Dierk Schaefers Blog

Denn Du sollst getröstet werden – ein Beitrag zum Totensonntag

Posted in Uncategorized by dierkschaefer on 21. November 2014

abschied

    abschied

        komm, bring mich noch zum bahnhof

und sage mir ade

    die treppe steigt so angsterregend hoch

     drum laß mich nicht allein und geh

    nicht fort, bevor ich eingestiegen bin

     wink mir noch nach, bis daß der zug entschwindet

versprich es mir, bei allem, was uns zwei verbindet

           – voll sentiment und wehmut ist mein sinn –

    erst wenn ich eine weile fort bin

    dreh dich um und geh

       geh still nach haus, versunken und gefangen

und denk an das, was nun vergangen

  an uns und unser glück

      an unser leben

     dann raff dich auf und sichte fein

   behutsam, was ich dir gelassen

      ich werd dabei im geist noch um dich sein

     erst nach und nach entschweben

    und wohl auch verblassen

doch laß ich dich getröstet dann zurück

  du wirst es schaffen, glaube mir

warst immer stark und hast mir kraft gegeben

    hab dank, die zeit war gut mit dir

    doch nun adieu – und du sollst leben

    dierk schäfer

 

 

aus Dierk Schäfer, Werner Knubben, … in meinen Armen sterben?

VDP-Sachbuch, Hilden 1996, 2. Auflage, ISBN 3-8011-0345-5

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Wenn die Lüge das Leiden erträglich macht

Posted in Politik, Psychologie by dierkschaefer on 21. Juni 2013

Im Gespräch mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch[1] gibt es eine sehr spannende Passage.

Die Interviewerin fragt: »Bereuen Ihre Informanten manchmal das, was sie Ihnen gebeichtet haben?«

Antwort: »Ja, einige können die eigenen Einsichten auf Dauer nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Mutter, die, als ich ihr zuerst begegnete, auf dem Zinksarg ihres Sohnes saß, der in Afghanistan getötet worden war. … Doch dann ernannte ein Gericht ihn postum zum Helden. Da verklagte mich die Frau wegen meines Buchs „Zinkjungen“, das auch ihre Geschichte enthält, als Verräterin. Ich hielt ihr vor: „Aber Natascha, du hast mir das, was dort geschrieben steht, doch selbst erzählt.“ Woraufhin sie entgegnete, das sei meine Wahrheit, von der sie nichts wissen wolle. Was sie brauche, sei ein Held als Sohn.«

Was ist da passiert?

Man hat der Frau eine Lesart für ihr Leiden angeboten – und sie hat sie dankbar angenommen. Ihr Sohn, ein Held, nicht sinnloses Opfer in einem sinnlosen Krieg, der zudem verlorenging.

Mit diesem Trick funktionieren Kriegerdenkmäler. Sie beschwören nicht das fürchterliche Krepieren, die Hilfeschreie der Sterbenden, den Schrecken der Kameraden, die traumatisierten Kriegsheimkehrer. Nein, es sind Helden, die Hinterbliebenen dürfen, ja sie müssen stolz sein, daß ihr geliebter Angehöriger dieses Opfer fürs Vaterland, für die gerechte Sache und letztlich für sie selbst erbracht hat. [2] Die meisten Kriegerdenkmäler lügen[3], nur selten sind sie so ehrlich, wie das in Stuttgart-Uhlbach.[4]

Und die Frau auf dem Zinksarg? Man darf ihr keinen Vorwurf machen. Sie braucht diese Lüge. Aber sie ist, ohne es zu merken, einen Pakt mit den am Krieg Schuldigen eingegangen und hat ihren Sohn damit ein zweites Mal zum Opfer gemacht.

Doch man kann ihr nur wünschen, daß ihre Lüge ihr Leben lang hält.