Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXVI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

           die keine Kindheit war.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Mordanklage

Wie gesagt, mein Dienstplan lag auch in Kopie immer in der Wohnung herum. Danach richtete sich meine Frau, wenn sie ihren Lover kommen ließ. Dass ich mal außerplanmäßig auftauchen könnte, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Ich fuhr mit dem Fahrstuhl in die 14te Etage, schloss die Wohnungstüre auf. Ich sah ein wenig Licht zum Flur hin vom Wohnzimmer durch das geriffelte Glas in der Türe fallen. Vom Wohnzimmer ging es direkt ins Schlafzimmer. In der Zwischentüre war eine Milch­glasscheibe angebracht. Von dort kam die Lichtquelle. Sie wird wohl noch lesen, dachte ich. Es war ja auch noch relativ früh.

Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper.

Pustekuchen. Von wegen, sie las ein Buch! Sie ließ es sich nach allen Regeln der Kunst besorgen. Zwischen ihren weißen, weit gespreizten Schenkeln lag ein pechschwarzer Männerkörper. Erst als meine Frau zu sprechen anfing, merkte der Actionheld, dass irgendetwas nicht stimmte, lag er doch mit von der Türe abgewandtem Gesicht auf meiner Frau. Unverfroren forderte mich mein holdes Weib auf: „Geh in die Küche und warte bis wir fertig sind, dann bekommst du eine Erklärung!“

Noch bevor ich diese Frechheit verdauen konnte, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen.

Der Bimbo[1] zeigte sich sehr erbost darüber, in seiner schönen Beschäftigung gestört worden zu sein. Sprang der doch samt seiner Lanze aus dem Bett und auf mich zu. Obwohl er hätte wissen müs­sen, es hier mit einer verheirateten Frau zu tun zu haben, versuchte er den rechtsmäßigen Mann aus dem Weg zu räumen. Nicht nur die diversen Schlägereien im Heim, auf der Straße und Hafen­kneipen hatten mich zu kämpfen gelehrt. Schließlich hatte ich ja noch eine Spezialausbildung vom Staat finanziert beim Bund erhalten. Meine Schmerzen im linken Fuß nahm ich überhaupt nicht mehr wahr. Zunächst einmal war ich nur damit beschäftigt seinen Schlägen auszuweichen. Dabei war ich schon ins Wohnzimmer ausgewichen und hatte die offene Balkontüre gesehen. Damit der Bimbo mir nicht die gesamten Möbel zerschlagen konnte, ein Regal hatte er schon demoliert, wich ich auch noch auf den völlig leeren Balkon aus. Verdammt noch mal, auch der Kerl schien mit Adrenalin vollgepumpt zu sein. Meine Handkantenschläge sowie meine zielsicher angebrachten Fingerspitzenattacken auf seinen Solarplexus zeigten keinerlei Wirkung. Meine Handknöchel began­nen schon zu schmerzen, abgesehen davon, dass mir das Blut aus der Nase in den Mund floss.

14 Etagen reichten nicht, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Dann schoss mir ein Ratschlag in den Kopf, den ich mal bei einer geselligen Runde mit mei­nen Schiffskameraden aufgeschnappt hatte. „Hast du mal Ärger mit einem Neger, versuche es erst gar nicht, ihn mit der Faust k. o. zu schlagen. Warum sind die meisten Boxweltmeister wohl N ..? Die haben eine ganz andere Schädelstruktur. Soll ich euch mal sagen, wo die Typen empfindlich sind?“ Was der erfahrene Seemann damals ausgeplaudert hatte, fiel mir jetzt ein. Der Kerl schwitzte nicht alleine von seiner schweren Arbeit auf meiner Frau. Es war dazu auch noch eine heiße August­nacht. Hinzu kam noch der heiße Kampf zwischen uns beiden, dass er regelrecht zu stinken begann. Versuchte er doch auch, mich mit seinen Armen zu umklammern. Ich stand ohne­hin nicht auf Kerle, also musste ich jetzt was tun. Mit dem Seitenrist meiner Lederschuhsohle holte ich kräftig aus und trat ihm ordentlich vors Schienbein. Sein Schrei klang wie der Beginn eines Kriegstanzes. Über den Beginn kam er allerdings nicht hinaus. Er stellte einen Weltrekord im Hochsprung auf. Das war das letzte, was er in diesem Leben tat. Er hüpfte doch tatsächlich mit diesem Hochsprungrekord direkt ins Nirwana. Wenn er denn dorthin gehörte. Die Evolutionszeit bis zum Aufschlag 14 Etagen tiefer reichte nicht aus, aus ihm einen flugfähigen Menschen zu machen.

Gruppensex?

Einige Leute im Haus hatten zu der Zeit schon Telefonanschluß. Deshalb war die Polizei mit dem Arzt auch so schnell vor Ort. Meinem geschwollenen Bein wurde keinerlei Beachtung geschenkt. Dafür bekam ich ein paar ziemlich eng anliegende Handschellen angelegt. Meine Frau, wohl ahnend, dass auch ihre zweite Ehe nicht mehr zu kitten war, behauptete der Polizei gegenüber doch allen Ernstes, dass wir Gruppensex gemacht hätten und ich den schwächsten Moment des Kerls ausgenutzt hätte, um ihn vom Balkon zu stoßen, weil ich es nicht hätte ertragen können, dass sie auch bei dem Kerl da unten Gefühle gezeigt hätte. Ihre Aussage bekräftigte sie dann auch noch damit, dass ich auf Gruppensex stehen würde, indem sie die damals in Deutschland noch verbote­nen Pornohefte hervorholte, die ich mir während der Seefahrtszeit in Schweden und/oder in Dänemark gekauft hatte. Das alles genügte, um mich gleich in U-Haft zu stecken. Schon am nächsten Morgen eröffnete mir der Untersuchungsrichter, dass eine Mordanklage gegen mich vorliegt und ich deshalb in Untersuchungshaft verbleiben würde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das ganze Geschehen der vergangenen Nacht noch gar nicht richtig realisiert in meinem Hirn. In den letzten Stunden in der Polizeizelle hatte ich immer versucht, das Geschehene aufzuarbeiten. Es gelang mir aber nicht. Meine Gedanken schienen neben meinem Körper zu schweben, ohne dass ich sie zu fassen bekam. Ich stand einfach neben mir. Immer wenn ich mich fragte, warum meine Frau nur diese infame Lüge der Polizei gegenüber vorgebracht hatte. Und da setzte es bei mir auch schon aus. So als hätte ich Watte in meinem Gehörgang vernahm ich, was man mir vorwarf und ließ mich anschließend mit weichgewordenen Knien abführen. Es ging direkt zur Krümmede 3. Im Unterbewusstsein nahm ich das Haus Nummer 8 wahr. Dort lebten meine Schwiegereltern, wo wir häufig zu Besuch waren. Links von der Haupteinfahrt zum Knast war eine Wohnsiedlung der Beam­ten. Der größte Teil der Justizbeamten, die im Knast auch Schließer genannt wurden, wohnten dort. So auch mein Schwiegervater. Oberverwalter seines Zeichens. 13 Kinder hatte der Mann in die Welt gesetzt. Eines davon war meine Frau. Mein Schicksal hatte es so gewollt, dass ich ausgerech­net an das Schwarze Schaf der Familie geraten war. Eines Tages, ich saß gerade auf dem Klo, um meinen Knastfraß der Natur zurück zu geben, da drehte sich mit lautem Knirschen ein Schlüssel im Türschloss. Laut genug, dass der ohnehin hellhörige Bau alles mithören konnte, schrie er, ohne meine Zelle zu betreten: „Du Strolch musst nicht denken, dass dir hier irgendein Vorteil dadurch entsteht, dass du mein Schwiegersohn bist. Das heißt warst. Für so einen wie dich gibt es keinen Platz in unserer Familie!“ Damit schloss er auch schon wieder meine Zellentüre. Somit hatte er der gesamten Bochumer Knastwelt kundgetan, dass er sich von der Tat seines Schwiegersohnes distanziert hatte. Ich sah ihn dann nur noch einmal in meinem Leben. D.h. während meiner U-Haftzeit. Ich hatte mich gleich um Arbeit in der Anstalt bemüht. Einerseits, um der Monotonie des Knastalltags zu entgehen, zum anderen weil ich inzwischen der Nikotinsucht verfallen war. So lernte ich denn blass­blaue Briefumschläge zu kleben, die vom gesamten Justizwesen in NRW benötigt wurden. Für 1200 gefertigte Umschläge gab es 50 Pfennige. Jeder Knacki bemühte sich, dieses Soll überzuer­füllen, denn dann gab es eine Sonderprämie, für die dann auch schon mal ein Glas Instantkaffee drin war. Während dieser Zeit hatte mein Schwiegervater, der die Aufsicht über eine aus Knackis bestehende Reparaturkolonne hatte, einen Auftrag für die Arbeitshalle, in der auch ich arbeitete. Was soll ich sagen? Draußen noch in Freiheit bei unseren Besuchen lobte er mich immer wieder wegen meines Fleißes und dafür, dass ich seine Tochter trotz der beiden bereits vorhandenen Kin­der geheiratet hatte und wie gut ich die Familie versorgte. Dabei hob er besonders hervor, dass ich ja auch ein waschechter Ostpreuße war, wie er auch. Davon war nun nichts mehr zu spüren. Er vermied es mich anzusehen, drehte mir ständig vielsagend seinen Arsch zu.

Ich habe oft im Leben feststellen müssen, dass ein Unrecht selten alleine kommt. Ich bekam einen sehr engagierten Pflichtverteidiger zugewiesen. Dieser bröselte den ganzen Vorfall besagter Nacht bis ins Kleinste auf und schaffte es, einen vereidigten Sachverständigen hinzuzuziehen. Die Lügen meiner Frau, von wegen Gruppensex, wurden schon alleine vom Zeitfaktor widerlegt. Denn mein Chef und die Arbeitskollegen konnten guten Gewissens aussagen, dass es gar nicht möglich war, dass ich daran beteiligt war. Dann bekam auch noch mein Hauswirt bzw. der Architekt des Hoch­hauses sein Fett weg. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Balkonbrüstung bei weitem nicht die vorgeschriebene Höhe hatte. Bei vorschriftsmäßiger Höhe wäre der Bimbo nicht ins Fliegen gekom­men. Letztendlich wurde die Anklage auf schwere Körperverletzung mit Todesfolge reduziert. Was den Richter veranlasste mich zu fragen, was ich denn vorziehen würde: Viereinhalb Jahre Gefängnis oder drei Jahre Zuchthaus. Natürlich entschied ich mich für die „nur“ drei Jahre Zuchthaus. Bis das Urteil rechtskräftig wurde verging allerdings noch einige Zeit. Schon einen Tag, nachdem mein Schwiegervater in unserem Briefumschläge fabrizierenden Betrieb aufgetaucht war, schickte mich mein Werkmeister wieder zurück auf die Zelle. Hatte man meinem Schwiegervater schon den Schlüssel für den U-Haft Bereich abgenommen, so wollte man jetzt auch jeden anderen Kontakt verhindern. Die Gefängnisleitung oder auch seine missgünstigen Kollegen(?) trauten ihm nicht so recht. Um mir auch weiterhin durch meinen Sklavenlohn ein paar Annehmlichkeiten gönnen zu können, gab man mir auf Drängen hin eine Knochenarbeit auf die Zelle. Ich „durfte“ Fußbälle nähen. Ich denke nur noch mit Grausen an diese Fußballnähzeit zurück. Bis es zu meinem „Mord­prozess“ kam vergingen eine Reihe von Monaten.

Im Knast und schon wieder Vater?

Zu der nervenaufreibenden Prozessführung flat­terte mir auch noch ein Brief in die Zelle, worin mir mitgeteilt wurde, dass ich erneut Vater eines Sohnes geworden sei. Laut Kopie der Geburtsurkunde sollte dieser Boarfa Marem Driss[2] heißen. So ein Driss aber auch. Driss steht in NRW, zumindest in Bochum, für das Wort Scheiße![3] Nie habe ich diesen „meinen“? Sohn zu Gesicht bekommen. Ich nehme aber stark an, dass er eine ebenso schöne braune Hautfarbe hatte, wie die zwei danach geborenen Kinder meiner Frau. Wie mein Rechtsanwalt recherchieren konnte, war zwei Tage nach dem Bimbo-Abflug dessen Bruder aus Marokko eingeflogen, um an der Beerdigung teilzunehmen. Diesen Bruder nahm sich meine noch Ex-Frau auch gleich zur Brust. Und weil die Geburt des Kin­des noch in die gesetzliche Karenzzeit fiel, wurde der Junge eben auch noch in mein Stammbuch geschrieben. Ich wehrte mich natürlich mit Hilfe meines Anwalts dagegen. Doch noch bevor es deswegen zu einer Gerichtsverhandlung kommen konnte, hatte sich die Angelegenheit von selbst erledigt. Ich bekam wieder einmal so einen vielleicht sogar von mir gefertigten Blauen Brief. Darin enthalten war ein Totenschein. Ohne weiteren Kommentar erfuhr ich so, dass es keinen Moarfa Marem Driss mehr gab.

Tauschangebot: Eine Zelle in Celle

Einen Tag nachdem das Urteil rechtskräftig geworden war, wurde mir eine Audienz beim Gefäng­nis­direktor zuteil. Dieser legte mir nahe ein Gesuch zu schreiben, welches die Bitte enthielt, mich meine Haftstrafe nicht in NRW absitzen zu müssen, sondern sie gerne in Celle, Niedersachsen, zu verbüßen. Als Begründung reichte natürlich die verwandtschaftliche Beziehung zu einem in NRW tätigen Justizbeamten. Außerdem machte man es mir schmackhaft, indem man mich darauf hinwies, dass ja nur wenige Kilometer entfernt meine Mutter wohnen würde und diese mich in Celle viel öfter besuchen könne. Diesem Antrag wurde natürlich sehr schnell statt gegeben. Im Austausch mit einem Gefangenen aus Niedersachsen, der lieber seine Zeit in NRW absitzen wollte, ging es recht zügig über die Bühne.

Jetzt lernte ich mal so richtig den Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuchthaus ken­nen. Nicht nur der Unterschied zwischen dem Neubau in der Bochumer U-Haftanstalt und dem Jahrhunderte alten Bau in Celle war gravierend. Hatte ich in Bochum schon eine etwas über acht Quadratmeter große Zelle mit eingebautem Klo bewohnt, so bekam ich in Celle, weil ich unbe­dingt eine Einzelzelle wollte, eine so genannte Kopfzelle zugewiesen. Zwischen Türe und Fenster war mal gerade Platz für ein zwei Meter langes Bett und einem Waschständer. Statt eines einge­bauten Klo’s hatte ich eine Plastik-Bettpfanne, eine Waschschüssel und eine Wasserkanne. Mein tragbares Plastikklo durfte ich jeden Morgen auf der gleichen Etage entleeren und säubern. Zwei­mal am Tage konnte ich eine Kanne voll Wasser fassen. Die Breite der Zelle war so ausge­messen, dass ich, wollte ich mich schlafen legen, den Tisch an der gegenüberliegenden Wand hochklappte und ankettete. Umgekehrt, wollte ich am Tisch sitzen, musste ich das Bett hoch­klap­pen und an der Wand mit einer Kette einhaken.

Ich lernte im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen.

Nachdem ich meinen dreimonatigen A-Vollzug mit Nichts-tun hinter mich gebracht hatte, durfte, nein musste ich arbeiten. Eingeteilt wurde man dort, wo gerade ein Platz frei war. So lernte ich zunächst Kulturtaschen zu nähen. Wurde von dort abge­worben, um im Nebenbetrieb Arbeits­handschuhe aus Leder zu nähen. Jede der Knastarbeiten war natürlich mit einem Mindestpensum belegt. Erst wer darüber hinaus produzierte kam in den Genuss einer Prämie. Diese ausgelobte Prämie machte den Reiz aus, sich akkordmäßig ins Zeug zu legen, wurde die Prämie doch vollständig zum Einkauf freigegeben, während von dem Normal­verdienst ein Drittel zur Bildung einer Rücklage für die Zeit nach der Entlassung abgezogen wurde. Als Vorarbeiter und gleich­zei­tigem Zellennachbarn hatte ich den berühmt-berüchtigten Tangojüngling. Den Spitznamen Tango­jüngling hatte ihm seinerzeit die Presse gegeben. Eigentlich war der von Hallatsch[4] der erste Bom­ben­leger der BRD in der Nachkriegszeit. Dieses arrogante Stück Scheiße hatte einige Briefbomben verschickt, einen Menschen getötet und einen erblinden lassen. Er war wohl derzeit einer der „pro­mi­nentesten“ Gefangenen. Hatte ich draußen in Freiheit die Art von Prominenz bedient, die mehr oder weniger als solche zu bezeichnen waren, weil Film, Presse oder Rundfunk sie dazu gemacht hatten, so lernte ich im Celler Zuchthaus die tiefsten Abgründe der Menschheit kennen. So wurde ich sogar (Ohren-)Zeuge, wie ein Stern Reporter in meiner Nachbarzelle ein Interview mit dem Bom­benleger durchführte. Sorry, Herrschaften. Seit dieser Zeit lese ich keine Interviews mehr in irgendeiner Zeitschrift. Zwischen dem, was ich gehört hatte und dem anschlie­ßend Gedruckten lagen ganze Welten. Ich möchte hier noch anfügen, dass die Behauptung, der von Hallatsch wäre ein arroganter, hochnäsiger Fatzke gewesen, nicht alleine auf meinem Mist gewachsen ist. Sämt­liche damals diensttuenden Beamten einschließlich des Gefängnisdirektors wären da meiner Mei­nung. Dieser Schönling verbrauchte jeden Monat Unmengen von Nivea­dosen, um seine Haut jung zu halten. Er glänzte ständig wie eine Speckschwarte. Auch noch als ich ihm mal zufällig viele Jahre später im AOK Gebäude in Hannover begegnete. Als ich ihn dabei mit dem Namen von Hallatsch ansprach, glänzte er nach wie vor wie eine Speckschwarte, hatte aber längst seinen Namen gewechselt. Er, wie ein Dandy gekleidet, tat ganz empört, dass ich ihn ange­sprochen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein. Damit dreht er mir den Rücken zu. Ich irrte mich ganz bestimmt nicht. War er doch mein Vorarbeiter gewesen und dazu auch noch mein bester Kunde. Kunde insofern, dass er ständig meine neuesten Ausgaben der Pornohefte im Leasingver­fahren erhielt. Wie denn das? werden Sie sich jetzt fragen.

Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbeiten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt.

Nun, ich hatte einen Weg gefunden, solche Hefte, die es damals noch nicht einmal in Deutschland zu erstehen gab, eben in dieses Zuchthaus zu schmuggeln. Eigentlich hätte ich gar nicht zu arbei­ten brauchen. Mein Spind war ständig gefüllt. Ja, sogar überfüllt mit Tabak und Kaffee, der einzi­gen Knastwährung, für die man sich so manches leisten konnte. Von Hallatsch gönnte sich manch­mal sogar einen Schwanz­lutscher. Das aber erst ab dem Jahre 1969, als die große Koa­lition mit Beteiligung der SPD das Strafvollzugsgesetz reformiert hatte. Das hieß: der Name Zuchthaus wurde abgeschafft und jede Menge am Strafvollzug an sich geändert. So auch die Erlaubnis ein Transi­stor­radio zu erstehen. Und vieles mehr. Bis dahin waren die selbstgebastelten sogenannten „Immchen“[5] hoch im Kurs. Also jede Neuausgabe eines Pornoheftes hatte 32 Seiten. Diese num­merierte ich natürlich fein säuberlich und verlieh das Heft für ein Päckchen Tabak für 24 Stunden. Hatte ich alle meine für mich erreichbaren Kunden abgegrast, so verkaufte ich das jeweilige Heft an einen Kalfaktor eines anderen Häuserblocks. Der besser verdienende Vorarbeiter und Nichtraucher von Hallatsch erkaufte sich das Privileg, die jeweiligen Hefte als erster zu erhalten damit, dass er mir sogar zwei Päckchen Tabak dafür zahlte.

Die Strafvollzugsreform brachte es auch mit sich, dass am Wochenende Umschluss genehmigt wurde. In den Nachmittagsstunden konnte man sich mit anderen Gefangenen in einer Zelle treffen. Einfach nur Quatschen, Schachspielen, Skat oder, was noch beliebter war, Pokern. Es gab dann noch die Gefangenen, die draußen bei einer Fremdfirma arbeiten durften. So konnte ich dann auch besonders guten Freunden, wenn sie am Wochenende bei mir zu Besuch waren, sogar einen Cognac oder Wodka anbieten. Weil auch das Licht nicht mehr pünktlich um 22 Uhr abgeschaltet wurde, wir einfach nur die Glühbirne selbst lockern durften, wenn wir schlafen wollten, blieb mir genügend Zeit, dicke Briefe zu schreiben. Endlich konnten die Gefangenen sich auch unge­schwärzte Zeitungen in den Knast bestellen. Zeitungen an sich konnte man schon immer beziehen. Nur alle verbrechensrelevanten Artikel und andere Dinge, die ein Knacki nicht lesen sollte, wurden einfach geschwärzt. Auch das hatte nun ein Ende. So kam ich dann mit meinem schriftstellerischen Talent an eine Frau. Es würde hier zu weitführen, den gesamten Knastalltag zu beschreiben. Dass die Knastzeit aller­dings kein Zuckerschlecken ist, dürfte wohl jedem Leser bekannt sein. Deshalb würde ich auch nur auf Anfrage die näheren Einzelheiten beschreiben, wie es mir dennoch gelang, mit meiner Briefbe­kannt­schaft IM KNAST während ihres Besuchs Körperflüssigkeiten auszutauschen. Sämtliche, wohlgemerkt!

Wieso nur verzettele ich mich immer wieder in Einzelheiten? Ich wollte doch eigentlich nur im Rückblick mein Leben aufarbeiten und dem Außenstehenden vermitteln, WARUM ich so viele Jahre im Knast zugebracht habe. Vielleicht um ein wenig Ver­ständnis bettelnd?

Nein, ich wurde nach meiner Haftentlassung wie so viele weder zum Bettler mit einem Schild um den Hals: „Haftentlassener ohne Arbeit und Obdach bittet um eine kleine Spende!“ Auch wurde ich nicht zum billig-saufenden Penner. Wird ein Gefangener in der Neuzeit automatisch zu einem Anhörungstermin geladen, wo darüber entschieden wird, ob es zu verantworten ist, einen Gefan­ge­nen schon nach zwei Drittel verbüßter Haftstrafe zu entlassen, musste der Knacki sich selbst darum kümmern. Kurz vor Ablauf der Zeit musste der Gefangene ein Gesuch schreiben. Er musste auch darin schildern, warum er glaube, einen Straferlass von einem Drittel seiner Strafe verdient zu haben. Ich machte mir nicht viel Hoffnung, einen Straferlass zu bekommen. Zwar war ich immer fleißig meiner Arbeit nachgegangen, hatte die vorgeschriebene Menge stets überschritten, aber nur weil ich gierig darauf war, mit einem guten Geldpolster nach meiner Entlassung ausgestattet zu sein. Na ja, auch um die Zeit mit Arbeit totzuschlagen, um ehrlich zu sein. Ansonsten war ich nicht gerade der handliche und gefügsame Gefangene gewesen. Stets hatte ich ausgenutzt, dass es einen Petitionsausschuss gab, wo ein Gefangener Missstände im Knast anpran­gern konnte. Die Stellungnahmen vonseiten der Anstaltsleitung mussten denen ganz schön auf den Keks gegangen sein. Ich glaubte also, dass deren Stellungsnahme auf mein Gnadengesuch dementsprechend ausfallen würde. – Weit gefehlt. Eher war es anscheinend so, dass man mich herausgelobt hatte, um endlich diesen Störenfried los zu werden.

Mir wenig Erfolg ausrechnend hatte ich dann auch ziemlich verspätet, mehr aus langer Weile, auf Drängen meiner neuen Liebschaft und um auch zu erfahren, wie man mich denn im Knast beur­teilte, das entsprechende Gesuch geschrieben. In schon relativ kurzer Zeit bekam ich mal wieder einen Blauen Brief vom Stationsbeamten ausgehändigt, als ich von der Arbeit kam. Besagter Beamte, der ja auch an der Stellungnahme der Anstalt beteiligt war, wie so viele andere ein­schließlich des Gefängnispfarrers, ahnte schon, worum es in dem amtlichen Schreiben ging. Nachdem er auch allen anderen aus den Betrieben einrückenden Gefangenen die Zellentüren aufgeschlossen hatte, kam er wieder zu mir zurück. Es war eigentlich die Zeit, wo die Zellentüren offen blieben und wir unsere Zellenklos nochmal reinigen konnten, sowie die Wasserkanne neu füllen durften. Er fand mich am Tisch sitzend und auf den Brief starrend vor. Statt Wasser zu holen holte ich immer noch tief atmend Luft.

„Na Schulz was steht drin?“ konnte der Schlüsselknecht seine Neugierde nicht länger verbergen.

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Fußnoten

[1] Die Bezeichnungen dieser Person entsprechen nicht der heute üblichen political-correctness. Ich habe sie beibehalten. Dierk Schäfer

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Driss

[3] http://www.mitmachwoerterbuch.lvr.de/detailansicht.php?Artikel=Driss

[4] Erich von Halacz http://www.daserste.de/kriminalfaelle/sendung_dyn~uid,fr6030t31x7yohbe8cff8943~cm.asp

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_von_Halacz

[5] Immchen, Kosebezeichnung für Ehemann oder Freund http://www.ruhrgebietssprache.de/lexikon/immchen.html

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