Dierk Schaefers Blog

Traumatisierende Erinnerungen – Ein Dilemma

Er bürge dafür, sagte Detlev Zander, dass ihm Missbrauchsopfer aus Korntal berichtet haben, ihnen seien Gutscheine als Kompensation für erlittenes Unrecht angeboten worden. Aber Zander ist selber Partei in einer Situation nicht völlig klarer Konfliktlinien, schließlich ist auch die Opferseite gespalten. Von dort kommt auch die Schlussfolgerung: Wenn Zander niemand benennen kann, stimmen seine Vorwürfe nicht.

Dies ist ein altes Dilemma in der Heimkinder – und Missbrauchsdiskussion. Erinnerungen können triggern und Retraumatisierungen auslösen. Das erklärt zum einen das lange Schweigen oft über Jahrzehnte hinweg; das erklärt auch die Zurückhaltung nun, in der allgemeinen Aufarbeitungsphase, seine Erfahrungen offen vorzutragen. Doch mit anonym bleibenden Vorwürfen kann man vieles behaupten, sagen nicht nur die Gegner, die nicht zahlen wollen.

Streng genommen kommt man aus diesem Dilemma nicht heraus. Wer fordert muss erkennbar sein – oder klein beigeben.

Nimmt man es nicht so streng, wäre eine Vertrauensperson eine Hilfe, eine Vertrauensperson, der beide Seiten vertrauen, dass sie nicht falsch spielt, die aber nach beiden Seiten hin ihre Kritikfähigkeit bewahrt. Doch so wie ich das sehe, würde eine solche Person heftig unter Beschuss genommen, wenn sie ihre Kritikfähigkeit fallweise unter Beweis stellt. Doch oft werden Personen, die für diese Aufgabe in Blick genommen oder sogar beauftragt werden, schon vorher „verbrannt“.

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Heimspiele zweier Jugendämter und ihre Auswärtsspielereien

Posted in Gesellschaft, heimkinder, Kinderheime, Kinderrechte, Kriminalität, Pädagogik, Politik by dierkschaefer on 5. Mai 2015

Wie mit Kindern Kasse gemacht werden kann, ist ein altes Thema in diesem Blog[1]. Auch der MONITOR-Bericht über zwei Fälle, einen in Dorsten, einen in Gelsenkirchen, bringt nichts grundsätzlich Neues.

Schätzen Sie das Gefühl, wenn Ihnen die Haare zu Berge stehen? Dann sollten Sie sich den MONITOR-Bericht unbedingt ansehen. [2]

Hier ist einmal wieder alles versammelt:

  • Die Zuständigkeit für Kids auf der Ebene des Landkreises bzw. der Stadt liegt beim örtlichen Jugendamt.
  • Jugendämter unterliegen keiner Fachaufsicht
  • Das Jugendamt und die Nebengeschäfte seines Leiters wurden in einem der vorliegenden Fälle laut Aussage des Oberbürgermeisters nicht kontrolliert, Geschäftsbeziehungen der Beschuldigten nicht aufgeklärt. Das Vertrauen funktionierte. Die Beschuldigten gaben ihre Geschäftsanteile ab – – an Verwandte. Die Zahlungen des Jugendamts für die Auslandsbetreuung flossen weiter und kamen zum größten Teil zurück an die nun von den Verwandten geführte Firma. Wer wird da von Korruption sprechen wollen?[3]
  • Im anderen Fall vertraute das Jugendamt blind dem Träger, an die es die Kids nach Ungarn abgab. – – Schließlich vertraut der Träger auf die Zahlungen des Jugendamts, darum vertraut das Jugendamt auf den Träger und sieht keinen Anlaß für Kontrollen – so die dreist-naive Stellungnahme des Jugendamtsleiters.
  • Generell sind Auslandsmaßnahmen in ehemaligen Ostblockländern nichts Neues, auch nicht die Bilder von heruntergekommenen bäuerlichen Einrichtungen und die Aussagen über die nicht vorhandene Qualifikation des dortigen „pädagogischen“ Personals.

Das muss alles aufgeklärt werden! So die Reaktion der (Lokal-)politiker.

Ja, das kennen wir auch. Notfalls werden auch einige (Un-)verantwortliche ersetzt.

Aber Strafanzeigen? Oder gar Entschädigung für die betroffenen Kids?

Sie glauben doch nicht mehr an den Weihnachtsmann – oder?

An den Strukturen, die solche Vorfälle ermöglichen, wird sich auch nichts ändern. Wir sind ein föderaler Staat, der auch auf den unteren Rängen Chancen zur Bereicherung bietet.[4]

Weitere Links: http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/heimkinder-skandal-jugendamtsleiter-weist-vorwuerfe-zurueck-id10624824.html#plx2039497824

Ein Schmankerl: Einer der Beschuldigten heißt Frings. Aber fringsen [5]war Notwehr.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/02/mit-heimkindern-abkassiert-gelsenkirchen-jugendamts-leiter-unter-verdacht/

[2] http://www.ardmediathek.de/tv/Monitor/Mit-Kindern-Kasse-machen-Wie-Heimkinder/Das-Erste/Video?documentId=28028224&bcastId=438224

[3] Die Summen waren deutlich höher als hier: https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/5828283140/

[4] Weitere Links: http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/heimkinder-skandal-jugendamtsleiter-weist-vorwuerfe-zurueck-id10624824.html#plx2039497824

http://www.derwesten.de/staedte/bochum/monitor-vorwuerfe-bochumer-life-jugendhilfe-wehrt-sich-id10632081.html#plx1592581197

http://www.tz.de/welt/deutsche-heimkinder-ungarn-kiffen-ausschlafen-zr-4965237.html

http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/mit-kindern-kein-geld-gemacht-id10633331.html

[5] Erzbischof »Frings wurde mit dem Wort „fringsen“ für „Mundraub begehen“ in der deutschen Sprache verewigt. Der Begriff geht zurück auf seine am 31. Dezember 1946 in der Kirche St. Engelbert in Köln-Riehl gehaltene Silvesterpredigt, in der er mit Bezug auf die Plünderungen von Kohlenzügen und die schlechte Versorgungslage ausführte: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“ Danach nannte man in Köln und später in ganz Deutschland das Beschaffen von Lebensmitteln und Heizstoffen für den akuten Eigenbedarf durch deren einfaches Stehlen, Unterschlagen oder Veruntreuen „fringsen“ … Der nächste Satz der Predigt „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.“ wurde dabei oft nicht wahrgenommen.« https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Frings#Silvesterpredigt_1946

Ich liebe dich! – Ich Dich auch, Schatz. Komm, wir gehen zum Lügendetektor!

Posted in Gesellschaft by dierkschaefer on 10. Juli 2013

Wir wissen seit dem Kalten Krieg, daß Spionage den Frieden sichern kann. Wenn ich die Angriffsmöglichkeiten des Feindes kontrolliere – und er die meinen – dann gilt das Gleichgewicht des Schreckens und wir greifen uns besser nicht an.

Dieses Sicherheitsdenken prägt inzwischen auch die Innenpolitik. Wenn ich rechtzeitig die Angriffspläne der Sauerlandgruppe erfahre, dann kann ich ihren Sprengstoff manipulieren und  sie schließlich festnehmen. Der Hinweis us-amerikanischer Geheimdienste half den deutschen auf die Spur der Terroristen, und wohl niemand wird behaupten, das sei nicht gut so. Frage ist nur, ob hier alles mit rechtsstaatlichen Mitteln zuging oder ob nachträglich der Zweck die Mittel geheiligt hat und in wie vielen Fällen die Verletzung von Bürgerrechten nur ein „Kollateralschaden“ ist und ob dieser akzeptiert werden muß. Fragen, die man aus Gründen der Geheimhaltung (legal, nur legitim oder illegitim) wohl nicht wird beantworten können.

Die Probleme jedoch, auf die Frank Schirrmacher in seinem heutigen Leitartikel[1] hinweist, sind grundsätzlicherer Art.

Es schreibt »im Augenblick spricht vieles dafür, dass die algorithmisch aufgerüstete Informationsökonomie im Begriff ist, aus pathologischen Erscheinungsformen Normen für die gesamte Gesellschaft abzuleiten«.

 

Was heißt das?

Es meint nicht nur die gespenstische Vorhersagbarkeit individuell menschlichen Verhaltens, wie sie der Google Chef formuliert hat: „Wir werden die Antworten auf ihre Fragen kennen, ehe sie selbst die Frage wissen.“

Es ist – denke ich – noch schlimmer:

»„Das Problem ist, dass es viel kostspieliger ist, fälschlich an die guten Absichten anderer Leute zu glauben, als zynisch anzunehmen, dass sie nur an sich selbst denken.“ Das sagt der praktische Spieltheoretiker Bruce Bueno de Mesquita, der sowohl für das amerikanische Außenministerium, die CIA wie auch für Privatfirmen Überwachungs- und Vorhersagealgorithmen geschrieben hat – mit ebenso sensationeller wie beunruhigender Treffsicherheit«.

»Nicht zu glauben, was einer sagt und tut, und sei es der beste Freund, ist der Wesenskern der modernen Informationsökonomie. Zu Recht hat man das die „Rationalität des Paranoiden“ genannt, der in ständiger Alarmbereitschaft den Denkprozess seines Gegenübers simuliert, von dem er annimmt, dass er seine wahren Absichten verschweigt«.

 

Wenn wir das auf die Beziehungen innerhalb der Familie und unter Freunden übertragen, dann wird unsere Gesellschaft eine andere werden. Schon jetzt werden – soweit ich weiß – amerikanische Politiker bei der Bewerbung um ein Amt einem Lügendetektortest unterworfen. Künftig könnte die Aussage Ich liebe Dich! auch einem Sicherheits-Check unterworfen werden. Es muß ja nicht der altmodische Lügendetektor sein. Eine bezahlte Auskunft privater, algorithmisch aufgerüsterer Detekteien wäre viel besser. Die testen dann nicht nur, ob die Aussage jetzt stimmt, sondern sagen auch das Erkalten der Liebe oder den Ehebruch treffsicher voraus.


Diese Regierung hat mein vollstes Vertrauen[1]

Posted in Politik by dierkschaefer on 2. Juni 2013

Leider hat mein Vertrauen nicht die Wirkung, wie das von unserer Kanzlerin ausgesprochene. Das führt normalerweise zum Rücktritt.


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50 Huren im Vatikan

Posted in Geschichte, Kirche by dierkschaefer on 10. Januar 2013

Leibniz hat 1697 in Hannover darüber geschrieben. Den Beleg fand er in der Wolfenbütteler Bibliothek, deren Chef er war. Der Titel: „Historia arcana sive de vita Alexandri VI. Papae“. Der Text schlug ein. Warum?

Der Sohn Alexanders VI, Cesare Borgia, hatte in seinem Vatikanspalast eine – heute würden wir sagen – Bunga-Bunga-Party veranstaltet. »An dieser Orgie nahmen fünfzig Huren teil. Sie tanzten nach dem Essen zuerst bekleidet, dann nackt; dann wurden Kandelaber auf den Boden gestellt und Kastanien auf den Boden geworfen, welche die Kurtisanen auflesen sollten; die, welche sich dann mit den anwesenden Herren geschlechtlich vereinigten, erhielten Seidenstoffe und kostbare Strümpfe.« Dies alles geschah laut Tagebuch des päpstlichen Zeremonienmeisters im Beisein des Papstes und seiner Tochter Lucrezia.

Dummerweise hatte Leibniz zuvor in der Vatikanischen Bibliothek recherchiert, dort aber diesen Text nicht gefunden. Doch der Vatikan fühlte sich hintergangen und argwöhnte, Leibniz habe das ihm in Rom entgegengebrachte Vertrauen mißbraucht, und setzte das Buch auf den Index der verbotenen Bücher. »In den italienischen gelehrten Kreisen verbreitete sich dazu die Meinung, dass der schlaue bösgesinnte Lutheraner das Werk nur deshalb veröffentlicht habe, um das Papsttum anzugreifen«.

Andere Zeiten, andere Sitten? Kaum! Nicht nur der Verweis auf Bunga-Bunga zeigt das an. Es gibt auch Versicherungen, die ihre Mitarbeiter mit solchen Parties belohnen. Doch das ist nicht das eigentlich Empörende.

Ein aktueller Vorfall erinnert fatal an die vatikanische Reaktion von damals. Da soll doch der Kriminologe Pfeiffer, dem man Akteneinsicht gewährt hatte, das Vertrauen der Kirche mißbraucht haben. Im Unterschied zu den mittelalterlichen Sexualarbeiterinnen, geht es um sexuellen Kindesmißbrauch in kirchlichen Einrichtungen. Diesem Feind der Kirche gehört Einhalt geboten! Sein Vertrag wurde gekündigt.

Die Zitate sind entnommen aus: Roberto Zapperi, Leibniz als Historiker eiens Skandals, FAZ 9. Januar 2013, S. N 3

Schmetterling heißt auf Griechisch Psyche

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 22. Juni 2009

Schmetterling heißt auf Griechisch Psyche. Das hatte ich vergessen, las es aber heute früh in der Zeitung. Ein Artikel über Eric Carles Kinderbuch-Bestseller von der Raupe Nimmersatt, die sich durch viele, viele Früchte hindurchfrißt, zum Schluß auch noch durch Kuchen und Schokolade, noch ein Salatblatt braucht, weil ihr Magen rebelliert, sich dann in ihren Kokon einspinnt und nach einiger Zeit als wunderschöner Schmetterling den Kokon durchbricht.

Der Zufall, tatsächlich ein Zufall und keine Erfindung, weil es so schön paßt, der Zufall also ließ mich gestern abend vor dem Einschlafen an die Raupe Nimmersatt denken. Zunächst dachte ich an die ehemaligen Heimkinder und an den Runden Tisch. (Heinrich Heine, Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht.) Das Protokoll der letzten Sitzung war wieder einmal so inhaltsleer, daß man es sich hätte sparen können. Da fragte ich mich, ob ich noch Hoffnung auf den Runden Tisch setzen könne. Wie die Raupe Nimmersatt frißt er sich durch ungeheuer viel Material: Lebensberichte, Leidensberichte, Geschichte der Heime, der Verwaltungsvorschriften für Jugendämter, Geschichte der Pädagogik, Bedeutung der Menschenrechte, Verjährungsfragen und, und, und. Doch so gut wie nichts dringt nach draußen. Der Runde Tisch ist eingesponnen wie in einen Kokon. Aus Angst vor den Ansprüchen der ehemaligen Heimkinder? vor ihren Anwälten, auf die sie sich versteifen, weil sie dem Runden Tisch nicht mehr trauen, eigentlich noch nie vertrauen konnten? nicht (mehr) daran glauben, daß das Ergebnis ein wunderschöner Schmetterling sein könnte/sollte/wird?

Vor ein paar Tagen berichtete mir eine der Vertrauenspersonen, an die sich ehemalige Heimkinder wenden und ihre Geschichte erzählen. Jemand habe sie angerufen und aus der Heimvergangenheit erzählt. Sie habe gut zugehört und mitgeschrieben. Schließlich habe sie gesagt, daß es eine Meldestelle beim Runden Tisch gebe, dort möge dieser Mensch doch seine Geschichte einbringen. Unwillig sei er geworden. Es habe ihn genug Überwindung gekostet, seine Geschichte überhaupt zu erzählen. Er werde sie nicht wiederholen. Einmal sei genug.

Die ehemaligen Heimkinder haben ein Leben lang ihre Geschichte in sich hineingefressen. Viele haben sich in einen schützenden Kokon eingesponnen und träumen vom Dasein als befreite Psyche, als wunderschöner Schmetterling, der sie bisher nicht sein konnten. Wenn sie sich hervortrauen, darf man sie nicht überfordern. Heimkinder können auch selber forschen, hatte ich vorgeschlagen. siehe: präsentation und Präsentation heim-kids Der Runde Tisch muß die nötigen Bedingungen dafür schaffen. Dazu gehört die Schaffung einer vertrauenswürdigen Grundlage, die es den ehemaligen Heimkindern und ihren Vertrauenspersonen ermöglicht, mit der Meldestelle des Runden Tisches zusammenzuarbeiten. Dazu muß der Runde Tisch endlich ein Konzept vorlegen, aus dem deutlich wird, daß er bereit ist, für die Heimkinder zu arbeiten und nicht nur für ein recht diffuses „ergebnisoffenes“ Verständnis der damaligen Zeit. Die Anregungen und Vorschläge dafür liegen auf dem Tisch, auch auf dem Runden. siehe Verfahrensvorschläge-RT

Wann greift er sie so auf, daß es auch die Heimkinder erkennen und anerkennen können?

Ich hoffe immer noch auf den wunderschönen Schmetterling, auf die Befreiung der Psyche.schmetterling

photo: dierkschaefer