Dierk Schaefers Blog

Wenn Verjährung nicht greift, helfen milde Urteile.

Zwei Jahre und acht Monate Haft »wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. … Der 55 Jahre alte Ehemann der Gruppenleiterin … wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er 3600 Euro zahlen. Eine 44-Jährige weitere Erzieherin erhält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung, muss 1800 Euro zahlen. Berufsverbote, wie sie der Staatsanwalt gefordert hat, hält das Gericht für nicht notwendig.«

https://www.nwzonline.de/panorama/autistische-heimkinder-regelmaessig-brutal-gequaelt_a_31,2,3230315746.html

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Das Geld war dann mal weg – Die Kirche als Nebenklägerin

Posted in Justiz, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 25. Januar 2015

Der große Raub von Compostela vor dem weltlichen Gericht[1]

 

Compostela liegt am Ende der Welt[2] und ist vielleicht auch darum seit Jahrhunderten Ziel der Pilgerströme aus aller Welt[3]. Wallfahrer bringen Geld, bei vielen kommt viel Geld zusammen[4]. Das war immer Zweck und Ziel für die translatio[5], für die Übertragung von Reliquien[6] in Kirchen und Klöster. Die Gebeine von Heiligen oder Splitter vom Kreuz Jesu[7], sogar seine Vorhaut[8], all dies lockt die Gläubigen in Scharen an. Manche erfahren die Erfüllung ihrer Bitten, auf jeden Fall aber leben Klöster und Kirchen sehr gut vom frommen Glauben der Wallfahrer. So gut, dass es in Santiago de Compostela gar nicht weiter auffiel, dass der Haus-Elektriker sich großzügig aus den Kollekten bediente.

Fast 21-tausend Euro sollen es gewesen sein. Es gab wohl eine Überwachungskamera in der Sakristei, doch der Glaube, sie funktioniere nicht, war so stark wie der Glaube an die Wirkmächtigkeit der Gebeine des heiligen Jakob. Erst der Diebstahl der wertvollen Handschrift[9] fiel auf und löste einen nationalen Skandal aus. Nun schaute sich die Polizei die Überwachungsvideos an und ermittelte den Täter: Der Elektriker war’s, ein Licht-bringer, der Luzi-ferus in Person.

Wenn es um Luzifer geht, ist die Forderung der Staatsanwaltschaft unzureichend. 15 Jahre will sie den Mann einsperren. Die Kirche als Nebenklägerin weiß die teuflische Tat besser einzuschätzen: 31 Jahre fordert sie[10]. Der Mann ist 63 Jahre alt, also wird dieser Teufel im Knast sterben – recht so.

Nur: Der Elektriker bringt Licht auch in andere Geheimnisse. Er behauptet in der Kathedrale viel gesehen zu haben, homosexuelle Affären und auch – im Unterschied zu ihm – festangestellte Mitarbeiter, die in die Spendendosen gegriffen haben. – Alles teuflische Unterstellungen! Weg mit ihm! Vade retro satana![11]

 

Wäre er fest angestellt gewesen oder gar geistlichen Standes, dann hätte wohl das bekannte Vertuschungs- und Schweigekartell die Decke schützend über ihn ausgebreitet, wie im Fall des vielfachen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener. Doch der Teufel, eben nicht im geweihten Dienst der Kirche, bei der Schutzmantelmadonna[12] findet er keine Schonung.

 

Das gestohlene Geld lag übrigens nicht nicht herrenlos herum, war keine Fundsache: Es wurde vermutlich nicht auf einmal entwendet, somit es dürfte sich um wiederholten, einfachen Diebstahl jeweils geringfügigen Umfangs gehandelt haben. [13] Der ansonsten fromme Elektriker hat alles sorgfältig notiert. Diebstahl im Wiederholungsfall, als Serie gar, schließt eine einfache Regelung aus. Der Elektriker hat aber aus der Kirche keine Sache gestohlen, die „der religiösen Verehrung dient oder dem Gottesdienst gewidmet ist“. Das lässt sich weder vom Geld noch vom Codex behaupten. Der Codex ist sicherlich „eine für die Wissenschaft, die Kunst oder die Geschichte bedeutsame Sache“, ob er jedoch „zu einer allgemein zugänglichen Sammlung gehört oder öffentlich ausgestellt ist“ wäre zu ergründen. Da er wohl aber nicht gesichert verwahrt wurde und auch für die Kollekten die vorhandenen Sicherheitsvorrichtungen nicht genutzt wurden, kann von einem Mitverschulden der Kathedralverwaltung ausgegangen werden, was sich strafmildernd auswirken müßte.

Aber hier geht es mit dem Teufel zu. Darum kann nur das Strafmaß für Mord angewendet werden. So sieht es die alleinseligmachende Kirche. Ihr geht es schon seit dem 18. November 1302 „um die Vorrangstellung des Geistlichen vor dem Weltlichen und daher die Notwendigkeit, daß auch die weltlichen Herrscher sich für ihr Seelenheil der geistlichen Führerschaft unterwerfen.“[14]

Noch Fragen?

[1] http://www.sz-online.de/nachrichten/gestohlen-gezaehlt-gebetet-nie-gebuesst-3018556.html

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kap_Finisterre

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Santiago_de_Compostela

[4] Manche verdienen auch viel Geld damit: Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Reliquientranslation

[6] fast alles über Reliquien: https://de.wikipedia.org/wiki/Reliquie

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuz_%28Reliquie%29

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Vorhaut

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Jakobsbuch

[10] http://www.swp.de/ulm/nachrichten/vermischtes/Elektriker-stiehlt-Spenden-und-das-Jakobsbuch;art4304,3002522

[11] http://en.wikipedia.org/wiki/Vade_retro_satana

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Schutzmantelmadonna   https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7300570460

[13] Nach deutschem Recht …, alle folgenden Angaben aus: http://www.rechtslexikon.net/d/diebstahl/diebstahl.htm „Das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörde hängt vor allem vom Wert des Diebesguts ab. Beim Ersttäter wird das Strafverfahren grundsätzlich eingestellt, wenn das Diebesgut nicht mehr als 30 EUR wert ist. Liegt der Wert des Diebesguts über 30 EUR, kann eine Einstellung des Verfahrens in Betracht kommen, wenn der Täter eine Geldbuße entrichtet. Hat das Diebesgut einen Wert von nicht mehr als etwa 50 EUR, so wird die Tat in der Regel nur auf Antrag des Bestohlenen verfolgt. Die Staatsanwaltschaft kann dann aber auch ohne Antrag tätig werden, wenn sie dies wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung für geboten hält.

[14] http://www.katholisches.info/2012/10/04/extra-ecclesiam-nulla-salus-710-jahre-papstliche-bulle-unam-sanctam/