Dierk Schaefers Blog

Memento mori auf rheinische Art

Posted in Bürokratie, Ethik, Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 11. Mai 2015

Sie sind für ihren Humor bekannt, die Rheinländer. Selbst in Behörden soll es in den tollen Tagen ziemlich toll zugehen. Am Aschermittwoch ist zwar alles vorbei – doch die anschließende Fastenzeit legt den Narrensamen für schwarzen Humor, der ausschlägt, wenn der Mai gekommen ist.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) arbeitet als Kommunalverband mit rund 18.000 Beschäftigten für die 9,4 Millionen Menschen im Rheinland. Für schwarzen Humor ist dort Peter Möller zuständig (Peter.Moeller@lvr.de ). Er schreibt heute (Montag, 11. Mai 2015, 10:03 h) über die rechtzeitige Beantragung von Beerdigungskosten.

Als Theologe kann ich nur sagen: Recht hat er. Schließlich haben wir hier auf Erden keine bleibende Stadt und sollten stets darauf bedacht sein, vor unseren himmlischen Richter zu treten. Memento mori! Wir beten: Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.[1]

Die Evangelen sind so frivol, dass sie bei ihrer diesjährigen Kirchentagslosung die erste Halbzeile, die mit dem Sterben unterschlagen haben[2]. Darauf kommt aus dem katholischen Rheinland die humorvolle Antwort. Herr Möller, der ist klug. Er hat gemerkt, dass ein Antragsteller nicht klug war und er zieht daraus ganz knitzig-klug den Schluss: Geld gibt’s keins, jedenfalls nicht für die Pietät.

Wo kämen wir auch hin, wenn die Leute einfach so wegsterben, ohne ihre Angelegenheiten geordnet zu haben. Das sieht ja so aus, als wollten sie das Zeitliche, also uns, nicht segnen.

„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben,“ hat uns Christian Fürchtegott Gellert gelehrt. Der war als Pfarrerssohn zwar auch nicht katholisch, also fern vom rheinischen Humor aufgewachsen, doch er hatte im Unterschied zwischen dem Kirchentag und dem Antragsteller kapiert, auf was es ankommt: Auf’s Ende – du Schafskopf!

Mögen die evangelischen Schafsköpfe ihren Kirchentag endlos feiern, doch für den Antragsteller, dessen Urne schon gefüllt ist, gilt: Aus die Maus.

Also lieber Leser: Bedenke dein Ende, damit Du klug wirst. Besonders wenn du Geld vom kölschen Klüngel zu erwarten hast. Diese Leute machen sich einen Jux aus deiner Dummheit. Die versaufen nicht nicht nur ihrer Omma ihr klein Häuschen und lachen sich eins. Die haben schon Humor, wenn’s erst an’s Sterben geht,  – an das der anderen.

Großer Tusch für Prinz Karneval! Einen Böller für Herrn Möller!

Trara – Trara –  Trara  – sein Mail ist da!

„Beerdigungskosten“

„Grundsätzlich gewähren die Fonds nur Leistungen, die der/dem Betroffenen persönlich zugutekommen. Einzige Ausnahme sind Kosten für die Beerdigung einer/eines Betroffene/n. Diese werden dann von den Fonds als materielle Hilfebedarfe anerkannt, wenn

  • die/der verstorbene Betroffene vor ihrem/seinem Tode bereits im Beratungsverfahren bei einer Anlauf- und Beratungsstelle war,
  • die Übernahme der Kosten nach Auffassung der Anlauf- und Beratungsstelle dem erklärten Willen der/des Verstorbenen entspricht
  • und dies von der Anlauf- und Beratungsstelle schriftlich dokumentiert ist, z.B. im Beratungsprotokoll.

Der/die Betroffene muss demnach zu Lebzeiten gegenüber der Anlauf- und Beratungsstelle den ausdrücklichen Wunsch

  • nach einem würdigen Begräbnis und
  • nach Kostenübernahme durch den Fonds

geäußert haben, ggf. im Erstkontakt mit der/dem Beraterin/Berater.

Nicht ausreichend ist, wenn der Wunsch der Kostenübernahme durch den Fonds lediglich gegenüber Dritten (z.B. Ehepartner/in, Lebensgefährt/in, Kind) geäußert wurde. Eine Kostenübernahme ist auch dann nicht möglich, wenn sie dazu dienen soll, die Erben der/des Betroffene zu entlasten. Dies gilt auch dann, wenn die Entlastung der Erben ein Wunsch der/des Betroffenen war, denn hierbei würde es sich – wie bei einem Geschenk zu Lebzeiten – um eine unzulässige Leistung an Dritte handeln.“

[1] „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“ Psalm 90, Vers 12

[2] https://www.kirchentag.de/programm/losung_und_themen/losung.html

Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft by dierkschaefer on 2. März 2015

Sogar vom Tegernsee aus gesehen bringt dieser Artikel Geschichte und Gegenwart – vielleicht auch die baldige Zukunft auf eine plausible Reihe[1]. Immerhin ist dem Autor wenigstens »aus Gesprächen mit Kindern aus weniger begüterten Familien bewusst, dass ihre Jugend und das Leben ihrer Eltern deutlich weniger erbaulich waren. Nicht überall waren die Villen gross und die Gärten üppig, und auch die Blocks und Hochhäuser, die woanders gebaut wurden, mussten wohl Bewohner gehabt haben, die nicht neben dem See lebten. Und wer meint, es hätte damals mehr soziale Gerechtigkeit gegeben, den verweise ich gerne auf die bayerischen Übertrittszahlen zu den Gymnasien: Da wurde so lange und so brutal gesiebt, bis wirklich nur noch die Kinder der alten Akademiker und der Funktionselite übrig blieb. Der letzte Kalte Krieg und die damit verbundene Gesellschaft hatten auch ihre Schattenseiten und Opfer, und auch Profiteure in der Rüstungswirtschaft, Atomkraft und Infrastruktur, für deren krasse Fehlentscheidungen wir auch heute noch, im nächsten Kalten Krieg, zahlen müssen.«

Wer nicht zu den Begüterten oder Betuchten gehört hat, um Begriffe aus der Vor-vorkriegszeit zu benutzen, – oder war das noch einen Krieg zuvor? – wer also zu den Total- oder doch fühlbar Zukurz-Gekommenen gehört hat, sollte sich diese ironische Zeitanalyse nicht entgehen lassen. Es war nie alles Gold, was glänzte, doch im Glanz lebt(e) es sich angenehm(er). Wenn wir Pech haben, erleben wir den Zahltag noch, unsere Kinder bestimmt.

„Leute, lobt mir die Nachkriegszeit, bald kommt wieder die Vorkriegszeit!“[2]

[1] http://blogs.faz.net/stuetzen/2015/02/28/die-heisse-oma-und-der-neue-kalte-krieg-5018/ Montag, 2. März 2015

[2] Mir als Nachkriegskind hatte sich dieser saloppe Spruch im Kopf festgesetzt. Von wem er war, wusste ich nicht mehr. Doch Googeln macht schlau: http://www.tagesspiegel.de/kultur/vorkriegszeit/377600.html – Auch ein trefflicher Artikel.

Und wenn Sie mögen, schauen Sie auch noch hier nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg_in_Deutschland , es lohnt sich.

Die Nutznießer des Todes haben schon wieder gespart

Posted in heimkinder, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 23. Januar 2015

Gemeint sind nicht diejenigen, die mit dem Tod ehrlich ihr Geld verdienen. Der Bäcker lebt von unserem Hunger, der Arzt von unserem Beinbruch und die Periletalexperten von unserem Tod. Das ist normal und in Ordnung. Auch dass die Versicherungen mit unserem Tod spekulieren, – wir müssen uns ja nicht drauf einlassen.

Aber die Bürokraten, die uns auf die lange Bank schieben bis wir runterfallen bevor unser „Fall“ zu Lebzeiten abgeschlossen ist, sie schieben eine ruhige Kugel, nur net hudle, und sie sparen das Geld des Staates und der Kirchen. Wieder ein Fall weniger.[1]

HEPHATA heißt: Öffne dich[2], ist in diesem Fall aber eine Totale Institution[3], eine als geschlossen erlebte Einrichtung der erbarmungslos christlichen Art. Wer dort gelitten hat, ich kenne solche Menschen, mag vielleicht gehofft haben, dass sich der Almosenfonds für die ehemaligen Heimkinder auch für sie einmal öffnet. Aber manche fallen vorher von der langen Bank.

Die Bearbeiter, die Vertreter von Staat und Kirchen sagen vielleicht Schicksal, oder etwa Kismet, oder gar Inshallah. Nein, falsch: Gott der allmächtige hat uns den Gefallen getan, seinen treuen Diener Anton Müller heim in sein ewiges Reich zuholen[4]. Heim! Schon wieder.

Heime sind richtige Sparkassen.

 

Hier das Mail mit Anmerkungen von denen, die auf der langen Bank sitzen – noch.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

Heute ist erneut ein „Ehemaliges Heimkind“, welcher seinerzeit in der Einrichtung HEPHATA Mönchengladbach untergebracht war,  gestorben. Nach meinem Kenntnisstand, ist dass das vierte Heimkind, welches verstorben ist, innerhalb weniger Jahre.

Seine Lebensgefährtin selber, ist körperlich und geistig behindert und hat einen gesetzlichen Betreuer.
Sie wird nie allein in der Lage sein, selbstständig einen Haushalt zu führen und beide haben sich hervorragend verstanden und ergänzt. Bis auf weiteres, ist sie in eine Klinik untergebracht und die Wohnung von der Polizei versiegelt worden.
Im Rahmen der Antragstellung an den Heimfond-West beim LVR Köln, habe ich beide kennengelernt,
bei mir zu Hause. Ich weiss, dass auch bei einer schnelleren Antragsbearbeitung, der Tod sich nicht vermeiden lässt, aber es würde die Möglichkeit bestehen, dass eben doch noch viele ehemalige Heimkinder, in der Lage versetzt würden, sich auf eine bessere Lebensqualität zu freuen.
Mit 58 Jahren vielleicht sogar noch auf viele Jahre!
Ich berichte hier bewusst darüber, weil dies wohl deutschlandweit ein Problem darstellt, dass eben nicht mehr alle, die lange Antragsdauer, sowie den dafür zu führenden unmenschlichen Aufwand, überleben bzw. überlebt haben. Denn zu den gesundheitlichen Nachfolgeschäden, kommen ja noch die üblichen Alterserscheinungen hinzu, mit den viele ältere Mitbürger zu kämpfen haben.
Bewusst habe ich dies heute auch auf Facebook gepostet, damit der heutige Tod, den wir ja alle oftmals vor Augen haben, bei uns Betroffenen Wut erzeugt. Wut auf die Personen, welche für diesen unwürdigen Heimfond und dessen Procedere, am Runden-Tisch-Berlin, verantwortlich zeichnen. Hier an der Spitze, eine evang. Pastorin Antje Vollmer, ehemals auch Vizepräsidentin des Deutschen Bundestag.
Ich bin zwar nicht unmittelbar von diesem Tod betroffen, dennoch kann ich Ihnen sagen, dass ich mich sauelend gefühlt habe, als mich dieser Anruf heute erreichte. Erstmalig so elend, das ich Übelkeitsgefühle hatte.
Kommenden Montag werde ich mich informieren, wie das mit der Beerdigung von statten geht und beim Fond nachfragen, sowie bei Hephata, ob eine Beteiligung möglich ist. Da noch einige andere ehemalige Heimkinder aus Hephata in Mönchengladbach leben, und viele mich heute angerufen haben, werden wir wohl zusammen, ihm die „letzte Ehre“ erweisen.
Mir war und ist es einfach ein Bedürfniss gewesen, es Ihnen mitzuteilen.
Mit freundlichen Grüssen
Uwe Werner

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3 Std. ·

So eben wurde mir mitgeteilt, dass ein ehemaliges Heimkind (Stiftung Hephata) in Mönchengladbach verstorben ist. Er wurde in seiner Wohnung, von seiner behinderten Frau tot aufgefunden. Er wurde mal gerade 56 Jahre alt.

Sein Antrag an den „Fond Heimerziehung“, hat sich damit erübrigt, den ich mit ihm in meiner Wohnung geschrieben habe und er mir über seine Zeit im Heim Hephata berichtet hat.

Ich bin entsetzt und wütend zugleich, weil er keine Chance hatte, ein würdiges Leben führen zu dürfen und wieder einmal, ein Antrag an den Fond, aus biologischen Gründen ad acta gelegt werden kann.

Ich hoffe, er hat jetzt seinen Frieden!!!

Mechthilde M. Der Familie und Freunden mein aufrichtiges Beileid. Wieder € dem Staat geschenkt

 

Hildegard N. So geht die Rechnung leider wieder auf. Mein Beileid an die Familie und Freunde.

Werner Uwe Ich habe nur noch Wut, Wut, Wut…im Bauch und entsprechend werde ich Montag den Heimfond in Köln informieren.

 

Klaus S. Uwe die Beerdigungkosten müsste der Fond übernehmen wenn er den Antrag gestellt hat. Ich hoffe man kann ihnen dann helfen.

 

Ilona S. Mein aufrichtiges Beileid der Familie und den Betroffenen. Mich macht es ebenfalls sauer das Menschen die genug durch die ehm.Systeme gelitten haben, keine Chance mehr hatten, dieses Leid ein wenig zu lindern. Aber jetzt meine Frage, kann die Familie dieses nicht für eine würdige Beerdigung beantragen, das sollte man schon zugestehen oder zumindest die Rentenersatzleistung.

 

Hildegard N. Ich denke an die Arme behinderten Dame. Sie braucht jetzt jede erdenkliche-Hilfe!!!!

 

Werner Uwe Soviel ich weiss und bin mir da sicher, ist es eine Lebensgefährtin, mit geistiger und körperlicher Behinderung und hat einen gesetzlichen Betreuer. Die Frau ist jetzt in einer Klinik und die Wohnung ist versiegelt. Der Sohn ist ebenfalls behindert. Werde Montag mit Köln und Hephata telefonieren und sie unterrichten. Andere EHEMALIGE von Hephata wollen mit zur Beerdigung und sind z.Z. mies drauf. Ob sonst überhaupt noch Familie da ist, weiss ich nicht.

 

Hildegard N. Auch Dir Werner Uwe möchte ich meinen Dank aussprechen.Das Du diesen Menschen Mut Trost und Unterstützung zu kommen lässt.!

 

Werner Uwe Da ich seine Antragskopien und Heimnachweise in Kopie noch hier habe, werde ich sie Montag dem LVR Köln und Hephata mit einem entsprechenden Kommentar, zu schicken. Ich will vermeiden, dass es keine billige anonyme Beerdigung wird von der Stadt.
Nebenbei, ich selber will einfach nur verbrannt werden, der Rest ist mir egal. Familie gibt es eh nicht, sodass es keine Probleme und Diskussionen um mich geben wird. Die Welt ist nun mal so wie sie ist und die Menschen auch. Doch ich sorge dafür, dass ich auch morgen noch lachen kann, versprochen!!!

 

Jenny Z.das ist traurig.

[1] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/14120912752/in/set-72157615322601328

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Effata

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Totale_Institution

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3356746668/in/set-72157615322601328

auch ein abschied

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 21. November 2014

A Capella

Wir waren sofort aufgebrochen. Sechs Stunden mit dem Auto. Aus der Tiefgarage brachte uns einer der beiden Aufzüge ins 3. OG.

Schon an der Wohnungstür fiel mein Blick auf das Bett. Dort lag sie, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Die Pflegerin hatte sie gewaschen und angezogen. Bei Tisch erzählte meine Mutter vom Ende der seit zwei Jahren zunehmenden Demenz.

Der Bestatter klingelte – und nahm mich gleich beiseite. Sie hätten ein Problem, der Sarg passe nicht in den Aufzug. Nein, die Länge sei es nicht, dafür habe er die Innentür aufschließen lassen. Zu breit sei er, und zu schwer. Er glaube nicht, daß seine Leute ihn unbeschädigt durch das Treppenhaus kriegen. Bis zum 3. OG seien das fünf Etagen. Wenn ich einverstanden wäre … sie hätten für solche Fälle eine Trage, und dann könne man vielleicht im Vorraum zur Tiefgarage einsargen.

Eine Behelfstrage: Zwei lange Stöcke hielten das Segeltuch. Ich faßte mit an, und wir quetschten uns hautnah mit der toten Oma in den Aufzug: 2. OG, 1.OG, EG, BAS, P 1; die Tür ging auf. Die Bestattungsleute standen mit dem Sarg im Vorraum und legten meine Oma hinein.

Der zweite Aufzug kam an, die Tür öffnete sich geräuschvoll, Leute wollten raus, sahen, was los war und drängten zurück. Wir deckten meine Oma zu. Eine weiße Spitzendecke verhüllte ihren mit den Jahren klein gewordenen Körper.

Die Tür ging wieder auf. Jetzt hörte ich es: Aus dem Aufzug quoll eine Musikkapelle mit ihren Instrumenten – und wich wieder zurück. Eine Tuba blitzte im Licht des Aufzugs. Die Tür ging wieder zu. Es klirrte und schepperte.

Wir verteilten Blumen im Sarg.

Die Tür ging wieder auf. Immer noch die Kapelle. Tür wieder zu. Der Aufzug hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt. Nur die Tür, auf und zu, auf und zu; pulsierendes Leben, vom Tode blockiert. Manchmal schaute ein Kopf heraus, ob der Weg frei. Wenn der Kopf verschwand, rasselten die Instrumente aneinander, übertönt von der Tür. Auf und zu.

Fertig! Ein Trumm von einem Sarg – und da drin meine kleine Oma. Raus aus dem Vorraum. Sie schoben den Sarg in den Leichenwagen. Klappe zu. Der Chef verabschiedete sich.

Wir sahen dem Ami-Schlitten nach, wie er durch die Tiefgarage zur Ausfahrtschranke fuhr. Die pompöse Zierbeleuchtung an den Autoscheiben gewann die Konkurrenz mit dem fahlen Licht der Neonröhren in der Tiefgarage.

Hinter uns stahlen sich mit leisem Geklirr die Musiker vorbei.

Ich aber sah dieser schaurig-schön-kitschigen Kutsche nach, wie sie in Festbeleuchtung die Rampe hoch fuhr in die nachmittägliche Rush-hour der Großstadt.

In mir zerriß etwas; schmerzhaft; ein Gefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte. Mein Gesicht wohl wie der „Schrei“ von Munch, und ebenso lautlos.

Dierk Schäfer

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Der #Tod bringt nur Vorteile

Posted in heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 18. November 2014

»Man müsse berücksichtigen, dass „zwei der … Beschuldigten nicht mehr leben“«[1].

Und wenn’s der Tod nicht richtet, so doch das Hinscheiden der Rechtswirkung:

»Martin Hirschmüller, Anwalt der Brüdergemeinde, beruft sich auf die Verjährung. Die gerichtlich geltend gemachten Ansprüche würden „weit über 30 Jahre“ zurückliegen.«

Das sei auch Gott dem Herrn vorgehalten: Mit’m jüngsten Gericht is nix; alles längst verjährt am Ende der Zeiten.[2]

»Hirschmüller hat gegen die von Zanders Anwalt beim Landgericht beantragte Prozesskostenhilfe Widerspruch eingelegt.«

Ist doch nett, dass der Kirchenanwalt bemüht ist, die Gerichtskasse zu schonen, und zwar ganz uneigennützig. Denn wenn’s gar nicht erst zum Prozess kommt, weil der Kläger kein Geld hat, verdient auch Hirschmüller weniger als mit Prozess.

Ob ihm die Kirche dafür angemessen entschädigt? Schließlich spart sie am meisten:

  1. an Geld und
  2. kann sie in einem öffentlichen Prozess nicht vorgeführt werden.

Offenheit im Umgang mit Fehlern sieht anders aus.

Ich spreche ausdrücklich von Fehlern, denn die Verbrecher sind tot.

[1] alle Zitate aus: http://www.morgenweb.de/nachrichten/sudwest/mann-klagt-sein-fruheres-kinderheim-an-1.1847905

[2] https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Fritz Roth ist tot – Ein Nachruf auf einen besonderen Menschen.

Posted in Kirche, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 17. Dezember 2012

Gestern abend noch finde ich in der Post den Jahresgruß von Fritz Roth – wie immer selbst konzipiert: Thema Sterben. Heute früh lese ich, daß er einem Krebsleiden erlegen ist. Sein Jahresgruß hatte also seine ganz existentielle Komponente.

Fritz Roth gehörte zu den wenigen besonderen Menschen außerhalb des eigenen Familienkreises, von denen ich sagen kann. Es hat mir gutgetan, daß ich ihn kennengelernt habe.

Das sagt man von Bestattern wohl selten, selbst wenn sie ihren Job gut gemacht haben. Doch Fritz Roth machte keinen „Job“. Er hatte eine Mission und er wurde gehört, weil es an der Zeit war, Tod und Trauer nicht den Experten zu überlassen. Ich habe solche Experten einmal Periletalexperten genannt. Sie sind Fachleute um das Todesgeschehen herum und ihre spezialisierte Fachkunde läßt sie oft die eigene Sterblichkeit vergessen. Sie machen in der Regel ihren Job ordentlich, sogar gut, aber gegenüber den Trauernden sind sie oft hilflos. Fritz Roth markiert einen Wendepunkt nicht nur im „Bestattungsgeschäft“. Er hat das Todesgeschehen und die Trauer wieder sprachfähig gemacht. Das war notwendig und das hat uns zusammengeführt.

Unvergeßliche Momente: Im Museum für Sepulkralkultur berichtete er mit seinem rheinischen Humor von einer alten Dame, deren sehnlichster Wunsch es war, noch einmal auf dem Rhein am Kölner Dom vorbeizufahren. In Umgehung sämtlicher Bestattungsvorschriften setzte er sich mit der Urne und dem Neffen, dem einzigen Hinterbliebenen, ans Rheinufer, „und so haben wir über die Tante gesprochen und sie schüppchenweise am Dom vorbeischippern lassen“.

Doch es geht nicht nur um solche „Döntches“. Fritz Roth hat Trauer und Tod noch mehr abgewinnen wollen. 1999 organisierte er ein großes, gut besuchtes internationales Symposium: Sterben, Tod und Trauer: Impulse zur Erneuerung von Ethik und Spiritualität?. Für sein Bestattungsunternehmen hätte er das nicht gebraucht. Sein Chauffeur, der mich vom Flughafen abholte, meinte, die Bestatterkollegen hielten so etwas für Spinnereien.

Sicherlich möchten nicht alle Hinterbliebenen die Leiche von Opa möglichst lange daheim lassen, vielleicht sogar bei der Leichenwäsche selber mithelfen, oder aber im Haus der menschlichen Begleitung Abschied nehmen, wo die Kinder Opas Sarg bemalen und ihm auf ihre Weise à-dieu sagen können. Doch das Thema ist angekommen. Immer mehr Bestatter haben verstanden, daß sie nicht nur Bestatter, sondern Trauerbegleiter sein müssen. Hoffentlich wird das aber keine „Geschäftsidee“. Fritz Roth hat seine Idee überzeugend gelebt. Seine Wanderausstellung der „Koffer für die letzte Reise“ tourt seit sechs Jahren durch Deutschland. Erst kürzlich hat eine Freundin dabei meinen Koffer in der Berliner Gedächtniskirche entdeckt.

Als Pfarrer gehöre auch ich zu den Periletalexperten und muß selbst- wie zunftkritisch sagen, daß wir von Fritz Roth vieles lernen mußten und noch vieles lernen können. Fritz Roth war für uns und für die ganze Gesellschaft ein Leuchtfeuer. Er sei friedlich, zufrieden und im Einklang mit sich eingeschlafen, berichten die Angehörigen.

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