Dierk Schaefers Blog

Kinder als Versuchskaninchen

Arzneimittelstudien an Heimkindern kamen angeblich nur selten vor. Das sieht aber anders aus. Die Studie[1] nennt es „ein Versäumnis des Runden Tisches Heimkinder“ und fragt, „warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesem Thema näher zu befassen.“

Als pauschale Antwort bietet sich an, dass der Runde Tisch unter Vorsitz von Antje Vollmer offensichtlich bemüht war, die Verantwortlichkeiten nicht ausufern zu lassen. Die staatlichen und kirchlichen Heime und ihre Schwarze Pädagogik[2] konnte man schlecht aussparen, dafür aber deren finanzielle Risiken gering halten. Doch für die Medikamentation waren nicht nur die verabreichenden Mitarbeiter der Einrichtungen verantwortlich, sondern große Firmen, die in den Heimen Versuchsreihen starten konnten,[3] Versuchsreihen, die von Medizinern geplant wurden, deren Berufsbiographien in zahlreichen Fällen bruchlos in die Zeit zurückreichten, in denen sie für NS-Verbrechen verantwortlich waren.[4] – Damit hätte man die Pharma-Firmen belastet. Das wollte Frau Vollmer wohl nicht.

Auch im Falle der Zwangsarbeit[5] hat sie abgeblockt und damit heute noch bestehende und renommierte Firmen unter ihren Schutzmantel[6] genommen. [7] [8]

Mir fallen keine unverfänglichen tiefer schürfenden Antworten auf die Frage ein, warum es der RTH abgelehnt hat, sich mit diesen Themen näher zu befassen.

Die Sache mit den Medikamententests an nichteinwilligungsfähigen Personen ist leider ein aktuelles Thema geworden.[9]

Fußnoten

[1] http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-42079/04_Wagner_Heime.pdf

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Pädagogik

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/02/03/demenz-die-medikamente-dafuer-wurden-an-heimkindern-getestet/

[4] Die „Moderatorin“ des Runden Tisches, die den Begriff Zwangsarbeit nur für Nazi-Zwangsarbeit verwendet sehen wollte. Sie sah darüber hinweg, daß die „Arbeitstherapeuten“ in den Heimen vielfach ehemalige SA-Leute und die Gutachter einschlägig belastet waren. In den Heimen – kirchlich wie staatlich – hatten wir die Fortsetzung des Nazi-Systems. Frau Vollmer in ihrer grün-christlichen Bigotterie hat das nicht bekümmert. Sie sprach zwar von erzwungener Arbeit, bat jedoch die Profiteure nicht zur Kasse und sah völlig darüber hinweg, daß es Zwangsarbeit nicht nur für Jugendliche gab, sondern auch für Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/06/17/zwangsarbeit-in-ost-und-west-was-sind-die-unterschiede/

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/05/05/zwangsarbeit-nicht-nur-fur-ikea/

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna

[7] Die Zwangsarbeit. Eine geringe Pauschalentschädigung als Rentenersatz gibt es, anders als in Irland, bei uns nur für Jugendliche, die Zwangsarbeit leisten mußten, wobei der Begriff Zwangsarbeit peinlichst vermieden wird. Es gibt keine Lohnnachzahlung, weder von den kirchlichen, noch von den staatlichen Einrichtungen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben. Auch nicht von der Privatwirtschaft, die gut an den Kindern verdient hat. Es schien wohl nicht opportun, die Betriebe, darunter Firmen mit großer Bedeutung, zwangszuverpflichten. Zwangsarbeit ja, Zwangsentschädigung nein.

Und für die Zwangsarbeit von Kindern gibt es GAR NICHTS. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/07/09/er-ist-ein-priester-du-must-ihm-gehorchen/

[8] Antje Vollmer, Moderatorin des westdeutschen Runden Tisches für ehemalige Heimkinder, mied wie der Teufel das Weihwasser die Anwendung des Begriffs Zwangsarbeit auf die Ausbeutung der ehemaligen Heimkinder (West!) durch respektable Industriebetriebe und einzelne Bauern. Sie wollte den Begriff ausschließlich für die Zwangsarbeit für Nazi-Deutschland gelten lassen. Und so tauchten weder der Begriff noch der Sachverhalt im Abschlußbericht des Runden Tisches auf. Die Nutznießer der Zwangsarbeit wurden nicht nur nicht am Fonds beteiligt, sondern blieben unerwähnt. https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/09/29/zwangsarbeit-ost-und-zwangsarbeit-west/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/05/25/medikamententests-und-nicht-einwilligungsfaehige-personen-ein-ideales-menschenmaterial/

Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 28. Juni 2016

Ja – aber warum?

Die Leser meines Blogs werden aufgemerkt haben, als ich erstmals und ohne weiteren Kommentar einen Text von Erich Kronschnabel auf die Ebene eines förmlichen Blog-Artikels gehoben habe. Lediglich von „Gossensprache“ schrieb ich warnend für empfindliche Gemüter.[1]

Die Obszönität ist bei Kronschnabel die Methode, mit der er die eigentlichen Obszönitäten geißelt: 1. Die Verbrechen an Kindern in kirchlichen Einrichtungen und 2. der Betrug und Heuchelei bei der Verweigerung einer realistischen Entschädigung.

Heinrich Bedford-Strohm, derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt über Bonhoeffer:

»Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.«[2]

Was hat das mit der Heimkinderfrage zu tun?

Es geht zunächst nicht um die Frage, ob man „dem Rad in die Speichen fallen“ soll. Dieser Wagen, von Staat und Kirchen gesteuert, hat längst seine Opfer hinter sich gelassen. Nun ist das dran, was Bedford-Strohm so kurzweg die zweite Aufgabe nennt: der diakonische Dienst an den Bedürftigen, der ohnehin bleibe. Das ist allzu simpel.

Hier setzt Kronschnabel ein und kommt, sprachlich völlig realistisch, auf die für die Kirchen unbequeme Gegenwart. Es geht eben nicht um Bonhoeffers „Verantwortlichmachung des Staates“, sondern um die der Kirche. Die aber kümmert sich lieber um die „kirchliche Außenpolitik“ und verdeckt damit die interne Fäulnis. Das mit dem Frieden und den Flüchtlingen ist ja richtig und wichtig, doch wenn’s nur zur Camouflage dienen soll, ist’s Heuchelei, naiv oder absichtlich.

Bonhoeffer kann man als Blutzeugen leicht auf den Denkmalsockel stellen, – gut für Sonntagsreden. Doch im Alltag gerät Bonhoeffer der Kirche zur Peinlichkeit. „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ Mir wird so kannibalisch wohl, wenn ich an diesen wohlfeil gebrauchten Trost denke, für den die Kirchen im Unterschied zu Bonhoeffer nicht habhaft einstehen wollen.[3]

Herrn Kronschnabel sei Dietrich Bonhoeffer an Herz gelegt[4] und der Gedanke, dass organisierte Mitmenschlichkeit über die gleichen Probleme stolpern kann, wie sie vielen Organisation eigen sind, die sich am Markt behaupten müssen. Die Organisation läuft und läuft und läuft – zuweilen bis ihre kriminellen Methoden publik werden – und sie läuft dennoch weiter. Oder glaubt irgendjemand, dass VW vom Markt verschwindet?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[2] http://www.zeit.de/2015/15/dietrich-bonhoeffer-todestag-protestantismus-widerstand/komplettansicht

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer

Der Staat und der Protestantismus

Posted in Kirche, Staat, Theologie by dierkschaefer on 25. August 2015

Der Auftakt ist überzeugend: »Religionen können in der frei­heitlich-demokra­tischen Ver­fassungsordnung nur dann eine produk­tive öffentliche Rolle spielen, wenn sie sich die Ideen von Menschenrechten und De­mokratie theo­logisch anverwandeln. Die­se Konzeption öffent­licher Religion, die Jürgen Habermas in den ver­gan­genen Jah­ren entwickelte, hat viel für sich. Die Reli­gionen müssen sich „die normativen Grund­lagen des liberalen Staates … un­ter eigenen Prämissen aneignen“, so Ha­bermas. Wie mühsam sich dieser Prozess der Aneignung gestalten kann, lässt sich am Beispiel des deutschen Protestantis­mus zeigen. Sein Verhältnis zur Demokra­tie ist von Ambivalenzen geprägt. Die Kir­che der Reformation hat sich theologisch und kirchenpolitisch erst nach 1945 müh­sam mit dem westlichen Verfassungsstaat arrangiert.«[1]

Der mühsame Prozess der Aneignung wird in diesem Artikel gut und kenntnisreich beschrieben. Für Menschen, die in den späten 60er Jahren zum politischen Bewusstsein gekommen sind, ist es durchaus erhellend, die eigene Vergangenheit einmal von außen nüchtern seziert präsentiert zu bekommen. Dem Autor ist auch beizupflichten, wenn er schreibt: »In der Langzeitbeobachtung über die vergan­ge­nen 70 Jahre zeigt sich, dass stark politisierte und im Gestus der morali­schen Dauerempörung agie­rende Strö­mungen des bundesrepublikanischen Pro­testantismus im politischen Prozess stets in der Min­derheit blieben und dann dazu tendierten, demokratische Legitimations­leistungen anzuzwei­feln und zivilen Unge­horsam zu idealisieren.« Denn zugegeben: Im Vergleich zu manchen anderen Staaten funktioniert dieser Staat grosso modo doch recht ordentlich und wir müssen uns fragen, ob dem monierten Gestus der morali­schen Dauerempörung metaphysische Dignität gebührt und sich der Protestantismus die nach­metaphysischen Begründungsfiguren ei­ner säkularen liberaldemokratischen poli­tischen Ordnung als solche zu eigen machen sollte.

Die Anerkennung einer Ordnung, die demokratischen Verfahrensregeln entspricht, scheint aber doch eher einem Rechtspositivismus verpflichtet und lässt beiseite, dass im Staate Deutschland auch manches faul ist. Muss man daran erinnern, dass sich der Gesetzgeber vielfach beharrlich verweigert, Entscheidungen des Verfassungsgerichts eine gesetzliche Form zu geben? Oder an die Nebeneinnahmen der Abgeordneten, den Einfluss der Lobby oder den basso continuo des Parteienegoismus[2]? Nur zähneknirschend mag ich dem Autor zustimmen, wenn er schreibt: »Der demokrati­sche Verfassungs­staat bleibt in theologischer Per­spektive eine gute Gabe Gottes und wird als Teil Gottes Willens und Wirkens in der noch nicht erlösten Welt beschrieben.« Auch ohne den Schaum des Fanatikers vorm Mund bleibt festzustellen, dass Widerstand gegen manche Fehlsteuerungen der Politiker nötig und auch theologisch gut begründbar ist.« Selbstverständlich können und sollten »solche Deutungsangebote … dazu beitragen, dass die Gläubigen eine säkular begründete Verfas­sung akzeptieren.« Richtig ist auch, dass es »zu den Paradoxien ausdifferen­zierter Gesellschaften gehört, dass Politik und Reli­gion einander nicht loswerden und doch nicht inein­ander aufgehen. De­mokratie ist auch eine Weise, diese dauer­hafte Grundspannung auszuhalten«. Sein Wort in Gottes Ohr.

[1] Professor Dr. Hans Michael Heinig, Der Protestantismus in der deutschen Demokratie: FAZ-Print, Montag, 24. August 2015, S. 6

[2] Hier wäre Hans Herbert von Arnim zu empfehlen: Das System – Die Machenschaften der Macht

Ein Nachtrag als Warnung vor zuviel Staatsgläubigkeit: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/abweichende-meinung-rechtskultur-fischer-im-recht/komplettansicht

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und die staatliche Verantwortung für Schutzbefohlene in privaten (kirchlichen) Einrichtungen

Posted in heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Politik by dierkschaefer on 28. März 2015

Das nun auch auf Deutsch vorliegende Urteil dürfte wegweisend sein in zweierlei Hinsicht:

Rückwirkend sollte es Klagemöglichkeiten eröffnen für die Unterlassung staatlicher Aufsicht in verschiedenen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (Kinderheime, Psychiatrien).

Wird man einen Rechtsanwalt finden, der das für deutsche Verhältnisse aufarbeitet und durchsetzt?

Prospektiv warnt dieses Urteil alle staatlichen Behörden, die die Einweisung von Kindern und Jugendlichen in solche Einrichtungen veranlassen oder anordnen.

Angesichts der föderativ-gesplitterten Zuständigkeiten des Staates in Kinder- und Jugendlichenangelegenheiten wird man wohl vergeblich darauf warten, dass eine entsprechende Information über die Aufsichtspflicht der Jugendämter[1] über die Träger von Jugendhilfemaßnahmen zentral ergeht. Diese Lektion werden die Jugendämter jedes für sich lernen müssen. Die „Kunden“ der Jugendämter werden diesen Bewußtseinswandel erkämpfen müssen. Im Krieg bei der Eroberung einer Stadt würde man von Häuserkampf sprechen. Der ist aufwendig und fordert viele Opfer auf beiden Seiten.

Hier ist das PDF des Urteils, von mir teilweise gelb unterlegt, sonst unverändert. Der irische Fall Luise O´Keeffe

Mein Dank geht wieder einmal an Martin Mitchell/Australien für den Hinweis auf das Urteil.

[1] die selber keinerlei Aufsicht unterliegen

Kirchenasyl – Der eiskalte Innenminister

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kirche, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 12. Februar 2015

»Nur ein Bruchteil der 200.000 Flüchtlinge, ein paar Hundert Menschen, findet derzeit in deutschen Kirchen Asyl und damit für eine Zeit Schutz vor Abschiebung. Etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder.

Weil diese Zahl höher ist als in den vergangenen Jahren, streitet jetzt die Politik darüber. Innenminister Thomas de Maizière (CDU), selbst Protestant, hat die Kirchen gerügt und die Praxis sogar mit der Scharia verglichen. Und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) will den Kirchen die Praxis nun erschweren, indem es Flüchtlinge, die dort beherbergt sind, als untergetaucht betrachtet.«[1]

 

Es knirscht zwischen Kirche und Staat.[2] Es ist gut, dass es Organisationen gibt, die unseren Politikern auf die Finger schauen – und notfalls auch klopfen. Warum Kirchenasyl? »Diese Menschen sind da, weil Gemeindemitglieder von ihren Einzelschicksalen erfahren haben, sie für glaubwürdig halten und die Not für groß. Solches Mitgefühl und Engagement machen eine gute Gesellschaft aus – und sind ein Korrektiv. Denn Behörden sind nicht unfehlbar, wenn sie über Abschiebung entscheiden. Härtefälle werden oft gar nicht mehr bearbeitet.«[3]

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/warum-thomas-de-maiziere-beim-kirchenasyl-falsch-liegt-kommentar-a-1017876.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/02/04/kirchenasyl-es-knirscht-zwischen-kirche-und-staat/

[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/warum-thomas-de-maiziere-beim-kirchenasyl-falsch-liegt-kommentar-a-1017876.html

Kirchenasyl – Es knirscht zwischen Kirche und Staat

Posted in Kirche, Menschenrechte, Religion, Theologie by dierkschaefer on 4. Februar 2015

»In kaum einer anderen Frage sind Kirchengemeinden so engagiert, in keiner anderen Frage funktioniert Ökumene, die Zusammenarbeit zwischen evangelischen und katholischen Pfarreien so gut. Kirchenasyl ist für sie die Übersetzung des Evangeliums in die Gegenwart. Da steht im Matthäus-Evangelium das Jesus-Wort: „Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt. Ich war verfolgt, und ihr habt mir Schutz gewährt“. Und: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.«[1]

[1] http://www.sueddeutsche.de/panorama/debatte-um-kirchenasyl-christliche-basis-gegen-christliche-parteien-1.2334000

Laizismus als Lösung vieler Probleme? – Anscheinend nicht, hatte ich argumentiert …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Justiz, Kirche, Menschenrechte, Politik, Religion, Theologie, Weltanschauung by dierkschaefer on 1. Februar 2015

… und bekam Kommentare. Einer war ergiebig[1].

 

Zunächst einmal herzlichen Dank für die links, liebe Frau Tkocz, denn sie waren weiterführend. Auf die beiden links selber will ich – von der grundlegenden Frage abgesehen – nur kurz eingehen. Das „Hirtenwort“ [2] des Kölner Kardinals[3] hält keiner theologisch fundierten Betrachtung stand. Er verbreitet unreflektiert die bekannte katholische Familienideologie. Die kann man leicht auseinanderpflücken, lohnt aber die Mühe nicht. Das gilt noch mehr für den Vortrag[4] der grobschlächtig popularisierenden Gabriele Kuby[5]. Da frage ich mich als Psychologe eher, wie sie bei ihrer exquisiten Vorbildung den turn zur – sagen wir: intellektuellen „Schlichtheit“ geschafft hat. Doch gerade diesem Link verdanke ich viele weitere, insbesondere den auf Judith Butler[6] – eine tolle Frau, die ich bisher – weil als feministisch verschrien – nicht wahrgenommen habe. Dazu weiter unten.

 

Die grundlegende Frage hinter dem Hirtenwort und der Gesellschaftskritik von Frau Kuby – ein viel zu anspruchsvoller Begriff für diesen Vortrag – die grundlegende Frage also ist, ob man Kindern zumuten kann, in diesem geistig-geistlichen Muff aufzuwachsen. Die Frage haben Sie eigentlich auch schon beantwortet: „die Religion … muss sich lediglich an`s Grundgesetz halten“.

Das Grundgesetz, wie auch erst wieder kürzlich das Verfassungsgericht, räumt dem Erziehungsrecht der Eltern einen großen Raum ein. Obwohl sich in mir alles sträubt, hier ist auch das Recht inbegriffen, dass Eltern ihre Kinder in absurd erscheinenden Parallelwelten erziehen – soweit dies nicht gewälttätig erfolgt[7] oder sonstwie plausible Schädigungen verursacht[8].

Eine in der Diskussion hervorstechende Parallelwelt taucht bei der Frage der Sexualerziehung auf. Meisner und Kuby würden sicherlich all die historischen Beispiele als schon damals sündhaft abtun, die zeigen, dass ihre Normvorstellungen auch schon früher nicht allgemein durchsetzbar waren, wobei Frau Kuby sich als die gebildetere erweist in der Zurückführung der Verderbnis in Geschichte und Philosophie. Der Hirte hat – ich will ihm keine Unbildung unterstellen – wohl eher an Schafe als Adressaten gedacht. Doch zu beider Entsetzen haben sich die Normen verändert und sind relativiert worden. Das müssen sie beklagen dürfen. Doch genau in dieser, in ihren Augen sündigen, Welt werden sich auch durch Oberhirten behütete Kinder behaupten müssen[9]. Kinder aus egal welchen Elternhäusern werden also damit konfrontiert, dass andere Kinder anderes gelernt haben. Im Sinne eines friedlichen Miteinanders werden sie lernen müssen, dass es zum einen andere Werte-Welten gibt als die ihnen vertrauten; sie müssen sie verstehen und respektieren lernen – was auch umgekehrt gilt. M.a.W.: Sexualerziehung hat keine missionarische Aktion zu sein, egal in welcher Richtung. Aber sie gehört – alters- und entwicklungsgemäß abgestuft – zum Pflichtunterricht. Vor naiv-fortschrittlichem wie vor weltanschaulich-rückwärtsgewandtem Lehrpersonal sei gewarnt. Doch auch diese sind Persönlichkeiten mit eigener Werte-Erfahrung und -Position.

 

Die Ausgangsfrage war jedoch die Einbindung von Religion in Staat und Gesellschaft. Im Unterschied zu Frankreich werden in Deutschland die Ressourcen der Konfessionen vom Staat genutzt. Dass sich dies nicht immer zum Vorteil der Kirchen und ihrer Einrichtungen ausgewirkt hat, habe ich in meiner Rezension zu „Himmelsthür“ dargelegt[10]. Zu dieser „hinkenden Trennung von Staat und Kirche“[11], wie die Fachleute den Zustand bei uns nennen, gibt es viel zu sagen, wie schon vielfach auch in diesem Blog geschehen, kritisches wie positives. Eine Frau Kuby trifft sich in ihrer Kritik bestimmt mit der von vielen Kirchen­gegnern von der anderen Seite. Doch generell läßt sich wohl sagen, dass Christen sich in diesem Staat gut aufgehoben erleben und Mitspracherecht haben. Es wäre ein Fortschritt, wenn das auch die Muslime so sehen könnten, die sich an die staatlichen Gesetze halten – und das ist die überwiegende Mehrzahl. Aber nur so läßt sich der Islam in unsere plurale Gesell­schaft einbinden und nur so wird die Umma[12] auch der clamheimlichen Sympathie mit Gewalttätern aus ihrer Mitte den Nährboden entziehen können. Frankreich mit seiner laïzistischen Staatsreligion hat das nicht geschafft. Es ist übrigens lehrreich und geradezu erheitend zu lesen, wie die Trinität von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in Anlehnung an das religiöse Vorbild sich herausgebildet hat.[13] Man meint aber, die muslimisch erzogenen Kinder der Banlieue mit noch mehr staatsbürgerlichem Patriotismus fesseln zu können. Doch sie sind die Kinder „D’OUTRE MER“[14] und pfeiffen auf die Marseillaise.

 

Nun zur letzten Frage, zur Kritik der Religion an Staat und Gesellschaft. Da gibt es als Grundlage das Böckenförde-Diktum[15] und dann als Beipiel die oben genannte Judith Butler. »Ich bin eine Wissenschaftlerin, die durch das jüdische Denken zur Philosophie gekommen ist, und ich verstehe mich als jemand, der eine jüdische ethische Tradition verteidigt … Ich … entwickelte dabei radikale ethische Positionen auf der Grundlage des jüdischen philosophi­schen Denkens. Ich lernte – und lernte zu akzeptieren –, dass wir von anderen, wie auch von uns selbst, angerufen und in Anspruch genommen werden, um auf Leid zu reagieren und zu seiner Linderung beizutragen. Um dies zu tun, müssen wir sensibel genug sein, den Ruf zu hören und die Mittel zu finden, um reagieren zu können. … Während meiner Einweisung ins Judentum habe ich auf Schritt und Tritt gelernt, dass es nicht hinnehmbar ist, im Angesicht von Ungerechtigkeiten zu schweigen. …“[16]

In meinem Berufsethischen Unterricht für Polizeibeamte habe ich immer empfohlen, bei der Vereidigung die religiöse Formel zu benutzen: So wahr mir Gott helfe. Denn egal, an welchen Gott Sie glauben: In Ihrer Berufszeit kann sich manches ändern und Sie könnten in Situationen geraten, in denen Gott wohl nicht helfen wollen wird, einen Befehl zu befolgen. Dann bindet Sie Ihr Eid nicht mehr. Eine feierliche Vereidigung ist die rituelle Überhöhung eines säkularen Dienstversprechens. Die Berufung auf Gott scheint mir dabei als Gegengewicht angemessen. Ginge es nur um eine Unterschriftsleistung, würde die Gesetzlage ausreichen. Doch dass das Remonstrationsrecht[17] im Grunde eine Remonstrationspflicht ist, haben die Beamten eher im Berufsethischen Unterricht gelernt als in der Staatsbürgerkunde.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/28/laizismus-als-losung-vieler-probleme/#comments

[2] http://www.kath.net/news/30569/print/yes

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Meisner

[4] http://www.gabriele-kuby.de/wortmeldungen/die-sexualisierte-gesellschaft/?type=98

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Kuby

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Butler

[7] wie z.B. https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/21/glaubensgemeinschaft-zwolf-stamme-sie-werden-wohl-nichts-daraus-lernen/

[8] Letzteres gibt es durchaus und es ist schwer, das Juristen plausibel zu machen, wie ich es in einem auch für mich aufwendigen Fall erlebe.

[9] Sehen wir einmal davon ab, wie die Praxis der Sexualaufklärung durch die Hirten zuweilen ausgesehen hat.

[10] http://jacobsmeinung.over-blog.com/2015/01/rezension-des-buches-vom-frauenasyl-zur-arbeit-fur-menschen-mit-geistiger-behinderung-130-jahre-diakonie-himmelsthur-1884-2014.html

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Trennung_von_Kirche_und_Staat

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Umma

[13] Mona Ozouf, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in Pierre Nora, Hrg., Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005, S. 27-62.

[14] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6949557245/in/set-72157632548603352 Photo vom bombastischen Kriegerdenkmal in Nizza, Übersetzung Dierk Schäfer

[15] lohnt sich nachzuschlagen und nachzudenken: https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum

[16] http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-08/judith-butler-kritik-israel-antwort/komplettansicht

[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Remonstration

Die westliche Wertegemeinschaft

Posted in Gesellschaft, Journalismus, Justiz, Medien, Menschenrechte by dierkschaefer on 15. Dezember 2014

Terrorismus ist die Kommunikationsform der „Unerhörten“, ist Terror von unten.

Staatlicher Terror ist die Antwort.[1] Wenn das Justizsystem als offene Kommunikationsform nicht ausreicht, bleibt die Folter als verdeckte Form der Kommunikation. Deren Ergebnisse lassen sich nutzen zur Legendenbildung, mit der eine Rückbindung an das Justizsystem erfolgt. Der Kommunikationskreislauf schließt sich, wenn die Legenden den Mainsteam der Publizistik bestimmen.

Wird der Terrorismus international, folgt ihm der Staatsterror und lässt einsperren und foltern, wo es auf die Landkarte passt. Werden Staatsterror und Folter nicht nur publik, sondern offiziell bekannt gemacht[2], ertönt unisono die Empörung der bis dahin Willigen, die davon nichts gewußt haben wollen, obwohl es die Spatzen schon lange von den Dächern pfiffen[3]. Die unausweichlich … drängende Frage nach dem tatsächlichen Inhalt der „Wertegemeinschaft“[4] wird wohl eine rhetorische bleiben.

Der subtile Staatsterror liegt in der internationalen Zusammenarbeit der Geheimdienste, der Prophylaxe durch das jeweilige Justizsystem und die Nutzung juristischer Grauzonen: Stichworte: Dissidenz[5], Antikommunismus[6].

Seine Klimax erreicht der prophylaktische Staatsterror, wenn er zum Krieg gegen … aufruft, war on terror[7], war on drugs[8], oder wenn er eine ganze Ära für den kalten Bürgerkrieg einleitet.[9]

 

Doch die Staatsterroristen brüsten sich weiterhin, sie hätten das nur Notwendige getan, ganz ohne Folter[10]. Wenn man Mr. Cheney mithilfe von waterboarding erfolgreich nach seinem geheimen Sexualleben befragen würde, hielte er es dann immer noch nicht für Folter?

[1] Dierk Schäfer, Terror / MACHT / Terrorismus – Legitimierung, Delegitimierung und die unerträgliche Reinheit der Herzen http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/dpb_print.php?id=3452.

[2] http://www.intelligence.senate.gov/study2014/sscistudy1.pdf

[3] http://www.tagesschau.de/ausland/cia-folter-reaktionen-103.html http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_72124740/angela-merkel-erschuettert-von-cia-folter-skandal.html http://web.de/magazine/politik/bericht-cia-folter/regierungen-weltweit-kritisieren-cia-foltermethoden-scharf-30271108

[4] »Und so bleibt unausweichlich die drängende Frage nach dem tatsächlichen Inhalt der „Wertegemeinschaft“, die Deutschland mit den USA teilen soll und die beide Partner offenbar ermächtigt, Rechtsbrüche anderer Länder jeweils nach politischer Opportunität anzuklagen. Welche Werte sind hier gemeint? Gehört die Rechtsstaatlichkeit dazu? Oder werden Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen nur gegenüber ausgewählten Ländern geahndet? Und – last but not least – welche Konsequenzen will die Bundesregierung ziehen, wenn die eigenen Werte derart massiv und offenkundig verletzt werden?« http://www.heise.de/tp/artikel/43/43588/2.html

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Dissident

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Antikommunismus

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_gegen_den_Terror

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/War_on_Drugs

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra

[10] »Cheney hob hervor, er würde jederzeit wieder so vorgehen wie nach den Anschlägen auf New York und Washington. Amerika habe Folter „sorgfältig vermieden“ und „erfolgreich“ das Richtige getan, „um die Bastarde zu fassen, die 3000 von uns am 11. September getötet hatten, und sicherzustellen, dass das nicht noch einmal passierte“.« http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/john-brennan-cia-direktor-gibt-fehler-zu-13315261.html

Staatsdiener – unfähig, unwillig oder korrupt?

Posted in Politik by dierkschaefer on 7. Oktober 2014

Eine Historie von mehreren Jahrzehnten und ein Gesamtvolumen von mehr als 50 Milliarden Euro, so lesen wir in der Süddeutschen über die 50-seitige Zusammenfassung einer umfassenden „Bestandsaufnahme und Risikoanalyse“ zentraler Rüstungsprojekte, vorgelegt von einem Konsortium aus Beratern und Anwälten von KPMG, der Ingenieurgesellschaft P3 und der Kanzlei Taylor Wessing[1].

Ein jahrzehntelanges Missmanagement also, betrieben von einer ganzen Abfolge von Ministern und ihren Untergebenen in der Bundeswehr.

Das Beschaffungswesen der Bundeswehr stelle sich Außenstehenden als ein verschlungenes Dickicht an Kompetenzen, Behörden und Standorten dar, heißt es.

»Derzeit, so urteilen die Analysten in der Zusammenfassung, gelinge es dem Bund nicht, „seine Kosten-, Termin- und Leistungsziele“ gegenüber der Industrie durchzusetzen. Bereits bei Abschluss der Verträge seien diese „nicht ausreichend verankert“. Das liege daran, dass man selbst bei hochkomplexen Projekten auf Musterverträge zurückgreife und auf die Begleitung durch „erfahrene Juristen“ verzichte – was zu „unpräzise formulierten Gewährleistungs- und Haftungsklauseln“ führe. Bei internationalen Projekten potenziere sich das noch1«.

 

Milliarden in den Sand gesetzt – in den Sand?

Der Sand dürfte Namen haben.

Mußte man erst ein Gutachten abwarten, um dem Begriff Steuerfahndung eine neue Dimension zu geben? Wo bleibt die, leider weisungsgebundene, Staatsanwaltschaft, um dem Verdacht auf organisierte Kriminalität nachzugehen?

Als Leiter einer Reihe von Seminaren über Korruption habe ich die Erfahrung gemacht, daß der politische Wille zur Korruptionsbekämpfung – zurückhaltend gesagt – unterentwickelt ist.

Doch da Politik ein Geschäft ist, wird sich daran wohl so bald nichts ändern. Wie mag es wohl in den anderen Ressorts aussehen?

 

Zwei Dinge aber sollten wir einfordern:

  1. Wenn zukünftig keine Milliarden mehr in einen anonym bleibenden Sand gesetzt werden, sondern sachgemäß eingesetzt, ist eine Erhöhung des Bundeswehretats unnötig, sogar gefährlich, denn sie animiert nur zu unkontrolliertem Geldausgeben.
  2. Wenn wir uns manche kostenträchtigen Entwicklungen sparen können, sind wir zwar bei manchen Waffensystemen nicht mehr „Weltmeister“, könnten sie aber woanders kaufen[2] und damit dem verständlichen Wunsch unserer Nachbarn entsprechen, nämlich unseren Export zu deren Gunsten reduzieren.

Doch die Rüstungsindustrie dürfte schon auf der Matte stehen um das zu verhindern – auf wessen Matte?[3]

 

Zum Ankreuzen

Staatsdiener:   (  ) unfähig,          (  ) unwillig              oder (  ) korrupt?

[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-zur-bundeswehr-schonungslose-abrechnung-mit-der-ruestungspolitik-1.2157775

[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/verteidigungsministerin-von-der-leyen-legt-sich-mit-ruestungsindustrie-an-1.2160927

[3] http://www.sueddeutsche.de/thema/R%C3%BCstungsindustrie

Die Heimkinderangelegenheit hinterläßt nur Verlierer, und dennoch …

… und dennoch muß man unterscheiden.

 

Es ist Zeit für eine Bilanz. Viel Neues wird sich nicht mehr ereignen[1], es sei denn, ein Kläger schafft dank eines fähigen Juristen den Durchbruch und erkämpft ein Präzedenzurteil, dessen Umsetzung dann aber wohl wieder von der staatlichen Bürokratie zermahlen werden wird, wie bei den ungezogenen Buben Max&Moritz: Ricke racke, ricke racke, geht die Mühle mit Geknacke.[2]

 

Nur Verlierer?

  1. Da sind zunächst die Institutionen Staat und Kirche. Beide haben in dieser Sache viel Geld gespart. Doch der Gewinn ist nur scheinbar.

Die Kirchen haben sich als gottlos und heuchlerisch erwiesen[3].

Der Staat hat seine Opfer behandelt, wie er Opfer in Entschädigungsfragen zu behandeln pflegt: Bürokratisch hinhaltend und ausbremsend. So ist er, unser Rechtsstaat, er kennt fast nur Sachschäden[4].

Beide Institutionen haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Gemerkt haben das fast nur die ehemaligen Heimkinder.

  1. Darum gehört zu den Verlierern auch die Gesellschaft: die Öffentlichkeit und die veröffentlichte Meinung. Sie waren bald gelangweilt durch die immer gleichen Horrorgeschichten aus dem Heimalltag. Man fühlte mit den Opfern, doch wenn es um Geld ging, erwachte vielfach der Neid. Schließlich hatte doch jeder einmal eine Ohrfeige bekommen und den Müll runtertragen müssen.

Dann wurden glücklicherweise die Heimkinder aus den Nachrichten verdrängt. Sexueller Mißbrauch war das neue Thema. Das war grauslich-unterhaltsam und man hatte richtige Täter und richtige Abscheu – und man war voll und ganz auf der richtigen Seite.

Die Gesellschaft hat verloren? Ja. Denn die Opfer haben sie kennengelernt und wissen, was sie von ihren lieben Mitmenschen zu halten haben[5].

Die „Moderatorin“ des Runden Tisches ist für mich die Symbolfigur für das gottlose Vorgehen der Kirchen, für das Unrecht des Rechtsstaates und für die bigotte Gesellschaft geworden, denn sie vereinigte alle drei Rollen in sich, und das meisterhaft[6].

  1. Für die ehemaligen Heimkinder als Verlierer muß ich weiter ausholen, denn da gibt es „sone und solche“ und, – darauf will ich zuerst eingehen- , auch einen generellen Unterschied bei im Leben zu kurz gekommenen Menschen.

Im Leben schmerzhaft und nachhaltig geschädigt – da kann man Unglück gehabt oder aber massives Unrecht erlitten haben. Das ist ein großer Unterschied.

Unglück als Krankheit oder als Verlust wichtiger lieber Menschen ist „Schicksal“. Mit dem kann man hadern und es nach und nach akzeptieren. An dieser Lebensaufgabe kann man auch scheitern, aber niemanden verantwortlich machen. Gerade deshalb kann man aber das Unglück hinter sich lassen und es „bewältigen“.

Wer Unrecht erleidet, hat es schwerer. Denn da gibt es Täter, zum Anklagen, zum Bekämpfen. Wer sich darin verbeißt, hat es schwer, aus der Opferrolle herauszukommen. Man hat nicht nur verloren, man bleibt Verlierer.

 

Zwei Kommentare zu einem kurzen Blogbeitrag vor wenigen Tagen[7] haben mir gezeigt, wie solche Opfer die Verliererrolle abstreifen können. Es ging um die Frage, ob man Geld aus dem Heimkinderfonds annimmt oder nicht.

 

a) Die Wiedererlangung der Würde, die den Kindern in den Heimen und den ehemaligen Heimkindern vom Runden Tisch genommen wurde.

Helmut Jacob schreibt:

Das Für und Wider des Fonds „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“

Ich spreche mich nach wie vor gegen die Inanspruchnahme des Fonds, der auf Empfehlungen des „Runden Tisches Heimerziehung“ installiert wurde, aus. Dies begründe ich wie folgt:

  1. Dieser Fonds stellt eine weitere Demütigung der Heimopfer dar. Die ausgezahlten Beträge werden zwar als Entschädigung deklariert, sind jedoch eine billige Abspeisung irgendwelcher Ansprüche. Mir kommen sie vor, als würde der PKW-Seitenspiegel ersetzt und nicht das gesamte Auto, das zu Schrott gefahren wurde.
  2. Die Einrichter dieses Fonds haben mit Sicherheit einkalkuliert, daß selbst kleinste Zahlungen Abnehmer finden, so daß sie von Erfolgen sprechen können. Es ist zu beobachten, daß selbst kleinste Anmeldezahlen bei den Anlaufstellen von unter und um ein Prozent der geschätzten 800.000 bis 1 Mio. Opfer als großer Erfolg für die Akzeptanz dieses Fonds propagiert werden. Woher dieses Kalkül? Die Folgen der Heimerziehung sind a) Armut aufgrund mangelnder Ausbildung und mangelnder Integration in die Arbeitswelt. Man kann mit Fug und Recht unterstellen, daß die meisten ehemaligen Heimopfer Löhne oder Sozialhilfeleistungen erhielten, die zum Sterben zu viel, zum würdevollen Leben zu wenig ausmachten. Nachdem das Problem der Verzichtserklärung vom Tisch war und die einzelnen Internetpräsenzen der Opfer selbst Licht in das Thema „Heimkinderfonds“ brachten, stieg die Zahl der Inanspruchnehmer an und wird weiter steigen. Finanzielle Not, finanzielle Engpässe und andere Beweggründe reizen dazu, zusätzliche Einnahmen jedweder Art zu akquirieren.
  3. B) In den Heimen wurde ein permanentes Mangelerleben erzeugt. Es mangelte an Essen, gutes Essen gab es nicht oder nur ausnahmsweise. Es mangelte an Geld in den Taschen der Heimbewohner. Es mangelte an Rauchwaren (Das nutzen manche Heimleiter aus, um ihre jungen Männer in der Erziehungshilfe zu mehr Leistung anzutreiben.) Mängel wohin das Auge blickte. Gab es mal gutes Essen, wurde wie selbstverständlich gelegentlich gefressen und auch überfressen. Ich beobachtete einmal, wie in meiner Ausbildungszeit ein taubstummer junger Mann (Größe eines Kleiderschrankes) einem anderen taubstummen Jungen seine Gabel voll in die Hand rammte, weil der schneller am Fleischtopf war. Diese Fälle gab es sicher selten, aber ganz gewiß eine Einsackermentalität, oder auch „Bunkermentalität“ genannt. Sie entstand aus der Angst: Schon morgen kann das Leben wieder schlechter sein. Diese Mentalität darf darum nicht negativ beurteilt werden. Sie ist auch heute beispielsweise in Entwicklungsländern zu beobachten. Rollt der LKW mit Hirse endlich an, findet davor ein Hauen und Stechen statt.

Die kursierenden Meldungen über große Summen zwischen 10.000 und 30.000 € sprechen sich wie ein Feuer unter den Opfern herum und so spekuliert jeder Antragssteller auf diesen „kleinen Lottogewinn“ oder „großen Schluck aus der Pulle“. Was zunächst durchaus verständlich ist.

  1. Es wurde mit Sicherheit schon am „Runden Tisch Heimerziehung“ von den meisten Tätervertretern erkannt, daß es an Einigkeit unter den Heimopfern fehlt. Wie sollte es auch anders sein? In den Heimen herrschte der Ellenbogen vor; jeder war sich selbst der Nächste. Und gelegentlich war nicht der Leiter der wahre Feind, sondern der Stubenkamerad. Gründe für dieses Verhalten gibt es zuhauf. Sie aufzulisten, würde den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen. Zwar war und ist bekannt, daß eine Gruppe von ehemaligen Heimopfern, auch ein Theologe und ein Professor für Sozialpädagogik, sich für eine würdige Entschädigung aussprechen, aber die Tätervertreter wußten, daß ihr kleines Lockmittel, die Brocken in der Hundeschüssel, reichen, um den Hungrigen still zu bekommen.
  2. Mit der Annahme von Mitteln aus dem Fonds verlieren die Opfer m. E. ein weiteres Mal ihre Würde. In den Heimen wurde ihnen das Ehrgefühl, das Selbstwertgefühl und ein Gefühl für Menschenwürde hinausgeprügelt. In der Ablehnung dieser Almosen aus den Opferfonds könnten die Opfer jetzt demonstrieren: Ihr habt uns nicht ganz kaputt gekriegt. Wir haben unser Selbstwertgefühl wiedergefunden und wollen nun einen würdevollen Lebensabend verbringen. Was wäre passiert, wenn alle Opfer an einem Strang gezogen hätten? Um einen Skandal zu vermeiden, hätten die Tätervertreter (so kann man sie bezeichnen, sie wurden selbst zu Tätern) nachbessern und die Geldgeber in die Pflicht nehmen müssen dahingehend, wenigstens annähernd den Forderungen nach einer Opferrente oder einer Barleistung von über 50.000€ nachgeben, sonst wäre der „Runde Tisch Heimerziehung“ in der Öffentlichkeit als Farce demaskiert. Man nimmt also bewußt in Kauf, daß die Opfer ein weiteres mal zu Opfern werden, damit das Konzept der Billiglösung aufgeht.

Die Rückeroberung der Würde beobachtete ich selbst. Vor 8 Jahren sah ich eine Schulkameradin wieder, die in ihrer Kindheit im Johanna-Helenen-Heim permanent mißhandelt wurde. Auch ihr wurden Ehre und Würde weggeprügelt. Alles, was mit dem unteren Körperbereich zusammenhing, war Sünde, Schweinerei und führte zwangsläufig in die Prostitution und in die Gosse. Die Liebe gehörte auch dazu. So lehrten es sie die Ordensschwestern Martha und Elisa. Täglich wurde sie gedemütigt, vorgeführt, abgestraft, links liegen gelassen. Die behinderte Lehrerin Gertraude Steiniger verübte täglich selbst Verbrechen an ihr. Sie stand 24 Stunden unter Dauerstress und Dauerbedrohung. Danach war sie ein kaputter Mensch. Das Johanna-Helenen-Heim hat ihr gesamtes nachfolgende Leben völlig negativ beeinflußt. Als ich sie wiedersah, saß vor mir ein Haufen Elend. Angst vor den Behörden, Angst vor Ärzten und Angst vor Mitmenschen, die scheinbar klüger waren als sie. Einen Freundeskreis hatte sie, aber auch hier wurde sie oft überfordert. Ihre wirkliche Freundin war auch behindert. Elternlos fand sie in späten Jahren Mutterersatz in der Schweiz.

Sie arbeitete in einer Opfergruppe mit und machte erstaunliche Erfahrungen: Behördenmenschen sind auch nur Menschen mit Fehlern, Ecken und Kanten. Ärzte sind keine Götter, sondern Angestellte der Kunden, genannt Patienten. Mitmenschen haben selbst ihre Fehler und Schwächen und jeder Mensch ist individuell. Als ich ihr einen Brief an den Bürgermeister einer Stadt formulierte, weil sie seitens eines Amtes über den Tisch gezogen wurde, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. So wenig Unterwürfigkeit, so viel Direktheit hat sie in den Jahrzehnten davor nicht gelebt und erlebt. Aber sie sah: Ab Posteingang wurde sie als solche akzeptiert, die sie tatsächlich war: Arbeitgeberin dieser Bürokraten. Sie hat verstanden: Ohne Bürger keine Verwaltung.

Vor etwa 4 Jahren wurde sie schwer krank. Dazwischen lagen viele aufregenden, lehrreiche, erlebnisreiche Jahre voller Ausflüge, Lebenshilfe, aber auch indirekter Lehrstunden. Und es war von Monat zu Monat zu beobachten, wie ihr Selbstbewußtsein, ihr Stolz zurückkamen. Die Körperhaltung wurde eine viel aufrechtere.

Eine Psychologin wurde auf ihre Geschichte aufmerksam und eine weitere Freundin für sie. Oft riefen sie sich an und Marianne berichtete immer wieder von schönen Gesprächen. Die letzten Tage verbrachte sie unter Schmerzen und Qualen im Krankenhaus. Sie wußte: Der Tod schleicht schon ums Haus. Jene Psychologin erfuhr davon und bot an, aus dem Opferfonds Mittel für sie loszueisen, damit ihre letzten Wochen erträglicher würden. So saß ich an ihrem Krankenbett, das eigentlich schon das Sterbebett war, und fragte sie, ob sie dieses nette Angebot nicht annehmen wolle. Nein, betonte sie, aus diesem Fonds nicht. Ich versuchte es anders: Daß sie sich vielleicht mit diesem Geld bei jenen Leuten bedanken könne, die ihr besonders nahe stehen. Ich verwies auf ihre Assistentin, eine junge Studentin, die über ihr Stundenkontingent hinaus permanent an ihrem Bett saß. „Nein, ich will aus diesem Fonds kein Geld!“, sagte sie mit einer solchen Bestimmtheit, daß ich zusammenschreckte. Erst Wochen später, die Beerdigung war längst vorbei, kam mir zu Bewußtsein: Die letzten Jahre waren Schuljahre. Sie hatte ihre Würde wirklich wiedergefunden.

 

Mit einer solchen Haltung ist man nicht mehr Opfer, sondern hat über die Täter gesiegt, auch wenn man materiell verloren hat. Der aufrechte Gang ist mehr Wert als demütigende Almosen, doch den muß man sich – irgendwie – leisten können.

 

b) Nüchterner Realismus

Auch der zweite Kommentar bezeugt aufrechten Gang. Es ging um die ironisch gestellte Frage, ob es auch Glückliche unter den ehemaligen Heimkindern gibt.

 

Erich Kronschnabel[8] beantwortet sie in bekannter Manier.

Die Frage ist so einfach zu beantworten wie sie … gestellt wurde ….

Die paar „Glücklichen” begriffen sofort, dass dieser Staat niemals zur Zahlung wirklicher ENTSCHÄDIGUNGEN bereit sein wird (was sich bewahrheitete). Die paar Glücklichen – ich nenne sie nicht so – begriffen auch sofort, dass sie sich Beiträge an Vereine und Prozesse gegen Täternachfolgeorganisationen sparen können (was sich auch als richtig erwies).

Die paar „Glücklichen” wurden wegen der Antragstellungen als doofe Almosenjäger verunglimpft, ich weiss, dass auch „Ihr” Verein von der Beantragung abgeraten hat (ich weiss aber auch, dass es Vereinsmitglieder gab und gibt, die Wasser predigten und Wein soffen – und ganz fix und leise zur Anlaufstelle gingen und heute etwas mehr Geld wie vor der Antragserledigung haben. Aber wie nennt man DIESE Pharisäer im Volksmund?).

Sehen Se, … , so einfach geht gesunder Menschenverstand. Und so einfach wurden „Almosenjäger” zu „Glücklichen”, wie Sie sie nennen. Ich nenne die einfach Realisten, die aus den Erfahrungen mit Staat und Kirchen lernten. Gegessen wird, wenn der Tisch gedeckt ist….Oder gab es in Heimen gleitende Essenszeiten? „Wünsch Dir was!” lief im ZDF nur von 1969 – 1972, …….da hatten wir das Kinder-KZ schon hinter uns und kannten die Realität!

 

Realisten, die aus den Erfahrungen mit Staat und Kirchen lernten. Diese Haltung ist an realitätsgerechtem Zynismus nicht zu überbieten – man geht auf Augenhöhe mit dem verachteten Gegner und gewinnt an Größe. Daß man dabei auch Schaden an seiner Seele nehmen könnte, ist irrelevant, wenn man Seele für eine religiöse Erfindung hält.

 

Und die anderen, die sich nicht eindeutig positionieren können/wollen? Sie lecken ihre Wunden – oder?

 

Waren das alle? Wie steht es mit mir?

Als ich diesen Blog begann, ahnte ich nicht, daß die ehemaligen Heimkinder zu einem Hauptthema werden würden. Ich hatte die ersten ehemaligen Heimkinder auf meinen Kriegskindertagungen kennengelernt, hatte das Unrecht erkannt, das man ihnen zugefügt hatte und hatte Kontakte bekommen, die ich mit Erreichen des Ruhestandes nicht einfach abbrechen konnte/wollte. Das gehört zu meinem Berufsverständnis als Pfarrer. „Warum machst du denn das?“ wurde ich zuweilen gefragt und ich hatte den Eindruck, daß manche mich für eine Art Don Quichotte hielten/halten.

Ich habe sehr früh die Probleme gesehen und sachorientierte Lösungsvorschläge gemacht[9] – ohne Erfolg.

Habe ich verloren? In der Sache, ja. Doch den aufrechten Gang habe ich beibehalten. Ich habe ihn – man mag darüber lachen – bei der Polizei gelernt. Als Polizeipfarrer (immerhin 15 Jahre) brauchte ich mich keiner Gemeinde und keinem Kirchengemeinderat anzupassen – und meine Kirchenleitung habe ich erst recht spät schätzen gelernt. Ob und inwieweit sie mich schätzt, kann ich nur raten. Immerhin hat sie mich nie bedrängt, meine Meinung zu verstecken, jedenfalls nicht in den Heimkinderangelegenheiten. Das rechne ich ihr hoch an.

 

Dummerweise sind die Kirchen – und auch meine Kollegen – in den Heimkindersachen so schwerhörig wie hartleibig[10]. Soweit sie überhaupt von meinem Blog Kenntnis nehmen, will ich aber meinen Traum[11] in Erinnerung rufen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man.

 

[1] Darum ist diese Bilanz auch als eine Art Abgesang zu lesen, ein Abgesang auf den gescheiterten Versuch, Staat und Kirche zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit historischer Schuld und einem fairen Umgang mit ihren Opfern zu bewegen.

[2] http://de.wikisource.org/wiki/Max_und_Moritz/Letzter_Streich

[3] Für die Leser meines Blogs muß das nicht mehr belegt werden. Wer es nicht oft genug hören/lesen kann oder wer die Hintergründe nicht kennt, schreibe mir ein Mail und ich werde zwar gequält, aber dennoch gern darauf antworten.

[4] Auch dies ist den Lesern meines Blogs nicht neu.

[5] Die Hölle das sind die Anderen http://de.wikipedia.org/wiki/Geschlossene_Gesellschaft

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/01/31/der-runde-tisch-heimkinder-und-der-erfolg-der-politikerin-dr-antje-vollmer/

[7] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/23/gut-ding-will-weile-haben/ Hier kann, wer will, auch die anderen Kommentare nachlesen.

[8] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/05/27/rotzfrech/

[9] https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/ mit weiterführenden Links

[10] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf Mein Beitrag im Pfarrerblatt fand keine Resonanz.

[11] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/