Dierk Schaefers Blog

Weihnachtslieder in einem Land „religiöser Ahnungslosigkeit“

Posted in Christentum, Deutschland, Geschichte, Kirche, Kultur, Leben, Medien, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 20. Dezember 2017

„Das Christentum ist weitgehend zur Folklore verkümmert. Nur noch eine Minderheit der deutschen und westeuro­pä­ischen Christen weiß, warum Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten gefeiert werden und was der Advent – außer dem Adventskranz – bedeutet. Es herrscht religiöse Ahnungslo­sig­keit“schreibt Michael Wolffsohn, deutsch-israelischer Historiker und Publizist am 5. Dezember.[1]

Meine Aufmerksamkeit war geschärft durch die häufige Erwähnung unserer großen Distanz zur noch mittelalterlichen Vorstellungswelt Luthers. Den hatte die Frage nach dem gnädigen Gott umgetrieben, wie es beim diesjährigen Reformationsgedenken ganz richtig herausgestellt wurde. Doch ohne die Furcht vorm Fegefeuer und dem Jüngsten Gericht verliert die Frage ihre Brisanz und ein Gott wird nicht mehr geglaubt, der wie ein deus ex machina, als Akteur ins Weltgeschehen wun­der­haft eingreift. »Vor der Moderne beziehungsweise Säkularisierung fragten die vom Leid betroffenen Menschen: „Weshalb hat Gott das zugelassen?“ Seit der Säkulari­sie­rung fragen sie: „Wo war, wo ist Gott?“, und „wissen“ sogleich die Antwort: „Es gibt ihn nicht“, oder „Gott ist tot“.«[2]

Doch in den Weihnachtsliedern ist dieser Gott präsent. Lassen wir mal den kitschigen Teil beiseite, wo das „Christkindlein“ brav-reflexhaft[3] auf den Klang der Glocken reagiert: “tut sich vom Himmel dann schwingen eilig hernieder zur Erd’“. Nein, ich denke an die dogma­tisch korrekten Lieder. Wer außer den Theologen versteht denn noch, was da gesungen bzw. in den Kaufhäusern abgedudelt wird? „Welt war verloren, Christ ward geboren“. Und dann die ganze Herrschaftsmetaphorik: „Der Herr der Herrlichkeit“, „O, lasset uns anbeten, den Kööööönig“. Ist da vom Gott-König Bhumibol die Rede? „Er ging aus der Kammer sein“; ein Kammerherr? in seiner Präexistenz? Nein, aus „dem königlichen Saal so rein“ – „uns allen zu Frommen“, was ist denn das nun wieder? Das Schiff, das da „geladen“kommt, erklärt immer­hin, was da geladen ist, doch dann soll man „sterben und geistlich auferstehn“, was heißt denn das? „O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei“; äh? „Dein Zion streut dir Pal­men und grüne Zweige hin“, da muss man ja Gedankensprünge machen, selbst wenn man bei Matthäus 21,8 nachgeschlagen hat. „Tochter Zion“; ja, das singt man so, doch wer ist diese Tochter? Die Jungfrau, die „durch den Dornwald“ ging? Lauter Fragen. „Von Jesse kam die Art“; Jesses, ich versteh’s nicht; ist das Jesus? „Ich lag in tiefster Todesnacht“, na ja, so stressig ist Weihnachten dann doch nicht. „Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen“, soll’n sie ruhig. Das Bild vom „Vater im Himmel“ wird ja immer­hin kompensiert durch die „Gottesgebärerin“, doch welche Rollenaufteilung?! Was sagt Frau Schwarzer dazu?

Warum singen die Leute Texte, die sie nicht verstehen, die nach ihrer Logik „Un-Sinn“ sind? Hat es zu tun mit den kitschigen Engeln? Sie sind „hereingetreten, kein Auge hat sie kommen sehn, sie gehn zum Weihnachstisch und beten, und wenden wieder sich und gehn“. Da werden Kindheitserinnerungen wachgerufen, Baum und Gabentisch bekommen göttliche Weihe – dann gehen die Engel wieder und wir können endlich die Geschenke auspacken. Aber „Gottes Segen bleibt zurück“.

posaunenengel.jpgDa wurde Gott Mensch – wurde ein Mensch Gott. Wen inter­essiert das noch außer den Theologen und einigen „religiös-Musikali­schen“?

Bleibt nur die Hoffnung auf den Heiligen Geist, den Geist, der unab­hängig von wandelbaren Geschichten und Gottesbildern, uns den Frieden nicht aus den Augen verlieren lässt.

 

Fußnoten

[1] Michael Wolffsohn, Im Land herrscht „religiöse Ahnungslosigkeit“, http://www.schwaebische.de/politik/inland_artikel,-Im-Land-herrscht-%E2%80%9Ereligioese-Ahnungslosigkeit%E2%80%9C-_arid,10780096.html
[2] s. Wolffsohn.
[3] gleich einem Pawlow’schen Hund
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Da hat noch jemand Weihnachten kapiert

Posted in Gesellschaft, Politik, Religion by dierkschaefer on 17. Dezember 2014

Jesus stört den Rummel. Das Krippenspiel wird verboten, es hat peinlicherweise eine politische Komponente, weil die Geburt Jesu schon immer eine Asylgeschichte war. Das ist der Sprengstoff in der Geschichte. Davor müssen die nichtsahnenden, Glühwein trinkenden Weihnachtsmarktbesucher geschützt werden.

Muss vielleicht die Stadt selber geschützt werden? Wenn das Krippenspiel eine Proasylbotschaft hat[1], könnten irgendwelche Hooligans eine WOGIDA, eine Wormser Initiative gegen alle Fremdbedrohung des Abendlandes bilden. Dann doch lieber eine oft verkannte Kernbotschaft des ach so christlichen Abendlandes verbieten.

 

Worms, die Stadt mit dem Dom im Logo also, die wörtlich aber lieber als Nibelungenstadt firmiert[2], hat ein Krippenspiel auf dem Weihnachtsmarkt verboten und das Landgericht Mainz bestätigt das Verbot. Dabei hat die Stadt doch so ein schönes Adventsprogramm auf ihrer offiziellen Webseite stehen.[3]

 

»Das Ganze liest sich wie eine Kabarettnummer – wenn es denn bloß ironisch gemeint wäre: Ein Krippenspiel vor einer Krippe auf dem Weihnachtsmarkt könne bei dessen Besuchern „zu Irritationen führen“. Mit dieser Begründung hat die Stadt Worms einer Initiativgruppe von ChristInnen und Anti-Rechtsextremismus-Aktivisten um den evangelischen Pfarrer Fritz Delp die Aufführung eines Krippenspiels verboten, mit dem sie auch und vor allem auf die aktuelle Situation von Flüchtlingen hinweisen wollten.«[4]

 

Ganz offensichtlich wurde das Stadtoberhaupt von einer falschen Muse geküßt[5] oder war es der giftige Hauch des Drachen Fafnir[6]? Fafnir gibt es auch in Mainz,[7] keine drei Kilometer vom Landgericht entfernt.

[1] http://www.proasyl.de/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Worms#mediaviewer/File:Nibelungenstadt_Worms_Logo.svg

[3] http://www.worms.de/de/aktuelles/_meldungen-startseite/worms-im-advent.php

[4] http://aktuell.evangelisch.de/artikel/111847/krippenspiel-auf-weihnachtsmarkt-worms-durch-landgericht-mainz-verboten

[5] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3356456112/in/set-72157615322672846

[6] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3355643929/in/set-72157615322672846 https://de.wikipedia.org/wiki/Fafnir

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Fafnir#mediaviewer/File:Kaiserbruecke_Mainz_Drache.jpg

Noch schlägt der WEIHNACHTSmarkt den WINTERmarkt

Posted in Politik, Religion by dierkschaefer on 8. Dezember 2014

„WEIHNACHTSMARKT Ungefähr        29.900.000 Ergebnisse (0,26 Sekunden)“

„WINTERMARKT: Ungefähr                        438.000 Ergebnisse (0,43 Sekunden)“[1].

 

Doch es gibt ungeheuer fortschrittliche Städte in Deutschland. Die verbieten öffentliche Weihnachtsmärkte, für ein Fest zum Ramada haben sie auch nichts übrig.

Deutschland soll frei werden, religionsfrei und damit auch brauchtumsfrei, soweit das Brauchtum an Religion erinnern könnte.

»Die Grundlage für die Debatte in Berlin ist folgender Satz: „Das Bezirksamt Kreuzberg verständigt sich darauf, dass grundsätzlich keine Genehmigungen für Veranstaltungen von Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum erteilt werden.“ So steht es laut „Bild“ in einem Sitzungsprotokoll des Bezirksparlaments vom vergangenen Jahr. Damit ist ein Weihnachtsmarkt unerwünscht, ein Ramadanfest aber ebenso.«[2]

Öffentliche Weihnachtsmärkte werden zwar in der Regel nicht von Religionsgemeinschaften organisiert. Die machen einen Weihnachtsbazar in den eigenen Räumen.

Doch was soll’s? In Zukunft werden auf den Wintermärkten weder der Nikolaus noch der Weihnachtsmann mit kleinen Gaben die Kinder für das Christentum ködern können. Dafür tritt – nein, nicht der Wintermann – dafür tritt Väterchen Frost[3] in Aktion, (vielleicht aber auch der Coco-Cola-„Zänta“[4]), begleitet von der legendären geflügelten Jahresendfigur.[5] Doch die »normalen Leute nannten das Weihnachtsengel und nicht anders«.[6]

Die normalen Leute werden also auch weiterhin, egal wie er heißt, auf den Weihnachtsmarkt gehen, Glühwein trinken und sich alles anschauen, was zumeist mit Christi Geburt nichts zu tun hat. Dazwischen werden auch Schnitzereien aus dem Erzgebirge stehen; einige erinnerten auch in religionsfeindlichen DDR-Zeiten an das Weihnachtsgeschehen.

Doch vielleicht kommt doch noch einer der überdrehten politisch Korrekten auf die Idee, die Weihnachtsbe … nein, die Winterfestbeleuchtung auszuschalten. Denn vom Licht, das in der Finsternis leuchtet[7], lesen wir im Johannesevangelium. Gehört alles ausgemerzt, radikal.

[1] jedenfalls nach Google, Montag, 8. Dezember 2014

[2] http://www.merkur-online.de/aktuelles/welt/winterfest-statt-weihnachtsmarkt-4502410.html s. auch http://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/weihnachtsmarkt-soll-wintermarkt-heissen

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A4terchen_Frost

[4] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/15349006743/

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Jahresendfl%C3%BCgelfigur

[6] https://www.freitag.de/autoren/constantin-rhon/gefluegelte-jahresendzeitfiguren

[7] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4218081595/