Dierk Schaefers Blog

Die „vier päd­agogischen Urbitten“ des Kindes

Posted in Kinderrechte, Pädagogik, Politik, Psychologie by dierkschaefer on 10. Mai 2013

Kennen Sie die „vier päd­agogischen Urbitten“ des Kindes? Peter Fratton, ein Bildungsunterneh­mer aus der Schweiz, hat sie erlauscht. Sie lauten:  „Bringe mir nichts bei“, „Erkläre mir nicht“, „Er­ziehe mich nicht“ und „Motiviere mich nicht“.

Dem hat offenbar noch nie ein Kind Löcher in den Bauch gefragt. Kennt er überhaupt Kinder?

Er ist jedenfalls sehr experimentierfreudig, hat aber „keine Ahnung, was [bei seiner Schulreform] heraus­kommt, aber schön falsch ist auch schön“. Vielleicht geht ihm aber aus der Zeit seiner Pubertät We don’t need no education! nicht aus dem Kopf.

Und wenn Sie jetzt meinen, das Ganze spiele sich hinter den sieben Bergen bei den sieben Schweizer Zwergen ab, dann irren Sie sich. »Diese Konzepte [werden] in Baden-Württemberg propagiert, vor allem von … Peter Fratton. Frattons Thesen dürften einem wissen­schaftlichen Diskurs kaum standhalten«. Das bringen uns Matthias Burchardt und Jochen Krautz im heutigen FAZ-Artikel bei und erklären es uns.[1]

»Nichts bearbeitet die grün-rote Landesre­gierung mit solcher Verve wie ausgerech­net die Bildungspolitik, die in Baden-Württemberg seit langem als erfolgreich und vorbildlich gilt. Das belegen harte Zahlen wie die geringe Jugendarbeitslo­sigkeit, niedrige Schulabbrecher- und Wie­derholerquoten sowie Spitzenplätze bei Studien im Ländervergleich. Umso mehr verwundert, unter welchem Druck nun der Umbau der Schullandschaft betrieben wird«. Wie viele Revolutionen beginnt die „Neue Lernkultur“  mit einer neuen Sprache: »Lehrer werden jetzt zu Lernbeglei­tern umdefiniert, die Lernjobs verteilen, Lernarrangements gestalten und Kompe­tenzdiag­nose betreiben. Schüler, die nun Lernpartner heißen, führen Lerntagebü­cher, arbeiten Lernpläne in einzelnen Lernpaketen ab, füllen Checklisten aus und tragen ihre Lernfortschritte in Kom­petenz­rastern ein«. Auch der Frontalunterricht, den die Reformer sich wohl nur als eine Art autoritäre Vorlesung denken können, muß mal wieder weichen, obwohl »viele Studien belegen, dass ein von der Lehrperson aktiv gelenkter Unterricht deutlich effektiver ist als eine Reduzie­rung des Lehrers auf den Lernbegleiter«.

Man »muss … die Landesregie­rung fragen, warum sie die Schüler einem Bildungsunternehmer anvertraut, der in der Landtagsanhörung zum Besten gab, er habe „keine Ahnung, was dabei heraus­kommt, aber schön falsch ist auch schön“? Warum wird eine ganze Schulre­form auf solche Lehren gebaut?«

 

Ja, warum wohl? Die meisten Deutschen lehnen zwar mehrheitlich laut Umfragen den Bildungsföderalismus ab, doch gerade die Bildung ist der Bereich, in dem die Bundesländer ihre Souveränität beweisen können. Sie werden motiviert von Bildungsreformern, die sich durch neue Ideen profilieren. Die Fortschreibung bewährter Methoden profiliert eben nicht. Hier treffen sich Politiker mit den Reformern. Politiker brauchen Aufmerksamkeit, die bekommen sie nicht mit Altbewährtem. Und so werden Schüler und Lehrer mit immer neuen Schulreformen überzogen – und halten sie nicht, was man mit ihnen versprochen hat, dann sind die Politiker längst weitergezogen[2] und man beginnt eine neue Reform. Alles nicht evidenzbasiert, sondern aus dem ideologischen Wolkenkuckucksheim. Grün-rot, ohne Rücksicht auf Verluste, zulasten unserer Kinder – und unserer gemeinsamen Zukunft. Denn eigentlich sollen Kinder fit werden für ihr Leben, dafür muß man ihnen manches beibringen und erklären. Man nennt diesen Vorgang Erziehung. »Unter Erziehung versteht man die von Erziehungsnormen geleitete Einübung von Kindern und Jugendlichen in diejenigen körperlichen, emotionalen, charakterlichen, sozialen, intellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Kultur bei allen Menschen vorausgesetzt werden«[3]. Dabei muß man die Kinder fördern ohne sie zu überfordern. Das motiviert. An Kinderuniversitäten macht man das vor, frontal und mit großer Resonanz. Doch davon scheint Herr Fratton noch nichts gehört zu haben.


[1] Matthias Burchardt, Jochen Krautz, „Neue Lernkultur“ im Musterländle – Die Lehrer sollen in Baden-Württemberg nicht mehr lehren, sondern als Lernbegleiter wirken. FAZ Freitag, 10. Mai 2013, S. 7, Zitate aus dem Artikel

[2] So wie die Frau Schavan, unter deren Reformen die Lehrer in Baden-Württemberg gestöhnt und die Schüler gelitten haben.

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Erziehung [Stand: Freitag, 10. Mai 2013]