Außerdem machte man es mir schmackhaft, indem man mich darauf hinwies, dass ja nur wenige Kilometer entfernt meine Mutter wohnen würde und diese mich in Celle viel öfter besuchen könne. Diesem Antrag wurde natürlich sehr schnell statt gegeben. Im Austausch mit einem Gefangenen aus Niedersachsen, der lieber seine Zeit in NRW absitzen wollte, ging es recht zügig über die Bühne.

Jetzt lernte ich mal so richtig den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuchthaus ken­nen. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Neubau in der Bochumer U-Haftanstalt und dem Jahrhunderte alten Bau in Celle war gravierend. Hatte ich in Bochum schon eine etwas über acht Quadratmeter große Zelle mit eingebautem Klo bewohnt, so bekam ich in Celle, weil ich unbe­dingt eine Einzelzelle wollte, eine so genannte Kopfzelle zugewiesen. Zwischen Türe und Fenster war mal gerade Platz für ein zwei Meter langes Bett und einem Waschständer. Statt eines einge­bauten Klo’s hatte ich eine Plastik-Bettpfanne, eine Waschschüssel und eine Wasserkanne. Mein tragbares Plastikklo durfte ich jeden Morgen auf der gleichen Etage entleeren und säubern. Zwei­mal am Tage konnte ich eine Kanne voll Wasser fassen. Die Breite der Zelle war so ausge­messen, dass ich, wollte ich mich schlafen legen, den Tisch an der gegenüberliegenden Wand hochklappte und ankettete. Umgekehrt, wollte ich am Tisch sitzen, musste ich das Bett hoch­klap­pen und an der Wand mit einer Kette einhaken.

Ich lernte im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen.

Nachdem ich meinen dreimonatigen A-Vollzug mit Nichts-tun hinter mich gebracht hatte, durfte, nein musste ich arbeiten. Eingeteilt wurde man dort, wo gerade ein Platz frei war. So lernte ich zunächst Kulturtaschen zu nähen. Wurde von dort abge­worben, um im Nebenbetrieb Arbeits­handschuhe aus Leder zu nähen. Jede der Knastarbeiten war natürlich mit einem Mindestpensum belegt. Erst wer darüber hinaus produzierte kam in den Genuss einer Prämie. Diese ausgelobte Prämie machte den Reiz aus, sich akkordmäßig ins Zeug zu legen, wurde die Prämie doch vollständig zum Einkauf freigegeben, während von dem Normal­verdienst ein Drittel zur Bildung einer Rücklage für die Zeit nach der Entlassung abgezogen wurde. Als Vorarbeiter und gleich­zei­tigem Zellennachbarn hatte ich den berühmt-berüchtigten Tangojüngling. Den Spitznamen Tango­jüngling hatte ihm seinerzeit die Presse gegeben. Eigentlich war der von Hallatsch[4] der erste Bom­ben­leger der BRD in der Nachkriegszeit. Dieses arrogante Stück Scheiße hatte einige Briefbomben verschickt, einen Menschen getötet und einen erblinden lassen. Er war wohl derzeit einer der „pro­mi­nentesten“ Gefangenen. Hatte ich draußen in Freiheit die Art von Prominenz bedient, die mehr oder weniger als solche zu bezeichnen waren, weil Film, Presse oder Rundfunk sie dazu gemacht hatten, so lernte ich im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen. So wurde ich sogar (Ohren-)Zeuge, wie ein Stern Reporter in meiner Nachbarzelle ein Interview mit dem Bom­benleger durchführte. Sorry, Herrschaften. Seit dieser Zeit lese ich keine Interviews mehr in irgendeiner Zeitschrift. Zwischen dem, was ich gehört hatte und dem anschlie­ßend Gedruckten lagen ganze Welten. Ich möchte hier noch anfügen, dass die Behauptung, der von Hallatsch wäre ein arroganter, hochnäsiger Fatzke gewesen, nicht alleine auf meinem Mist gewachsen ist. Sämt­liche damals diensttuenden Beamten einschließlich des Gefängnisdirektors wären da meiner Mei­nung. Dieser Schönling verbrauchte jeden Monat Unmengen von Nivea­dosen, um seine Haut jung zu halten. Er glänzte ständig wie eine Speckschwarte. Auch noch als ich ihm mal zufällig viele Jahre später im AOK Gebäude in Hannover begegnete. Als ich ihn dabei mit dem Namen von Hallatsch ansprach, glänzte er nach wie vor wie eine Speckschwarte, hatte aber längst seinen Namen gewechselt. Er, wie ein Dandy gekleidet, tat ganz empört, dass ich ihn ange­sprochen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein. Damit dreht er mir den Rücken zu. Ich irrte mich ganz bestimmt nicht. War er doch mein Vorarbeiter gewesen und dazu auch noch mein bester Kunde. Kunde insofern, dass er ständig meine neuesten Ausgaben der Pornohefte im Leasingver­fahren erhielt. Wie denn das? werden Sie sich jetzt fragen.

Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbeiten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt.

Nun, ich hatte einen Weg gefunden, solche Hefte, die es damals noch nicht einmal in Deutschland zu erstehen gab, eben in dieses Zuchthaus zu schmuggeln. Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbei­ten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt. Ja, sogar überfüllt mit Tabak und Kaffee, der einzi­gen Knastwährung, für die man sich so manches leisten konnte. Von Hallatsch gönnte sich manch­mal sogar einen Schwanz­lutscher. Das aber erst ab dem Jahre 1969, als die große Koa­lition mit Beteiligung der SPD das Strafvollzugsgesetz reformiert hatte. Das hieß: der Name Zuchthaus wurde abgeschafft und jede Menge am Strafvollzug an sich geändert. So auch die Erlaubnis ein Transi­stor­radio zu erstehen. Und vieles mehr. Bis dahin waren die selbstgebastelten sogenannten „Immchen“[5] hoch im Kurs. Also jede Neuausgabe eines Pornoheftes hatte 32 Seiten. Diese num­merierte ich natürlich fein säuberlich und verlieh das Heft für ein Päckchen Tabak für 24 Stunden. Hatte ich alle meine für mich erreichbaren Kunden abgegrast, so verkaufte ich das jeweilige Heft an einen Kalfaktor eines anderen Häuserblocks. Der besser verdienende Vorarbeiter und Nichtraucher von Hallatsch erkaufte sich das Privileg, die jeweiligen Hefte als erster zu erhalten damit, dass er mir sogar zwei Päckchen Tabak dafür zahlte.

Die Strafvollzugsreform brachte es auch mit sich, dass am Wochenende Umschluss genehmigt wurde. In den Nachmittagsstunden konnte man sich mit anderen Gefangenen in einer Zelle treffen. Einfach nur Quatschen, Schachspielen, Skat oder, was noch beliebter war, Pokern. Es gab dann noch die Gefangenen, die draußen bei einer Fremdfirma arbeiten durften. So konnte ich dann auch besonders guten Freunden, wenn sie am Wochenende bei mir zu Besuch waren, sogar einen Cognac oder Wodka anbieten. Weil auch das Licht nicht mehr pünktlich um 22 Uhr abgeschaltet wurde, wir einfach nur die Glühbirne selbst lockern durften, wenn wir schlafen wollten, blieb mir genügend Zeit, dicke Briefe zu schreiben. Endlich konnten die Gefangenen sich auch unge­schwärzte Zeitungen in den Knast bestellen. Zeitungen an sich konnte man schon immer beziehen. Nur alle verbrechensrelevanten Artikel und andere Dinge, die ein Knacki nicht lesen sollte, wurden einfach geschwärzt. Auch das hatte nun ein Ende. So kam ich dann mit meinem schriftstellerischen Talent an eine Frau. Es würde hier zu weitführen, den gesamten Knastalltag zu beschreiben. Dass die Knastzeit aller­dings kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl jedem Leser bekannt sein. Deshalb würde ich auch nur auf Anfrage die näheren Einzelheiten beschreiben, wie es mir dennoch gelang, mit meiner Briefbe­kannt­schaft IM KNAST während ihres Besuchs Körperflüssigkeiten auszutauschen. Sämtliche, wohlgemerkt!

Wieso nur verzettele ich mich immer wieder in Einzelheiten? Ich wollte doch eigentlich nur im Rückblick mein Leben aufarbeiten und dem Außenstehenden vermitteln, WARUM ich so viele Jahre im Knast zugebracht habe. Vielleicht um ein wenig Ver­ständnis bettelnd?

Nein, ich wurde nach meiner Haftentlassung wie so viele weder zum Bettler mit einem Schild um den Hals: „Haftentlassener ohne Arbeit und Obdach bittet um eine kleine Spende!“ Auch wurde ich nicht zum billig-saufenden Penner. Wird ein Gefangener in der Neuzeit automatisch zu einem Anhörungstermin geladen, wo darüber entschieden wird, ob es zu verantworten ist, einen Gefan­ge­nen schon nach zwei Drittel verbüßter Haftstrafe zu entlassen, musste der Knacki sich selbst darum kümmern. Kurz vor Ablauf der Zeit musste der Gefangene ein Gesuch schreiben. Er musste auch darin schildern, warum er glaube, einen Straferlass von einem Drittel seiner Strafe verdient zu haben. Ich machte mir nicht viel Hoffnung, einen Straferlass zu bekommen. Zwar war ich immer fleißig meiner Arbeit nachgegangen, hatte die vorgeschriebene Menge stets überschritten, aber nur weil ich gierig darauf war, mit einem guten Geldpolster nach meiner Entlassung ausgestattet zu sein. Na ja, auch um die Zeit mit Arbeit totzuschlagen, um ehrlich zu sein. Ansonsten war ich nicht gerade der handliche und gefügsame Gefangene gewesen. Stets hatte ich ausgenutzt, dass es einen Petitionsausschuss gab, wo ein Gefangener Missstände im Knast anpran­gern konnte. Die Stellungnahmen vonseiten der Anstaltsleitung mussten denen ganz schön auf den Keks gegangen sein. Ich glaubte also, dass deren Stellungsnahme auf mein Gnadengesuch dementsprechend ausfallen würde. – Weit gefehlt. Eher war es anscheinend so, dass man mich herausgelobt hatte, um endlich diesen Störenfried los zu werden.

Mir wenig Erfolg ausrechnend hatte ich dann auch ziemlich verspätet, mehr aus langer Weile, auf Drängen meiner neuen Liebschaft und um auch zu erfahren, wie man mich denn im Knast beur­teilte, das entsprechende Gesuch geschrieben. In schon relativ kurzer Zeit bekam ich mal wieder einen Blauen Brief vom Stationsbeamten ausgehändigt, als ich von der Arbeit kam. Besagter Beamte, der ja auch an der Stellungnahme der Anstalt beteiligt war, wie so viele andere ein­schließlich des Gefängnispfarrers, ahnte schon, worum es in dem amtlichen Schreiben ging. Nachdem er auch allen anderen aus den Betrieben einrückenden Gefangenen die Zellentüren aufgeschlossen hatte, kam er wieder zu mir zurück. Es war eigentlich die Zeit, wo die Zellentüren offen blieben und wir unsere Zellenklos nochmal reinigen konnten, sowie die Wasserkanne neu füllen durften. Er fand mich am Tisch sitzend und auf den Brief starrend vor. Statt Wasser zu holen holte ich immer noch tief atmend Luft.

„Na Schulz was steht drin?“ konnte der Schlüsselknecht seine Neugierde nicht länger verbergen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

[1] Die Bezeichnungen dieser Person entsprechen nicht der heute üblichen political-correctness. Ich habe sie beibehalten. Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Driss

[3] http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Driss

[4] Erich von Halacz http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,fr6030t31x7yohbe8cff8943~cm.asp

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_von_Halacz

[5] Immchen, Kosebezeichnung für Ehemann oder Freund http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/immchen.html

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXV

moabit k1Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Leinen los! Auf den Weltmeeren – und wieder zurück.

Von wegen, nach einer paar Wochen wieder ins Berufsleben einsteigen. Es sollte über zwei Jahre dauern, bis es wieder soweit war. Zunächst einmal hatte ich das Glück auf einen Landsmann, sprich Ostpreußen, als Chefarzt zu stoßen, der es nicht wahrhaben wollte, dass noch einer der wenigen verbliebenen Ostpreußen ins Gras beißen sollte. Viel gab es derzeit noch nicht, um der Tuberkulose Einhalt zu gebieten. Mit Streptomycin konnte man zwar die Bakterien dazu bringen, sich zu verkapseln, einmal gefressene Löcher aber blieben. Es gab eigentlich nur zwei Möglich­keiten, die Löcher zu entfernen. Schon lange praktiziert wurde: ein paar Rippen brechen, den befal­lenen Lungenflügel herausschneiden; die andere, ganz neue Methode, gerade aus den USA importiert, war die etwas schmerzhafte Methode, in regelmäßigen Abständen eine acht Zentimeter lange, ziemlich dicke Kanüle zwischen die Rippen gestochen zu bekommen, mit deren Hilfe dann die Lunge mit zunächst einmal 300-400 Kubikzentimeter Luft zusammen­gepresst werden sollte. Somit würden die Wundränder der Löcher wieder zusammen­wachsen. Erst einmal sollte diese Prozedur alle drei Tage wiederholt werden. Nach einer gewissen Zeit steigerte man die Luftmenge bis auf 1000 Kubikzentimeter. Dann allerdings nur noch im Abstand von 14 Tagen. Dieser Luft­druck wurde jedesmal vor und nach der Füllung von einer Röntgenaufnahme begleitet. Wenn man bedenkt, welche Strahlungen damals so ein Röntgengerät ausstrahlte, müßte ich heute eigentlich wie eine hellglühende Neonröhre herumlaufen. So wie die Ärzte die Luftmenge erhöht hatten, so wurde diese nach gut zwei Jahren wieder reduziert. Und siehe da, die zusammengepressten Wund­ränder hielten!

Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus.

Natürlich war ich nur zu Beginn der Behandlung drei Monate lang in einer Lungenheil­stätte und dann wieder, als die Reduzierung begann, die letzten drei Monate. Dazwischen wurde ich ambu­lant behandelt. Ich frage mich, wieso ich eigentlich noch lebe. Ich verstieß natürlich in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen jede Auflage, die mir mit auf den Weg gegeben wurde, wollte ich das Ganze überleben. Jede Anstrengung sollte ich vermeiden. Ich dagegen ließ keinen Tanzabend aus. Holte mit meiner süßen Freundin Preise im Rock’n-Roll-Tanzwettbewerb, legte mich im Som­mer in die Sonne, um braun zu werden. Und ganz nebenbei verdiente ich mir des Nachts als schwarz­arbeitender Kellner so manche Mark zum Krankengeld hinzu.

Jetzt noch eine kleine Anmerkung zu meiner Aussage, dass mein Stiefvater nur schlau aber nicht klug war: Weil ich nun des Nachts häufig mein Krankengeld auffrischte, besuchte meine Freundin oft meine Mutter. Ja, sie nannte diese sogar Mutti. Sie war nämlich auch ein verwaistes Kriegskind und freute sich über den Familienanschluss. Das mit dem Familienanschluss hatte mein Stiefvater wohl in die falsche Kehle bekommen. Hilfsbereit, aber mit Hintergedanken, bot er meiner Freundin an einem dunklen Abend an, sie noch ein Stück mit dem Fahrrad zu begleiten, da wir ziemlich abge­legen von der Stadt auch noch durch die Eilenriede[1] mussten. Irgendwann merkte ich, wie Gisela sich veränderte. Nachdem sie sich sogar weigerte, mit mir zusammen meine Mutter zu besuchen, nahm ich sie richtig zur Brust. Unter Tränen erfuhr ich dann endlich von ihr, was sie so sehr verändert hatte. Willy, der Strolch hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die Rechnung für sein beinahe Ver­gnügen servierte ich ihm prompt. Die leuchtende Narbe quer über seine Stirn hat er mit in sein Grab genommen. Modebewusst wie ich damals war, hatte ich mir natürlich auch einen Silberring in Form eines Löwenkopfes zugelegt. Einer meiner Schläge traf u.a. eben seine Stirn und ließ sie schön aufplatzen. Daraufhin platzte sein Kragen und er gab mir auf Lebenszeit Hausverbot; doch dieses konnte er nicht allzu lange aufrecht erhalten, weil meine Mutter à la Lysistrata[2] han­delte. Der geile Bock hielt das nicht lange aus und ich konnte meine Mutter wieder besuchen, wenn mir danach war. Allerdings vermieden wir es in Zukunft uns im gleichen Raum aufzuhalten.

Wer von meinen Heimkameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfenbeinküste gewesen zu sein.

Ich hatte seinerzeit großen Gefallen an dem Tor zur Welt Hamburg, gefunden. Auch die Seeluft auf Sylt fehlte mir. Ich hatte gehört, wie gefragt „Überseefrachtbegleiter“ in Hamburg waren. Da der Familienfrieden in Hannover ohnehin gestört war und ich mich ziemlich flügge fühlte, begab ich mich direkt ins Heuerbüro in der Nähe vom Landungsbrückencafé. Paul stellte mir sofort gleich mehrere Angebote zur Auswahl. Ein reines Passagierschiff stand derzeit nicht zur Auswahl. Aber ein Kombischiff gefiel mir. Es war ein Bananenjäger[3], kombiniert mit Passagier­plät­zen, der hatte es mir sofort angetan. Man stelle sich vor: ein 137 Meter langes, blitzweißes Schiff, welches neben 18.000 BRT Fracht auch noch 48 Passagiere befördern konnte. Der Kapitän sagte mir, dass er für die Passagiere einen zweiten Steward benötigte. Er nannte mir Häfen und Länder, die das Schiff anlaufen würde. Bei all diesen Namen musste ich wohl gerade mal wieder im Erd­kundeunterricht gefehlt haben. Aber bei der Aussicht, all diese Länder mal persönlich kennen zu lernen, wurde mir ganz anders ums Herz. Etwas Englisch hatte ich ja schon während meiner Kellnerlehre aufge­schnappt und auch bei der Bundeswehr. Deshalb behauptete ich rotzfrech auf diese Frage vom Kapitän, dass ich damit keine Probleme hätte. Schulz war ja anpassungsfähig und lernbegierig. Es kam deswegen auch nie eine Beschwerde zu seinen Ohren.

Wer von meinen Heim­kameraden kann schon von sich behaupten, jemals in Afrika an der Gold- oder Elfen­beinküste gewesen zu sein. Na, wer von euch ist durch den Panamakanal geschippert, hat Guate­mala betreten, hat Southampton in England, Bilbao in Spanien, Abo in Finnland[4], Rotterdam oder den Fruchthafen in Hamburg mit einem Schiff angelaufen? Bei meinen wenigen Besuchen war Mutter richtig stolz auf ihren weltreisenden Sohn. Stolz zeigte sie ihren wenigen Besuchern auch die spezifischen Geschenke, die ich ihr aus den jeweiligen Ländern mitbrachte. In ihrem 500 qm großen Garten war sie besonders stolz über ihre Gladiolen, die sie besonders liebte. In jedem angelaufenen Land war ich immer auf der Suche nach einer Gladiolenart, die es sonst nirgendwo gab. So kann ich sagen, dass niemand in und um Hannover rum solch eine Sammlung aufweisen konnte, wie sie meine Mutter besaß.

Ich könnte hier so einige Episoden aus meiner Seefahrtszeit einfügen, die lohnenswert wären berich­tet zu werden. So zum Beispiel, dass unser Schiff samt Besatzung und Passagieren vor der westafrikanischen Küste von schwarzen Rebellen gekapert wurde. Die Kolonialmächte hatten sich aus ihren Kolonien zurückgezogen. So begann in den besagten Ländern ein Hauen und Stechen, um die Regierungs­macht. Welchem von den Herren -Mobuto[5]-Kasawubu[6] oder Lumbumba[7] unsere Kidnapper angehörten, kann ich nicht sagen, aber uns ging allesamt der Arsch auf Grund­eis beim Anblick der hauptsächlich mit Macheten und Messern bewaffneten Schwarzen. Zwar hatte ich dem Tod schon in meiner frühen Kindheit bei den Bombenangriffen der Engländer auf Königs­berg in die Augen geblickt, oder die Salven der russischen Tiefflieger, die auf unseren Flüchtlings­treck abgefeuert wurden. Mutter hatte mich, den Jüngsten, auf einen Schlitten neben unser Hab und Gut einge­mummelt festgezurrt. Die Leuchtspurmunition schlug neben dem Schlitten ein, ließ den Schnee zu Fontänen neben mir aufstieben. Damals aber war ich noch zu jung, um den Ernst der Lage zu begreifen. Dann aber der Vorfall im Skagerak, den nahm ich mit meinen 23 Jahren schon ganz bewusst wahr.

Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen.

Wie sagt man so daher? Ein Unglück kommt selten alleine? So kam es dann auch sprichwörtlich auf unser Schiff zu. Das doppelte Unglück! Ein Sturm der Windstärke 12 war auf hoher See keine Seltenheit. Doch im Skagerak war das schon etwas Besonderes, vor allen Dingen, wenn die Maschi­nen nicht mit voller Kraft arbeiten. Während die beiden Maschinisten alles taten, um den Schaden zu beheben, tobte der Sturm immer heftiger, machte unser Schiff zum Spielball der haus­hohen Wellen. Bei der Achterbahnfahrt durch die Wellentäler setzte das Heck des Schiffes kurz auf einen Felsen auf. Es rumste gewaltig, als die Schiffsschraube abbrach. Völlig ohne den Antrieb der Schraube nützte das Ruder gar nichts. Das überkommende Wasser konnten die vom Notaggregat betriebenen Pumpen gar nicht schaffen. Wenn ich sage Alle, so meine ich damit auch die 34 Pas­sa­giere, die wir an Bord hatten, die mussten im Wechsel an die Handpumpen ran. Vorsichts­halber ließ ich mich von unserem Kapitän nottaufen. Wusste ich doch nicht, ob meine Mutter mich in Kriegs­zeiten hatte taufen lassen. Es konnte ja nicht schaden, diese Vorsichtsmaßnahme getroffen zu haben, wenn man da oben vor dem Herrn stand. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich davon überzeugt bin, einmal in den Himmel zu kommen. Habe ich doch die Hölle bereits auf Erden erlebt und meine Sünden mit 17 Jahren Knast abgebüßt.

Ja, eben diese 17 Jahre Knast waren ja auch eigentlich meine Intention, warum ich dieses Buch zu schreiben begann. Ich habe in mich hineingehorcht. Mich gefragt, ob schon am ersten Tag vom Rest meines Lebens alles in dem großen Buch des Schicksals niedergeschrieben war, was mich so alles erwarten würde. Hatten mich die Lebensumstände zu dem gemacht, was ich heute bin? Ein oft deprimierter Rentner, dem das Sozialamt zur Minirente noch was drauf zahlen muss, um über die Runden zu kommen.

An einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen.

Dabei habe ich doch, wie man nachlesen kann, jede Arbeit angenommen, niemals wegen der vielen Überstunden aufgemuckt. Ja, auch während der Zeit im Knast habe ich gearbeitet. Nur, Rentenbeiträge hat der Staat für mich nie abgeführt.[8] Es ist ja nicht so, dass man(n) Jahre seines Lebens in einem Wohnklo verbringen muss. Der Verlust der Freiheit ist das Eine. An so einer Haft­strafe hängt noch ein ganzer Rattenschwanz von Strafen, die sich erst nach der Entlassung bemerk­bar machen. So kam ich beim Renteneintrittalter gerade mal auf 30 Beitragsjahre. Selbst diese 30 Jahre hätten ausgereicht, mir eine zwar bescheidene, aber gut auskömmliche Rente zu gewähren. Normalerweise. Aber was ist schon normal? Zumindest was mein Leben betrifft.

Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Arbeit. Wochenlang auf See gönnte ich mir beim Land­gang auch schon mal was. Konnte ich mir auch ganz gut erlauben. Brauchte ich doch kaum mal meine eigentliche Heuer anzugreifen. Ich lebte hauptsächlich von dem Geld, welches ich von den Passagieren als Trinkgeld bekam. Sie wussten es zu schätzen, dass ich ihnen nicht nur das Essen servierte, sondern auch die Kajüten sauber hielt, einschließlich Betten bauen, Schuhe putzen und auch deren Hemden bügelte. So konnte ich tatkräftig dabei mithelfen, aus der ursprünglichen Gartenlaube meiner Mutter ein richtiges kleines Häuschen zu gestalten. So konnte ich sie nicht zuletzt damit überraschen, ihr flie­ßendes Wasser ins Haus legen zu lassen. Hatte sie doch bis dahin immer an der Pumpe im Garten ihr Wasser holen müssen.

Inzwischen hatte ich auch eine Frau kennengelernt. Allerdings wohnte sie etwa 220 Kilometer von Hannover entfernt und hatte bereits zwei Kinder. War auch ganz gut, dass sie so weit entfernt von Hannover lebte. So kam mein Stiefvater wenigstens nicht in Versuchung, sich an dem von ihm so geliebten jungen Gemüse zu vergreifen. Bei meinen seltenen Deutschlandbesuchen blieb es nicht aus, dass ich zu der Meinung kam, dass unsere Beziehung keine Zukunft hatte. Außerdem musste ich meine wenige Landgangszeit immer zwischen meiner Mutter und meiner Geliebten teilen. Wobei die große Entfernung zwischen den beiden noch hinzukam. Ich war aber fair genug, meiner Geliebten die Trennungsabsichten mitzuteilen. Kann man sich mein Erstaunen vorstellen, als ich nach einer Guatemalareise im Seemannsheim von Rotterdam-Schiedam im Rezeptionsbereich meine Geliebte sitzen sah? Sie hatte über meine holländische Reederei erfahren, wann und wo ich demnächst anzutreffen sei. Der Zweck ihrer weiten Reise war die Tatsache, dass sie mir mitteilen wollte, dass sie von mir schwanger sei. Na toll! Meine Erziehung sagte mir, dass ich die Frau nicht mit einem Kind von mir hängen lassen konnte. War sie mir gut genug gewesen, mit ihr mein Ver­gnü­gen zu haben, so konnte ich sie doch nicht mit dem Kind sitzen lassen. Ihr Ex Mann saß im Knast und sie musste schon mit ihren beiden Kindern vom Sozi leben. Sie wohnte mit ihren beiden Kindern in einer Wohnsiedlung in Bochum-Harpen, dessen Adresse man besser nicht bei einer Neu­einstellung in einem Betrieb nannte. Es war ganz schlicht und einfach ein Ghetto. Die Politik hatte schon immer eine Vorliebe dafür gezeigt, Minderbemittelte zuhauf in eine bestimmte Gegend abzuschieben. Auf dem Flur, wo sie sich mit ihren beiden Kindern ein Zimmer teilte, lebten noch zwei ältere Schwestern, auch in einem Zimmer, sowie ein Ehepaar, welches sich ebenfalls ein Zimmer mit ihren zwei Kindern teilte. Alle drei Mietparteien teilten sich eine Küche und eine Dusche. Wer gerade kochen oder duschen wollte, musste groschenweise die Gasuhr füttern. Und so lebten alle Bewohner der etwa 15 Häuser in diesem Stadtviertel. Um dem zu erwartenden Kind einen ehrlichen Namen zu geben, meldeten wir uns beim Standesamt an. Zwei Stunden nach unserer Trauung, saß ich auch schon wieder im Zug, um meiner Arbeit auf dem Schiff nachzu­kommen.

Schon wenige Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes setzte ich auch schon den nächsten an. Die gerade erst in Umlauf gekommene Pille war noch relativ unbekannt. Meiner Frau brauchte man ja auch nur ein paar Herrenpantoffel vors Bett zu stellen und schon war sie schwanger.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes hatte ich gerade Urlaub, konnte somit selbst die Hebamme alarmieren und bei der Geburt Handreichungen machen. Nachdem das gesunde Baby da war, vergrub ich die Nachgeburt gegenüber dem Haus, wo es zur Welt gekommen war. Ein paar Jahre noch musste auf diesem Kornfeld das Getreide besonders gut gewachsen sein. Später stand dort eine riesige Wohnsiedlung. Bei der Geburt meines zweiten Sohnes hatte ich der Seefahrt bereits mit schwerem Herzen Adieu gesagt, mich in Bochum um eine neue Stelle bemüht. Mein derzeitiger Chef hatte im Stadtteil Langendreer ein Hochhaus bauen lassen. Dieses Hochhaus schenkte er seinem Sohn zu seinem 21. Geburtstag. In mein Lebensbuch dagegen stand geschrieben, dass ich erst mit 25 meine erste eigene Wohnung mit Familie beziehen konnte. In der 14ten von insgesamt 16 Etagen vermietete mir der Sohn eine Dreizimmerwohnung. Fahrstuhl und Müllschlucker inklu­sive. Natürlich wehrte ich mich jetzt erst recht nicht gegen Überstunden. Hatte ich doch eine Fami­lie zu versorgen. Meine Frau mitarbeiten? Wie denn, bei vier Kindern? Dadurch ging mir ein Teil meiner Rentenansprüche verloren. Schon mal was von Versorgungsausgleich gehört? Daran kön­nen Sie leicht erkennen, dass diese Ehe nicht von Bestand war. Während ich mich darum bemühte, unsere sechs Mäuler satt zu bekommen und deshalb bis zu 16 Stunden am Tag außer Haus war, war meine Frau mit dem Versorgen der Kinder nicht ausgelastet. Na ja, dass ich nach solch langen Arbeitstagen auch nicht immer meinen Mann stehen konnte, kann der eine oder andere Leser vielleicht nachvollziehen? Wohnte ich näher an Dortmund heran, so befand sich meine Arbeits­stelle in genau in der entgegengesetzten Richtung Essen. Für ein Auto reichte mein Verdienst bei weitem nicht. Also waren Bahn und Bus angesagt. Das Haus der Hochzeiten, wie meine Arbeits­stelle im Volksmund genannt wurde, weil wir jedes Jahr mehr als 300 Hochzeiten ausrichteten, brachte es mit sich, dass ich immer erst spät in der Nacht nach Hause kam. Meine Frau erkundigte sich immer geflissentlich, wann denn mit meinem Heimkommen zu rechnen sei. Bei Hochzeiten dauerte die Arbeitszeit sehr oft bis in die frühen Morgenstunden. Vor allem dann, wenn ich für die jeweilige Party als Chef de Rang[9] eingeteilt war. Das hieß dann, dass ich bis zur Abrechnung und dem anschließenden Aufräumen bleiben musste. Demnach stand mein Dienstplan fest, wovon immer eine Kopie zu Hause lag.

Das Schicksal wollte es so. Eine flambierte Eisbombe war immer der Höhepunkt eines Hochzeits­menus. Meist war schon Mitternacht vorbei, wenn nach dem vier, fünf oder sechs Gänge-Menu das Licht im Hochzeitssaal ausgeschaltet wurde, nur noch die Tischkerzen ein anheimelndes Licht im Saal verbreiteten. Gleichzeitig wurde die Schallplatte mit dem Hochzeitsmarsch aufgelegt und mehrere Kellner betraten den Raum mit einer flambierten Eistorte. Im Gänsemarsch und im Gleich­schritt mit dem Vorlegebesteck den Takt zur Musik klappernd bewegten wir uns auf das Hochzeits­paar zu. Jeder Kellner kannte seinen Platz, wo er anzufangen hatte, anhand der bereits vorge­schnit­tenen Tortenteile. Beim Brautpaar angekommen beugten sich alle Kellner vor, um gleichzeitig mit dem Vorlegen zu beginnen. Diese Zeremonie wurde stets von den anwesenden Gästen aus­giebig beklatscht. Ich nehme an, dass es auch in der Nacht so ablief, wo ich durch einen blöden Unfall daran gehindert wurde, meine Arbeit planmäßig zu beenden. Die vom Patissier vor­bereitete Eistorte wurde immer in eine Eistruhe gestellt. In der Regel hatten die Köche längst Feierabend, wenn der Akt mit der Hochzeitstorte vollzogen wurde. So holten wir Kellner uns die Torten selbst aus der Küche. An diesem schicksalsträchtigen Tag bewegte ich mich wohl ein bisschen zu hektisch in der Küche. Die Küche, die erst am frühen Morgen gründlich gereinigt wurde, schwamm um diese Mit­ternachtszeit vor verspritztem Fett auf dem gefliesten Fußboden. Ein Kellner bewegt sich auch ganz anders als ein Koch. Außerdem haben Köche auch ganz anderes Schuhwerk an. Wäh­rend ich nun mit meinen ledersohlenbehafteten Schuhen Richtung Kühltruhe renne (wegen des Zeitdrucks renne ich mal eben!), rutsche ich prompt aus. Da die Öfen in einem Gaststättenbetrieb immer eine Anzahl von Zentimetern Luft bis zum Fußboden haben müssen, wegen der Hygiene, knallte mein linker Fuß gegen die Trittleiste und unter den Ofen. Gegen diesen Schmerz war ein Beinbruch gar nichts. Die starke Prellung ließ mich vergessen, ob ich nun Männlein oder Weiblein war. Mein Chef hatte diesen Vorfall zufällig gesehen. Sofort war er bei mir, wollte mir aufhelfen. Zusehends schwoll mein Fuß an. Um Schlimmeres zu verhüten, löste er meine Schnürsenkel am Schuh. Er bestellte auf seine Kosten ein Taxi für mich. Eigentlich sollte ich damit ja zum Kranken­haus fahren. Ich dagegen wollte so schnell wie möglich nach Hause, um mir bei meiner Familie Trost zu holen und lieber einen Notarzt nach Hause kommen lassen. Statt eines Notarztes aber war kurz darauf ein Polizei­arzt in Begleitung einer Horde Polizisten in unserer Wohnung. Wieso das denn? Werden Sie sich jetzt fragen.

Inhaltsverzeichnis _Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

[1] Stadtwald in Hannover, https://de.wikipedia.org/wiki/Eilenriede

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Lysistrata

[3] Bananenjager, die weißgemalten schnellen Kühlschiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_seem%C3%A4nnischer_Fachw%C3%B6rter_(A_bis_M)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Turku

[5] Die Schreibweise von Dieter Schulz wurde beibehalten. Wer sich für die von westlichen Ländern gestützten kleptokratischen Politiker interessiert, mag den Links folgen. Die Personen stehen leider nicht nur für sich, sondern für die immer noch aktuellen Machtverhältnisse, denen wir die wohlverdiente Völkerwanderung verdanken.

Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (geboren als Joseph-Désiré Mobutu; * 14. Oktober 1930 in Lisala, Provinz Mongala, Belgisch-Kongo; † 7. September 1997 in Rabat, Marokko) war von 1965 bis 1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997: Zaire). Mobutu herrschte in einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. https://de.wikipedia.org/wiki/Mobutu_Sese_Seko

[6] Joseph Kasavubu (auch Kasa Vubu) (* 1910 – andere Angaben 1913, 1915 oder 1917 – bei Tschela; † 24. März 1969 in Boma) war von 1960 bis 1965 der erste Präsident der Demokratischen Republik Kongo. https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Kasavubu

[7] Patrice Émery Lumumba (* 2. Juli 1925 in Katako-Kombé; † 17. Januar 1961 in der Provinz Katanga) war ein kongolesischer Politiker und von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo (zuvor Belgisch-Kongo, 1971 bis 1997 umbenannt in Zaïre, heute Demokratische Republik Kongo). https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba

[8] Daran hat sich nichts geändert. Noch heute werden für die Arbeit von Strafgefangenen keine Sozialabgaben abgeführt. Dabei würde das zur „Resozialisierung“ hinzugehören.

[9] Ein Chef de Rang ist in der Hierarchie eines Serviceteams dem Maître d’hôtel (Restaurantleiter, Restaurant Manager) und dessen Stellvertreter (Assistant Restaurant Manager) unterstellt. In deren Abwesenheit ist er verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Service und somit dem Demichef de rang und dem Commis de Rang überstellt. Um diese Tätigkeit ausüben zu können, werden üblicherweise eine Ausbildung im Hotel- und Gastgewerbe und mehrere Jahre Berufserfahrung gefordert. Darüber hinaus müssen Beschäftigte in der Gastronomie eine Bescheinigung über die Belehrung gemäß Infektionsschutzgesetz besitzen. In der Regel werden auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse erwartet. https://de.wikipedia.org/wiki/Chef_de_Rang

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XV

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

             die keine Kindheit war

 

 

 

Fünfzehntes Kapitel

Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

Weißwasser. Viel hatte sich an und in diesem Haus nicht verändert, musste ich 1990 im Juli feststellen. Nur viel vergammelter und verfallener war alles. Die Kinder etwas jünger gewor­den. Alles bot einen traurigen Anblick. Traurig waren auch die derzeitigen Erzieher in dem Haus. Sie wussten nicht, wie es nach der Wende weitergehen sollte. Ich bemühte mich dann, weil ich es versprochen hatte, wieder zu Hause angekommen, eine Partnerschaft für das Heim herzustellen. Nach vielen Telefonaten hatte ich dann auch die Stadt Neuß dafür gewonnen, diesem Heim mit Rat und Tat unter die Arme zu greifen. Warum ich das tat? Was konnten denn die Kinder dafür? Warum ich wieder in Weißwasser auftauchte? Vielleicht suchte ich nachträglich immer noch meine Kindheit zu finden? Ich war überall dort, wo ich längere Zeit meiner Kindheit verbracht hatte. Meine letzte Station war Dönschten, genauso wie Dönschten auch meine letzte Heim-Stätte gewesen war, bevor mir die Flucht in den Westen gelang. Was ich 1990 in Dönschten vorfand, habe ich ja schon kurz geschildert. Zuerst durchfuhren wir Dönschten im Schritttempo. Zu dieser Zeit fiel ein Auto auch in Dönschten nicht mehr auf. Schnell konnte ich feststellen, dass das Heim, bis auf ein Gebäude von sechsen, gar nicht mehr in der Form existierte. Ich selbst hatte gleich am Ortseingang in Haus 1 fast ein ganzes Jahr verbracht, außer der Zeit, wo ich auf der Flucht war. Dort war nun, wie erwähnt, ein Restaurant eingerichtet. Doch schnell erfuhr ich auch, dass ausgerechnet der Heimleiter mit Frau noch in der gleichen Wohnung lebte. Gleich das Haus daneben. Diese herzliche Ein­ladung, die wir, meine Lebensgefährtin, meine Schwester und ich, 1990 erhielten, fiel ganz anders aus, als meine Begrüßung 1954. Der Heimleiter und seine Frau, die damals die Büro­arbeiten und die wirtschaftliche Seite erledigten, waren schon in den 80ern. Das Gedächtnis der Frau war bewunderungswürdig. Meinen Namen nennend erinnerte sie sich sofort an weitere Einzelheiten, die damit zusammenhingen. Sie konnte mir auf den Tag, ja sogar die Uhrzeit benennen, seitdem wir, Peter H. (ja auch er war wieder dabei!) und Klaus … sowie meine Wenigkeit vom Heim in Dönschten abgängig gemeldet wurden. Es waren alle Akten eingezogen worden. Aber die Frau hatte noch ein kleines Büchlein in ihrem Besitz. In dem Büchlein, man staune, befand sich sogar noch ein Bild von mir. Dieses Bild hat sie mir freund­licherweise und aus Dankbarkeit über den Besuch, und weil ich auch gar nicht mehr nachtragend war, überlassen. So bin ich an mein einziges Kindheitsfoto gekommen. In Weiß­wasser befand sich zwar auch noch eines, welches mich mit dem Fanfarenzug zeigte, hinter einer Glasscheibe, aber das wollte man mir partout nicht geben. Vielleicht hätte ich später, nachdem ich meine Loyalität bewiesen hatte und die Partnerschaft mit Neuss herstellte, auf mehr Verständnis stoßen können. Aber für eine nächste Reise blieb mir keine Zeit mehr. Bullen machten mir einen Strich durch die Rechnung.[1] Wie gesagt, die Begrüßung in Dönschten 1954 fiel nicht so herzlich aus, wie die 1990.

Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war.

Von Weißwasser nach Dresden. Von Dresden nach Dippoldiswalde. In Dippoldiswalde in die Bimmelbahn Richtung Zinnwald. Es war ja ganz romantisch, die Fahrt mit dieser Bahn. Ich hätte unterwegs aussteigen, Blumen pflücken und wieder zusteigen können. Natürlich wurde ich mit Argusaugen bewacht. Also machte ich erst gar nicht den Versuch. Außerdem fand ich damals schon, dass Blumen am schönsten anzusehen waren, wenn man sie in der Natur bewun­dern konnte. Es gab nur eine Ausnahme. Das freudige Aufleuchten der Augen meiner Mutter, wenn ich ihr einen Strauß schenkte, dafür frevelte ich schon mal an der Natur. In Schmiedeberg[2] wurden wir nebst meiner paar Sachen, die auf eine Handkarre geladen wurden, vom Bahnhof abgeholt. Etwa drei Kilometer Fußmarsch lagen vor uns. Diese Berge und eben dieser Wald, der hier wuchs, waren schon etwas anderes als das Flachland der Niederlausitz. Ein Fuchs schnürte über unseren Weg. Ich nahm mir vor, diesen bei passender Gelegenheit zu jagen. Aber dieser Fuchs war noch etwas schlauer als ich. Er ließ sich nie wieder in meiner Nähe blicken. Mein Begleiter zog sich mit dem Heimleiter ins Büro zurück, wo sicherlich über mich hergezogen wurde. Ich wurde als 27stes Mitglied der Gruppe vorgestellt. Mir wurde das ungeliebte Bett direkt an der Tür zugeteilt. Die einzelnen Räume und deren Funktionen wurden vorgezeigt. Einige Typen wollten mir auch gleich erklären, wo und wie es hier lang ging. Wer das Sagen hatte. Mit der Zurückhaltung eines Neulings, ließ ich deren Gequatsche über mich ergehen, nickte auch zustimmend zu allem, was sie so sagten. Die Einführung hatte schon bald ein dazu bestimmter Junge übernommen, weil der Erzieher ebenfalls im Büro erscheinen musste. Bei seiner Rückkehr sah er mich schon mit ganz anderen Augen an.

Beim Abendbrot, wir nahmen es an drei langen Tischen ein, am mittleren saß der Erzieher, am Kopfende, wo sonst? Ein anderer Junge musste seinen angestammten Platz für mich räumen. Ich konnte mir schon denken, warum. Mit der Redefreiheit wurde es hier im Gegensatz zu Weißwasser nicht so genau genommen. Dafür hatte der Erzieher, Herr K., ein anderes Faible. Wo es hier lang ging und um seine Macht zu demonstrieren, nehme ich jedenfalls an, machte ich auch recht bald mit seiner Vorliebe Bekanntschaft. Ohne dass ich es bemerkt hatte: Herr K. hatte die Angewohnheit, seine Befehle mit den Augen zu geben, schon hatte sich einer seiner „Radfahrer“ von hinten an mich herangeschlichen, mein Handgelenk gepackt, den Arm kurz angehoben und mir somit den Ellenbogen auf die Tischkante gestoßen. Waau! Das war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen genommen. Herrn K.’s Methode, seinen Kindern abzugewöhnen, mehr als nur das Handgelenk auf den Tisch zu legen. Beim Essen zumindest! Danke mochte ich für die freundliche Erziehungsbeihilfe nicht sagen, dafür ließ ich bei passender Gelegenheit im Wald einen starken Zweig unverhofft zurückschnellen, als sich der Spezi dicht hinter mir befand. Ich glaube, dass er immer noch eine interessante Narbe auf der Wange hat. Er könnte sie ja so erklären, dass er in seiner Studentenzeit einer schlagenden Verbindung angehört hätte. Als er mich nach der ärztlichen Behandlung bezichtigte, dies mit Absicht getan zu haben, habe ich ihn vom Geländer in den damals noch vorhandenen und fließenden eiskalten Bach geschubst. So, jetzt konnte er seinem Mentor ruhig erzählen, dass ich etwas mit Absicht getan hätte. Bloß, er fand keinen Zeugen dafür.

Inzwischen hatte ich schon Einige auf meiner Seite. Das kam daher, dass in der heimeigenen Schule alle sechs Häuser zusammenkamen. Auf die anderen Häuser verteilt waren wiederum einige ehemalige Waldheim-Kameraden aus guten alten Zeiten. Bald war allen bekannt, dass mit mir nicht gut Kirschen essen war. Eigenartig, dass in der Welt, auch bei den Kindern, die Gewalt am meisten akzeptiert wird. Ansonsten könnten die Erwachsenen ja auch kaum Macht über sie ausüben. Militär und Justiz übernehmen wiederum das Machtmonopol den Erwachse­nen gegenüber ein. Tja, so ist die Welt, in der wir nun mal leben müssen! Müssen?

Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht.

Ich war nie suizidgefährdet, glaube ich zumindest. Ein Junge unserer Gruppe, der eher als Mädchen durchgegangen wäre mit seinen femininen Gesichtszügen, war es aber im höchsten Maße. Nur, es merkte keiner. Noch nicht einmal die dafür zuständigen Erzieher. Bei den wenigen Versuchen es den Erziehern beizubringen, was ihn bedrückte, wurde er abgewiesen. So etwas gab es nicht. Hatte es einfach nicht zu geben! In Dresden hatte ich ja die gleiche Erfahrung in dieser Beziehung machen müssen. Weiß der Himmel, wo der Bengel die Schlaf­tabletten her hatte, aber als man sie bei ihm fand, da war es bereits zu spät. Ich dachte von Schlaftabletten schläft man ganz fest? Der Bengel musste sie wohl im Baderaum geschluckt haben und sich danach in Bett gelegt haben, wie immer. Da er aber etwa 30 Minuten später die restlichen 16 Jungen im Schlafsaal damit aufweckte, als er sich wie wild im Bett herum­warf, konnte keiner ahnen, dass er das Betäubungsmittel eingenommen hatte. Wir dachten schon, dass er genau so ein Epileptiker war, wie wir einen im anderen Schlafsaal hatten. Der herbeigerufene Erzieher, der direkt über unserem Schlafsaal sein Zimmer hatte, meinte des­halb auch nur, nachtschlafend mürrisch, „Ach der, der soll sich nur nicht so anstellen. Viel­leicht täte ihm eine kalte Dusche ganz gut!“ Damit begab er sich wieder in seine Furzmolle. Am nächsten Morgen wollte der Junge überhaupt nicht aufstehen und am Frühstück teil­neh­men. Wutentbrannt riss der Erzieher und Vorturner dem Jungen die Bettdecke, die er sich über den Kopf gezogen hatte, weg. In der Bettdecke blieben aber die Zähne des Jungen haften und sein Kopf wurde mit der Bettdecke hochgerissen. Da erst dämmerte es dem Erzieher und uns, die wir wie neugierig in der Türe standen, was wirklich los war. Sein Gesicht, das des Erziehers, das des Jungen war es bereits, nahm die Farbe des Bettlakens an. Frühsport fiel aus. Frühstück gab es verspätet. Die Schule fiel ganz aus. Es waren doch tatsächlich ein paar neu­gierige Zivilisten gekommen, die von UNS wissen wollten, was geschehen war!? Ja, was war geschehen? Zwei oder gar drei Bengels hatten ihn missbraucht, das war sicher. Doch wer genau, das erfuhr auch die schlaue Polizei nicht. Ohne genaue Angaben, die sie nur noch zu notieren brauchten, den Täter festnehmen und die Lorbeeren einheimsen, lief gar nichts. Nicht umsonst hat die Sendung XY[3] sich solange auf dem Bildschirm behaupten können. Der Polizei muss unter die Arme gegriffen werden, damit sie auf die Beine, sprich auf den Täter kommt. Die mögen zwar jedweden Mist auf der Polizeischule lernen, logisch denken auf keinen Fall. Entweder man hat’s, oder hat’s nicht. Ohne Mithilfe der Bevölkerung sind sie machtlos wie ein Schnullerbaby. Wir alle wussten auch nichts Genaues. Die Bengels hatten es natürlich nicht an die große Glocke gehängt. In Frage, das war uns allen klar, kamen eigentlich nur unsere „Spritzer“. Die etwas größeren, älteren, die durch Sitzenbleiben immer noch die 7. Klasse durchliefen. Auf diese Idee, die Verursacher des Selbstmordes in diesem relativ kleinen Kreis zu suchen, kamen diese geistigen Tiefflieger von Bullen nicht. „Also tschüß dann, und haltet immer schön die Augen offen!“ Wir, wir Kinder sollten uns deren Augen verderben?

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen

Verdorben wurden wir ja schon von den Erziehern genug. Die Parole: Wer beim Onanieren erwischt wird, bekommt Kollektivkeile!, trug manchmal sogar Früchte. Jeder tat es. Ließ er sich aber dabei erwischen, schrie mit Sicherheit einer der „Radfahrer“ Zeter und Mordio. Es fanden sich dann immer welche, die mit Gürteln und dem bereits bekannten „Ochsen­schwanz“ auf dieses arme Würstchen eindroschen. Der so Verdroschene revanchierte sich dann postwendend bei nächster Gelegenheit mit vermehrter Wut. Wenn die Erzieher zu etwas Pfui sagten und dafür die Jagd freigaben, fanden sich immer welche, die Pluspunkte sam­meln wollten. Durch vieles Petzen und Arschkriechen glaubten sie, Lobenswertes in ihren Akten vermerkt zu bekommen, was eine baldige Rückkehr in den Schoß der Familie bedeu­tete. Ohne Rücksicht auf Verluste. Von solchen Typen lebte der sozialistische Staat DDR. Die Aufarbeitung der Ex-DDR Geschichte beweist dies wohl am besten. Nicht dass ich dem Erzie­her oder gar der Polizei die Arbeit abnehmen wollte, um somit diesem System zu dienen; ich setzte alles daran einem der Verdächtigen auf die Schliche zu kommen. Ich fand nur, dass die Schuldigen einfach zu wenig, bzw. keine Reue zeigten. Zumindest hatten sie eine kleine Aufmische nötig. Um wenigstens ein paar überzeugte Helfer auf meiner Seite zu haben, musste ich zu einer List greifen. Ich wusste ja schon längst, dass ER einen viel größeren als ich hatte. Er zeigte IHN mir ja bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Glaubte dieses Arschloch etwa, dass er mich damit hinter dem Ofen hervor locken konnte? Davon dem Erzieher über­haupt Mitteilung zu machen, widerstrebte mir aus vorgenannten Gründen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, pflegte meine Mutter oft zu sagen. Ich hatte mir diese Devise eingeprägt. Wie jeder andere, so half auch ich mir selbst. Aber nicht mehr so vorsichtig, wie es eigentlich gebo­ten schien. Ganz bewusst benutzte ich ein paar Tage lang mein Bettlaken und kein Taschentuch. Oh ja, Betten bauen hatte ich gelernt. Da ohnehin alle gleich akkurat auszusehen hatten, fiel es dem Betroffenen auch gar nicht weiter auf, dass er sich eines Abends auf meinem präparierten Laken zu Ruhe legte. Jeder hatte sich seine eigene Atemtechnik zurechtgelegt, sofern er das vor dem Einschlafen betrieb, was eigentlich gesundheitsschädlich sein sollte. Seine Atemtechnik hatte ich bald raus. Ich hatte inzwischen auch das Bett getauscht. Von der Türe weg, in das, welches der „Abgänger“ freigemacht hatte. So lag ich nun direkt neben meiner Zielperson, die ich zu observieren hatte. Um auch ganz sicher zu sein, dass er auch „mit was in der Hand “ erwischt wurde, ließ ich ihn eine Weile gewähren. Er hätte es wohl am liebsten gehabt, wenn ich dies für ihn erledigte. Nach wenigen Abenden schon gab er sich keine allzu große Mühe mehr es vor mir zu verbergen, wenn er es mit sich selbst trieb. Er glaubte wohl, weil ich so klein und mickrig auf der Brust war, könnte ich einen Beschützer gebrauchen. Durch die Blume hatte er es mir ja schon angeboten. Ich ließ ihn aber links lie­gen. Auf der linken Seite lag er nun an diesem bewussten Spätabend und hatte sein Gesicht zu mir gedreht. So urplötzlich, wie ich losschrie, dass die meisten Schlafgenossen beinahe aus den Betten fielen, so schnell bekam der Bursche vor Schreck gar nicht seine Hand von seiner Stromleitung. Ich hoch, Bettdecke zur Seite reißen und mit dem Finger auf seine Erektion wei­send war alles eins. Ein gehorsamer Schüler unseres Erziehers wusste nun sofort, was seine Pflicht war. Gegen die Masse, die auf ihn einstürmte, hatte der Bengel nichts einzusetzen. Ich machte die Jungs auch noch so richtig schön scharf auf ihn, indem ich auf das Bettlaken wies, wo ja noch mehr Beweise vorlagen. Durch den Lärm geweckt kam dann auch der eigentliche Anstifter solcher nächtlichen Ruhestörungen in den Schlafsaal. Einer seiner Lieblinge war in flagranti erwischt worden, das Bettlaken erbrachte den eindeutigen Beweis. Er konnte und wollte einem seiner besten „Radfahrer“ nicht beistehen. Da gerade dieser Bursche sich jedes Mal besonders hervor getan hatte, wenn es darum ging, andere ertappte Sünder zu züchtigen, fielen seine eigenen Prügel besonders schön aus. Aus meiner Sicht gesehen. Von einem längeren Krankenhausaufenthalt kam er nicht wieder in dieses Heim zurück. Vorn am Eingang unseres Hauses war ein Schild angebracht, darauf stand: Kinderheim für schwererziehbare Kinder, Haus 1. Ich glaube kaum, dass die Behörden ihn nach Hause geschickt haben in der Meinung, dass diese Prügel ihn hinreichend erzogen hätten. Schade! Ich hätte mich gerne noch weiter mit seiner Erziehung beschäftigt. Ja, so grausam können Kinder untereinander sein.

Aber Kinder lernten nun mal schnell … von den Erwachsenen. Das waren ja der Kinder Vorbilder. Woher sollten sie für ihren weiteren Lebensweg sonst ihr Rüstzeug erhalten?[4] Für den zweiten, den wir im Verdacht hatten, der aber im anderen Schlafsaal lag, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Man konnte mir einige Schlechtigkeiten nachsagen, aber nicht, dass ich kein Kämpferherz hätte. Der zweite Aspirant hatte doch tatsächlich den Nerv, obwohl er sich seiner Größe und Stärke vollkommen bewusst war, mich Wurzelzwerg an einem der Schlechtwettertage, an denen wir dann im Haus Tischtennis oder andere Spiele, sowie auch Ringen veranstalteten, zu einem Ringkampf herauszufordern. Er mochte mich anscheinend nicht besonders, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, weil ich einfach nicht nach seiner Pfeife tanzen wollte. Endlich, so glaubte er, wollte er mir mal vor versammelter Mannschaft zeigen, wie stark er war und mich demütigen. Mit Verwunderung hörten die anderen, dass ich seine Herausforderung annahm. Ich hatte nicht nur in meinem Schwager einen guten Lehr­meister gehabt, was das Lernen von Tricks beim Nahkampf anging, sondern auch meine Freunde, die russischen Soldaten, hatten mir einiges gezeigt. Was viel später erst durch die Filmindustrie allgemein zugänglich gemacht wurde, das wurde bei jeder guten Soldaten­aus­bildung schon längst praktiziert. Wenn man sich nicht unbedingt an die olympischen Regeln hielt, konnte man den stärksten Mann aufs Kreuz legen. ICH nahm mir vor, IHN zu demüti­gen. Immer das Gleiche. Meistens hielten die Jungs es schon für einen Ringkampf, Kampf überhaupt, wenn sie sich nur kräftig genug an den Klamotten zerrten. Davon gab es doch zu jener Zeit wirklich nicht in Hülle und Fülle. Gab es nichts an den Klamotten zu zerren, wie in unserem Fall, weil wir nur Turnzeug anhatten, versuchte man es mit dem Schwitzkasten. Das kennen wir ja schon. Ich erdreistete mich ihm in die Weichteile zu fassen, was er bei dieser Gelegenheit anscheinend gar nicht als sehr angenehm empfand. Oder hatte ich einfach nur nicht zärtlich genug zugegriffen? Er verzichtete zunächst einmal auf den Schwitzkasten. Mich wild anstierend kam er mit Armen, die wie Dreschflegel in der Gegend rumfuchtelten, auf mich zu. Einer der Russen hatte mir mal ganz plastisch vorgeführt, wie die menschliche Hand beschaffen war. Durch ihn wurde mir erst bewusst, dass der Mittelfinger immer weiter heraus­ragte, als die übrigen. Wenn man die Hand also mit etwas Anstrengung ganz ausstreckte, ein einigermaßen gutes Augenmaß hatte (hatte ich beim Schießen bewiesen), und diesen Mittelfinger mit der übrigen Hand dran, versteht sich, blitzschnell dem Gegner auf den Solarplexus (den Ausdruck habe ich nicht von den Russen, der soll nur meine Weiterbildung anzeigen) platziert, dann haut es den stärksten Mann um. Wovon ich mich in diesem Falle überzeugen konnte. Ich hatte mich ganz genau an die Anweisungen gehalten. So bekam kaum einer mit, wie ich dieses Großmaul auf die Matte geschickt hatte. Besorgt tuend beugte ich mich zu ihm herunter. Es war ihm vorläufig nicht möglich ein Wort herauszubringen, zuhören, dass wusste ich, konnte er aber. „Paß auf mein Freund, ich habe gehört, du sollst nachts schnarchen und mit offenem Mund schlafen. Wenn du mich auch nur noch mal schief anguckst, werde ich eines Nachts kommen und dir ins offene Maul scheißen! Ist dir das ver­ständlich genug?“ Um ihn von meiner Fähigkeit zur Brutalität dieser Art zu überzeugen, drückte ich dem Burschen zwei meiner Finger auf seine beiden Augenlider und drückte nur ein ganz wenig zu. Von da an brauchte er bei mir seine Kraft nicht mehr unter Beweis stellen. Kraft haben und sie auch richtig einsetzen, dass sind zwei verschiedene Schuhe. Nur einmal noch versuchte er seine Scharte bei mir auszuwetzen. Als ich Anfang Februar mit Peter H. von unserer Flucht zurückkehrte und er dabei war, als die Meute auf uns losgelassen werden sollte. Er sah darin wohl seine Chance, sich für seine Niederlage rächen zu können. Er war einer von denen, die dann dafür auch das Stuhlbein küssen durften. Für den Rest meiner dortigen Anwesenheit (August) hatte er dann wirklich seine Lektion gelernt.

„Was glaubst du, was es uns kostet, dich immer wieder einzufangen?“

Von der Heimleitung her war für die Heimkinder Beschäftigungstherapie angesagt. Es begann damit, dass nach dem Mittagessen nur Schulaufgaben, von denen es immer reichlich gab, gemacht wurden. Ein Tintenklecks oder gar liederlich geschrieben bedeutete alles noch einmal von vorne. Jede Matheaufgabe wurde nachgerechnet. Man kam erst gar nicht dazu, falsche Hausaufgaben überhaupt in der Schule vorzuzeigen. Die Schüler, die in einem Fach besonders gut waren, waren verpflichtet, den schwächeren zu helfen. Der Erzieher saß vorne an der Tür und ließ nichts durchgehen, was nicht seine Billigung fand. Gehen durfte nur der, der auch seine Aufgaben zu dessen Zufriedenheit gemacht hatte. Die Freizeit hing also im Wesentlichen von den schulischen Leistungen ab. Die Schule selbst hatte sich anscheinend ein Soll gesetzt. Jeder Lehrer gab in seinem Fach eine gewisse Anzahl von Nachhilfestunden für diejenigen, die nicht alles restlos begriffen hatten. Somit schaffte es auch keiner in dieser Heimschule sitzen zu bleiben.

Dann gab es von der Heimseite her noch die Altpapier-, Altglas- und Buntmetall-Sammelaktionen. Alles für die Gemeinschaftskasse. Wie es aussah finanzierte sich das Heim fast selbst damit. Schon kurz nach meiner Ankunft in Dönschten wurde damit begonnen für den weihnachtlichen „Striezelmarkt[5]“ in Dresden zu produzieren. Von Krippenspielen, die mit Kerzenlicht angetrieben wurden, über Laubsägearbeiten und Hirsch- und Rehgeweihen, deren Rosetten zu Zierknöpfen oder ganze Stücke zu Messer­griffen und ähnlichem verarbeitet wurden, reichte die Palette, die wir anfertigten. Die aber auch reißenden Absatz in Dresden fanden. Es kam nichts davon zurück. Das Weihnachtsfest, bzw. die Feier fiel dagegen recht dürftig aus. Ich habe auch nicht einmal drei Mark Taschen­geld erhalten, die mir zugestanden hätten. „Was glaubst du, was uns das Einfangen immer kostet, wenn du mal auf Reisen gehst? Willst du das alles bezahlen?“ hielt man dagegen, als ich mal danach fragte. Na, wenn das so war, dachte ich schon im Oktober 1954 dran, dann würde es aber wieder mal höchste Zeit, dass ich auf Reisen ging. G. und M. hatten so etwas schon vermutet, dass ich mit der alten Tour weitermachen würde. Sie hatten mich sogar danach gefragt, und ich hatte ebenso ehrlich geantwortet, dass es mich nicht lange an einem Ort mehr halten würde. Sie gaben mir zu verstehen, dass ich bei ihnen in Leipzig jederzeit einen Anlaufpunkt hätte, und gaben mir sogar 50 Mark Reisegeld. Mit dem, was ich noch von den Russen aus Weißwasser hatte, kamen über 100 Mark zusammen. Ich hatte aber keines­wegs vor, das Polizistenpaar in Gewissenskonflikte mit ihrem Berufsstand zu bringen. So weit ging mein Vertrauen zu der Polizei nun auch wieder nicht.

Längst hatte ich mein Herz an Monika verloren. Ich schmachtete danach, sie auch nur aus der Ferne sehen zu können. Ihre Schillerlocken, ihre sanften Augen, die feine Röte, die ihr Gesicht jedes Mal zeigte, wenn ich sie mal aus der Nähe ansehen konnte, und sie meinen Blick bemerkte. Ihre Grübchen, wenn sie lächelte, all das wollte ich erst gar nicht aufgeben.

Außer zu den Sammelaktionen kamen wir ja kaum vom Heimgelände. Vielleicht einmal in der Woche der Aufstieg in 800 Meter Höhe, wo die einzige einigermaßen ebene Fläche war, wo wir dann meist nur Handball spielen durften, weil die eine Seite so steil abfiel, dass das Ball-Zurückholen das eigentliche Spiel um mehrere Minuten unterbrach. Eines der schönsten Täler des Osterzgebirges, wie uns gesagt wurde. Wir durften stundenlang Blüten an den Hän­gen der Berge sammeln. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, es war Finger­hut, der getrocknet von einer Pharmafirma abgeholt und auch gut bezahlt wurde. Von der gleichen Firma wurden auch die Kreuzottern aufgekauft, die wir gefangen hatten. Man zeigte uns sogar, wie man ihnen das Gift aus den Zähnen holte, und erklärte auch, dass es zu einem bestimmten Serum verarbeitet wurde, das Kranken zugute kam. Uns kam nichts davon zugute. Das einzig bleibende Andenken an meine Arbeiten dort habe ich bereits erwähnt. Der Dau­men­nagel. Wie ich mich also so umhörte und erfahren musste, dass es mit großen Schwie­rig­keiten verbunden war, überhaupt aus dem Bannkreis des Heimes zu kommen, obwohl noch nicht einmal der kleinste Zaun ein Hindernis darstellte, sondern die geographische Lage des Heims, machte ich mir so meine eigenen Gedanken. Und mir fiel auch wieder etwas ein. Das einzige kulturelle Ereignis, zu dem wir geführt wurden, war ein Fußballspiel in Schmiede­berg. Klein Kleckersdorf gegen Schienbein 04, oder so ähnlich. Jetzt war ich schon 3 km von Dönschten entfernt, auch in der richtigen Richtung reichte dieser Ausflug aber nur dazu aus, wenigstens schon mal was für die Fluchtvorbereitungen zu tun. Peter H. und noch zwei andere hatten sich für meinen Plan schon erwärmt. Alleine auf Wanderschaft gehen machte keinen Spaß. So hatte ich die drei also eingeweiht. Vor dem eigentlichen großen Spiel trat eine Schülermannschaft an. Diese Schülermannschaften zogen sich nach dem Spiel um und wollten anschließend von ihren größeren Vorbildern das Kicken noch besser erlernen. Bei der ungeheuren Zuschauerkulisse von mindestens 100 Personen, wovon die Hälfte unser Heim stellte, fiel es gar nicht weiter auf, dass wir uns an die Beutel der Gastschüler ranmachten, die so schön abseits auf einem Haufen lagen. Die erbeuteten Trikots unter unsere Sachen ziehend hatten wir die beiden Toiletten einige Zeit in Beschlag genommen. Jeder von uns war beim Abmarsch vom Heim mit einem Brotbeutel versehen worden. In diesen Beuteln konnten wir die Schuhe unterbringen. So ausgestattet gelang es uns dann wenige Tage später, weil die Trikots auch noch so schön schmutzig waren, auch den Busfahrer zu täuschen, der uns gegen seine Vorschrift aus diesem Gebiet rausbrachte.

Geldkatzen angeln

Einer der Jungen, der mitreiste, hatte ebenfalls Verwandte im Westen. Sein brennenster Wunsch war es nach „Drüben“ zu gehen. In Dresden besserten wir wie ein eingespieltes Team unser Reisegeld einigermaßen auf. Was die Frauen aber auch für einen Mist in ihren Hand­taschen hatten! Die Portemonnaies enthielten meistens auch nicht viel. Das lag anscheinend daran, dass wir immer erst zu spät an diese Dinger rankamen. Die Einkaufstaschen mussten schon etwas voller sein, wo die Frauen ihre Geldkatzen drauflegten und wir sie uns dann besser angeln konnten. Dementsprechend wie die Einkaufstasche voller wurde, wurde aber auch das Portemonnaie leerer. So mussten wir schon ziemlich oft zugreifen, um eine zufrie­denstellende Summe zusammen zu bekommen. Drei von uns schirmten das Opfer mit ihren Körpern ab, während der Vierte seine Finger spielen ließ. Nicht dass jetzt immer nur einer zulangen durfte. Jeder von uns wollte und konnte auch seine Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Opfer waren ja genügend vorhanden.

Ein einziges Mal mussten wir die Beine unter die Arme nehmen und zeigen, dass wir auch gut laufen konnten. Aber bevor die Frau noch genau erklärt hatte, was ihr widerfahren, und wer ihr das angetan hatte, waren wir schon längst weg. Beim Überschlagen unserer Ausbeute kamen wir zu dem Schluss, dass es ruhig etwas mehr sein könnte. Frech wie Rotz suchten wir die Markthalle wieder auf. Wir hatten dann auch noch das unverschämte Glück eine Frau mit einem Hunderter bezahlen zu sehen. Bevor der Verkäufer das Geld aus der Hand der Kundin nehmen konnte, hatte ich ihm die Arbeit schon abgenommen. Ich kenne die rechtlichen Ver­hältnisse nicht so genau. Hatte die Kundin nun schon bezahlt? Oder trug sie den Verlust, weil der Geldschein noch nicht in der Kasse des Verkäufers geklingelt hatte? Wie auch immer. Wir waren für’s erste saniert. Sollten sich doch die Köpfe zerbrechen, die die Schuld daran trugen, warum wir Kriegsopferkinder unsere Kriegsopfer eintrieben.

Über die grüne Grenze in den Westen?  „Wir werden euch schon noch weich kochen!“

Wir kamen gut in Leipzig an. In Dresden hatten wir fünf Lauben aufbrechen müssen, bis wir die passende für uns gefunden hatten. Schließlich wollte jeder seinen eigenen Schlafplatz haben. So trugen wir Sofas und Decken zusammen und verbrachten eine geruhsame Nacht.

Ich konnte in Leipzig ja wohl schlecht mit der ganzen Gesellschaft bei meiner Schwester auftauchen. So kümmerten wir uns zunächst um neue Laubenschlafplätze, bevor ich über meine Schwester Verbindung zu meiner Mutter aufnahm. Die erste Nacht verbrachten wir gemeinsam wach bleibend und Pläne schmiedend, wie wir am besten über die Grenze kom­men könnten. In Schönebeck bei Magdeburg hatte Mutter eine Schwester wohnen, eine von 17, wovon nur vier den Krieg überlebt hatten. Ich war schon mal mit dort gewesen. Mein Cousin wurde, glaube ich, konfirmiert, es kann aber auch schon die Jugendweihe gewesen sein, so genau erinnere ich mich nicht mehr. Zu diesem Anlass waren wir dort zu Besuch gewesen. Wir hatten hinten im Garten zusammen unsere erste Zigarre gepafft und waren auch sonst ganz gut zurecht gekommen. Aus Platzmangel hatten wir Jungs in einem Bett geschla­fen. Er war ja bereits drei Jahre älter als ich und meinte mir beweisen zu müssen, dass er zu Recht aus der Kindheitsphase ausgetreten sei, indem er diese Weihe, welche es auch immer war, erhalten habe. Er zeigte mir im Bett seine Männlichkeit und auch das Produkt, was daraus entstehen konnte, wenn man es nur richtig anstellte. So gute Freunde waren wir also geworden. Vom Schwager selbst hatte Mutter erfahren, dass er sich ein Zubrot dadurch ver­diente, indem er einige Male im Monat, die „Grüne Grenze“ überschreite und Dinge herüber holte, die hier Mangelware wären. Dieser Onkel nun, da er ja die Grüne Grenze so gut kannte, sollte uns Bengels dazu verhelfen, nach „Drüben“ zu kommen. Um alle unsere Mäuler zu stop­fen und auch gut mit Reisegeld ausgestattet zu sein, nahm ich wieder meine Geschäfts­verbindungen in Leipzig in Anspruch. Gut abgeschirmt durch das Frühwarnsystem meiner Kum­pane begab ich mich wieder in das Viertel, wo ich meine Geschäfte zu machen pflegte. Nach zwei Tagen schon hatten wir mehr als genug. Jeder musste sich seine Geheimtasche am Hosenschlitz anfertigen und einen Teil des Geldes verstecken. Nach herzzerreißendem Abschied von Mutter und Schwester bestiegen wir den Zug gen Magdeburg. Mitten in der Nacht trafen wir in Schönebeck ein. Mag es sein, dass wir zu nachtschlafender Zeit kamen, und einen gar nicht gutgelaunten Onkel antrafen, oder konnte es sein, dass er zum „Wendehals“[6] geworden war?

Ich bekam es nie so genau heraus. Ich wurde noch an der Türe abgefertigt. Mir wurde, nach Vortragen meiner Bitte um Fluchthilfe unter Vorzeigen eines Briefes meiner Mutter rund­weg abgeschlagen, diese Bitte zu erfüllen. Onkel P. hätte damit längst aufgehört und wir soll­ten lieber zusehen, dass wir nach Hause kämen. Peng! Da war die Türe auch schon vor der Nase zugeschlagen. Ratlos schauten wir uns an, wir, die wir alle Hoffnungen auf diesen Onkel gesetzt hatten. Noch nicht einmal auf die eigenen Verwandten konnte man sich in solchen Zeiten verlassen. Wir trotteten wieder in Richtung Schönebecker Bahnhof. Ich erkannte noch nicht einmal meinen eigenen Cousin wieder, der uns auf der anderen Straßenseite folgte. Ich beging den Fehler die Person, die uns zu beobachten schien, nicht zu beachten. Wenn wir mal stehen blieben und diskutierten, blieb auch die Person auf der anderen Straßenseite stehen oder versteckte sich sogar in einem Hauseingang. Es mag meiner Erregung zugute gehalten werden, dass ich damals solche „Kleinigkeiten“ übersah. Wieso das so war weiß ich nicht, aber der kleine Bahnhof hatte einen Wartesaal, der die ganze Nacht über geöffnet zu haben schien. Wir gingen dort hinein. In dem Mitropa[7]-Restaurant befanden sich nur wenige Gäste. Beim Ober bestellten wir vier Hühnersuppen mit Brötchen. Wir bekamen je eine Tasse mit etwas Heißem drin, worauf ein paar Fettaugen schwammen. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit, die die Suppe mit einer Hühnerbrühe hatte, wie sie auf der Karte angeboten worden war. Wir brauchten der Sache auch gar nicht erst weiter auf den Grund zu gehen, den Boden der Tasse zu erforschen, ob sich da etwas Hühnerfleisch abgelagert haben könnte; der Mühe wurden wir enthoben. Aus dem Nichts waren plötzlich vier uns bekannte Uniformen aufgetaucht. Wir saßen an einem runden Tisch in einer Ecke (das Flüchtlinge sich aber auch immer in eine Ecke setzen müssen!). Ohne dass wir ihre Annäherung bemerkt hatten waren sie plötzlich vor uns aufgetaucht. „Eins, zwei, drei, vier, aufstehen und mitkommen!“ Das war unmissverständlich. Die grimmigen Gesichter machten es ganz deutlich. Uns war ohnehin der Appetit vergangen. Also standen wir folgsam auf und ließen uns in die Mitte nehmen. Unmiss­verständlich hatten die Ordnungshüter auch ihre Hände auf die bereits geöffneten Pistolentaschen gelegt. Beim Rausgehen dann erkannte ich die Person wieder, die uns auf dem Weg hierher gefolgt war. Es war niemand anders als mein lieber Cousin. Im Vorbei­gehen zuckte er bedauernd die Schulter und sagte, dass sein Vater ihm aufgetragen hätte, uns zu verfolgen und bei passender Gelegenheit die Polizei zu verständigen. Das war das letzte Mal, dass ich diesen und die andere Schönebecker Verwandtschaft zu Gesicht bekam.

Wieder lernte ich ein neues Heim kennen. Wobei es im Prinzip doch immer das Gleiche blieb. Nur das Geld, das wir in den Taschen hatten, konnte man uns abnehmen. Einer der Beamten, der einigermaßen menschlich vernünftig dachte, gab Anweisung uns für diese Nacht mit Ver­nehmungen zu verschonen, da wir ziemlich geschafft aussahen. In einem Kellerverlies auf eingebauten Betonpritschen verbrachten wir den Rest der Nacht. Es war klar, dass keiner die Vorgeschichte unserer Flucht, und wie wir es bewerkstelligt hatten, preisgab. Nicht einmal unsere richtigen Namen erfuhren sie. „Wir werden euch schon noch weich kochen!“ Mit dieser Drohung im Rücken wurden wir in einem Heim abgeliefert. Ein Heim von einer hohen Mauer umgeben. Auch so etwas kannte ich schon von Leipzig und Rummelsburg her. Parterre und in der ersten Etage waren schon die größeren Burschen untergebracht, die draußen entwe­der einer Arbeit nachgingen oder aber eine Lehrstelle hatten. Wir wurden in die zweite Etage verfrachtet, damit wir nicht so leicht wegkämen, wie wir erfahren durften. Dabei stand für mich schon nach dem ersten Blick aus dem Fenster fest, wie wir hier wieder wegkommen würden. Ich sah die Mauer, das Tor darin, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwas schräg links eine Brücke und einen Bahnhof. Keine blasse Ahnung, welchen Stadtteil von Magdeburg wir die Ehre gaben. Aber auch der Rest, den ich gesehen hatte, machte mich zuversichtlich, dass wir hier auf keinen Fall bis zum nächsten Bettwäschetausch verbleiben würden.

Fußnoten

[1] Dazu später im Kapitel zu Eisenhüttenstadt

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schmiedeberg_(Dippoldiswalde)

[3] Aktenzeichen XY … ungelöst https://de.wikipedia.org/wiki/Aktenzeichen_XY_%E2%80%A6_ungel%C3%B6st

[4] Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, Der Schüler lernt alles, was nötig ist, um im Leben vorwärts zu kommen. Es ist dasselbe, was nötig ist, um in der Schule vorwärts zu kommen. Es handelt sich um Unterschleif, Vortäu­schung von Kenntnissen, Fähigkeit, sich ungestraft zu rächen, schnelle Aneignung von Gemeinplätzen, Schmei­chelei, Unterwürfigkeit, Bereitschaft, seinesgleichen an die Höherstehenden zu verraten usw. usw.

[5] Striezelmarkt, https://de.wikipedia.org/wiki/Dresdner_Striezelmarkt

[6] Schulz verwendet den Wendehals, bevor dieser seine später bekannte Bedeutung bekam. https://de.wikipedia.org/wiki/Wendehals_(DDR)

[7] Mitropa

 Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/  PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/  PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/  PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/  PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: 15-spurensuche 

Wie geht es weiter?

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

          Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war

 

 

 

Dreizehntes Kapitel

Von Auerbachs Keller in den Venusberg[1]

„Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt: Wir werden dich vorläufig oder auch für immer bei uns aufnehmen. Das liegt ganz bei dir!“ Bloß gut, dass ich gerade nichts weiter im Mund hatte, außer einem Schluck Rotwein. Die Tischdecke sah nach ihrem Vortrag ein wenig rotgesprenkelt aus. Ich? Ich sollte bei/von Bullen großgezogen werden? In meinem Kopf hatten schon die ersten hundert Gramm Wodka in Verbindung mit dem Rotwein zu wirken begonnen. Sonst hätte ich spätestens jetzt einen Wodka benötigt.

Wie genau ich zu den Bullen stand, davon musste wohl nichts in meinen Akten gestanden haben. Sie schrieb meinen unverhofften Erstickungsanfall wohl der freudigen Überraschung zu, die sie mit der Eröffnung ihres Vorschlages in Verbindung brachte. Eine Überraschung war es auf jeden Fall für mich. Wie sie es auch auffassen mochte. Ich glaube, ich hätte sie sehr in Verlegenheit gebracht, hätte ich ihren Vorschlag schlichtweg abgelehnt. Was mir ja auch fast aus dem Mund gerutscht wäre. Wäre da nicht der Rotwein in die falsche Kehle gerutscht und hätte mir etwas Bedenkzeit verschafft. Hatte sie nicht selbst gesagt, dass kein Heim bereit wäre mich aufzunehmen? Wohin also sonst mit mir, wenn ich auch nicht zu meiner Mutter durfte?

Verschiedene Gründe, eigentlich nur zwei, waren dafür ausschlaggebend, dass ich mich auf ihren Vorschlag einließ. Zum einen, ich blieb in Leipzig, somit in der Nähe meiner Mutter und Schwester. Zum zweiten, die Frau selbst zog mich wie schon erwähnt in ihren Bann. Was bisher noch keine Erzieherin von sich hätte behaupten können. Ich wollte dann auch gar nicht mehr erfahren, welche Alternative es für mich sonst noch gäbe. Wie sie so ihre Augen in die meinen versenkte und in mir forschte, wie ich mich wohl entscheiden würde, konnte ich einfach nicht mehr nein sagen.

„Als wäre ich ihr Liebhaber …“ Er wird es!

Als wäre ich ihr Liebhaber oder ähnliches zahlte ich die nicht gerade geringe Zeche, legte ein generöses Trinkgeld dazu, und wir konnten aufbrechen.

Ganz ohne irgendwelche Formalitäten durfte ich mit zu ihr nach Hause gehen. Man stelle sich mal vor, in der Wohnung gab es sogar schon ein Telefon. Während des langandauernden Gesprächs, welches sie gleich nach unserer Ankunft zu führen begann, durfte ich mich völlig frei im Wohnzimmer bewegen. Ziemlich eingeschüchtert alleine von der luxuriösen Einrichtung (einschließlich Telefon) im Gegensatz zu der bei uns Zuhause, wagte ich mich aber kaum zu bewegen. Ich stand die ganze Zeit am Fenster und starrte auf die Straße hinab. Bis sie ins Zimmer kam. „So, alles in bester Ordnung. Wir werden gleich nochmal in die Stadt gehen und für dich zunächst einmal die wichtigsten Sachen einkaufen. Erstmal aber werde ich dir dein Zimmer zeigen.“ Sie nahm mich bei der Hand. Wie? Ich und ein eigenes Zimmer? So etwas hatte ich ja noch nicht einmal bei Muttern gehabt. Überhaupt konnte mich gar nicht daran erinnern, jemals zuvor ein eigenes Zimmer gehabt zu haben. Außer dem Arrestzimmer im Heim. „Weißt du, wir beide, mein Mann und ich, wir haben uns immer so sehr Kinder gewünscht. Wir haben leider erfahren müssen, dass wir nie welche miteinander haben werden!“, wurde ich über das Vorhandensein eines Kinderzimmers aufgeklärt. Bei der Noch-Nachkriegszeit herrschte ja eigentlich noch enorme Wohnungsnot. 1953 gab es meiner Ansicht nach immer noch mehr Trümmer als geeigneten Wohnraum. Über soviel Fürsorglichkeit geriet ich geradezu in Verlegenheit. Von meiner sonst gewohnten Kaltschnäuzigkeit war nichts mehr vorhanden. Ich war einfach nur ergriffen. Dies war eine ganz neue Erfahrung für mich, von Fremden derart fürsorglich als Kind behandelt zu werden. Und das gerade in dem Augenblick wo ich mich mitten in der Pubertät[2] befand und mich schon fast als ganzer Mann fühlte.

Zahnbürste und Nachtzeug, etwas Unterwäsche, ein neues Hemd und Hosen sollten fürs erste reichen. Als wir vom Einkauf zurück kehrten, war auch schon mein Ersatzvater in der Wohnung. Er war in der Polizeifunkzentrale in Leipzig im Drei-Schichtdienst eingesetzt, erfuhr ich auch sogleich. Diese Woche war Frühschicht angesagt. Ich wurde eingehend in Augenschein genommen und für gut befunden. Was die Bemerkung GUT für eine Bedeutung hatte, erfuhr ich etwas später. Genauer gesagt am nächsten Tag. Zu der Zeit, als dies alles geschah, wäre es undenkbar gewesen, die folgenden Einzelheiten überhaupt am Rande zu erwähnen. Die Zeit an sich war viel zu prüde. Ich finde es heute aber für unerlässlich, dieses einschneidende Erlebnis zum besseren Verständnis meines Lebensweges mit aufzuführen. Deshalb vermeide ich es auch hier Namen zu nennen. Wenn du, liebe Monika[3], bisher noch nicht schockiert genug über meinen Lebenswandel bist, so solltest du aber jetzt, wie ich es dir angekündigt habe, dieses Manuskript aus der Hand legen. Es liegt mir sehr viel daran, dass wenigstens du mich (wenn überhaupt jemals) mit der Reinheit deines Herzens in Erinnerung behältst. Ich wurde, besser gesagt ich ließ mich von den beiden zu Sexspielen verführen. Ich befriedigte mich schon seit Jahren selbst (was wieder einen anderen Ursprung hatte), war auch ansonsten (zwangsläufig durch die Nachkriegszeit) bestens aufgeklärt worden vom Leben selbst. Ich war elf, als eine 20jährige Freundin meiner Schwester eine zeitlang bei uns wohnte, weil sie Zuhause rausgeflogen war. Sie zeigte mir alles. Den gewissen „Kick“ also kannte ich schon. Zunächst noch trocken, aber immerhin!

Spricht man mich heute, 65 jährig, auf meine Ähnlichkeit wegen meines zerknitterten Gesichtes, mit Charles Bronson[4] an, so heißt das noch lange nicht, dass ich damals nicht ein hübsches Kerlchen war. Ein Foto aus der Zeit, das einzige übrigens, welches mir aus der Zeit meiner Kindheit geblieben ist, bekam ich erst 1990, als ich nach der Maueröffnung nach Dönschten fuhr, um Erinnerungen aufzufrischen. Und siehe da, der damalige Heimleiter wohnte immer noch im Dachgeschoß des damaligen Heimes mit seiner Frau. Im hohen Alter freuten sich beide über meinen Besuch. Die Frau kramte ein Tagebuch hervor. Aus diesem las sie mir vor, wann ich genau für immer aus dem Heim verschwunden war. Und, in dem Tagebuch war sogar noch ein Passfoto von mir eingeklebt. Dieses Foto schenkte sie mir. Somit habe ich nun wenigstens einen Beweis in Händen, dass auch ich mal ein hübsches Kerlchen war.

keine Umschreibungen wie im Kamasutra

Als süßer Bengel bezeichnet zu werden war ich ja schon gewohnt. Dass man mich aber gleich so süß fand, dass man(N) mich gleich als Dritten im Bunde haben wollte, merkte ich gleich am nächsten Tag nach meinem Einzug bei der Bullenfamilie, die ja eigentlich noch keine richtige Familie war, da ja zu einer richtigen Familie meiner bescheidenen Meinung nach ein Kind fehlte. Aus heutiger Sicht betrachtet war das mehr oder weniger eine Sexgemeinschaft zwischen den beiden mit gleichen Vorlieben. Beide liebten nämlich kleine Jungs. Zum einen produzierten die beiden sich gerne vor deren, z.B. meinen Augen, zum anderen spielten sie beide gerne an meinem kleinen „Knorpel“ herum. Na ja, wenn schon, denn schon! Dann muss ich wohl auch noch hinzufügen das ER es gerne hatte, dass ich sein Glied in den Mund nahm, und SIE es furchtbar gerne sah, wenn ICH es tat. Noch irgendwelche Fragen? Klar, dass Sie jetzt neugierig geworden sind und nun auch wissen möchten, wie es dazu kam. Keiner kommt doch so einfach daher und sagt tu dies oder das. Wenn die Zensur diesen Absatz nicht gerade streicht, will ich Ihnen den Gefallen tun und darüber berichten. Verlangen Sie aber bitte nicht, dass ich solch schmeichelhafte Umschreibungen, wie sie im Kamasutra vorkommen, benutze. Bitte denken Sie immer daran, dass ich kein Schriftsteller im klassischen Sinne bin. Dafür reichen meine sechs Volksschuljahre bei weitem nicht aus. Zum Dichter nicht geboren, nicht ausgebildet. Das mögen Sie bestimmt schon an meiner eigenwilligen Schreibweise längst erkannt haben. Ich habe auch nicht vor, mit diesem Manuskript ein großes Werk zu präsentieren. Mit meinen begrenzten Mitteln will ich Ihnen lediglich das nackte, wahre Leben schildern, in das ich in einer Zeit hineingeboren wurde, die ich keiner zukünftigen Generation noch einmal zu erleben wünsche. Man stelle sich nur mal vor, dass unsere Computergeneration plötzlich ohne Strom und Heizung dasteht, statt Fun blanker Überlebenskampf angesagt wäre.

Wie bereits eingangs erwähnt soll dies ein mahnend Zeichen sein, sich gegen jedwede Kriegstreiber zu wehren.

Sicher gibt es Menschen mit einem bewegterem Lebenslauf. Doch ich bin der Meinung, nach dem, was ich so im Laufe des Lebens erfahren musste, leben viele am Leben vorbei. Das heißt: es ist überhaupt kein Leben drin in ihrem Leben. Alles tröpfelt nur so dahin, an ihnen herunter. Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, glaubten doch allen Ernstes, dass sie schon etwas Besonderes in ihrem Leben erlebt hätten, nur weil sie schon mal in Italien, Griechenland, der Türkei oder auf einer der angesagten Modeinseln gewesen sind. Manche betrachten es schon als Sensation, wenn sie einmal in ihrem Leben die Wohnung oder gar den Wohnort gewechselt haben. Die Spießbürger, die sich über jede Art von Verbrechen so schön entrüsten können, im gleichen Atemzug sich aber den Film aussuchen, wo es am blutrünstigsten zugeht, sich ausschließlich Krimis und Actionfilme reinziehen. Herrschaften, ein paar Ganoven muss es schon geben, damit die Drehbuchschreiber das Ganze schön aufbauschen können. Das wirkliche Leben gibt dafür viel zu wenig her. Aber das alles, was in diesen Filmen so schön als Tatsachen verkauft wird, wird dann auf den kleinen Ganoven projiziert. Aus eigenem Erleben aber kann ich hier berichten, dass gerade die brutalsten Verbrecher in der Knasthierarchie ganz oben stehen. Ja, sie bekommen zum Teil sogar Fan-Post.

Warum also, so habe ich mir gedacht, soll ich nicht ein wenig dazu beitragen, das reale Leben anderen Leuten ins Haus zu bringen, wo ich doch hier im Knast reichlich Zeit zum Schreiben habe?

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“

Zeit dazu ließen mir meine „Pflegeeltern“, wie sie sich zu bezeichnen pflegten, nicht viel, um sich mit mir zu amüsieren. Bis man mich in der Schule angemeldet haben würde, so wurde mir gesagt, könne ich nach Belieben ausschlafen. An alles hatte man ja gedacht, was meinen Einzug betraf. Eine Bettdecke zu kaufen hatte man allerdings vergessen (?). Mir wurde deshalb gestattet, die erste Nacht im gemeinsamen Ehebett zu übernachten. Mir waren vor Müdigkeit schon die Augen zugefallen. Ein Zeichen für meine besorgten Pflegeeltern mich ins Bett zu schicken. „Wir gehen auch gleich zu Bett, M. muss morgen auch wieder früh raus!“; damit wurde ich liebevoll zugedeckt und mit einem Kuss versehen. Die Müdigkeit war da, aber der Schlaf wollte sich trotzdem nicht einstellen. Zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf herum. So tat ich nur so als ob ich schliefe, als die beiden dann auch ins Bett kamen. Ich bekam recht schnell nackte Tatsachen zu sehen. G. vergewisserte sich, dass ich schlief und ließ noch vor dem Bett ihre Hüllen fallen. Nicht dass ich noch keine nackte Frau gesehen hätte. Aber unter diesen Umständen? Auch M. stand bald wie Gott ihn erschaffen hatte vor dem Bett.

Und als er drin war, wurde ich so Zeuge ehelicher Leidenschaft. Mir schaffte dies auch Leiden! Wie ich mich schon bei anderen Gelegenheiten dem nicht entziehen konnte, so wuchs auch bei mir etwas heran, was ich bei dieser Gelegenheit allerdings zum Teufel wünschte. Ich konnte den beiden wohl schlecht zu erkennen geben, dass ich noch hellwach war und Probleme mit meinem Piephahn hatte. Ich war kaum mehr in der Lage abzuwarten bis nun meine Pflegeeltern ihrerseits eingeschlafen waren, um mich eines gewissen Drucks zu befreien. Dann aber schlief auch ich erschöpft ein. Mit der immer noch gleichen Erektion, mit der ich eingeschlafen war, wachte ich am nächsten Morgen auch wieder auf. Schon beim geringsten Geräusch, außer den typischen Schlafgeräuschen, wurde ich wach. So als sich M. morgens zur Arbeit fertig machte. Ich ließ ihn erst aus dem Haus gehen, und lief dann ganz schnell zur Toilette, um meine Stange Wasser ins Klo zu entlassen. Meine Pflegemutter war alles andere als ein Morgenmuffel. Sie selbst hatte zwar wegen mir extra arbeitsfrei bekommen, war aber dennoch mit ihrem Mann zusammen aufgestanden. Sie bot mir gleich eine Tasse (echten!) Bohnenkaffee an, als sie mich im Flur sah. „Wir können uns ja gleich wieder hinlegen und ausschlafen. Das bisschen, was wir für dich noch besorgen müssen, schaffen wir auch am Nachmittag spielend!“ erklärte sie mir. Ich hatte ja wenigstens noch einen Schlafanzug an, der aus Baumwolle zu sein schien. Ihr Nachthemd dagegen war so gut wie aus Nichts. Sie bemerkte meine verstohlenen Blicke sehr wohl. Beim Einschenken des Kaffees ließ sie mich auch noch sehen, dass sie unten auch nichts weiter drunter hatte. Meine Verlegenheit schien sie aber nur zu amüsieren. Wieder im Bett wollte sie dann auch recht bald wissen, welche Erfahrungen ich schon mit Mädchen gemacht hätte. Ich verschwieg ihr natürlich die Episode mit der 20 jährigen Freundin meiner Schwester, ebenso wie ich oftmals Zeuge von Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit geworden war. Auch dass ich genau wusste, was die Frau in Dresden Hellerau mit den drei Russensoldaten angestellt hatte. Ich gab lediglich die üblichen Doktorspiele mit etwa gleichaltrigen Mädchen zu.

Ich sollte so etwas, was sich zwischen Mann und Frau abspielte, nur immer als etwas ganz natürliches, von der Natur Gegebenes betrachten, riet G. mir. Sie und M. hielten es jedenfalls seit Beginn ihrer Beziehung so. G. erklärte mir dann auch, dass das ein körperliches Bedürfnis wie allen anderen, wie etwa Essen und Trinken sei. Mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen kochte sie mich langsam weich. Oder hart? Wie man(N) es nimmt! Wenn der Körper danach verlange, soll man erst gar nicht dagegen ankämpfen. Sie ließ mich dann auch ganz unverblümt wissen, dass M. heute morgen schon am liebsten eben diesem Bedürfnis nachgekommen wäre. Verschwieg aber das vom Vorabend. M. hätte es sich dann aber doch nicht gewagt, weil ich ja noch mit im Bett gelegen hätte und die dabei entstehenden Geräusche mich geweckt und erschreckt haben könnten. M. wäre nun mal so gestrickt, dass er diese schönste Nebensache der Welt am liebsten dreimal am Tage betreiben würde. Bei einem solch offenen und direkt geführten Aufklärungsgespräch hatte ich natürlich Schwierigkeiten, meine Latte, die ja schon längst keine Wasserlatte mehr war, im Zaum zu halten. Peinlich wäre es mir gewesen, wenn meine „Biologielehrerin“ dies bemerkt hätte. Sie war aber eine zu gute Psychologin, um mich merken zu lassen, dass sie längst wusste, wie es um mich stand. Heute weiß ich natürlich, dass das volle Absicht von ihr gewesen war, dieses Gespräch in diese Richtung zu lenken. Erstmal Pause. G. erhob sich lasziv aus dem Bett, führte mir so wieder ihren Körper vor, in dem Nachthemd, welches mehr zeigte als dass es verbarg, und ging zur Toilette. Ich denke heute noch manchmal daran zurück, wie und was mir bei diesem erneuten Anblick alles wehtat. Als sie danach wieder unter die Bettdecke krabbelte, gab sie sich nicht die geringste Mühe mir gegenüber zu verbergen, wie genau es in ihrem Schritt aussah. Von wegen ausschlafen. Sie schien so gar nicht müde zu sein. Nun, auch mich hinderte etwas daran, wieder einschlafen zu können.

Geschickt brachte sie gleich wieder ihr Lieblingsthema aufs Trapez[5]. „Wir werden dir heute gleich ein schickes Steppbett, oder magst du lieber ein Federbett? kaufen. Dann können M. und ich uns wieder lieben wie wir es gewohnt sind. Weißt du, das ist dann für uns alle besser so. Unsere Körper brauchen das nun mal jeden Tag!“ ließ sie mich tief in ihr Intimleben blicken. „Du hast damit wohl noch keine Schwierigkeiten oder?“ Was sollte ich sagen ? Mir wurde es ganz schön mulmig unter der Bettdecke. „Sag schon! Haben so kleine Jungs schon Schwierigkeiten damit?“ G. schaute mich genau an bei dieser so eindringlich gestellten Frage. Ich versuchte mich einer ehrlichen Antwort zu entziehen indem ich so tat, als wüsste ich gar nicht, was sie mit „Schwierigkeiten“ meinte. Die 27 jährige Frau ließ dies aber nicht als Antwort gelten. „Du wirst doch wohl wissen, ob dein Puller manchmal schon hart und groß wird!?“ wurde sie schon etwas direkter.

„Ja schon,“ musste ich jetzt schon etwas näher bei der Wahrheit bleiben. „Was du nur für ein Geheimnis daraus zu machen versuchst. Ich sagte doch bereits, dass das etwas ganz natürliches ist, wenn der Körper sich meldet!“ sprach sie beruhigend auf mich ein. Ob es oft passiere, wann und bei welchen Gelegenheiten im Besonderen, begann sie immer weiter in mich zu dringen. Meine Peinlichkeit nahm überhaupt kein Ende, weil ich ihr einfach nicht die Wahrheit sagen konnte, wie es wirklich um mich bestellt war, was sie gerne hören wollte. Hinterher ist man immer schlauer!

„Was meinst du? würde dein kleiner Mann da unten steif werden wenn M. und ich uns lieben würden?“ „Ich weiß nicht!“ log ich. „Wir könnten es ja mal ausprobieren!?“ schaute sie mich lauernd an. Meine Güte, ich konnte noch nicht einmal mit einer Hand unter die Bettdecke um IHN wenigstens ein wenig zu besänftigen.

So, wie G. mich belauerte, wusste sie sofort, was wirklich mit mir los war. Anscheinend aber kam ich ihr nicht in dem Maße entgegen, wie sie es sich erhofft hatte. Deshalb ging sie zu einer anderen Taktik über. „Also gut, du willst sicherlich noch ein wenig schlafen. Ich sage dir nur noch, dass du jederzeit mit irgendwelchen Problemen zu einem von uns kommen kannst. Auch wenn du mal ein Mädchen mitbringen willst. Wir wollen uns dann nur davon überzeugen, dass dies auch sauber ist.“ Damit drehte sie sich auch schon auf die Seite, wobei sie mich noch ihr Hinterteil sehen ließ. Um meine Aufmerksamkeit auch ja auf sich zu lenken, bemerkte sie, dass es doch recht kühl wäre, um ohne Bettdecke zu schlafen. Am liebsten würde sie ja ganz eng an M. angekuschelt schlafen, weil es dann so schön warm an ihrem Hintern wäre. „Willst du nicht zu mir rüber rutschen und mich ein wenig wärmen?“ fragte sie mich mit lockender Stimme. Bloß das nicht! Ich würde gar nicht nahe genug an sie herankommen, ohne dass sie nicht sofort bemerken würde, wie es wirklich um mich stand.   „Du hast wohl Angst das M. eifersüchtig werden könnte, was?“ hielt sie so gar nicht ihr Versprechen, was das Weiterschlafen betraf. „Na warte, wenn du nicht zu mir kommst, dann komme ich eben zu dir.“ Damit rutschte sie auch schon auf meine Bettseite herüber. Meinetwegen, dann sollte sie sich eben an mich kuscheln. Jedoch drehte auch ich mich herum, so dass sie sich an meinen Rücken wärmen konnte. Es reichte ihr aber noch nicht, ihre handvoll Quarktaschen an die Schulter zu pressen. Sie legte auch noch einen Arm um mich. Dass sie auch noch ihren warmen Unterleib gegen mich drückte, gehört wohl auch mit zum Kuscheln, nahm ich an. Ich wagte kaum noch zu atmen, als ihre Hand immer tiefer rutschte. Nur noch wenige Zentimeter und ich wusste nicht mehr wohin ich mich mit meiner Scham verkriechen sollte. Dabei machte ich mir aber selbst nur etwas vor. Ich wusste längst, dass ich mir eine direkte Berührung herbeisehnte. Hatte ich doch schon früher, bei der Freundin meiner Schwester, ganz andere Freuden genossen, als ich sie mir mit der eigenen Hand bewirken konnte.

„Du Dummerchen, lass dich doch gehen!“ flüsterte sie mir besänftigend ins Ohr, als sie ihr Ziel erreicht hatte und ich vor Schreck (?) zu atmen vergaß und dicke Backen machte. Diese Hand ging damit ganz anders um, als ich von meiner eigenen gewohnt war. G. drückte ihren Unterleib gegen meinen Po, so dass ich ihr eine größere Angriffsfläche bieten musste. Das war ja grausam … schön! – was die erfahrene Frau da mit mir anstellte. Ihre freie Hand nahm meine oben liegende und führte diese zwischen ihre warmen Schenkel.

Gut, also das soll es gewesen sein, wie ich zum ersten Mal als reifer Jüngling von einer Frau verführt wurde. Weil mich das irgendwie süchtig gemacht hatte, ging ich auch darauf ein, ihren Mann in unser Geheimnis mit einzubeziehen.

Würde ich mich in noch mehr Einzelheiten verlieren, müsste ich dieses Buch (ich hoffe, dass es eins wird) einem Pornoverlag anbieten.

Neben diesem Aufklärungsunterricht bekam ich dann auch wenig später meinen normalen Unterricht in der Schule. Es war soweit alles wunderschön. Ich durfte alle 14 Tage meine Mutter besuchen, und wir feierten zusammen ein tolles Weihnachtsfest. Ich rutschte wie nie ins neue Jahr, und ein paarmal dabei auch mangels Masse wieder raus und ich dachte gar nicht an irgendeine Flucht aus diesem Paradies.

Fußnoten

[1] Die Erlebnisse von Dieter Schulz in diesem Kapitel riefen dem Editor den Aufenthalt des noch sehr simplen Simplizius Simplizissimus im Venusberg in Erinnerung. Grimmelshausen geht allerdings nicht dermaßen ins Detail, wie auch die Bibel, nicht so prüde wie oft vermutet, die Avancen von Potiphars Frau gegenüber Joseph nur nennt und nicht groß ausschmückt. Genesis 39. Das tat dann die Nachwelt https://de.wikipedia.org/wiki/Potifar#/media/File:Gem%C3%A4ldegalerie_Alte_Meister_(Dresden)_Galeriewerk_Heineken_047.jpg . Schulz war nun kein Joseph und kann in diesen Dingen so ganz simpel nicht mehr gewesen sein. Zu viel hatte er schon gesehen und erlebt; diese Art von „Verwöhnung“ allerdings noch nicht. http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/94 gutenberg.spiegel.de http://gutenberg.spiegel.de/buch/simplicius-simplicissimus-5248/95 Sonntag, 29. Januar 2017

[2] Schulz: Diesen Ausdruck – Pubertät – kannte ich damals allerdings noch gar nicht!

[3] Monika aus Dönschten. Kapitel 2

[4] Welchen meint er, diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson_(H%C3%A4ftling) oder eher diesen https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Bronson#/media/File:Charles_Bronson_1961.JPG

[5] Statt der Wendung „etwas aufs Tapet bringen“ wird fälschlicherweise oft auch „etwas aufs Tablett bringen“ oder „etwas aufs Trapez bringen“ benutzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tapet

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

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Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

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Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

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 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

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 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

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Kapitel 5, von Heim zu Heim

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 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

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Kapitel 7, Lockender Westen

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Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

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Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

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Kapitel 10, Bambule

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Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

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 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

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Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/

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Wie geht es weiter?

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim natürlich!

 

 

 

 

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XII

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Zwölftes Kapitel

Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Ihr Armleuchter! dachte ich nur. Ich wusste ganz genau in welche Richtung ich mich bewegen musste, um eine Suche nach mir scheitern zu lassen. In Leipzig, noch dazu in Zoonähe, kannte ich mich bestens aus. Ich verschwand gut sichtbar für die Erzieher im nahe gelegenen Gebüsch in Richtung Zoo. Kurz davor jedoch schlug ich in Hasenmanier einen Haken. Jetzt, vom Heimgelände aus nicht mehr sichtbar zu erkennen, ging ich auf dieses direkt wieder zu. Ich wusste von der Brücke in der Nähe. Diese überquerte ich fast zur gleichen Zeit wie die Polizei bei dem Heim eintraf. Aber damit befand ich mich auch schon in deren Rücken. Soll­ten sie mich doch im Zoo-angrenzenden Wald suchen. Das Heim war wie beschrieben am vorderen Eingang mit einer hohen weißen Mauer umgeben. Eine relativ schmale Straße führte von der Brücke her kommend dorthin. Genau gegenüber allerdings begann schon eine größere Gartenkolonie. Wie jeder weiß, kannte ich mich in Leipzigs Gartenkolonien bestens aus.

Also, während die Vopo’s sich im Heim Informationen holten, saß ich schon längst auf einem Laubendach und beobachtete von meinem Logenplatz aus die Aktivitäten der Bullen.

Sollten sie mich doch bei meiner Mutter suchen, nachdem sie mich weder im Wald noch im Zoo gefunden hätten.

Frechheit siegt, sagte ich mir.

Ich schwöre, ich hatte bis dahin weder einen Krimi gelesen, noch im Kino gesehen. Alles was ich so professionell (?) tat war einfach nur eine Eingebung aus dem Moment geboren. Ein guter Schlagballwerfer hätte ohne weiteres einen Ball von „meiner Laube“ aus über die Heim­mauer werfen können. Nachdem die Polizei wieder abgezogen war, um die Suche nach mir aufzunehmen, kroch ich vom Laubendach herunter, um mich auf einem Sofa in der Laube selbst von meinen Strapazen zu erholen. Von meiner letzten Flucht (Berlin, Sie erinnern sich?) hatte ich immer noch einen Notgroschen bei mir. Zwischen den Knöpfen meines Hosen­schlitzes hatte ich einen kleinen Einschnitt mit einer Rasierklinge gemacht und in dieser so entstandenen Tasche hatte ich 20 Mark versteckt. Das hatte ich von je her bei jeder meiner Hosen gemacht und war so somit durch alle Filzen gekommen. Frechheit siegt, sagte ich mir, und ging abends gegen 21 Uhr einfach in ein Restaurant und gab meine Bestellung auf. Moch­ten die anwesenden Gäste denken was sie wollten. Ich hatte Kohldampf! Übrigens hatte ich solche Restaurantbesuche gemacht, ohne jegliche Beanstandung noch zu den guten Zeiten, wenn meine Geschäfte mal wieder gut gelaufen waren. Ich war dann ins Theater gegangen, hatte mir, ich weiß gar nicht mehr wie oft, den Diener zweier Herren[1] angesehen, sowie Egmont[2] oder Hamlet. Niemals erregte ein 11-13 jähriger besonderes Aufsehen, wenn er nach der Theatervorstellung (ca.23 Uhr!) noch in einem Restaurant auftauchte.

Man säuft eben kein Bier während der Arbeit.

Vor genau diesem Lokal stand am nächsten Morgen, als ich mich auf dem Laubensofa gut ausgeruht, und im Bewusstsein meiner Freiheit auf dem Weg zu meiner Schwester machte, ein Brauereiauto. Der Fahrer hatte dummerweise, aber nur für ihn selbst dummerweise, während er im Lokal sein verdientes Trinkgeld vom Wirt in Form eines Bierchens gleich vertrank, welches ich ihm natürlich von Herzen gönnte, also, er hatte die Fahrertüre offen gelassen. Nein, nicht nur nicht abgeschlossen meine ich damit, sondern richtig weit offen gelassen. So sah ich an der Rücklehne seines Fahrersitzes eine größere Tasche hängen. Ähnlich wie sie die damals noch kassierenden Straßenbahnschaffner trugen[3]. Darin waren, wie ich aber erst später feststellte, erstmal musste ich mir die Tasche greifen und ein Stück damit weg sein, darin waren alle Einnahmen der Tour, die er bisher abgefahren hatte. Ein­schließlich der Lieferscheine der noch zu beliefernden Kunden. Mit dem Geld konnte ich schon etwas anfangen, Lieferscheine aber brauchte ich nicht. Wollte ja auch nicht seine weitere Arbeit behindern. Nachdem ich das Geld fein säuberlich auf meine Taschen verteilt hatte, brachte ich die für mich aber nicht für den Fahrer nutzlos gewordene Tasche wieder zum Auto zurück. Er wird sich wahrscheinlich beim nächsten Kunden gewundert haben, dass noch alles in seiner Tasche war, nur eben das Geld fehlte. Sollte er sich doch seinen Kopf darüber zerbrechen, wie das möglich war. Man säuft eben kein Bier während der Arbeit. Schon gar nicht, wenn man auch noch Auto fahren muss. Sollte er das eben als Bußgeld dafür verbuchen. Er hätte sich das Trinkgeld ja anders geben lassen können, um es dann nach Feier­abend zu verprassen. Wo doch soviele Ganoven in der Welt herumlaufen, lässt man doch nicht einfach sein Geld so offen im Auto rumhängen. Du mein Bierfahrer hattest dein Auto in Gegenrichtung zum Verkehr und halb auf dem Bürgersteig stehend geparkt. Alles Verkehrs­ver­gehen, die ein Bußgeld erfordern. Ich jedenfalls auf dem Trottoir gehend kam an deinem Auto kaum vorbei. Die offenstehende Wagentüre versperrte mir den Weg vollends. Was hast du dir nur dabei gedacht? Ich musste ja zwangsläufig auf deine Geldtasche aufmerksam wer­den. Dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen. Du wirst es schon irgendwie verkraftet haben, wie ich, dem man sein Auto im Laufe der Zeit mehrmals aufgebrochen und ausgeraubt hat. Vielleicht war es ja sogar einer deiner Söhne. So wäre dann eben ausgleichende Gerech­tig­keit geschehen.

Meine Schwester war zwischenzeitlich unweit meiner Mutter in eine eigene Wohnung gezo­gen. Sie war mit einem Leutnant der NVA[4] verheiratet und hatte auch schon zwei Kinder. Wir waren eine Familie, in der Zusammenhalt noch groß geschrieben wurde. Die Kriegs – und Nachkriegszeiten, die wir auf der Flucht gemeinsam durchgemacht hatten, verbanden uns sehr stark. Ihr Mann sah es natürlich nicht besonders gerne, dass ich mich bei ihnen aufhielt, bes­ser gesagt versteckte. Soviel ich mitbekam, drohte meine hübsche Schwester ihm mit Liebes­entzug im Falle, dass er sich gegen ihren Bruder stellen würde. Er machte gute Mine zum bösen Spiel und beließ es dabei. Seiner Karriere hat es nicht geschadet. Als ich 1990 bei ihm in Leipzig zu Besuch war, hatte er es jedenfalls bis zum ABV[5] geschafft. Genau in Reudnitz, dem Stadtteil, wo er mich damals immer beherbergen musste, wenn ich mal wieder „Urlaub“ aus einem Heim genommen hatte.

Jetzt komme ich etwas durcheinander. Ich glaube die NVA gab es 1953 noch gar nicht[6]. Es muss wohl die KVP, die Kasernierte Volkspolizei[7] gewesen sein, deren Uniform und Rangab­zeichen er damals trug. Nur, mein Schwager war nicht kaserniert. Er ging am Morgen zum Dienst aus dem Haus und kam am Abend wieder. Jedenfalls war ich in der Wohnung meiner Schwester so sicher wie in Abrahams Schoß. Meine Mutter ergriff trotzdem immer besondere Vorsichtsmaßnahmen bevor sie mich besuchte. Erst wenn sie sich sicher war, nicht verfolgt worden zu sein, kam sie in die Wohnung meiner Schwester und schloss mich weinend in ihre Arme.

Tagsüber war ich sowieso immer auf Trebe[8], ging meinen Geschäften bei den Russen nach. Ich konnte tun und lassen was ich wollte. Fernsehen hielt einen zu damaligen Zeiten noch nicht von nützlichem Tun ab. Ich las viel. James Cook[9], „Mit vollen Segeln um die Welt“, hatte es mir besonders angetan. Mein Gott, dass war Freiheit und Abenteuer pur.

Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus.

Ansonsten war ich immer in Action. Die Polizei schien es zu nerven, dass sie mich nicht aufgreifen konnte. Jetzt durchsuchten sie auch schon regelmäßig Keller und Dachboden bei meiner Mutter. Sogar nachts standen sie sich ihre Plattfüße noch platter vor Mutters Haus. Sollen sie doch, dachte ich mir, wenn meine Mutter davon berichtete. Meine Mutter kam nun langsam zu der Einsicht, dass es wohl das Beste sei, wenn ich mich in den Westen zu meinem Vater absetzen würde. Ich bekam von Mutter auch noch einen Tipp, wie das zu bewerk­stelli­gen sei. Aber noch bevor ich von diesem Tipp Gebrauch machen konnte (vorläufig!) trat etwas ein, was meine Zukunftspläne wieder einmal zunichte machte. Bei der Zivilpolizei war eine kleine findige Person, die meine Akten anscheinend gut studiert hatte, auf einen besonde­ren Dreh gekom­men, wie man meiner habhaft werden konnte. Ich sage ja immer, die Ganoven sind der Polizei immer einen Schritt voraus. Die Polizei kann zunächst immer nur reagieren. Irgendwann jedoch lernen auch die dazu. In meinem Fall war es eine weibliche Person, die sich meine Akten etwas genauer angesehen hatte. Hatte auch folgerichtig ihre Schlüsse gezo­gen. Deswegen war ich dann auch eines Tages ganz schön überrascht, als mir in der Nähe des Rathauses, ich war gerade mit einem russischen Offizier am Verhandeln, jemand eine Hand auf die Schulter legte. Eine weibliche Stimme, wirklich sehr freundlich, sagte: „So Mischa (das war mein Spitzname bei den Russen), dann wollen wir mal!“ Der Offizier, der brennend daran interessiert war, etwas durch mich zu erwerben, was es nur in Leipzig zu erwerben gab, dafür war er schließlich eigens von Wittenberge nach Leipzig gereist, wollte es nicht wahr haben, dass mich diese freundliche Person einfach von seiner Seite zog. Ich brauchte ihm auch gar nicht zu dolmetschen, weswegen man unser Geschäft platzen ließ. Die weibliche Zivil­polizistin wies sich als solche aus und sprach dabei ebenso gut russisch wie ich auch. Der Offizier zog notgedrungen den Schwanz ein, als er mit dem Polizeiausweis konfrontiert wurde. Schließlich wusste er, dass der Erwerb von französischem Samt oder Schweizer Uhren etc. illegal war.

Ich bedauerte es genauso wie der Russe, dass aus unserem Geschäft nichts mehr wurde. Für die Provision, die ich bei diesem Geschäft bekommen hätte, so hatte ich mir schon im stillen ausgerechnet, hätte meine Mutter länger als eine Woche im Akkord als Trümmerfrau arbeiten müssen. „Scheiße!“ dachte ich nur, jetzt geht die ganze Prozedur mit einer Heimeinweisung wieder von Vorne los. Freiheit Ade.

Ich feierte meine erneute Verhaftung ganz legal mit einer hübschen Frau.

Zunächst aber nahm die Festnahme zivile Formen an. Eine ganz neue Masche der Polizei? Ich dachte angestrengt darüber nach, welcher Pferdefuß dahinter stecken mochte. Wollte das Weib mich nur in Sicherheit wiegen, damit ich keinen Fluchtversuch unternahm, wobei sie sich nicht sicher zu sein schien, wer von uns beiden der schnellere war? Es gab gar keinen Pferdefuß. Ich durfte mir das Lokal aussuchen, wo die Frau mit mir in aller Ruhe über meine Probleme reden wollte. Ohne diesen polizeiüblichen bösen „du-Früchtchen- Blick“ lächelte sie auch noch bei meinem Wunsch, in Auerbachs Keller[10] gleich hinter uns in der Mädler Passage zu gehen. Da wurde doch der Hund in der Pfanne verrückt. Sanft aber bestimmt sich bei mir einhakend steuerte sie mit mir das Kellerlokal an.

In dieser Umgebung, wo ich schon des öfteren mit Offizieren diverse Geschäftsabschlüsse gefeiert hatte, fühlte ich mich besonders wohl. Ich fand es in dem Lokal besonders anhei­melnd. Wusste ich doch, dass schon Goethe hier gesessen und an seinem Faust geschrieben hatte.[11] Trotz meiner geringen Größe und meines Alters war ich doch bereits empfänglich, was die Schönheit einer Frau betraf. Diese Frau, deren Namen ich aus verständlichen Gründen nicht nennen möchte, faszinierte mich. Erstens weil sie eine Schönheit ausstrahlte, die mich in ihren Bann zog, zweitens weil die Frau mit mir zu reden verstand, mich als vollwertigen Men­schen behandelte. Ich wollte ihr Budget nicht strapa­zieren, ich hatte ja immerhin in der letzten Zeit wirklich gute Geschäfte abgeschlossen. Auch an diesem Tage schon vor meiner Fest­nahme. Mit hochgezogener Augenbraue, unnachahm­lich wie sie das machte, warf sie mir einen prüfenden Blick zu, und erklärte sich schließlich bereit, sich von mir einladen zu lassen. Ich ließ so ziemlich das Beste auffahren, was das Restaurant zu bieten hatte. Bald schon, so glaubte ich, würde ich mich wieder mit der eintönigen Heimkost begnügen müssen. Also feierte ich ganz legal meine erneute Verhaftung mit einer für meine Begriffe hübschen Frau.

Wie? Noch nie etwas von einem Mini-Playboy gehört? Mit Galgenhumor sagte ich ihr, dass dies wohl wieder einmal meine Henkersmahlzeit sein würde, bevor es wieder an den Einheits­fraß in irgendeinem Heim ging. Da legte dieses Wesen von einer Frau mir doch, wie ich es später noch oft in Filmen sehen sollte, eine Hand auf die meine: „Es wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Mischa! Es ist richtig, dass wir dich gesucht haben, aber wir haben dennoch ein Problem mit dir. Wir können vorerst kein Heim für dich finden, welches bereit wäre dich aufzunehmen!“ Na, dass war doch mal eine gute Nachricht, schoss es mir durch den Kopf. „Frei rumlaufen, bzw. bei deiner Mutter, die offensichtlich keine Macht über dich Rumtreiber ausüben kann, können wir dich aber auch nicht lassen!“ schickte sie aller­dings gleich einen Dämpfer hinterher. So jetzt kam wohl auch gleich der Pferdefuß zum Vor­schein. Ich schluckte. Ich muss gestehen, mir wurden die Augen feucht. Sie müssen wissen, dass ich trotz des widersprüchlichen Lebens eine sensible Ader habe. Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

Nur selten, dass man mich sprachlos erlebte. Der Frosch in meinem Hals war diesmal schuld daran. Die Frau verstand es, auf meine Stimmung einzugehen. Sie ließ mir etwas Zeit bevor sie fortfuhr. Wie sie so meine Hand in der ihren hielt und mit dem Daumen meinen Hand­rücken streichelte, ging es mir bald wieder besser. Nur mein Herzklopfen blieb. Woher dieses Herzklopfen herrührte? Weiß der Teufel. Mephisto möge mir verzeihen. Dieser stand ja gleich vor dem Abgang zu diesem Restaurant. Allerdings nur in Bronze.[12] Aber wer konnte schon wissen … wenn man den Teufel anrief?!

Die Frau erklärte mich für verrückt, als ich ihr meinen Wunsch, mein Bedürfnis vortrug. Als Erwachsene, erst recht als Polizistin, hatte sie strickt etwas dagegen zu haben. Als Mensch aber, der sich in meine Lage versetzen konnte, drückte sie ein, nein beide Augen des Gesetzes zu. Sie selbst orderte beim Ober. Als dieser das Glas brachte, stürzte ich die 100 Gramm Wodka in einem Zuge, wie ich es bei den Russen gelernt hatte, hinunter. Ein anerkennender Blick meines Gegenübers ging mir durch Mark und Bein. Oder war es doch nur der Wodka, der heiß durch meine Adern floss? Stilgerecht stopfte ich zwar gleich ein Stück Weißbrot hinter­her, welches angeblich den Alkohol aufsaugen sollte damit er nicht so schnell ins Blut über­ging, wie man mir beigebracht hatte. „Ich verstehe gar nicht, warum du so aufgeregt bist. Du hast doch gar keine Veranlassung dazu. Hör doch erstmal, was ich dir zu sagen habe,“ beruhigte sie mich, als gerade der Hauptgang – Wildschweinkeule mit Preiselbeeren serviert wurde[13]. Ein zünftiger Rotwein gehörte natürlich zu solch einem Essen. Was auch von der Polizistin akzeptiert wurde. Schade, dass sie während des Essens ihre Hand von der meinen nehmen musste. Diese Geste hatte so ein nie dagewesenes angenehmes Gefühl in mir erzeugt. Schon vor dem Wodka war es mir dabei ganz warm ums Herz geworden. Keineswegs mit der tröstenden Hand meiner Mutter zu vergleichen. Nein. Ein ganz anderes Gefühl hatte mich dabei beschlichen. Das vorhergegangene Forellenfilet – in Auerbachs Keller und der Messestadt Leipzig gab es so etwas! – hatte den Hunger gerade mal so eben angekratzt. Jetzt während mein Gebiss dem Wildschwein den Garaus machte und sich mein Magen zu füllen begann (bei vollem Magen verhandelt es sich bekanntlich besser), kam die Frau mit ihrem Vorschlag heraus, den sie mir zu machen hatte. „Mischa, ich habe schon mit meinem Mann gesprochen, er ist übrigens auch bei der Polizei, („Aha!“) und wir haben uns folgendes überlegt …

Fußnoten

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Diener_zweier_Herren

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Egmont_(Goethe)

[3] Wer’s nicht mehr kennt, so sahen die aus:        strasenbahnertasche

[4] Nationale Volksarmee https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[5] Abschnittsbevollmächtigter https://de.wikipedia.org/wiki/Abschnittsbevollm%C3%A4chtigter

[6] Stimmt. „Die Nationale Volksarmee (NVA) war von 1956 bis 1990 die Streitkraft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Volksarmee

[7] „Die Kasernierte Volkspolizei (KVP) war der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kasernierte_Volkspolizei

[8] Hier nur im Sinne von „sich herumtreiben“ http://umgangssprache_de.deacademic.com/26403/Trebe

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/James_Cook

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller

[11] Faust, In Auerbachs Keller: Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Auerbachs_Keller#/media/File:Auerbachs_Keller_Bronzegruppe_Faust.jpg

[13] Schulz: (hatte ich aus Rache für die Jagd bestellt, welche seine Verwandtschaft auf mich veranstaltet hatte, als ich sie vom Kartoffelacker vertreiben wollte.)

 

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

 

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

 

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

 Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

 Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/

04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/

PDF: 05-von-heim-zu-heim

 Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/

06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

 Kapitel 7, Lockender Westen

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/

PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser.

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/

PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/

PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/

PDF: 10-bambule

 Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/

PDF: 11-losgelost-von-der-erde

 Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/

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Wie geht es weiter?

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg

 

Eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad[1]?

Posted in BRD, DDR, Deutschland, Ethik, Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kriminologie, Moral, Nazivergangenheit, Politik, Recht, Staat by dierkschaefer on 24. Januar 2017

5994581396_39271a619f_mDa es inzwischen auch Richter gibt, die das für gut halten[2], da schon länger der Verdacht besteht, dass nicht alle unsere Institutionen auf allen Ebenen den gesetzlichen Vorgaben gemäß funktionieren[3]und angesichts der angeschwollenen Zahl von Unterstützern nazi-verwandter Parolen[4], scheint es mir „zeitgemäß“, an die Aufgaben unserer Institutionen zu erinnern. Beispielhaft sei hier die Polizei genannt, die auch nicht durchgängig sicher ist vor manchen Nazi-Denkmustern. Wir brauchen aber eine durchgängig demokratisch gesinnte Polizei für den Schutz unserer Grundrechte.

Darum sei hier eine Vereidigungsansprache aus dem Jahre 1992 wiedergegeben.

 

Bereitschaftspolizei Biberach

Vereidigung – 8. Mai 1992

Wir haben heute den 8. Mai. Heute vor 47 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Nach diesem Tag sind in anderen Ländern Europas Straßen und Plätze benannt. Dieser Tag bedeu­tete Sieg und Befreiung für die einen und Niederlage für die anderen. Manche haben bis heute nicht verstanden, daß auch für die Verlierer die Niederlage zugleich eine Befreiung sein kann. Es war die Befreiung von einem Regime, das seine Beamten mit einem Treueid auf den Füh­rer verpflichtete. Beamte wurden nach dem Deutschen Beamtengesetz vom 26. Januar 1937 vom Führer ernannt, damit sie den Willen des von der NSDAP getragenen Staates in rück­sichtslosem Einsatz und äußerster Pflichterfüllung vollstreckten. Beamter konnte nur werden, wer Reichsdeutscher und deutschen oder artverwandten Blutes war (soweit verheiratet, galt das auch für den Ehepartner). Wir wissen, wohin rücksichtsloser Einsatz und äußerste Pflicht­erfüllung geführt haben. Auch die Polizei des Deutschen Reiches hat ihre so verstandene Pflicht erfüllt, nachdem man in den Anfangsjahren des Nazi-Terrors demokratisch gesinnte Beamte aus dem Dienst entfernt und braune Hilfstruppen mit Polizeiaufgaben betraut hatte. Es scheint mir nötig, an diese Zusammenhänge zu erinnern, nachdem braunes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Progromen bei uns zulande wieder Auftrieb haben.

Wir sind gerade Zeitzeugen, wie ein anderes Unrechtsregime auf deutschem Boden sein Ende gefunden hat. Dort wurden die Polizisten vereidigt auf das sozialistische Vaterland und seine Regierung. Sie versprachen treue Ergebenheit bis hin zum Bruch der geschriebenen Gesetze, denn die Parteiräson hatte Vorrang. Die juristische Aufarbeitung des roten Unrechts wird, wie es scheint, schneller und effektiver vorangetrieben, als die des braunen. Die unkomplizierte Übernahme von Beamten, die nach ’45 die Regel war, ist unseren umständlichen Prozeduren gewichen, die wenig darauf Rücksicht nehmen, daß Menschen nach dem Niedergang eines Systems, das sie geprägt hat und für das sie gelebt haben, nur dann diese Niederlage akzep­tieren können, wenn man ihnen eine lebenswerte Zukunft eröffnet. Doch bei allen persön­lichen Härten hat dieses Verfahren auch sein Gutes. Wir dürfen es allerdings nicht nur benut­zen, um dem ideologischen Gegner in Siegerpose unseren Stiefel aufs Haupt zu setzen. Wenn unser System lediglich produktiver war als die Kommandowirtschaft, dann berechtigt uns das noch lange nicht zu rechtlich-moralischer Überheblichkeit, ganz abgesehen davon, daß wir nicht wissen können, wie wir selber uns in einem System bewährt hätten, das seine Menschen total in den sozialistischen Anspruch nahm. Solche Systeme sind allemal ein gutes Beispiel für die Verführbarkeit des Menschen und über die wollen wir heute, am Tag Ihrer Vereidi­gung, nachdenken. Eine Eidesleistung unter Berufung auf die höchsten Werte, die eine Gesell­schaft wie auch der einzelne, der den Eid ablegt, erkennt, ist ja immer eine Ver­pflich­tung, eine Gewissensbindung, eine Impfung gegen die Versuchung, solche Werte zugunsten von persönlichen Vorteilen finanzieller und emotionaler Art mit Füßen zu treten.

Wenn wir uns das einmal anhand der beiden genannten Beispiele aus der deutschen Geschichte betrachten, dann wird eines ganz deutlich: Das ganz große Unrecht ist selten oder nie von der Verfassung oder den Gesetzen abgedeckt. Die Nazi-Diktatur machte zwar von Rechts wegen einen Unterschied zwischen arischen und nichtarischen Staatsangehörigen, doch es gab meines Wissens kein Gesetz, das die Mißhandlung oder gar Tötung von Juden und anderen als Schädlinge betrachteten Menschen erlaubt hätte. Alle Beamten, die im Dritten Reich vereidigt wurden, konnten sich bei diesem Unrecht nicht auf einen Treueid berufen, der sie zu diesem Tun verpflichtet hätte. Doch muß man einräumen, daß die Ver­pflichtung auf einen Führer und eine Partei alle möglichen Entwicklungen ermöglichte. Dies konnte bei der fatalen Neigung der meisten Menschen zu bedingungslosem Gehorsam, soweit es sie selbst nichts kostet, von den Machthabern entsprechend ausgenutzt werden. In der roten Diktatur waren die Dinge schon etwas schwieriger. Hier lag bei der Vereidigung die Beto­nung ganz deutlich auf der sozialistischen Rechtsordnung, wenn auch die Regierung mitge­nannt wurde. Die Partei blieb beim Eid außen vor. Unrecht war hier kaum rechtlich gedeckt. Zwar wissen wir, daß Ulbricht persönlich Todesurteile schon vor dem Gerichtsver­fahren ver­fügt hatte, doch stehen wir generell vor die Schwierigkeit, daß die Rechtsverlet­zungen, die Mißachtung des geschriebenen Rechts eher beim Vollzug als bei den die Politik bestimmen­den Personen nachgewiesen werden kann. Die Verführung zu praktikablen Gesetzesverstößen geschah weiter unten: Grenzsoldaten wurden bei der Schießausbildung instruiert, daß natür­lich Warnschüsse vorgeschrieben seien, man aber notfalls auch den zweiten oder dritten Schuß als Warnschuß ausgeben könne, es müsse nur die Zahl der verschossenen Patronen stimmen. Die ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartung, zugunsten der Interessen dieses Staates das Recht zu brechen, wurde meist erfüllt und das Gift dieses Unrechts hat den Staat zersetzt, wir nehmen es heute mit Erschrecken wahr.

Sie werden heute auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg vereidigt. Die Verführung, diesen Eid zu verletzen, liegt in unserem Staat eher in der Person des Vereidigten selbst. Die Erwartung zu ungesetzlichem Handeln wird an Sie wohl nicht herangetragen werden – und wenn doch (man weiß ja nie, was in den vor Ihnen liegenden mehr als vierzig Dienstjahren alles auf Sie zukommt), wenn man eines Tages doch einmal will, daß Sie Ungesetzliches tun, dann sagen Sie Nein! Und berufen sich auf Ihren Eid, den Sie heute schwören. Dazu braucht es Mut und eine gefestigte Persönlichkeit. Doch die brauchen Sie schon, um gegen die Versuchungen des kleinen Unrechts gewappnet zu sein. Dem Unrecht, das Ihrer Bequemlichkeit oder Ihren Vorurteilen entgegenkommt. Im Klartext: Wer betont langsam zum Einsatz fährt, nur weil der Hilferuf aus einer Asylbewerber­unter­kunft kommt, und er ohnehin der Meinung ist, daß Asylbewerber raus gehören, der praktiziert Unrecht und bricht seinen Eid. Wer auf einen festzunehmenden Bürger mehr als notwendig einschlägt, wir alle haben das Video aus Los Angeles gesehen, der hat seine eigene Men­schen­­würde preisgegeben und sich mit Folterern und Totschlägern auf eine Stufe gestellt. Aber wer den Bürger gegen Übergriffe schützt und ihm den gesetzlichen Bewegungs­spiel­raum verschafft, den wir Innere Sicherheit nennen, der befindet sich auf dem Wege des Rechts, gebe Gott, daß es auch der Weg zur Gerechtigkeit ist.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihren Lebensweg.

Gott möge Sie leiten und schützen.

Er bewahre Sie vor Überheblichkeit

und gebe Ihnen Mut, Ausdauer und Weisheit, dem Unrecht zu wehren.

Dierk Schäfer                                                                                    Biberach, den 8. Mai 1992

 

Und da wir gerade beim Jahr 1992 sind: Mein Rückblick im Weihnachtsgruß an die Polizei in meinem Aufgabenbereich fiel entsprechend aus: [zum Vergrößern: Strg + drücken oder ansehen bei: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8136579421/ + https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8136616464/ ]

asylrechtsänderung 1992, Weihnachtsbrief vor 20 Jahren

asylrechtsänderung 1992, Weihnachtsbrief vor 20 Jahren

Fußnoten

[1] „Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“ http://www.zeit.de/news/2017-01/18/parteien-die-hoecke-rede-von-dresden-in-wortlaut-auszuegen-18171207

[2] https://www.welt.de/politik/deutschland/article161318995/Dresdner-Richter-preist-oeffentlich-die-NPD-und-Hoecke.html

[3] https://www.heise.de/tp/features/Gestern-NSU-heute-Amri-3604524.html

[4] Sie rief „in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundestagswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen“. http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-rede-in-dresden-afd-spitze-ruegt-hoecke-aber-kein-parteiausschluss/19289098.html

photo: dierk schäfer

Wie weit rechts stehen manche Polizeibeamte?

Die Aktualität einer Vereidigungsansprache von 1992.

»Auch gab es in der Vergangenheit immer wieder Berichte über die Nähe von einzelnen sächsischen Polizisten zur rechten Szene. So wurden insbesondere im Raum Leipzig im vergangenen Jahr mehrere solcher Verdachtsfälle bekannt.«[1]

Es hat wohl nichts mit dem „gottlosen“ Osten zu tun. Auch bin ich nicht der Meinung, dass Vereidigungsansprachen von Polizeipfarrern jeden Polizisten von rechtswidrigem Tun abhalten. Dennoch, als ich in mein Archiv neu ordnete, sah ich, dass meine Ansprache von 1992 noch aktuell ist, leider.

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Bereitschaftspolizei Biberach

Vereidigung – 8. Mai 1992

Wir haben heute den 8. Mai. Heute vor 47 Jahren war der zweite Weltkrieg zu Ende. Nach diesem Tag sind in anderen Ländern Europas Straßen und Plätze benannt. Dieser Tag bedeutete Sieg und Befreiung für die einen und Niederlage für die anderen. Manche haben bis heute nicht verstanden, daß auch für die Verlierer die Niederlage zugleich eine Befreiung sein kann. Es war die Befreiung von einem Regime, das seine Beamten mit einem Treueid auf den Führer verpflichtete. Beamte wurden nach dem Deutschen Beamtengesetz vom 26. Januar 1937 vom Führer ernannt, damit sie den Willen des von der NSDAP getragenen Staates in rücksichtslosem Einsatz und äußerster Pflichterfüllung vollstreckten. Beamter konnte nur werden, wer Reichsdeutscher und deutschen oder artverwandten Blutes war (soweit verheiratet, galt das auch für den Ehepartner). Wir wissen, wohin rücksichtsloser Einsatz und äußerste Pflichterfüllung geführt haben. Auch die Polizei des Deutschen Reiches hat ihre so verstandene Pflicht erfüllt, nachdem man in den Anfangsjahren des Nazi-Terrors demokratisch gesinnte Beamte aus dem Dienst entfernt und braune Hilfstruppen mit Polizeiaufgaben betraut hatte. Es scheint mir nötig, an diese Zusammenhänge zu erinnern, nachdem braunes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Progromen bei uns zulande wieder Auftrieb haben.

Wir sind gerade Zeitzeugen, wie ein anderes Unrechtsregime auf deutschem Boden sein Ende gefunden hat. Dort wurden die Polizisten vereidigt auf das sozialistische Vaterland und seine Regierung. Sie versprachen treue Ergebenheit bis hin zum Bruch der geschriebenen Gesetze, denn die Parteiräson hatte Vorrang. Die juristische Aufarbeitung des roten Unrechts wird, wie es scheint, schneller und effektiver vorangetrieben, als die des braunen. Die unkomplizierte Übernahme von Beamten, die nach ’45 die Regel war, ist unseren umständlichen Prozeduren gewichen, die wenig darauf Rücksicht nehmen, daß Menschen nach dem Niedergang eines Systems, das sie geprägt hat und für das sie gelebt haben, nur dann diese Niederlage akzeptieren können, wenn man ihnen eine lebenswerte Zukunft eröffnet. Doch bei allen persönlichen Härten hat dieses Verfahren auch sein Gutes. Wir dürfen es allerdings nicht nur benutzen, um dem ideologischen Gegner in Siegerpose unseren Stiefel aufs Haupt zu setzen. Wenn unser System lediglich produktiver war als die Kommandowirtschaft, dann berechtigt uns das noch lange nicht zu rechtlich-moralischer Überheblichkeit, ganz abgesehen davon, daß wir nicht wissen können, wie wir selber uns in einem System bewährt hätten, das seine Menschen total in den sozialistischen Anspruch nahm. Solche Systeme sind allemal ein gutes Beispiel für die Verführbarkeit des Menschen und über die wollen wir heute, am Tag Ihrer Vereidigung, nachdenken. Eine Eidesleistung unter Berufung auf die höchsten Werte, die eine Gesellschaft wie auch der einzelne, der den Eid ablegt, erkennt, ist ja immer eine Verpflichtung, eine Gewissensbindung, eine Impfung gegen die Versuchung, solche Werte zugunsten von persönlichen Vorteilen finanzieller und emotionaler Art mit Füßen zu treten.

Wenn wir uns das einmal anhand der beiden genannten Beispiele aus der deutschen Geschichte betrachten, dann wird eines ganz deutlich: Das ganz große Unrecht ist selten oder nie von der Verfassung oder den Gesetzen abgedeckt. Die Nazi-Diktatur machte zwar von Rechts wegen einen Unterschied zwischen arischen und nichtarischen Staatsangehörigen, doch es gab meines Wissens kein Gesetz, das die Mißhandlung oder gar Tötung von Juden und anderen als Schädlinge betrachteten Menschen erlaubt hätte. Alle Beamten, die im Dritten Reich vereidigt wurden, konnten sich bei diesem Unrecht nicht auf einen Treueid berufen, der sie zu diesem Tun verpflichtet hätte. Doch muß man einräumen, daß die Verpflichtung auf einen Führer und eine Partei alle möglichen Entwicklungen ermöglichte. Dies konnte bei der fatalen Neigung der meisten Menschen zu bedingungslosem Gehorsam, soweit es sie selbst nichts kostet, von den Machthabern entsprechend ausgenutzt werden. In der roten Diktatur waren die Dinge schon etwas schwieriger. Hier lag bei der Vereidigung die Betonung ganz deutlich auf der sozialistischen Rechtsordnung, wenn auch die Regierung mitgenannt wurde. Die Partei blieb beim Eid außen vor. Unrecht war hier kaum rechtlich gedeckt. Zwar wissen wir, daß Ulbricht persönlich Todesurteile schon vor dem Gerichtsver­fahren verfügt hatte, doch stehen wir generell vor die Schwierigkeit, daß die Rechtsverlet­zungen, die Mißachtung des geschriebenen Rechts eher beim Vollzug als bei den die Politik bestimmenden Personen nachgewiesen werden kann. Die Verführung zu praktikablen Gesetzesverstößen geschah weiter unten: Grenzsoldaten wurden bei der Schießausbildung instruiert, daß natürlich Warnschüsse vorgeschrieben seien, man aber notfalls auch den zweiten oder dritten Schuß als Warnschuß ausgeben könne, es müsse nur die Zahl der verschossenen Patronen stimmen. Die ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartung, zugunsten der Interessen dieses Staates das Recht zu brechen, wurde meist erfüllt und das Gift dieses Unrechts hat den Staat zersetzt, wir nehmen es heute mit Erschrecken wahr.

Sie werden heute auf die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg vereidigt. Die Verführung, diesen Eid zu verletzen, liegt in unserem Staat eher in der Person des Vereidigten selbst. Die Erwartung zu ungesetzlichem Handeln wird an Sie wohl nicht herangetragen werden – und wenn doch (man weiß ja nie, was in den vor Ihnen liegenden mehr als vierzig Dienstjahren alles auf Sie zukommt), wenn man eines Tages doch einmal will, daß Sie Ungesetzliches tun, dann sagen Sie Nein! Und berufen sich auf Ihren Eid, den Sie heute schwören. Dazu braucht es Mut und eine gefestigte Persönlichkeit. Doch die brauchen Sie schon, um gegen die Versuchungen des kleinen Unrechts gewappnet zu sein. Dem Unrecht, das Ihrer Bequemlichkeit oder Ihren Vorurteilen entgegenkommt. Im Klartext: Wer betont langsam zum Einsatz fährt, nur weil der Hilferuf aus einer Asylbewerber­unter­kunft kommt, und er ohnehin der Meinung ist, daß Asylbewerber raus gehören, der praktiziert Unrecht und bricht seinen Eid. Wer auf einen festzunehmenden Bürger mehr als notwendig einschlägt, wir alle haben das Video aus Los Angeles gesehen, der hat seine eigene Menschen­würde preisgegeben und sich mit Folterern und Totschlägern auf eine Stufe gestellt. Aber wer den Bürger gegen Übergriffe schützt und ihm den gesetzlichen Bewegungs­spielraum verschafft, den wir Innere Sicherheit nennen, der befindet sich auf dem Wege des Rechts, gebe Gott, daß es auch der Weg zur Gerechtigkeit ist.

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihren Lebensweg.

Gott möge Sie leiten und schützen.

Er bewahre Sie vor Überheblichkeit

und gebe Ihnen Mut, Ausdauer und Weisheit, dem Unrecht zu wehren.

Biberach, den 8. Mai 1992

[1] http://www.huffingtonpost.de/2016/06/20/sachsische-polizei-soll-einen-jungen-fluchtling-schickaniert-haben_n_10555774.html

Thomas Hetze, Leiter der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz: „An alle: Habt keine Angst vor der Obrigkeit!

Posted in Deutschland, Gesellschaft, Kriminalität, Kriminologie, Kultur, Politik, Psychologie, Staat by dierkschaefer on 21. Februar 2016

„An alle: Habt keine Angst vor der Obrigkeit! Sagt, was ihr denkt und tut, was ihr sagt.“[1]

Wenn man schon Hetze heißt, muss man seinem Namen alle Ehre erweisen. Doch Hetze ist nicht die einzige Fehlbesetzung im Fall #Clausnitz.

Da gibt es noch den Chemnitzer Polizeipräsidenten Uwe Reißmann. Nein, nicht noch einmal etwas über Familiennamen, obwohl auch der es nicht reißt.

Reißmann sagte am Samstag, »bei drei Flüchtlingen sei es zum Einsatz von einfachem unmittelbaren Zwang gekommen. Dieser sei „absolut notwendig“ und „verhältnismäßig“ gewesen. Reißmann betonte, Flüchtlinge hätten aus dem Bus heraus provozierende Gesten gemacht. „Aus meiner Sicht gibt es für das Vorgehen der Polizei keinerlei Konsequenzen“«[2]. Den Quellen nach war die Brisanz der Situation vorhersehbar – wohl auch für die Polizei. Die Flüchtlinge, noch im Bus, wurden von einer aufgebrachten Menge empfangen. Wer das Video gesehen hat, kann die Situation verstehen. „Wir sind das Volk“, rief der Pöbel und umringte den Bus. Reißmann dazu: »Die Flüchtlinge hätten sich auch „nach intensiven Verhandlungen“ mit einem Dolmetscher nicht dazu bewegen lassen, den Bus zu verlassen. … Polizisten hatten am Donnerstagabend einige Flüchtlinge mit Gewalt aus einem Bus gezerrt, der die Asylsuchenden zu einer Unterkunft in Clausnitz gebracht hatte. Anders hätte die Situation nicht bewältigt werden können, sagte Reißmann. Ein Junge habe den Mittelfinger gezeigt. Die Beamten hätten befürchtet, dass sich die Situation durch diese und andere provozierende Gesten aufschaukele und in Gewalt entlade. „Wir hatten befürchtet, dass aus Menschenmenge Steine oder Böller in Richtung des Busses geworfen werden“, sagte Reißmann«.[3]

Die Gefahr der Eskalation ging also eindeutig vom Stinkefinger eines Flüchtlingsjungen aus. Da musste die Polizei schützend eingreifen und die Flüchtlinge aus dem Bus zerren und ins Heim schubsen, durch den grölenden rechten Pöbel hindurch, wohl in die Arme eines Unterkunftsleiters mit Namen Hetze, der auch aufgehetzt hatte.

Ich war 15 Jahre als Polizeipfarrer und nebenbei auch als Polizeipsychologe tätig und habe Einsatzerfahrung. Warum frage ich, ist nicht ein Beamter, bevor der Bus in die Straße einbog, auf den Beifahrersitz gestiegen und hat den Busfahrer veranlasst, noch etwas durch den Landkreis zu fahren, damit die Polizei nach Personalverstärkung die unangemeldete, allerdings vorhersehbare Demonstration der Flüchtlingsgegner auflöst bzw. so weit abdrängt, dass die Flüchtlinge schließlich den Bus vor der Unterkunft hätten verlassen können ohne durch die anscheinend typisch sächsische Willkommenskultur bedroht zu werden? Der verantwortliche Einsatzführer hat sich dienstrechtlich zu verantworten und ein Polizei­präsident, der einen solchen Einsatz – sorry: dermaßen dämlich – rechtfertigt, gehört suspendiert.

Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt man. Dazu wird man noch weiter nach oben schauen müssen.

»Marian Wendt aus dem Wahlkreis Nordsachsen rund um die Kreisstadt Torgau. Der 30-jährige CDU-Politiker nannte es „engstirnig und ideologisch verbrämt“, im Zusammenhang mit politischer Gewalt und Hass den Blick nur nach rechts zu richten. Es gebe in Deutschland auch viele linksextremistische Gewalttaten. Dann warb er für den Dialog mit Pegida: Man dürfe Menschen nicht pauschal für ihre Gedanken verurteilen. „Wir müssen mit ihnen sprechen. (…) Die Menschen haben Fragen, und diese Fragen müssen wir beantworten. Die Frage ist doch: Warum gehen die Menschen zu Pegida und nicht zur CDU?“[4]

Dies ist offenbar auch die Grundhaltung der Landesregierung von CDU und SPD unter Ministerpräsident und Regierungschef Stanislaw Tillich/CDU. Sie tut wenig bis nichts gegen rechte Gewalt. So versteht sie Artikel 3 Absatz 1 der sächsischen Verfassung, nach der alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Sie tut recht(s) daran, damit der Pöbel bei der nächsten Wahl wieder CDU wählt und nicht die AfD. Dann hätte der Pöbel nach toleriertem Griff zur Gewalt auch vollends die Macht ergriffen – Einfluss hat er ja schon hinreichend, wie man an der sächsischen CDU sieht. Ochlokratie[5] nennt man das, wohl nicht erst dann.

 

[1] http://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenhass-in-deutschland-warum-clausnitz-uns-alle-angeht/12991914.html

[2] http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-protest-in-clausnitz-polizei-zwang-gegen-fluechtlinge-absolut-notwendig/12992394.html

[3] Anmerkung 2

[4] http://www.tagesspiegel.de/politik/fremdenhass-in-deutschland-warum-clausnitz-uns-alle-angeht/12991914.html

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Ochlokratie

Statistiken müssen nicht lügen, um in die Irre zu führen.

Posted in Kriminalität, Kriminologie, Soziologie by dierkschaefer on 28. Mai 2015

Die Polizei arbeitet mit der Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ), also täterzentriert. Das ist einerseits korrekt.[1] Auch die Opferzahlen werden deutlich, nicht aber die reale Größe von Anstieg oder Rückgang. So weist die polizeiliche Kriminalstatistik ein nur scheinbares Sinken von Kindesmisshandlungen aus und berücksichtigt nicht, dass durch den Geburtenrückgang die Zahl der möglicherweise misshandelten Kinder zurückgegangen ist. Legt man die absolute Zahl von Kindern zugrunde, hat jedoch das Delikt der Kindesmisshandlung zugenommen.[2] Auch das sollte in der Statistik ausdrücklich auftauchen. [1] Die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) – bis 1983 Kriminalitätsbelastungszahl (KBZ) – ist eine Häufigkeitszahl in der Kriminologie. Sie bezeichnet die Zahl der durch die Polizei ermittelten Tatverdächtigen, errechnet auf 100.000 Einwohner des entsprechenden Bevölkerungsanteiles, ohne Kinder unter acht Jahren, für ein bestimmtes Jahr (Stichtag 1. Januar).Die TVBZ macht sichtbar, welche Bevölkerungsgruppen (z.B. Altersgruppen) häufiger oder weniger häufig tatverdächtig werden. http://de.wikipedia.org/wiki/Tatverd%C3%A4chtigenbelastungszahl [2] http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2015/05/interview-rechtsmediziner-michael-tsokos-deutschland-misshandelt.html

Nachtrag: http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2015-05/kindesmisshandlung-statistik-gewalt-tsokos