Dierk Schaefers Blog

„Aufrecht“ sterben – Fragen an Gesundheitsminister Spahn – Ein offener Brief in einer Angelegenheit von öffentlichem Interesse

Posted in Bürokratie, Deutschland, Ethik, Gesellschaft, Justiz, Kirche, kirchen, Kultur, Leben, Medien, Moral, News, Philosophie, Politik, Recht, Seelsorge by dierkschaefer on 20. Februar 2019

Sehr geehrter Herr Minister,

heute entnahm ich dem Tagesspiegel[1] Ihre Handhabung der Abgabepflicht tödlich wirkender Medikamente an Schwerst­kranke und wende mich deshalb an Sie, vorausgesetzt dass die Darstellung der genannten Zeitung stimmt.

Mir ist klar, dass es sich um eine komplexe Thematik mit Missbrauchsmöglichkeiten handelt. Aber ich[2] halte es für ethisch verwerflich, Sterbende mit ihren existentiellen Anliegen auf die lange Bank des Hinhaltens oder der Nichtbefassung zu schieben und dies mit allen Mitteln, die der bürokratische Abschiebebahnhof bietet, noch dazu, wenn sie rechtlich zumindest problematisch sind.

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Ich darf Ihnen aus meinem derzeitigen Alltag einen Mailausschnitt zitieren[3]:

„Meine Ärzte stellten mir eine ziemlich eindeutige Diagnose. Ich habe mein Haus bestellt, wie es so schön heisst, ich bereite die letzte Fahrt nach xxx vor, meine „ärztliche“ Tochter wird mich begleiten. Wenn es gut kommt, darf ich den Sommer nochmals geniessen, vielleicht aber auch den Herbst, er ist ein Geschenk. Ich werde kein bettlägeriger Fall, ich habe meine Frau und Tochter als Medizinerinnen, die mich vor langen Leiden schützen. Deshalb xxx, das schon immer meine 2. Heimat war: es hat eine andere Gesetzgebung.“

Von einem solchen Weg ins Ausland sprach öffentlich bereits Nikolaus Schneider, der frühere Ratsvorsitzende der EKD. Er werde seine an Krebs erkrankte Frau, wenn sie Sterbehilfe wolle, auch in die Schweiz begleiten.[4] Schneider hat damit persönlich eine sichtbare Distan­zierung zur in der Kirche herrschenden Meinung[5] vollzogen, die aktive Sterbehilfe ablehnt und auf palliative Maßnahmen setzt: Schmerzbekämpfung/Schmerz­dämpfung, auch in der Todeskampfphase.

Meine Fragen an Sie, sehr geehrter Herr Minister:

  • Müssen bei uns Menschen andere Rechtsräume aufsuchen, um so sterben zu können, wie sie es für sich wünschen?
  • Ist dieser letzte Wunsch nicht auch ein Menschenrecht?
  • Soll es dieses Recht nur für die geben, die es sich leisten können?
  • Soll die quälende Langsamkeit des Sterbeprozesses nur die finanziellen Interessen der professionellen palliativmedizinischen Begleiter bedienen?
  • Warum ist uns in Deutschland nicht vergönnt, so aufrecht zu sterben, wie wir das wollen unter Vermeidung der demütigenden Situation nur noch Objekt medizinischer Bemühungen zu sein?

Vor einigen Tagen erschien in der NZZ ein menschlich mich sehr berührender Artikel über Eltern, die mithilfe einer schweizer Sterbehilfeorganisation gemeinsam aus dem Leben scheiden[6]. Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben: Wie ging es Ihnen damit?

Ich schicke Ihnen diesen Brief vorab als Mail und werde ihn morgen in meinen Blog stellen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, ihn als erster zu lesen. Ihre Antwort werde ich selbstverständlich in vollem Wortlaut auch in meinem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, Tel: 0 71 64 / 1 20 55

PS: Doch noch ein paar Worte zum im Zeitungstext genannten Gutachten. Die Position des Gutachters sei bekannt gewesen. „95.200 Euro zahlten die Behörden für ein Rechtsgutachten – dessen Ergebnis feststand“, ist dort zu lesen.

Das wirft eine doppelte ethische Frage auf, einmal an den, der ein Gefälligkeitsgutachten in Auftrag gibt – und das für eine erhebliche Summe, die nicht einmal er selbst bezahlen muss. Zum andern für den Gutachter: Wie objektiv war er, um ein unabhängiges Gutachten zu erstellen? Für mehr als neunzigtausend Euro tun manche manches.

Da ich selber auch Gutachten erstelle (und von solcher Honorierung nicht einmal zu träumen wage), weiß ich, dass ich bei wenn auch begründeter Befangenheit lediglich eine gutachterliche Stellungnahme abgeben kann. Wie war das bei Ihrem Gutachter?

ds

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Graphik aus: Dierk Schäfer und Werner Knubbenin meinen Armen sterben? : Vom Umgang der Polizei mit Trauer und Tod, Hilden/Rhld. 19962 Seite 8, ISBN 3-8011-0345-5

Umschlagtext: Dierk Schäfer, Kirchenrat und Diplompsychologe, 48 Jahre alt, und Werner Knubben, Polizeidekan und Kriminalhauptkommissar a. D, 44 Jahre alt, arbeiten beide als Seelsor­ger im Regierungsbezirk Tübingen, Ihre umfangreiche Erfahrung mit Todesfällen und den davon direkt oder beruflich betroffenen Menschen hat sie gedrängt, dieses Buch zu schreiben, um Verständnis und Verstehenshilfe anzubieten.

Die Graphik war nicht Bestandteil des Vorabmails an den Minister.

Fußnoten

[1] https://www.tagesspiegel.de/politik/gesundheitsminister-ignoriert-urteil-jens-spahn-verhindert-sterbehilfe/24010180.html

[2] Zu meiner Person: Ich bin Pfarrer i.R. und habe 15 Jahre lang für Polizeibeamte berufsethischen Unterricht erteilt.

[3] Dieses Abschiedsmail erhielt ich vor wenigen Tagen, die persönlichen Daten und alle Ortsangaben habe ich unkenntlich gemacht.

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[5] Ob ich hier allgemein von „der Kirche“ reden kann, weiß ich nicht. Dort melden sich nur die „Hirten“ zu Wort, die „Schafe“ schweigen.

[6] https://www.nzz.ch/gesellschaft/wenn-die-eltern-gemeinsam-aus-dem-leben-scheiden-ld.1455660

Franziskus und die Schweizer Heimkinder

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Menschenrechte, Parteien, Politik by dierkschaefer on 25. März 2015

Wenn die Symbolhandlung[1] Folgen hat, könnten sich vielleicht nicht nur die Schweizer Behörden bewegen, sondern auch die katholischen Orden, die sich bisher  ordentlich zurückgehalten haben in der Frage der Entschädigung beschädigter Kinderbiographien.

[1] http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Papst-empfaengt-Schweizer-Missbrauchsopfer/story/11243712

Geht doch, wenn man will.

Posted in Geschichte, Kinderrechte, Kirche, Wirtschaft by dierkschaefer on 24. August 2014

»Der Branchenverband Interpharma beteiligt sich am Soforthilfefonds für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen.«

http://www.beobachter.ch/dossiers/dossier-fremdplatziert/artikel/soforthilfefonds_pharma-zahlt-an-opfer/

Was der Runde Tisch in kurzer Zeit erreicht hat, übertrifft selbst die zuversichtlichsten Erwartungen

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 2. Juli 2014

„Was der Runde Tisch in kurzer Zeit erreicht hat, übertrifft selbst die zuversichtlichsten Erwartungen“

 

Die Rede ist vom Runden Tisch für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmenin der Schweiz.

Auch als Nichtbetroffener kann ich nur neidisch auf das Ergebnis schauen, neidisch auf einen Staat, in dem so etwas möglich ist.

Man lese und staune.[1]

 

 

[1] http://www.fuersorgerischezwangsmassnahmen.ch/de/2014-07-01_mm_runder_tisch.html

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Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz

Posted in Kinderrechte, Kriminalität by dierkschaefer on 9. März 2014

»Zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kommt es in der Schweiz alarmierend oft. Jährlich gehen bei Fach- und Polizeistellen zwischen 3500 und 4000 Meldungen von Übergriffen auf Minderjährige ein.«

»„Die Zahl der tatsächlichen Übergriffe sind deutlich höher“, sagt Thomas Maier. So komme es jährlich zu mehr als zehnmal so vielen Vergewaltigungen, wie bei Fach- und Polizeistellen gemeldet werden.«[1]


Anderswo läuft es ehrlicher als bei uns.

Posted in Geschichte, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität by dierkschaefer on 27. Oktober 2013

Der Runde Tisch bei uns lief nur rund für die Interessenvertreter aus Staat und Kirchen. Diese „ehrenwerte“ Schicksalsgemeinschaft hat es geschafft, die Opfer öffentlicher Erziehungsmaßnahmen zu betrügen.

»Die Schweiz wird die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen finanziell entschädigen. … Dazu sollen Finanzierungsmöglichkeiten genutzt werden, die keine vorgängige Schaffung einer gesetzlichen Grundlage erfordern, wie das Bundesamt für Justiz (BJ) mitteilte. Bis zum nächsten Runden Tisch am 29. Januar 2014 sollen diese Möglichkeiten konkretisiert werden. Ziel sei es, bereits im ersten Halbjahr 2014 Gesuche um Soforthilfe entgegenzunehmen und zu bearbeiten«[1].

Wer von einer gerechteren Welt konkret träumen möchte, lese den Artikel.


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Staat und Kirche – auch in der Schweiz kein so ganz einfaches Verhältnis

Posted in Kirche by dierkschaefer on 14. Juni 2013

»Die Religionsfreiheit garantiert jeder Religionsgemeinschaft ein Selbstbestimmungsrecht und verpflichtet den Staat zur Neutralität in religiösen Fragen. Wie eine Religionsgemeinschaft sich intern organisiert, muss ihr freigestellt sein. In ihrer inneren Organisation kann sie insoweit nicht an die Grundrechte gebunden werden, die allein Abwehrrechte gegen Eingriffe des Staates darstellen. Mit Berufung auf die Gleichstellung von Mann und Frau und das Recht auf Ehe zu verlangen, der Zugang zum Priesteramt in der römisch-katholischen Kirche müsse auch Frauen und verheirateten Männern offenstehen, verstiesse gegen ihr Selbstbestimmungsrecht nach ihrer Glaubenslehre sowie gegen die Neutralitätspflicht des Staates. Bei ihrem Auftreten im staatlichen Bereich ist indessen auch eine Religionsgemeinschaft an das staatliche Recht und die Grundrechte gebunden.«[1]


»Traumatisierte Kinder brauchen höchste Aufmerksamkeit«

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Pädagogik by dierkschaefer on 1. Juni 2013

»Es gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Schweizer Geschichte: Das Schicksal von Heim- und Verdingkindern sowie anderer Opfer von fürsorgerischen Massnahmen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden zehntausende Kinder fremd platziert – wegen Armut, Verwahrlosung, Unehelichkeit, Tod oder Scheidung der Eltern. Nicht selten mussten diese Kinder psychische und physische Gewalt erleiden, oder auch sexuelle Übergriffe. Sie wurden ausserdem auf Bauernhöfen als Knechte ausgebeutet sowie in Kinderheime gesteckt, wo sie fragwürdigen Erziehungsmethoden ausgesetzt waren.«[1]


Ob die Schweiz großzügiger ist als Deutschland?

Posted in Geschichte, heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Politik, Soziologie by dierkschaefer on 13. April 2013

»Heute findet in Bern der Gedenkanlass für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen statt«

»Dass es in der Schweiz verbreitet fürsorgerische Zwangsmassnahmen gab, ist keine Neuigkeit. Warum dauert es mit der Aufarbeitung so lange?

Dies liegt vor allem an der ablehnenden Haltung von bürgerlichen Politikern. Die Opfer solcher Massnahmen haben sich immer wieder gemeldet, wurden von der Öffentlichkeit jedoch oft als Einzelfälle angenommen. 1986 erreichten die Jenischen, dass sich der Bundesrat für die gezielte Verfolgung ihrer Gruppe entschuldigte und sie Akteneinsicht und – tief angesetzte – Wiedergutmachungszahlungen erhielten. Auch die Opfer der Zwangssterilisation kämpften um Anerkennung und Genugtuung, diese Versuche wurden jedoch 2004 vom Parlament und insbesondere von Bundesrat Christoph Blocher abgeblockt. Man befürchtete damals, eine Lawine loszutreten, und entschied sich, besser gar nichts zu machen.

Denken Sie, dass es zu Genugtuungszahlungen kommen könnte?

Der Widerstand von bürgerlicher Seite ist jedoch wie gesagt gross.«

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Alles-andere-als-Geld-waere-beschaemend-fuer-die-Schweiz/story/29208557 Samstag, 13. April 2013

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