Dierk Schaefers Blog

Ein Krimi und die Schüsse an der Startbahn West

„Tod im Internat“ – der Film im ZDF läßt Erinnerungen lebendig werden. Einige der älteren Beteiligten waren in die Demonstrationen gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen verwickelt und die damalige Tatwaffe, die Dienstpistole (Marke Sig-Sauer, Modell P 6, Nummer M 402293) des Frankfurter Kriminalhauptmeisters Manfred Bauer ist Tatwaffe im aktuellen Mordfall.

Der Film greift also weit zurück. Die Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm wurden am 2. November bei ihrem Einsatz an der Startbahn West von Andreas Eichler erschossen. Ich hatte nicht gedacht, dass ich an diesen Vorfall noch einmal erinnert würde.

Damals war ich Polizeipfarrer und die Polizei bat uns zwei Polizeiseelsorger um einen Trauer­gottesdienst in Tübingen. Ich schlug die Tübinger Stiftskirche vor. Der Kirchen­gemein­derat erkundigte sich nach dem Charakter des geplanten Gottesdienstes. Er solle keine Demon­stration sein, sagte ich, sondern die kirchliche Form der Begleitung der Trauer einer durch die Morde aufgewühlten Berufsgruppe. Die Stiftskirche war dann am 10. November „gesteckt voll“, wie man im Schwäbischen sagt. Mein Kollege Werner Knubben und ich hatten ausgemacht, dass ich die Predigt halten werde.

Die habe ich nun, nachdem ich den ersten Teil des Films gesehen hatte, wieder gelesen. Dazu habe ich per Google mir die damalige Situation vor Augen geführt und festgestellt, dass die heutige Lage schlimmer ist als damals. Unsere Gesellschaft ist inzwischen noch stärker gespalten und tödliche Angriffe haben ein völlig anderes Ausmaß erreicht. Doch ansonsten: Meine Predigt ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern leider immer noch aktuell.

Predigt – Trauergottesdienst_2

 

Der Film „Tod im Internat“

https://www.zdf.de/filme/tod-im-internat/tod-im-internat-1-100.html

 

Links zum Thema Schüsse an der Startbahn West

https://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%B6tungsdelikte_an_der_Startbahn_West

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/polizistenmord-an-der-startbahn-west-blutiges-ende-eines-verlorenen-kampfs-11946906.html

http://www.zeit.de/1987/46/zum-jahrestag-ein-doppelmord/komplettansicht

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494525.html

http://www.taz.de/!1375224/

Zur heutigen Lage: Ein Riß geht durch Deutschland – Erst jetzt?

https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/09/25/ein-riss-geht-durch-deutschland-erst-jetzt/

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Sündenvergebung im Sonderangebot

Posted in Firmenethik, Kirche by dierkschaefer on 1. September 2015

»Papst Franziskus erlaubt allen Priestern, Frauen die Abtreibung zu vergeben – aber nur während des bevorstehenden Heiligen Jahres.«[1]

Nix wie hin in den Beichtstuhl. Ich empfehle das Kloster Roggenburg. Dort gibt es Doppelbeichtstühle für großen Andrang https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/16213519614/ . Für ganz „schmutzige“ SünderInnen auch noch eine Waschgelegenheit https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/16648372728/

[1] http://www.stern.de/politik/ausland/papst–alle-priester-duerfen–suende-der-abtreibung–vergeben-6429794.html

Von der Freiheit eines Opfers

Posted in Geschichte, Kriminalität, Kriminologie by dierkschaefer on 24. April 2015

Eine beeindruckende Geste und bewundernswerte Aussagen.

„Ich bin keine bemitleidenswerte Person, ich bin ein siegreicher Mensch, dem es gelungen ist, den Schmerz hinter mir zu lassen.“

„Ein Opfer hat das Recht frei zu sein – und man kann nicht frei sein von dem, was einem angetan wurde, wenn man diese tägliche Last aus Schmerz und Wut nicht abschüttelt.”

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/holocaust-ueberlebende-eva-kor-sie-nannten-mich-eine-verraeterin-13557291.html

Flach auf den Boden gelegt

Posted in Kirche, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 4. Dezember 2010

Flach auf den Boden gelegt

»Vor dem Altar des Osnabrücker Doms hat sich Bischof Franz-Josef Bode gestern flach auf den Boden gelegt. Als erster katholischer Bischof in Deutschland legte Bode in einem Bußgottesdienst teils mit bewegter Stimme ein Schuldbekenntnis für Missbrauchsfälle in der Kirche ab«.

http://www.noz.de/lokales/49444157/osnabruecker-bischof-bode-legt-im-dom-schuldbekenntnis-fuer-missbrauchsfaelle-ab

Helmut Jacob befragte mich zu dem Vorgang und zitiert mich in seinem Blog.

http://helmutjacob.over-blog.de/article-osnabrucker-bischof-bode-legt-im-dom-schuldbekenntnis-fur-missbrauchsfalle-ab-62010175.html mit den Worten:

„wenn ich das richtig sehe, lieber herr jacob, ist die demutsgeste an gott gerichtet. bode hätte sich glaubwürdiger in einer veranstaltung mit opfern den opfern zu füßen legen sollen, dann hätte wenigstens die symbolhandlung gestimmt. es ist ein jammer, allerdings nur zweiten grades, daß menschen mit liturgischer bildung mit symbolen nicht richtig umgehen können. der größere jammer ist allerdings, was menschen mit biblischer bildung ihren mitmenschen angetan haben.“

Für den unwahrscheinlichen Fall, daß Theologen oder gar Bischöfe, vielleicht sogar Bischof Bode eine Begründung für meine Aussage suchen und das – noch unwahrscheinlicher – in meinem Blog, so sei diese hier nachgereicht:

In der Bergpredigt lesen wir bei Matthäus (5,24): »Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe.«

Hier wird von der damals üblichen Form des Gottesdienstes ausgegangen, einem Opfer, das man Gott darbringt. Es geht um das Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Fällt dem Menschen jedoch ein, daß „sein Bruder“, will sagen „jemand“ etwas gegen ihn hat, das Verhältnis zu einem Mitmenschen also gestört ist, dann hat der Gottesdienst zurückzutreten. Erst soll der Gläubige also das Verhältnis zu seinem Mitmenschen in Ordnung bringen, bevor er vor Gott treten darf.

In der Meldung des Osnabrücker Zeitung heißt es: »Bode trägt einen Chormantel in Violett, der liturgischen Farbe der Buße. Bewusst hat er als Termin für den Bußgottesdienst den ersten Adventssonntag gewählt, den Beginn des neuen Kirchenjahres. „Wir können uns nicht auf dem Weg zum Weihnachtsfest machen, ohne all das mitzunehmen, was uns in den vergangenen Monaten bewusst geworden ist“, sagt der Bischof. Damit meint er das Leid der Opfer von Missbrauch und Gewalt und die Schuld der Täter.« …»„Was hier an Menschen, an jungen und jüngsten Menschen durch Personen der Kirche getan worden ist, muss vor Gott ausgesprochen werden“, sagte Bode und bat die Opfer erneut um Vergebung.«

Ich will und mag Bischof Bode nicht die Ehrlichkeit seiner Bußhandlung absprechen. Die Bitte um Vergebung ist wichtig und kann helfen, die Wunden in der Seele, in der Psyche der Opfer vernarben zu lassen. Doch viele der Opfer leben in miserablen finanziellen Verhältnissen. Wieder „gut“ machen kann man in diesen Fällen nichts, aber den Opfern in dieser Lage finanziell helfen. Schließlich war die Situation in den Kinderheimen eine wesentliche Ursache für die miserable Lage. Erst wenn diese Lage verbessert wird, erhalten Symbolhandlungen ihre Glaubwürdigkeit und können die Wunden vernarben.

»Darum, wenn du mir die Ehre geben willst, vergiß nicht, daß dein Bruder, an dem du dich versündigt hast, in Not lebt. Lindere zunächst die Not deines Bruders, erst dann komm zu mir.«

über VERGEBUNG

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 19. Oktober 2009

Aus dem Mailwechsel mit einem ehemaligen Heimkind:

Sie haben mir geschrieben:

ich kann nicht vergeben, weil ich das nicht gelernt habe.

Angefügt haben Sie aus dem Internet eine Anfrage (offenbar an Alice Miller) mitsamt deren Antwort.

Frage: Erwachsenen, die als Kinder misshandelt wurden, wird meist geraten, ihren Misshandlern zu vergeben. Die Religionen lehren das, sowie die meisten psychotherapeutischen Ansätze. Diesem Ansatz widersprechen Sie in Ihren Büchern. Warum?

Antwort: Wie ich schon sagte: Der Körper versteht nichts von Religion und Moral. Wenn wir seine Erfahrungen der Grausamkeiten ignorieren, bezahlen wir unseren Selbstverrat mit Krankheiten oder lassen unsere Kinder ihn bezahlen, oder tun beides. Das Vergeben heilt nicht die Wunden, diese können nur durch das Zulassen der schmerzhaften Wahrheit ausgeheilt werden, nicht aber durch den Selbstbetrug. Um zu heilen, müssen die Wunden aufgedeckt werden und nicht verborgen bleiben. Viele Priester gebrauchen fremde Kinder für ihre sexuellen Wünsche, WEIL sie es niemals wahrhaben wollen, dass auch sie in der Kindheit so missbraucht wurden. Sie vergeben jeden Morgen global ihren Sündigern und wissen nicht, dass sie vom Zwang getrieben werden, das einst Erfahrene zu wiederholen und zu verleugnen. Würden sie sich mit der Geschichte der eigenen Kindheit konfrontieren und in einer aufdeckenden Therapie mit Zorn auf das ihnen Zugefügte protestieren, müssten sie nicht zwanghaft das Leben ihrer Ministranten gefährden. Dieses Konzept der Therapie beschreibe ich in meinen beiden letzten Büchern, vor allem in „Dein gerettetes Leben“.

Lassen Sie mich bei Ihrer Aussage beginnen, daß Sie nicht vergeben können, weil Sie das nicht gelernt haben.

Lernen kann man Vergeben auch nicht, jedenfalls nicht so, wie wir die Grundrechenarten lernen und dann können. Wir lernen, daß man vergeben soll, das kann ein moralischer Appell sein oder wir lernen es von einem glaubwürdigen Vorbild. Das ist vielleicht die Art Vergebung, von der Frau Miller spricht und die sie zu Recht ablehnt. Denn eine solche Vergebung ist nur angelernt. Das gilt nicht für die kleinen Dinge, bei denen die Entschuldigung und das War nicht so schlimm! im Rahmen zivilisierter Höflichkeit ablaufen. Ich spreche, und das meinen Sie ja auch, von dem großen Unrecht, das uns jemand angetan hat und das wir nicht leichthin vergeben können.

Vergebung läßt sich nicht einfordern! Niemand kann Sie zur Vergebung verpflichten. Niemand darf Sie moralisch nötigen, Ihren Peinigern zu vergeben. Vergebung ist eine freie (und befreiende) Handlung. Sie kann von dem Schuldigen erbeten werden. Das setzt aufrichtige Reue voraus, verpflichtet Sie aber dennoch nicht. Sie können nur vergeben, wenn Sie sich innerlich von der schlimmen Vergangenheit befreit haben. Das heißt nicht, daß Sie sie vergessen oder verdrängt haben, sondern Sie haben sich damit auseinandergesetzt und die Gewißheit und die Kraft gewonnen, daß diese Vergangenheit keine Macht mehr über Sie haben soll. Die glaubwürdige Reue eines Täters kann Ihnen helfen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, weil damit Unrecht als Unrecht anerkannt wird und Sie in Ihrer Verletztheit gerechtfertigt sind. Bleibt die Reue des Täters aus, wird der Weg zum inneren Frieden länger.

Das Unrecht, das Sie erlebt haben, hat Sie zutiefst verletzt, hat Zorn, vielleicht auch Haß ausgelöst oder aber Sie in Selbstzweifel und Resignation gestoßen. All dies ist selbstzerstörerisch, denn es hält die Wunden offen. Es ist ja nicht nur das erlebte Unrecht. Mindestens ebenso schlimm ist die Folge, daß Sie kaum noch nach vorn schauen können, weil Sie immer zurückblicken müssen. Ihre Vergangenheit ist zu Ihrer Gefangenheit geworden, die Gefangenheit in der Opferrolle. Wenn Sie überleben wollen müssen Sie da rauskommen. Aber wie?

Ein Patentrezept dafür gibt es nicht. Wie kann es ein Außenstehender wagen, Ratschläge zu geben, die Sie ausbaden müssen? Nicht vergeben zu wollen ist Ihr gutes Recht.

Nicht vergeben zu können, ist Ihr Problem.

Vergebung ist ein schmerzhafter Prozeß, sie kostet Selbstüberwindung. Denn der Geschädigte geht erneut und immer wieder durch das Tal seiner Tränen, er klagt und klagt an, bis seine Klage Erfolg hat, und sei es nur der Erfolg vor Gericht, das dem Täter bescheinigt, im Unrecht zu sein und ihn dafür wie auch immer bezahlen läßt. Das kann auch ohne Reue hilfreich sein, und es funktioniert auch ohne Vergebung, weil der Geschädigte schließlich gesiegt hat. Doch der Erfolg kann auch ausbleiben.  Wenn der Geschädigte wieder nach vorn schauen und leben will, wird er akzeptieren müssen, daß er das Erleben als eine Art Schicksal hinnehmen muß. Das ist der lange, der schwere Weg. An seinem Ende kann, muß aber nicht, so etwas wie Vergebung stehen, eine Vergebung, die nicht mehr darauf angewiesen ist, daß der Täter bereut, weil der Vergebende sich als der stärkere Charakter erwiesen hat, stark geworden durch seinen Leidensweg und dessen Bewältigung.

Vergebung heißt: Das Unrecht kann ich nicht vergessen und du sollst es nicht vergessen. Aber es soll keine Macht mehr haben über uns, nicht  über mich, auch nicht über dich. Ich habe dich freigesprochen, ich bin so frei.

Für das Unrecht, daß über uns kommt, sind wir nicht verantwortlich, aber für das, was wir daraus machen.

Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl schreibt:

Das Unglück allein

ist noch nicht das ganze Unglück;

Frage ist noch,

wie man es besteht.

Erst wenn man es schlecht besteht,

wird es ein ganzes Unglück.

Das Glück allein

ist noch nicht das ganze Glück.

Vergeben können ist eine Chance, das Unglück zu bestehen.

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