Dierk Schaefers Blog

Die Vergewaltigung eines Kindes und der Rechtsstaat

Ein achtjähriges Kind wurde gegen seinen lebhaft geäußerten Willen vor den Augen seiner Mitschüler, seiner Lehrerin, vielleicht auch der Schulleitung mit Polizeigewalt auf Anordnung und im Beisein eines Gerichtsvollziehers aus dem Unterricht gezerrt und schreiend in ein Polizeiauto verfrachtet[1]. Der Vergleich mit Nazischergen verbietet sich, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Darf der so handeln?

Zunächst einmal: Im Prinzip ja. Es gab einen Rechtstitel und der musste vollzogen werden, wie auch bei den Abschiebungen unserer abgelehnten Asylbewerber, wie bei der Festnahme von Delinquenten, deren Widerstand notfalls gebrochen wird. Auch Angeklagte werden gegebenenfalls gefesselt in den Gerichtssaal gebracht.

Doch wie steht es mit der Verhältnismäßigkeit?

Ich war 15 Jahre als Polizeipfarrer und schon davor mit ethischen Fragen staatlicher Gewalt beschäftigt bis hin zum „Todesschuß“, der als „Rettungsschuß“ bezeichnet ein moralischer Kurzschluss ist.

Es gibt eine Faustregel für Polizeibeamte: Ein Polizeieinsatz darf keine Situation hinterlassen, die polizeiwidriger ist als die Ausgangssituation.

So etwas kommt allerdings vor und wirft immer die Frage auf: War der Einsatz umsichtig vorbereitet und wird er offen und ehrlich nachbereitet? Hinterher ist man immer klüger, sollte man jedenfalls werden.

Zunächst die Abwägung der Rechte: Zur Durchsetzung des Rechtstitels war wohl erst einmal die Abholung aus der väterlichen Wohnung geplant, doch man sagte den Termin ab. Wahr­scheinlich fürchtete man den Widerstand des Vaters. Der war damit vorgewarnt und die Staatsdiener liefen in die Öffentlichkeitsfalle: Der Vater dokumentierte per Kamera. Wäre dieses Video nicht entstanden, dann … Na ja, dann wäre der Vorfall genauso problematisch gewesen, hätte aber nur eine kleine Notiz im Lokalblatt ergeben. Dumm gelaufen? Nein! Denn so wird der Fall ein grundsätzlicher und kann so öffentlich wie er wurde auch öffentlich beleuchtet werden.

Einem Kind ohne eigene Rechte und damit ohne Rechtsvertretung wurde ganz legal Gewalt angetan. Wie ein Schwerverbrecher wurde es abgeführt. Ich nenne es Vergewaltigung. Die Grundlage war eine Gerichtsentscheidung, nach der – um des wie auch immer verstandenen Kindeswohles willen –der Mutter das Aufenthaltbestimmungsrecht über das Kindes zuerkannt wurde, weil der Vater nicht in der Lage sei, dem Kind ein positives Mutterbild zu vermitteln. So etwa verstehe ich den mir nicht vorliegenden Beschluss.

Ich habe als Tagungsleiter an der Evangelischen Akademie Bad Boll die Ausbildung von Anwäl­ten des Kindes, heute heißen sie Verfahrensbeistand, mit konzipiert und geleitet. Mir sind solche Fallkonstellationen vertraut. Sie sind kompliziert in ihren Details. In diesem Fall ist leider nicht bekannt, ob der Vater sich gegen Kontakte zwischen Mutter und Kind, man spricht von „Umgang“, gesperrt und diese hintertrieben hat. Das kommt häufig vor. Meist ist es die Mutter, bei der das Kind lebt und die den Umgang mit ihrem Ex nicht toleriert. Es kann gute Gründe geben, solche Umgänge nicht zu wollen, auch gute Gründe, sie nicht zu dulden. Wie das hier lag, weiß ich nicht. Immerhin lebte das Kind beim Vater, so dass anzunehmen ist, dass von ihm keine Gefahr für das Kind bestand – es sei denn, man meint, ein Kind brauche unbedingt auch im Trennungs­fall den von Fürsorglichkeit und und elterlicher Liebe geprägten Kontakt zu beiden Eltern. Das Leben spielt zuweilen anders. Wie soll nach diesem Vorfall das Mädchen ein positives Mutterbild bekommen? Wie will man die Befriedung des elterlichen Konflikts erreichen? Denn vice versa soll das Kind doch wohl auch mit einem positiven Vaterbild aufwachsen. Hier wurde ein Scherbenhaufen angerichtet.

Der ist aber noch größer:

  1. Was sollen die Mitschüler vom Staat, vertreten durch uniformierte „Freunde und Helfer“ halten, der eine Kameradin dermaßen gewaltsam abführt? Eine Ver-gewalt-igung? Den Gerichtsvollzieher werden die Kinder wohl nicht als Drahtzieher wahrgenommen haben.
  2. Was sollen die Schüler von ihrem Lehrer/ihrer Lehrerin halten, die das Kind nicht geschützt hat, sondern zugesehen, wie man ihm Gewalt angetan hat? Ich habe meine Frau gefragt, sie ist Lehrerin: Wie hättest Du …? Nein sagte sie. Sie hätte nicht geduldet, dass eine Schülerin gegen ihren Willen aus dem Unterricht geholt wird – es sei denn, die Schuldirektion hätte sie genötigt. Die habe ein höherwertiges Hausrecht. Ich nehme an, die Direktion war zugegen, denn die Polizei wird über das Direktorat gegangen sein. Damit wurde in den Augen der Schüler das Ansehen der Schule generell geschädigt, die sie als Büttel der Büttel haben amten lassen. Was wäre wohl passiert, wenn analog zum Kirchenasyl Schule und Schüler ein Schulasyl organisiert hätten?
  3. Die Öffentlichkeit wurde Zeuge dieses Teils staatlicher Gewalt und ist empört. Die Hinter­gründe dieses Falls werden aus Datenschutzgründen verborgen bleiben. Der Vater jedoch wird sich den Mund nicht verbieten lassen. So bleibt allein die öffentliche Vergewaltigung eines Kindes im Gedächtnis.
  4. So haben letztlich auch der Staat und seine Rechtsorgane Schaden genommen.

Ein Scherbenhaufen als Ergebnis eines Polizeieinsatzes. Man hätte ja, da keine Dringlichkeit bestand, nach Erfragung des Kindeswillens wieder abziehen können, auch wenn der Gerichtsvollzieher protestiert hätte. Hier ist eine möglichst öffentliche und offene Fallaufarbeitung vonnöten.

Viel wichtiger ist die Wiederherstellung des kindlichen Vertrauens, das schon durch die Trennung der Eltern hinreichend erschüttert sein dürfte, das aber nach diesem Vorfall und der erzwungenen Zuweisung an die unmütter­liche Mutter total zerrüttet sein dürfte. Die Verge­wal­ti­gung hat rechtsstaatlich triumphiert. Schlimmer konnte nicht ausgehen. Trauer muss Justitia tragen.jpg

[2]

Wenn schon das individuelle Desaster kaum zu heilen scheint: Was ist zu tun, damit solche Fälle, die ja alltäglich sind, wenn auch nicht immer so spektakulär, möglichst vermieden werden?

Kinder brauchen einen Platz als eigenständige Rechtspersonen im Grundgesetz. Die Eltern­verbände werden aufschreien. Denn das wäre ein Recht im Einzelfall auch gegen die Eltern. Ob allerdings die Kinderrechte bei externen Personen und Institutionen immer in besseren Hän­den liegen, wage ich zu bezweifeln angesichts der fehlenden Ausbildung und der notorischen Überbelastung von Familien­richtern in Kindesangelegenheiten, die eben nicht allein juristisch zu behandeln sind. Auch Ver­fahrensbei­stände haben zuweilen nicht das Kind im Kopf, sondern ihre eigenen Vor­stellun­gen, wohin ein Kind gehört und wie es notfalls genötigt oder gar gezwungen werden sollte.

Auf dem Schlachtfeld partnerschaftlicher Auseinandersetzungen werden die Kinder leicht zu Opfern der „elterlichen Liebe“. Bei Scheidungen könnte, könnte ein Richter ja noch daran denken, wie der Scheidungskrieg zugunsten der Kinder eingehegt werden müsste. Diese primäre Schutzmöglichkeit fällt bei eingetragenen Partnerschaften oder gar beim ungeregelten Zusammenleben weg.

„Wenn Elefanten streiten, leidet das Gras.“

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2018/03/10/oeffentliche-kindesentfuehrung/

[2] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8577129580/

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Das ist Pornographie! röhrte unser Klassenlehrer.

Er hatte sich von uns Oberstufenschülern die Blechtrommel[1] ausgeliehen. Ja, wir hatten bei der Lektüre nicht nur rote Ohren bekommen. Es war der erste Roman mit „Stellen“ und wir in der Spätpubertät. Unser Klassenlehrer war zwar, wie er mit krächzender Stimme sagte, „Soldat in zwei Weltkriegen“ gewesen und „dem Tabak versklavt“, doch Oskar Matzerat, der sich auf den Rücken seines Vaters setzt und dadurch den Interruptus verhindert, war dann doch zu starker Tobak für den Lehrer. Er wird in „seinen“ zwei Weltkriegen wohl in jeder Beziehung Schlimmeres gesehen haben, vielleicht sogar beteiligt gewesen sein. Oskar Matzerat, eine Romanfigur, rettet sich angesichts der Umstände in dauerhaftes Kindsein und weigert sich, zu wachsen. Aus dieser Kinderperspektive schildert er die Vorkommnisse der Zeit – es ist derselbe Zeitraum, den unser Klassenlehrer bewusst erlebt hat. Der aber rettete sich in Abwehr.

In der neuen Folge seiner Autobiographie erzählt Dieter Schulz von seinen Kindheitser­leb­nissen, von Krieg, Zerstörung, Mord, Flucht, Vergewaltigung, Notprostitution und Hunger – und das in einer Sprache, die dem Geschehen angemessen ist. Pornographie? Roman? Nein, ein Zeitzeuge; er hat gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten, und er berichtet ungeschminkt und drastisch. Viele Kinder auf der Welt erleben zurzeit Vergleichbares.

War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![2]

Wir waren davongekommen, aber hatten nicht auch manche Kameraden auf der Flucht gesehen, was sie besser nicht gesehen hätten? Eine Lehrerin klärte uns über den Kleinwuchs eines Kameraden auf: Man hatte ihm als Baby auf der Flucht Alkohol eingeflößt, damit er nicht schrie. Auch die Erzählungen unserer Eltern von den Bombennächten, wie auch die Trümmergrundstücke zeigten den Doppelcharakter Deutschlands.[3] Die Elterngeneration baute Deutschland wieder auf. War überhaupt etwas gewesen? Über den Horror, den Deutschland angerichtet hatte, sprach man lieber nicht.

In dieser wahrlich bleiernen Zeit wuchsen wir auf. Da war die Blechtrommel wie eine Offenbarung, nicht nur in Sexualibus.

Doch was ist das schon gegen die Erlebnisse von Dieter Schulz? Für ihn mündete die „Kind­heit, die keine war“, in Kriminalität. Lehrer in unserer Zeit hielten sich lieber an der Klassik fest und ließen das Türmerlied singen: Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei wie es wolle, Es war doch so schön!

Doch auch das war gelogen, weil aus dem Zusammen­hang gerissen. Der Türmer wird Zeuge, wie Mephisto und seine Gewaltigen Hütte und Kapelle der beiden Alten, Pyramus und Thisbe, niederbrennen. Die hatten als einzige die Götter selbstlos und würdig empfangen.

Fußnoten

[1] Ich habe den Roman seither nicht wieder gelesen und mich jetzt mit dem Wikipedia-Artikel begnügt: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Blechtrommel

[2] Siebzehntes Kapitel, https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[3] http://www.lebensraum-linden.de/downloads/datei/OTAwMDAwOTY0Oy07L3Vzci9sb2NhbC9odHRwZC92aHRkb2NzL2xpbmRlbi9saW5kZW4vbWVkaWVuL2Rva3VtZW50ZS8xX2tpbmRlcnNwaWVsZV9pbl9kZXJfcmFtcGVuLnBkZg%3D%3D/1_kinderspiele_in_der_rampen.pdf

#Kinderrechte ? Inklusion macht Kinder zu Verlierern

Allen Inklusionsbegeisterten sei der Praxis-Bericht von Ralph Gehrke empfohlen: Inklusion als Sparpaket. Gehrke ist Lehrer an einer integrierten Gesamt­schule.[1]

Aus ©-Gründen hier nur ein paar Zitate aus dem Artikel:

»Wer sich nur ein bisschen mit Bildungs­politik beschäftigt, weiß, dass sie als Expe­rimentier­feld für Neuerungen, sogenann­te Reformen, benutzt wird, von denen nicht sicher ist, wie sie ausgehen. Nun wird eben inklusiver Unterricht prakti­ziert. Haupt­sache, es sitzen möglichst bald sämtliche Kinder mit Behinderungen ir­gendwo in einer Regelschule und sollen ohne Ansehen ihrer speziellen Handi­caps teilhaben an einem Rennen, bei dem kaum eines mithal­ten kann. Denn der für eine Qualifika­tion für den Arbeitsmarkt mindestens notwendige Hauptschulabschluss bleibt für die allermeisten mit son­derpädagogischem Förderbedarf ein utopi­sches Unterfangen.«

Diese Einschätzung entspricht auch den Rückmeldungen, die ich aus dem Schulsektor bekomme.

Wie sieht das praktisch aus?

»Für FÖRDERSCHULEN gilt grundsätzlich eine Doppel­besetzung für jede Schulstun­de, und das, je nach Schwerpunkt, bei ei­ner Schülerzahl von sieben bis zwölf Kin­dern pro Klasse. Eine faire Inklusion müsste, so sollte man erwarten, dieses Zahlenver­hältnis in Relation auf den Un­terricht der Regel­schule übertragen.«

Das geschieht jedoch nicht, jedenfalls nicht im als Beispiel gewählten Bundesland Nieder­sachsen.

In der REGEL­SCHULE wird »der Verteilungsschlüs­sel pro Kind gerechnet, und demge­mäß hat es, gemessen an der spezifischen Art seiner Behinderung, ein Anrecht auf gerade mal drei bis fünf Stunden in der Woche. Die sonderpädagogische Fach­kraft schaut zweimal in der Woche für eine oder zwei Stunden rein.«

Wie war es bisher?

»Kinder mit geisti­gen oder psychomotorischen Einschränkun­gen wurden bisher exklusiv auf die Sonder- und Förder­schulen verwie­sen. Das ist jetzt anders. Mit der Anwen­­dung der UN-Behindertenrechtskonvention sollten sie oder ihre Eltern die Wahl haben, ob sie die Regel­schule besuchen oder eine Förderschule.«

Aber die Wahlfreiheit wird heute schon stark eingeschränkt. Sie wird »dadurch reduziert, dass die För­der­schulen in ihrer unmittelbaren Nähe geschlossen werden, und zwar in ei­nem Tempo, das man von Behörden sonst nicht kennt. Auffällig ist, dass in niedersächsischen Schulbezirken immer selte­ner Gutachten vor der Einschulung er­stellt werden, auf die Erziehungsberech­tigte sich berufen könnten. Die erste An­laufstelle für ihr Kind sei die Regel­schule, kriegen sie zu hören. Wer sich gegen sol­che administrative Trägheit nicht zu weh­ren weiß, hat sein Recht auf Förderung aufgeschoben, und das Kind sitzt fest in der Grundschule. Damit ist ein erstes Ziel der Inklusionspolitik erreicht. Wo kein Sonderförderbedarf attestiert ist, entfällt auch die entsprechende Unterstützung. Es müssen keine zusätzlichen Fachkräfte bereitgestellt werden. Der wesentliche Zweck von schulischer Inklusion scheint die Personaleinsparung zu sein.«

Warum wehren sich die Eltern zu spät?

»Wer ein behindertes Kind hat, erfährt hautnah, wie sehr man von der Hoffnung abhängt, sein Kind möge sich vielleicht doch „normal“ entwickeln. Beherrscht von solchen Gedanken, fällt es dann schwer, sich einzugestehen, dass der inklu­sive Schul­weg den besonderen Förderbe­darf nicht erfüllt und daher mehr schäd­lich ist als förderlich.«

Wie steht es mit der angestrebten Solidarität zwischen behinderten und nicht-behinderten Kindern?

»Toleranz wird uns nicht in die Wiege gelegt, sondern ist ein Verhalten, das wir uns erst im Laufe unserer Sozialisation mehr oder weniger aneignen. Kinder im Schulalter können, ohne dass sie dafür vollends verantwortlich zu machen sind, intolerant und fies sein, indem sie ver­meintlich Schwächere, also auch Behin­derte, hän­seln (neudeutsch mobben), egal, wie hoch inklusive Werte an ihrer Schule gehalten werden. Das ist nicht zu verhindern.«

Und die Sonderpädagogen aus den aufgegebenen Förderschulen?

»Für sie beginnt ein neues, inklusiv beweg­tes Lehrerleben. Ihre Stundenkapazitäten werden, in kleinste Einheiten gesplittet, über die Schulland­schaft in ihrem Bezirk verteilt, wo sie, erst hier, dann dort und später an­derswo, ihre fachlichen Fähigkeiten in den Regelschulbetrieb bringen sol­len. Ir­gendwann auf den Endlosdienstfahrten wird der einen oder dem anderen viel­leicht klar­werden, dass die wichtigste Qualifikation für den Job nicht das Staats­examen ist, sondern der Führer­schein.«

Der Autor hat sein Augenmerk auf die behinderten Kinder gelegt und auch an seine Kollegen aus den Förderschulen gedacht.

Was fehlt und die Angelegenheit noch gravierender macht, ist die Lernbehinderung, die die nichtbehinderten Schüler erfahren. Wer im Stoff nicht mitkommt – und das ist das Merkmal der Schüler mit besonderem Förderbedarf in den Regelschulen – wer nicht richtig mitkommt, hält den Unterricht auf. Ich erinnere mich an den Leiter einer Bildungsberatungsstelle. Er war der Meinung, die stärkeren Schüler sollten halt so lange auf der Stelle treten, bis die schwächeren nachgezogen haben. Das machen die aber nicht. Die einen werden in vielen Fällen nicht nachziehen können und die anderen treten nicht auf der Stelle, sondern stören den Unterricht – und Eltern, die an die Zukunft ihrer Kinder denken, sind aus guten Gründen nicht tolerant, denn sie wissen, dass es auf dem Arbeitsmarkt keinen Rabatt gibt. Dort zählt Leistung. Das mag man bedauern, doch so ist es.

Wir können uns die Inklusionsträumereien nicht leisten. Sie schaden beiden Schülergruppen. Doch das scheint egal. Die Länder – und viele Eltern – predigen ideologische Ziele, der Staat aber weiß, dass er sparen kann. Und er tut’s ohne Rücksicht auf die Zukunft der Kinder und des Landes. Um die Defizite können sich dann ja die Nachfolgepolitiker kümmern.

[1] Der Bericht erschien leider nur in der Print-Ausgabe der FAZ vom 7. April 2016, Seite 8. Wer mir seine Mailadresse schickt, kann den Scan zur privaten Nutzung von mir bekommen.

Alter ist kein Verdienst – hat aber den Vorteil, …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kinderrechte, Kindeswohl, Pädagogik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 17. Januar 2016

… dass man manches schon kennt. So wird bei Twitter gerade diskutiert – soweit man im Twitterkorsett diskutieren kann – welche Art Erziehung für Kinder gut ist.

  • Sollen sie sich frei entwickeln können, ohne Lenkung, ohne Zwang. Sind die Erwachsenen störende, bevormundende Besserwisser?
  • Oder brauchen die Kids Anleitung, Vorgaben, Wissensvermittlung?

 

Die alten Fragen von laisser-faire und autoritär, von Gruppen- und Frontalunterricht, von Pädagogik und Reform-Pädagogik.

 

Wer etwas älter ist, seufzt mit Kohälet: Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Altes Testament, Prediger, Kap. 1). (Natürlich gibt es auch Neues, wäre ja sonst langweilig).

 

Und so nimmt man ein Buch aus seiner Bibliothek: A.S. Neill, Summerhill, Erstauflage 1926, mein Exemplar von 1961, bei Penguin erschienen, inliegend Zeitungsartikel von dunnemals.

 

Zum Glück gibt es Neues: DAS NETZ. Ich stoße auf die Digitalversionen dieser Zeitungsartikel:

http://www.zeit.de/1994/10/theorie-und-praxis-der-antiautoritaeren-erziehung/komplettansicht und

http://www.zeit.de/1970/32/das-beispiel-summerhill/komplettansicht.

 

Der praxisnahe vernichtende Leserbrief hat den Weg ins Netz leider nicht gefunden.

Ich habe ihn eingescannt und gebe ihn hier unverändert wieder, allerdings ohne Namensnennung der Leserbriefschreiberin:

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Nicht einmal glückliche Straßenfeger

Hans     Krieger: ZEIT Nr. 32 „Das     Beispiel     Summerhill“

Meine Schwester und mein Bruder waren Schüler in Summerhill, ich habe selbst die Schule als „Außenseiterin“ besucht, als mein damaliger Verlobter dort Lehrer war.

S. Neill hat einmal gesagt: Besser ein glück­licher Straßenfeger als ein unglücklicher Akade­miker. Ich bin der Meinung, sein System kann nur Straßenfeger hervorbringen, und es bleibt frag­lich, ob sie glücklich sind. Wie der Schulinspektor sagte: „Es ist eine Leistung, eine Atmosphäre ge­schaffen zu haben, wo geistige Bildung gedeihen könnte — nur gedeiht sie nicht.“ Sie kann nicht gedeihen. Es ist unmöglich, in Summerhill etwas zu lernen, etwas zu werden, auch mit dem besten Willen nicht. Das Haus glich damals einer ab­genutzten Kaserne, alle Möbel waren zerhackt, zerschnitten, kaputt, die Wände schmutzig, überall verkratzt, die Bettwäsche zerrissen, der Lärm war nicht auszuhalten; es war keine Ord­nung, kein Programm, es gab keine genauen Mahlzeiten, alles war Chaos.

Mein Bruder und meine Schwester haben in drei Jahren nur das Reiten gelernt. Natürlich! Was könnte schöner sein für Kinder von 11 und 13 Jahren, als den ganzen Tag auf einem Pferd zu sitzen? Hätten sie aber doch was lernen wol­len, wäre es unmöglich gewesen. Es gab kein La­boratorium, die Lehrer waren meistens junge, unerfahrene Leute, die schlecht auf der Univer­sität abgeschnitten hatten und in keiner Schule untergekommen wären. Es wurde bewußt nichts für die dumme Kultur gemacht, keine Musik, keine Kunst. Die Kinder tobten nur.

Sie hatten die Freiheit —- jawohl! Eine Lehre­rin hat die Schule verlassen, nachdem die Kinder so frei waren, ihr Baby in der Badewanne er­tränken zu wollen. Warum auch nicht? Die Lehrer haben mir auch manchmal leid getan. Da saß z. B. ein Lehrer in einem Zimmer — und wartete auf Kunden. Plötzlich kommt ein Sechsjähriger, der auf einmal das Einmaleins lernen will, und gleich­zeitig ein Sechzehnjähriger, dem auf einer an­deren Schule schon etwas beigebracht worden war, und will sein Wissen fortsetzen . .. draußen Lärm. Wie sollte der Lehrer das alles vereinigen? Die Kinder lernen außerdem gar nicht etwas aus­zuhalten. Wenn es schwierig oder langweilig ist, rennen sie fort.

Meine Schwester war begabt, mit 17 Jahren hat sie einen Roman im Verlag von T. S. Eliot her­ausgegeben. Sie hat aber keinen Beruf gehabt, auch nicht viel weitergeschrieben, sie gab alles auf (drei Ehen) und ist der Trinksucht verfallen, starb jung an Leberzirrhose. Mein Bruder idem… nichts gelernt, immer Beschäftigung gewechselt, ist jetzt Hausmakler mit Besitz im Armenviertel von London, wo die Neger zu zehnt in einem Zimmer hocken. Ist das ein Ideal?

Sie hatten nichts gelernt, auch – das Lernen nicht. Als sie die Schule verlassen haben, war es zu spät.

Ich möchte noch auf ein Interview mit einer Amerikanerin aufmerksam machen, die auch von Summerhill weggelaufen ist (Observer, 9. 8. 70). Sie hat in vier Jahren nichts gelernt. Hat nachher ein Jahr gebraucht, um das Lernen zu lernen. Ist völlig vereinsamt, paßt nicht zur Jugend von heute. Hat kein Interesse an Politik: „Das hat keiner in Summerhill, Politik ist schmutzig, und die Summerhillianer sind alle so sauber“ (!!).

Summerhill hat den Kindern fürs Leben keinen Unterbau, keine Kraft gegeben. Ich will sagen: Das System von A. S. Neill hat viele Kinder ihrer Möglichkeiten, ihres „Potentials“ beraubt. Heute ist es vielleicht etwas besser (nach der Amerika­nerin aber doch nicht) — jetzt haben die Kinder wenigstens das Fernsehen und könnten was ler­nen!

S. Neill hat eine „rule“ eingeführt. Er glaubt, daß das Rauchen Lungenkrebs verursacht, so dürfen die Kinder nicht rauchen. Sonst ist alles erlaubt. Aber sind die anderen, erlaubten Lebens­weisen nicht genauso gefährlich, wenn auch nur moralisch und geistig? Ich möchte eine Liste haben und wissen, was aus den Kindern gewor­den ist, die durch die Hände von A. S. Neill gegangen sind. Ich wette, sie haben nicht besser abgeschnitten als andere Kinder, die nach anderen Systemen aufgezogen worden sind.

V.V. Mainz

Der Täter

Posted in Journalismus, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 17. März 2015

Bei diesem Missbrauchstäter kommt so ziemlich alles zusammen, bis hin zur glaubhaften Morddrohung.

Der Täter »Erich Buß, geboren 1928, war fast 40 Jahre Lehrer. Wie viele Kinder er sexuell missbraucht hat, weiß niemand. Verurteilt wurde er wegen 15 Fällen. Aus der Urteilsbegründung geht hervor, dass Buß von Mitte der 60er Jahre an bis über seine Pensionierung 1992 hinaus Kindern „in einer großen Vielzahl“ Gewalt angetan hatte. Man kann von weit mehr als hundert Opfern ausgehen. Wie strategisch er vorging, lässt sich anhand seiner Tagebücher nachvollziehen. Er hielt nicht nur seinen Alltag akribisch fest, sondern auch die Namen der Kinder, die er missbrauchte.[1]«

Leben: »Buß wurde 1928 als zweiter Sohn eines Schuldirektors in Roßdorf bei Darmstadt geboren. Seit 1954 arbeitete er an der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Dort unterrichtete er ab der ersten Klasse alle Fächer außer Religion und Englisch. 1992 wurde er pensioniert.«

Urteil: »Als am 6. Juli 2005 sein Strafmaß verkündet wurde, war Erich Buß 77 Jahre alt und längst in Rente. Das Landgericht Darmstadt verurteilte ihn wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu vier Jahren Haft und ordnete die Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt an. Im Prozess ging es nur um 15 Fälle zwischen 1984 und 1995. Buß starb 2008. Der staatlichen Schulaufsicht, teilt das hessische Kultusministerium auf Anfrage mit, dürfte das Urteil gegen Buß „erst Anfang 2014 inhaltlich bekannt geworden sein“ – nachdem Opfer sich 2013 gemeldet hatten.«

Opfer: »Ein Betroffener hatte sich Ende der 90er Jahre in einer Selbsthilfegruppe mit anderen vernetzt, die bereit waren zu klagen. Erich Buß gestand vor Gericht, zeigte jedoch keine Reue. „Strafverschärfend fiel ins Gewicht, dass der Angeklagte seine Autorität als Lehrer gezielt ausgenutzt hat“, heißt es in der Urteilsbegründung. «

Leben: »Buß wurde 1928 als zweiter Sohn eines Schuldirektors in Roßdorf bei Darmstadt geboren. Seit 1954 arbeitete er an der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Dort unterrichtete er ab der ersten Klasse alle Fächer außer Religion und Englisch. 1992 wurde er pensioniert.«

[1] Alle Zitate: http://www.taz.de/!156528/ Gute journalistische Arbeit, der Artikel ist sehr aufschlussreich.

Drängelei in der Lindener Grundschule

Posted in Pädagogik by dierkschaefer on 23. September 2014

„Los, wir drängeln!“ hieß unser Pausenschlachtruf. Wir waren 1950 eingeschult worden. Schultüten gab es, um den (zu diesem Zeitpunkt erst?) beginnenden Ernst des Lebens zu versüßen.

Doch so ernst haben wir die Schule dann doch nicht genommen. Wir waren ja noch Kinder und die Pausen uns oft wichtiger als der Unterricht. Dann rannten wir zur Mauer mit ihren großen Stützpfeilern und drängelten mit Begeisterung.

Wie ging das Spiel?

Wer als erster ankam, stellte sich mit dem Rücken zum Stützpfeiler und preßte sich mit Körper und Knie eng an die Mauer. Alle anderen versuchten, einen Platz möglichst weit vorn zu ergattern, in Richtung und mit Blick auf Nummer eins. Und nun begann das Drängeln. Nur mit Gebrauch von Schulter und Knie galt es, den Vordermann aus der Reihe zu drängeln, Hände und Füße waren tabu. Jeder gegen seinen Vordermann, der seinerseits eifrig versuchte, weiter nach vorn zu kommen. Am schwierigsten war es, als Nummer zwei die Nummer eins wegzudrängeln, denn der hatte einen Standortvorteil im wahrsten Sinn des Wortes. Während die Vorgänger mit ihrer Rückseite genug Angriffsfläche boten, stand Nummer eins Auge in Auge gegenüber, mit festem Rückhalt von Wand und Pfeiler. Sein Knie oder seine Schulter wegzuhebeln, war nicht leicht, denn der Hintermann war ja auch nicht untätig und versuchte selber, erst einmal Nummer zwei zu werden. Es hat uns ungeheuer viel Spaß gemacht.

Als ich voriges Jahr den „Tatort“ photographierte, war ich erstaunt, wie klein die Pfeiler aussehen.  https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4948086517/in/set-72157605061052271 Doch für uns Kinder waren sie groß genug.

Im Rückblick betrachtet war die spielerische Drängelei auch eine Vorübung fürs Leben: Es ist schwer, nach oben zu kommen und dort seinen Platz zu halten. Und fürs fair-play gab es Spielregeln. Wer Hände und Füße zu Hilfe nahm, mußte raus. So fair geht es im Leben nicht immer zu. Da waren wir Kinder noch besser (dran).

 

 

 

 

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Hermann Löns und der Erste Weltkrieg

Posted in Geschichte by dierkschaefer on 4. August 2014

Der industrialisierte Krieg heißt der neue Beitrag zum Ersten Weltkrieg in der Neuen Presse / (NP 29. Juli 2014)1. Auf dieser Seite gibt es auch einen Bericht über Hermann Löns. Ein größerer Gegensatz ist kaum zu denken: diese Materialschlachten und der Spätromantiker Löns, obwohl zu alt und „ungedient“ meinte er seine Dienste an der Front anbieten zu müssen. War sehr schnell tödlich für ihn.

Wir haben zwar bei den Schullandheimaufenthalten auf den langen Wanderungen durch die Lüneburger Heide sein wohl bekanntestes Lied gesungen und gegrölt2, doch über Leben und Nachleben dieses Menschen wohlweislich nichts erfahren. Nun ja, das ansonsten eher dümmliche Lied war auch purgiert, denn in der ersten Strophe hieß es ursprünglich „Auf der Lüneburger Heide / ging ich auf und ging ich unter, / Bruder, pump mir deine Kleine, / denn die meine ist nicht munter.“3 Er ging dann im Krieg unter und später auch in der Lüneburger Heide, wenn der Mythos über seine Grabstätte stimmt.

So lernten wir in der Schule nicht so viel fürs Leben, das Leben anderer kam nur vor, wenn es nicht anstößig war.

 

1 https://webmail.strato.de/ajax/mail?action=attachment&session=69b648ed70f24123965b0e4d761fd693&folder=default0%2FINBOX&id=31937&attachment=2&save=0&filter=1

 

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Auf_der_L%C3%BCneburger_Heide

 

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_L%C3%B6ns

 

Die Illusion der Inklusion

Posted in Kinderrechte, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 3. April 2013

„Inklusion heißt: Schmetterlinge im Bauch“, so steht es, lesen wir, auf einem Plakat, das für Inklusion wirbt. Es zeigt ein hübsches Mädchen, das einen Jungen anlächelt. Der sitzt im Rollstuhl, das Mädchen nicht. Ein Reklameplakat. Doch zwischen Reklame und Realität liegen, wie wir wissen, oft Welten.

Was also ist Inklusion? »Inklusion heißt der Ansatz, behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen zu unterrichten«.

Eine ähnliche Diskussion kennen wir, und sie ist noch nicht abgeschlossen. Dort geht es um die Gesamtschule oder zumindest um eine Gemeinschaftsschule bis zu Klasse 10, an die sich dann eine gymnasiale Oberstufe anschließen kann. Dahinter steht die Illusion, daß mehr Kinder zum Abitur geführt werden können, wenn man sie nicht bereits nach der vierten Klasse nach Leistungsstand und Prognose voneinander trennt und sie den klassischen drei Schultypen zuweist. Das führt zu heterogenen Lerngruppen, denen dann innerhalb einer Klasse Rechnung zu tragen ist, damit die lernschwachen wie die hochbegabten Schüler eine ihnen angemessene Förderung erhalten. Wer auf dies Problem hinweist, bekommt zur Antwort, daß die Lehrer eben in der Art einer Binnendifferenzierung darauf eingehen müssen. Das erfordert häufig eine dreifache Vorbereitung der Lehrer – die warten geradezu auf Lernverhältnisse, wie sie in zwei- oder gar einklassigen Volksschulen geherrscht haben. Doch wir haben hier eine ideologische Konfrontation zwischen rot-grün und schwarz-gelb, und angesichts der Popularität des Gedankens, Kinder seien Kinder und dürften nicht auseinanderdividiert werden, wird die CDU-Volkspartei nachgeben, letztlich zum Schaden nicht angemessen geförderter Kinder und unseres Wirtschaftsstandortes. Doch die nächsten Wahlen sind immer näher als die Zukunftsperspektiven.

Heftiger zeigen sich die Probleme bei der Inklusion. Der ausführliche Artikel von Dorit Kowitz[1] zeigt das Hauptproblem auf. Kinder sollen auf das Leben vorbereitet werden, und das Leben kennt keine Inklusion. Die Chancen von Kindern mit Behinderung werden durch die Inklusion, je nach Art der Behinderung nur sehr bedingt besser. Doch die Ideologen sehen Behinderung ausschließlich unter dem Aspekt, daß Menschen nicht behindert sind, sondern erst behindert werden.[2] Darin liegt die Illusion, koste sie, was sie wolle. Um die Finanzierung streitet man ohnehin noch und wird sie zulasten der für die Inklusion geforderten Qualität lösen. Wichtiger aber: Zulasten der Kinder, behindert oder nicht.

Der Junge im Rollstuhl wird mutmaßlich weniger Chancen bei der Bewerbung haben, als seine Klassenkameraden, sei es um den Arbeitsplatz, sei es bei der Partnerwahl. Er wird es wahrscheinlich aber schon wissen und den Traum, den Andere für ihn träumen, gar nicht erst mitträumen. Ich weiß leider, wovon ich spreche.

 

Egal, ob Gemeinschaftsschule oder Inklusion: Warum trainiert der VfB-Stuttgart eigentlich nicht mit dem Bad Boller Fußballverein?


[1] Dorit Kowitz, Behinderte Schüler: Wie viel anders ist normal? http://www.zeit.de/2013/13/Inklusion/komplettansicht