Dierk Schaefers Blog

»Eine der intrigantesten Scheinheiligen, die ich kennengelernt habe«

Posted in Christuskirche/Bochum, Hans-Ehrenberg-Gesellschaft, Psychologie by dierkschaefer on 30. September 2014

So beurteilt Jutta Ditfurth die Politikerin Dr. Antje Vollmer. [ https://www.welt.de/print-welt/article540928/Jutta-gegen-den-Rest-der-Gruenen.html ]

Wer Vollmers Wirken am Runden Tisch kennt[1], könnte geneigt sein, dieser Beurteilung zuzustimmen.

Wer ihre Liste ihrer Auszeichnungen und Preise sieht[2], muß sie unweigerlich für eine ehrenwerte Frau halten.

Merkwürdig ist dann allein ihre Unterstützung für den Scientologen Gottfried Helnwein[3]. Sonst weiter nichts.

Mehr über Scientology[4]

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Antje_Vollmer#Ehrungen

[3] http://www.wilfriedhandl.com/blog/2013/05/aktuell-gottfried-helnwein-scientology-und-die-fortgeschrittene-amnesie-einiger-osterreichischen-beteiligter/

[4] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/02/gefangen-in-der-parallelwelt/

Gefangen in der Parallelwelt

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Politik, Religion by dierkschaefer on 2. September 2013

Gefangen in der Parallelwelt

Spannend! Jenna wächst in einer Parallelwelt auf. Schon als Kind hat sie einen Vertrag unterschrieben. Für eine Milliarde Jahre hat sie sich verpflichtet, im Dienst der Church an der Erlösung des Planeten, seinem clearing mitzuarbeiten. Sie selbst? Nein, der Thetan in ihr, der wie schon seit Millionen von Jahren immer wieder in einem neuen Körper lebt, diesmal ist er in Jenna. Ihre Eltern gehören zur Führungsspitze der Church. Doch die sind der großen Aufgabe verpflichtet und haben kaum Zeit für ihre Kinder. Nur selten ist die Familie beieinander. Jenna wächst also wie die anderen Kinder der Church in deren Einrichtungen auf, bestimmt durch ständige Gedankenkontrolle per Lügendetektor und harte Kinderarbeit; Kost und Logis sind spartanisch karg, schließlich braucht die Church viel Geld und Ressourcen, um die Welt zu retten. Jenna kennt nur diese Welt und hat den Willen, hier ihren Aufstieg zu machen. Und doch hat sie ganz normale Wünsche: nicht so viel und so harte Arbeit. Sie weiß auch, daß sie später wird heiraten dürfen, aber Kinder kriegen ist verboten, notfalls eine Zwangsabtreibung. Wird sie aus diesem realen Albtraum aufwachen und aus der Parallelwelt herausfinden?

 

Zwei aktuelle Ereignisse machen gerade auf die Scientology-Church aufmerksam. Kürzlich wurde das Buch von Jenna Miscavige Hill, Mein geheimes Leben bei Scientology und meine dramatische Flucht in der FAZ vorgestellt, und heute bringt die SZ einen Bericht über Scientology und Hollywood – Massenexodus der Prominenz[1].

 

Der Name Miscavige war mir geläufig und machte mich neugierig. Darum las ich das Buch. Jenna Miscavige Hill[2] ist die Nichte des Nachfolgers von Lafayette Ronald Hubbard (L. Ron Hubbard)[3], dem Gründer der Scientology-Church. Seit seinem Tod leitet ihr Onkel David (Dave) Miscavige[4] die Einrichtung, die seit langem umstritten ist. Ihr wird Gehirnwäsche vorgeworfen und in Deutschland wird ihr der Status als Kirche verwehrt. Der Verfassungsschutz beobachtet sie und eine zeitlang gab es im Stuttgarter Kultusministerium eine Stelle, die sich speziell mit Scientology beschäftigte. Ich habe mehrfach erlebt, daß ich in meinen Weiterbildungsveranstaltungen für den Öffentlichen Dienst schriftlich versichern mußte, nicht nach den Methoden von Hubbard zu arbeiten.

Seit ich mich in den 70er Jahren an der Uni mit „Sekten“ (ein kirchlicher Kampfbegriff) beschäftigt habe, interessieren mich solche Weltanschauungsgruppen, die es schaffen, ihre Mitglieder in eine Parallelwelt zu locken und in ihr festzuhalten.

Wir wachsen zunächst alle in unserer eigenen Welt, der unserer Familie auf. Doch dann öffnet sich der Kreis. Kindergarten und Schule, Freunde und Medien zeigen uns, daß die Welt größer ist als unsere Familie. Dann sind wir in der „Normalwelt“ angekommen, wenn auch diese weithin nur auf einer Übereinkunft ihrer Bewohner beruht, die reale Welt zu sein. Die „Gemachtheit“ dessen, was wir als Realität erfahren, erklärt uns die Wissenssoziologie.[5] Da geht es mitunter recht bunt zu. Scientology sticht hervor durch seine Science-Fiction-Grundlage und seine Öffentlichkeitsarbeit. Die Leute verkaufen eine Art von Psycho-Kursen und benutzen für die Anwerbung und auch später im Verlauf ein E-Meter, ein simpel konstruierter Lügendetektor. Wer ihnen ins Missionsnetz geht, verliert viel Geld und Lebenszeit.

Jennas Buch berichtet bedrückend vom Aufwachsen in der Scientology-Version eines Bootcamps[6], schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Man lese und staune.

Staunen mußte ich auch, weil mir manches aus einem anderen Kontext bekannt vorkam. Die Kinderarbeit, die harten Strafen, die Kontrolle und die Indoktrination. So funktionierten die kirchlichen Erziehungseinrichtungen, so funktionierten manche Klöster und manche „Mutterhäuser“.

In diesem Jahr besuchte ich ein Zisterzienserkloster in Belgien. Dabei fiel mir auf, wie das ora et labora verteilt war. Beten und studieren taten die Patres, die einfachen Arbeiten verrichteten die Konversen[7], das sind die Laienbrüder, die Fratres. Und so wie in den Kinderheimen die Erzieher beim Essen unter sich blieben, so waren auch in diesen Klöstern die Speisesäle – und die Schlafsäle – fast apartheidmäßig getrennt. Auch die eigene Gerichtsbarkeit von Scientology findet ihre Parallele in der Zeit, in der die Kirchen noch Zähne hatten. Zur Klosterzucht lese man die Nonnen von Sant’Ambrogio[8] oder die Fabrikation des zuverlässigen Menschen.[9] Die Autoren dieses Buches, Treiber und Steinert ziehen die Entwicklungslinie von der klösterlichen Erziehung und Zurichtung der Menschen bis hin zu ihrer Verwendung in Fabriken.[10]

Es ist viel darüber geschrieben worden, ob Scientology eine Kirche oder nur eine skurrile Geldmaschine ist. Nach meiner Lektüre bin ich überzeugt: Beides trifft zu. Dafür sprechen die Skurrilität und die Rigorosität der Scientology-Routine, einschließlich des Gebrauchs einer Sondersprache. Das Dummhalten der Mitglieder, ihre Gedankenkontrolle, die Abschottung von störenden Einflüssen und die Bewertung der Außenwelt als feindlich, all dies sind in vielen Fällen Merkmale von Religion[11] und wurden in der Kirchengeschichte immer wieder praktiziert. Die Ausbeutung von Menschen und gar von Kindern dagegen ist keine religiöse Spezialität, sondern entspringt der allgemeinen Habgier und Rücksichtslosigkeit der Menschen, die sich religiös tarnen kann – wie auch bei Scientology.

Was lehrt uns das alles? Totale Institutionen[12] werden sehr leicht zu totalitären, mit all dem, was wir aus Kinderheimen, Altenheimen, Gefängnissen und Krankenhäusern u.a.m. kennen. Dies besonders, wenn der Zweck ein „guter“ ist. Wir kommen ohne solche Einrichtungen zwar nicht aus, aber sie und ihr Personal brauchen regelmäßige Kontrolle, die von außen kommen muß. Dagegen wehren sich diese Einrichtungen – und man muß sie dazu zwingen – und angemessen bezahlen.

 

PS: Falls jemand zum zweiten Mal diesen Beitrag liest und irritiert ist: Ich habe ihn überarbeitet.


[5] Ein wahrer Augenöffner ist Berger, Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt a.M., 1969. Wer dieses Buch gelesen hat, ist weitgehend immun gegen eindimensionale Weltanschauungen. (s. auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_gesellschaftliche_Konstruktion_der_Wirklichkeit )

[9] Hubert Treiber, Heinz Steinert, Die Fabrikation des zuverlässigen Menschen, Über die  „Wahlverwandtschaft“ von Kloster- und Fabrikdisziplin, Münster 2005

[10] „Die Regel des Ordens verlangte eine strenge Disziplin, der Tagesablauf war genau vorgeschrie­ben, und ein Abweichen von der Regel wurde bestraft. All dies erinnert in einem gewissen Sinne an die Arbeitsvorschriften, die Henry Ford für seine Fließbandarbeiter erließ.“ Jean Gimpel über die Cistercienser, zitiert bei Treiber/Steinert. Die heutigen Formen der Zurichtung des Menschen laufen subtiler und ausgefeilter. Es ist meist eine Zurichtung ohne Zwang, sondern läuft freiwillig über Trends, die man befolgt, um in zu sein.

[11] Auch von absolutierten politischen Weltanschauungen.