Dierk Schaefers Blog

Das Thema Pflichtzölibat könnte einen kalt lassen, wenn er nicht …

Posted in Kirche, Menschenrechte, Religion, Weltanschauung by dierkschaefer on 18. März 2015

… wenn er nicht auch kriminogen wäre.

Ich hatte hier im Blog auf einen Film hingewiesen[1].

Dazu bekam ich Kommentare, doch ein Aspekt wurde nicht beachtet. Er sei hier angesprochen.

Im genannten Film[2] wird deutlich auch die seelische Not derer beschrieben, denen ein intimer Partner verwehrt ist, und dabei geht es nicht ausschließlich um Sex, vielleicht nicht einmal in der Hauptsache.

Es geht mir nicht darum, Mitleid mit den Tätern zu wecken; von Opfern kann man das am wenigsten erwarten. Aber wenn wir die Psychodynamik der Täter nicht verstehen, was nicht auf Verständnis hinauslaufen soll, dann bleiben wir hilflos dem Aufkommen neuer Täter ausgesetzt.

Zölibat – das Thema könnte einen kalt lassen, aber nur wenn uns die Opfer egal sind. Allerdings sind auch die Täter Opfer, sie sind Opfer eines Systems geworden sind, aus dem sie sich kaum lösen können.

Die katholische Kirche betont immer wieder beharrlich, der Zölibat spiele bei Missbrauch keine Rolle. Schließlich gebe es auch Missbrauch durch nicht-zölibatär lebende Menschen. Die Feststellung stimmt, doch sie ist unzureichend. Es gibt, und im Film wird das von einem Fachmann[3] eindrücklich dargelegt, auch den zölibatsbedingten Missbrauch.[4] Ich frage mich, warum die katholische Kirche dermaßen ängstlich an der Zwangsehe von Zölibat und Priesteramt festhält. Schließlich ist der Zölibat in der Entwicklung der Kirchen zwar recht früh, aber erst nach und nach verpflichtend geworden.[5] Petrus hatte eine Schwiegermutter.

Oder ist der Neid der alten Männer der tiefere Grund für das starre Festhalten am Pflichtzölibat für die jungen Priesterkandidaten?[6]

Der Zölibat ist auch vor harmlosen Anzüglichkeiten nicht geschützt. In meiner Schulzeit war ich für ein Marktforschungsinstitut tätig. Ich hatte für die Befragung die Adresse einer Frau in einem Dorf in der Hildesheimer Gegend bekommen. Das Dorf war unübersichtlich und ich fragte in der Kneipe nach. „Ach, die Frau Pfarrer!“ hieß es, man schmunzelte und beschrieb mir den Weg. Es war seine Haushälterin.

In einer schwäbischen Kleinstadt, so erzählte man mir, legte die kirchliche Jugendgruppe in der Nacht zum 1. Mai eine Sägemehlspur vom Haus des Vikars zu dem seiner Freundin.

Die Idee, einen zölibatsfreien Nachmittag pro Woche einzuführen, wäre nicht zielführend, könnte die alten Männer der Kirche aber vielleicht doch an die Wirklichkeit heranführen. Sie sind allerdings so alt, dass sie selber nichts mehr davon hätten.

Ich erinnere mich, dass ich in der ersten Stunde in den neuen Klassen der Polizeischüler auch regelmäßig gefragt wurde, was ich, als evangelischer Pfarrer, zum Zölibat sage. Die meisten waren gut ländlich-katholisch und im vollen Saft ihrer jungen Jahre. Sie konnten nicht verstehen, dass es Leute gibt, die freiwillig im Zölibat leben und dabei glücklich sind.[7]

Es geht, wie gesagt, nur um den Pflichtzölibat, aus dem niemand menschenwürdig aussteigen kann. Von den Zölibatspartnerinnen war hier noch gar keine Rede.

Was das menschliche Leid einiger Zölibatäre betrifft, auch das Leid von eventuellen Partnerinnen, so könnte einen der Pflichtzölibat kalt lassen, das sind erwachsene Menschen. Doch schon bei den „Priesterkindern“[8] hört mein Verständnis auf. Erst recht allerdings bei den kriminogenen Auswirkungen auf einige der Zölibatäre. Angesichts der Opferschicksale gehört der Pflichtzölibat gesetzlich verboten.

Ich weiß: Gut gebrüllt, aber ohne Erfolg. Unsere Bundeskanzlerin hat mit keiner Silbe öffentlich das Leid von jüdischen und muslimischen Jungen bei der Beschneidung bedacht. Sie wird sich mit den alten Männern der katholischen Kirche noch weniger anlegen wollen als mit den Vertretern des Judentums.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/03/17/schwarze-padagogik-demutigung-gewalt-und-missbrauch/

[2] http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/ndr/Missbrauch-Kirche-das-Schweigen-der-Maenner-100.html Dazu auch: https://www.ndr.de/der_ndr/presse/mitteilungen/Mehr-paedophile-Kleriker-in-katholischer-Kirche-als-bisher-angenommen,pressemeldungndr15556.html

[3] Dr. Christoph J. Ahlers, Klinischer Sexualpsychologe, im Film u.a. ab 27:30, er wird auch vorgestellt in http://swrmediathek.de/player.htm?show=e06fa620-13d6-11e4-9668-0026b975f2e6

[4] Missbrauch hat auch andere Psychodynamiken im Hintergrund, beispielsweise das Machtmotiv. Doch hier geht es um zölibatsbedingten Missbrauch.

[5] Im Jahre 1022 ordnete Papst Benedikt VIII. auf der Synode von Pavia gemeinsam mit Kaiser Heinrich II. an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten durften. Verstöße gegen den Zölibat wurden mit Kirchenstrafen belegt, und bereits verheirateten Geistlichen sollten Amt und Besitz entzogen werden. Als Begründung spielte vor allem die kultische Reinheit eine Rolle, da es für Priester üblich wurde, die Heilige Messe täglich zu zelebrieren. https://de.wikipedia.org/wiki/Z%C3%B6libat

[6] Doch hier spielen noch ganz andere Psychodynamiken eine Rolle, die eines ganzen Kollektivs, wie das in Tendenzvereinen leicht vorkommt.

[7] Ich kenne nicht nur einen evangelischen Kollegen, der mit seinem zölibatären Leben rundum zufrieden ist.

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Priesterkind#R.C3.B6misch-katholische_Kirche