Dierk Schaefers Blog

Traumatisierende Erinnerungen – Ein Dilemma

Er bürge dafür, sagte Detlev Zander, dass ihm Missbrauchsopfer aus Korntal berichtet haben, ihnen seien Gutscheine als Kompensation für erlittenes Unrecht angeboten worden. Aber Zander ist selber Partei in einer Situation nicht völlig klarer Konfliktlinien, schließlich ist auch die Opferseite gespalten. Von dort kommt auch die Schlussfolgerung: Wenn Zander niemand benennen kann, stimmen seine Vorwürfe nicht.

Dies ist ein altes Dilemma in der Heimkinder – und Missbrauchsdiskussion. Erinnerungen können triggern und Retraumatisierungen auslösen. Das erklärt zum einen das lange Schweigen oft über Jahrzehnte hinweg; das erklärt auch die Zurückhaltung nun, in der allgemeinen Aufarbeitungsphase, seine Erfahrungen offen vorzutragen. Doch mit anonym bleibenden Vorwürfen kann man vieles behaupten, sagen nicht nur die Gegner, die nicht zahlen wollen.

Streng genommen kommt man aus diesem Dilemma nicht heraus. Wer fordert muss erkennbar sein – oder klein beigeben.

Nimmt man es nicht so streng, wäre eine Vertrauensperson eine Hilfe, eine Vertrauensperson, der beide Seiten vertrauen, dass sie nicht falsch spielt, die aber nach beiden Seiten hin ihre Kritikfähigkeit bewahrt. Doch so wie ich das sehe, würde eine solche Person heftig unter Beschuss genommen, wenn sie ihre Kritikfähigkeit fallweise unter Beweis stellt. Doch oft werden Personen, die für diese Aufgabe in Blick genommen oder sogar beauftragt werden, schon vorher „verbrannt“.

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Kein Wort über Prügelexzesse, kein Wort über sadistische Foltermethoden

… in der Erziehung von Kindern in kirchlichen Einrichtungen.

  • Kein Wort über Vertuschung oder gar gerichtliche Drohungen gegen die Opfer.
  • Kein Wort über die Leibfeindlichkeit, die bis heute Sexualität stigmatisiert, soweit sie nicht im Rahmen katholischer Sexualethik stattfindet.

Wohl Worte über das überforderte, fachlich nicht ausgebildete Personal der damaligen Zeit, aber …

  • kein Wort zu deren katholisch konditionierten Lebensbedingungen, die vielfach von falschem Gehorsam und unterdrückten Sexualwünschen durchtränkt waren. Darum …
  • kein Wort über Prügelnonnen, die Stöcke und Kleiderbügel auf dem Rücken der Heimkinder zerschlugen, …
  • kein Wort über notgeile Priester und Mönche,
  • kein Wort über Pädophilie.
  • Kein Wort über die finanziellen Interessen, die dazu führten, normale Kinder für schwachsinnig zu erklären, damit Heimplätze in den Behinderteneinrichtungen belegt werden konnten.
  • Kein Wort über Kinderarbeit.

Das war alles viel zu schmutzig, um es in den Mund zu nehmen.

 

Natürlich war die Tagung für ehemalige Heimkinder der Behindertenhilfe und Psychiatrie und die interessierte Fachöffentlichkeit am 23. Juni 2016 in Berlin kein Hochamt für die Kirchenvertreter. Doch man folgte den eingefahrenen Gleisen:

  • Keine Drastik,
  • Verweis auf die damaligen Verhältnisse,
  • auf allgemein tolerierte Gewalt in der Erziehung.

Immerhin wurde zugegeben, dass es auch damals andere fachliche Meinungen über Kindererziehung gab.

Natürlich wurde das „Nie wieder“ bemüht, um zugleich auf die heutige, völlig andere Situation in den Einrichtungen zu verweisen.

Kein Wort auch über die aktuelle Benachteiligung von Menschen mit Behinderung, für die nun weniger Mittel bereitgestellt werden, als für die ehemaligen Heimkinder aus den Erziehungsheimen – wobei ironischerweise der Fonds Heimerziehung als erstrebenswertes Ziel erscheint.

Peter Henselder hat Teile der Tagung in bewährter Art filmisch dokumentiert. Man muss ihm dankbar sein, denn er liefert ein Nischenprodukt, das die Öffentlich-Rechtlichen mangels hinreichender Einschaltquote meiden. Er liefert auch zwei Interviews in seiner unnachahmlichen eher hölzernen Befragungsart. Doch er gibt seinen Partnern nur Anlass, das schon im Vortrag Gesagte in aller Beschwichtigung zu wiederholen.

Er unterlässt es, nach den Knackpunkten zu fragen:

  • Warum die Ungleichbehandlung?
  • Warum so spät?
  • Wer ist dafür verantwortlich?

Auf solche Interviews kann ich verzichten!

 

Letztlich ein déjà vu – wie beim der Affäre des Runden Tisches. Die katholische Tagung weckt in mir ungute Träume: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/

Evangelischerseits sieht das nicht besser aus: https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/18/bundesverband-evangelische-behindertenhilfe-begruesst-errichtung-der-stiftung-anerkennung-und-hilfe/

Wer sich ein eigenes Urteil bilden will, hier die Links zu einigen Dokumenten der genannten Tagung:

https://www.youtube.com/channel/UC6FCy2mMqY3bxdvdIWnxX_g/videos?shelf_id=0&sort=dd&view=0

https://www.youtube.com/watch?v=AsOqREjzRx8

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=7y2ypV-0aGw

https://www.youtube.com/watch?v=KBhwgyob1Ho

http://www.orden.de/dokumente/Presseordner/heimkinder_juni_2016/2016-Vortrag-Kard.Woelki_Tagung.pdf

https://www.youtube.com/watch?v=RFIj4Rejz-Y

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=RF1R1F-UYXA

http://www.sozial.de/index.php?id=37&tx_ttnews%5Btt_news%5D=27994&cHash=74f2b86b2965245271f455177083c325

https://www.youtube.com/watch?v=qDqPSFdqZTA

http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2016/2016-113c-Statement-Stuecker-Bruening.pdf

https://www.youtube.com/watch?v=x93vCbnhwio

https://domforum.de/news/Gewaltx_Missbrauch_und_Leid_an_Behinderten_zwischen_1949_und_1975/

 

 

 

 

Ist es legitim, die Obszönitäten von Kronschnabel mit Bonhoeffer in Verbindung zu bringen?

Posted in Ethik, Firmenethik, heimkinder, Kinderheime, Kirche, Uncategorized by dierkschaefer on 28. Juni 2016

Ja – aber warum?

Die Leser meines Blogs werden aufgemerkt haben, als ich erstmals und ohne weiteren Kommentar einen Text von Erich Kronschnabel auf die Ebene eines förmlichen Blog-Artikels gehoben habe. Lediglich von „Gossensprache“ schrieb ich warnend für empfindliche Gemüter.[1]

Die Obszönität ist bei Kronschnabel die Methode, mit der er die eigentlichen Obszönitäten geißelt: 1. Die Verbrechen an Kindern in kirchlichen Einrichtungen und 2. der Betrug und Heuchelei bei der Verweigerung einer realistischen Entschädigung.

Heinrich Bedford-Strohm, derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland schreibt über Bonhoeffer:

»Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als „Verantwortlichmachung des Staates“ bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.«[2]

Was hat das mit der Heimkinderfrage zu tun?

Es geht zunächst nicht um die Frage, ob man „dem Rad in die Speichen fallen“ soll. Dieser Wagen, von Staat und Kirchen gesteuert, hat längst seine Opfer hinter sich gelassen. Nun ist das dran, was Bedford-Strohm so kurzweg die zweite Aufgabe nennt: der diakonische Dienst an den Bedürftigen, der ohnehin bleibe. Das ist allzu simpel.

Hier setzt Kronschnabel ein und kommt, sprachlich völlig realistisch, auf die für die Kirchen unbequeme Gegenwart. Es geht eben nicht um Bonhoeffers „Verantwortlichmachung des Staates“, sondern um die der Kirche. Die aber kümmert sich lieber um die „kirchliche Außenpolitik“ und verdeckt damit die interne Fäulnis. Das mit dem Frieden und den Flüchtlingen ist ja richtig und wichtig, doch wenn’s nur zur Camouflage dienen soll, ist’s Heuchelei, naiv oder absichtlich.

Bonhoeffer kann man als Blutzeugen leicht auf den Denkmalsockel stellen, – gut für Sonntagsreden. Doch im Alltag gerät Bonhoeffer der Kirche zur Peinlichkeit. „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“ Mir wird so kannibalisch wohl, wenn ich an diesen wohlfeil gebrauchten Trost denke, für den die Kirchen im Unterschied zu Bonhoeffer nicht habhaft einstehen wollen.[3]

Herrn Kronschnabel sei Dietrich Bonhoeffer an Herz gelegt[4] und der Gedanke, dass organisierte Mitmenschlichkeit über die gleichen Probleme stolpern kann, wie sie vielen Organisation eigen sind, die sich am Markt behaupten müssen. Die Organisation läuft und läuft und läuft – zuweilen bis ihre kriminellen Methoden publik werden – und sie läuft dennoch weiter. Oder glaubt irgendjemand, dass VW vom Markt verschwindet?

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/27/wie-unfein-erich-spricht-klartext-ueber-die-diakonie-konzentriert-und-schlagkraeftig/

[2] http://www.zeit.de/2015/15/dietrich-bonhoeffer-todestag-protestantismus-widerstand/komplettansicht

[3] https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Dietrich_Bonhoeffer

Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch

Posted in Kriminalität, Psychologie, Religion, Seelsorge, Täter, Theologie, Therapie by dierkschaefer on 25. Januar 2016

Dieses Buch ist notwendig, schreiben die Autorinnen im Vorwort zu ihrem Buch Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch. Sie haben Recht damit. Ihre Begrün­dung: Seelsorger/innen sind unsicher. Sie trauen sich die seelsorgliche Begleitung Trauma­tisierter oft nicht zu und reagieren hilf- und ratlos. Sie fürchten, dem Opfer sexueller Gewalt nicht gerecht werden zu können. Noch immer werden Opfer von sexueller Gewalt von der Seelsorge nicht wahrgenommen oder gar abgewehrt.

 

Die Autorinnen sind mutig. Schließlich sind die beiden großen Kirchen in Miss­brauchs­skandale ver­strickt und machen dabei keine gute Figur. Die Frage ist, ob Missbrauchsge­schädigte überhaupt Zutrauen fassen zu Seelsorgerinnen[1], die im kirchlichen Dienst stehen. Zudem dürften Seelsorger die einzige Gruppe sein, die von ihrem beruflichen Selbst­ver­ständnis her bereit ist, missbrauchten Men­schen unentgeldlich zuzuhören und hilfreiche Gespäche zu führen.[2] Die kostenfreie Zuwendung ent­bindet nicht von Anforderungen an die Professionalität der Gespräche. Die soll durch dieses Buch gefördert werden.

 

Die Autorinnen können offenbar auf große Erfahrung im seelsorglichen Umgang mit miss­brauchten Menschen zurückblicken und aus diesen Erfahrungen schöpfen.

Die genannten Zielgruppen für dieses Buch sollten aber erweitert werden. Nicht nur Opfer von Miss­brauch sollten es lesen (als Einschränkung wird auf mögliche Retraumatisierungen hingewiesen), nicht nur die Seelsorgerinnen, an die sich solche Menschen wenden, nein – und zuallerst, denke ich – sollten Kirchenleitungen das Buch lesen, angefangen vom Bischof persönlich und den Spitzen der Kirchen­ver­waltung bis zu den mit diesen Fragen beschäftigten Mitarbeitern. Doch sie werden es wohl nicht tun. Sonst könnten sie – endlich – die betroffe­nen Menschen verstehen und angemessen mit ihnen umgehen (lassen)[3].

 

Von diesen Menschen und den Umgang mit ihnen handelt das Buch. Aus eigenen Erfahrungen kann ich bestätigen: Dieses Buch ist notwendig. Auch habe ich viel Neues gelernt.

  1. Angesichts vielfachen sexuellen Missbrauchs, über die Zahlen könnte man streiten, muss „man“, nicht nur der Pfarrer im Gottesdienst, darauf gefasst sein, dass es unter den Zuhörerin­nen kirchlicher, aber auch sonstwie öffentlicher Rede, missbrauchte Personen gibt, die auf der Suche nach Verständnis sind, aber zudem retraumatisierbar. Doch diese „Fallgruppe“ wird nicht erkannt und berücksichtigt.

Die Autorinnen zeigen Möglichkeiten auf, die missbrauchten Menschen Mut machen können, Ver­trauen zu fassen und Seelsorge zu suchen. Den Seelsorgerinnen wird Mut gemacht, indem sie mit diesem Buch auf solche Begegnungen sachkundig vorbereitet werden. Die vielen Redundanzen sollten dafür sorgen, dass jeder am Schluss weiß, was Missbrauch bedeutet und wie Missbrauchten ange­messen seelsorglich zu begegnen ist.

  1. Was mir bisher überhaupt nicht deutlich war: Missbrauchte haben ein Recht nicht nur auf Zorn, sondern auch auf Hass. Dem darf man nicht moralisierend begegnen. Zum ersten Mal habe ich die fürchterlichen Hass-Bezeugungen in manchen Psalmen verstanden. Auch die angewandte Form der biblischen Exegese[4] war mir neu – und hilfreich. Mein Theologiestu­dium liegt nun schon lange zurück, doch ich kann mir vorstellen, dass auch jüngere Kollegen hier etwas lernen können.

Hilfreich für die Seelsorge im kirchlichen Rahmen dürfte die nach Themen differenzierende Liste brauchbarer Bibelstellen im Anhang des Buches sein.

 

Nun zu den Opfern. Auch hier sollte man die Zielgruppe erweitern. Beim Lesen ging mir die ganze Zeit der Spruch von Jean Améry durch den Kopf: „Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Zitiert wird er erst gegen Ende des Buches. Doch diese Erkenntnis ist charakte­ristisch auch für Missbrauchte und erweitert das Thema auf alle, die in einer überwältigenden Gewalt­situation in Todesängsten waren und diese nicht vergessen können, weil überall, oft unerwartet und auch unverstanden, Trigger das Trauma neu auslösen können[5]. In diesen Menschen ist etwas unwider­ruflich zerbrochen: Das Grundvertrauen in die Zuverlässigkeit der (normalen) Welt. Für uns „Normalos“ ist das schwer vorstellbar und wir meinen, irgendwann müssten solche Erlebnisse doch einmal abgelegt und vergessen werden können. Diese Erwar­tung ist genau die Zumutung, die trauma­tisierte Menschen sofort auf Distanz gehen lässt. Nur sie haben zu entscheiden, was sie für überwun­den halten können – und sie sind überrumpelt, wenn der nächste Trigger wieder funktioniert.

 

Das Buch behandelt zielgruppengemäß zwei Aspekte: Die psychische Situation der Missbrauchten und die Herausforderung der Seelsorgerinnen.[6] Die Seelsorger müssen ihre Grenzen erkennen, heißt es, sie müssen wissen, wann eine Psychotherapie erforderlich ist.

Ein dritter Aspekt wird nur angedeutet: Der forensische.

Das dürfte seinen Grund in der zu Recht geforderten Parteilichkeit haben. Die Seelsorgerin hat fest auf der Seite der missbrauchten Person zu stehen, sie darf keine Zweifel anmelden, niemanden entschul­digen, hat nicht einmal Erklärungen für den Missbrauch anzudeuten. Dies ist erforderlich, um das Vertrauen nicht zu stören oder gar zu zerstören. Obwohl ich auch Fälle kannte, in denen ein behaup­teter Missbrauch nicht stattgefunden hatte, hat mir ein jahrelanger Briefwechsel mit einer missbrauch­ten jungen Frau gezeigt, wie wichtig Parteilichkeit für das Vertrauen ist, ein Vertrauen, das bis zur Übersendung der Tagebücher reichte. Dennoch müssen Seelsorgerinnen auch darauf vorberei­tet sein, dass ein Miss­brauchs­erlebnis auch suggeriert sein kann, zuweilen therapieinduziert als die logische Erklärung für bestimmte Diagnosen.

Der Seelsorger hat hier gewiss nicht zu explorieren. Auch ein vermeintlicher Missbrauch ruft seelische Not hervor. Doch zuweilen steht am Ende der Wunsch nach gerichtlicher Klärung, strafrechtlich wie auch zivilrechtlich mit dem Ziel von Entschädigung. Richterinnen sind keine Seelsorger. Sie achten auf die Verjährungsgrenzen, dann auf die Beweisbarkeit und Glaubwürdigkeit der Vorwürfe. Der angefor­derte Gutachter geht, sofern er professionell arbeitet, von der „Nullhypothese“ aus: der Miss­brauch habe nicht stattgefunden. Nun sucht er nach Gründen, um diese Hypothese zu widerlegen. Der Gutachter Max Steller sieht haupt­sächlich zwei Ursachen für die falsche Wahrnehmung/­Erinne­rung vermeintlicher Opfer. Da ist a) die Suggestion, vornehmlich bei Kindern, und b) psychische Stö­rungen, vornehmlich bei Personen, die schließlich dank Therapie oder eigener „Einsicht“ Missbrauch für die Ursache ihrer Störungen halten[7], schließlich gibt es c) Menschen, die keinen sexuellen Missbrauch erlebt haben, ihre Not aber so benennen, d.h. sex. Missbrauch ist die Chiffre für ihre reale Not, die aber andere Ursachen hat. Das Terrain ist also schwierig – und steckt voller Minen. Glücklicherweise ist die Überprüfung der Richtigkeit der Eigenaussagen des Opfers nicht Aufgabe der Seelsorge. Doch sollte das Opfer die Sache gerichtlich klären wollen, muss es vorbereitet werden. Zunächst auf die Enttäuschung, wenn der Fall verjährt sein sollte, dann auf den Richter, der nach Beweisen fragt oder nach einem Sachverständigen-Gutachten. Damit wird alles wieder aufgerollt – auch die Emotionen. Hält das Opfer das durch?

 

Ein wirklich weites Feld. Das Buch will Mut machen und helfen, es zu betreten, damit diese Menschen aus ihrer Isolation und ihren Selbstvorwürfen herausfinden.

Dazu ist es sehr gut geeignet.

Erika Kerstner / Barbara Haslbeck / Annette Buschmann, Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, 1. Auflage 2016, 240 Seiten, ISBN: 978-3-7966-1693-8, erscheint im Februar 2016, 19,99 €

[1] Die Autorinnen benutzen fast durchgängig „gendergerechte“ Benennungen (Seelsorger/innen). Mich stört das beim Lesen ungemein. Um den Sachverhalt klarzustellen: Missbraucher sind zumeist männlich – es gibt auch Ausnahmen; die Opfer sind meist Kinder, weiblich oder männlich. Menschen, an die sich Missbrauchte wenden, dürften wohl eher weiblich sein. Da das im Ansatz ökumenische Buch aber durchgehend auf katholische Normalität rekurriert, kommt über das Beichtsakrament den Pfarrern, also Männern, eine Bedeutung zu, die man im evangelischen Raum kaum finden wird. Ich schreibe in dieser Rezension demnach abwechselnd von Seelsorgern und Seelsorgerinnen.

[2] Sicherlich gibt es auch außerhalb des kirchlichen Rahmens Einzelne und Gruppen, die für solche Menschen da sind. Vergleichsweise sehen wir das an der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge. Hier stechen auch die Kirchen als Organisationen positiv heraus. Es ist allerdings leichter, Hilfe für Menschen anzubieten, die nicht kirchlich vorgeschädigt sind.

[3] Das gilt auch für den kirchlichen Umgang mit den gedemütigten, misshandelten und ausgebeuteten ehemaligen Heimkindern.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Materialistische_Bibellekt%C3%BCre

[5] Von „Flashbacks“ berichten auch Unfallopfer und Notfallseelsorger.

[6] Dazu wird auch mehrfach die Rücksichtnahme auf die Institution Kirche, die Arbeitgeberin der Seelsorger genannt. Ich habe das zunächst für ein eher katholisches Problem gehalten; für mich als Protestanten ist die Kirche ein Ding von dieser Welt und darum eher und heftiger kritisierbar, als das für Katholiken denkbar ist. Doch das scheinbar loyale Wegducken meiner Kollegen, oder auch das Ausweichen wegen der Peinlichkeit, Missbrauch und Kirche zusammenzubringen und zu thematisieren, [Dierk Schäfer, Scham und Schande, Die Kirchen und die Heimkinderdebatte, https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf] hat mich an die Ökumenizität des Phänomens erinnert.

[7] mehr dazu: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/11/02/politisch-korrekt-ist-dieses-buch-ganz-und-gar-nicht/

Extrawurst für ehemalige Heimkinder?

Posted in Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 6. August 2015

Die „Extrawurst“

Sollte ehemaligen Heimkindern tatsächlich eine Heimeinweisung im Alter erspart werden, wie vom Sozialausschuss des bayrischen Landtags gefordert, könnten manche andere, die auch nicht in ein Heim wollen, das als Extrawurst missverstehen, die sie auch haben wollen. Ich habe darüber geschrieben und von Erika Tkocz in einem Kommentar[1] aufgelistet bekommen, warum für viele ehemalige Heimkinder eine Heimeinweisung nicht zumutbar ist. Diese Liste ist ziemlich umfassend und man kann nur hoffen, dass Sozialpolitiker und Heimträger sie nicht nur zur Kenntnis, sondern sich auch zu Herzen nehmen.

Ob Alten- und Pflegeheime überhaupt zumutbar sind, wäre eine Diskussion wert. Eine Diskussion, die mir wichtiger erscheint als die über Sterbehilfe.

Hier der unveränderte Kommentar von Frau Tkocz:

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Die „Extrawurst“ ist keine mehr, wenn man sich einmal damit beschäftigt, wieso es Ehemaligen nicht möglich ist in ein Altersheim/Pflegeheim zu gehen.

Es dürfte sicherlich für jeden Menschen schwer sein, so er denn keine Alternativen hat und nicht mehr kann in ein Altersheim zu gehen. Niemand macht es gerne und es erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft diese neue Lebensform anzunehmen. Allerdings unterscheiden sich hier doch die Menschen in ihrer Vorgeschichte und so muss man dann schon auf dem zweitem Blick jene Biografie der Ehemaligen berücksichtigen, die in besondere Weise die erforderlichen Copingprozesse kaum möglich machen dürften oder auch eine unzumutbare Härte darstellt.

Ein Altersheim ist für ehemalige Heimkinder eine Wiederholung von Abhängigkeit und Herabwürdigung, denn für Jene, denen das Altersheim einmal nicht erspart bleibt, haben diese Heime so etwas wie einen „Wiedererkennungswert“ und weckt Erinnerungen alter Erfahrungen (Trigger) und dadurch bedingt besteht die Gefahr der Retraumatisierung.
Das können im Einzelnen sein:
• Aufgabe des sozialen Umfeldes und der eigenen Wohnung
• Verlust von sozialen Kontakten
• Unterbringung in einem Heim mit vielen Bewohnern
• Wiederholter Umgang mit einer „Heim“-Leitung
• Fluktuation von Heimbewohnern und Pflegepersonal
• Unausgebildete Hilfskräfte
• Essen im Speisesaal
• Gerüche von Gemeinschaftsunterkünften erneut ertragen müssen
• Das Zimmer mit anderen Bewohnern teilen müssen.
• Gemeinschaftlich den Baderaum nutzen müssen.
• Geringer Bereich für Möbel und anderes Eigentum.
• Begrenzung oder gar Verbot, eigene Bilder aufzuhängen.
• Eigentum unverschlossen und öffentlich für das Personal zugänglich.
• Verlust von Eigentum durch Diebstähle.
• Öffnung des Intimbereichs bei Pflege.
• Den Stimmungen und Launen des Personals und der Mitbewohner ausgesetzt zu sein.
• Sich kaum zurückziehen zu können um für sich alleine zu sein.
• Öffentlich zugängliche private Daten – auch bei Formalien.
• Wäschenummern oder Wäschezeichnung
• Unter Umständen Zwangsernährung
• Unter Umständen Fixierung
• Unter Umständen Medikamentierung zur Ruhigstellung
• Zuteilung von Taschengeld (nur begrenztes Taschengeld).
• Abhängigkeit von anderen.

Bedeutung der totalen Institution für ehemalige Heimkinder
Bewohner eines Heimes- je nach Beschaffenheit der Einrichtung-sind mehr oder weniger stark jenem Verhaltensreglement ausgesetzt ist, das sich aus der Totalität der Heime ergibt: der Nicht-Freiwilligkeit, deren auch Bewohner ohne Heimerfahrung ausgesetzt sind, die aber nicht die traumatisierende Erfahrungen ehemaliger Heimkinder haben. So arbeiteten die Ehemaligen an dem Problem der Kollektivierung nach ihrer Heimentlassung mehr oder weniger mühsam, sich selber als Individuum zu sehen und zu spüren. Nun werden diese Bemühungen im Alter wieder zerstört, denn jetzt gelten wieder die Handlungsabläufe der früheren Heimerfahrungen wie z.B. das gemeinsame Essen im Speisesaal nach bestimmten Uhrzeiten oder das Waschen und Schlafen gehen. Allen wird die gleiche Behandlung zuteil. Auch die persönlichen Habseligkeiten/ Eigentümer nur in einem geringem Ausmaß mitnehmen zu dürfen, mindert sowohl die Individualisierung, aber macht auch deutlich, dass am Ende des Lebens eine Wiederholung der früheren Erfahrungen im Fokus steht. Die eigenen Bedürfnisse müssen nun im Hintergrund treten, denn nur so können die Ziele der Institution erreicht werden. Diese werden durch ein Berechnungsmodell, das die einzelnen Handlungen in Minuten vorschreibt diktiert.

Konflikte, die aus der hierarchische Gliederung des Heims gegeben ist und auch typisch für eine totale Institution ist, und die den Zweck verfolgt, die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Pflegeeinrichtungen unterliegen bestimmten ökonomischen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen, die einen gewissen Grad der Hierarchisierung zur Voraussetzung haben müssen. Heimbewohner sind in der Hierarchie relativ weit unten anzusiedeln, da ihre ganz spezifischen, individuellen Bedürfnisse bei beruflichen und organisatorischen Entscheidungs-Prozessen nur geringfügig berücksichtigt werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen einer großen, gemanagten Gruppe, „Heimbewohner“ auf der einen Seite, und dem weniger zahlreichen Pflegekräften auf der anderen Seite. Für den Heimbewohner gilt, dass er in der Institution lebt und beschränkten Kontakt mit der Außenwelt hat. Das Personal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundentages und ist sozial in die Außenwelt integriert. Es handelt sich also um eine höchst ambivalente Sozialbeziehung zwischen Personal und Bewohner, die sich ständig im Spannungsgefüge von Hilfe und Kontrolle bewegt, auf unterschiedlichen Bedürfnissen und Einstellungen beruht und in ihrer Ungleichwertigkeit auseinanderklafft.

Für ehemalige Heimkinder bedeuten Merkmale totaler Institutionen eine ständige Triggergefahr und schon alleine der Gedanke im Alter wieder in ein Heim gehen zu müssen ist mit so vielen Ängsten und Erinnerungen der Heimerfahrung verbunden, dass die Gedanken einer Exitoption (Suizid) als Lösung betrachtet wird. Viele Ehemalige haben sich aus den traumatischen Erfahrungen ihre eigene sehr persönliche Welt geschaffen um mit der grausamen Erfahrung der Heimzeit umzugehen. So ist z.B. die Erfahrung des „Eingesperrtseins“ später so bewältigt worden, in der eigenen Wohnung alle Türen aufzulassen. Auch das frühere Zwangsessen ist häufig noch so gegenwärtig in dem Bewusstsein sich auf ganz bestimmte Nahrungsmittel zu beschränken, um nicht ständig an die früheren unangenehmen Situationen erinnert zu werden. So haben sich viele Ehemalige ihr eigenes Leben gestaltet und konnten auch so überleben. Es wäre eine grausame Vorstellung sie wieder in ein Heim schicken zu wollen und sie ständig Situationen aussetzen zu wollen, die sie viele Jahrzehnte lang versucht haben zu vergessen, zu verarbeiten oder aber auch zu verdrängen.

So ich hoffe einigermaßen verständlich gemacht zu haben, wieso es nicht um eine „Extrawurst“ geht .

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[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/08/06/manche-theologen-sind-nicht-so-kleinglaeubig-wie-manche-kleinglaeubige-glauben/#comment-7093

Sehr beeindruckender „Talk“ mit Norbert Denef und seiner Tochter

Posted in Gesellschaft, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte by dierkschaefer on 11. Januar 2015

http://netzwerkb.org/2015/01/10/das-lange-schweigen/

Wer „Das Familienfest“ nicht gesehen hat, dem empfehle ich den Wiki-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_%28Film%29

Erzähl- und Biografie-Arbeit: wirksame Beratung und Psychotherapie

Posted in Psychologie by dierkschaefer on 13. September 2014
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„Nie wieder!“

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 29. Juni 2013

Diesen Kommentar zum Blogbeitrag: Nun werde alles zügig geprüft[1] möchte ich als eigenständigen Beitrag des Kommentators „nach vorne“ holen. Der Kommentar wurde in keiner Weise verändert:

„Nie wieder!“

Was wird aus Kindern die verbogen, belogen, missbraucht, geprügelt werden, denen man Bildung vorenthält und die durch Zwangsarbeit oder den Zwang zur Arbeit ausgebeutet werden? Was wird aus Kindern die ohne Urteile und Prüfung eingesperrt und Drill ausgesetzt werden? Was wird aus Kindern die das ertragen mussten ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu finden? Ich kann das sicher nicht allgemein beurteilen, aber aus mir ist ein Mann von 58 Jahren geworden.
Seit mehr als 40 Jahren vermeide ich viele Alltäglichkeiten, ohne dass es jemand sehen kann. Ich übe mich in Unauffälligkeit. Ich vermeide geschlossene Räume von denen ich die Türen nicht sehen kann. Ich könnte eingesperrt werden! Ich fahre nicht einmal mit der Bahn, weil es ist ein abgeschlossener Raum, den ich nicht freiwillig verlassen kann. Das geht nur wenn der Zug hält. Ich könnte ein Konzert besuchen, kann ich aber nicht, mir jagen viele Menschen, die gemeinsam an Veranstaltungen teilnehmen, Angst und Panik ein. Ich kann nicht entkommen wenn ich möchte. Ich könnte mit Freunden gemeinsam essen gehen, das normalste von der Welt, kann ich aber nicht, es ist eine Tortur für mich, warten zu müssen bis alle Ihr Essen haben, es könnte mir gestohlen werden. Ich werde zappelig und unsicher, also vermeide ich es. Ich bin misstrauisch und argwöhnisch und beleuchte alles und Jeden der sich mir nähert. Ja, ich zerstöre unbewusst vielleicht konstruktive Synergien. Das sind ein paar wenige der  Auffälligkeiten, die mir selbst auffallen. Sicher gibt es aber noch so einige Dinge, die ich gar nicht weiß und selbst bemerke, wissenschaftlich betrachtet.
Es ist für mich zur Gewohnheit geworden so zu sein, so zu handeln und so zu leben. Aber wie viel Leben ist das eigentlich? Wenig genug und sehr, sehr anstrengend. Das weiß ich von mir. Was hat die Gesellschaft versäumt und was hätte ich ohne diese Einschränkungen, die ich selbst indessen als Behinderung empfinde, erreichen können?
Eine Million behinderte Menschen, die ähnliche oder gleiche Einschränkungen haben und wir reden über Inklusion? Wir reden über Menschenwürde und Menschenrechte und über die Bereicherung von Gesellschaften durch kritische Bürger, die Ihre Rechte auf der Straße einfordern. Wir belehren andere, Demonstrationen als Bürgerbeteiligung wahr zu nehmen und nicht als Bedrohung zu empfinden. Natürlich tun wir das, oder mindestens unsere Vertreter auf Zeit. Richtig und gut, aber sollten wir nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass wir den heute Betroffenen von Heimerziehung – in welcher Form auch immer – die Würde zurück geben und Ihnen ein finanziell gesicherten Lebensabend trotz Behinderung oder gerade deshalb ermöglichen.  Wir haben in diesem Land einiges wieder gut zu machen, in Form angemessener Renten und Entschädigung für erlittenes Unrecht und Ausbeutung.
Sollten wir nicht endlich damit aufhören, diese Opfer zu produzieren? Sollten wir nicht endlich solche Formen des Umganges mit Kindern beenden? Sollten wir nicht endlich alles in unserer Macht stehende unternehmen, die Täter solcher „Erziehungspraktiken“ zu verurteilen? Sollten wir nicht endlich unserer Kinder mit Rechten ausstatten, die diese auch einfordern können, weil Sie diese verstehen? Sollten wir uns nicht endlich fragen, wie viel Schaden wir durch nichts tun anrichten?
Ich denke, wir müssen!
Wir müssen das einfordern. Bildermann kenn ich nicht, aber ich bilde mir ein, dass wir uns das alle fragen lassen müssen, auch und aktuell zuerst in Brandenburg. Es ist so eine Sache mit „nie wieder“ in unserem Land, ist es nicht an der Zeit damit endlich anzufangen?
Ich dachte, hoffte und glaubte letztendlich auch, dass wir etwas gelernt haben. So als Land, als  Gesellschaft , als das sogenannte Volk.
Offenbar haben wir das nicht. Oder wollen wir vielleicht nicht? Es wirkt auf mich, als wollten wir nicht. Als litten wir alle unter Amnesie und offenbar haben wir sie gern, unsere Amnesie. Sonst müssten wir uns ja täglich mit Fragen auseinandersetzen auf die es Antworten gibt.
Antworten zum Beispiel auf die Frage: Woher kommt der NSU. Wer hat das gewusst und zugelassen? Wir oder die, die dafür bezahlt werden so etwas zu bemerken, öffentlich zu machen, ja, auch die Bürger zu schützen. Die haben es gewusst und offensichtlich auch bemerkt , nur weder öffentlich gemacht noch die Ihnen anvertraute Sicherheit der Bürger im Auge behalten.
Ich habe keine Amnesie und bemerke das sich vieles wiederholt. Zum Besipiel die Art und Weise, wie ich in einem Spezialheim der DDR erzogen wurde. Diese Methoden wiederholen sich nun in einem privatisierten geschossenen Kinderheim in Deutschland. Und das, nachdem wir geschädigten Heimkinder von damals bis heute nicht entschädigt haben für diese Misshandlungen. Nun geschehen diese Misshandlungen wieder. Was haben wir also tatsächlich gelernt als Gesellschaft? Nach zwei großen Kriegen haben wir uns die Beteuerung „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben. Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule  riefen wir wieder: „Nie wieder“
Und nun? Die Fortsetzung soz. Erziehungsmethoden in einer GmbH in Brandenburg. Nein, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die konsequente Fortsetzung und Folge der Nicht-Bewältigung, der Nicht-Aufarbeitung , Nicht-Verhinderung, und der nicht angemessenen Entschädigung der Opfer solchen Tuns. Es reicht einfach nicht „Nie wieder“ zu sagen. Wir müssen diese Geschichten gemeinsam aufarbeiten und bewältigen. Wir können nur verhindern, was wir verstanden und beendet haben. Wie groß soll der angerichtete Schaden an den Kinderseelen noch werden?


Der Fortschritt ist eine Schnecke – …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Politik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 10. März 2013

… der Fortschritt der Erkenntnis auch.

Im Artikel heißt es: »Elbert beschäftigt sich mit diesen Fragen seit Ende der neunziger Jahre. In einem Urlaub in Zimbabwe traf er ein Team von Ärzte ohne Grenzen. Schnell entspann sich eine Debatte darüber, dass man doch so wenig über Kriegstraumata wisse, eigentlich müsse sich mal einer der Frage annehmen.«

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/der-konstanzer-psychologethomas-elbert-begeistert-seine-studenten-a-883388.html

 

Entgegen der Kenntnis der hier genannten Ärzte sind Kriegstraumata spätestens seit dem Ersten Weltkrieg bekannt. Die Betroffenen wurden „Kriegszitterer“ genannt und als Simulanten postwendend an die Front geschickt. Spätestens im Vietnam-Krieg tauchte das Thema wieder auf und wurde ansatzweise erstmals ernstgenommen. Für meine Tagung „Kriegskinder gestern und heute“ im April 2000 konnte ich eine Reihe von Referenten gewinnen, die seit Jahren zu der Thematik arbeiteten. Die Journalistin Sabine Bode berichtete dort von einem internationalen Kongreß in Hamburg im Jahre 1993 über „Kinder als Opfer von Krieg und Verfolgung“. Seit 1994 gibt es die beeindruckende Publikation von Peter Heinl „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit“, und die Psychotherapeutin Herta Betzendahl beschäftigte sich schon in den 80er Jahren mit der „Psychotherapie lange zurückliegender Traumen“.

Warum die Beschweigung von Kriegstraumen in der  deutschen Wahrnehmung und deutschsprachigen Wissenschaft? Das Thema rührte schmerzhaft an die eigene Geschichte. Da Deutschland dank der Nazis am Krieg und den Greueln schuld war, wurden die eigenen Traumatisierungen verdrängt. Prof. Radebold referierte auf der Folgetagung „Kriegsbeschädigte Biographien und öffentliche Vergangenheitsbeschweigung“ im Jahr 2001, er sei zusammen mit seinem Lehrtherapeuten in 300 Sitzungen nie auf das Thema seiner eigenen Kriegstraumatisierung gekommen, sie beide seien blind dafür gewesen.

Die späte Erkenntnis über Kriegstraumata ist die Folie für den Umgang mit den Kinderheimtraumatisierungen: Erst wollte sie keiner offenbaren, wegen der gefühlten Retraumatisierungsgefahr, dann wollte man sie nicht wahrnehmen (die Heime waren doch o.k.), dann möglichst nicht wahrhaben (denn das hätte Konsequenzen gehabt), und jetzt, so peu à peu, hat man Augen und Ohren dafür, drückt sich aber um die finanziellen Konsequenzen.

Auch die Veteranen der US-Kriege werden zumeist mit billigen Pillen abgespeist – und die entlastende Gedenkstätte für unsere Afghanistan-Veteranen wurde auch schon installiert.

„Deutsche Traumafolgekostenstudie“

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Politik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 25. Februar 2013

Ein ehemaliges Heimkind machte mich heute auf diese Studie aufmerksam. http://www.uniklinik-ulm.de/service/presse/presseinformationen/archiv/pressemeldung/article/12107/traumafolgen.html?tx_ttnews[month]=09&tx_ttnews[year]=2011&cHash=f1a055ffbf1517032bb0ecb2fc44b389

Es gibt leider nur die Pressemitteilung der Uniklinik Ulm. Gibt man beim Auftraggeber, dem Familienministerium http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/volltextsuche.html das Stichwort ein, erhält man Null-Treffer. Schade. So bleibt vorab nur die Pressemitteilung, die wohl nicht nur ich übersehen hatte.

Doch danach ergibt die Studie für die Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen aus dem Jahr 2009 14,5 %, die von schwerer bis extremer Kindesmisshandlung, -missbrauch betroffen waren. „… ein Fünftel dieser Menschen – 1,6 Millionen Betroffene – tragen Langzeitfolgen davon, die die Gesellschaft jährlich 11 Milliarden Euro kosten,“ sagte Prof. Jörg M. Fegert, der Leiter der Studie. Dabei wurden Arbeitslosenunterstützung, Kriminalitätsfolge- und Therapiekosten berücksichtigt.

 

Ob wir die Studie wohl doch noch zu Gesicht bekommen? Immerhin wurde sie aus Steuergeldern finanziert.