Dierk Schaefers Blog

Extrawurst für ehemalige Heimkinder?

Posted in Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 6. August 2015

Die „Extrawurst“

Sollte ehemaligen Heimkindern tatsächlich eine Heimeinweisung im Alter erspart werden, wie vom Sozialausschuss des bayrischen Landtags gefordert, könnten manche andere, die auch nicht in ein Heim wollen, das als Extrawurst missverstehen, die sie auch haben wollen. Ich habe darüber geschrieben und von Erika Tkocz in einem Kommentar[1] aufgelistet bekommen, warum für viele ehemalige Heimkinder eine Heimeinweisung nicht zumutbar ist. Diese Liste ist ziemlich umfassend und man kann nur hoffen, dass Sozialpolitiker und Heimträger sie nicht nur zur Kenntnis, sondern sich auch zu Herzen nehmen.

Ob Alten- und Pflegeheime überhaupt zumutbar sind, wäre eine Diskussion wert. Eine Diskussion, die mir wichtiger erscheint als die über Sterbehilfe.

Hier der unveränderte Kommentar von Frau Tkocz:

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Die „Extrawurst“ ist keine mehr, wenn man sich einmal damit beschäftigt, wieso es Ehemaligen nicht möglich ist in ein Altersheim/Pflegeheim zu gehen.

Es dürfte sicherlich für jeden Menschen schwer sein, so er denn keine Alternativen hat und nicht mehr kann in ein Altersheim zu gehen. Niemand macht es gerne und es erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft diese neue Lebensform anzunehmen. Allerdings unterscheiden sich hier doch die Menschen in ihrer Vorgeschichte und so muss man dann schon auf dem zweitem Blick jene Biografie der Ehemaligen berücksichtigen, die in besondere Weise die erforderlichen Copingprozesse kaum möglich machen dürften oder auch eine unzumutbare Härte darstellt.

Ein Altersheim ist für ehemalige Heimkinder eine Wiederholung von Abhängigkeit und Herabwürdigung, denn für Jene, denen das Altersheim einmal nicht erspart bleibt, haben diese Heime so etwas wie einen „Wiedererkennungswert“ und weckt Erinnerungen alter Erfahrungen (Trigger) und dadurch bedingt besteht die Gefahr der Retraumatisierung.
Das können im Einzelnen sein:
• Aufgabe des sozialen Umfeldes und der eigenen Wohnung
• Verlust von sozialen Kontakten
• Unterbringung in einem Heim mit vielen Bewohnern
• Wiederholter Umgang mit einer „Heim“-Leitung
• Fluktuation von Heimbewohnern und Pflegepersonal
• Unausgebildete Hilfskräfte
• Essen im Speisesaal
• Gerüche von Gemeinschaftsunterkünften erneut ertragen müssen
• Das Zimmer mit anderen Bewohnern teilen müssen.
• Gemeinschaftlich den Baderaum nutzen müssen.
• Geringer Bereich für Möbel und anderes Eigentum.
• Begrenzung oder gar Verbot, eigene Bilder aufzuhängen.
• Eigentum unverschlossen und öffentlich für das Personal zugänglich.
• Verlust von Eigentum durch Diebstähle.
• Öffnung des Intimbereichs bei Pflege.
• Den Stimmungen und Launen des Personals und der Mitbewohner ausgesetzt zu sein.
• Sich kaum zurückziehen zu können um für sich alleine zu sein.
• Öffentlich zugängliche private Daten – auch bei Formalien.
• Wäschenummern oder Wäschezeichnung
• Unter Umständen Zwangsernährung
• Unter Umständen Fixierung
• Unter Umständen Medikamentierung zur Ruhigstellung
• Zuteilung von Taschengeld (nur begrenztes Taschengeld).
• Abhängigkeit von anderen.

Bedeutung der totalen Institution für ehemalige Heimkinder
Bewohner eines Heimes- je nach Beschaffenheit der Einrichtung-sind mehr oder weniger stark jenem Verhaltensreglement ausgesetzt ist, das sich aus der Totalität der Heime ergibt: der Nicht-Freiwilligkeit, deren auch Bewohner ohne Heimerfahrung ausgesetzt sind, die aber nicht die traumatisierende Erfahrungen ehemaliger Heimkinder haben. So arbeiteten die Ehemaligen an dem Problem der Kollektivierung nach ihrer Heimentlassung mehr oder weniger mühsam, sich selber als Individuum zu sehen und zu spüren. Nun werden diese Bemühungen im Alter wieder zerstört, denn jetzt gelten wieder die Handlungsabläufe der früheren Heimerfahrungen wie z.B. das gemeinsame Essen im Speisesaal nach bestimmten Uhrzeiten oder das Waschen und Schlafen gehen. Allen wird die gleiche Behandlung zuteil. Auch die persönlichen Habseligkeiten/ Eigentümer nur in einem geringem Ausmaß mitnehmen zu dürfen, mindert sowohl die Individualisierung, aber macht auch deutlich, dass am Ende des Lebens eine Wiederholung der früheren Erfahrungen im Fokus steht. Die eigenen Bedürfnisse müssen nun im Hintergrund treten, denn nur so können die Ziele der Institution erreicht werden. Diese werden durch ein Berechnungsmodell, das die einzelnen Handlungen in Minuten vorschreibt diktiert.

Konflikte, die aus der hierarchische Gliederung des Heims gegeben ist und auch typisch für eine totale Institution ist, und die den Zweck verfolgt, die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Pflegeeinrichtungen unterliegen bestimmten ökonomischen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen, die einen gewissen Grad der Hierarchisierung zur Voraussetzung haben müssen. Heimbewohner sind in der Hierarchie relativ weit unten anzusiedeln, da ihre ganz spezifischen, individuellen Bedürfnisse bei beruflichen und organisatorischen Entscheidungs-Prozessen nur geringfügig berücksichtigt werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen einer großen, gemanagten Gruppe, „Heimbewohner“ auf der einen Seite, und dem weniger zahlreichen Pflegekräften auf der anderen Seite. Für den Heimbewohner gilt, dass er in der Institution lebt und beschränkten Kontakt mit der Außenwelt hat. Das Personal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundentages und ist sozial in die Außenwelt integriert. Es handelt sich also um eine höchst ambivalente Sozialbeziehung zwischen Personal und Bewohner, die sich ständig im Spannungsgefüge von Hilfe und Kontrolle bewegt, auf unterschiedlichen Bedürfnissen und Einstellungen beruht und in ihrer Ungleichwertigkeit auseinanderklafft.

Für ehemalige Heimkinder bedeuten Merkmale totaler Institutionen eine ständige Triggergefahr und schon alleine der Gedanke im Alter wieder in ein Heim gehen zu müssen ist mit so vielen Ängsten und Erinnerungen der Heimerfahrung verbunden, dass die Gedanken einer Exitoption (Suizid) als Lösung betrachtet wird. Viele Ehemalige haben sich aus den traumatischen Erfahrungen ihre eigene sehr persönliche Welt geschaffen um mit der grausamen Erfahrung der Heimzeit umzugehen. So ist z.B. die Erfahrung des „Eingesperrtseins“ später so bewältigt worden, in der eigenen Wohnung alle Türen aufzulassen. Auch das frühere Zwangsessen ist häufig noch so gegenwärtig in dem Bewusstsein sich auf ganz bestimmte Nahrungsmittel zu beschränken, um nicht ständig an die früheren unangenehmen Situationen erinnert zu werden. So haben sich viele Ehemalige ihr eigenes Leben gestaltet und konnten auch so überleben. Es wäre eine grausame Vorstellung sie wieder in ein Heim schicken zu wollen und sie ständig Situationen aussetzen zu wollen, die sie viele Jahrzehnte lang versucht haben zu vergessen, zu verarbeiten oder aber auch zu verdrängen.

So ich hoffe einigermaßen verständlich gemacht zu haben, wieso es nicht um eine „Extrawurst“ geht .

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[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/08/06/manche-theologen-sind-nicht-so-kleinglaeubig-wie-manche-kleinglaeubige-glauben/#comment-7093

Sehr beeindruckender „Talk“ mit Norbert Denef und seiner Tochter

Posted in Gesellschaft, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte by dierkschaefer on 11. Januar 2015

http://netzwerkb.org/2015/01/10/das-lange-schweigen/

Wer „Das Familienfest“ nicht gesehen hat, dem empfehle ich den Wiki-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fest_%28Film%29

Erzähl- und Biografie-Arbeit: wirksame Beratung und Psychotherapie

Posted in Psychologie by dierkschaefer on 13. September 2014
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„Nie wieder!“

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 29. Juni 2013

Diesen Kommentar zum Blogbeitrag: Nun werde alles zügig geprüft[1] möchte ich als eigenständigen Beitrag des Kommentators „nach vorne“ holen. Der Kommentar wurde in keiner Weise verändert:

„Nie wieder!“

Was wird aus Kindern die verbogen, belogen, missbraucht, geprügelt werden, denen man Bildung vorenthält und die durch Zwangsarbeit oder den Zwang zur Arbeit ausgebeutet werden? Was wird aus Kindern die ohne Urteile und Prüfung eingesperrt und Drill ausgesetzt werden? Was wird aus Kindern die das ertragen mussten ohne die Möglichkeit, sich zu wehren oder Schutz zu finden? Ich kann das sicher nicht allgemein beurteilen, aber aus mir ist ein Mann von 58 Jahren geworden.
Seit mehr als 40 Jahren vermeide ich viele Alltäglichkeiten, ohne dass es jemand sehen kann. Ich übe mich in Unauffälligkeit. Ich vermeide geschlossene Räume von denen ich die Türen nicht sehen kann. Ich könnte eingesperrt werden! Ich fahre nicht einmal mit der Bahn, weil es ist ein abgeschlossener Raum, den ich nicht freiwillig verlassen kann. Das geht nur wenn der Zug hält. Ich könnte ein Konzert besuchen, kann ich aber nicht, mir jagen viele Menschen, die gemeinsam an Veranstaltungen teilnehmen, Angst und Panik ein. Ich kann nicht entkommen wenn ich möchte. Ich könnte mit Freunden gemeinsam essen gehen, das normalste von der Welt, kann ich aber nicht, es ist eine Tortur für mich, warten zu müssen bis alle Ihr Essen haben, es könnte mir gestohlen werden. Ich werde zappelig und unsicher, also vermeide ich es. Ich bin misstrauisch und argwöhnisch und beleuchte alles und Jeden der sich mir nähert. Ja, ich zerstöre unbewusst vielleicht konstruktive Synergien. Das sind ein paar wenige der  Auffälligkeiten, die mir selbst auffallen. Sicher gibt es aber noch so einige Dinge, die ich gar nicht weiß und selbst bemerke, wissenschaftlich betrachtet.
Es ist für mich zur Gewohnheit geworden so zu sein, so zu handeln und so zu leben. Aber wie viel Leben ist das eigentlich? Wenig genug und sehr, sehr anstrengend. Das weiß ich von mir. Was hat die Gesellschaft versäumt und was hätte ich ohne diese Einschränkungen, die ich selbst indessen als Behinderung empfinde, erreichen können?
Eine Million behinderte Menschen, die ähnliche oder gleiche Einschränkungen haben und wir reden über Inklusion? Wir reden über Menschenwürde und Menschenrechte und über die Bereicherung von Gesellschaften durch kritische Bürger, die Ihre Rechte auf der Straße einfordern. Wir belehren andere, Demonstrationen als Bürgerbeteiligung wahr zu nehmen und nicht als Bedrohung zu empfinden. Natürlich tun wir das, oder mindestens unsere Vertreter auf Zeit. Richtig und gut, aber sollten wir nicht zuerst dafür Sorge tragen, dass wir den heute Betroffenen von Heimerziehung – in welcher Form auch immer – die Würde zurück geben und Ihnen ein finanziell gesicherten Lebensabend trotz Behinderung oder gerade deshalb ermöglichen.  Wir haben in diesem Land einiges wieder gut zu machen, in Form angemessener Renten und Entschädigung für erlittenes Unrecht und Ausbeutung.
Sollten wir nicht endlich damit aufhören, diese Opfer zu produzieren? Sollten wir nicht endlich solche Formen des Umganges mit Kindern beenden? Sollten wir nicht endlich alles in unserer Macht stehende unternehmen, die Täter solcher „Erziehungspraktiken“ zu verurteilen? Sollten wir nicht endlich unserer Kinder mit Rechten ausstatten, die diese auch einfordern können, weil Sie diese verstehen? Sollten wir uns nicht endlich fragen, wie viel Schaden wir durch nichts tun anrichten?
Ich denke, wir müssen!
Wir müssen das einfordern. Bildermann kenn ich nicht, aber ich bilde mir ein, dass wir uns das alle fragen lassen müssen, auch und aktuell zuerst in Brandenburg. Es ist so eine Sache mit „nie wieder“ in unserem Land, ist es nicht an der Zeit damit endlich anzufangen?
Ich dachte, hoffte und glaubte letztendlich auch, dass wir etwas gelernt haben. So als Land, als  Gesellschaft , als das sogenannte Volk.
Offenbar haben wir das nicht. Oder wollen wir vielleicht nicht? Es wirkt auf mich, als wollten wir nicht. Als litten wir alle unter Amnesie und offenbar haben wir sie gern, unsere Amnesie. Sonst müssten wir uns ja täglich mit Fragen auseinandersetzen auf die es Antworten gibt.
Antworten zum Beispiel auf die Frage: Woher kommt der NSU. Wer hat das gewusst und zugelassen? Wir oder die, die dafür bezahlt werden so etwas zu bemerken, öffentlich zu machen, ja, auch die Bürger zu schützen. Die haben es gewusst und offensichtlich auch bemerkt , nur weder öffentlich gemacht noch die Ihnen anvertraute Sicherheit der Bürger im Auge behalten.
Ich habe keine Amnesie und bemerke das sich vieles wiederholt. Zum Besipiel die Art und Weise, wie ich in einem Spezialheim der DDR erzogen wurde. Diese Methoden wiederholen sich nun in einem privatisierten geschossenen Kinderheim in Deutschland. Und das, nachdem wir geschädigten Heimkinder von damals bis heute nicht entschädigt haben für diese Misshandlungen. Nun geschehen diese Misshandlungen wieder. Was haben wir also tatsächlich gelernt als Gesellschaft? Nach zwei großen Kriegen haben wir uns die Beteuerung „Nie wieder“ auf die Fahnen geschrieben. Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule  riefen wir wieder: „Nie wieder“
Und nun? Die Fortsetzung soz. Erziehungsmethoden in einer GmbH in Brandenburg. Nein, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern die konsequente Fortsetzung und Folge der Nicht-Bewältigung, der Nicht-Aufarbeitung , Nicht-Verhinderung, und der nicht angemessenen Entschädigung der Opfer solchen Tuns. Es reicht einfach nicht „Nie wieder“ zu sagen. Wir müssen diese Geschichten gemeinsam aufarbeiten und bewältigen. Wir können nur verhindern, was wir verstanden und beendet haben. Wie groß soll der angerichtete Schaden an den Kinderseelen noch werden?


Der Fortschritt ist eine Schnecke – …

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Politik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 10. März 2013

… der Fortschritt der Erkenntnis auch.

Im Artikel heißt es: »Elbert beschäftigt sich mit diesen Fragen seit Ende der neunziger Jahre. In einem Urlaub in Zimbabwe traf er ein Team von Ärzte ohne Grenzen. Schnell entspann sich eine Debatte darüber, dass man doch so wenig über Kriegstraumata wisse, eigentlich müsse sich mal einer der Frage annehmen.«

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/der-konstanzer-psychologethomas-elbert-begeistert-seine-studenten-a-883388.html

 

Entgegen der Kenntnis der hier genannten Ärzte sind Kriegstraumata spätestens seit dem Ersten Weltkrieg bekannt. Die Betroffenen wurden „Kriegszitterer“ genannt und als Simulanten postwendend an die Front geschickt. Spätestens im Vietnam-Krieg tauchte das Thema wieder auf und wurde ansatzweise erstmals ernstgenommen. Für meine Tagung „Kriegskinder gestern und heute“ im April 2000 konnte ich eine Reihe von Referenten gewinnen, die seit Jahren zu der Thematik arbeiteten. Die Journalistin Sabine Bode berichtete dort von einem internationalen Kongreß in Hamburg im Jahre 1993 über „Kinder als Opfer von Krieg und Verfolgung“. Seit 1994 gibt es die beeindruckende Publikation von Peter Heinl „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg – Seelische Wunden aus der Kriegskindheit“, und die Psychotherapeutin Herta Betzendahl beschäftigte sich schon in den 80er Jahren mit der „Psychotherapie lange zurückliegender Traumen“.

Warum die Beschweigung von Kriegstraumen in der  deutschen Wahrnehmung und deutschsprachigen Wissenschaft? Das Thema rührte schmerzhaft an die eigene Geschichte. Da Deutschland dank der Nazis am Krieg und den Greueln schuld war, wurden die eigenen Traumatisierungen verdrängt. Prof. Radebold referierte auf der Folgetagung „Kriegsbeschädigte Biographien und öffentliche Vergangenheitsbeschweigung“ im Jahr 2001, er sei zusammen mit seinem Lehrtherapeuten in 300 Sitzungen nie auf das Thema seiner eigenen Kriegstraumatisierung gekommen, sie beide seien blind dafür gewesen.

Die späte Erkenntnis über Kriegstraumata ist die Folie für den Umgang mit den Kinderheimtraumatisierungen: Erst wollte sie keiner offenbaren, wegen der gefühlten Retraumatisierungsgefahr, dann wollte man sie nicht wahrnehmen (die Heime waren doch o.k.), dann möglichst nicht wahrhaben (denn das hätte Konsequenzen gehabt), und jetzt, so peu à peu, hat man Augen und Ohren dafür, drückt sich aber um die finanziellen Konsequenzen.

Auch die Veteranen der US-Kriege werden zumeist mit billigen Pillen abgespeist – und die entlastende Gedenkstätte für unsere Afghanistan-Veteranen wurde auch schon installiert.

„Deutsche Traumafolgekostenstudie“

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Politik, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 25. Februar 2013

Ein ehemaliges Heimkind machte mich heute auf diese Studie aufmerksam. http://www.uniklinik-ulm.de/service/presse/presseinformationen/archiv/pressemeldung/article/12107/traumafolgen.html?tx_ttnews[month]=09&tx_ttnews[year]=2011&cHash=f1a055ffbf1517032bb0ecb2fc44b389

Es gibt leider nur die Pressemitteilung der Uniklinik Ulm. Gibt man beim Auftraggeber, dem Familienministerium http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/volltextsuche.html das Stichwort ein, erhält man Null-Treffer. Schade. So bleibt vorab nur die Pressemitteilung, die wohl nicht nur ich übersehen hatte.

Doch danach ergibt die Studie für die Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen aus dem Jahr 2009 14,5 %, die von schwerer bis extremer Kindesmisshandlung, -missbrauch betroffen waren. „… ein Fünftel dieser Menschen – 1,6 Millionen Betroffene – tragen Langzeitfolgen davon, die die Gesellschaft jährlich 11 Milliarden Euro kosten,“ sagte Prof. Jörg M. Fegert, der Leiter der Studie. Dabei wurden Arbeitslosenunterstützung, Kriminalitätsfolge- und Therapiekosten berücksichtigt.

 

Ob wir die Studie wohl doch noch zu Gesicht bekommen? Immerhin wurde sie aus Steuergeldern finanziert.

Verjährungsaufschub

Posted in heimkinder, Justiz, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität, Pädagogik, Religion, Theologie by dierkschaefer on 6. Februar 2013

 

Mit Dank an Herrn Mitchell/Australien  weise ich hier auf ein bedeutendes BGH/Urteil vom 4. Dezember 2012 hin (Az. VI ZR 217/11).

Hier wird höchstrichterlich der Tatsache Rechnung getragen, daß eine Verjährungsfrist erst dann beginnen kann, wenn die Tat im Bewußtsein des mündigen Geschädigten erscheint. Dies unterliegt den bekannten Verdrängungseffekten, die durch Traumatisierungen hervorgerufen werden können.

Hier zunächst das Urteil: http://openjur.de/u/597180.html#

Es bleibt die Frage offen, inwieweit Institutionen (Staat, Kirchen, Wohlfahrtsverbände) für die Rechtsbrüche einzelner dort Beschäftigter in Anspruch genommen werden können. Sie sollten sich nicht davor drücken dürfen.

Für die Kirchen und ihre Einrichtungen erscheint es jedenfalls kurios, daß sie die Verjährungsrede erheben. Sie handeln hier auf Erden mit Ewigkeitswerten, beanspruchen aber den Schutz der Verjährung. Sie untergraben damit ihre Lehre und das noch vorhandene Vertrauen Vieler.

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Alle zufrieden?

Posted in heimkinder, Politik by dierkschaefer on 30. Dezember 2012

Urheber befördert, Geschädigte entschädigt – Was Politik alles kann, wenn’s ein Politikum ist. http://www.focus.de/politik/diverses/3-3-millionen-euro-fuer-luftangriff-weitere-hinterbliebene-aus-dem-afghanischen-kundus-klagen_aid_889093.html

Noch einmal ins Heim? Von den letzten Dingen.

Posted in heimkinder, Kirche, News by dierkschaefer on 2. März 2010

Noch einmal ins Heim?

Von den letzten Dingen.

Ehemalige Heimkinder sehen alters- und gesundheitsbedingte Abhängigkeiten auf sich zukommen und machen sich Gedanken über ihre Unterbringung. Es geht um eine sie in besonderem Maße beunruhigende Zukunft.

Keiner von uns kann sich darauf verlassen, von einem gnädig-plötzlichen, schnellen und schmerzlosen Tod ereilt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit sieht anders aus. Kaum jemand stellt sich seine Zukunft im Alten- oder Pflegeheim positiv vor. Man sieht es daran, daß die gut gemeinten Konzepte einer frühen Übersiedelung ins Altenheim, die ein „Einleben“ ermöglichen sollten, nicht angenommen wurden, so daß in vielen (den meisten?) Altenheimen Wohnplätze zu Pflegeplätzen umgestaltet wurden. Ambulante Pflegedienste ermöglichen eine größere, wenn auch eingeschränkte Unabhängigkeit im Alter. Aber wir wissen: Wenn’s gar nicht mehr geht, landen wir im Pflegeheim. Und bei allen Verbesserungen der Heimsituation: Augustinum-Qualität kostet mehr, als die meisten von uns aufwenden können.

Nun zu den ehemaligen Heimkindern:

Wer üble Heimerfahrungen hat, sieht einer erneuten Unterbringung in einer Totalen Institution (Goffman) mit erhöhter Sorge entgegen. Er möchte die Fremdbestimmung reduzieren und rechtzeitig mitbestimmen. Aus diesem Grund hat jemand aus dem Kreis der ehemaligen Heimkinder sich an einen kirchlichen Spitzenfunktionär gewandt und eine Antwort erhalten, die ihn – gelinde gesagt – nicht zufrieden gestellt hat. Er bat mich um Rat und ich habe dem Herrn in der Kirchenhierarchie einen Brief geschrieben, den ich hier wiedergeben möchte. Da ich der Meinung bin, daß der Adressat nur systemkonform geantwortet hatte, möchte ich auf Personalisierungen verzichten. Herr „Dr. Meyer“ in der Kirchenleitung ist also ein Pseudonym, wie auch Herr „Kunde“ als ehemaliges Heimkind.

Ich schrieb:

Sehr geehrter Herr Dr. Meyer!

 

Herr Kunde, ein ehemaliges Heimkind, hat sich an mich gewendet in der Frage der absehbaren Unterbringung von ehemaligen Heimkindern, in einem Alten- bzw. Pflegeheim. Sie haben ihm mit Schreiben vom 23. Februar geantwortet.

Weil er über diese Antwort enttäuscht/bestürzt/verärgert ist, hat mich Herr Kunde um Rat gebeten.

Eine Reihe von ehemaligen Heimkindern wendet sich an mich, obwohl ich Pfarrer bin. Seit vielen Jahren habe ich mich mit dem Thema Traumatisierung und PTSB befaßt, zunächst im Rahmen von Notfallseelsorge, dann aber in Zusammenhang mit Kriegs- und mit Heimkindern. …

 

Nun zu Ihrer Antwort.

Sie haben Recht; die Heimsituation in den Alten- und Pflegeheimen, wie auch in den Kinderheimen, ist wesentlich, man muß sagen unvergleichbar besser geworden.

Doch bei aller Qualitätssicherung darf ich vermuten, daß Sie wie auch ich kaum zuversichtlich einem Heim als Endstation Ihres Lebens entgegensehen. Und so treffen sich beim Ausbau der ambulanten Pflegedienste ökonomische Vorteile mit der verbreiteten Vorstellung „Bloß nicht ins Heim!“ Und für letztere gibt es auch heute noch genug Gründe, die hier auszuführen nicht der Platz ist.

Wenn schon von Heimerfahrung unbelastete Menschen so denken, haben wir es mit der Gruppe der ehemaligen Heimkinder mit extrem belasteten zu tun. Viele von ihnen sind seit damals traumatisiert und anfällig für Trigger, die Retraumatisierungen auslösen.

Diese Menschen machen sich Sorgen, wieder ins Heim zu müssen. Man wird sie nicht beschwichtigen können mit der Auskunft, es sei doch heute alles besser. Das klingt nach einer institutionsorientierten Antwort, wo eine „klientenzentrierte“ angemessen wäre. Doch dafür muß man zunächst fragen, bevor man Antworten gibt.

Die meisten Leute, nicht nur die ehemaligen Heimkinder, überblicken die Konstruktion der Kirche und ihrer Einrichtungen nicht. Sie wenden sich an die Spitzenfunktionäre in der Hoffnung, daß die Dinge top-down von oben geregelt werden könnten. Nun kann man im Unterschied zum problembehafteten staatlichen Föderalismus bei der Kirche nicht einmal von Föderalismus sprechen. Was könnte also die EKD in der Frage der Altenheimunterbringung ehemaliger Heimkinder tun, vielleicht sogar unter vorsichtiger Überschreitung ihrer Kompetenzen?

Sie könnte Empfehlungen aussprechen, die per Öffentlichkeitswirkung den örtlichen diakonischen Einrichtungen Lösungsansätze nahelegen. Dafür wäre es erforderlich, daß die Diakoniefachleute mit den ehemaligen Heimkindern sprechen, soweit sie sich als solche zu erkennen geben, vielleicht sogar eine organisatorische Basis haben, wie im vorliegenden Fall. Man sollte ihre Befürchtungen erfragen und ernstnehmen, indem man respektvoll gemeinsam Lösungen entwickelt.

Dies aber muß zügig geschehen. Herr Kunde schrieb mir: „Wir haben das Problem, dass wir uns etwa alle Vierteljahre von irgendeinem ehemaligen Mitschüler verabschieden, weil er gestorben ist. Die Zeit, wo die biologische Beendigung des Skandals geschehen ist, können wir uns an zwei Händen ausrechnen.“

Ich würde mich sehr freuen, wenn die EKD gemeinsam mit dem DW/EKD sich diesen Zeitdruck zu eigen macht und sich kurzfristig zu einer dringenden Empfehlung an die einzelnen Mitglieder in den Diakonischen Werken der Landeskirchen bereitfindet. Für das Problem der Altenheimunterbringung braucht man nicht auf Ergebnisse des Runden Tisches zu warten.

 

Außerdem: Eine Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von ehemaligen Heimkindern bei der Altenheimunterbringung würde diesen Heimen auch ganz allgemein einen bedeutenden Qualitätsschub bringen.

 

Mit freundlichem Gruß

 

dierk schäfer

»… mea culpa – wer ist Schuld am Kinderelend? Kritik an den Ergebnissen des Runden Tisches«

Posted in heimkinder, Kirche, Pädagogik by dierkschaefer on 20. Februar 2010

Das Väterradio sendete am 18.02.2010

»… mea culpa – wer ist Schuld am Kinderelend?

Kritik an den Ergebnissen des Runden Tisches«

Hier kann die Sendung gehört werden:

http://www.vaeterradio.de/

auf „Aktuelle Sendung“ klicken!

Ich habe mir noch den speziellen Link geben lassen:

In unserem Falle ist der dauerhafte Link
zur Sendung:
http://www.vafk.de/medien/Radioe/2010/vr02-10.mp3

Zur Rezension, die nach diesem Eintrag steht, ist noch ein Veranstaltungshinweis nachzutragen. Am 5. März findet im Parlament in Wien eine Podiumsdiskussion statt. Ausgangspunktspunkt wird das rezensierte Buch von Jenö Alpàr Molnàr sein. Hier das Plakat dazu:

Plakat Wien2