Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XXI

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Einundzwanzigstes Kapitel

Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war?

Die Veränderung in meinem Leben begann damit, dass ich in der Folgezeit zum häufigen Schulschwänzer wurde. Die Verlockung war aber auch zu groß, und wurde immer größer. Schnell fand ich heraus, während ich immer noch staunend den riesigen Bahnhof erforschte, dass fast aus jedem ankommenden Zug gleich mehrere russische Offiziere ausstiegen. Manch­mal folgte ich einem von ihnen, konnte mich aber nicht dazu überwinden, ihn so einfach wegen ein paar Groschen anzusprechen. Schließlich verspürte ich nicht den Kohldampf wie zu der Zeit in Königsberg. 1950 war die Not nicht mehr so groß. Es gab allerdings Dinge die sich ein kleiner Junge gerne gewünscht hätte.

Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass kaum ein Offizier nach Leipzig kam, der nicht irgend­einen bestimmten Auftrag hatte. Aber so gut wie jeder nahm die Gelegenheit wahr, seinen Auf­trag mit einer Shoppingtour durch Leipzig zu verbinden. Leipzig war immerhin eine Messestadt. Und es hatte sich herumgesprochen, dass im Gegensatz zu den übrigen Provinz­städtchen, wo sie herkamen, in Leipzig Waren zu haben waren, die es dort nicht gab. Das alles wusste ich allerdings natürlich nicht.

Endlich rang ich mich dazu durch, einen recht freundlich aussehenden Offizier anzusprechen. „Onkel hast du vielleicht 20 Pfennige für mich? Ich möchte gerne in den Zirkus gehen!“ Der Offizier sah nicht nur freundlich aus, er war es auch. „Natürlich mein Junge! Wer so gut russisch spricht, soll auch belohnt werden!“ Doch zunächst wollte er wissen wie alt, woher, und vor allem, woher ich so gut russisch sprechen konnte. Ich sagte ihm wahrheitsgemäß, dass ich aus Königsberg, genauer gesagt aus Kaliningrad käme, wo ich mit meiner Mutter und Schwester bis 1949 unter den Russen gelebt hätte. Auf seine Frage, wo denn mein Vater wäre, log ich etwas. Tatsache aber ist, ich wusste es bis zu diesem Zeitpunkt selbst nicht genau. Ich sagte ihm, dass dieser im Krieg gefallen sei. Der Offizier, wohl selbst noch an der Eroberung Deutschlands beteiligt, immerhin war er schon Major, atmete tief durch und strich mit seiner Hand durch mein Haar, fragte mich, was denn der Eintritt in den Zirkus kosten würde. Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den billigsten Preis von 55 Pfennigen. „So, da fehlen dir also noch 20 Pfennig?“ fragte er. „Tatsache ist“, blieb ich bei der Wahrheit, „Ich habe keinen Pfennig. Ich werde aber versuchen noch bei anderen um den Rest zu fragen!“ „Brauchst du nicht, Junge!“ Dabei kramte er in seinen Taschen herum und brachte eine Handvoll Alumini­um­geld hervor, wovon man so schöne schwarze Finger bekam, drückte sie mir in die Hand. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude und Überraschung.

Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Während wir gemeinsam die breite Treppe in Richtung Ostausgang hinunter gingen, fragte er mich nach meinen Zensuren in der Schule aus. Er war regelrecht entsetzt, als ich ihm ganz Stolz z.B. meine Eins im Russischen ansagte. Schließlich stellte sich heraus, dass in Russland die Eins die schlechteste, aber die Fünf die beste Note ist. So lernte ich wieder etwas dazu. Hatte ich doch bis zum 9ten Lebensjahr in Ostpreußen keine Schule von innen gesehen. Noch bevor wir den Taxistand erreichten, fragte er mich, ob ich denn morgen auch hier am Bahnhof sein würde. Er müsste in Leipzig über­nachten und hätte am nächsten Tag vor, noch einige Einkäufe zu tätigen. Er könnte gut einen Führer gebrauchen, der ihm z.B. das russische UNIWERMAG1 und das große HO-Kaufhaus2 zeigen könne. Wir einigten uns darauf, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr vor dem Hotel „Stadt Leipzig“3, welches ausschließlich für das russische Militär reserviert war, auf ihn warten würde. Scheiß auf Schule. Meine Führung würde mir bestimmt wieder eine Handvoll Aluminiumgeld einbringen. Am nächsten Tag lernte ich mehr vom Leben, als ich jemals hätte in der Schule hätte lernen können.

Vorsichtshalber versteckte ich meinen Schulranzen in der Toreinfahrt zum Hinterhaus, wo wir wohnten. In der Toreinfahrt selbst war ein etwas größerer Vorbau eingelassen. Dieser Vorbau diente als Schornstein für gleich zwei aneinander gebaute Häuser. An dem Schornstein war in der Toreinfahrt eine Klappe angebracht, damit der Schornsteinfeger auch von dort Zugang hatte. Diese Klappe hochschiebend war genügend Platz vorhanden für meinen Pappmaché Schulranzen. Meine Mutter oder meine Schwester sollten, wenn sie vor mir nach Hause kamen, nicht gleich auf dumme Gedanken kommen, dass ich eventuell die Schule schwänzen könnte.

Wegen der Möglichkeit, dass während meiner Abwesenheit der Schornsteinfeger gerade seiner Arbeit nachging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen. Immer wenn der Schorn­steinfeger in unsere Straße kam, stand schon einen Tag vorher draußen auf dem Bürgersteig mit Kreide geschrieben: Morgen kommt der Schornsteinfeger!

Also, kurz nach 10 kam dann auch mein Major aus dem Hotel, der mich schon vom Früh­stücks­zimmer aus auf der anderen Straßenseite gesehen hatte. Das Hotel war direkt hinter dem Bahnhof. Und vom Bahnhof war es nicht allzu weit zum Uniwermag, dem russischen Kaufhaus, wo wiederum nur Russen Zutritt hatten. Also musste ich draußen warten. In Sichtweite vom Uniwermag war auch schon das HO-Kaufhaus. Während ich vor dem Uniwer­mag wartete, fiel mir auf, dass einige Typen sich an die russischen Offiziere heran­machten und sie in ein Gespräch verwickelten. Die meisten gingen einfach weiter, andere blieben stehen, sprachen etwas länger mit den Zivilisten. Und siehe da, sie änderten manch­mal ihr angestrebtes Ziel, und begleiteten die Zivilisten in eine ganz andere Richtung. Keinen blassen Schimmer, was da vor sich ging. Bis ja, bis ich mit meinem Major schon wieder auf dem Rückweg vom HO war. Da wurden auch wir angesprochen. Schon vorher, während sich der Major u.a. mit Dessous für seine Frau in der Heimat eindeckte, hatte er mich gefragt, ob ich wüsste wo er z.B. echte Schweizer Uhren kaufen könne. Man hätte ihm gesagt, dass in Leipzig alles zu bekommen wäre. So auch Banbarchet. Also goldene Uhren verstand ich ja zu übersetzen. Aber Banbarchet? Nie gehört dieses Wort. Woher auch. Wer interessierte sich in den frühen Nachkriegsjahren schon für französischen Samt. Hier und jetzt aber war sowas angesagt. Die russischen Offiziere die einen fürstlichen Sold bekamen, jedes Jahr eine Heimfahrt, waren ganz verrückt danach. Und, Leipzig war die Handelsmetropole für solche Konterbande.

Mein Major war hocherfreut, als uns der Kerl ansprach. Sich unserem Schritt anpassend lief er neben uns her und radebrechte in schlechtem Russisch: Schto warn schilallte? Banbarchet, Schassie, Schuba…..? (Was wünschen Sie? Samt, goldene Uhren, Pelze?) Als ich mich empört einmischte, ich mir nicht mein erhofftes Führungsgeld durch die Lappen gehen lassen wollte, beruhigte mich der deutsche Schieber. „Sei nicht blöd Junge, da sind für dich zwischen 5 bis 20 Mark drin, bei dem Geschäft!“ Ich dachte ich spinne. Letztendlich wartete ich am verein­barten Treffpunkt, während der Schieber mit meinem Major in einem Taxi davon fuhr. Und siehe da, meine Geduld zahlte sich aus. Zum einen gab mir der Major für die erfolgreiche Füh­rung doch tatsächlich ganze 20 Mark. Der ließ sich dann auch gleich das kurze Stück zum Bahnhof mit dem Taxi weiterfahren. Ich konnte gerade noch feststellen, dass er jetzt ein Packet mehr mit sich herumschleppte. Der etwa 40jährige Schieber lud mich zu einer Limo­nade in eine nahe gelegene Kneipe ein. Dort verklickerte er mir dann bei einer Waldmeister­limo seinen Berufsstand (Schieber) und warb mich gleichzeitig als Zuträger von weiterer Kund­schaft an. Der Major hatte doch tatsächlich einen Pelzmantel, vier Meter Samt und eine echte Schweizer Uhr in Golddouble und 16 Steinen erworben. Wie mir der mir gegenüber­sitzende Typ, der etwas russisch in seiner kurzen Gefangenschaft gelernt hatte, in gutem Deutsch erklärte. Er wolle zu mir ganz ehrlich sein. Der Major hätte gleich drei Teile gekauft. Für jedes Teil bekäme er zehn Mark Provision. Diese wolle er mit mir ehrlich teilen, und schob mir 15 Mark wie ein Verschwörer unter dem Tisch zu. Wow! Das Schuleschwänzen hatte sich echt gelohnt.

Er hatte mich nach allen Regeln der Kunst beschissen

Nur, wie brachte ich es meiner Mutter bei, woher ich das Geld hatte, um ihr das Geschenk von einem halben Pfund Kaffee im Schwarzmarktwert von 20 Mark machen zu können? Wusste ich doch, dass meine Mutter sich jeden Monat ein viertel Pfund gönnte. Dieses viertel Pfund hütete sie wie ihren Augapfel, brühte ihn bis zu dreimal auf. Nun ja, auch das bekam ich hin. Wurde dafür ganz dolle gedrückt. Hatte ich zunächst auch daran gedacht den Schieber für seine Ehrlichkeit und dem großzügigen Teilen vor Freude zu drücken, so kam ich doch recht bald dahinter, dass der Typ ein ganz gemeiner Betrüger war. Er hatte meine Unwissen­heit und meine Winzigkeit als Menschenskind einige Tage lang nur ausgenutzt. Und wie mit einer Unverfrorenheit, die es nur echte Gauner drauf haben, hatte er mich nach allen Regeln der Kunst beschissen. Anfangs schöpfte ich ja auch noch gar keinen Verdacht, dass da etwas faul sein könnte. Ich mochte nur nicht seine Geheimniskrämerei. Er wollte mir partout nicht sagen, wo seine Quellen waren, von denen er die Ware bezog.

Einen Steinwurf entfernt vom Uniwermag, wo von den Schiebern die Kunden angesprochen wurden, am Bahnhof selbst, wo aus allen Ecken der DDR die potentiellen Kunden anreisten traute sich kein Schieber hin, da war die Bahnpolizei vor, also in der Nähe des Uniwermags war das Rathaus von Leipzig. Und dort war auch ein Taxistand. Dort stiegen auch immer die Schieber mit ihren Kunden ein. Ich hatte mir gut gemerkt in welche Richtung sie davon fuhren. Anstatt immer nur auf die Rückkehr zu warten, begab ich mich sehr schnell, noch bevor das Taxi losfuhr, zu dem Punkt wo ich es hatte abbiegen sehen. Beim nächsten Mal war ich schon wieder an dem Punkt angelangt, um zu sehen wie es weiterging. Nach einiger Zeit, wobei ich mir dann schon selbst ein Taxi nehmen musste, hatte ich auch schon das Ziel, d.h. den Hehler der Ware im Visier. Wobei es sich allerdings nur um den französischen Samt und einen Uhrendealer handelte. Andere Anlaufstellen kamen in der nächsten Zeit noch hinzu. Und das war gut so! Denn es passierte schon mal, dass eine Razzia durchgeführt wurde. Die Polizei wusste natürlich von den Schiebergeschäften, die im Umkreis vom Uniwermag getätigt wurden. Nachdem die observierten Schieber meistens bis auf den letzten Mann ins Netz gegangen waren, befand ich mich ganz alleine auf weiter Flur. Mich Knirps nahm man einfach nicht für voll. Das dachte anscheinend Frau Wilke, bei der ich dann notgedrungen selbst mit einem Käufer auftauchte auch. Sie wohnte in einer Villengegend ganz in der Nähe des Zoos. Als ich geklingelt hatte, sie durch den Türspion einen uniformierten Russen sah, mich Zwerg erfasste der Türspion erst gar nicht in seinem Blickfeld, öffnete sie. Als aber statt eines bekannten Schiebers so ein Knirps in Begleitung des Russen vor der Türe stand, wollte sie uns doch die Türe vor der Nase zuschlagen. Erwähnte ich schon, dass ich ein cleveres Kerlchen war? Ich hatte ja damit gerechnet, dass die Dealerin geschockt sein würde. Mich hatte ja niemand offiziell bei ihr eingeführt. „Entweder Sie lassen uns jetzt rein, oder die Polente ist schneller hier wie Sie Ihre Ware verstecken können!“ warnte ich kackfrech.

Ich erklärte ihr ganz kurz, wie ich auf sie gekommen sei. Und fragte auch noch, ob sie noch gar nicht gemerkt hätte, dass seit Tagen ihre Kunden ausblieben. Natürlich hatte es sich schon herumgesprochen, dass wieder einmal eine Razzia stattgefunden hatte. Während der Kunde sich die die fünf Sorten Samt vorlegen ließ, klärte ich sie weiter über mich auf. Und siehe da, plötzlich war ich voll akzeptiert. Sie fand es für ihr Geschäft viel unverfänglicher, wenn ich Stepke bei ihr auftauchte. Von da an war ich in den Folgejahren in ihren Augen ein guter Geschäftspartner.

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen.

Ich hatte noch ganz in der Nähe des Bahnhofs einen ganz unscheinbaren Tabakladen als Bezugsquelle für Samt ausfindig gemacht, wo der ältere Herr keine Sperenzchen machte, als ich zum erstenmal mit einem Kunden auftauchte. Nicht immer war jeder Dealer mit Ware versorgt. So war es immer gut mehrere Quellen zu haben. So hatte ich zwischen Rathaus und Uniwermag auch noch in der berühmten Mädlerpassage ein Uhren-Schmuck­geschäft ausfindig gemacht, wo so gut wie immer eine große Auswahl an vergoldeten Schweizer Uhren vorrätig war. Na ja, Nutria und andere kostbare Pelze in Leipzig zu erstehen, war auch kein Problem. War Leipzig doch eine Hochburg der Kürschner Zunft. Eigentlich konnte ich recht bald fast alle Wünsche der Kundschaft erfüllen. Lackschuhe und Perlonstrümpfe sowie Fieberglas-Koffer waren gefragt. Ebenso Streptomycin und Penicillin. Nicht selten wurde auch nach benutzbaren Frauen gefragt. Auch dafür war ich ein Ansprechpartner.

Um aber auf Frau Wilke (so hieß sie wirklich!) zurückzukommen; ich war nicht sonderlich erstaunt darüber, dass sie, nachdem sich mein erster persönlicher Kunde gleich zweimal vier Meter Samt hatte einpacken lassen, ohne wegen des angesprochenen Preises zu handeln, gab mir Frau Wilke zu verstehen, dass ich wegen der Provision nochmal vorbei kommen müsse. Schließlich müsse der Russe das ja nicht unbedingt mitbekommen. Konnte ich gut verstehen, denn, hätte der Käufer gesehen, was ich da in die Hand gedrückt bekam, wäre ihm sicherlich die Galle hochgekommen. Denn ich war ja selbst baff über die Summe. Ich brachte den Kunden noch bis zum wartenden Taxi und verabschiedete mich mit der Begründung, das ich selbst ganz in der Nähe wohnen würde. Der Russe nahm es hin. Und ich holte mir meine vermeintlich doppelte Provision von Frau Wilke ab. Hatte der miese Typ, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet hatte, indem ich ihm immer neue Kundschaft zuführte, nicht gesagt, dass er mit mir teilen würde? Was war es? Wut oder freudige Überraschung, als ich von Frau Wilke das Geldbündel in die Hand bekam. Ich musste es drei-viermal zählen, bevor ich es glauben konnte. Ich hielt doch tatsächlich 180 Mark in der Hand!

Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme.

Wie der Leser das verstehen soll? Nun, je nach Marktlage, oder besser gesagt Lagerbestän­den, wurde von dem Dealer ein fester Preis an den Schlepper gezahlt. Es lag also an dem Schieber, welchen Preis er bei dem Käufer aushandelt. Da aber viele Russen gerne feilschten, konnte die Provision unterschiedlich ausfallen. Da aber mein Kunde anstandslos den gefor­derten Preis von 350 Mark ohne Murren gezahlt hatte, standen mir bei derzeitiger Marktlage die Differenz von 90 Mark pro vier Meter Samt zu. Ich war einfach nur baff! Bei so einem einträglichen Geschäft, immerhin kamen an guten Tagen bis zu 400!!! Mark zusammen, da ließ ich schon mal fünfe gerade sein und dachte gar nicht daran, dass es da auch noch die Schulpflicht gab. Entschuldigungsschreiben waren für mich kein Problem. Hatte ich mir doch schon längst die Sütterlinschrift meiner Mutter abgeguckt. Fortan brauchte meine Mutter nie mehr auf ihren geliebten echten Bohnenkaffee zu verzichten. Geschweige denn die Pampe mehrmals aufzubrühen. Wie ich an das Geld kam, verschwieg ich ihr nicht. Nur das dazu oft Schuleschwänzen angesagt war, verschwieg ich ihr lieber.

Die Sonntage, wo ich mich am/im Zoo etc. herumtrieb, mochte ich auch nicht mehr missen. Natürlich gehörte ich meinem Lebenswandel gemäß in eine erzieherische Maßnahme. Aber zum einen litt eigentlich meine schulische Leistung gar nicht darunter. Ich war top am Ball, und wichtige Arbeiten nahm ich immer wahr.

Nur der Grund, warum ich letztendlich in ein Heim für Schwererziehbare kam, das war sehr ungerecht. So empfinde ich noch heute.

 

Anmerkung:

Leider erlaubt diese Programmsoftware keine Fußnoten und auch keine Hyperlinks mehr. Das ist äußerst ärgerlich für die Leser wie für mich. Da ich meist mit Fußnoten arbeite, habe ich einen erheblichen Mehraufwand mit einer Extra-Numerierung und die Leser können die Fußnoten nur über das Extra-PDF erreichen und dort hoffentlich auch anklicken, soweit Hyperlinks angegeben sind.

Ich verzichte in Zukunft darauf, den jeweiligen Artikel auch als PDF anzubieten und verweise auf die geplante Gesamtedition dieser Biographie, die dank Fußnoten und Hyperlinks hier im Blog nur noch als PDF darzustellen sein wird.

Aus denselben Gründen gibt es das Inhaltsverzeichnis nur noch als PDF.

Ich bitte die Leser, diese Umständlichkeit zu tolerieren. Auch ich bin von der Veränderung überrascht und not amused.

Fußnoten  21 – fußnoten
Inhaltsverzeichnis  21 Inhaltsverzeichnis

 

 

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVII

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Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

               die keine Kindheit war

 

 

 

Siebzehntes Kapitel

                                       War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![1]

Wie erwähnt: es gab nur wenige Momente, die mich gerne an diese Zeit zurück erinnern las­sen. Zu diesen Momenten zählt nicht unbedingt die Begebenheit dazu, die ich im Schweine­stall erlebte. Wissend, dass ich mich vor diesen ewig grunzenden Ungeheuern fürchtete, hob mich meine Mutter hoch. Anstatt mich mit dem Buhmann im Keller zu schrecken, weil ich ungezogen gewesen war, ließ sie mich mit ausgestreckten Armen über dem Schweinekoben schweben. Ich schrie und zappelte und versprach auch wieder ganz artig zu sein, wenn man mich bloß nicht zu den Schweinen reinsteckte.

Dann hatten wir da noch einen Gänserich (Ganter), der sich schlimmer aufführte als unsere Lore. Lore war unser Hofhund. Ein liebes Vieh, welches wir nach einiger Zeit auf der Flucht, wir mussten einmal in die, das andere Mal in die andere Richtung fliehen, bei unserer Rückkehr auf dem Hof mit durchgeschnittener Kehle im Kleiderschrank fanden. Lore war auch ein Opfer des Krieges geworden. Dieser Gän­serich also hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alles anzufauchen, was sich in seiner Nähe aufhielt. Zum Glück wurden wir beide von einem Maschendraht voneinander getrennt. Ich schiss mir ohnehin fast in die Hose, wenn ich mal im Spieleifer in die Nähe des Zaunes gelangte und plötzlich das furchterregende Zischen, das diesen Biestern eigen ist, hinter mir hörte. Seine Fressgier wurde dem Urviech dann aber zum Verhängnis. Meine erste (bewusste?) Untat beging ich in meinem Leben mit etwa drei Jahren. In der Tasche meiner Spielschürze (warum sollen Jungs keine Spielschürzen tragen?) hatte ich für meine Häschen leckeren Löwenzahn am Straßenrand gerupft. In meiner Sorglosigkeit, Kinder vergessen eben schnell das Böse, hielt ich mich eine Weile am Zaun auf, um Lore zu streicheln. Dabei hatte ich den Ganter ganz vergessen. Diesmal aber fauchte das Vieh mich gar nicht an. Es interes­sierte sich mehr für den Löwenzahn in meiner Schürzentasche. Oh Schreck, als ich mir dessen bewusst wurde, dass dieser hässliche Kopf in meiner Tasche steckte, machte ich eine Reflex­bewegung. Mit beiden Händen umfasste ich diesen langen Hals, und drückte verzweifelt zu und zog, was ich ziehen konnte. Der sterbende Schwan[2] im Bolschoi Ballett in Moskau[3] hat mir besser gefallen, weil dort eleganter gestorben wird. Meine relativ kleinen Händchen hatten wohl zu fest und zu lange diesen Gänsehals zugedrückt. Als ich ihn endlich losließ, fauchte das Vieh gar nicht mehr. Nie mehr! Keiner konnte sich erklären, wie dieser Pracht­bursche ums Leben gekommen war. Mich verdächtigte man am wenigsten.

Diese Backhendl waren nicht mehr zum Verzehr bestimmt.

Kaum hatte man den Tod des Ganters überwunden, in Kriegszeiten gab es nicht mehr allzu viele davon, da reduzierte ich schon wieder unseren Viehbestand beträchtlich. Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint mit den kleinen Küken. Mutter hatte extra den Ofen angeheizt, die Klappe des Back­ofens geöffnet und ein ganzes Gelege kleiner Küken in einem Pappkarton auf diese Klappe gestellt. Ich mochte diese kleinen piepsenden, gelbflauschigen Küken wirklich sehr gerne. Sie taten mir richtig leid, wie sie so rumkrabbelten und wie es schien vor Kälte zitternd sich zu einem Knäuel in eine Ecke des Kartons zusammendrückten. Ich konnte mir das nicht mehr länger mit ansehen, wie diese süßen Geschöpfe in ihrem Käfig zitterten. Da niemand anders in der Nähe war, dem ich davon erzählen konnte, dass die Küken froren, schuf ich selbst Abhilfe, ich schob den Karton in den Backofen, wo es, wie ich mit der ausgestreckten Hand feststellen konnte, viel wärmer drin war, und machte auch vorsichts­halber noch die Ofen­klappe zu. Diese Backhendl waren nicht mehr zum Verzehr bestimmt. Diese Missetat wurde mir auch sofort zugeschrieben. Mir wurde das geringe Alter zugute gehalten, deshalb bekam ich auch unter Berücksichtigung dieser mildernden Umstände nur so viele Stockhiebe, dass ich hinterher noch sitzen konnte. Was nicht immer so bleiben sollte. Später, wenn die Rest­familie, bestehend aus Schwester und Mutter mal beisammen saß, wurden solche Erinnerun­gen hervorgeholt. Mehr die, die ein wehmütiges Lächeln hervor­brachten, als die, die einen eher zum Heulen brachten. Aus eigener Erinnerung kommen dann noch Einzelheiten hoch, die aber nur schwach ausgeprägt sind. So merkte ich zwar, dass im Obstgarten ein kleiner Berg entstand, wusste ihn aber nicht zu deuten. Wie ich erst viel später erfahren sollte, waren die polnischen Arbeiter gehalten, für jedes Anwesen Luftschutzbunker auszuheben. Das war also der Berg gewesen, der im Obstgarten entstanden war. Das Innere dieses Berges mussten wir immer häufiger aufsuchen, um vor den hauptsächlich abgewor­fenen Splitterbomben geschützt zu sein. Wovor schützten wir eigentlich unser Leben? Doch nur um das ganze kommende Elend bei vollem Bewusstsein miterleben zu können? Heute noch, obwohl, oder weil ich diesen ganzen Schlamassel überlebt habe, frage ich mich, ob es wohl den Aufwand wert war, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! Nachdem wir mal für eine längere Zeit den Hof verlassen mussten und wiederkehren durften, war unsere Lore tot. Die Russen waren schon bis zu uns vorgedrungen. Einmal schafften die Deutschen es dann noch, diese wieder zu vertreiben. In der damaligen Propaganda hieß das wohl: Der Feind wurde vernichtend geschlagen…..oder so! So vernichtend aber konnte der Gegenschlag nicht gewesen sein.

                                                                                                            Sehr bald schon mussten wir endgültig und für immer unsere Heimat verlassen.

Sehr bald schon mussten wir endgültig und für immer unsere Heimat verlassen. Zwar noch nicht Ostpreußen, aber doch unser Haus und alles was Generationen lieb und teuer geworden war. Ich zählte mich dazu. Es war ein beschissen kalter ostpreußischer Winter, als unsere Flucht begann. Es bildeten sich ganze Trecks. Doch keiner wusste so recht, wohin man flüchten sollte. Ich als der kleinste, wurde dick vermummt auf einen Schlitten mit dem Rest unserer Habe verpackt und in der Gegend herumgezogen. Durch einen kleinen Schlitz konnte ich dann auch manchmal die tieffliegenden Flugzeuge sehen, die dicht über uns hinweg flogen, eine Garbe abschossen oder gar Bomben fallen ließen. Mein Schlitten wurde einfach­heitshalber in den Straßengraben gestoßen, und Mutter warf sich über uns Kinder. Aus dieser Zeit haben sich hin und wieder ein paar Nebelschleier der Erinnerung gelichtet. Keiner hatte mehr als das, was er an oder bei sich hatte, so wie wir noch unseren Schlitten. Niemand stellte mehr Besitzansprüche auf irgendwelche Gebäude oder Land. Gruppen, die sich zusammen­geschlossen hatten, suchten ihre Nachtlager dort, wo es sich gerade ergab.

Soldaten wurden zu der Zeit ja noch so recht oder schlecht versorgt. Zivilisten waren in dieser Versorgung nicht mit eingeplant. Wurden ja auch nicht darum gebeten, sich an diesem Krieg zu beteiligen. Außer die halben Kinder und Greise, die Königsberg mit allen Mitteln zu ver­tei­digen hatten. Nur, die Mittel zur Verteidigung waren mehr als begrenzt. Trotzdem brachten sie die Russen damit ganz schön in Rage. Diese sinnlose Verteidigung, wo es ohnehin nichts mehr zu verteidigen gab, machte die Soldaten ganz schön brutal. So kann ich mich erinnern, wie wir, inzwischen zu einem stattlichen Flüchtlingstreck angeschwollen, in langen Reihen, flankiert von Soldaten, an einem Haufen gefallener deutscher Soldaten vorbei marschieren mussten.

Viel später erst sind diese Bilder voll in mein Bewusstsein eingedrungen. Wir MUSSTEN unsere Köpfe nach rechts wenden. Alle! Dort standen zwei russische Soldaten, hatten auf Mistforken einen Uniformierten aufgespießt, diesen hochhaltend wurde uns erklärt, dass es allen Faschisten so ergehen würde, die sich gegen die ruhmreiche Sowjetarmee stellen würden.

Ich sehe heute immer wieder das Bild vor mir, wie eine Frau aus unserer Reihe ausscherte, eine weiße Windel ausgebreitet auf die Wasseroberfläche eines Sees legte, an dem wir gerade vorbeikamen. Auf diese sich langsam mit Wasser vollsaugende, untergehende Windel legte diese Frau ihren toten Säugling. Verhungert? Hunger gab es. Wir schrieen vor Hunger.

Der Kopf, der vor dem Bett lag …

Eine Szene, im Zusammenhang etwas gegen den Hunger zu unternehmen. Der Haufen Menschen, den die Not zusammen gewürfelt hatte, weil der Mensch nun mal ein Herdentier ist, fiel auf ein größeres landwirtschaftliches Gut ein. Verlassen wie fast alle anderen auch. Unser Treck hinkte wohl in vielem nach. Er bestand ja auch nur aus Frauen aller Altersklassen, ganz alten Männern, die wirklich kein Gewehr mehr halten konnten, und Kindern, die es noch nicht halten konnten. Alles schwärmte aus. Man fand ja damals an den unmöglichsten Stellen Verstecke, wo Vorräte gelagert wurden. Mutter war mit uns Kindern direkt ins Hauptgebäude eingedrungen. Wir schauten weniger in die Keller, als unter den Treppenstufen nach, und wurden fündig. Riesige, runde, selbstgebackene Brotlaibe fanden wir. Jeder hütete seinen Schatz. So fürs erste versorgt, nahm mein Bruder mich bei der Hand und wir erforschten auch noch die anderen Räume. In der Hoffnung, noch andere nützliche Dinge zu finden. Und wir fanden auch noch etwas. Ganz oben in der Dachkammer. Kaum dass wir die Tür geöffnet hatten. Gleich links hinter der Türe, dort stand ein Bett. In meiner kindlichen Unschuld, die ich ja noch besaß, begriff ich es ja noch gar nicht so recht. Doch mein elfjähriger Bruder, schon mit offeneren Augen durch das Leben gehend, schrie furchtbar erschreckt auf. Weil seine Hand die meine derart eingequetscht hatte, dass es schon sehr weh tat, konnte ich mich ebenso wenig bewegen wie er. Sein Sirenengeschrei lockte mehrere Erwachsene zu uns herauf. Wir wurden eiligst aus der Kammer geschoben. Der gebotene Anblick aber war in uns haften geblieben. Man sagt mir noch heute nach, dass ich mich des Öfteren nachts im Bett aufrichten und dabei schreien würde. Ich bin tat­sächlich schon von meinem eigenen Geschrei wach geworden. Ob dieser Vorfall mit daran schuld trägt? Tote hatten wir ja schon einige gesehen, aber dieser Tote oben in der Dachkam­mer war doch etwas zu viel für ein zartes Kindergemüt. Das blauweißkarierte Bett war mehr rot als blauweiß. Der Körper, der darauf lag, auch. Der Körper und das viele Blut waren ja nicht einmal das schlimmste. Der Kopf, der vor dem Bett lag und uns mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, hatte die Nerven meines Bruders überstrapaziert und zu seinem Geschrei geführt. Die paar Liter Blut, die ein Mensch im Körper haben sollte, hatten sich ganz schön breit gemacht in dieser kleinen Dachkammer. Die Wand, das winzige Fenster, alles in rot gehalten. Ich selbst bevorzuge schöne helle Räume.

„Komm Frau, ficki-ficki“!

Seitdem? Der Krieg musste irgendwie zu Ende sein, in Königsberg zumindest, wo wir inzwi­schen angelangt waren. Die erdbraunen Uniformen herrschten im Trümmerstadtbild vor. Sah man mal die uns bekannte deutsche Uniform, dann immer nur im Haufen und von Gewehr tragenden Russen begleitet. Kein siegessicheres Lächeln auf ihren Gesichtern, wie man sie noch allenthalben auf Plakaten sehen konnte. Mit grauen, verhärmten Gesichtern, ließen sie sich wie eine Schafherde treiben. Wir sahen auch immer noch Flugzeuge am Himmel. Jetzt aber nicht mehr so tief fliegend. Und auf uns wurde auch nicht mehr geschossen. Überhaupt war es um uns viel ruhiger geworden. Die Schneeschmelze des Frühlings 1945 erlebten wir schon bewusster. Bei gutem Wetter, so sagte Mutter, könne man die Brauerei von Königsberg von „unserem Anwesen“ aus erkennen. Eine etwa 30-köpfige Gruppe hatte sich auf einem verlassenen Gehöft eingenistet. Mitten auf dem Hof gab es einen Ziehbrunnen. Rundherum waren die Gebäude verteilt. Herren und Gesindehäuser, sowie Schuppen und Scheunen. Meine Familie war mit im Herrenhaus untergekommen. Wenn nicht die tägliche Sorge um die Ernährung gewesen wäre, hätte man das Ganze für eine Idylle halten können. Wir Kinder brauchten uns nicht mehr bei jedem Fliegergeräusch zu verstecken, nur noch beim Versteck­spiel. Wir spielten Fangen und winkten unseren „Befreiern“ zu, wenn sie auf der nahen Land­straße vorbei fuhren. Sie winkten größtenteils zurück. Mutter und andere Frauen besorgten den Gemüsegarten mit einer Akribie, die nur einer Bauerntochter zu eigen sein schien. Wegen der vielen Mäuse wurden Fischreste im Garten ausgelegt, um wild streunende Katzen anzu­locken. Jeder ging seinen Interessen nach. Das meiste Interesse bestand darin, etwas Essbares aufzutreiben. Da man mich kleinen Steppke nicht immer mitnehmen mochte, wegen meiner kurzen Beine, hielt ich mich viel an der Schürze meiner Mutter auf. So auch als eines Tages ein Russenjeep an der Landstraße anhielt, ein Russe ausstieg und sich an den Gartenzaun stellte, wo meine Mutter gerade etwas zu tun hatte. „Komm Frau, ficki-ficki“, lockte der Mann sie an den Zaun. Ich sah auch, dass er seinen „Wasserschlauch“, nur viel größer als mein Piephahn, durch eine Masche steckte. „Schau gar nicht hin meine Junge“, sagte meine Mutter zu mir, und schraubte mit einem festen Griff meinen Kopf zur Seite. Man halte es meinem Alter zugute, dass ich sehr neugierig war. Gegen den Willen meiner Mutter, bekam ich dann aber doch das folgende mit. Die erigierte Vorfreude des Russen wurde ihm zum Verhängnis. Mutter hatte sich gebückt und versuchte den Kerl zu ignorieren. Sein immer drängenderes „ficki-ficki Frau komm“, wurde meiner Mutter zu bunt. Sie erhob sich, trat an den Zaun heran und, schwups zierte seine Männlichkeit ein schöner großer Hechtkopf. Sowas lag ja zum Anlocken der Katzen zwischen den Beeten herum. Helliger Bimbam, konnte der Kerl aber schreien. Mutter packte mich, rannte mit mir zum Haus, suchte in fliegender Eile ein paar Sachen zusammen, rief den anwesenden „Nachbarn“ etwas wegen meiner Schwester und meinem Bruder zu, und dann verschwanden wir für ein paar Tage zu einer anderen „Wohn­gemeinschaft“. Erst als uns Entwarnung gegeben wurde, vereinigten wir uns wieder mit dem Rest der Familie. Vergewaltigungen jeder Art waren inzwischen unter Strafe bei der Besatzungsmacht verboten. Wenige Monate zuvor hätte sich der Russe bestimmt nicht so zufrieden gegeben. Da hatten sie noch keinen Anstoß daran genommen, wie viele Zeugen dabei waren, wenn sie sich mit Frauen jeden Alters der Reihe nach gleich auf dem nächst­besten Tisch oder sonstwo vergnügten. Wobei das Vergnügen immer nur auf ihrer Seite war. Nicht einmal die anwesenden Kinder fanden so etwas lustig, wenn Mütter oder Schwestern schreiend sich zu wehren versuchten. Nebenprodukte des Krieges! Immer und immer wieder bei solchen Gelegenheiten praktiziert! Ein Brüderchen wurde mir durch solch eine Handlung geschenkt. Es überlebte diese Schande, unehelich geboren zu sein, nicht lange. Eine Typhus­epidemie nahm ihn uns wieder. Wie durch ein Wunder überlebte unsere Familie auch diese.

Vergessen von der Welt mussten wir weiter für uns sorgen.

Während man laufend ausgemergelte Menschenkörper irgendwo nackt (die Sachen wurden dringend für die Überlebenden benötigt!) begrub, ihnen noch beim Wegtragen die Scheiße rauslief, rumorten unsere Eingeweide vor Hunger und Durst. Das Einzige, was wir hatten, war Wasser. Aber dieses durften wir noch nicht einmal trinken, weil es verseucht war. Mitten in der großen Scheune, wurde ein neuer Brunnen gegraben, und die alten Männer achteten streng darauf, wie in Zukunft der Brunnen behandelt wurde. Unsere Hauptnahrung bestand dann darin, dass wir Brennnesseln und Melde[4] sammelten und diese abkochten. Ich habe danach ca. 15 Jahre lang keinen Spinat mehr essen oder sehen können. In aller Herrgottsfrühe machten wir uns auf, um an den Tümpeln und Teichen Frösche zu fangen. Diese Beute nagelten wir dann mit dem Rücken auf kleine Brettchen, schnitten mit einer Rasierklinge vorsichtig ihre Bäuche auf, entfernten die Galle und die anderen Innereien, warfen den Rest in kochend heißes Wasser. Fleisch! Zart und sehr bekömmlich. Nur, viel zu wenig! Die Dachhasen ver­mehrten sich sehr schnell. Was machte es da schon aus, dass wir unter ihnen etwas Auslese trafen? Wenn ich rückschauend mein Leben betrachte, errechne ich, dass ich bis heute schon mehr Dach- als Stallhasen verzehrt habe. Allen Tierschützern, die sich jetzt empört oder angeekelt von meinem Buch abwenden, sei ins Album geschrieben, dass auch sie es vor lauter Hunger getan hätten. Eine andere Möglichkeit zu etwas Essbarem zu kommen war, sich an die Landstraße zu stellen (natürlich nur Kinder, weil Russen Kinder eben mehr liebten als die Faschisten?), auf die vorbeifahrenden Lastwagen zu warten, die Nachschub für die Garni­sonen in und um Königsberg heranfuhren. Es waren immer offene Ladeflächen, wo berge­weise, die von uns so begehrten Kartoffeln und Kohlköpfe transportiert wurden. Oben drauf, auf den Kartoffeln oder Kohlköpfen, saßen meist zwei Begleiter der Fracht. Diese anzubetteln war die Aufgabe der Kleinsten. Zu diesem Zweck hatte man uns Standardsätze in Russisch eingepaukt. Kinder lernen schneller Fremdsprachen! Boschalista, Kartoschka-Kapusta, (Bitte, Kartoffeln-Kohl) riefen wir dann auch den Nahrungsbewachern auf der Ladefläche im Vor­bei­fahren zu. Oft hatten wir damit auch Erfolg. Bei denen, wo unsere Bettelei von Erfolg gekrönt war, handelte es sich wohl um Soldaten, die selbst jüngere Geschwister daheim hatten oder zumindest wussten, was Hunger bedeutet. Doch es gab auch viele, die gar nicht auf uns reagierten, uns höchstens Schimpfworte herunterriefen, von ihrem Thron.

Nun, Schimpfworte hatten wir selbst als erstes von ihnen gelernt. Diese wendeten wir dann eben auch an. Auf diese Weise bekamen wir auch sehr häufig unsere Kartoffeln oder Kohl­köpfe. In diesem Falle allerdings warfen die so Beschimpften aus Wut darüber mit der begehr­ten Nahrung nach uns. Auch gut!

Dann erlebten wir noch eine Fettlebezeit. Zu Hunder­ten, ja Tausenden wurden direkt an unserer Straße Pferde Richtung Osten getrieben. Kriegs­beute? Ausgerechnet in unserer Nähe wurde jedes Mal eine Nachtrast eingelegt. Klar, dass die Rus­sen nicht eines der Pferde wieder rausrückten. Was scherte die unser Hunger. Vollzäh­lig mussten sie auch abgeliefert werden. Unseren Hunger wollten sie nicht akzep­tieren. Ihren Sexhunger aber unbedingt bei Frauen und Mädchen stillen. Die glaubten doch tatsächlich, dass sich die Frauen dann auch mit ihnen aus Liebe in den Straßengraben legen ließen. Dabei konnten sie, leider zu spät für sie, hinterher feststellen, dass es nur aus Berechnung geschehen war. Ob nun vergewaltigt oder freiwillig, jeder verfolgte nur seine eigenen Wünsche. Nur, dass in diesem Falle die Frauen zweimal etwas Warmes in den Bauch bekamen. Nämlich, wenn die Besatzer am nächsten Morgen mit ihren Pferden weiterzogen, fehlte mindestens eins davon. Bis zum Abzug hatten die etwas größeren Bengels unter Anleitung der alten Männer, die noch dabei waren, eines der Pferde in den auf der anderen Straßenseite beginnenden dichten Wald getrieben, die Augen verbunden und immer neben einem verlassenen Schützen­graben festgebunden. Wir Kinder spielten auf der Straße, mein Bruder musste auf der Mund­harmonika spielen, wenn sich jemand näherte. Ein Keil, der sonst zum Holzspalten Verwen­dung fand, wurde dem Pferd an die Schläfe gesetzt und einer schlug mit einem Vorschlag­hammer zu. Danach gab es wieder einige zeitlang Fleisch satt. Einmal, die Pferdetrecks tröpfelten nur noch so dahin, unterlief den Pferdeeinfängern ein gravierender Fehler. Sie hatten sich in der Eile und Dunkelheit eine Stute gegriffen. Als sie nun fortgeführt werden sollte, begann ihr Fohlen zu wiehern. Die Mutter antwortete. Aufgeschreckt von diesem kläglichen Wiehern unterbrachen die Wächter ihre Lieblingsbeschäftigung, zogen sich die Hosen wieder hoch und sahen nach dem Rechten. Diesmal hatten die dafür ausgelosten Frauen[5] nur einmal was Warmes im Bauch. Misstrauisch von dem Vorfall geworden, wurden zukünftig die Pferde gleich jeden Morgen vor dem Weitermarsch durchgezählt. Zwar wurde noch mal Beute gemacht, aber auch große Aufregung verursacht. Die Suche wurde aber dann doch nicht so intensiv betrieben, als dass man das Pferd fand, welches einwandfrei in der Herde fehlte. Der Abtrieb musste weitergehen. Dafür tauchte dann wenige Stunden später eine ganze Mannschaft aus der Garnison auf, die weiter suchte. Der alte Brunnen im Hof diente als Versteck und Vorratskammer. Erst als der wer weiß wievielte Russe mit einer Forke misstrauisch in dem aufgefüllten Brunnen herum stocherte, flog ein aufgescheuchter Fliegen­schwarm aus dem Brunnen hoch. Sofort wurden daraufhin Äste und Laubwerk aus dem Brun­nen geholt. Darunter kam dann das fein zerlegte Pferd zum Vorschein. Ob sie es selbst ver­zehren wollten? Das Kind, pardon, das Pferd war doch ohnehin in den Brunnen gefallen, da hätte man es uns auch lassen können. Zumal es doch einwandfrei den Deutschen gehörte. Aber nein, sie wollten unbedingt an ihrer Nachkriegsbeute festhalten. Alles wurde auf die Ladefläche des Mannschaftswagens geworfen. Bergauf fährt sich ein Auto doch ein wenig schwerer als herunter. Als der vollbeladene Wagen nun neben den Soldaten auch noch eine halbe Tonne Pferdefleisch auf die Straße fahren wollte, dabei über eine provisorische Brücke, die über den breiten Straßengraben gelegt worden war, verschoben sich die darüber gelegten Bretter und Holzbohlen, so dass der ganze Laster in den Graben rutschte. Fleisch und Solda­ten purzelten herunter. Völlig entnervt gaben die Russen auf. Schimpfend und fluchend gelang es ihnen mit Mühe und Not den Wagen wieder aus dem Graben zu heben. Ohne Mit­nahme des Fleisches nur noch wüste Drohungen für das nächste Mal ausstoßend fuhren sie ab.

Meine Mutter durfte sich sogar auf einen ausgebreiteten Militärmantel legen.

Diesmal wurde das Fleisch sofort an die einzelnen Familien verteilt und gleich eingekocht. Die Gesamtlage normalisierte sich immer mehr. Nur, Carepakete erreichten uns keine. Vergessen von der Welt mussten wir weiter für uns sorgen. Der Einfallsreichtum schlug Blüten. Das bisschen, was wir selbst anpflanzten und auch ernten konnten, reichte bei weitem nicht aus. Wir hängten uns große Beutel um und gingen Ähren lesen. Jedes Feld, was noch etwas hergab, im letzten Herbst noch angebaut worden war, wurde streng bewacht. Die Besat­zer mussten ja auch von irgendetwas leben. In Schützenlinie gingen wir über die Felder. Keine einzige Getreideähre entging unseren Argusaugen. Wenn man aber Pech hatte, kamen, sobald die Beutel voll waren, aus irgendeinem Versteck die Russen hervor und forderten ihr Recht auf diese Ausbeute. Meistens lag ihnen aber mehr an den Frauen und Mädchen, als an den Körnern. Sofern sich die Frauen für das Korn entschieden und sich dafür freiwillig zeig­ten, wurde hinterher auch kein Wert mehr auf das Korn gelegt. Einmal, ich war mit meiner Mutter alleine zur Ernte gegangen, wir waren bereits mit einer kleinen Ausbeute auf dem Rückweg, tauchten plötzlich, wie aus dem Nichts, drei Soldaten auf. Wegrennen war nicht mehr drin. Wir waren umstellt. Diese Soldaten behaupteten ganz dreist, dass sie gesehen hätten, wie wir die Ähren von einem noch nicht abgeernteten Feld abgerissen hätten. Auf solch frevelhaftes Tun, Schädigung der Sowjetmacht, stand Bunker. Jeder wusste das. Auch meine Mutter. Die Soldaten ließen aber mit sich reden, wie sie sagten. Meine Mutter durfte sich sogar auf einen ausgebreiteten Militärmantel legen. Mit mir unterhielt sich ganz freund­lich einer der Soldaten und versuchte mich abzulenken und aufzuheitern. Ich fand es aber gar nicht belustigend, als ich dann auch noch den Mantel später mit dem Schlüpfer meiner Mutter reinigen musste.

Aus irgendeinem Grunde, meine Mutter hatte gerade eine Nebenerwerbs­quelle entdeckt, um an das kostbare Brot der Russen zu kommen, indem sie in der Zucker­rübenzeit Schnaps brannte, da wurden wir ausgesiedelt. Zum einen brauchten die Russen dieses Grundstück für ihre eigenen Zwecke, zum anderen wollte man die verbliebenen Deutschen zentraler zusammen haben und nicht überall verstreut rumlaufen lassen.

Außer Trümmer rings­herum gab es nichts.

Es begann sich so etwas wie eine Organisation herauszubilden. Nicht viel mehr als das, was wir auf dem Leibe hatten und per Hand mitschleppen konnten wurde uns erlaubt mitzu­neh­men. Uns wurde ein Stadtbezirk zugewiesen, wo wir zu verbleiben hatten. Das war dann auch schon alles! Außer Trümmer ringsherum gab es nichts. Wie die Ratten durchstreiften die hier­her Verbannten diese Trümmer. In einem  Haus, wo man nicht befürchten musste, dass es beim nächsten Sturm ganz zusammen fiel, wurden die Kellerräume vom Schutt befreit. In einem ande­ren Haus holte man sich unter Einsturzgefahr Dinge heraus, die zur Wohnlichbarma­chung dienten. Aus einem anderen wurde ein noch brauchbarer Ofen herbeigeschleppt. Dort fand man einen Stuhl, woanders einen heilen Teppich. Es ging wieder bergauf mit uns. Aber wo hier in der Stadt an Essbares kommen? Katzen? Ja, die gab es hier auch. Das war ja schon etwas. Statt Kartoffeln suchten wir uns die Schalen aus den Mülltonnen der Russen heraus. Brot? Gab es. Hundertgrammweise. Unerschwinglich für die meisten. Es wurden dann auch Lebensmittelkarten verteilt. Wo man allerdings dafür etwas bekam, das stand in den Sternen. Selbst die Russen, die immer mehr wurden, standen Schlange, wenn es mal irgendwo etwas gab. Meine ersten Bonbons, die ich bewusst aß, erhielt ich, indem ich mich für Russen in die Schlange einreihte und die pro-Kopf-Ration einkaufte. Dafür bekam ich dann zwei oder drei davon ab. Ich lernte recht bald, mich selbständig zu bewegen. Immer weiter zog ich meine Kreise um unser „Zuhause“. Ich kannte fast jeden Stein in den Trümmern. So kam ich auch immer näher dem, was man wohl als City bezeichnen kann. Noch intakte Häuser oder schnell errichtete Baracken wurden für die Versorgung der Bevölkerung genutzt. Wir Deutschen gehörten allerdings nicht zur Bevölkerung in dem Sinne. Wir waren nur geduldet, bis sich für uns etwas Besseres finden würde. Was das auch immer heißen mochte. Solange mussten wir uns schon selbst über Wasser halten. Ohne die russische Sprache kam man schon gar nicht mehr klar. Ich lernte schnell. Musste aber auch die Erfahrung machen, dass man als Kind Erwachsenen gegenüber nicht allzu vertrauensselig sein durfte. Schnell war man in eines der unbewohnbaren Häuser gelockt und zur Lustbefriedigung missbraucht worden. Es war hinter­her ganz schön lästig, seine Unterwäsche, die knapp bemessen war, wieder zu reinigen, bloß weil so ein Typ die Schenkel eines kleinen Jungen für seine Ersatz(?)befriedigung benutzt hatte. Oft fiel ja dabei wenigstens noch ein Stück Brot oder eine Hand voll Sonnenblumen­kerne ab. Einen kleinen Beutel schleppte ich immer mit mir herum. Man konnte ja nie wissen, ob man bei seinen Streifzügen nicht irgendetwas Brauchbares fand oder bekam. Wie gesagt, es gab so etwas wie eine City, oder besser gesagt ein Einkaufszentrum. Dort trieb ich mich mit Vorliebe herum. Siehe Bonbons. Extra dafür eingerichtete Läden verkauften nur Brot. Es wurde grammweise verkauft. Dabei kam es fast immer dazu, dass nach Augenmaß vom Laib abgeschnitten das Gewicht nicht ganz hinkam. Also musste noch ein kleines Stück drauf­gelegt werden. Diese kleinen Stücke hatten meine Begierde geweckt. Verpackt wurde nichts, was man kaufte. Dafür musste man selbst sorgen. So sah man auch immer gleich, wenn einer aus so einem Laden herauskam, ob er ein kleines Stück dabei hatte. „Dada, deitje menja boschalista skuschoski kleb“, war mein Satz, mit dem ich versuchte ihr Mitleid zu erwecken. (Onkel, geben sie mir bitte ein Stück Brot, hieß das). Auf diese Weise trug ich etwas dazu bei, die Familie zu ernähren. Die Familie war inzwischen schon etwas kleiner geworden. Meinen Bruder hatte ein lettisches Ehepaar mitgenommen. Dieses Paar, selbst kinderlos geblieben, hatte sich sofort in meinen Bruder „verknallt“, als es mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zum Königsberger Markt gekommen war. Dadurch, dass wir unseren Wohnort gewechselt hatten, bestand kaum noch Aussicht, dass wir ihn je wiedersehen würden. Obwohl sich immer einer von uns auf dem Markt aufhielt, wenn dieser abgehalten wurde, wurde aus unserer Ahnung eine Gewissheit. Wir sollten ihn nie wieder sehen! Mein Vater später, der mich haben konnte, gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn ausfindig zu machen. Staatsoberhäupter, wie Chruschtschow[6] hat er angeschrieben. Nie eine Antwort erhalten!

Fußnoten

[1] Zu diesem Kapitel gibt es einen Kommentar. Zurzeit ist er anzuklicken unter https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/das-ist-pornographie-roehrte-unser-klassenlehrer/   Später wird er im Anhang zum Buch seinen Platz finden.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Der_sterbende_Schwan

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Bolschoi-Theater

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Melden

[5] An solche Aktivitäten zur nicht korrekten Nahrungsbeschaffung wird Kardinal Frings wohl nicht gedacht haben. https://de.wikipedia.org       /wiki/Joseph_Frings#Silvesterpredigt_1946  

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich.  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern.https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/                                                                      04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/              PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/  06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/            PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/        PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlinhttps://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/  PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/           PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/                                                                    PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/                                                                    PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/  PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/                                                                         PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/                                                          PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/                                                         PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/                           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Wie geht es weiter?

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

 

 

Lieder gegen den Krieg

Posted in Geschichte by dierkschaefer on 22. Februar 2015

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Bekannte in und um Tübingen,

 

Neue Deutsch-französische Gedenkkultur – Blick auf das gemeinsame Europa der Zukunft:
Stadtmuseum Tübingen präsentiert Chansons aus dem Schützengraben – gegen Krieg

Am Samstag, 28. Februar 2015 findet um 20 Uhr im Stadtmuseum Tübingen, als Finissage zur Ausstellung “Der fotografierte Krieg”,  ein französisch-deutscher Chansonabend statt. Wie vor 100 Jahren durch Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg wird hier eine „conférence chantée“  gesungen und diskutiert: mit Liedern gegen den Krieg, für Aufklärung, Freiheit, Demokratie.

Die zum Teil erstmals veröffentlichten Chansons sind die Basis einer neuen deutsch-französischen Gedenkkultur, die 2014 in Hamburg ausprobiert wurde.
Denn mitten im mörderischen Ersten Weltkrieg gab es auch dies: In den französischen Schützengräben erklangen Lieder gegen den Krieg. Das Stadtmuseum öffnet um 19 Uhr.

Eine Kooperation mit dem Institut Culturel Franco-Allemand und dem Stadtmuseum
Unsere Studienfreundin, Cornelia Strauß, arbeitet als Journalistin im Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein und als Studienleiterin der „Blankeneser Gespräche“  in Hamburg. Die Künstler Coko und Danito hat sie in Südfrankreich kennengelernt und moderiert den Abend. Texthefte mit den Chansons (parallel französisch / deutsch) gibt es zum Mitlesen für das Publikum.

Die Mail kann gern weitergeleitet werden.

 

Vielleicht sehen wir uns am nächsten Samstag. Bis dahin eine gute Woche wünscht

Gabriele Merkle

150216 Friedenslieder Coko und Danito

Die Welt ist voller Morden

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Kriminalität, Politik, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 24. März 2013

Ein Photo aus dem 1. Weltkrieg wird im März 2013 innerhalb von knapp zwei Tagen 29 mal bei Flickr angeklickt. Das ist ungewöhnlich. Denn man sieht namenlose Soldaten, unspektakulär für die Aufnahme gruppiert.

Was ist daran interessant und wie kam das Photo zu Flickr?

Ich fand es in einem alten Familienalbum. Villers-la-Ville stand in schöner Handschrift auf der Rückseite, mehr nicht. Ein zweites Photo trug denselben Vermerk und von anderer Handschrift die Information Karl, 3. von links, 1915.

Karl war der Bruder meiner Großmutter, war Musiker und ist 1915 „gefallen“ – so der falsche Sprachgebrauch. Denn Karl stand nicht wieder auf, war also nicht nur gefallen. Auf dem kleinen Photo sitzt er noch fröhlich mit anderen Soldaten in einer Sitzschlange im Gras, Soldatenfreizeitspaß.

Auf dem großen Photo habe ich Karl unter den 33 Männern nicht herausgefunden, doch er wird dabei sein, sonst wäre das Photo nicht im Album. Insofern für mich eine beliebige Gruppenaufnahme, wie auch andere Gruppenaufnahmen im Album von damals. Aber der Hintergrund: Eine Kirchenruine verleiht dem Photo einen Hauch von wehmütiger Romantik, wie auf manchen Bildern von Caspar David Friedrich, eine Wehmut voller Morbidität http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8575350968/in/photostream/ .

Morituri, die Todgeweihten; sie stehen vor passender Kulisse – und kaum einer wird lebend von der Front zurückgekehren, im Westen nichts Neues.

Unter dem Titel morituri in Villers-la-Ville 1915 stellte ich das Photo bei Flickr ein und fügte eine Strophe aus den „Wildgänsen“ hinzu:

„Wir sind wie ihr ein graues Heer
Und fahr’n in Kaisers Namen,
Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Morituri – Das Lied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ haben wir in meiner Jugendzeit oft und gern gesungen und dabei jeweils in der zweiten Hälfte der Strophen die Wehmut ausgekostet. –  So ein Quatsch. Das Lied ist ein gesungenes Kriegerdenkmal und zudem pseudoreligiöser Kitsch, eine Verbindung, die viele Kriegerdenkmäler auszeichnet, Tod und Religion, Kriegspredigt, Todgeweihte vor Kirchenruine, das paßt.

Übrigens: Ein Kriegerdenkmal funktioniert auch ohne Religion, dann tritt an die Stelle nationales Pathos http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6949557245/ und am schlimmsten ist die Kombination von beidem http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3597633061/in/set-72157619532877956/ .

 

Ein paar Links:

de.wikipedia.org/wiki/Wildg%C3%A4nse_rauschen_durch_die_N…
de.wikipedia.org/wiki/Walter_Flex

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:0_Villers-la-Ville_050910_%2827%29.JPG .