Dierk Schaefers Blog

Die „Judensau“

Posted in Gesellschaft, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte, Religion, Theologie by dierkschaefer on 25. September 2013

Reisen bildet. Hätte ich nicht die Notiz am Pfeiler gesehen, wäre ich vorübergegangen. Schließlich ist die Westfassade des Regensburger Doms[1] imposanter als seine Südseite. Doch das Schild interessierte mich. „Befremdlich für den heutigen Betrachter“, steht da. Das befremdete mich und machte mich neugierig. Von „Judensau“ hatte ich bisher nur in Zusammenhang mit Walter Rathenau gehört.[2] Oben am Pfeiler nun eine „Judensau“. Sie ist stark verwittert[3], doch wird klar, daß es hier um eine von Grund auf bösartige Verunglimpfung, eine fürchterliche Verspottung der Juden geht. Juden an den Zitzen eines Schweines zu zeigen – übler kann man Juden nicht zum Gespött darstellen. Und der Kommentar findet das nur „befremdlich“.

Reisen bildet, besonders wenn man daheim dann nachschlägt. Man findet bei Wiki unter dem Begriff „Judensau“ die Geschichte des christlich-europäischen Ungeistes.[4] Die „Judensau“ war mir im Theologiestudium nicht untergekommen. Dafür wurden in der Kirchengeschichtsvorlesung kurz die Marranen erwähnt.[5] Als „Marannen“ hatte ich sie in Erinnerung. Das seien die zum Christentum übergetretenen Juden in Spanien gewesen, die jedoch verdächtigt wurden, sie hätten sich nur pro forma taufen lassen. Auch die Inquisition wurde dabei erwähnt. Na ja, was geht evangelische Theologen die katholische Kirchengeschichte an! Daß Marrano Schwein bedeutet, wurde nicht gesagt, auch nicht, daß Luther das Bild von der Judensau in seinen antijudaischen Schriften verwendet hat.

Nun mag man meinen, das ist Vergangenheit. Doch nicht nur aktuelle Verunglimpfungen von Juden und Judentum durch Neonazis geben zu denken4, sondern auch der Streit um die Inschrift am Regensburger Dom.[6] Eine scheinheiligere Distanzierung von der Darstellung der Judensau ist kaum vorstellbar. Ich vermute theologische Gründe dafür, die wir auch in der Diskussion um die „Judenmission“ finden, mit zum Teil geradezu perversen Argumenten: »1948 setzte der Reichsbruderrat der Bekennenden Kirche mit seinem Wort zur Judenfrage die traditionelle Enterbungstheologie fort und deutete den Holocaust als Strafe Gottes an den Juden.« Aber auch »„Unsere Schuld gegenüber den Juden angesichts des Holocaust verpflichtet uns doppelt zur Mission an ihnen; wir schulden ihnen […] unseren Christus.“«[7]

Man hatte – und in Regensburg hat man bis heute nichts gelernt von Nathan dem Weisen, auch nicht von Shakespeare, der seinen Kaufmann von Venedig sagen läßt: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“ So wird die Sau am Regenburger Dom zum Urteil über das Domkapitel.

Die Darstellung der über die „Synagoge“ triumphierenden Ekklesia/Kirche, wie wir sie am Straßburger Münster finden, ist leider noch nicht vollends veraltet: http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/9934802405/ Auch dort fehlt ein die Geschichte erhellender Hinweis.