Dierk Schaefers Blog

»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XIX

logo-moabit-kDieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder

Eine Kindheit,

die keine Kindheit war

 

Neunzehntes Kapitel

Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität[1]

Etwas besser wurde es dann aber schon im Sommer 49. Es wurde wieder einmal eine Sam­mel­aktion veranstaltet. Von Seiten der Russen, versteht sich. Wieder stand eine lange Reihe von Viehwaggons auf einem Bahnhof in Insterburg bereit. Diesmal aber mit einer Lok vorne und einer hinten. Ich weiß nicht mehr die Anzahl der Passagiere, die in solch einem Waggon untergebracht wurden. Jedenfalls hatte jeder genügend Platz, um sich ausstrecken zu können. Einmal am Tage wurde der Zug auf einsamer Strecke gestoppt. Dann wurden die Riegel draußen an der Türe hochgeschoben und wir durften unsere Beine vertreten oder unsere Not­durft verrichten. An beiden Seiten des Zuges standen aber in gleichmäßigen Abständen bewaff­nete Soldaten und passten auf, dass auch ja niemand den Zug versäumte, wenn er wei­ter fuhr. Für die übrigen Stunden der Fahrt konnte man ein Brett im Waggon zur Seite schie­ben und sich etwas Wind um den Hintern wehen lassen. Manchmal fuhr der Zug ja auch. Doch viel öfter blieb er irgendwo auf einem Neben­gleis ste­hen. Mal musste ein entgegenkom­men­der Zug vorbei gelassen werden, ein anderes Mal wurde auf Verpflegung gewartet. Dann fehlte wieder Kohle oder musste deswegen wieder ein Stück zurück fah­ren, um dort die Tender wieder aufzu­füllen. Welche Gründe uns auch immer für das lang­same Vorwärts­kom­ men genannt wurden. Nach genau 20 Tagen Hin- und Hergeschiebe kamen wir in Löbau an.insterburg - löbau.jpg[2]

Ein riesiges Barackenlager nahm uns auf. Ich weiß noch, dass ich die meiste Zeit um die Baracken schlich und nach Kippen Ausschau hielt. Der russische Machorka war meiner Mut­ter längst ausgegangen. Irgendwann in der stressigen Zeit hatte sie zu rauchen begonnen. Mein Vater war später darüber sehr entsetzt. Selbst aber ließ er seinen Rotzkocher, wo immer ein Stumpen drin steckte, nie ausgehen. Wer in Löbau den Sachbearbeitern ange­ben konnte, dass er im „Westen“ Verwandte hatte, wurde dorthin auf Reisen geschickt. Wer aber gar keine Ahnung hatte wo, wenn überhaupt, Verwandte wohnten, der wurde nach Gutdünken irgendwohin verwiesen.

Umlernen bei der Orientierung

leipzig - engelsdorfWir landeten in Leipzig-Engelsdorf.[3]

Eine Einraumwoh­nung für drei. Toilette auf halber Treppe. Unten im Haus gab es einen Kaufmanns­laden. Eines Tages schickte meine Mutter mich los, um Mostrich zu holen. „Haben wir nicht“, hieß es da. Ich suchte und fand einen anderen Laden, ich glaube, es war ein Metzgerladen. Ich fragte nach Mostrich, „haben wir nicht!“. Ich irrte weiter durch die Straßen. Ich sah wieder einen Laden. Ich rein. „Ich hätte gern Mostrich“ sagte ich zu der freundlichen Verkäuferin. Die schaute mich ganz komisch an. „Sag mal, du warst doch gerade hier. Wir haben keinen Mostrich“.

Bevor ich es richtig verarbeitet hatte, was die Frau mit dem, du warst doch gerade erst hier, gemeint hatte, mischte sich eine Kundin ein. „Natürlich haben sie Mostrich! Der Junge möchte Senf haben“, übersetzte sie mein Ostpreußisch ins Deutsche. Die Verkäuferin hatte begriffen und ich gelernt, dass es hier zwar keinen Mostrich, aber dafür Senf gab, was das­selbe sein sollte. Mir sollte es recht sein, Hauptsache ich kam nicht mit leeren Händen zu meiner Mutter. Mutter war nämlich etwas kränklich! Ich bekam meinen Mostrich, entschul­digung, Senf und ging zur Türe, die so schön bimmelte, wenn sie auf- oder zuging. „Sag mal, bist du nicht der kleine Schulz, der bei uns oben im Haus wohnt?“ fragte mich die Verkäu­ferin. Ich? Wieso wohnte ich hier oben im Haus? Desto länger ich in diesem Laden stand, umso bekannter kam er mir vor. Ja, richtig. Es war genau der, wo ich als erstes drin gewesen war. Folglich war ich ja auch gleich zu Hause. Ich hatte bei meiner Rumrenne­rei und ohne mich vorher mich zu vergewissern, wie meine Umgebung aussah, auf die Suche nach Mos… Senf gemacht. Tja, in den Trümmern von Königsberg oder Insterburg hätte ich mich nicht verlaufen. Ich musste ganz schnell umdenken lernen. Hier richtete man sich nicht mehr nach Mauern, die jeden Monat umzukippen drohten oder an Fenster, die eigentlich gar keine Fen­ster mehr waren, aber doch immer wieder anders aussahen. Mal rußgeschwärzt, mal nur zur Hälfte herausgeschossen. Hier konnte man sich an farbigen Tor-Tür Eingängen orien­tieren, an Bäumen und Sträuchern, die vor oder in der Nähe der Häuser noch wuchsen. Oben in der Wohnung wurde ich wegen meines langen Wegbleibens getadelt.

Syphilis! Auch ein Kriegsgeschenk.

Dann war Mutter fast ein halbes Jahr lang nicht da. Keiner, der so richtig schimpfen tat. Auf das Gezänk meiner Schwester gab ich nichts. Es wurde mir gesagt, dass meine Mutter schwer krank sei, aber bald wieder kommen würde. Viel später erst erfuhr ich, welche Krankheit meine Mutter so lange im Krankenhaus aufgehalten hatte. Syphilis! Ziemlich weit fortge­schritten. Auch ein Kriegsgeschenk.[4] Abgesehen davon, dass es von nun an immer genügend Brot gab, kam alles andere doch bald wieder aus der Nase wieder raus. Tagein tagaus Erbs­wurstsuppe[5]. War ja genau so ekelhaft auf die Dauer wie das ewige „Spinat-essen“ (Brennnessel und Melde[6]).

Etwas ganz Neues kam in Leipzig auf mich zu. Heutzutage freuen (?) sich Kinder schon ab dem vierten Lebensjahr darauf, endlich in die Schule zu kommen. Ich kannte das Wort Schule kaum. Jedenfalls hatte ich keine genaue Vorstellung davon. Bald schon sollte ich eine davon bekommen. Mit meinen fast neun Jahren, musste ich mich mit solchen Rotzlöffeln von 6jähri­gen in einem Raum aufhalten. Ganz ruhig auf einer Bank sitzen, das ABC lernen und anhand einer Uhr die Zahlen von 1-12 auswendig lernen. Aus einem A und einem U und noch einem A wurde dann das Wort aua, dann Auto, Autobus usw. Meine Schiefertafel und den daran hängenden Schwamm nebst Griffel hatte ich aufs Sorgsamste zu pflegen, wurde mir gesagt. Das alles hätte Vater Staat für mich bezahlt, und Vater Staat verlangte von mir, dass ich sein Eigentum schütze. Dabei wurde uns doch aber gleichzeitig beigebracht, dass alle Besitztümer dem Volke gehörten. Damit ich auch ja die richtigen Buchstaben in der richtigen Reihenfolge aufschrieb, drückte meine Schwester, diese Zicke, meinen Zeigefinger, mit dem ich auf den zu bestimmenden Buchstaben wies, so fest auf die Fibel, dass mir der Finger dabei fast abbrach, wenn ich mich mal verhaute. Oh ja, das Lesen und Schreiben hat sie mir schon beigebracht. Möchte nur mal wissen, woher sie das eigentlich konnte?

Alles süße Bonbons! Alle für mich!

Weihnachten 49. Es wurde wieder darüber gesprochen, dass es so etwas überhaupt nicht gab. Jahrelang wurde lieber darüber geschwiegen, um den Fragen der Kinder zu entgehen. Mutter war für kurze Zeit von der „Kur“ heimgekehrt. Es gab Tannenzweige und Kerzen, aus Bunt­papier geschnippelte Sternchen und Engel. Räucherstäbchen und Wunderkerzen. Verwunderte Augen bei mir! Was es nicht alles gab auf dieser Welt!? Mein allererstes Spielzeug (mit dem ich auch etwas anzufangen wusste) bekam ich. Ein Pappmachépferd! Etwa 20 cm groß. Das war aber noch nicht alles. Meine begehrlichen Blicke, immer wenn wir beim Bäcker vorbei gingen und ich die Süßigkeiten nicht aus den Augen ließ, waren meiner Schwester nicht entgan­gen. Sie musste bei meiner Mutter gepetzt haben. Eine halbe Monatsration der Zucker­marken opferte meine Mutter dafür. Ich bekam eine ganze Tüte voll. Kleine, etwa jedes einen Zentimeter groß, rote, blaue, weiße, grüne und andere Farben, Sterne, Halbmonde, Buch­staben und verschiedene Tiere waren an den Formen zu erkennen. Alles süße Bonbons! Alle für mich! Ich hatte eine kleine Ecke für mich. Auf einem Stück es Pappe reihte ich sie zunächst nach Farben, dann nach Formen und Buchstaben auf. Die Sorte, die die längste Reihe bildete, wurde nach und nach, Stück für Stück in den Mund gesteckt. Wo denken sie hin? Nicht doch! Nein, nicht alle auf einmal, jeden Tag wurde neu geordnet und gezählt. Am 27. Januar hatte ich immer noch genug davon, um meinen Geburtstag zu feiern. Ein Nach­bars­junge bekam sogar aus jeder Reihe eines ab. Die Schule machte Fortschritte. Es gab nur noch sehr selten etwas mit dem Rohrstock auf die Finger, oder ein Stück Kreide an den Kopf geworfen, wenn man den Unterricht störte. Ein Lehrer hatte die hässliche Angewohnheit einem mit einer verblüffenden Zielgenauigkeit den nassen Schwamm von der Tafel an den Kopf zu werfen, sobald er einen Sünder ertappt hatte. Ich habe eigentlich nur seine Treff­sicherheit bewundert, auch aus der Drehung heraus, wenn man glaubte, er schreibe an die Tafel. Sonst habe ich ihn gehasst! Sein Schlüsselbund, welches er ebenfalls als Wurfgeschoß benutzte, tat gemein weh, wenn es traf. Meistens traf er auch damit. Dafür schmuggelte ich ihm ab und zu mal eine tote Maus, Ratte oder gar eine halbverweste Katze in seine Akten­tasche. Das machte ihn aber auch nicht freundlicher uns Schülern gegenüber. Bloß gut, dass ich dieses Ekel nur ein knappes Jahr ertragen musste. Die Schule stand 1990 immer noch an ihrem Platz!

Wir zogen erst noch mal innerhalb von Engelsdorf um. Meine Mutter durfte dort in einem schönen großen Haus einen alten Mann (tot-)pflegen. Danach gehörte das Haus auto­matisch dem Staat, da keine Erben vorhanden waren. Dass der alte Herr König (so hieß er wirklich!) meiner Mutter das Haus vermacht hatte, wollte man nicht wahr haben. Ein paar Möbel und vom Geschirr durften wir mitnehmen.

Dann durfte meine Mutter sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen.

Welche Reichtümer wir da in unseren Händen hatten, wurde uns erst viel zu spät bewusst. Nach und nach wanderte der Zierrat, der an Möbeln dran hing, in den Ofen. Alles geschnitzte Handarbeit aus bestem Holz und von antiquarischem Wert. Und erst eine riesige Menge ech­ten Meißner Porzellans, nebst kleinen Nippfiguren. Alles mit den Schwertern dieser so berühm­ten Porzellanmanufaktur versehen. Man stelle sich vor, wir hatten kaum genug, um die Schüsseln zu füllen, die das blaue Zwie­bel­muster zeigten, und wussten gar nicht, wie reich wir waren. So mancher Nabob hätte dafür ein Vermögen auf den Tisch geblättert. Nur, wir lebten im Jahre 50 in der DDR! Um einmal an ein Eis zu kommen oder anderes Begehrens­wertes, was ein Kinderherz höher schlagen lässt, musste ich schon selbst dafür sorgen, dass ich es auch bekam. Ich sammelte ganze Schuhkartons voll Maikäfer (richtige Maikäfer, sol­che die heute in der Zeitung abgebildet werden, sofern man solch ein Exemplar vorweisen kann!) und bekam dafür ein paar Groschen von jemandem, der seine Hühner damit fütterte. Was derjenige mit den Mäusen fütterte, der pro Stück lebender Maus 10 Pfennige zahlte, ist mir nicht bekannt geworden. Wir machten aber zu zweit oder dritt Jagd auf diese possier­lichen Tierchen. Nachdem die Kartoffelfelder abgeerntet waren, machten wir die größte Beute. Unter dem zuhauf geworfenen Kartoffel­kraut hielten sie (die Mäuse) sich am liebsten auf. Zu dritt ging es am besten. Einer hob mit einer Heugabel den Haufen hoch und die ande­ren gut postiert um den Haufen, brauchten nur noch möglichst schnell so viele als es nur ging von den davon huschenden Pelztierchen einfangen.

Das Karussellfahren auf dem Dorfanger, wenn mal eins da war, hatten wir umsonst. Oder zumindest fast umsonst. Zwei oder drei schoben oben auf einem breiten Brett herum laufend das Karussell, die die mitfuhren mussten einen Gro­schen löhnen. Hatte man nun ein paar Runden geschoben, durften das die anderen tun und man selbst durfte sich schieben lassen. War doch eine nette Geste des Karussell­besitzers, finden Sie nicht auch?

Dann durfte meine Mutter, wieder vollkommen genesen, den armen Herrn König totgepflegt, sich am Aufbau des Sozialismus beteiligen. Damit sie ihre Arbeits­kraft auch gut dafür ein­setzen konnte, bekamen wir schon eine Stadtwohnung. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, dass man dort keinen Gegenstand gerade hinstellen konnte. Die Treppe ließ es zu, dass wir auf ihr unbeschadet unsere geerbten Möbel hinaufschleppten. Ansonsten wiesen die Fuß­böden ein solches Gefälle auf, dass wir das Regenwasser gar nicht aufwischen brauchten, was von oben herein kam. Alles lief immer in die gleiche Ecke, ziem­lich schnell sogar, und ver­sickerte dort genau so schnell. Einbrecher hätten bei uns keine Chance gehabt. Wer sich nicht im Haus auf jedem Quadratmeter genauestens auskannte, brach sich unweigerlich das Genick, schon auf der Treppe. Da meine Mutter bei ihrem Steine­klopfen nur Aktivistin wurde, aber keine Reichtümer ansparen konnte, blieben wir von sol­chen Heimsuchungen verschont. Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. In diesem Staate war das Volk in allen Belangen glücklich und zufrieden. Bei einem Wochenlohn von ca. 60 Mark, bar auf die Kralle, kostete ein Pfund Kaffee, wenn es ihn mal gab, ganze 40 Mark. Zigaretten gab es auch schon zu erschwinglichen Preisen. Sogar einzeln konnte man sie in der nächsten Kneipe kaufen.

Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Für ein Dreipfundbrot brauchte man nur ganze 72 Pfennige auf den Ladentisch zu legen. Fleisch/Fisch gab es auch. 480 Gramm im Monat. Auf PC Lebensmittelmarken[7] versteht sich. Dafür aber war diese Menge garantiert. Mit oder ohne Knochen, das lag immer ganz an dem Verkäufer. Der musste ja auch noch etwas für seine „zahlenden“ Kunden übrig behalten. Holz und Kohle gab es auch auf Bezugsschein. Nur der Winter durfte nicht zu hart ausfallen. Dann vergriff man sich eben an Möbelstücken. Lieber einen warmen Hintern als einen leeren Schrank in der Wohnung.

Ich hatte es nicht sehr weit bis zur Ernst-Thälmann-Straße. Eine der beliebtesten und größten Straßen, die ich bis dahin je kennengelernt hatte. Ich lief gern dort­hin, wenn es mal was zu besorgen gab. Irgendjemandem war irgendwann mal der Einfall gekommen, dass man eine Straße auch mit einer Holzdecke versehen könnte. Irgendjemand anders hatte dies auch für gut befunden und ließ diese Idee in die Tat umsetzen. Mir ist nie in meinem weiteren Leben solch eine Straße wieder unter die Füße gekommen. Dabei bin ich schon über viele Straßen in vielen Städten und Ländern gelaufen. Diese Straße also war für mich das Größte. Über eine Kreuzung waren Drähte gespannt. Schön hoch. Dort wo die Drähte zusammenliefen, logischerweise in der Mitte der Kreuzung, hing eine Ampel. Gar nicht zu übersehen – im Uhrzeigersinn drehte sich ein Zeiger. Oben und unten zeigte der Zeiger auf grün. Rechts und links auf rot. Natürlich galt das immer nur für die Richtung aus der man kam.[8] Dort wo ich das eine Mal, wovon ich gerade rede, über die Straße wollte, zeigte der Pfeil ganz eindeutig für mich die Grünphase an. Nicht nur noch ein bisschen, wo das Hinüberkommen über die Straße schon mit einem Risiko ver­bunden gewesen wäre. Ich hätte ganz einwandfrei über die Straße schleichen, dabei eine Schnecke an der Leine mit­führen können.

Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt.

Wie ich schon fast auf der Mitte der Fahrbahn bin, der Zeiger der Ampel hatte gerade etwa eindrittel der grünen Marke überschritten, war es bereits zu spät. Schließlich, und gerade als Kind, verlässt man sich darauf, dass die Erwach­senen die Verkehrszeichen beach­ten. Das ich heute noch lebe, habe ich nur dem Umstand zu verdanken, dass, irgendjemandem irgendwann mal der Einfall gekommen war, dass man eine Straßendecke auch aus Holz her­stellen könne, und das irgendjemand anders diese Idee auch hatte verwirklichen lassen. Der gute alte Petrus da oben hatte auch seinen Anteil daran, dass ich heute noch am Leben bin. Wäre die Holzstraße nämlich nicht vom Regen so glitschig gewesen, hätten mich die Räder des Autos glatt überrollt. So aber schoben mich die abge­brem­sten Räder des Wagens nur ein paar Meter über das nasse Parkett. Parkettartig waren die Holzstücke auf der Straße verlegt. Hatte ich also ein Glück. Soviel Glück hat nicht jeder, dass er einen Unfall hat und aus dem Auto, das ihn gerade beinahe zu Tode gefahren hätte, gleich ein Arzt aussteigt. Dieser Arzt hatte es nur ganz eilig gehabt, weil er dringend zu einem Patienten musste. Sagte er! Doch nun hatte er auf einmal eine Menge Zeit übrig. Die aufge­brachte Menge, die alle Zeugen von seinem Ver­schul­den waren, hätten ihn am liebsten gelyncht. Sicher, ich war wohl ziemlich blass um die Nase, der Schreck war aber größer als der Schmerz. Mein Hemd war hinüber, die Hose taugte auch nicht mehr für die Schule, reich­lich Hautabschürfungen, die aber von dem grünlichen, moosähnlichem Zeug herrührte, das aus den Ritzen des Parketts stammte, und Schlamm, der mich nicht zuletzt so gut über die Straße hatte gleiten lassen, bedeckten meinen Körper und ließen alles viel gefährlicher aus­sehen, als es war. Der besorgte Arzt, der mehr Angst vor der Polizei zu haben schien als vor der Menge, beruhigte und säuberte mich, mit Jod, dieses Scheusal. Erst jetzt hatte ich Schmer­zen, und das nicht zu knapp. Er wurde nicht gelyncht! Ich jammerte mehr wegen meiner schö­nen Sachen, die dabei unbrauchbar geworden waren und … wegen des Jods auf meinen Schürf­wunden. Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite gab es ein Konfektions­geschäft. Der Doktor ging dort mit mir hinein. Und, ich bekam die erste lange Hose meines Lebens. Bis dahin trug ich, wie fast jeder andere Junge, wenn es kälter wurde, ein Leibchen mit Strippen dran und lange Strümpfe. Heute besser als Strapse bekannt und nur noch zur Erotisierung der Männer angewandt. Ein Zwanziger diente als Trostpflaster nachdem ich neu eingekleidet den Heimweg antrat.

Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen?

Leider! war meine Mutter schon zu Hause. Misstrauisch wegen meiner funkelnagelneuen-piekfeinen Kluft hieß sich mich diese sofort auszuziehen, weil sie glaubte, die könnte ich mir nur unrechtmäßig ange­eignet haben. Überzeugt davon, dass ich ihr die Wahrheit gesagt hätte, dass die Sachen mir gehörten und sie gerne mit mir in das Geschäft gehen könnte, um es sich bestätigen zu lassen, war sie der Sorge enthoben, ihr Sohn sei ein Dieb. (Die kleinen Dinge, die wir in unserer Heimat hatten mitgehen lassen, gehörten zu Überlebenskampf, wie sie zu sagen pflegte!) Trotzdem bestand sie drauf, dass ich diese schönen Sachen, die ich mir verdient hatte, wie ich ihr glaubhaft versicherte, gleich ausziehen solle, sie seien zu schade, um damit in der Woh­nung oder auf der Straße rumzu­toben. Liebe Mutter, wärest du nicht mit so einer robusten Natur ausgestattet gewesen, hätte der Krieg uns nicht schon abgehärtet, du wärst bestimmt in Ohnmacht gefallen, als du endlich, nach längerem Sträuben meinerseits, deinen Willen durch­gesetzt hattest und ich mich auszog! Ich habe es ja bereits erwähnt, alles sah viel schlimmer aus, als es war! Zweifellos stand ich lebendig vor meiner Mutter, doch sie benahm sich als würde ich bereits im Sterben liegen, oder Ähnliches! Zwischen Schreck und Sorge um mich, wechselte ihre Stimmung. Wer hat schon mal versucht eine erschreckte Glucke zu beruhigen? Ich brauchte einige Anläufe bis ich meine Mutter zum Zuhören bewe­gen konnte. Bis dahin hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich nur Kinder sehr schwer von einer einmal vorgefaßten Meinung abbringen ließen. Doch auch Erwachsene konnten sich manchmal unvernünftig benehmen. Zum Glück hatte mir der Arzt auch noch so etwas wie eine Visitenkarte mitgegeben. Erst als es mir einfiel, diese meiner Mutter auch noch als Beweis vorzulegen, dass gleich ein Arzt an Ort und Stelle gewesen sei, benahm sie sich wieder normal. Das, was sie mir dann auf meine „Wunden“ schmierte, war viel angenehmer zu ertragen als das Jod von dem Scheusal von Arzt.

Fußnoten

[1] https://www.cilip.de/2004/02/29/ddr-kriminalstatistik-immer-mit-blick-richtung-westen/   https://www.geschichtscheck.de/2016/10/10/war-die-kriminalitaet-in-der-ddr-geringer-als-in-der-brd/

[2] Karte: https://www.google.de/maps/dir/Insterburg,+Oblast+Kaliningrad,+Russland/L%C3%B6bau(Sachs),+L%C3%B6bau/@52.7852821,13.7628315,6z/data=!3m1!4b1!4m13!4m12!1m5!1m1!1s0x46e3e9392d4379df:0x9dcf2cb794c28ad4!2m2!1d21.8311353!2d54.6312721!1m5!1m1!1s0x4708e29ef8503bfb:0xef7b61ac366daefc!2m2!1d14.671941!2d51.099447

[3] Karte: https://www.google.de/maps/place/Engelsdorf,+Leipzig/@51.3372963,12.4442049,13z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x47a6ff3573fa7d45:0xb2ff2b2913df2d41!8m2!3d51.3382024!4d12.4799296

[4] Da wird die Mutter kaum gesagt haben dürfen, dass dies ein Geschenk der sozialistischen Bruderarmee war. https://dietrommlerarchiv.wordpress.com/2017/03/09/waffenbruederschaft/amp/ .

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Erbswurst

[6] Die Melden (Atriplex) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Fuchsschwanzgewächse (Amaranthaceae). Mit etwa 300 Arten ist dies die artenreichste Gattung der Familie. Der Name Melde ist vom „bemehlten“ Aussehen der behaarten Pflanzen abgeleitet.[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Melden

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensmittelmarke

[8] Heuer-Ampel https://de.wikipedia.org/wiki/Ampel#/media/File:Heuerampel.png

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/     04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/   PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/    06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/ PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/   PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/    PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/    PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/    PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen? https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/           PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://wordpress.com/post/dierkschaefer.wordpress.com/8148 PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/03/18-der-einzige-e2809emanne2809c-in-der-familie.pdf

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xix/   PDF: 19 in der DDR gab es keine Kriminalität

 Wie geht es weiter?

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

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»Wenn der Richter das gelesen hätte, dann hätten Sie keine zehn Jahre gekriegt.« XVIII

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Dieter Schulz

Der Ausreis(ß)ende

oder eine Kindheit,

die keine Kindheit war

Achtzehntes Kapitel

Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie …

Bei einem dieser häufigen Marktbesuche, als ich gerade wieder gestohlene Schlangengurken gegen Brot eintauschen wollte, wurde ich Zeuge einer standrechtlichen Erschießung am Rande des Marktplatzes. Jemand war auf die clevere Idee gekommen, wie man den fleisch­armen Markt besser auslasten könnte. Er holte sich dafür, nachdem er es ausgekundschaftet hatte, des nachts frische Kinderleichen aus den Gräbern und verhökerte die besten Stücke für Horrorpreise auf dem Markt. Solche Blüten trieb der Krieg „Bloß gut, dass wir uns solche Preise nicht leisten konnten!“ Da waren mir die Katzen, die auch immer seltener wurden, doch schon lieber.

Um im Winter auch etwas für unseren Ofen zu haben, oder auch schon mal was anderes dafür einzutauschen, gingen wir auf Kohlenklau.[1]

Meine Schwester ließ sich dann mit ihren 11 Jahren lieber auf den Tisch legen.

In der Nähe unseres „Wohn­bezirkes“ war ein Güterbahnhof. Nachdem mein Bruder ausge­fallen war, mussten meine Schwester und ich eine neue Arbeitsaufteilung schaffen. Früher war mein Bruder auf den Tender einer Lok geklettert, meine Schwester hatte die Kohlen unten eingesammelt und in die Rucksäcke verstaut, während ich Schmiere stand. Jetzt aber musste meine Schwester auf die Lok und ich unten beides besorgen. Einsammeln, einpacken und Schmiere stehen. Dabei wurde ich Knirps offensichtlich überfordert. Es kam, wie es kom­men musste! Erwachsene durften sich bei solch einer Tätigkeit überhaupt nicht erwischen lassen. Das mindeste, was ihnen dabei drohte war, ab nach Sibirien – hieß es jeden­falls. Wir Kinder, so hofften wir, riskierten höchstens eine Tracht Prügel. Nun, um im Winter einen war­men Hintern zu haben, riskierten wir eben diesen durch Schläge zu bekom­men, anstatt am warmen Ofen. Als wir in den Wachraum geführt wurden, stand dort ein rie­siger warmer Kachelofen. Er bollerte richtig vor Hitze. Die Russen konnten sich da schon ganz anders mit Brennmaterialien versorgen als wir armen Würstchen. Würstchen wollte man auch uns machen, oder zumindest in den Ofen werfen, wobei demonstrativ der Ofen geöffnet wurde für die Frechheit, die wir begangen hatten. Klauen ist eine Sache, sich erwischen lassen, die andere Seite der Medaille. Soviel Angst, wie uns die Wächter des Bahn­hofs einjagten, hatte der ganze Krieg in uns vorher noch nicht erweckt. Ich kann es nicht sagen, es wurde über sol­che Dinge auch später nicht mehr gesprochen, ob meine Schwester schon früher hatte dran glauben müssen. Um uns vor dem drohenden Feuertod zu retten, wie meine Schwester wohl meinte, ließ sie sich schon eher mit ihren nunmehr 11 Jahren lieber auf den Tisch legen. Eine Tracht Prügel hätte sie sicherlich vorgezogen, als das was nun mit ihr geschah. Weil der dritte es gar nicht mehr aushalten konnte, musste ich meinen Mund herhal­ten. Hinterher durften wir sogar die bereits eingesam­mel­ten Kohlen mitnehmen. Meine Mutter hätte bestimmt damals schon graue Haare deswegen bekommen, hätte sie es erfahren. Meine Schwester nahm mir des­halb, weil sie sich so etwas dachte, den Schwur ab, lieber davon der Mutter gegenüber nichts zu erwähnen, wie teuer wir diesmal unsere Kohlen eingekauft hatten. Überhaupt nah­men die Vergewaltigungen überhand. Es gingen zwei Beauftragte durch die Straßen und such­ten uns auf. Wir wurden darauf hingewiesen, uns nicht einschüchtern zu lassen, wenn doch, uns soviel als möglich von solchen Unholden zu merken und dann zur Miliz zu kommen. Das sah in der Theorie ganz gut aus, die Praxis aber?

Ich fahre lieber fort die chronologische Reihenfolge meines Lebens aufzuzeigen.

Wir waren die besiegten Deutschen, wir hatten zu gehorchen.

Wieder sollte ein einschneidender Abschnitt für uns beginnen. Nur ganze 24 Stunden ließ man uns Zeit, das Nötigste (wieder einmal) zusammenzupacken und uns bereit zu halten. Ganze Hundertschaften durchkämmten die Trümmer, um nach Deutschen zu suchen, und ihnen davon Mitteilung zu machen, dass wir am nächsten Tag mit Sack und Pack auf der Straße zu stehen hätten. Abmarsch bereit! Was für einen Sinn hätte es ergeben, sich dagegen aufzulehnen oder gar weg zu laufen? Wir waren die besiegten Deutschen, wir hatten zu gehor­chen, wie man vorher ja auch dem Schicklhuber[2] gehorcht hatte und dadurch in diese Lage gekommen war. Wie musste das doch erst die treffen, die an den Endsieg geglaubt hatten? Ich wusste nichts von einem Sieg über andere Rassen, der hätte erkämpft werden sol­len. Ich wusste, dass wir von überall wieder vertrieben wurden, wo wir uns gerade eingelebt hatten. Die kleinen Gruppen auf den Straßen am nächsten Tag wurden zusammen­getrieben. Ja, zusammengetrieben! Aus allen Ecken kamen sie zusammengeströmt. Die unübersehbaren drohenden Gewehre ließen es uns leichter fallen, den Weg zu gehen, den man uns wies. In den Reihen wurde schon gemunkelt, dass die Russen mit uns jetzt das gleiche tun würden, wie der Adolf es mit Juden und Russen getan hätte. Ich wusste nicht, was dieser gewisse Adolf mit diesen Leuten gemacht hatte. Was Juden überhaupt waren, wusste ich schon gar nicht. Die Erwachsenen hätten mich ruhig etwas besser darüber aufklären können, dann hätte ich später nicht soviel darüber nachlesen müssen. Ohne besondere Angst, die die Erwachsenen aber zu haben schienen, trottete ich schicksalsergeben im Strom mit. Auch meine Mutter, auf einem Dorf geboren und groß geworden, schien die Angst der Städter nicht so ernst zu nehmen. Auf dem vorbezeichnetem Güterbahnhof, wo meine Schwester mir noch einen Verschwörerblick zuwarf, stand ein langer, sehr langer – zu langer – Güterzug für uns bereit.

1949 ging es erst weiter.

Ich will ja gar nicht behaupten, dass wir dort wie das liebe Vieh hineingetrieben wurden oder wie Ölsardinen eingepfercht wurden, aber weit entferne ich mich damit nicht von der Wahrheit. Ich will ja auch keinen Roman schreiben. Eine Mischung aus Erlebtem und Wunschdenken. Keiner von uns Betroffenen hatte so einen Wunsch geäußert. Aber danach fragte auch nie­mand. Der Zug ruckte an, und ab ging es wieder einmal ins Ungewisse. Es hatte keiner für nötig gehalten, uns darüber aufzuklären, wohin wir unser Ticket gelöst hatten. Das Ticket hatten wir umsonst bekommen, weil wir Deutsche waren. Einen geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul. Warum der Zug bloß so langsam war? In Insterburg[3] sollten wir es erfah­ren. Entweder die Lokomotive war zu schwach auf der Brust oder der Zug war zu lang. Jeden­falls mussten ein paar Waggons abgekoppelt werden, bevor die Reise weiterging. Wir hatten das Pech im Unglück, am hinteren Ende des Zuges gelandet zu sein. Dabei waren wir doch morgens schon auf der Straße gestanden und hatten lange warten müssen, bis wir in Richtung Bahnhof mar­schierten. Kinder fühlen sich oft als ungerecht behandelt. Ich, wir, hatten nicht lange Zeit darüber nachzudenken, warum es so war, wie es war. Man verbrachte all die, die hatten aussteigen müssen, wieder in ein bestimmtes Stadtgebiet, und hieß uns so gut einzu­richten, wie es eben ginge, es würde bald weitergehen. Wieder krochen wir über Trümmer, um das Nötigste zusammen zu suchen. Das Nötigste wurde immer mehr. 1949 ging es erst weiter.

Ich bekam so viele Fische, wie noch nie!

Für Insterburg kommen nur wenige Erinnerungen auf. Eine riesige Fischfabrik. Die lag aber auf der anderen Seite des für uns erlaubten Bezirkes. Dort hinüber zu kommen war gar nicht so leicht. Erst recht nicht für einen so kleinen Knirps wie mich. Einige Male gelang es mir über eine einigermaßen heile Brücke zu gelangen, indem ich mich so dicht an einen Unifor­mier­ten anschloss, dass es für die Wache aussehen musste, wir gehörten zusam­men. Mit ein paar erbeuteten Fischen zurück zu kommen, war nicht ganz so schwierig. Dieser Trick zog aber nicht lange, ich wurde durchschaut und wieder zurück gewiesen. Dann ließ ich mich zusammen mit Arbeitern über die Memel rudern. So tuend, als würde ich meinen Vater von der Schicht abholen. Das ging auch ganz gut. Bestimmte Arbeiter kannten mich schon recht gut, und warfen mir auch schon Fische zu, ohne dass ich sie darum anbetteln musste. Nicht alle Arbeiter waren so freigiebig. Ich musste mich schon an die Schichten halten, wo ich etwas bekam. Einmal hatte ich doch glattweg die „Fähre“, bestehend aus einem größeren Ruder­boot, verpasst. Einsam und verlassen lag unten am Ufer das Boot. Der Bootsmann machte Pause; auf der anderen Seite des Flusses erwarteten mich wieder ein paar Fische. Eine eingeplante Mahlzeit für die ganze Familie. Schmalhans war bei uns Küchenmeister, was würden die zu Hause für enttäuschte Gesichter machen, käme ich mit leeren Händen nach Hause. Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie, ich konnte und wollte sie nicht ent­täuschen. In meiner Verzweiflung kletterte ich ins Boot. Was die anderen konnten, konnte ich auch. Ich hatte ja genau gesehen, wie es gemacht wurde. Alles sah so leicht und einfach aus. Ruderblätter aufnehmen, ins Wasser tauchen, kräftig drücken, Ruderblätter anheben, etwas zurück schieben und wieder eintauchen. – Schon die Größe des Bootes vertrug sich nicht mit der meinen. Meine Arme waren viel zu kurz geraten, um die Ruder (hoch bekommen hatte ich sie ja schon!) richtig einsetzen zu können. Also gut, dann eben immer nur ein Ruder eintau­chen, rüberrutschen und das gleiche auf der anderen Seite. Hatte ich ja auch schon gesehen, beim Anlegemanöver. Schon beim dritten oder vierten Eintauchen wurden die Biester immer schwerer. Das Boot begann sich zu drehen. Ich verlor eines der Ruder. Es schwamm einfach davon. Am Ufer waren schon einige auf mich aufmerksam geworden. Mit guten Ratschlägen wurde nicht gespart. Ich verstand zwar das Russisch perfekt, doch meine Kraft reichte nicht aus, die Ratschläge in die Tat umzusetzen. Das Boot bewegte sich zwar, sogar ziemlich schnell. Aber flussabwärts. Immer weiter vom Ufer entfernte es sich. Panik erfasste mich. Nicht alleine weil ich das Boot nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, sondern weil sich auch die Fischfabrik immer mehr entfernte. Dann verlor ich auch das zweite Ruder. Ich kannte noch nicht einmal eine Badewanne, wie sollte ich schwimmen können. Unter den vielen Schaulustigen befand sich aber ein beherzter Mann, ein noch relativ junger Soldat. Der hatte seine Uniform abgelegt, und schwamm auf mein Boot zu. Unterwegs erhaschte er eines der Ruder. Er war noch nicht einmal böse auf mich. Er sprach nur beruhigend auf mich ein und konnte ganz geschickt mit dem einen verbliebenen Ruder umgehen. Als ich ihm, während er ruderte, erklärte, weswegen ich dieses Risiko einge­gangen war, ruderte er mich doch tat­sächlich zur Fischfabrik hinüber, wo ebenfalls alles Maul­affen feil hielt. Mein Retter rief ihnen zu, was geschehen sei. Ich bekam so viele Fische, wie noch nie! Da scherten mich auch die bösen Schimpfworte nur wenig, mit denen der Fähr­mann mich am jenseitigen Ufer bedachte. Später zollte er mir sogar so etwas wie Respekt. Bei jeder weiteren Überfahrt erzählte er meine Geschichte jedem, der sich im Boot befand.

                                                                   Die Russen nannten mich nur noch Mischa, und man nahm mich überall mit hin.

Wieder verbrachte ich die meiste Zeit wie in Königsberg, Brot bettelnd und mich in den Markthallen herumtrei­bend. In den Markthallen bekam ich auch oft, augenzwinkernd von den Anbietern, eine kleine Kostprobe auf die Hand, wie es sonst nur interessierten Kunden zustand. Sonnenblumenkerne, Hirse, ein kleines Stück Melone oder anderes Obst. Selbst den Kefir schüttete man mir in die hohle Hand, und ich leckte diese Köstlichkeit ab.

Die Russen nannten mich nur noch Mischa und man nahm mich überall mit hin. Ob die Soldaten nun ihre Pferde ausritten, Manöver durchführten, ich saß meistens mit im Sattel. Ich konnte mich in den Ställen fast frei bewegen. Etwas Hafer fiel dabei auch für mich mit ab. Ich durfte bei allen Stallarbeiten mitmachen, ein Pferd reiten, sofern ich nicht gerade darauf bestand, dass mir jemand beim Satteln half. Diese Kosaken hatten ihren Spaß daran, mich auf ihren ungesat­tel­ten Pferden reiten zu sehen. Wie ich ihre Sprache immer besser erlernte, so lernte ich auch den Umgang mit Pferden und mich auf deren bloßen Rücken und ohne Zaumzeug zu halten. Man betrachtete mich als so etwas Ähnliches wie ihr Maskottchen. Nicht einmal die höch­sten Vorgesetzten vertrieben mich. Nur einmal gingen sie doch etwas zu weit mit meiner Zuge­hö­rigkeit zu ihrer Truppe. Beim Wodka-Saufen und Machorka[4]-Rauchen hielt ich mich dezent zurück. Für solche Sachen war mein Gaumen denn doch zu zart. Aber nicht immer soffen sie Wodka, woher auch? Ich bekam fast immer, wenn ich Durst hatte und wir uns gerade auf dem Kasernengelände befanden, Kwas zu trinken. An einem heißen Sommertag, nach einem lan­gen Ritt, hatten wir alle „Brand“ in der Kehle. Auf der Gemeinschaftsstube wurde auch gleich eine Pulle aus einem Versteck geholt. Diese Pulle begann zu kreisen. Dabei hatte ich doch nur ein Glas Kwas auf einen Zug hinuntergetrunken. Dass es nicht nur Kwas war, bemerkte ich erst, als es bereits in meiner Kehle wie Feuer zu brennen begann. Diese blöden Kosaken! Hatten sie doch fast reinen Sprit gesoffen, in ihrem besoffenen Kopp sich einen Scherz mit mir erlaubt. Mein minimales Körpergewicht und das Ungewohntsein nicht mit berechnend hatten sie mir nur ganz wenig, wie sie sich später entschuldigten, mit unter mein Getränk gemischt. Diese feigen Hunde. Sie hatten mich vor lauter Angst, weil ich einfach weggetreten war, auf einen Heuwagen oben aufgelegt, mich vor unser Trümmerhaus gefahren und mich dort samt einer Fuhre Heu, fast neben dem Eingang abgeladen. Damals schnarchte ich noch nicht so wie heute. Deshalb wunderte meine Mutter sich zwar über den Heuhaufen neben der Kellertüre, kam aber nicht auf die Idee, mich darin zu suchen. Sie lief mit meiner Schwester und ein paar hilfsbereiten Nachbarn die ganze Nacht herum und suchte mich über­all. Aber eben nicht dort, wo ich meinen Rausch ausschlief. Da bewahrheitet sich wieder einmal altes Sprichwort, (wurde aber schon vor meiner Zeit erfunden). Warum in die Ferne schweifen, wo doch das Glück so nah?!

Ich war neun, als mir kaum noch etwas entging, worauf ich zielte.

Von Fisch schwärmten auch meine Kosaken­freunde. Nicht gerade von dem Salzfisch, wie er in der Fischfabrik zu haben war. Frischfisch musste es schon sein. Bei unseren Ausritten, die manchmal Tage dauerten, und auch gebiwakt wurde, schmeckt natürlich nur ein über dem offe­nen Feuer gegrillter Fisch so richtig nach Fisch. Dazu gab es dann auch noch in der heißen Asche in der Schale gebackene Kartoffeln. Hat jemand dagegen etwas einzuwenden? Kennen Sie jemanden, der bei Manöverausritten Angelzeug oder Fischnetze mitnimmt? Ich auch nicht! Eine Handgranate ins Wasser werfen, erfüllt den gleichen Zweck. Meistens reichte schon ein Wurf, um alle satt zu bekommen. Ich gebe ja zu, es war nicht die feine englische Art, aber so dicke hatten es die Soldaten auch nicht mit ihrer Verpflegung. Und wenn mal eine Wildente oder anderes mit dem Karabiner erlegt wurde, so wurden die fehlen­den Patronen eben als Manövermunition abgeschrieben. Die Soldaten mussten doch in Übung bleiben. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Rückstoß erinnern, der mir fast die Schulter wegzureißen schien. Ich war neun, als mir kaum noch etwas entging, worauf ich zielte. Des­halb wohl auch meine guten Schießergebnisse später im Heim. Ich sag’s ja, wen die Russen erst mal in ihr Herz geschlossen haben, der hat fast Narrenfreiheit bei ihnen. Vor allem aber Kinder. Wo sie konnten, halfen sie damit wenigstens meiner Familie nicht zu verhungern. Trotzdem reichte es nicht hinten und nicht vorne.

meine Mutter draußen am Zug hängend

Es wurden Hamsterfahrten bis nach Litauen und Lettland unternommen. Dabei wäre meine Mutter beinahe ums Leben gekommen und ein anderes Mal meine Schwester. Bilder dieser sog. Hamsterfahrtszüge sind mir später noch oft untergekommen. Ich habe auch Kommentare darüber von anderen gehört. Von Menschen, die allerdings solche Fahrten nicht mitgemacht haben. Kein Kommentar zu diesen Kommentaren! Im Zuginneren saßen die Privilegierten und Delegierten und alle (?), die eine Fahrkarte besaßen. Der Rest schwang sich im Anfahren oder in einer langsamen Kurve noch auf den Zug. Die Plätze waren knapp. Knapper als die vielen Hungrigen, die es damals gab. So wurde jeder freie Platz ausgenutzt. Bis auf die Tritt­bretter (daher wohl auch der Ausdruck: Trittbrettfahrer..?) und sogar die Dächer wurden belegt. Hauptsache man kam ans Ziel, und mit etwas im Rucksack auch wieder zurück. Alles was man durch die Kriegs­wirren hindurch hat retten können und einigermaßen von Wert war, tauschte man gegen etwas Essbares ein. Die Bauern warteten ja direkt darauf. Nur wenige ließen sich erweichen, nur so aus christlicher Nächstenliebe etwas heraus zu tun. Z.B. waren Feuerzeuge und Feuerzeug­steine sehr gefragte Artikel. Dann verkaufte man ihnen eben Feu­erzeugsteine, oder aus Patronenhülsen gebastelte Feuerzeuge. Dass die Feuerzeugsteine meist wertlos waren, merkten sie erst zu spät. Zur Probe hatte man natürlich echte, aber ansonsten taten es auch kleingeschnittene Fahrradspeichen. Fahrrad­schläuche und anderes Zubehör fand man schon noch in den Trümmern, wenn man nur auf­merksam genug suchte. Auf solcher Ham­sterfahrt passierte es, dass meine Mutter draußen am Zug hängend beinahe von einem entgegenkom­men­den anderen Zug, an dem eine ebensolche Menschentraube hing, herunter gerissen worden wäre. Ein beherzter schneller Zugriff eines Mitreisenden bewahrte sie noch im letzten Moment davor. Ich sehe noch heute manchmal ihre weit aufgerissenen Augen, die auf mich gerichtet waren, als sie ihr letztes Stündlein glaubte überstanden zu haben. Mit nur einer Hand, und nur noch einem Fuß am Zug hängend, ihren schweren Rucksack auf dem Rücken, hatte selbst der Mann Schwierigkeiten, sie lange festzu­halten. Dann aber griff jeder zu, der in ihrer Reichweite war. Meine Mutter wurde mir so noch für 25 Jahre erhalten. Meine Schwe­ster isst nun schon seit ihrem 12ten Lebensjahr keinerlei Eier mehr. Sie kann noch nicht einmal mehr Schokoladenostereier ohne Misstrauen ansehen. Auf einer der Fahrten durften wir mal wieder bei einem Bauern in der Scheune übernachten. Im Stroh fand meine Schwester ein Ei. Genauer gesagt ein schönes großes Gänseei. Dies finden, aufschlagen und ausschlür­fen war bei dem ständigen Hunger selbstverständlich. Nicht lange danach wand sie sich bereits in Krämpfen, wie ich es später nur noch bei gebärenden Frauen beobachten konnte. Bloß gut, dass es damals noch Menschen gab, die nicht gleich wegen jedem Wehwehchen zum Arzt laufen mussten. Alles was die Natur einem antat, konnte man auch mit der Natur wieder heilen, wusste man. Wir mussten zwar länger als vorgesehen auf dem Bauernhof blei­ben, aber meine Schwester kam durch. Erfreut sich heute noch bester Gesundheit, wenn man von ihrem Blutdruck und ihrem Übergewicht absieht. Aus mir ist ja letztendlich auch ein Pracht­bursche von 172 Zentimetern und 65 Kilo Lebensgewicht geworden, trotz alledem, was ich Ihnen bisher von mir schildern konnte. Alle meine Söhne haben mich schon im Alter von ca. 13 Jahren in der Größe überflügelt. Ich gönne es ihnen; dafür brauchten sie auch keinen Tag in ihrem Leben zu hungern.

Fußnoten

[1] http://www.rp-online.de/kultur/kohlenklau-mit-gottes-segen-aid-1.6494204 fringsen

[2] gemeint ist Schicklgruber https://de.wikipedia.org/wiki/Hitler_(Familie)

[3] politisch korrekt: Tschernjachowsk https://de.wikipedia.org/wiki/Tschernjachowsk

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Machorka

Was gab’s bisher?

Editorische Vorbemerkung – https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/06/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt/

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/06/00-editorische-vorbemerkung.pdf

Kapitel 1, Die Ballade von den beschissenen Verhältnissen – oder – Du sollst wissen, lieber Leser: Andere sind auf noch ganz andere Weise kriminell – und überheblich. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/07/29/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-erstes-kapitel/ https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/07/01-erstes-kapitel.pdf

Kapitel 2, In Dönschten, am Arsch der Welt … ach Monika! https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/08/25/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ii/https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/08/02-ach-monika.pdf

Kapitel 3, Weiter im Kreislauf: Heim, versaut werden, weglaufen, Lage verschlimmern. https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/09/28/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iii/  https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2016/09/03-weiter-im-kreislauf.pdf

Kapitel 4, 17. Juni 53: Denkwürdiger Beginn meiner Heimkarriere  https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/10/24/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-iv/  04-beginn-meiner-heimkarriere-17-juni-53_2

Kapitel 5, von Heim zu Heim https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/11/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-v/     PDF: 05-von-heim-zu-heim

Kapitel 6, Wieder gut im Geschäft mit den Russen https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/12/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vi/   06-wieder-gut-im-geschaft-mit-den-russen

Kapitel 7, Lockender Westen https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/04/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-vii/  PDF 07-lockender-westen

Kapitel 8, Berlin? In Leipzig lief’s besser. https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-viii/   PDF: 08-berlin-in-leipzig-liefs-besser

Kapitel 9, Aber nun wieder zurück nach Berlin https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/17/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-ix/   PDF: 09-aber-nun-wieder-zuruck-nach-berlin

Kapitel 10, Bambule  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/02/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-x/   PDF: 10-bambule

Kapitel 11, Losgelöst von der Erde jauchzte ich innerlich vor Freude  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/06/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xi/   PDF: 11-losgelost-von-der-erde

Kapitel 12, Ihr Lächeln wurde um noch eine Nuance freundlicher. Süßer!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xii/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/12-sc3bcc39fer.pdf

Kapitel 13, Von Auerbachs Keller in den Venusberg  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/19/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiii/   PDF: 13-von-auerbachs-keller-in-den-venusberg

Kapitel 14, Ein halbes Jahr Bewährungsprobe. Wo? Im Heim! https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/21/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xiv/   PDF: ein-halbes-jahr-bewahrungsprobe

Kapitel 15, Spurensuche – und der Beginn in Dönschten  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/02/22/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xv/   PDF: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/02/15-spurensuche.pdf

Kapitel 16, Was also blieb uns übrig, als aufs Ganze zu gehen?  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/07/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvi/    PDF: 16 Was also blieb uns übrig

Kapitel 17, War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?!  https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/                            PDF: 17 War es den Aufwand wert

Kapitel 18, Ich war doch der einzige „Mann“ in der Familie … https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/15/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xviii/  PDF: 18 der einzige „Mann“ in der Familie  PDF:  18 der einzige „Mann“ in der Familie

 

Wie geht es weiter?

Kapitel 19, Überhaupt, in der DDR gab es keine Kriminalität.

Kapitel 20, Wie schnell sich doch die Weltgeschichte ändert!

 

Das ist Pornographie! röhrte unser Klassenlehrer.

Er hatte sich von uns Oberstufenschülern die Blechtrommel[1] ausgeliehen. Ja, wir hatten bei der Lektüre nicht nur rote Ohren bekommen. Es war der erste Roman mit „Stellen“ und wir in der Spätpubertät. Unser Klassenlehrer war zwar, wie er mit krächzender Stimme sagte, „Soldat in zwei Weltkriegen“ gewesen und „dem Tabak versklavt“, doch Oskar Matzerat, der sich auf den Rücken seines Vaters setzt und dadurch den Interruptus verhindert, war dann doch zu starker Tobak für den Lehrer. Er wird in „seinen“ zwei Weltkriegen wohl in jeder Beziehung Schlimmeres gesehen haben, vielleicht sogar beteiligt gewesen sein. Oskar Matzerat, eine Romanfigur, rettet sich angesichts der Umstände in dauerhaftes Kindsein und weigert sich, zu wachsen. Aus dieser Kinderperspektive schildert er die Vorkommnisse der Zeit – es ist derselbe Zeitraum, den unser Klassenlehrer bewusst erlebt hat. Der aber rettete sich in Abwehr.

In der neuen Folge seiner Autobiographie erzählt Dieter Schulz von seinen Kindheitser­leb­nissen, von Krieg, Zerstörung, Mord, Flucht, Vergewaltigung, Notprostitution und Hunger – und das in einer Sprache, die dem Geschehen angemessen ist. Pornographie? Roman? Nein, ein Zeitzeuge; er hat gesehen und erlebt, was Kinder besser nicht sehen und erleben sollten, und er berichtet ungeschminkt und drastisch. Viele Kinder auf der Welt erleben zurzeit Vergleichbares.

War es den Aufwand wert, dieses beschissene Leben vor den Bomben zu retten?![2]

Wir waren davongekommen, aber hatten nicht auch manche Kameraden auf der Flucht gesehen, was sie besser nicht gesehen hätten? Eine Lehrerin klärte uns über den Kleinwuchs eines Kameraden auf: Man hatte ihm als Baby auf der Flucht Alkohol eingeflößt, damit er nicht schrie. Auch die Erzählungen unserer Eltern von den Bombennächten, wie auch die Trümmergrundstücke zeigten den Doppelcharakter Deutschlands.[3] Die Elterngeneration baute Deutschland wieder auf. War überhaupt etwas gewesen? Über den Horror, den Deutschland angerichtet hatte, sprach man lieber nicht.

In dieser wahrlich bleiernen Zeit wuchsen wir auf. Da war die Blechtrommel wie eine Offenbarung, nicht nur in Sexualibus.

Doch was ist das schon gegen die Erlebnisse von Dieter Schulz? Für ihn mündete die „Kind­heit, die keine war“, in Kriminalität. Lehrer in unserer Zeit hielten sich lieber an der Klassik fest und ließen das Türmerlied singen: Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei wie es wolle, Es war doch so schön!

Doch auch das war gelogen, weil aus dem Zusammen­hang gerissen. Der Türmer wird Zeuge, wie Mephisto und seine Gewaltigen Hütte und Kapelle der beiden Alten, Pyramus und Thisbe, niederbrennen. Die hatten als einzige die Götter selbstlos und würdig empfangen.

Fußnoten

[1] Ich habe den Roman seither nicht wieder gelesen und mich jetzt mit dem Wikipedia-Artikel begnügt: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Blechtrommel

[2] Siebzehntes Kapitel, https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/03/09/wenn-der-richter-das-gelesen-haette-dann-haetten-sie-keine-zehn-jahre-gekriegt-xvii/

[3] http://www.lebensraum-linden.de/downloads/datei/OTAwMDAwOTY0Oy07L3Vzci9sb2NhbC9odHRwZC92aHRkb2NzL2xpbmRlbi9saW5kZW4vbWVkaWVuL2Rva3VtZW50ZS8xX2tpbmRlcnNwaWVsZV9pbl9kZXJfcmFtcGVuLnBkZg%3D%3D/1_kinderspiele_in_der_rampen.pdf